Satire ist das, was Satiriker machen

„Eine Satire, die zur Zeichnung einer Kriegsanleihe auffordert, ist keine.“ Kurt Tucholsky

In den Kommentar- und Leserbriefspalten der Zeitungen werden derzeit Gutachten und Regelwerke verkündet, was Satire darf/soll/darf/kann, und mir gefällt das nicht.
Reicht es nicht, wenn 20, 30, 40 Millionen Leute dem Fußball-Bundestrainer Ratschläge geben? Ist das nicht genug Betätigungsmöglichkeit für Leute, die immer unbedingt was meinen zu müssen glauben?
SatirikerDarfAlles2Auch Leute vom Fach werden interviewt. Mich hat keiner gefragt, und das ist gut so. Ich wäre um eine Antwort verlegen. Ich bin kein Satire-Experte. Ich bin Satiriker. Fragen Sie mich also nicht, was Satire ist. Ich kann Ihnen höchstens sagen, daß die häufig gehörten Definitionen mich verwundern. „Satire übertreibt“, „Satire überzeichnet“. Ach. Ja? Nun gut, das kommt gelegentlich vor. Aber ebenso aufschlußreich wäre die Definition „Satire benutzt den Buchstaben E“.
Ich könnte mich mit der Gegenfrage rausreden: Wer hat den Artikel von Ignatz Wrobel (i.e. Kurt Tucholsky) von 1919 im Berliner Tageblatt, in dem dieser Satz vorkommt, daß Satire alles darf, mal ganz gelesen? Ich würde leichten Herzens bekennen, daß ich den Namen von dem, den jetzt jeder kennt, vorher noch nie gehört hatte, und ich weiß auch nicht, ob ich den richtig behalten habe. Böhmermann?
Um es kurz zu machen, könnte ich also sagen: Satire ist das, was Satiriker machen. Und selbst damit bin ich mir nicht ganz sicher.
Um nicht für unhöflich gehalten zu werden, sage ich dann noch: Das Privileg, alles zu dürfen, muß mit hohen handwerklichen, kreativen, intellektuellen und charakterlichen Qualitäten erworben werden.
Es wurde schon mal gesagt: Satire, die der Zensor versteht, wird zurecht verboten. Das muß sich nicht auf den Zensor beschränken. Wenn ein Spießbürger etwas verstanden hat, dann hat er es falsch verstanden.
Im letzten METZGER (Nr. 117) steht der Satz „Nicht überall, wo Dada drin ist, steht auch Dada drauf“. Mit der Satire sollte man es ebenso handhaben. Sie sollte sich nicht immer als solche zu erkennen geben – damit die, die keine Ahnung haben, nicht gleich wieder alle bescheidwissen.
KunstDerSatire..

Was ist das eigentlich für eine?

SchoenebNixBarbara Schöneberger. Was ist eigentlich mit der?
Sie kann nix, sie ist nicht schön, sie kleidet und frisiert sich unvorteilhaft („overstyled“), sie hat nichts Besonderes geleistet. Über sie steht ständig was in der Zeitung, aber nie was, was man wissen müßte. Sie ist die Belanglosigkeit in Person. Sie findet sich toll. Sie redet dauernd Scheiße. Sie redet dauernd: eine exaltierte Selbstdarstellerin. Ich weiß ich weiß: Klischee Nr. 841: „Herz mit Schnauze“ oder „Schnauze mit Herz“ oder wie heißt das? „Schnauze mit Fresse“ würde besser passen. Sie „moderiert“ dauernd irgendeine „Gala“, bei der Preise verteilt werden und für die die Damen sich alle ebenfalls unvorteilhaft frisieren lassen. Heute hat sie in der WAZ auf einer ganzen Seite auf dumme Fragen überflüssige Antworten gegeben.
Was sollen wir mit der?
Von mir aus kann die weg.
Von mir aus kann die auch bleiben. Ist mir doch egal.

Diese Heinis!

Ach, jetzt hab ich doch glatt die „Akzente“ vergessen!
Die 37. Duisburger Akzente, das Kulturfestival mit dem Titel „Nah und fern – 300 Jahre Duisburger Hafen“ ist vorbeigegangen, und ich habe auf gar keine der Veranstaltungen hier hingewiesen.
Als vor einem Jahr die 36. Duisburger Akzente (Titel: Heimat) beginnen sollten, sagte einer, der für den Literatur-Sektor zuständig war: „Jetzt ist alles schon vorbereitet, die Programme sind gedruckt, und jetzt haben wir gemerkt: Wir haben den Loeven vergessen.“
Ich sagte: Nächstes Jahr werden die mich wieder vergessen.
Und?
Jetzt hab ich doch glatt die „Akzente“ vergessen!

ognoaRstemn cselngsehos?

Rosenmontag2016Eigentlich soll hier ja nur den Kundinnen und Kunden mitgeteilt werden, daß die so gern von ihnen aufgesuchte Buchhandlung am „Rosenmontag“ (wie jedes Jahr aus nämlichem Anlaß) geschlossen ist.
Damit verbinden sich allerdings Überlegungen.
In frühen Zeiten, die ich noch erlebt habe, war in dieser Region die Sache völlig klar: Rosenmontag ruht jedes geschäftliche Tun. Da geht nichts. Also: Alle Geschäfte, Behörden, Ämter, Verwaltungen, Supermärkte, Werkstätten und Werkshallen außer Betrieb.
Mir war der Rosenmontag immer sehr sympathisch. Ich freute mich auf diesen Tag. Er verlängerte das Wochenende! Jeglicher karnevalistischen Anwandlung abgeneigt pflegte ich diesen Tag in kontemplativer Zurückgezogenheit zu begehen. Aber als aufmerksamer Leser wissen Sie das ja längst. (Sie ahnen, was das Foto am Ende dieses Notats an dieser Stelle bedeutet).
Jedoch:
Mit der allgemeinen Individualisierung (oder soll ich besser sagen: Atomisierung? Dummböse Menschen würden sagen: Achtundsechzigerisierung) ist das Dogma, daß an R.-Montag alle Geschäfte, Behörden, Ämter, Verwaltungen, Supermärkte, Werkstätten und Werkshallen außer Betrieb geraten, etwas ins Wackeln geraten. Und in diesem Jahr war es soweit: In Duissern warb ein Supermarkt mit dem Aushang: „Rosenmontag ganztägig geöffnet“.
Wo führt das hin? Steht uns die Schleswigholsteinisierung des Rheinlandes bevor? Werde ich durch den Wirkungsverlust des Karnevals aus meiner Kontemplation gerissen?
Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.
ChristinaLHOOQ-2..

Heil dir im Siegerkrands, Sänger des Vaterlanz

Xavier Naidoo soll für das Deutsche Reich singen, hat die ARD entschieden.
Läßt sich die ARD denn jetzt von der Montags-Friedenswahnmache beraten?
„Ausgerechnet Xavier Naidoo soll Deutschland beim Eurovision Song Contest vertreten. Was die ARD da selbstherrlich im Hinterzimmer entschieden hat, ist der blanke Hohn“, kommentiert Carolin Gasteiger in der Süddeutschen Zeitung. „Wenn Xavier Naidoo Deutschland beim ESC vertritt, wirkt das so, als würde man Matthias Matussek zum Bundespräsidenten küren.“

Hat der ARD-Unterhaltungsfritze Thomas Schreiber nicht gewußt, mit wem er es zu tun hat? Dann ist er bloß dumm. Oder war es ein Unterwanderungsversuch? Dann ist er ein Provokateur. Für letztere ebenso wie für die erstere Möglichkeit spricht, daß er „wußte“, daß X.N. „polarisiert“. Dann hat er sich den X.N. gefragt, ob er wirklich so fies ist wie alle sagen. (So kriegt auch Bandbreite Jobs).

Aber der „schlechte Scherz“ (SZ) findet doch nicht statt. Für den gekürten und wieder abgesetzten Reichsbotschafter ist das „ok“: „Mein Einsatz für Liebe, Freiheit, Toleranz und Miteinander wird hierdurch nicht gebremst.“ Daß Begriffe wie Freiheit und Toleranz zu inhaltslosen Phrasen zerquasselt werden, wird auch nicht gebremst.
ARD-Tollpatsch Schreiber: Die laufenden Diskussionen könnten dem ESC ernsthaft schaden. „Aus diesem Grund wird Xavier Naidoo nicht für Deutschland starten.“
Das ist wiederum schade. Es wäre doch schön, wenn diese europäische Bombastik-Bumm-Schau kaputtzukriegen wäre. Da könnte ein Vertreter des deutschen Kaiserreichs vielleicht doch nützlich sein.
hl-tenoereWer weiß, wo das alles noch hinführt. Vielleicht werden demnächst, wenn „Deutschland“ dran ist, zwei Sänger gleichzeitig gegeneinander singen (siehe Zeichnung).
Metzger114CoverBitte lesen Sie die Xavier-Naidoof-Titelgeschichte in DER METZGER Nr. 114.

Nä! Dat is nich James Bond!

Heute stand in der Zeitung, daß Sean Connery Geburtstag hat (85). Hoch soll er leben! (Gönn ich ihm).
Das ist der Mann, der James Bond gespielt hat.
Nein, man müßte sagen: Das ist einer der Männer, die James Bond gespielt haben.
Die Rolle das „Geheim“-Agenten James Bond wird immer von anderen Schauspielern gespielt. Ja, meinen die denn, ich würde das nicht merken?

In dem Film „Die Marx Brothers auf dem Schiff“ wollen alle drei die Passkontrolleure betuppen, indem Groucho UND Chico UND Harpo behaupten, Maurice Chevalier zu sein. Aber da war das komisch gemeint.

MarxBondFür die Rolle des James Bond war ganz am Anfang Cary Grant vorgesehen. Da hätte sein englischer Akzent, über den man sich in den USA oft lustig machte, gut gepaßt. Aber Cary Grant wollte die Rolle nur einmal spielen, vorgesehen war aber eine Serie. Das hätte der doch ruhig machen können. Dann hätten wir jetzt eben nicht bloß 63, sondern 64 James-Bond-Darsteller.
Ian Fleming, der James-Bond-Erfilnder, fand die Rolle mit Sean Connery fehlbesetzt. Er hätte lieber David Niven in der Rolle gesehen. Den distinguierten David Niven, stellen Sie sich das vor! In der James-Bond-Parodie „Casino Royal“ wurde James Bond dann tatsächlich von David Niven gespielt, und Allewelt lachte darüber: David Niven als James Bond! (Da kann man sehen, daß meist doch nur die Parodie der Wirklichkeit gerecht wird).

Ich mag die James-Bond-Filme, obwohl ich sie nicht mag. Die Arroganz des Killers. Und mehr noch als dieses Jetset-Getue verhaßt sind mir die Leute, die sich von diesem Jetset-Getue blenden lassen. Erträglich wird sowas, wenn man nicht ernst nimmt, was ernst gemeint ist. Aber um mich zu unterhalten hätten doch sechs oder sieben James-Bond-Filme genügt. Die weiteren 84 Filme der Serie wären doch nicht nötig gewesen. Und Ursula Undressed (Andress) hätte sich doch auch woanders undressen können. Helmut Qualtinger sollte mal einen Schurken in einem James-Bond-Film spielen. Das hat er nicht angenommen, denn er lehnte es ab, in einem antikommunistischen und antisemitischen Film mitzuspielen. Bravo!

Markus Wolf, Chef des DDR-Auslandsgeheimdienstes, schrieb in seinen Erinnerungen, die James-Bond-Filme hätten mit der Realität der Geheimdienste gar nichts zu tun. Eine Geheimdienst-Aktion sei nur dann wirklich erfolgreich, wenn die Gegenseite überhaupt nichts merkt.

ADN-ZB/Schöps/8.12.89/Berlin: Markus Wolf ; Schriftsteller.

Und, so meinte Markus Wolf, die Realität sei sowieso viel aufregender als die Fiktion.
Ja, so ist das: Nur die Phantasielosen flüchten aus der Realität.

Dieter Nuhr ist ebenfalls eine Tasse

Dieter Nuhr, der, um als Kabarettist durchgehen zu können, das Näschen zu hoch trägt, und dem, um als Satiriker zu gelten, die Traute fehlt, den Widerspruch zum Volksempfinden (dem gesunden) auf sich zu nehmen, äußerte bei Twitter: „Meine Familie hat demokratisch abgestimmt: Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt. Ein Sieg des Volkswillens!“
Viele, aber nicht alle fanden das gut. Eine Gegenstimme: „Da hat jemand nicht richtig aufgepasst. Wenn, dann müßte es heißen: Meine Familie hat demokratisch gegen die verlangten Sparauflagen unserer Bank entschieden. Wenn man zu dem Ganzen etwas zu sagen hat, dann Bitteschön auch sachlich und fundiert.“
Diesem Rat wollte der Volksbelustiger nicht folgen. Stattdessen führte er vor, daß auch er Krokodilstränen von sich lassen kann: „Daß es den Griechen schlecht geht, ist mir bekannt und extrem erschütternd“, schrieb er auf Facebook, und dann wurde er philosophisch (si tacuisses!): „Aber 200 Jahre Ausbeutung und Korruption abzulösen durch primitiven Antikapitalismus ist so ziemlich das Dümmste, was man tun kann.“
Wer so viel Dummheit in einem einzigen Satz unterbringen kann, ist dann natürlich mit nutzlosen Ratschlägen flott bei der Hand: „Mein Tipp wäre: ein Finanzamt aufbauen, das den Namen verdient, und Korruption bekämpfen, anstatt die anzupissen, die genau dabei helfen wollen.“
Ist das die kabarettistische Kunst des „Kabarettisten“ Dieter Nuhr, Regierungspropaganda in die Latrinen-Version zu übertragen? Für einen, der anscheinend überhaupt nicht mitgekriegt hat, was da eigentlich vor sich geht, nimmt er das vorlaute Mündchen reichlich voll.

"Nie ohne meine Maserung!"

„Nie ohne meine Maserung!“

Er findet, Schäuble und sein europäisches Gefolge „wollen nur helfen“, sanftmütig wie er sie findet. Dieter Nuhr hat nicht mitgekriegt, daß die Gläubiger-Bagage befohlen hatte, Finanzbeamte zu entlassen, und verboten hatte, qualifizierte Finanzfachleute nach der Ausbildung in den Staatsdienst zu übernehmen. Dieter Nuhr hat nicht mitgekriegt, daß der Plan der griechischen Regierung, auf sehr hohe Einkünfte höhere Steuern zu erheben, vom Gläubiger-Kartell vom Tisch gewischt wurde. Denn einme Regierung, die im von Berlin aus regierten Europa noch „Piep“ sagen will, hat es nicht von den Reichen, sondern von den Rentnern zu nehmen. So entspricht des der marktliberalen Doktrin, die mit religiösem Fanatismus durchgedrückt wird, und wenn alles in Scherben fällt.
Wer sich von Elend „erschüttert“ zeigen will, sollte nicht die feiern, die das Elend nicht nur verschuldet haben, sondern auch vergrößern wollen.
Irgendjemand (ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn) hat mal gesagt: „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten.“ Diesen Rat sollte man dem Herrn Nuhr mal bekannt machen.

Fast Endzeit

Ich war in der Quinta oder in der Quarta, also im Alter von 11 oder 12 Jahren, da biß ich in mein Pausenbrot (auf dem Schulhof in der ersten oder zweiten großen Pause). Ein Mitschüler fand das nicht gut. Denn es war ein Wurstbrot, und es war Freitag.
Ich weiß nicht, ob Sie es wissen (und ich weiß auch nicht, ob Sie es glauben), daß es katholischen Christen untersagt ist, freitags Fleisch zu essen (ebenso: Wurst).
Dieses Gebot steht zwar nirgendwo in der Bibel, wird aber nach der katholischen Glaubenslehre den anderen neun Geboten gleichgestellt. Nun gibt es (glauben Sie es ruhig) in der Bibel auch keine „zehn Gebote“, sondern eine lange Liste von Geboten, die der Liebe Gott dem Moses auf dem Berg Horeb schriftlich übermittelt haben soll (ohne dabei die Wurst zu erwähnen). Irgendein Vorkämpfer des Dezimalsystems versuchte, diese Gebote in zehn Kapitel einzuteilen, kam aber nur auf neun. Da mußte noch ein zehntes her.
Vielleicht tagte die zuständige Kongregation und mußte, nachdem sie verboten hatte, den Sonntagsgottesdienst zu versäumen oder falsche Zeugnisse auszustellen, der Vollständigkeit halber noch was verbieten. Da war die Verlegenheit groß, aber, wie oft in solchen Lagen, die Stimmung nicht schlecht. Und so überlegte man: Sollen wir Rauchen in Einbahnstraßen verbieten? Oder Singen während des Handstands? Oder im Auto auf dem Rücksitz über das Wetter zu reden? Schließlich einigte man sich: Freitags kein Fleisch. Denn darüber wurde am meisten gelacht, vor allem, als dann noch gesagt wurde: Fisch darf man.
Dem Neuen Testament ist zu entnehmen, daß Jesus in die Wüste gegangen ist, um 42 Tage lang zu fasten. (Warum tat der das?). Dabei erschien ihm „der Versucher“. Das ist schon tollkühn, zu versuchen, ausgerechnet Jesus, den Messias zu „versuchen“. Vielleicht wußte der Versucher auch nicht, wen er vor sich hatte. Oder: Jesus hatte vom Fasten Halluzinationen (kommt vor) und hat sich den Versucher bloß eingebildet.
Fasten ist sicherlich nicht bloß eine religiöse Selbst-Kasteiung. In früheren Zeiten, vor der Erfindung des Kühlschranks, haben die Leute im Winter viel Gepökeltes und Geräuchertes gegessen. Gegen die Schlacken des Winters ernährte man sich im Frühling von frischen Früchten und jungem Gemüse, also weniger üppig. Da die Hühner mit ihrem Eierlegen sich nicht an die Fastenzeit hielten, wurden die Eier hart gekocht, um sie haltbar zu machen. So sind die Ostereier entstanden.
In der modernen Zeit, in der man neben dem Kühlschrank noch über weitere Mittel der Frischhaltung von Nahrungsmitteln verfügt, hatte das Fasten seine Bedeutung eingebüßt. Doch neuerdings ist es wieder ein Thema. Nicht nur, daß der alleingelassene Mensch unserer Tage stets der Erhaltung seiner Verwertbarkeit eingedenk ist und für den ganzen Wellness-Trallala sich den einen oder anderen Genuß verkneifen zu müssen glaubt. Der die Sinnlosigkeit seines Daseins erahnende Homo facebookensis ist stets auf der verzweifelten Suche nach Angesagtem. So kommen Phänomene zustande, daß Leute grundlos einen Eimer Wasser über ihrem Haupte entleeren, oder daß ein Tag auserkoren wird, an dem Idioten beiderlei Geschlechts unterhalb der Gürtellinie unvollständig bekleidet die U-Bahn benutzen.
Fasten als Flashmob. In Smartphone-Zeiten fastet man sich gegenseitig was vor.

Wissen Sie was? Ich rauch‘ nicht mehr. Ja, ist wahr, kann man sich gar nicht vorstellen: Ich ohne Zigarette! Ich! Ist aber so. Aber schon seit November. Und auch, wenn in ein paar Tagen gesungen wird: „Christ ist erstanden von der Marter alle“, fange ich nicht wieder damit an.

Sosoo! Jajaa! 37 Jahre Esoterik für die Allerdööfsten

Ein Buchverlag (spezialisiert auf Pop-Musik-Themen) hat mir eine dieser E-mails geschickt. Mir wird mitgeteilt, daß Nina Hagen 60 Jahre alt geworden ist.
Aha.
Und?
Ja, in dem Verlag ist ein Buch erschienen, von oder über Udo Lindenberg. Irgenzone Sammlung von Udo-Lindenberg-Aussprüchen oder sowas. Und Nina Hagen hat dazu ein Vorwort geschrieben.
Soso.
Ich schau im VLB nach. Das Buch ist 1998 erschienen. Der 60. Geburtstag von Nina Hagen ist also der herausragende Anlaß, an den 17. Jahrestag des Erscheinens eines Buches zu erinnern, zu dem Nina Hagen so eine Art Vorwort geschrieben haben soll. (Das erinnert mich an Nordkorea. Dort gibt es einen Staatsakt anläßlich des 23. Jahrestages einer Rede von Kim Il Sung bei einem Bankett in der Rumänischen Botschaft).
Und was hat sie geschrieben? Einen zusammenhängenden Text? Das nun gerade nicht, sondern allerhand über „göttliche Abstammung – Hohepriester – prophetische Antennen“, das übliche Gequassel.

Irgendwann, von einem Tag auf den anderen, wurde im Eschhaus fast nur noch Nina Hagen gespielt. Man konnte an einem beliebigen Tag sich eine halbe Stunde lang im Eschhaus aufhalten und hatte mindestens drei mal „Unbeschreiplisch!! Weiplisch!!“ gehört bzw. „Ich glotz TV“.
Soll ich Ihnen mal was sagen? Ich habe kein Wort davon geglaubt. Das war doch nicht echt! Das war doch vor dem Spiegel eingeübte Pose. Das war doch was für Doowe. Das war doch was für Leute, denen man alles andrehen kann. Das war: Schlagerindustrie entdeckt Punk. Als (einer der) Erschaffer des Eschhauses schämte ich mich wegen der Anspruchslosigkeit, die hier manifest wurde. Das war Punk für Spießer (damit die Spießer, wenn man „Punk“ sagte, „aha!“ sagen konnten). Merkt denn keiner, daß das Tinnef ist?
Da stimmte doch gar nichts. Oder doch?
Was Kleinfritzchen sich unter „Punk“ vorstellt: Genau das ist es auch.

Irgendwann, an einem Samstag Nachmittag, erreichte mich ein Anruf von Ernst Meibeck. Ernst Meibeck war der langjährige Geschäftsführer des Eschhauses. Der hat, aus Gründen, die ich nie erfahren werde, mir dauernd Schwierigkeiten gemacht. Und nun war er auch wieder im Begriff, mir Ärger zu bereiten.
Er wußte leider, daß ich ca. 50 Meter entfernt vom Universitätsgelände wohne. Und an diesem Samstag sollte im Audimax Nina Hagen auftreten. Er bat mich, ich solle doch mal rübergehen und der Nina Hagen ausrichten, daß sie den Meibeck im Eschhaus anrufen soll.
Und was tat ich? Ich ging tatsächlich rüber, sah vor dem Gebäude LA einen Möbelwagen rumstehen, und sonst rührte sich nichts.
Ich ging wieder nach Hause, rief den Meibeck an und sagte, die Türen zum Gebäude LA wären geschlossen gewesen, kein Reinkommen, nichts. Den Möbelwagen verschwieg ich. Ich hatte nicht ausprobiert, ob die Eingänge offen oder abgeschlossen waren. Ich bin nur hin und zurück gegangen, um im richtigen Zeitabstand den Meibeck anzurufen. Ich wäre doch nie da reingegangen, um irgendeinen Rodi auch mal Chef sein zu lassen!
Warum ist der Meibeck da nicht selbst hingegangen? Der hätte es fertig gebracht, bis in Nina Hagens Künstlergarderobe vorzudringen. Der wäre auch bis zu Mick Jagger vorgedrungen.

„Allein! Die Welt hat mich vergessen!“ Leider nicht!
Nina Hagen hat in der Skala der hoffnungslos überschätzten Personen (Henryk M. Broder, Alice Schwarzer, Wolf Biermann, Barbara Schöneberger) den Spitzenplatz inne. Sie ist das seltene Beispiel eines Stars, der noch bekloppter ist als seine Fans. Den zur Schau gestellten Seelenzustand als „regressiv“ zu bezeichnen ist schon ebenso untertrieben wie ihr Auftreten als „overstyled“ zu bezeichnen. Noch’n Vogelkäfig als Ohrring, und kein Blick in die viel zu oft eingeschaltete Kamera ohne dieses Fratzenschneiden. Kindsköpfe, denen es peinlich ist, einfach so zu sein wie sie sind, erkennt man an der Grimasse und an ihrem aufdringlichen Herumgehampel. Und ein Gerede, das allen, denen sie ihre Fürsprache spendiert, peinlich sein müßte! Esoterik für Doowe. Aliens für Saudoowe. Dieser ganze Humbug! Jahrzehntelang nur Scheiße reden: Das ist keine Leistung, die Anerkennung verdient.
Bei irgendeiner Kundgebung der Friedensbewegung (wo war’s? In Büchel glaub ich) durfte auch Nina Hagen auftreten. Ich dachte: Ist es schon so weit? Und ich dachte: Jetzt kann es eigentlich nur noch schlimmer kommen.
Und das ist es ja auch.

Be sure…

So sehen Hippies aus?
Pseudo-Hippie1In einem Prospekt der Supermarkt-Kette Aldi wird dieses Hippie-Karnevalskostüm angeboten. Wenn es nicht drangeschrieben wäre, hätte man diese junge Dame mit Pril-Aufklebern der 70er Jahre irgendwie in Verbindung gebracht, aber nie im Leben mit „Hippies“.
„Hippie“ ist übrigens eine abwertende Bezeichnung. Wer sich selber „Hippie“ nennt, ist keiner.
„Be sure to wear some flowers in your hair“? Sie können sicher sein: in der ganzen „Hippie-Zeit“ habe ich nie, nie, nie Leute gesehen, die Flowers in their Hair trugen. Sowas gab es vielleicht bei Kostümfesten. Manchmal wird auf Bildern im Fernsehen die „Mode der 70er Jahre“ nachgestellt. Sie können sicher sein: In den 70er Jahren ist kein Mensch so herumgelaufen.
Pseudo-Hippie2Auf diesem Bild hingegen: Authentisches 70er-Jahre-Outfit.

Macht es, aber ohne mich

M110IchWillEsNichtIch behaupte ja gar nicht, daß es unangenehm ist und keinen Spaß macht. Aber daß es das non plus ultra sein soll, das absolute Maß, der eigentliche Sinn & Zweck – das leuchtet mir nicht ein. Man liest: All die schönen perversen Spielchen sind nur erlaubt, wenn sie das Vorspiel zum AKT sind. Dem stimme ich nicht zu.
Die Natur hat es so eingerichtet, daß bei den Säugetieren nur das kräftigste Männchen zur Weitergabe der Chromosomen berechtigt ist. Die anderen gucken in die Röhre. Und so sieht es auch aus: Der Geschlechts-Akt ist ein Kraft-Akt, bei dem viel geschwitzt und geächtst und kaum gelacht wird. Wollen wir eine Spezies von Kriegern, Recken, Gewichthebern und Gebährmaschinen sein? Sollten für eine menschen-würdige Zukunft auf diesem Planeten nicht andere Charakterzüge gepflegt werden als Kraft und Imponierpotenz, nämlich Phantasie und Humor?
Wir leben nicht mehr in der Steinzeit. Archaische Varianten sexuellen Verhaltens sind verzichtbar. Die Sexualität des Menschen sollte auf das Niveau der Zivilgesellschaft gehoben werden. (Bei dieser Gelegenheit möchte ich anregen, daß Armeeangehörigen jede wie auch immer geartete sexuelle Betätigung zu untersagen ist – weil sie keine Zivilisten sind).
Vor dem Ziel, das uns gestellt ist, breitet sich der Garten der Lüste aus, der mehr ein Dschungel ist, in dem man sich gern in die Irre führen läßt. Der irrsinnige Satz „Der Weg ist das Ziel“ sollte hier doch wenigstens mal zutreffen: Der Umweg ist das Ziel.
Denn zu den großen Leistungen des menschlichen Geistes gehört es doch auch, die Sexualität von der Fortpflanzungsfunktion zu emanzipieren.
Bei schätzungsweise 99,9 % aller sexuellen Aktivitäten soll die Zeugung vermieden werden. Sie würde als ungewollte, ja mitunter als verhängnisvolle Folge angesehen. Wäre da nicht in Betracht zu ziehen, mit Tätigkeiten, die Verhängnisse nach sich ziehen, gar nicht erst anzufangen, und sich im Dschungel der Lüste nach lustigeren und weniger riskanten Möglichkeiten umzuschauen. Da möge jeder und jede nach eigenem Gusto entscheiden.
Verhütung ist doch eigentlich etwas Komisches. Das ist so, als würde man in einem Hochhaus ganz nach oben fahren, um dann runterzuspringen, und um ein Unglück zu vermeiden, nimmt man einen Fallschirm – um dann da zu landen, wo man hergekommen ist.
Ja, da kann man doch gleich unten bleiben.