DER METZGER wird 100: Lopezzo und Schnack

Die Ausgabe Nr. 100 des satirischen Magazins DER METZGER (Mai 2012) enthält den Beitrag „‚Über sowas könnte ich mich kaputtlachen.‘ 33 1/3 Fragen an den METZGER-Herausgeber Helmut Loeven, ersonnen von A.S.H. Pelikan und Heinrich Hafenstaedter“. Aus dem stundenlangen Gespräch hier ein Auszug:

H.L. (links) und Pelikan. Foto: Hafenstaedter

H.L. (links) und Pelikan. Foto: Hafenstaedter

Pelikan: Wie ist denn der Inhalt dieser Zeitschrift? Wie würdest du den METZGER beschreiben.

Das ist ein Unterhaltungsmagazin. Ich möchte tatsächlich den Leuten etwas bieten, worüber sie sich freuen können, dann können sie am Wochenende, am Samstag Nachmittag bei einer Tasse Kaffee in einem bequemen Sessel sitzen und sich an der Lektüre erfreuen.
Man hat Bertolt Brecht mal gefragt: Was ist die Aufgabe des Theaters. Brecht sagte: Die Aufgabe des Theaters ist, das Publikum zu unterhalten.
Diese Zeitschrift ist – kann man wohl sagen – ein Zeugnis der hedonistischen Linken – erinnernd an das Motto von Majakowski: „Her mit dem richtigen Leben“!
Wer bei dieser Zeitschrift Einflüsse erkennt von der Kritischen Theorie, von Surrealismus, von Dada, oder von den Internationalen Situationisten, der wäre auf der richtigen Spur. Eine Linie gibt es bestimmt, bloß die ist nicht unbedingt gerade. Eine Linie kann ja auch kurvig sein. Das ist eher so wie in einem Dschungel, wo man immer wieder neue Pfade freilegt.
Der ideelle Gesamt-Metzgerleser, dessen Existenzform ist die Minderheit, oder sogar die Minderheit in der Minderheit.
DER METZGER ist zu Papier gebrachtes Kabarett. Dessen Ausdrucksformen sind ja auch vielfältig, was ja das Reizvolle am Kabarett ist.
Ein Charakteristikum dieser Zeitschrift ist die Universalität. Es geht ums Ganze. Es gibt kein Thema, kein Gebiet, was von vornherein ausgeschlossen ist. Es könnte auch ein Artikel über Geologie und Gesteinsformationen oder über Astrophysik drin erscheinen. Kein Thema ist von vornherein ausgeschlossen. Da ist Platz für Theorie und Poesie, für Wissenschaft und Nonsens.
Ein weiteres Charakteristikum ist die absolute Subjektivität. Ich bin der Autokrat in diesem Unternehmen. Das ist völlig undemokratisch, was da vonstatten geht. Das Lächeln der Mona Lisa ist ja auch nicht durch demokratischen Mehrheitsbeschluß zustandegekommen. Ich erinnere an Karl Kraus, der über seine Zeitschrift Die Fackel – um Himmelswillen, man kann sie nicht auf eine Stufe stellen – mal gesagt hat: Ich mache meine Zeitschrift für mich selbst, die Leser sind eine unvermeidliche Begleiterscheinung. Das klingt sehr elitär, ist aber in sich doch logisch. Der Künstler muß so handeln. Der muß eine gewisse Authentizität herstellen. Das kann er nur, indem er sich darum bemüht, selber mit seinem Werk zufrieden zu sein, mögen die anderen daran Anstoß nehmen oder mögen sie es als ein Angebot sehen, das sie entweder annehmen können oder nicht.
Die Mitarbeiter genießen dagegen völlige Freiheit. Nur der Autokrat kann so viel Freiheit gewähren. Ein Chefredakteur könnte das nicht, der Inserenten, Verleger und werweißwas im Nacken hat.
Es wurde schon öfter festgestellt, daß es ja einen geradezu magischen Zusammenhang zwischen diesem Blatt und dem Jahr seiner Gründung gibt – „erscheint seit 1968“. Da setzen sich dann diese Assoziationen frei. Da sind ja mehrere Begriffe, die dabei eine Rolle spielen, wie zum Beispiel Rebellion, Revolte, Emanzipation, Experiment, Selbstverwirklichung. Alles richtig. Ist bei jedem in verschiedener Zusammensetzung vorhanden. Es gibt einen Begriff, wo ich sagen würde: das ist für mich der entscheidende, nämlich: Verweigerung. „Die Große Verweigerung“ finde ich eine phantastische Sache. Das ist eigentlich der Hauptimpuls. Ein Organ der Verweigerung.

[…]
Pelikan: 1. Januar 1968. Du hast ohne Neujahrsvorsatz beschlossen, daß du Schriftsteller werden möchtest. Aber du wirst doch nicht 17 Jahre vorher gar keine Idee dieser Art gehabt haben.

Ja, ich habe immer gedacht, das könnte man, ich könnte ja auch Kinobesitzer werden oder „Journalist“. Ein Glück, daß ich das nicht gemacht hab! Dafür bin ich nicht der richtige Typ. Schriftsteller war eine von mehreren Optionen. Und da hab ich gesagt: So, jetzt hab ich mich entschieden, das mach ich jetzt. Ich hab schon als Kind mich für Bücher interessiert, und zwar: Wie werden die eigentlich zusammengehalten? Was ist überhaupt ein Buch? Wie entsteht das? Das fällt doch nicht vom Himmel. Jemand hat sich das ja ausgedacht, da sind ja Menschen, die sowas herstellen. Und dann gab es auch noch sowas Interessantes, wir hatten zu Hause, als Kind hab ich das gesehen, eine Lesemappe. Das gibt es glaub ich heute auch noch in Arztpraxen oder Friseurläden, wo da Illustrierte rumliegen in Pappumschläge eingeheftet. Sowas hatten wir auch zu Hause, da konnte man sich die sechs Wochen alten Illustrierten mieten für ‘ne Mark, und dann mußte man sie wieder zurückgeben. Das war immer sehr interessant. Ich hab gesagt: Das möchte ich auch mal: Papier füllen.
Ich ging noch nicht zum Gymnasium, ich war noch auf der Volksschule, und da hab ich schon überlegt, ich werde irgendwann mal einen Roman schreiben, und zwar hatte ich mir zwei Personen in dem Roman, zwei Figuren schon ausgedacht, und zwar zwei Männer mit den Namen Lopezzo und Schnack. Ich hatte noch keine Handlung, noch gar nichts, ich hatte nur zwei Personen namens Lopezzo und Schnack. Ich wußte nicht – also zwielichtig auf jeden Fall. Aber sind das jetzt zwei Detektive, oder sind das zwei Ganoven? Wußte ich nicht. Ich wußte nur: der eine heißt Lopezzo, und der andere heißt Schnack. Vielleicht müßte ich tatsächlich mal einen Roman schreiben, wo Lopezzo und Schnack vorkommen, aber ich glaub das muß ich nicht mehr, denn ich habe das jetzt ausgesprochen, es wird aufgezeichnet, es wird transkribiert werden, es wird gedruckt, und dann sind Lopezzo und Schnack ins literarische Leben aufgenommen, der Fall ist erledigt. Sie sind jetzt zu literarischen Figuren geworden, bzw. werden es dann, sobald das, was ich jetzt hier spreche, gelesen sein wird, von irgendjemand. Dann ist der Fall erledigt.

Das ganze Gespräch ist auf Papier nachzulesen in DER METZGER Nr. 100.
Ein Abonnement von DER METZGER kostet 30 Euro für die nächsten 10 Ausgaben oder 50 Euro für alle zukünftigen Ausgaben.
Die Ausgaben ab Nr. 18 (1972) sind noch einzeln oder im Sammelpaket erhältlich. Die Ausgaben Nr. 1-17 (1968-1972) sind vergriffen.

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