Spex weg

Wieder muß ein phantasieanregendes, der gesellschaftlichen Verblödung entgegenwirkendes Medium das Feld räumen.
Von spex wird noch zwei Ausgaben erscheinen, und zwar am 25. Oktober und dann nur noch die Nummer 384 am 27. Dezember, und dann ist Schluß.
Im September 1980 erschien die Ausgabe Nr. 1, damals noch mit dem Untertitel „Musik zur Zeit“ (heute: „Magazin der Popkultur“).

Erste Spex-Ausgabe 1980

Georg Seeßlen kommentiert in der Zeit:
„Gerade in ihrem Überlebenskampf schaffte es die Spex immer wieder einmal, spannend und relevant zu sein. Aber eben nur noch für eine Minderheit von Leserinnen und Lesern, für die Pop und Kultur einen Zusammenhang aus Enthusiasmus und Kritik haben. Am Ende hat es zum ökonomischen Überleben nicht gereicht. Enthusiasmus und Kritik, Pop und Kultur müssen sich einen neuen Ort suchen. Dort wird man nicht vergessen, was die Spex bedeutet hat.“

Neu in der Weltbühne: Metz / Seeßlen

Markus Metz / Georg Seeßlen: Der Rechtsruck. Skizzen zu einer Theorie des politischen Kulturwandels. Verlag Bertz + Fischer. 240 Seiten. Paperback. 12 Euro.

Der Verlag über das Buch:
Ein Gespenst geht um in Europa und anderen Ländern des einstmals so goldenen Westens, das Gespenst des Rechtspopulismus. Und wie es so geht mit Gespenstern: Es nährt sich von der Furcht, es wirkt durch grausige Effekte, und oft genug steckt hinter dem gespenstischen Spuk noch etwas anderes als die ewige Wiederkehr des Totgesagten. Der scheinbar unaufhaltsame Weg von den repräsentativen Demokratien zu totalitären, populistischen und neu-nationalistischen Regimes hat Ursachen, Medien, Sprachen, psychologische, ökonomische und kulturelle Wirkkräfte, die erst durch die gegenseitige Verstärkung solch einen phänomenalen Sog erzeugen.
Es gibt nicht den einen und alles erklärenden Grund für den größten politischen Rückschritt der letzten Jahrzehnte, der von Trump zu Orbán, von der AfD zu den Neofaschisten, von der Neuen Rechten zu den populistischen Parolen gegen »Establishment« und »Lügenpresse« reicht. Vielmehr erleben wir ein unübersichtliches, oft sogar widersprüchliches Durcheinander von Symptomen und Krankheiten einer Demokratie, die ihre besten Tage, wie es scheint, hinter sich hat.
Aber allen diesen Erscheinungen des Rechtsrucks sind zwei Eigenschaften gemeinsam: Sie sind nicht geheimnisvoll, und sie sind nicht schicksalhaft. Sie sind vielleicht immun gegen einen vernünftigen Dialog – gegen Erkenntnis und Analyse dagegen nicht. Zu verstehen, was da eigentlich vor sich geht, ist die erste Waffe der demokratischen Zivilgesellschaft im Kampf gegen den Rechtsruck und die Wiederkehr von Nationalismus, Rassismus und Faschismus. Das beste Mittel gegen Gespenster ist, ihnen furchtlos, aufrecht und mit genauem Blick entgegenzutreten.
Die Autoren:
Markus Metz, geboren 1958, Studium der Publizistik, Politik und Theaterwissenschaft an der FU Berlin, arbeitet als freier Journalist und Autor vorwiegend für den Hörfunk. Lebt in München. Jüngste Buchveröffentlichungen (zusammen mit Georg Seeßlen): »Kapitalistischer (Sur)realismus. Neoliberalismus als Ästhetik«; »Freiheit und Kontrolle. Die Geschichte des nicht zu Ende befreiten Sklaven«; »Hass und Hoffnung. Deutschland, Europa und die Flüchtlinge«.
Georg Seeßlen, geboren 1948, Publizist. Texte über Film, Kultur und Politik für Die Zeit, der Freitag, Der Spiegel, taz, konkret, Jungle World, epd Film u.v.a. Zahlreiche Bücher zu Film, populärer Kultur und Politik, u.a.: »Martin Scorsese« (Reihe film: 6); »Quentin Tarantino gegen die Nazis. Alles über INGLOURIOUS BASTERDS«; »Tintin, und wie er die Welt sah. Fast alles über Tim, Struppi, Mühlenhof & den Rest des Universums«; »Sex-Fantasien in der Hightech-Welt« (3 Bände) und »Das zweite Leben des ›Dritten Reichs‹. (Post)nazismus und populäre Kultur« (2 Bände); »Trump. Populismus als Politik«; zusammen mit Markus Metz: »Blödmaschinen. Die Fabrikation der Stupidität«; »Kapitalistischer (Sur)realismus. Neoliberalismus als Ästhetik«; »Freiheit und Kontrolle. Die Geschichte des nicht zu Ende befreiten Sklaven«; »Hass und Hoffnung. Deutschland, Europa und die Flüchtlinge«.

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WELTBÜHNE MUSS BLEIBEN.

Wieder in der Weltbühne: Siegfried

„Siegfried“ ist eines von den Büchern, die nicht geschrieben wurden, sondern gesprochen (und dann vom Tonband abgetippt). Jörg Schröder diktierte sein Meisterwerk dem Kollegen Ernst Herhaus. Das war 1972.

Jörg Schröder erzählt sein Leben als Verleger. Nach einigen Stationen in der Branche stieg er als Geschäftsführer beim ruinösen, unbekannten Melzer-Verlag ein, machte Melzer zu einer Marke, die heute noch Klang hat. Josef Melzer dankte es ihm nicht. Er setzte Schröder vor die Tür und hatte das Nachsehen. Denn Jörg Schröder gründete von einem Tag auf den anderen (1969 war das) den März-Verlag. Die Melzer-März-Story ist der Kern der Verleger-Memoiren – oder sollte man sagen „Verleger-Plauderei“? Das spannende, höchst unterhaltsame Buch wurde zu einem Skandal. Genannten und auch ungenannten Personen standen die Haare zu Berge, weil Schröder frank und frei ausplauderte, was das Publikum doch eigentlich nicht wissen muß. Von richtig dicken kriminellen Dingern kann kaum die Rede sein. Doch das Publikum muß doch eigentlich nicht wissen, wie es so zugeht auf dem Markt der Ideen und Schoten, der Eitelkeiten und Eifersüchteleien. Die Erregung nebst Gerichtsverfügungen rundeten den Schkandal ab.
Der März-Verlag mit seinen chartakteristischen gelben Einbänden verschwand und tauchte immer mal wieder auf, z.B. im Verbund mit Zweitausendeins, was auch nicht gut ausging. Da und dort erschienen Reprints oder Sammelcassetten.
Für diesen Buchherbst ist aus Anlaß des 80. Geburtstags von Jörg Schröder am 24. Oktober die Neuausgabe von Schröders „Siegfried“ angekündigt, jetzt im Verlag Schöffling & Co. Wer sich beim Lesen gern vergnügt, dem ist geraten: unbedingt zugreifen! (544 S., 28 €).
Die Neuausgabe erscheint mit erheblich erweitertem Umfang. Ergänzt wird die Neuausgabe mit einer umfangreichen Vita mit zahlreichen Abbildungen und Faksimiles: „Das ganze Leben. Jörg Schröders Vita“ aufgezeichnet von Barbara Kalender.
Auf ein verwandtes Buch will ich Ihr Interesse lenken: „Immer radikal, niemals konsequent. Der MÄRZ Verlag. Erweitertes Verlegertum, postmoderne Literatur und Business Art“ von Jan-Frederik Bandel, Barbara Kalender, Jörg Schröder, Verlag Philo Fine Arts. Das ist nicht nur die Geschichte dieses Verlages, sondern zudem ein weiter Blick in die prograssive (Gegen-)Kultur, in der März-Verlag (sich aus-)wirkte.
Und dann gibt es noch die DVD „Die MÄRZ-Akte“, ein „Dokumentar“-Film mit dem unvergleichlichen Horst Tomayer. (Findet man alles in der Weltbühne).

Die Bildzeitung kassiert Geld

Daß ihre Ersparnisse („Erspartes“) in Gefahr sind, hat der Bildzeitungsleser immer schon gefühlt. Irgendwie spürt er, von undurchsichtigen Machenschaften umzingelt zu sein, die die Jugend verderben und das Geld wertlos machen. Diese kleinbürgerliche Ur-Angst, daß der Boden, auf dem man steht, unsicher ist, gehört zu den Voraussetzungen autoritärer Herrschaft (und der Bereitschaft, sich dieser Herrschaft anzuvertrauen, beziehungsweise sie herbeizusehnen).
Eine weitere solche Voraussetzung ist der Neid – in diesem Fall auf die, die mal eben so 20 oder 50 Tausend übrig haben. „Da ist man doch immer fleißig gewesen, aber das nützt einem heutzutage ja gar nichts mehr, seitdem die da oben – – – und die ganzen Ausländer – – – . Und unsereins?!“ Das ist das Ur-Empfinden. irgendwie (man weiß nicht wie) betrogen zu werden.
„Der legendäre Kleine Mann, der immer litt und nie gewann“, sang mal ein Dichter.

Und so weiter:
Der Wahlspruch bildzeitungslesender Arbeitsloser: „Wer Arbeit sucht, der findet auch welche“.
Der arbeitslose Bildzeitungsleser soll glauben, der einzige Arbeitslose zu sein, der nur Pech hatte. Aber „denen ( „denen“ – – – „denen“ – – – „denen“ – – – „denen“ – – – „denen“) schiebt man es vorne und hinten rein. Für sowat habense Geld!“

Schön und charmant

Zum Bühnenprogramm von Esther Bejarano auf dem UZ-Fest (siehe Reportagenserie in diesem Blog) gehörte auch der deutsche Schlager aus dem Jahre 1939 „Bel Ami“. Dieser Schlager (Text: Fritz Beckmann, Musik: Theo Mackeben) wurde polulär durch den UFA-Film gleichen Titels (1939, Regie: Willi Forst). Lizzi Waldmüller sang das Stück.

Du hast Glück bei den Frau’n, Bel Ami!
So viel Glück bei den Frau’n, Bel Ami!
Bist nicht schön, doch charmant,
bist nicht klug, doch sehr galant,
bist kein Held,
nur ein Mann, der gefällt.
Du verliebst jeden Tag dich aufs Neu,
alle küsst du und bleibst keiner treu.
Doch die Frau, die dich liebt,
machst du glücklich wie noch nie,
Bel Ami! Bel Ami! Bel Ami!

Die Popularität dieses Stückes mag auch daher rühren, daß seine Aussage so amoralisch und ganz und gar unheroisch ist und in das Jahr des beginnenden Weltkrieges gar nicht hineinzupassen schien: Kein Held, nur ein Mann, der gefällt.
Joseph Goebbels, der Oberbefehlshaber über Film und Musik, wußte, daß das Kino nicht nur agitieren sollte, sondern darüber hinaus auch die Stimmung erhellen, gute Stimmung zum verbrecherischen Spiel liefern konnte. Zudem handelte es sich um die Verfilmung des Romans Bel-Ami von Guy de Maupassant. Da konnte man die Leichtigkeit des Seins dem Erbfeind ankleben.

Wie kommt dieser Schlager ins Programm einer kommunistischen Revue?
Esther Bejarano erklärte: Im KZ Auschwitz wurde sie gefragt, ob sie das Lied kennt und vorsingen kann. Auf dem Akkordeon sollte sie sich selbst begleiten. Sie konnte Klavier spielen; ein Akkordeon hatte sie noch nie in der Hand gehalten. Aber es gelang ihr, das Stück auf der Klaviatur des Akkordeons zu spielen. Also wurde sie in das Mädchenorchester von Auschwitz aufgenommen. Der deutsche Schlager „Bel Ami“ rettete sie vor der Gaskammer.

Es ist geradezu unheimlich: eine solche Geschichte aus der Hölle.
Jede Musik ist politisch, weil jede Musik etwas ausdrückt, weil sie zu den Lebensäußerungen gehört, und weil eine Generation sich aufbäumen mußte, auch dafür, daß die Musik dem Befehl und der Verfügung eines Joseph Goebbels entrissen wird.

„Ihr habt keine Schuld an dieser Zeit. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt. Ihr müsst alles wissen, was damals geschah. Und warum es geschah.“
Esther Bejarano

Reportage vom UZ-Pressefest 2018 (Abschluß)

Der Abschluß der Bildreportage vom UZ-Pressefest 2018 in Dortmund. (Fotos: Merkfoto).

Daß der Vorsitzende der DKP Patrick Köbele eine Rede halten wird, lag auf der Hand. Und Sie wissen jetzt, wer Vorsitzender der DKP ist.

Auch hier begegnet man Lemmy.

Esther Bejarano, 93 Jahre alt, tritt heute noch als Sängerin mit ihrer Band Microphone Mafia auf, so auch hier beim UZ-Pressefest der DKP.
Esther Bejarano wurde als 18jährige nach Auschwitz deportiert. Dort gehörte sie bald dem Mädchenorchester an.
Nach ihrer Befreiung aus dem Konzentrationslager engagierte sie sich in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und im Internationalen Auschwitz-Komitee.

Was für eine Nacht! Das Konzert von Konstantin Wecker gehört zu den Höhepunkten der UZ-Pressefeste. Musikalisches Können, scharfsinnige Kommentare zu gesellschaftlichen Zuständen und Kommunikation mit dem Publikum bilden eine künstlerische Einheit.

Der WDR suchte das Eschhaus und hat auch was gefunden

Gestern Fernsehen gesehen? WDR Lokalzeit Duisburg? Dann war ich das, den Sie gesehen haben.

Das war ein kurzer Bericht über das Eschhaus (geschlossen 1987), der zwangsläufig vieles Erwähnenswerte nicht enthalten konnte.
Kann man in der Mediathek sich noch ein paar Tage anschauen:
https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/lokalzeit-duisburg/video-lokalzeit-aus-duisburg-1892.html

Und so steigt das Interesse: In den ersten 5 Minuten nach der Sendung wurde mein Blog 50 mal aufgerufen.

Weitere Rückblicke:
Artikel in DER METZGER 76 (2006)
und mein Beitrag im Duisburg-Jahrbuch 1987 (Mercator-Verlag).

Wieso ist eigentlich morgen (3. Oktober) ein gesetzlicher Feiertag?

Am 3. Oktober feiert die Einheit den Tag der deutschen Einheit.
Das ist nämlich heute nicht mehr so wie früher.
Ich weiß noch, wie das war:
Um zur Ruhr-Universität zu kommen, brauchte ich zunächst mal eine Fahrkarte für den Bus bis zum Hauptbahnhof. Dann brauche ich eine Fahrkarte für den Zug nach Bochum, und schließlich eine Fahrkarte für die Fahrt vom Bochumer Bahnhof zur Uni (mit Umsteigen!).
Heute ist das alles einheitlich. Verkehrsverbund Rhein-Ruhr. Wenn das kein Grund zum Feiern ist!

P.S.: Später wechselte ich zur Duisburger Uni, zu Fuß hin. Die deutsche Vereinheitlichung wäre also gar so nötig gar nicht gewesen.

Kalkar, oh Babybaby Kalkar!

Ja, ich weiß, was Sie jetzt sagen:
Der Oktober beginnt, und dann kommt der bestimmt wieder mit seinem Kalkar. Wie jedes Jahr.
Aber jedes Jahr hat seinen Drittenoktober. Und man sollte daran erinnern, daß just an diesem Tag nationalen Aufschäumens sich die Stimme von Ratio und Humanität regt. Wie jedes Jahr.






Ich für mein Teil mache es anders. Ich werde den Drittenoktober am Schreibtisch verbringen. Wie jedes Jahr.