Wechselstrom oder Die Liebe in den Zeiten des Telefons (2)

Unseretwegen hatte sie darauf verzichtet, nach ihrem ersten Semester sich in ihr mittelrheinisches Herkunftsgebiet zu begeben, sondern sie blieb in der Stadt, die sie nicht zuletzt mittels unserer Mitwirkung als ihre Heimat angenommen hatte. Ihr erster Besuch bei uns war übrigens an Rosenmontag. Jeglicher karnevalistischen Anwandlung war sie ebenso abgeneigt wie wir, und so war dieser Tag, den wir in kontemplativer Zurückgezogenheit zu begehen pflegten, die ideale Gelegenheit gewesen, uns fern von der Außenwelt unserer Verschworenheit zu versichern.

Christina saß am liebsten bei uns in der Küche

Christina saß am liebsten bei uns in der Küche

Nun wurde ich allerdings von ihr zum Duell herausgefordert. Diese Sportkanone, die im Judo schon manchen Kerl aufs Kreuz gelegt hatte, wollte mir ihre Kraft demonstrieren und forderte mich zum Armdrücken heraus. Was für einen Quatsch man mitmacht, wenn man bezirzt wird! Wir brachen den Zweikampf ab, als es nach zehn Minuten noch keinem gelungen war, den Arm des anderen auch nur um einen Millimeter wegzuschieben. Ich bot ihr remis an.
Als sie sich verabschiedete, bat sie mich noch um einen Gefallen. Ich würde mich doch bestimmt mit erotischer Literatur auskennen und hätte doch bestimmt „solche Bücher“. Hatte ich.
„Ich hab jetzt ein paar Tage frei. Da will ich was Schönes lesen. Ein gutes Buch, aber eins, daß es bei mir kribbelt, verstehst du?“ Verstand ich.
„Kannst du mir was leihen?“ Konnte ich.
Ich zog ein paar Bücher aus dem Regal, zum Beispiel Maud Sacquard de Belleroches „Memoiren einer Frau von vierzig Jahren“ (beide Bände), Jakobsens „Memoiren eines Apfelessers“ und noch ein paar Sachen.
Zwei Tage später am frühen Nachmittag kreuzte sie unerwartet bei mir auf, stürmte herein, warf ihre Tasche auf einen Küchenstuhl und setze sich.
„Also, Helmut, du hast mir da vielleicht ein paar Bücher gegeben! Die haben mich ja ganz schön in Erregung versetzt. Ganz toll! Ich hab den ganzen Tag gelesen, ich konnte das gar nicht mehr aus der Hand legen. Das war ein Genuß! Wie hast du das bloß aufgetrieben? Weißt du, was ich am besten fand? Da war so eine ganz lange Geschichte, da erzählt einer, wie er als Student ein ganz junges Mädchen kennenlernt und was der mit dem Mädchen erlebt.“
„Ach, diese Geschichte. Ja, die kenne ich.“
„Kennst du? Das ist wirklich hervorragend geschrieben, das ist richtige Literatur. Aber zugleich auch – hmm. Das hat gewirkt. Du weißt, was ich meine. Die Geschichte habe ich immer wieder gelesen. Ich hab mir vorgestellt, ich wäre das Mädchen in der Geschichte, und der Mann würde das alles mit mir machen.“
„Das hast du dir vorgestellt? Daß du das Mädchen bist?“
„Jaja!“
„Und daß der Mann das alles mit dir macht?“
„Ja.“
„Das ist bemerkenswert.“
„Wieso?“
„Jetzt verrate ich dir ein schockierendes Geheimnis.“
„Sag!“
„Also, der Name des Verfassers ist ein Pseudonym.“
„Ist anzunehmen.“
„Diese Geschichte habe ich geschrieben.“
„Waaas? Die hast duuu geschrieben? Wirklich? Das ist ja – Ehrlich?“
„Ja.“
„Du? Das ist ja phantastisch! Mensch! Wenn ich das gewußt hätte! Ich gratuliere dir! Und das ist alles so passiert?“
„Die reine Wahrheit! Nichts erfunden!“
„Die Glückliche!“
Christina war nunmehr davon überzeugt: „Du bist ein phantastischer Liebhaber.“
„Aber Christina! Sowas sagt man doch nicht einfach so ungeprüft. Bevor man sowas sagt, muß man das doch erst mal in der Wirklichkeit erproben.“
Sie schüttelte den Kopf. „Nicht nötig! Wer sowas schreiben kann, der ist ein phantastischer Liebhaber.“
(Es gibt Momente, da möchte man in einen Tisch beißen).
Sie sagte mir zum Abschied noch, die Lektüre erotischer Texte habe sie zu dem Entschluß gebracht, selbst solche Texte zu schreiben. Wir könnten uns ja dann unsere Geschichten am Telefon gegenseitig vorlesen. So geschah es dann auch. Sie rief mich an einem der nächsten Abende an. Sie rief frohgemut, sie habe jetzt ihre ersten zwei erotischen Geschichten geschrieben, und sie las sie mir vor. Bei der ersten handelte es sich um eine verschwärmte Huldigung an einen ihrer aus der Ferne bewunderten Kommilitonen, einen genüßlichen Lobpreis seiner vorteilhaften Erscheinung und eine Handlung, bei der heiße Wünsche Vater des Gedankens waren. In der zweiten Geschichte berichtete sie, wie ein Teenager (also sie) den Liebhaber ihrer Mutter so lange triezt, bis ihm der Kragen platzt („Weißt du, was du verdienst?“). Den „Liebhaber“ hatte sie mit meinen Wesenszügen ausgestattet und ihm auch meinen Namen gegeben. Dann aber wartete sie mit dem Entwurf eines Artikels auf, den sie für den METZGER schreiben wollte, in dem sie sich kritisch mit dem Feminismus auseinanderzusetzten gedachte. Christina wetterte leidenschaftlich gegen Zickigkeit und Prüderie der Emanzen und wies sie als Versuch, Frauen in ihrer Selbstbestimmung zu beschneiden, zurück. Daß durch einen Artikel im METZGER nicht sogleich das gesamte europäische Geistesleben von Grund auf umgekrempelt wird, darauf mußte ich sie vorsichtig aufmerksam machen.

UniCampusChristina rief mich an. Sie sei in der Uni gewesen und nun nach Hause gefahren. Aber ihre Tasche sei noch in der Mensa. Die solle ich ihr doch bitte nach Hause bringen.
Weil ihr die hundert Meter vom Fahrradständer zur Mensa zu weit waren, durfte ich ihr die Tasche von Neudorf nach Hochfeld nachtragen. Das habe ich auch getan. Für ein Dankeschön.
Ich hielt es daraufhin für erforderlich, eine Fotografie von ihr anzufertigen. Sie stellte sich in Cat-Balou-Pose vor die Kamera, die ich auf dem Stativ in 50 Zentimeter Höhe aufgestellt hatte.
Mit dieser Fotografie sollte zum Ausdruck kommen, wie vollkommen ich von ihr beherrscht wurde.
Diese energisch in die Hüften gestemmten Arme! Dieser über die Schulter geworfene herausforderne Iswas?-Blick!
Und dieser Arsch!

ChristinaLHOOQChristina sah das Foto und rief: „Bo! Was habe ich da für einen dicken Arsch! Du hast mich aber auch so fotografiert, daß mein Hintern so richtig plastisch hervorgehoben wird! So richtig zum Draufhauen! Nicht schlecht eigentlich.“
„Ich wollte nicht nur zeigen, daß du mich beherrschst, sondern auch: wie.“
„Und was bedeutet ‚LHOOQ‘?“
„Das mußt du französisch aussprechen. Dann klingt es: ‚Elle a chaud au cul‘. Das heißt auf deutsch: Sie hat einen heißen Arsch.“
„Also! Helmut! Na!“
Ihr Bemühen, jetzt nicht zu lachen, scheiterte.

Sie ging mit uns zum Ostermarsch. Der fing damals noch auf dem Dellplatz an. Diese Tat hatte für sie den Rang einer Ozeanüberquerung. Sie muß sich wohl gesagt haben: Jetzt gehe ich zum Ostermarsch, und jetzt wird die Welt aus den Angeln gehoben! (Wer nicht mit einer solchen Haltung da hingeht, kann auch gleich zu Hause bleiben). Nebenbei fand sie heraus, daß es beim Ostermarsch viele schöne Männer zu sehen gibt.
„Ich bin mal gespannt auf diesen Redner. Wie heißt der nochmal? Oskar Lafontaine, nicht? Was macht der eigentlich sonst noch?“
„Das ist der Oberbürgermeister von Saarbrücken.“
Ich wollte die ganze Strecke gehen bis nach Essen. Die beiden Frauen wollten nur bis Oberhausen mitgehen und dann zurückfahren. Sie überredeten mich: „Och, komm doch mit uns. Bleib doch bei deinen Frauen!“
Während ich in der Küche das Essen für die Damen kochte, hörte ich durch die Tür, was sie miteinander besprachen.
„Ihr geht ja etwas freier damit um, mit anderen Beziehungen und so, scheint mir“, meinte Christina. Magda antwortete: „Solange die Freundinnen nicht in unsere vier Wände eindringen. Das ist die Tabuzone.“
„Jetzt bin ich aber in die Tabuzone eingedrungen. Ich hab mich nämlich in euch beide verliebt. Ich hab Angst vor einer Beziehung zu dritt, das heißt: vor den Folgen. Aber wir stecken wohl schon mitten drin. Weißt du, was mich wundert? Er faßt mich nie an. Mal ‘ne Umarmung, ja. Mal ‘n Küßchen, mal den Arm um die Schulter oder um die Taille. Aber sonst nichts. Er darf mich doch anfassen. Ich erlaube es ihm, wenn er vorsichtig ist“
In der Tat: So vollkommen intim unsere Gespräche auch waren, hatte ich mich zugleich sehr zurückgehalten. Das hatte auch was mit dem Vier-Wände-Prinzip zu tun. Zudem schätzte ich sie mittlerweile so ein, daß sie das, wonach sie sich sehnte, zugleich auch fürchtete.
„Wenn ein Mann das mit mir machen würde, was ich mir von einem Mann wünsche, dann würde ich dem hinterherlaufen. Dann wäre es aus mit meiner Selbständigkeit. Darum darf das nicht geschehen.“
Die war wirklich verrückt. Die lebte in einer Spannung, die kein Mensch aushalten kann. Sie war in Gefahr, von ihren enormen sexuellen Sehnsüchten und Phantasien beherrscht zu werden anstatt sie zu beherrschen. Sie schwärmte von Männern, deren Unerreichbarkeit sie leiden ließ und deren Erreichbarkeit sie fürchten ließ.
„Wenn der Helmut mit mir machen würde, was er am liebsten mit mir machen würde, dann wäre ich verloren.“
Magda fand das geradezu ärgerlich: „Also, so kann das wirklich nicht weitergehen mit dir! Diese Spannung kannst du doch nicht aushalten. Wieso wäre es dann aus mit deiner Selbstständigkeit? Das gibt‘s doch nicht!“
Die vorzeitige Heimkehr an diesem Ostersamstag hatte noch einen besonderen Grund. Im Fernsehen lief am Nachmittag (!) ein Film mit einer Spanking-Szene. Das mußte sie ja unbedingt sehen. Danach war sie so aufgeregt, daß sie nur noch stottern konnte. Ich lobte sie: „Du kannst dich ja richtig darüber amüsieren, ohne pflichtschulige Empörung über ‚Gewalt‘ und so‘n Quatsch.“ Sie meinte: „Ich fand das aber auch richtig süß, richtig sexy. Das ist doch keine Gewalt. Das ist doch niedlich.“
An diesem Ostersamstag setzte Christina zwei Beschlüsse durch (aus denen aber letztlich doch nichts wurde). Sie meinte, wir – alle drei – sollten erotische Geschichten schreiben (sie sagte „pornografische“) und dann, etwa nach einem Jahr – als Buch herausgeben. Ich meinte: gut, das ginge. Ich weiß, wie Bücher hergestellt werden. Und wir hätten ja auch schon was in den Schubladen liegen, was allerdings noch gründlich überarbeitet werden müßte.
Ihre zweite Idee war, mich zu sportlichen Aktivitäten abzukommandieren. Zweimal in der Woche umrundete sie im Dauerlauf den Toeppersee. Dem hätte ich mich anzuschließen.
Ich wehrte ab: „Ich habe dafür nicht die geeignete Kleidung.“
„Das macht nichts. Du kannst meinen Judoanzug anziehen.“
Ich konnte nur noch resigniert feststellen: „Hier ist die Weiberherrschaft ausgebrochen!“
„Hast du gehört, was der gesagt hat?“
„Hab ich richtig gehört? ‘Weiberherrschaft‘ hat er gesagt!“
„Ich fasse es nicht! ‚Weiberherrschaft‘!“
„So eine Frechheit!“
„Der kann was erleben!“
„Was machen wir mit dem?“
„Ins Wasser schmeißen.“
Das Buchprojekt ist, wie gesagt, letztlich im Sande verlaufen. Und ich konnte es – ich weiß nicht mehr, wie – abwenden, um den See rennen zu müssen. Ich im Dauerlauf keuchend hinter dieser Sportkanone her rund um den Toeppersee! Im Judoanzug! Bitte stellen Sie sich das nicht bildlich vor!

Der erwähnte Artikel erschien in DER METZGER 36.

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2 Gedanken zu „Wechselstrom oder Die Liebe in den Zeiten des Telefons (2)

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