Wechselstrom oder Die Liebe in den Zeiten des Telefons (3)

Es hatte einen Skandal gegeben. Peter Dietz vom Eschhaus hatte für eine Veranstaltung der Grünen ein Plakat entworfen, das in der „Szene“ als „sexistisch“ identifiziert wurde, natürlich erst, nachdem das Plakat in Umlauf gebracht worden war, sonst wär‘s ja nur ein kleiner Skandal gewesen, und man empört sich eben lieber über große Skandale. (Das Plakat zeigte ein Rock‘n‘Roll-Tanzpaar). Jedenfalls beschloß ich, daß dieser „sexistische“ Künstler das Cover für die nächste METZGER-Ausgabe (Nr. 37) gestalten sollte. Bei dieser Gelegenheit erzählte er mir:
„Du hast ja in der Szene ein sehr negatives Image.“
„Tatsächlich? Ich dachte eher, man würde mich tunlichst ignorieren.“
„Weit gefehlt. Man munkelt. Man sucht nach Gründen und findet welche. ‚Kennst du schon die neueste Schote vom Loeven und seinen zwei Frauen?‘ Und jetzt auch noch ein Buch mit Sex-Geschichten!“
Na, dachte ich, jetzt fängt‘s an, Spaß zu machen. Übrigens war Christina nur ein einziges mal im Eschhaus.

M037Christina bekam Besuch aus ihrer mittelrheinischen Heimat. Das war Össi, so ‘ne Art Jugendfreund.
„Der Össi würde gern mit mir was anfangen. Aber ich will das nicht. Der will mich heiraten. Aber der setzt nichts bei mir in Gang, verstehst du? Sexuell regt sich da nichts bei mir.“
Sie hatte mir ein Klassenfoto gezeigt. Da stand sie neben ihrem damaligen Freund. „Und sieh mal: Der Typ, der da hinter uns steht, das ist der Össi. Der stand immer in der Nähe und hat immer aufgepaßt und immer gewartet, daß ich mit meinem jeweiligen Freund Schluß mache, damit er dann drankommt.“
Und jetzt war dieser Össi eine Woche lang zu Besuch bei ihr. Der Einfachheit halber übernachtete er auch bei ihr, und zwar zusammen mit ihr in ihrem Bett, „ohne daß etwas passiert“. Ich wußte ja, daß sie im Bett nichts anhat. Sie schläft nackt. Ich fragte vorsichtig, ob sie, solange sie ihr Nachtlager mit dem teilt, dann doch einen Pyjama trägt oder sowas. „Nein. Du weißt doch: Ich schlafe immer nackt.“
Jetzt werde ich aber mal moralisch: zusammen in einem Bett, und dann auch noch nackt, „ohne daß etwas passiert“. Dafür habe ich wenig Verständnis.
Und nun sollte ich Össi kennenlernen, in Christinas Dachwohnung auf der St.-Johann-Straße. Er war ein etwas dicklicher, linkischer Typ, der nicht so recht wußte, ob er mir die Hand geben und ob er mich mit „Sie“ anreden mußte. Er war mir schon deshalb unsympathisch, weil er bei der Bundeswehr den Grundwehrdienst abgeleistet hatte. Der war zu doof gewesen, sich davor zu drücken. Und wie kann man nur Össi heißen? Als er mich sah, dachte er bestimmt: „Also schon wieder einer! Na ja, dann warte ich den eben auch noch ab.“ Während dieser festklebende Reservist schweigend dabei saß, redete Christina über unser Buchprojekt, und sie breitete wieder mit allen Details ihre sexuellen Phantasien vor mir aus, über die er nicht mitzureden hatte. Dafür durfte er, nachdem ich gegangen war, seine Göttin nackt sehen und neben ihr liegend sich Mühe geben, Berührungen zu vermeiden.
Als ich ging, wußte ich nicht, über wen von den beiden ich mich mehr ärgern sollte. Über sie, daß die das mit dem macht? Oder über ihn, daß der das mit sich machen läßt? So ging ich zu Fuß von Hochfeld nach Neudorf, denn wenn man schlecht gelaunt ist, muß man zu Fuß gehen.
Als der Reservist endlich wieder weg war, spazierte ich mit Christina die Lotharstraße entlang.
„Also mit dem Össi wird das nichts“, sagte sie. „Das hab ich ihm auch diesmal wieder gesagt, daß das nichts mit uns gibt und daß sexuell nie was zwischen uns laufen wird. Der würde ja gerne, und wartet, bis ich für ihn frei bin. Aber ich will den nicht. Zum Beispiel: Der würde mir nie den Hintern versohlen.“
„Weiß der denn überhaupt, daß du auf Spanking stehst?“

Das hätte der Herr Össi NIE getan! Und Christina hätte man auch wohl kaum je mit High Heels gesehen.

Das hätte der Herr Össi NIE getan! Und Christina hätte man auch wohl kaum je mit High Heels gesehen.

„Natürlich weiß der das!“ rief sie entgeistert. „Das habe ich ihm selbstverständlich gesagt, daß ich darauf stehe und daß ich mich danach sehne und daß ich das brauche und daß ich das von einem Mann erwarte. Aber das kann der nicht. Der ist eben ein Schlappschwanz wie die meisten Männer. Für den bin ich doch eine Göttin. Der himmelt mich an. Aber das reicht mir nun mal nicht.“

An einem Abend rief sie mich an. Ich erkannte ihre Stimme kaum. Sie war verheult, ihre Stimme vor Verzweiflung verzerrt.
„Helmut, kann ich zu dir kommen? Ich weiß sonst nicht, was ich machen soll. Es ist ganz furchtbar!“
„Soll ich zu dir kommen?“
„Ich komm zu dir.“
„Ja, komm sofort.“
Ein paar Halbstarke hatten sie im Karl-Lehr-Tunnel angepöbelt, das hatte sie völlig fertiggemacht. Sie saß dann bei mir in der Küche und heulte sich aus.
„Helmut, wenn ich jetzt nicht bei dir sein könnte, dann wüßte ich nicht mehr ein noch aus. Ich bin so fertig, so fertig! Nur bei dir fühl ich mich jetzt sicher.“
Ich brauchte nicht viel zu sagen. Ich brauchte nur zuzuhören, wie sie ihre Enttäuschung, ihre Angst und ihre hilflose Wut ablud. Ich sagte dann aber noch, daß sie nicht nur heute erfahren haben wird, wie sie als Frau behandelt wird. „Du wirst dich auch noch auf eine ganz andere Art als Frau erleben. Und das wird dann sehr schön für dich sein.“ Und ich dachte zugleich: Oh je, hoffentlich fange ich jetzt nicht an, Kalendersprüche aufzusagen. Aber sie war ganz froh darüber, atmete auf.
Die Situation, die sie mir beschrieben hatte, war eigentlich nicht wirklich gefährlich gewesen. Die Kerle hatten sie nicht angegriffen, nicht bedroht, sondern „nur“ beleidigt. Sie, in mehreren Selbstverteidigungstechniken trainiert, hätte – da war ich sicher – eine ganze Horde von Halbstarken außer Gefecht setzen können. Aber diese Bösartigkeit, diese Gehässigkeit, dieser Haß auf Frauen – wie verletzend das ist, wie tief das eindringt, das wurde mir an diesem Abend vor Augen geführt.
Ich war allein zu Hause in dieser Woche. Ich bot ihr an, bei mir zu übernachten – natürlich in dem anderen Zimmer. Sie brauchte also nicht noch einmal in die Nacht hinaus. Aber sie fühlte sich bald wieder stark und wehrhaft. Sie war fröhlich, als sie sich auf den Heimweg machte.
„Danke, daß du dich um mich gekümmert hast.“
Eine andere Begegnung war – auf gewisse Weise – vielleicht noch schlimmer. Schlimmer als Halbstarke sind doch oftmals die Verwandten, die Familien-Bande. Die Tanten und Cousinen, die es der Christina nicht nachsehen, daß sie klug und schön ist und dazu noch ein uneheliches Kind.
„Die haben den ganzen Tag auf mir herumgehackt. Die haben die ganze Zeit gestichelt und mich beleidigt. Die haben mich so geringschätzig behandelt. Aber die können mich nicht fertigmachen. Denn ich habe an dich gedacht. Du gibst mir eine Kraft, die ist unbeschreiblich.“
Christina hatte auch eine Methode gefunden, die angehimmelten Kommilitonen zu ärgern, die sie (ohne etwas zu ahnen) hatten abblitzen lassen, nämlich durch ein besonders verführerisches Auftreten: ein zwar dezentes, aber gekonnt aufgetragenes Make-up, ein zwar sparsam dosiertes, aber betörendes Parfüm, ein T-Shirt, unter dem sich ihre Nippel abzeichneten, und ihre Rundungen akzentuierende hautenge Jeans.
„Wenn ich nicht bedingungslos auf deiner Seite wäre,“ sagte ich, „dann würde ich solch ein sträfliches…“
„Hihi!“
„…Verhalten mißbilligen. Außerdem könntest du mich ruhig auch öfter mal ärgern.“
Sie trug an dem Tag – sehr gewagt – ein leichtes Sommerkleid, sehr dünn und eng anliegend.
„Mit diesem Kleid hat es eine besondere Bewandtnis“, sagte sie. „Erstens: Ich habe es selbst genäht. Zweitens: Es ist durchsichtig. Und drittens: Ich habe darin einen schönen Po!“
„Habe ich gesehen.“
„Du guckst natürlich sofort da hin.“

FORTSETZUNG FOLGT

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