Warum mit mir nicht zu rechnen ist, wenn zu den Waffen gerufen wird

Bei der Lesung am 17. Dezember in der Spinatwachtel habe ich diesen Text vorgelesen:
SpinatDez13-3a

„Statt zu klagen, daß wir nicht alles haben, was wir wollen, sollten wir lieber dafür dankbar sein, daß wir nicht alles bekommen, was wir verdienen.“
Dieter Hildebrandt

Was ich 1967 in die Begründung meines Antrags auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen hineingeschrieben habe, weiß ich nicht mehr.
Wäre ich gezwungen, meine Entscheidung, den Dienst in der Bundeswehr zu verweigern, noch einmal zu begründen, würde ich auf folgende Zeitungsmeldung verweisen:
„Schwarzer Postbote in Thüringer Dorf schikaniert. Wegen seiner schwarzen Hautfarbe mußte die Post einen Briefträger in Vachdorf im Süden Thüringens versetzen. Bewohner des 800-Einwohner-Dorfes hatten den Afrikaner immer wieder bei seiner Arbeit behindert; u.a. schickten sie ihn wissentlich in falsche Richtungen, wenn er nach dem Weg fragte. Anschließend beschwerten sich die Bürger über den Boten. Daraufhin versetzte die Post den Mann aus Mosambik mit dessen Zustimmung zum Fahrdienst. Der Mann werde bei der Post als zuverlässige und gute Arbeitskraft geschätzt, betonte eine Sprecherin.“
Daß der gute Mann den Wunsch hatte, in diesem Loch nicht mehr Dienst zu tun und für diesen Abschaum der Menschheit keine Post mehr auszutragen, ist nur zu gut zu verstehen. Daß dieses Kaff aber nicht zur Strafe in Dreckdorf umbenannt und für drei Monate vom Postverkehr ausgeschlossen wird bei anschließender Verdoppelung des Portos, ist mir unbegreiflich.
Das Dorf liegt im Süden Thüringens, befand sich also 40 Jahre lang außerhalb des Geltungsbereichs jener Freiheit, die die Soldaten der Bundeswehr unter Einsatz ihres Lebens zu verteidigen haben. In dem Unrechtsstaat DDR waren die Bewohner dieses Dorfes 40 Jahre lang gezwungen, auf die Völkerfreundschaft Eide zu schwören; und die Stasi kam gucken, ob die auch wirklich schwören. Das haben die dann auch getan und dabei mit den Zähnen geknirscht. Aber ungebrochen blieb ihre Hoffnung, eines Tages der Freundschaft der Völker abzuschwören und endlich zu ihrem nationalen Wesen zurückzukehren, welches seinen höchsten Ausdruck darin findet, daß sie jemanden, der nach dem Weg fragt, absichtlich in die Irre führen.
Was muß daran verteidigt werden? Müßte nicht in jedem vernünftigen Menschen die Sehnsucht wachsen, daß dieses Dorf mitsamt dem Pack, das darin haust, ugandischen, birmanischen oder peruanischen Truppen in die Hände fällt?
Jahrzehntelang wurde uns in besorgtem Ton vorgehalten, unsere Bundesrepublik mitsamt ihrer Freiheit (Wege falsch zu beschreiben) sei von bösen Feinden bedroht, die nur darauf warten, hier einzumarschieren und uns unter ihre Herrschaft zu zwingen.
Diese deutsche Nation, die zwei Weltkriege vom Zaun brach und Millionen Menschenleben vernichtete, diese deutsche Nation, die die größte Gefahr darstellt, die die Menschheit je gekannt hat, entblödet sich nicht, sich selbst als Opfer einer Gefahr darzustellen. Diese Nation, der ich zutraue, daß sie zu einem dritten Weltkrieg bereit sein könnte und abermals Millionen Menschen vernichten würde, weil sie von dem Drang besessen ist, die Welt unter ihre Leidkultur zu zwingen, sorgt sich ernsthaft, unter fremde Herrschaft gezwungen zu werden. Das allein ist ein Aberwitz.
Aber selbst wenn es stimmen würde, selbst wenn andere Gewehr bei Fuß stehen würden, um über Deutschland ihre Herrschaft zu errichten – wäre das wirklich so schlimm?
Deutschland hat Fremdherrschaft erlebt. Vor 2000 Jahren waren es die Römer. Sie brachten uns die urbane Kultur und die Wasserleitung – und übrigens auch die wunderschöne Hauskatze. Sie bereicherten unsere Sprache mit Wörtern wie Nase, Name, Nummer, Mauer, Fenster und Schrift und führten hier solche Grundsätze ein wie „nulla poena sine lege“ und „dubio pro reo“.
Vor knapp 200 Jahren kam der Kaiser Napoleon mit seinen Franzosen. Sie brachten uns die Müllabfuhr, das Zivilrecht und die universellen Ideen von Freiheit und Gleichheit, auf die die Germanen nie von selbst gekommen wären. Napoleons Vorboten, die Hugenotten, haben den Deutschen doch erst das Essen mit Messer und Gabel gezeigt (was die Deutschen den Franzosen niemals verzeihen werden). So wie die Römer in Germanien die Steinzeit beendeten, beendete Napoleon in Deutschland das Mittelalter, seine Herrschaft hinterließ hier wenigstens den Hauch einer Vorstellung von gutem Essen, gutem Wein und guten Manieren. Die Franzosen haben uns Deutschen doch erst Kultur beigebracht.
Mag sein, daß die, die über dieses Land Fremdherrschaft errichteten oder errichten wollten, dies nicht uneigennützig taten. Aber für uns ist immer etwas Gutes dabei abgefallen. Den Kaffee verdanken wir der Belagerung Wiens durch die Türken.
Gewiß: Die verteidigungsbereiten Herrschaften werden das abtun als Schönfärberei. Fremdherrschaft sei schließlich keine Weihnachtsbescherung. Die Wirklichkeit sähe doch ganz anders aus. Ja, stimmt. Aber hier haben wir das Phänomen, das jeder Psychologe kennt: Von sich auf andere schließen. Wenn je im Zwanzigsten Jahrhundert Fremdherrschaft die Hölle war, dann war es die Herrschaft der Deutschen über andere. Das ist der Alptraum der Deutschen: daß andere mit ihnen umspringen könnten wie sie es mit anderen tun beziehungsweise tun würden wenn sie könnten. Würden – nach dem, was Deutsche der Menschheit im Zwanzigsten Jahrhundert zugefügt haben – andere über dieses Land eine Fremdherrschaft errichten, die die Protagonisten der Vaterlandsverteidigung an die Wand malen: bedauerlich wäre es. Aber ungerecht könnte ich es nicht finden.
Dabei ist es doch noch in frischer Erinnerung, wie segensreich fremde Herrschaft über die Deutschen ist. Man braucht gar nicht auf die Römer, Türken und Napoleon zu verweisen. Wie war es, als die Weltkriegs-Alliierten in unser Land eindrangen? Es war ein Aufatmen! Schluß mit den Verdunkelungen und der Angst im Luftschutzkeller, Schluß mit der Allmacht der Blockwarte und den Einberufungsbefehlen für Kinder! Als Deutsche von deutschen Führern beherrscht wurden, gab es Entbehrung und „Durchhalten“. Als die Amis kamen, gab es Schokolade und Zigaretten.
Meine Tante hat mir, als ich ein Kind war, ihre erste Begegnung mit amerikanischen Soldaten geschildert. Sie saß an einem Tisch, um sie herum die Soldaten. Sie stellten ihr eine Büchse Ananas hin und legten einen Dosenöffner daneben. Sie grinsten und kicherten. Diese naiven, gutmütigen Jungens waren gerührt, als die junge Frau zum ersten Mal in ihrem Leben die unbekannte Frucht genoß, Ananas aus Hawaii.
Nie zuvor wurden Besiegte von den Siegern so human behandelt wie die Deutschen von den Amerikanern. Die Amerikaner hielten die Deutschen für fähig, Demokratie zu lernen.
Kann man sich vorstellen, daß zur Wahrung des Deutschtums das Hören guter Musik mit der Todesstrafe bedroht wurde? Unter fremder Herrschaft konnte man endlich das Radio aufdrehen. Der Badenweiler Marsch und die Sondermeldungs-Fanfare verschwanden. Man hörte „In the Mood“ und „Moonlight Serenade“. Ja, Glenn Miller war auch Militärmusik. Aber selbst darin war etwas von dem kostbarsten Geschenk der Amerikaner an die Welt: Der Blues.
Gewiß: mit der Niederlage, die ein Sieg der Menschlichkeit war, hat das Volk der Deutschen sich nie abgefunden, wie ein Blick in die Chronik der Jahre 1989/90 zeigt, jener Jahre, in denen die Rationalität der Nationalität weichen mußte. Mit der Gewißheit, daß die Niederlage keine endgültige war, ließ es sich gut einrichten. „Wir sind wieder wer“. Die Schinkenspeckgesichter spießbürgerlicher Selbstzufriedenheit kenne ich.
Kindheit im Jahrzehnt nach dem vorläufigen Zusammenbruch ist mir auch noch gut in Erinnerung. Daß Kinder überhaupt Rechte haben, ist eine Idee der jüdisch-bolschewistischen Frankfurter Schule, die die Nation immer noch ganze zwei Jahrzehnte sich vom Leibe zu halten verstand. Man muß sich mal Klassenfotos aus den 50er Jahren angucken: Als hätten sich die Erwachsenen an den Kindern für 1945 rächen wollen. Der Gang zum Friseur war ein Antreten zum Appell. Allein: Es klappte nicht. Die Generation der in der Mitte des Jahrhunderts Geborenen mißriet gründlich. Für sie kam alles Gute aus der Fremde: Von Donald Duck bis zu den Beatles, wehrkraftzersetzende Blue Jeans, und undeutsche Helden wie James Dean: Helden, die nicht trotzig ihr Kinn der Weltgeschichte entgegenreckten, sondern sich voller Melancholie herumdrückten. James Dean führte nicht vor, wie man siegt, sondern wie ein Loser seine Würde zu wahren versucht.
Das größte Werk der mißratenen Generation war der Massenimport volksfremder Kultur: Gangsterfilme, Comic-Strips, Urwaldmusik. Man vergleiche Hemingway mit Hans Habe, Erica Jong mit Hera Lind, Grateful Dead mit den Fischerchören, Zappa mit Heino, Groucho Marx mit Mario Barth, Columbo mit Derrick, Jeanne Moreau mit Ruth Leuwerik, Madonna mit Nina Hagen, die Französin Romy Schneider mit der Deutschen Marika Rökk, „Casablanca“ mit „Briefträger Müller“, Gershwin mit Wagner!
Ist also etwas dran, daß die sogenannten „68er“ diese Gesellschaft „gründlich zivilisiert“ haben? Komisch klingt dieses Zitat der Antje Vollmer vor allem deshalb, weil sie es just in dem Moment in die Welt setzte, als die arrivierten Teile der „68er“-Kultur sich der Wende zum Guten Deutschen anschlossen. Doch in der Tat hatte die deutsche Linke ihre vergleichsweise beste Phase, als sie – als veritabler Bürgerschreck – mit dem deutschen Gemüt ihren Schabernack trieb. Kritische Vernunft und Humanität können sich in dieser Gesellschaft nur entfalten, wenn sie sich am Nationalempfinden funkensprühend reiben. Sonst kommt nix dabei raus.
Daß die Leichtigkeit des Seins unerträglich wäre, ist eine Schnapsidee, die man eigentlich von einem deutschen Idealistenkopp erwartet hätte. Diese Leute basteln ja immer noch an dem Vorurteil, daß Kultur etwas Wichtigeres sei als Zivilisation. Dabei ist es gerade der Unernst, der hierorts gern als „Oberflächlichkeit“ mißverstanden wird, mit dem das Leben sich erleichtern läßt, jawohl: erleichtern. Klüger, als Schwierigkeiten zu trotzen, ist, sie überhaupt zu vermeiden. Bequeme Sitze in der Straßenbahn sind für das allgemeine Wohlergehen wichtiger als das tiefgründelnde Grübeln über die Frage, warum wir über den Sinn des Lebens nachdenken.
Abwehr gegen Fremdherrschaft war immer Abwehr gegen Versuche, die Germanen zu zivilisieren. Die anderen führten mit den Deutschen immer Besseres im Schilde als die Deutschen mit sich selbst.

kaffeemannAus „Streiten Sie nicht mit einem Deutschen, wenn Sie müde sind“.

Wechselstrom oder Die Liebe in den Zeiten des Telefons (5)

Ob sie ihr „Idealgewicht“ dann erreichte, entzieht sich meiner Kenntnis. Ein Jahr dauerte diese undefinierte Beziehung, die mich an eine der schönsten, klügsten, warmherzigsten, mädchenhaftesten, liebenswertesten und auch verletzlichsten Frauen gebunden hatte. Dann endete sie auf eine unerfreuliche Art, so daß die Traurigkeit für eine Zeitlang von Verdruß und Gekränktheit zugedeckt wurde. Es kann sein, daß es sich ihr ebenso darstellte.
Warum sie ihr Verhalten mir gegenüber veränderte, plötzlich sehr zurückweisend wurde mit einer kühlen, sachlichen Freundlichkeit (mit Verhaltensweisen, die ich hier nicht aufzählen will) und mir demonstrierte, daß sie einen anderen Lebensmittelpunkt suchte, habe ich nicht herauszufinden versucht.
Wenn man erfährt, daß da, wo etwas war, nichts mehr ist, dann ist es traurig. Wenn einem der Eindruck vermittelt wird (mit dem Zaunpfahl durch die Blume), daß da nie etwas war, dann ist es kränkend. Ich fand, daß sie die wichtigste Tugend im Umgang der Geschlechter verletzt hatte: die Ehrlichkeit – auch die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Meine Verstörtheit und Gekränktheit verbarg ich nun ebenfalls hinter zurückweisender Verschlossenheit.
Das erregte sie. Sie schrie mich an: „Was ist mit dir los? Warum bist du so? Willst du darüber reden?“
„Nein.“
Das sagte ich mit aller Schroffheit. Es muß sie verletzt haben. Und das war mein Fehler. Daß sie mich verletzt hatte, gab mir nicht das Recht, sie zu verletzen.
Ich hielt mich für klug, weil ich mir von einem „klärenden Gespräch“ nichts versprach, sondern erwartete, daß wir uns dabei nur im Kreis drehen und aneinander vorbeireden. Doch ich hätte mir eingestehen müssen, daß ich bloß unfähig war, meine Gefühle in Worte zu fassen.
Ein Argwohn, daß sie vor den Konventionen kapitulierte, die eine Beziehung wie die unsere nun einmal nicht zulassen, wäre unberechtigt gewesen. Es wird eher so gewesen sein, daß sie vor jeglicher Beziehung zurückschreckte. Gründe dafür hatte sie ja genannt. Ihre Ansprüche waren von solcher Ausschließlichkeit, daß sie ein Scheitern als unabwendbar erwarten mußte.
Uns Menschenkindern wird eingeredet, daß nur die Liebe gültig ist, in der alle Ideale zusammengefaßt sind: Mit dem oder der einen Einzigen für immer & ewig. Aber die Liebe hat viele Gestalten, und keine davon ist weniger edel als eine andere. Es gibt nicht nur die Große Liebe; es gibt auch die kleine. Es gibt nicht nur die Liebe für immer, sondern auch die für kurze Zeit; nicht nur die ausschließliche, sondern auch die nebenher; nicht nur die vereinigende, sondern auch die, die die Freiheit läßt zu kommen und zu gehen und wiederzukommen; nicht nur die dauernde, sondern auch die, die unterbrochen wird und wieder geweckt werden kann; nicht nur die verpflichtende, sondern auch die, die ein Spiel ist, das zu nichts verpflichtet außer zum Respekt voreinander. So wie es kein (geschriebenes oder ungeschriebenes) Gesetz geben kann, das zum Seitensprung verpflichtet, sollte es auch keines geben, das ihn verbietet. Und auch das gibt es: Daß zwei Menschen zueinander finden aus dem einzigen Grund, weil sie Lust aufeinander haben. Kann sich Menschlichkeit besser manifestieren als dadurch, daß Menschen Lust aufeinander haben?
„Plaisir d‘amour ne dure qu‘un moment. Chagrin d‘amour dure toute la vie.“ So heißt es in einem Chanson aus dem 18 Jahrhundert: daß die Freuden der Liebe nur einen Moment dauern, die Schmerzen der Liebe aber dauern ein Leben lang. (Und wer Angst hat vor den Schmerzen der Liebe, der soll doch besser die Finger davon lassen). Die Schmerzen der Liebe sind weniger die, die man erlitten hat, sondern viel mehr die, die man zugefügt hat und nicht wieder gutmachen kann.

plaisir d'amourIch hätte duldsamer sein müssen mit dieser Frau, die doch noch ein junges Mädchen war, wie ein motherless child in einer Umgebung, die jedem empfindsamen Menschen Furcht einflößt. Es wäre richtig gewesen zu sagen: Laß und darüber reden, wenn ich meine Gedanken geordnet habe, wenn ich mich abgeregt habe, wenn wir uns abgeregt haben. Was auch immer sich zwischen uns ändert, sollst du dein Vertrauen nicht verlieren, sollst du dich geborgen fühlen in meiner Nähe.
Ich habe immer gehofft, daß die Frauen, die sich auf mich eingelassen haben, sich gern an mich erinnern, daß sie, wenn sie an mich denken, vor sich hin lächeln. Vielleicht ist da diese eine, die denkt: „Das war ein Umweg, den ich mir auch hätte ersparen können.“
(Ich erinnere mich allerdings auch an eine andere Geschichte, wo ich sehr duldsam war und hinterher dachte: Ach hätte ich doch lieber gleich die Tür zugeknallt).

Das mit dem Stillstand des Ostermarsches war übrigens so: Christina hatte sich wohl schon in frühester Jugend in den Kopf gesetzt, mit ihrem Össi nach Kanada auszuwandern, um dort, fern der Zivilisation, bahnbrechende wissenschaftliche Forschungen zu betreiben. Sowas Verrücktes! Christina als Madame Curie in Kanadas Wäldern! Ich habe ihr aber nicht gesagt, daß ich das verrückt fand. Denn so eine Schnapsidee ist immer noch besser als die Normalität der Zustände.
Beim Ostermarsch sagte sie dann: „Ach weißt du was? Kommt doch einfach mit nach Kanada. Ohne euch hätte ich keine Freude mehr daran.“ Da war ich so gerührt, daß ich sie einfach in die Arme nehmen mußte. Und die, die hinter uns gingen mit ihren Schildern und Transparenten, kamen an uns nicht vorbei. Da entstand eine Lücke von etwa hundert Metern, so lange haben wir uns umarmt.
Den möcht‘ ich sehen, der es schafft, mich aus Duisburg wegzulotsen oder auch nur aus Neudorf. Aber ich sagte mir: So, jetzt bin ich mal eine Viertelstunde lang fest entschlossen, nach Kanada auszuwandern.

Seite209Das war in Meiderich, an der Stelle, wo das Haus Ruhrtal steht mit der zwielichtigen Uhu-Bar, und immer wenn der Ostermarsch diese Stelle passierte, habe ich meinen Freunden unbedingt erzählen müssen, daß meine Tante da Wirtin war und daß in der Uhu-Bar ein ganz halbseidenes Publikum verkehrte, und die Geschichte von den zwei Besoffenen, die in Streit gerieten, weil der eine meinte, der andere sähe aus wie Goethe.
In einem der späteren Jahre mußte ich erleben, daß meine Freunde sich vor Erreichen von Haus Ruhrtal rechtzeitig verkrümelt hatten, weil sie diese Geschichten nicht schon wieder hören wollten. So hinderten sie mich daran, ein Stilmittel in die Vortragskunst einzuführen: die Penetranz.

ENDE

Wechselstrom oder Die Liebe in den Zeiten des Telefons (4)

Als ein neues Semester begann, änderte sich ihre Stimmung. Meine quirlige, temperamentvolle Freundin war plötzlich sehr zurückweisend, die personifizierte Übellaunigkeit.
Sie rief mich an: „Du wirst jetzt mal einen Monat lang nichts von mir hören, ja? Ich muß mich auf mein Studium konzentrieren. Ich kann ja nicht ständig für dich da sein. Also laß mich in Ruhe.“
Na, das war ja gottvoll! Für sie hatte ich zu jeder Tageszeit den Stift aus der Hand fallen lassen und war für sie zu jeder Nachtzeit aus dem Bett gesprungen. Um ihr einen Weg von hundert Metern zu ersparen würde ich ihr die Tasche durch die ganze Stadt nachtragen. Und jetzt tat sie so, als würde ich ihr ihre Zeit stehlen. Ich hatte ganz beiläufig und ohne Hintergedanken einen Satz gesagt, den sie noch eine Woche zuvor unterschrieben hätte: daß das Studium doch nicht das Wichtigste im Leben ist. Jetzt verstand sie das so, als ob ich ihre Befähigung zum Studium angezweifelt hätte. Sie schrie mich an. „Das hätte ich von dir nicht erwartet. Du denkst auch, eine Frau könnte nicht Elektrotechnik studieren!“
Ich hatte gar nichts derartiges gesagt. Zwar war es mir etwas seltsam vorgekommen mit ihrer Elektrotechnik. Sie hatte mir unumwunden gesagt, daß sie in Mathe eine Fünf und in den naturwissenschaftlich Fächern schwache Noten hatte, und daß sie ein technisches Fach nur deshalb studierte, um ihrem ehemaligen Mathelehrer zu beweisen, daß sie doch was drauf hat. Als ich sie mal fragte, wie Wechselstrom eigentlich funktioniert, führte sie mir vor, daß sie sich ein fundiertes technisch-naturwissenschaftliches Wissen angeeignet hatte.
Anrufen durfte ich sie jetzt auch nicht mehr. Das wertete sie als Störmanöver gegen ihr Studium.
„Und weißt du was? Ob es dir gefällt oder nicht: Ich nehme eine Stelle als Hilfskraft an. Unbezahlt!“
„Unbezahlt?“
„Jawohl! Unbezahlt!“
Meine Güte, jetzt wurde ich albern:
„Und was machst du, wenn sie dir eine Bezahlung anbieten? Ablehnen aus Prinzip?“
„Ach, halt doch die Klappe!“
„Du willst arbeiten ohne Geld? Womöglich noch dem Professor die Tasche hinterhertragen?“
„Würde ich tun. Ich würde dem auch die Schuhe putzen. Ich würde auch mit ihm schlafen, wenn es meinem Studium nutzt. Für mein Studium würde ich alles hergeben, auch meinen Stolz.“
Bezwinge sich wer kann. Zum Glück konnte ich. Ich sagte: „Darüber solltest du lieber nochmal nachdenken“ und legte den Hörer auf.
Ich war zornig, auch auf mich selbst. Ich war in einem Zustand, den ich nicht mag: Ich war eifersüchtig. Um in dem Moment darüber nachzudenken, ob ihre Schroffheit weniger dem Fortgang ihres Studiums dienen sollte, sondern vielmehr der Versuch war, sich von mir abzuschirmen und die Turbulenzen einer undefinierten Beziehung abzuwerfen, war ich zu aufgeregt. Vielleicht hätte ich mit einem solchen Gedanken meine Rolle in dem ganzen Drama überschätzt. Vielleicht überschätzte ich mich gerade dadurch, daß ich auf diesen Gedanken gar nicht kam.
Eine halbe Stunde später rief sie mich wieder an.
„Bitte entschuldige, was ich gesagt habe. Das war dumm von mir.“ Sie klang jetzt sehr kleinlaut. „Das war wirklich dumm, was ich da gesagt hab. Ich hab das gar nicht gemeint. Du hast ja recht.“
Das reichte allerdings noch nicht, um mich zu beruhigen. Das mußte ich doch noch loswerden:
1. ob die noch alle auf der Latte hätte?
2. ob sie noch ganz gescheit wäre?
3. ob sie noch alle Tassen im Schrank hätte?
4. ob ihr eigentlich klar sei, was sie dahergeredet hatte?
„Paß mal auf, Mädchen! Wem du die Tasche putzt und die Schuhe hinterherträgst, ist deine Sache. Mit wem du schläfst, ist erst recht deine Sache. Aber was du mir sagst, dafür bist du mir verantwortlich. Du gibst nicht nur deinen Stolz preis, sondern auch meinen. Meinen Stolz auf dich gibst du preis! Du verdienst eine Tracht Prügel!“
„Huch!“
„So daß du zweieinhalb Tage nicht mehr sitzen kannst auf deinem – verführerischen – – verwirrenden – – – auf deinem betörenden Hinterteil!“
„Ohhh!“
„Das willst du ja nur! Gib‘s zu!“
Sie war beindruckt. „Schlägst du denn wenigstens etwas milder zu bei einer Anfängerin?“
„Bei dir? Milder?? Ha!!!“
„Ohhh! Weißt du, was mich glücklich macht? Du willst mich deshalb versohlen, weil du mich gern hast.“
„Weshalb denn sonst??“
„Du liebst mich.“
„Ja! Ich liebe dich, du Schaf!“
„Ich liebe dich doch auch, du Blödmann!“
„Du – Biest!“
„Du – Knallkopp!“
„Du – Frauenzimmer!“
„Esel!“
„Trulla!“
„Ich hab von dir geträumt. Wir haben uns geküßt. Der Kuß war sehr leidenschaftlich. Und dann hatte ich was Großes von dir in meinem Mund – Ich werde mich jetzt nicht mehr dagegen wehren.“

Ich habe ihr sogar meinen Regenmantel geliehen!

Ich habe ihr sogar meinen Regenmantel geliehen!

Wie sich herausstellte, ging das aber nicht einfach vonstatten. Denn sie hatte wieder eine von ihren Ideen.
„Ich will ein paar Kilo abnehmen. Ich will mein Idealgewicht von 60 Kilo erreichen.“
„Aha. Und wieviel Kilo müssen runter?“
„Sechs Kilo.“
„Aha. Und wozu das ganze?“
„Ich fühle mich dann wohler. Und dann sehe ich besser aus.“
„Du siehst phantastisch aus.“
„Du hast doch gesehen: mein dicker Hintern auf dem Foto.“
„Ach was, das Foto täuscht. Dein Hintern ist ideal! Dein Hintern ist aphroditisch! Dein Hintern ist der Traum meiner sehnsuchtsvollen Nächte!“
„Mein Hintern wird dir noch mehr gefallen, wenn ich 60 Kilo wiege. Ich mach das doch für dich, Junge! Damit du noch mehr von meinem Hintern entzückt sein kannst!“
Und dann verkündete sie mir:
„Wenn ich das geschafft habe und 60 Kilo erreicht habe, will ich eine Belohnung von dir bekommen. Dann soll es geschehen. Dann sollst du es es mit mir machen.“
Von nun an überwachte ich streng ihre Mahlzeiten. Ich ordnete an, daß der Kaffee ohne Milch und Zucker getrunken werden muß. Ich studierte Kalorientabellen. Ich ließ mir die Meßdaten ihrer Figurfortschritte durchgeben: ein Kilo geschafft, zwei Kilo geschafft, zweieinhalb Kilo geschafft, und ich fürchtete zugleich, die Selbstkasteiung der Kalorienkur könnte ihre Stimmung beeinträchtigen. Aber wenigstens in dieser Hinsicht konnte sie mich „beruhigen“:
„Ich hab‘ mir heute eine Tafel Schokolade genehmigt.“
„Was? Eine Tafel Schokolade? Du quälst mich!“

FORTSETZUNG FOLGT

Wechselstrom oder Die Liebe in den Zeiten des Telefons (3)

Es hatte einen Skandal gegeben. Peter Dietz vom Eschhaus hatte für eine Veranstaltung der Grünen ein Plakat entworfen, das in der „Szene“ als „sexistisch“ identifiziert wurde, natürlich erst, nachdem das Plakat in Umlauf gebracht worden war, sonst wär‘s ja nur ein kleiner Skandal gewesen, und man empört sich eben lieber über große Skandale. (Das Plakat zeigte ein Rock‘n‘Roll-Tanzpaar). Jedenfalls beschloß ich, daß dieser „sexistische“ Künstler das Cover für die nächste METZGER-Ausgabe (Nr. 37) gestalten sollte. Bei dieser Gelegenheit erzählte er mir:
„Du hast ja in der Szene ein sehr negatives Image.“
„Tatsächlich? Ich dachte eher, man würde mich tunlichst ignorieren.“
„Weit gefehlt. Man munkelt. Man sucht nach Gründen und findet welche. ‚Kennst du schon die neueste Schote vom Loeven und seinen zwei Frauen?‘ Und jetzt auch noch ein Buch mit Sex-Geschichten!“
Na, dachte ich, jetzt fängt‘s an, Spaß zu machen. Übrigens war Christina nur ein einziges mal im Eschhaus.

M037Christina bekam Besuch aus ihrer mittelrheinischen Heimat. Das war Össi, so ‘ne Art Jugendfreund.
„Der Össi würde gern mit mir was anfangen. Aber ich will das nicht. Der will mich heiraten. Aber der setzt nichts bei mir in Gang, verstehst du? Sexuell regt sich da nichts bei mir.“
Sie hatte mir ein Klassenfoto gezeigt. Da stand sie neben ihrem damaligen Freund. „Und sieh mal: Der Typ, der da hinter uns steht, das ist der Össi. Der stand immer in der Nähe und hat immer aufgepaßt und immer gewartet, daß ich mit meinem jeweiligen Freund Schluß mache, damit er dann drankommt.“
Und jetzt war dieser Össi eine Woche lang zu Besuch bei ihr. Der Einfachheit halber übernachtete er auch bei ihr, und zwar zusammen mit ihr in ihrem Bett, „ohne daß etwas passiert“. Ich wußte ja, daß sie im Bett nichts anhat. Sie schläft nackt. Ich fragte vorsichtig, ob sie, solange sie ihr Nachtlager mit dem teilt, dann doch einen Pyjama trägt oder sowas. „Nein. Du weißt doch: Ich schlafe immer nackt.“
Jetzt werde ich aber mal moralisch: zusammen in einem Bett, und dann auch noch nackt, „ohne daß etwas passiert“. Dafür habe ich wenig Verständnis.
Und nun sollte ich Össi kennenlernen, in Christinas Dachwohnung auf der St.-Johann-Straße. Er war ein etwas dicklicher, linkischer Typ, der nicht so recht wußte, ob er mir die Hand geben und ob er mich mit „Sie“ anreden mußte. Er war mir schon deshalb unsympathisch, weil er bei der Bundeswehr den Grundwehrdienst abgeleistet hatte. Der war zu doof gewesen, sich davor zu drücken. Und wie kann man nur Össi heißen? Als er mich sah, dachte er bestimmt: „Also schon wieder einer! Na ja, dann warte ich den eben auch noch ab.“ Während dieser festklebende Reservist schweigend dabei saß, redete Christina über unser Buchprojekt, und sie breitete wieder mit allen Details ihre sexuellen Phantasien vor mir aus, über die er nicht mitzureden hatte. Dafür durfte er, nachdem ich gegangen war, seine Göttin nackt sehen und neben ihr liegend sich Mühe geben, Berührungen zu vermeiden.
Als ich ging, wußte ich nicht, über wen von den beiden ich mich mehr ärgern sollte. Über sie, daß die das mit dem macht? Oder über ihn, daß der das mit sich machen läßt? So ging ich zu Fuß von Hochfeld nach Neudorf, denn wenn man schlecht gelaunt ist, muß man zu Fuß gehen.
Als der Reservist endlich wieder weg war, spazierte ich mit Christina die Lotharstraße entlang.
„Also mit dem Össi wird das nichts“, sagte sie. „Das hab ich ihm auch diesmal wieder gesagt, daß das nichts mit uns gibt und daß sexuell nie was zwischen uns laufen wird. Der würde ja gerne, und wartet, bis ich für ihn frei bin. Aber ich will den nicht. Zum Beispiel: Der würde mir nie den Hintern versohlen.“
„Weiß der denn überhaupt, daß du auf Spanking stehst?“

Das hätte der Herr Össi NIE getan! Und Christina hätte man auch wohl kaum je mit High Heels gesehen.

Das hätte der Herr Össi NIE getan! Und Christina hätte man auch wohl kaum je mit High Heels gesehen.

„Natürlich weiß der das!“ rief sie entgeistert. „Das habe ich ihm selbstverständlich gesagt, daß ich darauf stehe und daß ich mich danach sehne und daß ich das brauche und daß ich das von einem Mann erwarte. Aber das kann der nicht. Der ist eben ein Schlappschwanz wie die meisten Männer. Für den bin ich doch eine Göttin. Der himmelt mich an. Aber das reicht mir nun mal nicht.“

An einem Abend rief sie mich an. Ich erkannte ihre Stimme kaum. Sie war verheult, ihre Stimme vor Verzweiflung verzerrt.
„Helmut, kann ich zu dir kommen? Ich weiß sonst nicht, was ich machen soll. Es ist Weiterlesen

Wechselstrom oder Die Liebe in den Zeiten des Telefons (2)

Unseretwegen hatte sie darauf verzichtet, nach ihrem ersten Semester sich in ihr mittelrheinisches Herkunftsgebiet zu begeben, sondern sie blieb in der Stadt, die sie nicht zuletzt mittels unserer Mitwirkung als ihre Heimat angenommen hatte. Ihr erster Besuch bei uns war übrigens an Rosenmontag. Jeglicher karnevalistischen Anwandlung war sie ebenso abgeneigt wie wir, und so war dieser Tag, den wir in kontemplativer Zurückgezogenheit zu begehen pflegten, die ideale Gelegenheit gewesen, uns fern von der Außenwelt unserer Verschworenheit zu versichern.

Christina saß am liebsten bei uns in der Küche

Christina saß am liebsten bei uns in der Küche

Nun wurde ich allerdings von ihr zum Duell herausgefordert. Diese Sportkanone, die im Judo schon manchen Kerl aufs Kreuz gelegt hatte, wollte mir ihre Kraft demonstrieren und forderte mich zum Armdrücken heraus. Was für einen Quatsch man mitmacht, wenn man bezirzt wird! Wir brachen den Zweikampf ab, als es nach zehn Minuten noch keinem gelungen war, den Arm des anderen auch nur um einen Millimeter wegzuschieben. Ich bot ihr remis an.
Als sie sich verabschiedete, bat sie mich noch um einen Gefallen. Ich würde mich doch bestimmt mit erotischer Literatur auskennen und hätte doch bestimmt „solche Bücher“. Hatte ich.
„Ich hab jetzt ein paar Tage frei. Da will ich was Schönes lesen. Ein gutes Buch, aber eins, daß es bei mir kribbelt, verstehst du?“ Verstand ich.
„Kannst du mir was leihen?“ Konnte ich.
Ich zog ein paar Bücher aus dem Regal, zum Beispiel Maud Sacquard de Belleroches „Memoiren einer Frau von vierzig Jahren“ (beide Bände), Jakobsens „Memoiren eines Apfelessers“ und noch ein paar Sachen.
Zwei Tage später am frühen Nachmittag kreuzte sie unerwartet bei mir auf, stürmte herein, warf ihre Tasche auf einen Küchenstuhl und setze sich.
„Also, Helmut, du hast mir da vielleicht ein paar Bücher gegeben! Die haben mich ja ganz schön in Erregung versetzt. Ganz toll! Ich hab den ganzen Tag gelesen, ich konnte das gar nicht mehr aus der Hand legen. Das war ein Genuß! Wie hast du das bloß aufgetrieben? Weißt du, was ich am besten fand? Da war so eine ganz lange Geschichte, da erzählt einer, wie er als Student ein ganz junges Mädchen kennenlernt und was der mit dem Mädchen erlebt.“
„Ach, diese Geschichte. Ja, die kenne ich.“
„Kennst du? Das ist wirklich hervorragend geschrieben, das ist richtige Literatur. Aber zugleich auch – hmm. Das hat gewirkt. Du weißt, was ich meine. Die Geschichte habe ich immer wieder gelesen. Ich hab mir vorgestellt, ich wäre das Mädchen in der Geschichte, und der Mann würde das alles mit mir machen.“
„Das hast du dir vorgestellt? Daß du das Mädchen bist?“
„Jaja!“
„Und daß der Mann das alles mit dir macht?“
„Ja.“
„Das ist bemerkenswert.“
„Wieso?“
„Jetzt verrate ich dir ein schockierendes Geheimnis.“
„Sag!“
„Also, der Name des Verfassers ist ein Pseudonym.“
„Ist anzunehmen.“
„Diese Geschichte habe ich geschrieben.“
„Waaas? Die hast duuu geschrieben? Wirklich? Das ist ja – Ehrlich?“
„Ja.“
„Du? Das ist ja phantastisch! Mensch! Wenn ich das gewußt hätte! Ich gratuliere dir! Und das ist alles so passiert?“
„Die reine Wahrheit! Nichts erfunden!“
„Die Glückliche!“
Christina war nunmehr davon überzeugt: „Du bist ein phantastischer Liebhaber.“
„Aber Christina! Sowas sagt man doch nicht einfach so ungeprüft. Bevor man sowas sagt, muß man das doch erst mal in der Wirklichkeit erproben.“
Sie schüttelte den Kopf. „Nicht nötig! Wer sowas schreiben kann, der ist ein phantastischer Liebhaber.“
(Es gibt Momente, da möchte man in einen Tisch beißen).
Sie sagte mir zum Abschied noch, die Lektüre erotischer Texte habe sie zu dem Entschluß gebracht, selbst solche Texte zu schreiben. Wir könnten uns ja dann unsere Geschichten am Telefon gegenseitig vorlesen. So geschah es dann auch. Sie rief mich an einem der nächsten Abende an. Sie rief frohgemut, sie habe jetzt ihre ersten zwei erotischen Geschichten geschrieben, und sie las sie mir vor. Bei der ersten handelte es sich um eine verschwärmte Huldigung an einen ihrer aus der Ferne bewunderten Kommilitonen, einen genüßlichen Lobpreis seiner vorteilhaften Erscheinung und eine Handlung, bei der heiße Wünsche Vater des Gedankens waren. In der zweiten Geschichte berichtete sie, wie ein Teenager (also sie) den Liebhaber ihrer Mutter so lange triezt, bis ihm der Kragen platzt („Weißt du, was du verdienst?“). Den „Liebhaber“ hatte sie mit meinen Wesenszügen ausgestattet und ihm auch meinen Namen gegeben. Dann aber wartete sie mit dem Entwurf eines Artikels auf, den sie für den METZGER schreiben wollte, in dem sie sich kritisch mit dem Feminismus auseinanderzusetzten gedachte. Christina wetterte leidenschaftlich gegen Zickigkeit und Prüderie der Emanzen und wies sie als Versuch, Frauen in ihrer Selbstbestimmung zu beschneiden, zurück. Daß durch einen Artikel im METZGER nicht sogleich das gesamte europäische Geistesleben von Grund auf umgekrempelt wird, darauf mußte ich sie vorsichtig aufmerksam machen.

UniCampusChristina rief mich an. Sie sei in der Uni gewesen und nun nach Hause gefahren. Aber ihre Tasche sei noch in der Mensa. Die solle ich ihr doch bitte nach Hause bringen.
Weil ihr die hundert Meter vom Fahrradständer zur Mensa zu weit waren, durfte ich ihr die Tasche von Neudorf nach Hochfeld nachtragen. Das habe ich auch getan. Für ein Dankeschön.
Ich hielt es daraufhin für erforderlich, eine Fotografie von ihr anzufertigen. Sie stellte sich in Cat-Balou-Pose vor die Kamera, die ich auf dem Stativ in 50 Zentimeter Höhe aufgestellt hatte.
Mit dieser Fotografie sollte zum Ausdruck kommen, wie vollkommen ich von ihr beherrscht wurde.
Diese energisch in die Hüften gestemmten Arme! Dieser über die Schulter geworfene herausforderne Iswas?-Blick!
Und dieser Arsch!

ChristinaLHOOQChristina sah das Foto und rief: „Bo! Was habe ich da für einen dicken Arsch! Du hast mich aber auch so fotografiert, daß mein Hintern so richtig plastisch hervorgehoben wird! So richtig zum Draufhauen! Nicht schlecht eigentlich.“
„Ich wollte nicht nur zeigen, daß du mich beherrschst, sondern auch: wie.“
„Und was bedeutet ‚LHOOQ‘?“
„Das mußt du französisch aussprechen. Dann klingt es: ‚Elle a chaud au cul‘. Das heißt auf deutsch: Sie hat Weiterlesen

Wechselstrom oder Die Liebe in den Zeiten des Telefons (1)

Ich wollte schon lange mal erzählen, wie ich mal den Ostermarsch zum Stillstand gebracht habe. Aber das ist nicht leicht erzählt. Es hat etwas mit Kanada zu tun und im weitesten Sinne auch mit Wechselstrom. Ich muß also etwas ausholen. Und weil es auch mit Christina zu tun hat, könnte ich – was, zugegeben, das eigentliche Motiv für die Niederschrift dieses Berichtes ist – auch Liebeskummer schreibend bewältigen (wovon dann allerdings noch reichlich übrigbleiben wird). Mit neuem Liebeskummer bin ich in den letzten zweidrei Jahren nicht knapp beliefert worden, und wer schon mal geliebt hat (solche Leute gibt es), der weiß, daß das ein haltbares Gut ist, und der ahnt, daß da noch beträchtlich Bekümmernis früherer Lebensphasen wirkt und wütet. Wer viel geliebt hat und gern geliebt hat und auf den Pfaden der Liebe auch dann weiterwandelte, wenn sie durch unübersichtliches Gebiet führten, der trägt was mit sich herum, das können Sie mir glauben. Vielleicht wollen Sie ja auch endlich mal erfahren, warum ich die St.-Johann-Straße in Hochfeld nicht ohne einen melancholischen Seufzer entlanggehen kann. Also lesen Sie jetzt bitte diese Geschichte, sonst hat es ja keinen Zweck.

StJohannStrChristina kam aus der Provinz, um hier zu studieren. Sie geriet in mein Blickfeld, weil sie eine Freundin meiner Frau war. Der Freundin der Frau Aufmerksamkeit in mehr als dem schicklichen Maße zukommen zu lassen, ist eine Sache, die ich nicht unbedingt jedem empfehle, sondern nur solchen, die „Je ne regrette rien“ zu einem Lebensmotto zu erheben fähig sind (es kommt natürlich auch darauf an, mit welcher Frau man zusammenlebt).
Aus der Provinz kommend, war die 20jährige blonde Schönheit vom Lebensalltag mitten im bevölkerungsreichsten Ballungsgebiet Mitteleuropas überwältigt (nicht nur im positiven Sinne). Dieses motherless-child-Gefühl schwand, als sie uns kennenlernte. Wir (meine Frau und ich) machten damals täglich unseren Uni-Büchertisch, von dem heute noch manche Legende sagt und singt. Christina fand uns und die Dinge, mit denen wir uns beschäftigten, „unheimlich interessant“. Sie fühlte sich geehrt, von uns wahrgenommen und anerkannt zu werden, von Leuten also, die „schon unheimlich lange“ und mit Ernsthaftigkeit eine – wie könnte man sagen – selbstbestimmte, den uneinsehbaren Zwängen bürgerlicher Konventionen trotzende Existenz praktizierten (ich war damals Anfang dreißig). Es wäre mir schwergefallen, sie nicht wahrzunehmen, so wie die aussah, und so gescheit wie die war. Sie bewunderte uns. Ich muß sagen: Ich habe nur selten einen so wißbegierigen und begeisterungsfähigen Menschen erlebt, und auch nur selten einen so mitteilsamen. Sie redete und redete und redete sich alles vom Herzen, was sie gesehen und erlebt hatte und was ihr durch den Kopf ging. Und sie wollte alles erklärt haben. Dieses blasierte Desinteresse der jeunesse dorée war überhaupt nicht ihre Art.
„Erzähl mir doch mal etwas über den Ostermarsch“, wollte sie wissen, oder: „Was ist das: VVN?“
„Das ist die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes.“
„Was? Das gibt es? Was ich durch dich alles erfahre! Durch dich gehen mir die Augen auf!“
Daß das alles mit Subversion zu tun hatte, mit lustvollem Sich-einfach-über-die-Regeln-Hinwegsetzen, machte die Sache für sie richtig spannend. Sie konnte sich für Politik begeistern, weil sie nicht nur eine notwendige Beschäftigung ist, sondern auch Spaß macht. Aber ein anderes Thema beschäftigte sie mehr, und das war der Sex. Ich würde mal schätzen: Über 80 Prozent ihrer Reden und ihrer Gespräche mit mir handelten vom Sexuellen, und es war auffällig und nicht uncharmant, daß sie die Wörter „sexuell“ und „Sexualität“ mit scharfem „S“ aussprach. „Sexuell“ mit scharfem S klingt sexy.
Es wird wohl so gewesen sein, daß ihre plötzliche Begeisterung für das linksradikale Milieu von der Annahme herrührte, daß die linken Umstürzler die bürgerliche Sexualmoral hinwegfegen und der reinen Lust den Weg ebnen. Ich dachte: „Mädchen, wenn du dich da mal nicht irrst.“ Ich sagte: „Du kannst nicht vom Einzelfall auf das Gesamte schließen.“

christina2Wie fast alle sinnlichen Frauen war sie für die Liebreize des eigenen Geschlechts sehr empfänglich. Aber sie entschied: „Ich finde das ungerecht! In Illustrierten, im Kino und in der Werbung sieht man immer schöne Frauen. Das ist ja auch gut so. Das soll ja ruhig so sein. Aber warum sieht man nicht genauso oft schöne Männer? Ich will nackte Männer sehen!“
Ich antwortete: „Das hat alles ja mit Rollenbildern und gesellschaftlichen Machtstrukturen und dem ganzen Tralala zu tun. Aber könnte es nicht sein, daß – darüber hinaus und davon abgesehen – weibliche Schönheit deshalb in der Darstellung vorherrscht, weil Frauen nun mal das schöne Geschlecht sind?“
„Nein!“ rief sie entschieden. „Männer sind auch schön!“ Und dabei leuchteten ihre Augen.
Ich durfte mir unentwegt ihre Elogen anhören über ihre männlichen Kommilitonen, denen sie eine „göttliche“ Gestalt attestierte. „Göttlich“ war einer ihrer Lieblingsausdrücke, und die Gerhard-Mercator-Universität zu Duisburg muß wohl – für mich zuvor ungeahnt – eine einzige Parade von Adonissen gewesen sein. Ein anderer Lieblingsausdruck war „spannen“. Sie „bespannte“ die einherflanierenden Kommilitonen ungehemmt, das heißt: sie tastete mit Blicken ihre Körperlinien ab und versuchte auch, mit Blicken Signale des Einverständnisses auszusenden.
Ich mußte sie aufklären: „Es freut mich ja, wenn deine Blicke den meinen folgen, wenn ich die Aphroditen und Myrrhinen und Kallipygen betrachte. Aber meine Blicke folgen den deinen nicht überall hin. Denn ich bin sowas von unschwul, sowas von hetero, das ist schon fast wieder pervers.“
Sie wollte von mir wissen, wie ein Mann das empfindet, „wenn er Weiterlesen

Die Anekdote am Sonntag

Geheimrat R. war der Berliner Künstlerszene sehr zugetan, und er betätigte sich auch gern als Mäzen.
Eines Abends am Stammtisch im Café des Westens entging ihm nicht, daß Erich Mühsam wohl großen Appetit, aber mal wieder keinen Pfennig Geld in der Tasche hatte. Er überlegte, wie er dem Dichter diskret beispringen könnte.
„Herr Mühsam“, sagte er, „erinnern Sie sich, daß Sie mir vor einer Woche zehn Mark geliehen haben? Darf ich sie Ihnen hiermit bestens dankend zurückgeben?“
„Sie irren sich, Herr Geheimrat. Es waren zwanzig.“

Wir waren nochmal in der Spinatwachtel für eine Zugabe

Am letzten Dienstag (17. Dezember) haben drei Autoren, die im zu Ende gehenden Jahr in der Spinatwachtel gelesen haben, eine Sondervorstellung gegeben (siehe die Notate vom 4. Juli, 8. Oktober und 9. November).
Ich darf auch im Namen meiner Mitstreiter sagen: Wir haben da gern gelesen, die Veranstaltungen waren gut vorbereitet und durchgeführt, und das Publikum ist auch gut bei uns angekommen. Die Zugabe am Dienstag darf darum auch als Dankeschön an die Veranstalter aufgefaßt werden.

SpinatDez13-1Lütfiye Güzel freut sich über ein gutes Buch. Und ich seh da aus, als wäre ich der Herr Bischof. (Das Buch habe ich geschrieben).

SpinatDez13-2Das Spinatwachtel-Team Andreas Gwisdalla (links) und Susanne Tepaß (rechts) mit Lütfiye Güzel (Mitte). CinemaScope.

SpinatDez13-3Ich habe als erster vorgelesen.

SpinatDez13-4Lütfiye Güzel.

SpinatDez13-5Werner Muth greift ins Weite. The Lady (left) was amused.
Fotos (bei fast völliger Dunkelheit): Heinrich Hafenstaedter.

Willy Brandt hundert Jahre

„… An dieser Stelle, vor vier Jahren, eröffnete Willy Brandt den ersten gesamtdeutschen Bundestag. Ich habe zur Vorbereitung der meinen seine Rede vor kurzem noch einmal gelesen und mit Bedauern festgestellt, daß sich nicht alles von dem, was ihm vorschwebte, erfüllt hat. Willy Brandt hat uns verlassen; doch wir stehen, meine ich, immer noch in seiner Pflicht…“
Stefan Heym als Alterspräsident des Deutschen Bundestages am 10. November.1994.

Sicherlich würde man Willy Brandt nicht gerecht, wenn man in ihm einen Schurken sähe (was manche taten). Für das linke Lager in der Bundesrepublik war es seinerzeit geboten, Brandts Reformpolitik und Ostpolitik gegen seine Gegner, die rechts standen, in Schutz zu nehmen, ohne daran Illusionen zu knüpfen. Was für Willy Brandt spricht, ist am wenigsten das, was ihm „vorschwebte“. Brandts Ostpolitik war von der Einsicht geleitet, daß das Lager der sozialistischen Staaten zu sehr konsolidiert war, um ihm gegenüber mit einer starren, aggressiven Stahlhelmpolitik etwas zu gewinnen. Er war und blieb ein Gegner der DDR, wußte aber einzuschätzen, daß eine Ostpolitik ohne gewisse Konzessionen nicht auskommen konnte. Er erkannte die Fesseln, die der Ostpolitik der BRD angelegt waren. Seine Politik konnte nur so lange nützlich sein, solange es diese Fesseln gab, solange die DDR sich konsolidieren konnte. Brandts Politik konnte nur so lange vernünftig sein, solange er daran gehindert war, zu verwirklichen, was ihm vorschwebte. Man kann sagen: Willy Brandt war so lange eine positive Gestalt der Zeitgeschichte, solange er unter dem Zwang handelte, der durch die Existenz und Stärke der DDR und der sozialistischen Staatengemeinschaft gegeben war. Als dieser Zwang entfiel, blieb von der Entspannungspolitik nichts mehr übrig. Der Kalte Krieg wurde innenpolitisch fortgesetzt.

Aus DER METZGER 48 (1995), hier überarbeitet. Der ganze Text, in dem es um den Kalten Krieg im Kulturleben der 90er Jahre geht, ist auch nachzulesen in „Streiten Sie nicht mit einem Deutschen, wenn Sie müde sind“.

kaffeemann
Noch ein Zitat über Willy Brandt:
„Der Willy Brandt ist ein Versager. Aber als Versager ist der eine Kanone.“
Wolfgang Neuss

Let the Children Play oder Die Reaktion des Gemütes auf die Katastrophe ist eine Katastrophe

In der WAZ regte eine LeserInnenbriefschreiberIn an, gegen den „massenhaft zunehmenden“ sexuellen Mißbrauch ihrer Kinder müßten die Mütter endlich einschreiten: Mütter müßten sich absprechen, daß sie gemeinsam ihre Kinder morgens bis zum Schultor bringen und mittags an der Schule abholen und sie dann keine Sekunde aus den Augen lassen, bis sie sicher zu Hause angekommen sind.
Dann ist die Welt ja wohl endlich in Ordnung: Wenn Kinder stumm und brav keinen unbewachten Schritt mehr tun. Man muß sich das bildlich vorstellen: Dick gewordene Damen, die in der Mutterschaft ihre Erfüllung fanden und die nun entschlossen sind, die Sache in die Hand zu nehmen, bilden eine Eskorte.
Ich erinnere mich an meinen Schulweg. Wir gingen gemeinsam, hatten mittags um eins die Last der Schule von uns geworfen, lästerten, quatschten, alberten herum, machten Umwege, heckten Sachen aus, die für Erwachsenenohren nicht bestimmt waren. Unser Schulweg war eine Reise, auf der man das Leben entdecken konnte. Eine halbe Stunde lang hatten Lehrer und Eltern keinerlei Macht. In der erwachsenenfreien Zone haben wir die Welt erschaffen.
Sie geht unter.

Achtung! Achtung! Zue Tür! Laden schließt an diesem Dienstag früher!

Am Dienstag (17. Dezember) habe ich AN EINEM TAG ZWEI LESUNGEN – zwar nur Kurz-Lesungen, aber sie nehmen mich zeitlich sehr in Anspruch.
Aus diesem Grund ist der Laden am Dienstag (17. Dezember) ausnahmsweise nur von 11 bis 15 Uhr geöffnet.
Wer nach 15 Uhr kommt, steht vor der zuen Tür.

Schließt am Dienstag, 17. Dezember, schon um 15 Uhr.

Schließt am Dienstag, 17. Dezember, schon um 15 Uhr.

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Heiligabend

oder: Wir müssen die Feste feiern wie sie uns gefallen.
In Zeiten der massenweisen sozialen Deklassierung tritt das Religiöse wieder in den Vordergrund. Im Fernsehen wird über Religion diskutiert. Kurz vor Weihnachten war es auch bei Plasberg so weit. Jutta Ditfurth war dabei, und auf Heiligabend angesprochen, bemerkte sie, für sie als Atheistin gebe es keinen „heiligen Abend“.
Am 23. Dezember 1978 wurde anläßlich des neunten Jahrestages unseres Abiturs ein Klassentreffen veranstaltet. Das fand im Duisburger Hof statt (der Lothar Röse hatte immer so komische Ideen). Es war, wie gesagt, der Tag vor Heiligabend. Es war ein sehr kalter Dezember, und zu der Zeit streikten die Mannesmann-Arbeiter für die 35-Stunden-Woche.
Nach dem Treffen fand sich ein Grüppchen von Kameraden zusammen, die noch nicht gleich nach Hause gehen, sondern noch irgendwo zusammen einen trinken gehen wollten. Ich schloß mich an und schlug vor, zum Finkenkrug zu fahren. Das war praktisch bei der Kälte. Denn vom Finkenkrug aus hatte ich nur noch 200 Meter Heimweg.
Also fuhren wir zum Finkenkrug. Reiner Wagner meinte, wir sollten einfach erzählen, wir wären streikende Mannesmann-Arbeiter, dann kriegten wir bestimmt einen ausgegeben.
Das klappte aber nicht. Unsere Beteuerung, streikende Arbeiter von Mannesmann zu sein, veranlaßte niemanden, eine Runde für uns zu schmeißen.
Reiner Wagner war ganz empört: „Was ist das denn hier? Wir sind doch die streikenden Mannesmann-Arbeiter! Warum kriegen wir denn keinen ausgegeben? Ist doch schließlich Heiligabend heute!“
Die Chuzpe, uns nicht nur fälschlich als streikende Mannesmann-Arbeiter auszugeben, sondern den Leuten im Finkenkrug auch noch ein falsches Datum unterzujubeln, erheiterte mich sehr. Das fand ich nicht weniger komisch als die Physiker, die alles mit Fett beschmieren. Jedenfalls ist der Ausdruck „Heiligabend“ seither wieder für mich verwendbar.

P.S.: Axel Eggebrecht berichtete in seinen Memoiren, Anfang der 20er Jahre seien in allen möglichen linken Versammlungen junge Männer in Matrosenanzügen aufgetaucht, die vom Nimbus des Kieler Matrosenaufstandes zehrten. Kaum einer von denen hätte sich jemals in der Nähe der Küste aufgehalten. Ich immerhin habe mal im Stahlwerk bei Mannesmann gearbeitet, und durch die Politik kam ich mit einigen Mannesmännern zusammen: Artur Reisch vom Betriebsrat, Herbert Dräger vom IG-Metall-Vertrauenskörper. Und auch den Herbert Knapp, der damals Betriebsratsvorsitzender war, lernte ich kennen. Man hätte uns also ruhig einen ausgeben können.