Vollversammlung

Von den „Vollversammlungen“ im Eschhaus sind mir drei besonders in Erinnerung geblieben.
Ich nehme an, daß man das nicht nur im Eschhaus erlebt hat: Eine Vollversammlung (anderswo auch Plenum genannt) ist der Ort des Streites zwischen denen, die etwas tun mit denen, die reden. Unentwegt werden Fragen, die längst beantwortet sind, noch einmal gestellt, und Problemlösungen über den Haufen geworfen. In einer Vollversammlung kehrt man stets zum Nullpunkt zurück. „Basisdemokratie“ wird folglich nur von Leuten geschätzt, die sie noch nie am eigenen Leibe zu spüren bekommen haben, oder von Leuten, die zu nichts anderem fähig sind als beantwortete Fragen noch einmal zu stellen und Lösungen über den Haufen zu werfen.
Bei einer der drei Vollversammlungen im Eschhaus, die ich meine, war eine Pause eingelegt worden. Man konnte sich was zu trinken holen. Die Pause war zu Ende, also ging ich zur Theke und sprach ins Mikrophon: „Achtung! Die Pause ist zu Ende! Die Vollversammlung geht jetzt weiter.“
An der Theke stand einer, Mitte zwanzig, biertrinkend, in grüngrauer Parka, dicklich, strähnige Haare, Sauerkraut im Gesicht (Bart), einer von denen, die damals den MSB Spartakus bevölkerten. Der war empört! Ob ich denn noch gescheit wäre, so etwas ins Mikrophon zu sprechen? Das wäre doch völlig unmöglich sowas, das könne man doch so nicht machen, ich hätte sie wohl nicht mehr alle auf der Latte.
Ich dachte darüber nach (so viel basisdemokratisches Vorurteil steckte damals noch in mir drin), was ich denn eigentlich falsch gemacht hatte. Der fassungslos Empörte kam dann auch in die Versammlung, weil er meinte, da mal „Klarheit zu schaffen“ zu müssen.
Der war vorher noch nie im Eschhaus gewesen, hatte weder aus praktischer Kenntnis noch vom Hörensagen irgendeine Ahnung, worum es ging, riß aber das Wort an sich, um – nein, nicht zu erklären, was man machen müßte, sondern, wie man es auf keinen Fall machen darf. Wenn man das so macht wie der da (zeigte auf mich) und so einen haarsträubenden Unsinn ins Mikrophon spricht, dann kann das ja nichts werden (das wiederholte er unentwegt).
Ich habe Eschhaus-Vollversammlungen eher gemieden, weil mir klar war, daß, wenn überhaupt Beschlüsse gefaßt wurden, diese erstens undurchführbar waren und zweitens sowieso nicht durchgeführt wurden. Einmal aber geriet ich doch mal wieder in eine Vollversammlung hinein, die ich der Kategorie Massenpsychose zuordnen möchte. Jeder erzählte voller Verzweiflung, was ihn bedrückte, ohne sich verständlich machen zu können. Jeder erzählte, mit dem Leben nicht zurecht zu kommen, ohne erklären zu können, warum.
Einer (der später bei den Grünen eine große Nummer wurde) sagte den Tatsachen vollkommen widersprechend: „Hier redet jeder nur über andere. Keiner redet über sich.“ Da ergriff ich dann doch das Wort und sagte: „Jetzt hast du aber auch über andere und nicht über dich geredet.“
In der letzten Vollversammlung, bei der ich anwesend war, ging es darum, daß die Stadtverwaltung kein Heizöl liefern wollte. Alle Redner lösten sich damit ab, ihre Wut über die Stadtverwaltung im besonderen und über die Institutionen im allgemeinen abzulassen. Tenor jedes Beitrags: „Ich bin noch verdrossener als ihr alle zusammen.“
Ich meldete mich zu Wort: „Der Winter steht bevor, in den Tanks ist kaum noch Öl, und es kommt kein neues. In diesem vollbesetzten Raum ist es unerträglich heiß, alle Fenster sind aufgerissen, und die Heizung läuft auf vollen Touren. Sollen wir nicht die Heizung abstellen, um Öl zu sparen?“
Daraufhin waren sich alle einig, daß ich die Schnauze halten soll.

aus DER METZGER 97 (2011)

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