Allgemeine Witzkunde (2)

Was ist eigentlich das Komische an einem Witz?
Zweiter Teil: „Binnijet“ oder Warum könnte ein Mensch sich wünschen, in der Mitte zu gehen?

In mißlicher Lage und gewitzt genug, sich daraus zu winden, sind immer wieder die Protagonisten jüdischer Witze, wie etwa der, der zum Militär einberufen werden soll und vor dem Musterungsarzt steht:
Der Musterungsarzt will das Sehvermögen testen und zeigt auf die Tafel an der Wand: „Lesen Sie mir mal die Buchstaben in der ersten Reihe vor.“
„Es tut mir leid, ich kann keine Buchstaben erkennen.“
„Was? Die großen Buchstaben auf der Tafel können Sie nicht erkennen?“
„Es tut mir leid, ich sehe keine Tafel.“
„Was sie sehen noch nicht einmal die Tafel? Sie sind ja fast blind! Untauglich!“
Am selben Abend geht der Mann ins Kino, sucht seinen Platz in der dritten Reihe und trifft dort ausgerechnet auf den Musterungsarzt. Was nun? Er fragt den Musterungsarzt: „Ach entschuldigen Sie bitte, gnädige Frau, ist das der Bus bis Tel Aviv?“
Netter Witz, nicht wahr? Aber auch nicht gerade umwerfend. Die Pointe braucht eine Verstärkung, und die erhält sie dadurch, daß nicht nach dem Bus nach Tel Aviv, sondern bis Tel Aviv gefragt wird. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, daß kein anderer Ort als Tel Aviv dem Witz die Würze geben könnte. Da dürfen wir auch getrost das Postulat, das die Gelehrten verkündeten, außer acht lassen, nämlich, daß jüdische Witze sich nie in Israel zutragen, sondern in der Diaspora.
Der folgende Witz, der eine Ahnung davon vermittelt, daß der jiddischen Sprache ein Element des Widerstands von unten innewohnt, spielt notwendig im deutschen Sprachraum, mußte aber nach Polen verlegt werden, um den Umstand auszunutzen, daß die Währung in Polen „Zloty“ heißt. Ein Geld „Zloty“ zu nennen ist komisch. Das hört sich an wie „Bluntschli“.
Ein Generaldirektor läßt sich von seinem Chauffeur in seiner Limousine die Landstraße entlang chauffieren. Plötzlich bleibt der Wagen stehen. Motorschaden. Der Chauffeur läuft in die nächste Ortschaft und findet dort einen jüdischen Automechaniker. Der kommt, klappt die Motorhaube auf und schaut sich einen Moment lang den Motor an. Dann zieht er ein winziges Hämmerchen aus der Tasche und klopft damit ganz leicht gegen den Motor. Der Motor springt sofort wieder an.
„Das macht 50 Zloty.“
„Was? 50 Zloty?“ ruft der Generaldirektor. „Das müssen Sie mir aufschreiben.“
Der Monteur zieht einen Block und einen Bleistiftstummel aus der Tasche und schreibt auf:
„Gegeben e Klopp: 1 Zloty.
Gewußt wo: 49 Zloty.“
In der jiddischen Sprache werden die (Neben-)Sätze zuweilen anders konstruiert. Statt „Wenn die Sonne scheint, dann…“ heißt es „Scheint die Sonne, dann…“. „Ich will“ heißt auf jiddisch „Will ach“. Das klingt wie Villach in Kärnten, Österreich.
Ein jüdischer Herr tritt an den Fahrkartenschalter und sagt:
„Will ach Posen.“
Der Schalterbeamte versteht nicht und fragt: „Villach oder Posen.“
Antwort:
„Will ach Villach, will ach Villach. Will ach Posen, will ach Posen. Will ach Posen.“
Der Vorteil dieses Witzes besteht darin, daß nicht nur der Schalterbeamte nix versteht, sondern auch der, dem man den Witz erzählt.
Eine weitere Kategorie ist – als problematisch oft empfunden – der „Irrenwitz“, der in den frühen 60er Jahren auftauchte und bald wieder verschwand. In den besseren Exemplaren seiner Art lehnt er sich gegen die elementare Logik auf, doch zumeist dreht er eine Situation so, daß sich der Psychiater oder der General de Gaulle als der eigentlich Verrückte erweist. Der Gedanke, daß eigentlich nur der „Verrückte“, der Spleenige, der Außenseiter eine Hoffnung für die Welt verkörpern könnte, kommt im Irrenwitz allerdings kaum zum Tragen. Die Irrenwitze enthalten wenig subversive Kraft und sind zurecht aus der Mode gekommen.
Zwei Verrückte gehen die Straße entlang. Sie gehen nebeneinander. Nach 20 Minuten sagt der eine:
„So, jetz binnijet aber leid. Jetz will ich au‘ ma inne Mitte geh’n.“
Daß, wenn zwei nebeneinandergehende Personen ihre Positionen tauschen, jeder wieder in die Randlage, niemals aber in die Mitte gerät, beziehungsweise daß die Mitte zwischen zwei nebeneinandergehenden Personen die Lücke zwischen den beiden ist, durch den Tausch der Positionen von keinem der beiden ausgefüllt werden kann, ist schon alles, was die Pointe enthält. Allenfalls dem Zeigefinger bietet die Geschichte noch etwas, nämlich eine „Moral“: daß der Andere das, was man ihm neidet, selber nicht hat.
Als mir dieser Witz im Jahre 1968 erzählt wurde, habe ich wie üblich einen Moment zu früh gelacht. Ich fand es lustig, wie die Wortfolge „bin ich es“ zu einem schlanken „binnejet“ zusammenfloß. Daß es aber überhaupt jemanden so sehr danach drängt, unbedingt „in der Mitte“ gehen zu wollen, ist mir bis heute ein Rätsel geblieben.

P.S.: Wetten, daß jetzt irgendein sich für einen Revolutionswächter haltender Aufpasser aufgrund dieses Notats mich als Zionist, als „antideutschen“ Israel-Sympathisanten „entlarvt“ und daß Heerscharen von Weitererzählern ungeprüft und ohne Kenntnis der Primärquelle, aus der dieser Vorwurf geschöpft wird, diesen weitererzählen werden? Das kennt man.
Die Aufpasser beider Richtungen können jedoch gleichermaßen be(un)ruhigt sein. Addiert man zusammen, was die, die noch nie eine Zeile von mir gelesen haben, über mich wissen, dann ist längst erwiesen, daß ich ein zionistischer Antisemit und ein antisemitischer Zionist bin.

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