Paradise lost

„Das Dorf Hollywood ist entworfen nach Vorstellungen
Die man hierorts vom Himmel hat. Hierorts
Hat man ausgerechnet, daß Gott
Himmel und Hölle benötigend, nicht zwei
Etablissements zu entwerfen brauchte, sondern
Nur ein einziges, nämlich den Himmel. Dieser
Dient für die Unbemittelten, Erfolglosen
Als Hölle.“
Bertolt Brecht in Hollywoodelegien.

In Kalifornien brennen die Wälder, die Villen, die Dörfer, die Kleinstädte. Das Inferno holt den Himmel ein. Das Städtchen Paradise ist abgebrannt.
Daß es gar nicht der Klimawandel sei, sondern schlechtes Wald-Management, tönt es aus dem Präsidenten Trump, der immer anderen die Schuld gibt.
Das ist gar nicht mal so ganz völlig falsch.
Der Trump hat nie recht. Er hat allerhöchstens mal nicht so völlig ganz unrecht.
Zum Klimawandel kommt zum Beispiel eine falsche (neoliberale) Raumordnungspolitik hinzu.
Daß der Präsident nicht der einzige Idiot in Amerika ist, das wußten wir aber schon.

Spex weg

Wieder muß ein phantasieanregendes, der gesellschaftlichen Verblödung entgegenwirkendes Medium das Feld räumen.
Von spex wird noch zwei Ausgaben erscheinen, und zwar am 25. Oktober und dann nur noch die Nummer 384 am 27. Dezember, und dann ist Schluß.
Im September 1980 erschien die Ausgabe Nr. 1, damals noch mit dem Untertitel „Musik zur Zeit“ (heute: „Magazin der Popkultur“).

Erste Spex-Ausgabe 1980

Georg Seeßlen kommentiert in der Zeit:
„Gerade in ihrem Überlebenskampf schaffte es die Spex immer wieder einmal, spannend und relevant zu sein. Aber eben nur noch für eine Minderheit von Leserinnen und Lesern, für die Pop und Kultur einen Zusammenhang aus Enthusiasmus und Kritik haben. Am Ende hat es zum ökonomischen Überleben nicht gereicht. Enthusiasmus und Kritik, Pop und Kultur müssen sich einen neuen Ort suchen. Dort wird man nicht vergessen, was die Spex bedeutet hat.“

Die Bildzeitung kassiert Geld

Daß ihre Ersparnisse („Erspartes“) in Gefahr sind, hat der Bildzeitungsleser immer schon gefühlt. Irgendwie spürt er, von undurchsichtigen Machenschaften umzingelt zu sein, die die Jugend verderben und das Geld wertlos machen. Diese kleinbürgerliche Ur-Angst, daß der Boden, auf dem man steht, unsicher ist, gehört zu den Voraussetzungen autoritärer Herrschaft (und der Bereitschaft, sich dieser Herrschaft anzuvertrauen, beziehungsweise sie herbeizusehnen).
Eine weitere solche Voraussetzung ist der Neid – in diesem Fall auf die, die mal eben so 20 oder 50 Tausend übrig haben. „Da ist man doch immer fleißig gewesen, aber das nützt einem heutzutage ja gar nichts mehr, seitdem die da oben – – – und die ganzen Ausländer – – – . Und unsereins?!“ Das ist das Ur-Empfinden. irgendwie (man weiß nicht wie) betrogen zu werden.
„Der legendäre Kleine Mann, der immer litt und nie gewann“, sang mal ein Dichter.

Und so weiter:
Der Wahlspruch bildzeitungslesender Arbeitsloser: „Wer Arbeit sucht, der findet auch welche“.
Der arbeitslose Bildzeitungsleser soll glauben, der einzige Arbeitslose zu sein, der nur Pech hatte. Aber „denen ( „denen“ – – – „denen“ – – – „denen“ – – – „denen“ – – – „denen“) schiebt man es vorne und hinten rein. Für sowat habense Geld!“

Verbrechen als Luxus

und Luxus als Verbrechen.
Luxus-Leben – Verbrecher – Clans – Hartz vier. Lauter Reizvokabeln (negativ).
Die stecken alle unter einer Decke (Clans).
Das Schlimme am Verbrechen ist, daß es den Verbrechern gut geht, während unsereins …
Da hinein paßt Hartzvier („auf unsere Kosten“).
Clans und Hartz. Ein assoziativer Zusammenhang. Das eine ist ein Appell an den Instinkt wie das andere. Luxusleben.
Die stecken doch (irgendwie) alle unter einer Decke.
Das schreiben die nicht. Weil die sich darauf verlassen, daß das so verstanden wird.

Zu viel Moral ist das Resultat von zu wenig (was?)


Die Künstlerin ist somit freigegeben – zumindest zu absichtsvollem Falschverstandenwerden. Pardon wird nicht gegeben.
Was ich klarstellen will:
Die durch die „Debatte“ ausgelösen Tendenz zu einem „neuen“ Puritanismus ist keineswegs eine unschöne Nebenwirkung, sondern Absicht.
Moral schützt nicht die Schwachen, kann es nicht und soll es nicht.

Zeichen der Zeit

Fiesbuck mal wieder.
Doch das ist nicht einfach ein Versehen,
das ist ein Zeit-Zeichen.

Weil in unserer Zeit die Vertuer die Richtlinien bestimmen.
Kann man das so sagen? Ja, das kann man so sagen.

Was halten Sie übrigens von der Wortschöpfung „barbusig“?

..

Aus der Welt der Literatur oder der Aufsprung auf die Bimmelbahn

… es käme am Ende
einer der zahllosen Reichsverbände …


Da kann man (respective „frau“) nicht abseits stehen, sonst ist man abgehängt.
Das Anfassen am Gesäß (neudeutsch: Po-Grapschen – mit oder mitohne Bindestrich) ist die Lieblings-Obsession der Wohlfühl-Empörer (respective _*Innen). Der schaurig-schöne Schauer ist nur in der Pose der Entrüstung gestattet.
Die Wohlfühl-Empörer (respective _*Innen) haben den Skandal sehr gern. Damit rechtfertigen Sie ihre Existenz.

Aus einem Notruf wurde ein Reflex. Der Anlaß ist im Spektakel zum Vorwand eskaliert.

Anti-Sexismus ist der Vorwand.

Anti-Sex ist die Absicht (zumindest die nicht unwillkommene Wirkung).

Das Resultat ist die neue, zeit- und marktgerechte Einordnung der Sexualität – in einer Atmosphäre der Anschuldigung, Verdächtigung, Verteuferung der Lust, Unsachlichkeit, Zweifel-Losigkeit, Delegitimierung.

Die Geschlechterbeziehung wird aus kalkuliertem Interesse zu einem Schlachtfeld, auf dem am Ende die am meisten verlieren, die den Notruf ausgesendet hatten.

Aus Anti-Sexismus ist längst Antisex-ismus geworden.

„Mitgliederinnen“. Die haben doch einen Knall haben die doch.

Sie wissen ja:
Ich bin ein deutschen Schriftsteller.
Ich traf mal eine deutsche Schriftstellerin, das war auf einer Veranstaltung, und aus reiner Wiedersehensfreude streichelte ich ihren Hintern.
Die Kollegin rief (so laut, daß das weit und breit zu hören war): „Nicht aufhören! Das ist seeehr angenehm!“
Damit war sie natürlich als Hauptschuldige entlarvt. Aller Sittsamkeits-Furor richtet sich in letzter Konsequenz gegen Frauen.

Noch ein Vorkommnis, das zur Skandalisierung benutzt werden kann:
Ich traf eine deutsche Schriftstellerin. Wir hatten uns in einem Park verabredet. Zur Begrüßung faßte ich ihr an den Hintern. Das überraschte sie gar nicht. Ein Fahrradfahrer (älterer Jahrgang) rief im Vorbeifahren empört: „In aller Öffentlichkeit!“
„Tja,“ sagte meine Kollegin, „wir sind hier nicht im Ruhrgebiet. Wir sind im katholischen Bonn. Da hören die Leute noch darauf, was der Pastor sagt.“

„Die Frauenbewegung war und ist in ihren Resten als ‚Politik für Frauen‘ (vulgo Staatsfeminismus) eine Angelegenheit der akademisch qualifizierten Mittelklasse. Ihr Problembewusstsein reichte nur zur Etablierung einer Beschwerdekultur, mit den Männern als Adressaten und Papa Staat als Medizinmann. […] Schon die Studentinnen von 1968 waren nicht benachteiligt, sondern von einer Freiheit gefordert, für die es in der Geschichte kein Beispiel gibt. Statt hier anzusetzen, hat man das überholte Modell der ewig nörgelnden Ehefrau auf Politikformat gepustet.“
Katharina Rutschky