Tri tra Trulla la

Lena Meyer-Landrut, kennen Sie die noch? Die Trilla-Trulla, die nicht singen kann.

Ach! Daß man so gern ein längere Zeit in die Natur will, fern von … und so weiter, ist die deutscheste aller deutschen Ideologien (oder, wenn’s sein muß, der westliche aller westlichen Einflüsse).
Ach! Man müßte mal wegfahren! Einfach mal weg von hier! Den ganzen Alltag! Die großen Städte mit den vielen Apotheken! Und das alles!

Professor Freud müßte heute nicht mehr „Das Unbehagen in der Kultur“, sondern „Das Unbehagen an der Zivilisation“ schreiben, oder einfach: „Die regressiven Sehnsüchte des arrivierten Kleinbürgers“. Als das Bürgertum sich vor Augen führte, was es geschafft hatte, meinte es, etwas angerichtet zu haben, und sehnt sich nach der Scholle.

Die (arg geschwundene) Fangemeinde wird gerührt sein: „Sie spricht mir aus der Seele.“

Die Bildzeitung kassiert Geld

Daß ihre Ersparnisse („Erspartes“) in Gefahr sind, hat der Bildzeitungsleser immer schon gefühlt. Irgendwie spürt er, von undurchsichtigen Machenschaften umzingelt zu sein, die die Jugend verderben und das Geld wertlos machen. Diese kleinbürgerliche Ur-Angst, daß der Boden, auf dem man steht, unsicher ist, gehört zu den Voraussetzungen autoritärer Herrschaft (und der Bereitschaft, sich dieser Herrschaft anzuvertrauen, beziehungsweise sie herbeizusehnen).
Eine weitere solche Voraussetzung ist der Neid – in diesem Fall auf die, die mal eben so 20 oder 50 Tausend übrig haben. „Da ist man doch immer fleißig gewesen, aber das nützt einem heutzutage ja gar nichts mehr, seitdem die da oben – – – und die ganzen Ausländer – – – . Und unsereins?!“ Das ist das Ur-Empfinden. irgendwie (man weiß nicht wie) betrogen zu werden.
„Der legendäre Kleine Mann, der immer litt und nie gewann“, sang mal ein Dichter.

Und so weiter:
Der Wahlspruch bildzeitungslesender Arbeitsloser: „Wer Arbeit sucht, der findet auch welche“.
Der arbeitslose Bildzeitungsleser soll glauben, der einzige Arbeitslose zu sein, der nur Pech hatte. Aber „denen ( „denen“ – – – „denen“ – – – „denen“ – – – „denen“ – – – „denen“) schiebt man es vorne und hinten rein. Für sowat habense Geld!“

Heim ins Reich

„An diesem Abend (12. März 1938) brach die Hölle los. Die Unterwelt hatte ihre Pforten aufgetan und ihre niedrigsten, scheußlichsten, unreinsten Geister losgelassen. Die Stadt verwandelte sich in ein Alptraumgemälde des Hieronymus Bosch: Lemuren und Halbdämonen schienen aus Schmutzeiern gekrochen und aus versumpften Erdlöchern gestiegen. Die Luft war von einem unablässig gellenden, wüsten, hysterischen Gekreische erfüllt, aus Männer- und Weiberkehlen, das tage- und nächtelang weiterschrillte. Und alle Menschen verloren ihr Gesicht, glichen verzerrten Fratzen; die einen in Angst, die anderen in Lüge, die anderen in wildem, haßerfülltem Triumph. […] Was hier entfesselt wurde, hatte mit der ‚Machtergreifung‘ in Deutschland, die nach außen hin scheinbar legal vor sich ging und von einem Teil der Bevölkerung mit Befremden, mit Skepsis oder mit einem ahnungslosen, nationalen Idealismus aufgenommen wurde, nichts mehr zu tun. Was hier entfesselt wurde, war der Aufstand des Neids, der Mißgunst, der Verbitterung, der blinden böswilligen Rachsucht – und alle anderen Stimmen waren zum Schweigen verurteilt. […] Hier war nichts losgelassen als die dumpfe Masse, die blinde Zerstörungswut, und ihr Haß richtete sich gegen alles durch Natur oder Geist Veredelte. Es war ein Hexensabbat des Pöbels und ein Begräbnis aller menschlichen Würde.“
(Carl Zuckmayer in „Als wär’s ein Stück von mir“)

Es wird in diesem Jahr erstaunlich wenig daran erinnert, daß 1938, vor 80 Jahren, Österreich sich im Taumel von Nazideutschland einverleiben ließ.

Neu in der Weltbühne: Post von Karlheinz


Hasnain Kazim: Post von Karlheinz. Wütende Mails von richtigen Deutschen – und was ich ihnen antworte. Penguin 2018. 272 S. 10 Euro
„… dann zeige ich dir, was ein ECHTER DEUTSCHER ist!!!“: Was man sich als Journalist mit fremd klingendem Namen alles anhören muss. Von einem SPIEGEL-ONLINE-Journalisten mit großer Fangemeinde im Netz. Mit Charme und Schlagfertigkeit gegen deutsche Überheblichkeit und Fremdenhass.
Wie man gekonnt auf Hassmails antwortet. Täglich bekommt Hasnain Kazim hasserfüllte Leserpost. Doch statt die Wutmails einfach wegzuklicken, hat er beschlossen, zurückzuschreiben – schlagfertig, witzig und immer wieder überraschend. Dieses ebenso unterhaltsame wie kluge Buch versammelt seine besten Schlagabtäusche mit den Karlheinzen dieser Welt und beweist, warum man den Hass, der im eigenen Postfach landet, nicht unkommentiert lassen sollte. Denn, wie Hasnain Kazim schreibt: „Wenn wir schweigen, beginnen wir, den Hass zu akzeptieren. Also, reden wir!

Bitte bestellen Sie dieses Buch (und überhaupt: alle Bücher die Sie brauchen) in der Buchhandlung Weltbühne (auch im Versand).
Die Leute, die ihre Bücher in der Buchhandlung Weltbühne bestellen, tun es aus gutem Grund.

Bestelladresse: Gneisenaustraße 226, 47057 Duisburg. Tel. 0203 – 375121
Oder: bestellungen@buchhandlung-weltbuehne.de

Buchhandlung Weltbühne: Eine gute Angewohnheit.
Weltbühne muß bleiben.

Man glaube nur nicht …

Von 12,6 % gewählt, von 87,4 % nicht gewählt.
Man glaube nur nicht, daß die ihr Wählerpotential schon ausgeschöpft haben.
Schon am ersten und am zweiten Tag nach der Wahl zerstreiten die sich.
Man glaube nur nicht, daß die sich selbst zerlegen. Man glaube nicht, daß Streit und Spaltung denen schadet.
Man glaube nur nicht, daß sich da „Gemäßigte“ von „Radikalen“ absetzen. Führt euch doch die Zitate der „Gemäßigten“ zu Gemüte. Die kloppen sich um Posten und Karrieren. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich – soll heißen, daß die, die sich da schlagen und vielleicht wieder vertragen, ein Pack sind.
Man glaube nur nicht, daß das „Protestwähler“ sind, die die gewählt haben, oder daß man für die „Ängste“ Verständnis haben und auf sie zugehen beziehungsweise sie „zurückgewinnen“ müßte. Mir fehlt da jedes Verständnis. Wer die gewählt hat, denen muß man nicht nachlaufen, sondern die ganze Verachtung zeigen, die dem häßlichen Deutschen nicht erspart werden darf. Das sind keine „Protestwähler“, sondern Arschlöcher, und das sind keine „Ängste“, sondern das ist Dummheit, die sich zur Gehässigkeit steigert. Wer die wählt, ist der böse Nachbar, dem es nicht gefällt, daß der frömmste in Frieden lebt. Das ist der ewige Spießer, angetrieben vom Neid auf das Lebensglück, angetrieben vom Haß auf alle, die sich der leidenden Kreatur erbarmen und im Mitmenschen den Mitmenschen sehen.

Der häßliche Deutsche

Und schon wieder so einer.
BiermannWolf Biermann hat seine Autobiografie geschrieben. Na, da werden sich die Balken biegen!

In der Frankfurter Rundschau sagte er im Interview:
„Ich bin kein Langstreckenläufer. Ich bin ein Sprinter. Ich schreibe Gedichte. Da läuft man manchmal 100 Meter und manchmal 200, und wenn man übermütig ist, dann sind es 400 Meter. Aber das ist dann auch genug mit meinen kurzen Beinen.“

Jaja, genau das meinte ich.

Noch so einer

Von dem Kandidaten Donald Trump sind Tondokumente bekanntgegeben worden, in denen zu hören ist, wie er in besonders selbstgefälliger und besonders vulgärer Weise über Frauen geredet hat. So hat er zum Beispiel gesagt, wenn man ein „Star“ ist, dann könne man den Frauen zwischen die Beine greifen.
Dadurch, so hört man, ist die Wahl entschieden. Die Kommentatoren sind sich einig: Trump hat sich durch seine Äußerungen selbst aus dem Rennen geworfen.

Ja?
Das wollen wir doch erstmal sehen.

Trump poltert ordinär daher.
Das ist ja das Neueste vom Neuen.
Ja, wenn man das gewußt hätte …

Die Kommentatoren kommentieren viel zu logisch. Wenn der Unterschied von Macht und der Unterschied von Vermögen das Zusammenleben der Menschen prägt, sind Logik und Rationalität (und Anstand) nicht in vollem Maße präsent. Logik, Rationalität und Anstand weichen der Bereitschaft, sich zu erniedrigen.
Donald Trump weiß diesen Umstand zu nutzen und appelliert nicht an die Logik, nicht an die Vernunft und schon gar nicht an den Anstand, sondern an Instinkte.
Vielleicht kennt er sich gar nicht so schlecht aus mit der Triebstruktur christlich-verklemmter Weiber, die dem alles nachsehen, der ihnen als „Milliardär“ vorgestellt wird. Selbst wenn das nur eine von tausend wäre, würde ihm das auf einen Streich weitere 45.000 Wählerinnenstimmen bringen. Daß dem Ochsen erlaubt ist, was der Jupiter sich nie erlauben würde (oder so ähnlich), haben wir schon in der Schule gelernt (als Weisheits-Sentenz humanistischer Bildung).
Die Wut-Bürger und Frust-Bürger (hierzlande gern „besorgte Bürger“ genannt) können wutfrusten und frustwüten: „Da kannze mal wieder sehen, wie die intellellen Gutmenschen den armen Jung fertigmachen! Bloß weil dat einer von unz is!“

Vielleicht beklagt als nächstes Henryk M-punkt Broder in der Welt am Sonntag, daß die jüdisch-bolschewistischen Antisemiten dem Volk den Mund verbieten wollen.

Dem Volke nicht dienen

„Wozu braucht der Mensch ein Volk?“
Lina Ganowski

WirSindDasVolkDiesen Nachbarn kennen wir: Ohne Idee, ohne Einsicht, ohne Fantasie, ohne Empathie, ohne Mitgefühl (außer für sich selbst), dafür aber voller Hass und zügelloser Aggression gegen alles Fremde und alles Unverstandene: den Wut-Bürger, den Haß-Bürger, den Spieß-Bürger, den Pegida-Bürger.
Die Parole lautet: „Wir sind das Volk“.

Diese Bild-Text-Montage (mit einem Bild-Zitat aus einer Halbritter-Karikatur) wurde allerdings schon 1990 montiert, erschien als Intro (Seite 3) von DER METZGER Nr. 43, und es klebte als Plakat der DFG-VK (Duisburg!) an vielen Bauzäunen, während die „Friedliche Revolution“ tobte.
Auch damals lautete die Parole „Wir sind das Volk“.

Man glaube nur nicht, daß das Volk von damals ein anderes war als das von heute.

Neue Elsässer-Schote: 10,0 Promille

Nach der dubiosen „Volksinitiative gegen das Finanzkapital“ hat Jürgen Elsässer jetzt ein neues Register gezogen: „Einprozent-Initiative gestartet: Wir helfen denen, die unser Land verteidigen!“ „Auf der COMPACT-Freiheitskonferenz am 24.10. von Götz Kubitschek vorgestellt und von unserer Seite voll unterstützt: Die Initiative einprozent.de. Nach dem Vorbild von Greenpeace für Ökologen wird eine Vernetzungs- und Unterstützungsplattform für Patrioten gebildet. Ein Prozent der Bevölkerung, also 800.000 Bürger, sind erforderlich, um mehr Schlagkraft als die SPD zu haben – das muss zu schaffen sein!“
Kubitschek ist Redakteur der Zeitschrift „Sezession“ und Gründer des „Instituts für Staatspolitik“. Mit von der Partie ist auch wieder der Jurist und AfD-Sympathisant Prof. Karl Albrecht Schachtschneider (zuvor „Bund freier Bürger“) und der Vorsitzende der Patriotischen Plattform (PP) in der AfD, Dr. Hans-Thomas Tillschneider (der eine schneidet den Schacht, der andere schneidet den Till). Philip Stein, Sprecher der Burschenschaft Germania Marburg, ist auch so einer.

ElsaesserKratzDas wäre eigentlich was für die Rubrik „Begrifflichkeiten der Kunst(-Geschichte)“, wenn ich nur wüßte, zu welchem Begriff dieses nachträgliche Destruieren reaktionärer Aufwiegelungen paßt.