Heute ist Adorno-Tag

Im Radio heute „Stichtag“ (WDR 2). Einer, der keine Ahnung hat, hat sich bei Wikipedia und Google ein bißchen vorbereitet.

Ich erinnere an ein Buch:

Marvin Chlada: Dialektik des Dekolletés. Zur kritischen Theorie der Oberweite. Alibri Verlag 2006. 128 S.

Bitte achten Sie mal darauf, welches Bild die Dame da an ihren Busen drückt.
Der Verlag hat das Wort:
„Ausgehend von der ‚Busen-Attacke‘ auf Adorno im April 1969 sichtet er die Fülle an Material, die der Kult um die Oberweite bis heute hervorgebracht hat.“

Die „Busen-Attacke“ war die peinlichste, dämlichste Aktion der Studentenbewegung, markiert den Anfang vom Ende der APO und offenbart ein falsches Verständnis von Sex.

An einer Stelle in dem Buch werde ich zitiert. Kommentar einer meiner liebsten Freundinnen: „Das erstaunt mich, weil du doch eigentlich gar kein Titten-Fetischist bist.“

Das Buch gibt es nur in der Buchhandlung Weltbühne, auch im Versand. NUR BEI UNS.

Die Füße der Gans oder Koch doch selber Kaffee

Nehmen Sie es mir nicht übel, sondern freuen Sie sich. Im Fernsehen kommen ja auch oft Wiederholungen, und das ist gut und nicht schlecht.

Die Füße der Gans oder Koch doch selber Kaffee, Veröffentlicht am 16. November 2013 von hl [und hier geringfügig überarbeitet]

Konkret berichtet über die wechselvolle Beziehung der Alice Schwarzer zu Günter Amendt.
Ihr Klang von 1980: „Ich rief ihn an. Er kam nach Köln. Wir sprachen bis in den späten Abend. In diesem Gespräch wird deutlich, daß Amendt und mich noch viel mehr verband, als wir vermutet hatten.“
1988, nachdem sie in einer TV-Diskussion mit Amendt über Pornographie schlecht ausgesehen hatte: „Der Journalist Günter Amendt präsentiert sich, nur weil er vor Jahren zwei Bücher über Jugendsex geschrieben hat, im Fernsehen auch gerne als ‚Sexualwissenschaftler‘.“ In Gänsefüßchen!
2013, zwei Jahre nach Amendts Tod: „Ich bin mit Emma mal wieder verdammt allein. Und kein Günter Amendt ist in Sicht.“

Günter Amendt…

 

…Tongtong…

Die Gemeinsamkeits-Feier 1980 fand keineswegs in allerbester Stimmung statt. Eine 22jährige Emma-Redaktionsfrau, die damals nicht mehr und noch nicht wieder meine Freundin (und noch nicht METZGER-Autorin) war, erhielt von Alice Schwarzer im üblichen Kasernenhofton den Befehl: „Koch mal Kaffee!“ Sie darauf: „Ich bin doch nicht zum Kaffeekochen eingestellt! Koch doch selber Kaffee!“ Frau Schwarzer war darüber sehr verärgert, während Günter Amendt sich ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte.

…and the Girl

Günter Amendt, Sexualwissenschaftler, Journalist (hauptsächlich für Konkret), kundig in Drogenpolitik und im Lebenswerk von Bob Dylan, SDS-Mitglied, Kommunist, 2011 bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, wäre heute 80 Jahre alt geworden.

Der 8. März ist nicht der Weltfrauentag

An ihren Irrtümern könnt ihr sie erkennen.
Wer von „Weltfrauentag“ spricht, hat was aufgeschnappt und ist aufs Trittbrett gesprungen.
Den ganzen Tag dann im Radio:
Dieser CDU-kompatible Führungskräfte-Feminismus
– bis hin dazu, das Augenbrauenzupfen mit anschließendem Nachmalen mit’m Stift als letztes Refugium echter Weiblichkeit zu betucken.

Wenn wir vom INTERNATIONALEN FRAUENTAG sprechen, dann meinen wir etwas anderes.

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Die Art, sich zu kleiden

Schreiben eines Buchhändlers aus Süddeutschland, bezugnehmend auf mein neues Buch:

„Bezüglich des Titelbildes: Habe (vergeblich) versucht, meine beiden Kolleginnen zu überzeugen, sich wie die Dame auf dem Cover zu kleiden. War wohl nix…“

Bei der jungen Dame, die auf dem Cover des Buches abgebildet ist, handelt es sich durchaus nicht um eine Kollegen, sondern um eine Freundin. Da hat ein solcher Vorschlag mehr Aussicht auf Erfolg.


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Der längste Tag

Ob das geerntet und gekältert wird?

Das Ende der Gneisenaustraße: Ein Wendehammer. Nur zwei Meter fehlten noch, um auf die Koloniestraße zu gelangen.

Ich meine, ich hätte Ihnen schon mal erzählt, daß es zu meinen Gewohnheiten gehört, jedes Jahr am 21. Juni nach Ladenschluß noch einen ausgedehnten Spaziergang zu unternehmen. Denn das ist der Tag mit der längsten Tageshelligkeit. Ich gebe mich meiner Lieblingsbeschäftigung hin: nach Hause gehen – diesmal auf einem langen Umweg.

In diesem Haus auf der Nibelungenstraße in Neudorf (Parterre, da wo der Rolladen halb runtergelassen ist) sah ich zum ersten Mal ein Endspiel einer Fußball-Weltmeisterschaft. Ich war 8 Jahre alt, und damals hatte noch längst nicht jeder einen Fernsehapparat. Soll ich sagen, in welchen Jahr das war? Sie müssen nicht alles über mich wissrn. Das Spiel endete 5:2.

Die Kneipe gibt es noch, und da gehen auch Leute rein. Woher kommen die?

Sieht doch nett aus. Geschenkt würde ich das Haus nehmen und sogar einziehen (und mir überlegen, ob ich da jemals jemanden reinlasse). Die verklinkerte Fassade, die Fensterrahmen und der Zaun gefallen mir zwar nicht. Aber das sieht aus wie auf’m Dorf, hat aber den Vorteil, daß es nur so aussieht, in Wirklichkeit aber mitten im industriellen Ballungsgebiet, speziell Neudorf liegt.

Das sieht mir auch nicht gerade nach Werterhalt eines netten Gebäudes aus. Da hat man sich gesagt: Dann können wir auch den Eingang zuwachsen lassen.

Die Leute hier sagten: Heute geh’n mer garnet naus, wir bleiben im Pyjama z’haus und schauen uns Columbo-Videos an. Fenster und Tür wurden nicht mehr benötigt und aus Ersparnisgründen zugemauert.
(Im Notfall tut’s auch das Hintertürchen).

Nehmen Sie ruhig schon mal Platz, hier zwischen Briefkasten und dem Bild der Schwanzflosse eines Delphins, oder was das darstellen soll.

Na bitte! Gegenlichtausnahme geht doch!

Hunde erlaubt der Vorstand nicht, beziehungsweise in Schwimmverein-Satzstellung: Hunde nicht erlaubt der Vorstand. Auf das Vereinsgelände des Vornehme-Leute-Clubs wollen wir sowieso nicht zutreten, obn mit oder mitohne Hund.

Das Gestein, das hier von Moos und Gestrüpp überwuchert wird, ist erkaltete Hochofenschlacke, nach dem dieser künstliche Berg benannt ist (Schlackeberg). Das Gelände zwischen Kalkweg und Masurenallee gehörte Krupp, der erst hier sein Hüttenwerk bauen wollte (das kam stattdessen nach Rheinhausen). So wurde dieses Gelände dazu genutzt, Schlacke abzulagern und für eine Werkssiedlung, und dann blieb noch viel Platz für Sportanlagen und „Naherholung“.

Die Überreste der Flak-Anlage auf dem Schlackeberg. Ich erzählte Ihnen ja schon mal davon. Nichts erinnert daran, und nichts soll wohl daran erinnern, welchem Zweck dieser Beton diente, als die Mächtigen mit der Jugend ihrer Zeit etwas anderes vorhatten als wir mit unserer.

Auf diesem Berge, den nur selten ein Spaziergänger erklimmt, denke ich an Barbara. Nicht weil er am Barbarasee liegt, ist sie mit mir gern hier hingegangen, in das hohe Gras hinter Sträuchern, von Bienen umsummt, von Käfern bekrabbelt, von Schmetterlingen umflattert, von unseren Händen gestreichelt, von unseren Lippen geküßt. Sie ist dem See nicht entstiegen. Der See und die Frau hatten ihren Namen schon vorher und unabhängig voneinander.

50/40 Jahre 11. Mai (26-38)

Der Film, der vor 40 Jahren entstand, behandelt ein Ereignis, das vor 50 Jahren stattfand, und damit verbundene Assoziationen.

Der Titel des Films lautet „Der 11. Mai – Le Onze Mai“ (Hut-Film 1078, 35 Min.).

Der Film ist auf der DVD „Der 11. Mai und andere Kurzfilme von Helmut Loeven“ enthalten (Hut-Film DVD 2009, zusammen 98 Minuten) und für 12,50 Euro überall im Buchhandel (ISBN 978-3-935673-26-6) oder direkt in der Buchhandlung Weltbühne erhältlich.

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50/40 Jahre 11. Mai (1-13)

Die rätselhafte Überschrift erklärt sich so:
Dieser Film, von dem hier in Fortsetzungen 38 Stills zu sehen sein werden, ist ein Film vom 11. Mai und über den 11. Mai.
Der Film „Der 11. Mai – Le Onze Mai“ (Hut-Film 1978, 35 Minuten) bezieht sich auf den 11. Mai 1968, an dem in Bonn die erste große zentrale Aktion der APO stattfand: der „Sternmarsch“ gegen die geplanten Notstandsgesetze. Zehn Jahre später suchte ich den Ort der Handlung wieder auf und kombinierte diese Außenaufnahmen mit Bilddokumenten (TV-Bilder, Faksimiles, Fotos etc.), die dieses eine Ereignis in den globalen, historischen, kulturell-ästhetischen, biografischen, sexuellen Kontext stellten.
Die Bilder wurden nicht erklärt und nicht kommentiert, dafür aber teilweise extrem verfremdet und scheinbar willkürlich montiert und somit der freien Assoziation überlassen.
Konkrete Fragen zu einzelnen Bildern werde ich gern, sofern möglich, beantworten.
Es heißt in der französischen Sprache nicht „l’onze mai“, wie man meinen könnte, sondern tatsächlich „le onze mai“.
Daß der Monat an einer Stelle „may“ geschrieben wurde, hat schon seine Gründe.
Bonn und insbesondere den Hofgarten habe ich in den Jahren danach aus höchstprivaten Gründen immer wieder aufgesucht (zuletzt 2007). Mir das nach 50 Jahren, also heute, alles noch mal anzugucken hatte ich ernsthaft erwogen.

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Mein „68“

Am 11. April 1968, heute vor 50 Jahren, wurde auf den bekanntesten Vertreter der Studentenbewegung Rudi Dutschke ein Pistolen-Attentat verübt, (das er schwer verletzt überlebte und an dessen Spätfolgen er 12 Jahre später starb). Ich erfuhr davon, als ich die Königstraße entlang ging. Ich weiß nicht mehr, wer es mir zugerufen hatte. Hundert Meter weiter, vor Karstadt, traf ich Bernhard Klaas, der Flugblätter für den Ostermarsch verteilte. „Werden die jetzt alle erschossen?“ fragte er. Denn wenige Tage zuvor war Martin Luther King ermordet worden.
Fast meine ganze Zeit in jenen Tagen verbrachte ich mit meinem Freund Werner Widmann, mit dem ich eine Zeitschrift gründen wollte (die jetzt noch erscheint). Er hatte eine große Schwester, die hieß Barbara.
Am kommenden Tag, Karfreitag, hockten wir auch wieder in WWs Neudorfer Dachkammer und sahen in dem Schwarzweißfernseher die Berichte über spontane Demonstrationen in vielen europäischen Städten und Blockaden vor Druckereien des Springer-Konzerns. Wir sagten: Da fahren wir jetzt auch hin.
Wir fuhren in Barbaras klapperigen Opel nach Essen. Vor der Springer-Druckerei hatten sich bis dahin ca. 200 Personen versammelt, die die Ausfahrt der Druckerei blockierten. Die Auslieferung der Samstags-Ausgabe der Bildzeitung war nicht möglich.
Vor dem Tor stand eine Reihe von Polizisten, die das Eindringen in das Gebäude verhinderten. In der ersten Reihe der Blockierer wurde ein Transparent hochgehalten. Was darauf stand, weiß ich nicht. Um das zu lesen hätte ich mich unter die Polizisten einreihen müssen.
Es war eine gewaltfreie Aktion. Weder die Polizisten, noch die Demonstranten waren gewalttätig. Die Blockierer redeten miteinander und begnügten sich damit, durch ihre bloße Anwesenheit die Auslieferung des Hetzblattes zu verhindern. Jemand benutzte ein Megaphon für Mitteilungen. Uns dem Gebäude nähernd hörten wir als ersten Satz: „Unser Vietnam ist hier.“
Daß Barbara immer von zwo Männern begleitet wurde, fiel auf. Die beiden Begleiter hatten aber zu ihr verschiedene Beziehungen. Der eine war ihr Bruder, der andere ihr Verehrer.
Barbara studierte Jura in Bonn. Da ich mich schon immer für Rechtswissenschaft interessierte, suchte ich ihre Nähe. Es vergingen nur noch ein paar Wochen, bis sie mir eine gewissen Ausschließlichkeit gewährte.

Bonn, Kaiserstraße, 1968. Barbara kocht für uns beide.

Unter den geschilderten Umständen würde ich das Projekt „68“ also als vollauf gelungen bezeichnen. Ich könnte Ihren noch viele Geschichten aus der Zeit erzählen, die genau 50 Jahre her ist. Ich könnte Ihnen auch erzählen, was 51 bzw. 46 Jahre her ist oder was in einem Jahr 24 Jahre her gewesen sein wird. Rückblicke auf „68“ sind wertlos, wenn die Vorgänge als abgeschlossen betrachtet werden.
Ich könnte Ihnen auch noch viele Barbara-Geschichten erzählen. Sie war eiskalt, sie erkannte bei jedem die unangenehmen Seiten sofort. Mit einem ihrer sarkastischen Sätze hätte sie das Mittelmeer in ein Eismeer verwandeln können. Wie sie Männer abblitzen ließ war einfach gekonnt. Ich erzähle das, damit Sie mich umso mehr um diese Frau beneiden.

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Wissen Sie, was gestern für ein Tag (nicht) war?

Was völlig überflüssig ist: „Weltfrauentag“.
Was dringend nötig ist: Internationaler Frauentag.

Der 8.März, der Internationale Frauentag thematisiert die – die Menschenwürde beleidigende – gesellschaftliche Benachteiligung der Frauen. Thema dieses Tages ist die anzuprangernde Ungerechtigkeit ebenso wie der Kampf dagegen.
Wenn jemand vom „Weltfrauentag“ redet, dann wissen Sie, daß Sie jemanden vor sich haben, der von alledem keine Ahnung hat, der irgendwas am Rande aufgeschnappt und nicht richtig mitgekriegt hat.
„Weltfrauentag“, das hört sich so an wie Weltspartag, oder Weltkakaotag, oder Welttag des Regenschirms oder Weltschubkarrentag, nicht ernstzunehmen und nicht ernstgenommen, Anlaß gebend, das Unbehagen darüber, daß die Frauen auch was zu sagen haben (wollen), in laffen Büro-Witzchen nach außen zu drücken („Aber morgen kocht Frollein Müller wieder den Kaffee, höhöhöhöhö.“ – „Höhöhö.“).

Auch Frollein Lohmeier (eher bekannt als „Alieze Schwarzer“) möchte den Frauentag am 8. März am liebsten abschaffen, weil diese Tradition aus der kommunistischen Bewegung stammt.

Noch mehr aktive Passivität

Ich wollte sagen: immer mehr fatale Dekoration beziehungsweise phantastische Aktivität (läßt sich beliebig bis nach Manchester knüpfen).

E.B. fotografiert von H.L. im Büro

Die Büro-Vorsteherin (vormals übrigens zeitweise Mitglied der Emma-Redaktion) war so frei. Als ich ihr mein Bild von ihr zeigte, war ihr Kommentar: „Ein Po, auf den man gerne draufhaut.“

Auch als Situationspostkarte Nr. 110 ventilierbar.