Arnold Zweig

In der Frankfurter Rundschau von Samstag erinnerte Wilhelm von Sternburg an den 50. Todestag von Arnold Zweig (heute).
Arnold Zweig (1887-1968) erlebte die Turbulenzen seiner Zeit und stellte sie in seinen Romanen dar. Der preußisch-konservative Nietzscheaner wurde durch den Ersten Weltkrieg zum Republikaner und entschiedenen Pazifisten. Die Nazizeit verbrachte er als Flüchtling in Palästina. Nach dem Exil lebte er in der DDR.
Aufmerksamkeit bekam er für seinen frühen Roman „Novellen um Claudia“ (1912) über die Seelennöte und inneren Kämpfe eines um Aufrichtigkeit in der Liebe ringenden jungen Paares, das gegen Vorurteile und Konventionen ankämpfen muß.
Den Ersten Weltkrieg hat er in einem Romanzyklus beschrieben. „…ich habe gelernt, wie der Bodensatz der Kreatur aussieht, aus dem wir gemacht sind“, läßt er eine seiner Romanfiguren sagen, „welcher Größe und welcher Gemeinheit Menschen fähig sind…“ Tucholsky schrieb in der Weltbühne: „Endlich einmal wird der Krieg gar nicht diskutiert, sondern mit einer solchen Selbstverständlichkeit abgelehnt, wie er und seine Schlächter es verdienen.“ Ebenso entschieden seine Haltung in dem Anti-Nazi-Roman „Das Beil von Wandsbek“.
„Fünfzig Jahre nach seinem Tod ist der Schriftsteller Arnold Zweig nahezu ein Vergessener“, stellt Sternburg fest und nennt im nächsten Satz den Grund: „Auf dem aktuellen Buchmarkt gibt es derzeit keine preisgünstige Taschenbuchausgabe mehr, sondern nur noch die bislang unvollendet gebliebene Gesamtausgabe des Aufbau-Verlages.“ In Zeiten, in denen (vor vier Jahren) an den Beginn des großen Völkergemetzels erinnert wurde und in diesem Jahr an das Ende, ist die Editionspolitik des Aufbau-Verlages rätselhaft.

Von den Taschenbuch-Ausgaben, einst bei Fischer und bei Aufbau erschienen, ist in der Buchhandlung Weltbühne nur noch ein schmaler Rest. Um die modernen Klassiker der humanen Literatur dem Vergessen zu entreißen, muß(te) man beizeiten bunkern, was eine kleine und in linken Kreisen gern ignorierte Buchhandlung gar zu sehr überfordert.
Die gebundene Sonderausgabe von „Junge Frau von 1914“ ist hier noch erhältlich, und von der Werkausgabe „Novellen um Claudia“, mit 23 Euro noch halbwegs erschwinglich.
Selbstverständlich besorge ich gern die anderen Bände.
Bitte bestellt Anti-Kriegs-Literatur (und nicht nur Anti-Kriegs-Literatur) in der Anti-Kriegs-Buchhandlung (und nur dort).
WELTBÜHNE MUSS BLEIBEN.

Bücher im Jahr der Jahrestage (b)

Man wird nicht zu Unrecht einwenden, daß jedes Jahr seine Jahrestage hatte und haben wird. Das soll uns nicht abhalten.

Stefan Bollinger: November ’18. Als die Revolution nach Deutschland kam. edition ost 2018. 256 S. (NB1422) 14,99 Euro
Im November vor 100 Jahren zerbrach die Monarchie, weil die Deutschen es leid waren, weiter Krieg zu führen und zu hungern. Nach russischem Beispiel entstanden Arbeiter- und Soldatenräte. Und während die einen die sozialistische Republik Deutschland gründen wollten, kanalisierten die anderen den revolutionären Furor und gründeten zu Weimar einen bürgerlich-demokratischen Staat. So blieb die Weltrevolution aus, auf die die Russen gesetzt hatten. Stefan Bollinger untersucht Umstände und Konsequenzen dieser halben oder doch ganzen Revolution und analysiert die Auswirkungen in der Gegenwart.

Bitte bestellen Sie dieses Buch in der Buchhandlung Weltbühne (auch im Versand möglich).
Weltbühne muß bleiben.
Das empfohlene Buch ergänzt sich gut mit dem Buch von Klaus Gietinger zum selben Thema.

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Bücher im Jahr der Jahrestage (a)

Man wird nicht zu Unrecht einwenden, daß jedes Jahr seine Jahrestage hatte und haben wird. Das soll uns nicht abhalten.

Helmut Trotnow: Karl Liebknecht. Eine politische Biographie. Verlag Kiepenheuer & Witsch 1980/2017 (unveränderte Neuausgabe). 380 S. 18,99 Euro
Karl Liebknecht, 1871 als zweiter Sohn des SPD-Führers Wilhelm Liebknecht geboren, 1919 nach gescheiterter Revolution von Angehörigen eines Freikorps „auf der Flucht erschossen“ ? „Prototyp des deutschen Bolschewisten“, ein „sozialistischer Märtyrer“? Helmut Trotnow zeichnet den Lebensweg und die politische Entwicklung von Karl Liebknecht nach. Er macht deutlich, daß dieser unbequeme, gradlinige und konsequente Politiker in seiner eigenen Partei anecken mußte. Zum Schluß verließ nicht er die Partei, sondern die Partei ihn.

Bitte bestellen Sie dieses Buch in der Buchhandlung Weltbühne (auch im Versand möglich).
Weltbühne muß bleiben.

Heim ins Reich

„An diesem Abend (12. März 1938) brach die Hölle los. Die Unterwelt hatte ihre Pforten aufgetan und ihre niedrigsten, scheußlichsten, unreinsten Geister losgelassen. Die Stadt verwandelte sich in ein Alptraumgemälde des Hieronymus Bosch: Lemuren und Halbdämonen schienen aus Schmutzeiern gekrochen und aus versumpften Erdlöchern gestiegen. Die Luft war von einem unablässig gellenden, wüsten, hysterischen Gekreische erfüllt, aus Männer- und Weiberkehlen, das tage- und nächtelang weiterschrillte. Und alle Menschen verloren ihr Gesicht, glichen verzerrten Fratzen; die einen in Angst, die anderen in Lüge, die anderen in wildem, haßerfülltem Triumph. […] Was hier entfesselt wurde, hatte mit der ‚Machtergreifung‘ in Deutschland, die nach außen hin scheinbar legal vor sich ging und von einem Teil der Bevölkerung mit Befremden, mit Skepsis oder mit einem ahnungslosen, nationalen Idealismus aufgenommen wurde, nichts mehr zu tun. Was hier entfesselt wurde, war der Aufstand des Neids, der Mißgunst, der Verbitterung, der blinden böswilligen Rachsucht – und alle anderen Stimmen waren zum Schweigen verurteilt. […] Hier war nichts losgelassen als die dumpfe Masse, die blinde Zerstörungswut, und ihr Haß richtete sich gegen alles durch Natur oder Geist Veredelte. Es war ein Hexensabbat des Pöbels und ein Begräbnis aller menschlichen Würde.“
(Carl Zuckmayer in „Als wär’s ein Stück von mir“)

Es wird in diesem Jahr erstaunlich wenig daran erinnert, daß 1938, vor 80 Jahren, Österreich sich im Taumel von Nazideutschland einverleiben ließ.

Heute ist der 17. Juni

1
„Die sozialistische Demokratie sollte die bürgerliche Demokratie übertreffen. Wo die bürgerliche Demokratie aufhört, geht die sozialistische Demokratie weiter. Sie darf also hinter die bürgerliche Demokratie nicht zurückfallen. Zu den Standards der Demokratie gehört, daß die Regierung vom Volk gewählt wird, dem Volk Rechenschaft schuldet, um das Vertrauen des Volkes bemüht sein muß und dann, wenn sie dieses Vertrauen nicht verdient, abgelöst und durch eine andere Regierung ersetzt werden kann. Das ist der normale Fall. Es fragt sich allerdings, ob dieses Volk, das deutsche, ein normaler Fall ist. Der Gedanke, daß ein Volk, das erst wenige Jahre zuvor zu zwei bis drei Dritteln hinter Hitler hergelaufen ist, mißtrauisch macht und durch nützliches Handeln wenigstens einen Teil des Schadens, den es angerichtet hat, wieder gutmachen sollte, erscheint mir nicht ganz abwegig. Vertrauen ist gut. Aber Kontrolle ist besser. Das hat Lenin zwar nie gesagt, aber es ist richtig, angesichts der Bilanz von 1945. Zu einem solchen Eingeständnis war auch die SED nicht in der Lage. Sie hatte – glaubte sie – dem Faschismus in Deutschland (Ost) die politisch-ökonomische Grundlage entzogen.“

2
„Am 16. und 17. Juni 1953 haben Aufständische in (Ost-)Berlin und anderen Orten der DDR Geschäfte geplündert und Brände gelegt. Unbeteiligte Passanten – oder auch Mitdemonstranten – wurden grundlos als „Spitzel“ angegriffen – nur, um irgendjemanden zusammenzuschlagen. Es gab Tote und Schwerverletzte. Es wurden – wieder einmal in Deutschland – Bücher verbrannt, Bücher, die von den Brandstiftern nicht verstanden, aber als Werke der Aufklärung sicher identifiziert wurden. Büros der SED gingen in Flammen auf. Dabei kamen Menschen ums Leben, Menschen, die in den Hitler-Tyrannei knapp mit dem Leben davongekommen waren, fielen den Totschlägern des 17. Juni in die Hände. Aus Gefängnissen wurden „politische Gefangene“ befreit: SS-Leute, die wegen schwerster Verbrechen verurteilt worden waren. Ein Polizist wurde, mit einem Seil an einem Auto festgebunden, durch die Straßen zu Tode geschleift. Wer es wagte, sich der wütenden Menge entgegenzustellen, sei es, um zu verhindern, daß Läden geplündert und – wieder einmal in Deutschland – Schaufensterscheiben zerschlagen wurden, hatte Glück, wenn er mit dem Leben davonkam.“

3
„Der 17. Juni steht, wie jedes politische Datum, im Kontext mit anderen politischen Stichtagen der deutschen Zeitgeschichte, der 17. Juni mit dem 8. Mai, der 13. August mit dem 30. Januar, der 9. November mit dem 9. November.
Man sollte nicht vergessen, daß es in der DDR (als sie schon keine DDR mehr war) einen zweiten 17. Juni gegeben hat: Das war, als in Rostock das Ausländerwohnheim brannte, eine johlende Menschenmenge die Brandstifter anfeuerte, die Feuerwehr hinderte, einzugreifen, und die Polizei sich mit den Aufständischen tatenlos solidarisierte.
Am 8. Mai 1945 ist im Berlin das Deutsche Reich in den Flammen verbrannt, die deutsche Kriegsverbrecher entzündet hatten. Am 17. Juni 1953 loderten die Flammen wieder auf. Und wieder waren es die Soldaten der Roten Armee, die die Flammen ersticken mußten. Als die T-34-Panzer rollten, waren die Normenerhöhungen längst zurückgezogen. Als die T-34-Panzer rollten, spielte die berechtigte Unzufriedenheit von Bauarbeitern schon keine Rolle mehr. Sondern: Das Volk war aufgestanden, der Sturm losgebrochen. Die Panzer der Roten Armee drückten nieder, was nach 1945 bis in den letzten Winkel der Welt Alarm auslösen muß: einen deutschen Volksaufstand! (Man hätte gewünscht, die Panzer wären auch schon am 9. November 1938 dagewesen). Die Zerschlagung des Umsturzversuchs durch die Soldaten der Roten Armee gehört zu den Großtaten der Weltgeschichte!“

Drei Zitate aus dem Aufsatz „Keine Lösung“, geschrieben 2003 und gedruckt in DER METZGER Nr. 67, anläßlich des 50. Jahrestages des „Volksaufstandes“ am 17. Juni 1953 in der DDR.
Auch heute, am 65. Jahrestags, lassen die Krokodile wieder ihre Tränen kullern.
Der komplette Text ist dort zu lesen:
http://www.buchhandlung-weltbuehne.de/metzger-67-keine-loesung.html
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Kennedy shot


Dieses Foto habe ich vor 50 Jahren aufgenommen, es muß der 5. oder 6. Juni 1968 gewesen sein, im Bahnhof von Dover, dort, wo man auf der Fähre über den Kanal ankommt und dann in den Zug nach London einsteigt.
Erst in der Sekunde nach der Aufnahme sah ich die Schlagzeile auf der Zeitung, die der Mann ganz rechts im Bild in der Hand hielt: „KENNEDY SHOT“. Mein erster Gedanke war: Was ist das denn für eine Schlagzeile? Kennedy wurde doch schon vor 5 Jahren erschossen.
Der junge Mann links im Vordergrund hatte schon die Zeitung gekauft und klärte mich auf: Attentat auf den Senator und Präsidentschaftskandidaten Robert F. Kennedy, der den Vietnam-Krieg beenden wollte.
So gekonnt in schwarzweiß wurde damals die Weltpolitik fotografiert. Robert F. Kennedy und seine Ehefrau Ethel im Ambassador Hotel in Los Angeles. Das Bild entstand wohl nur wenige Minuten vor dem Mord.
In dem Hotel wurden ein Jahr zuvor Szenen für den Film Die Reifeprüfung von Mike Nichols aufgenommen. Dieser Film zeigt das ermattende bürgerliche Establishment in den USA in der Zeit der Kennedy-Morde. So hängt alles miteinander zusammen. Auch sehr aufschlußreich der Film „Shampoo“ von Hal Ashby.

70 Jahre Israel

Wie klingt das:
„Wenn ich ein arabischer Führer wäre, würde ich nie einen Vertrag mit Israel unterschreiben. Es ist normal; wir haben ihr Land genommen. Es ist wahr, dass es uns von Gott versprochen wurde, aber wie sollte sie das interessieren? Unser Gott ist nicht ihr Gott. Es gab Anti-Semiten, die Nazis, Hitler, Auschwitz, aber war es ihre Schuld? Sie sehen nur eine Sache: Wir kamen und haben ihr Land gestohlen. Warum sollten sie das akzeptieren?“
David Ben-Gurion

Galerie der Buhmänner

Gestern bin ich nicht dazu gekommen, aber ich will das unbedingt nachholen.
Gestern hatte Hardy Krüger Geburtstag. Er wurde 90 Jahre alt.
Jahrgang 1928. Als Hitler an die Macht kam, war er 5 Jahre alt.
Eberhard Krüger wurde als 13jähriger auf die Adolf-Hitler-Schule in Sonthofen geschickt, ein Internat, in dem das Führungspersonal der Nazi-Bewegung herangebildet wurde. Er berichtet heute, daß er als Jugendlicher ein begeisterter Anhänger des „Führers“ war.
1943 wurde er als Darsteller in dem Propagandafilm „Die jungen Adler“ ausgewählt. (In einer weiterenm Rolle: Dietmar Schönherr). In den UFA-Studios in Babelsberg lernte er den bekannten Filmschauspieler Hans Söhnker kennen. Und der klärte den Jungen auf: „Dein Halbgott ist ein Verbrecher.“ Das war mehr als riskant.
Zur „Waffen-SS-Division Nibelungen“ eingezogen, weigerte er sich, auf einen Spähtrupp der US-Streitkräfte zu schießen. Dafür wurde der 16jährige zum Tode verurteilt. Er wurde begnadigt und als Meldegänger eingesetzt, war einem Himmelfahrtskommando gleichkam. Bei seinem zweiten Meldegang desertierte er, versteckte sich in den Wäldern.
In den 50er und 60er Jahren war Hardy Krüger einer der beliebtesten Filmstars in Deutschland. Er spielte auch in Hollywood (z.B. unter der Regie von Otto Preminger, Howard Hawks und Richard Attenborough). Seine bekanntesten internationalen Filme waren „Hatari“ und „Der Flug des Phoenix“.
Während seiner Karriere und auch noch danach wurde Hardy Krüger nie müde, seine Stimme gegen Rassenhass und Rechtsextremismus zu erheben. Als ich in den 60er Jahren auf die antimilitaristische Opposition aufmerksam wurde, las ich auch den Namen Hardy Krüger unter dem Aufruf zum Ostermarsch.

Foto: Wikipedia / Die Bücher-Berg / Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0

Hardy Krüger geht auch heute noch in Schulklassen, um junge Menschen über die Gefährlichkeit des Rechtsextremismus aufzuklären. Er unterstützt die Amadeu Antonio Stiftung. 2013 gründete er zusammen mit Exit Deutschland, Klaus Bednarz, Hark Bohm und Dieter Hallervorden die Initiative Gemeinsam gegen rechte Gewalt. Ziel der Initiative ist die Präventionsarbeit gegen Rechtsextremismus. Außerdem ist er Unterstützer von Mut gegen rechte Gewalt.
Zu seinem 90. Geburtstag sagte er im Radio: „Es ist unsere Pflicht, zur Wahl zu gehen und die nicht zu wählen, die die Demokratie abschaffen wollen. Es ist unsere Pflicht, mitzudenken.“

Mein „68“

Am 11. April 1968, heute vor 50 Jahren, wurde auf den bekanntesten Vertreter der Studentenbewegung Rudi Dutschke ein Pistolen-Attentat verübt, (das er schwer verletzt überlebte und an dessen Spätfolgen er 12 Jahre später starb). Ich erfuhr davon, als ich die Königstraße entlang ging. Ich weiß nicht mehr, wer es mir zugerufen hatte. Hundert Meter weiter, vor Karstadt, traf ich Bernhard Klaas, der Flugblätter für den Ostermarsch verteilte. „Werden die jetzt alle erschossen?“ fragte er. Denn wenige Tage zuvor war Martin Luther King ermordet worden.
Fast meine ganze Zeit in jenen Tagen verbrachte ich mit meinem Freund Werner Widmann, mit dem ich eine Zeitschrift gründen wollte (die jetzt noch erscheint). Er hatte eine große Schwester, die hieß Barbara.
Am kommenden Tag, Karfreitag, hockten wir auch wieder in WWs Neudorfer Dachkammer und sahen in dem Schwarzweißfernseher die Berichte über spontane Demonstrationen in vielen europäischen Städten und Blockaden vor Druckereien des Springer-Konzerns. Wir sagten: Da fahren wir jetzt auch hin.
Wir fuhren in Barbaras klapperigen Opel nach Essen. Vor der Springer-Druckerei hatten sich bis dahin ca. 200 Personen versammelt, die die Ausfahrt der Druckerei blockierten. Die Auslieferung der Samstags-Ausgabe der Bildzeitung war nicht möglich.
Vor dem Tor stand eine Reihe von Polizisten, die das Eindringen in das Gebäude verhinderten. In der ersten Reihe der Blockierer wurde ein Transparent hochgehalten. Was darauf stand, weiß ich nicht. Um das zu lesen hätte ich mich unter die Polizisten einreihen müssen.
Es war eine gewaltfreie Aktion. Weder die Polizisten, noch die Demonstranten waren gewalttätig. Die Blockierer redeten miteinander und begnügten sich damit, durch ihre bloße Anwesenheit die Auslieferung des Hetzblattes zu verhindern. Jemand benutzte ein Megaphon für Mitteilungen. Uns dem Gebäude nähernd hörten wir als ersten Satz: „Unser Vietnam ist hier.“
Daß Barbara immer von zwo Männern begleitet wurde, fiel auf. Die beiden Begleiter hatten aber zu ihr verschiedene Beziehungen. Der eine war ihr Bruder, der andere ihr Verehrer.
Barbara studierte Jura in Bonn. Da ich mich schon immer für Rechtswissenschaft interessierte, suchte ich ihre Nähe. Es vergingen nur noch ein paar Wochen, bis sie mir eine gewissen Ausschließlichkeit gewährte.

Bonn, Kaiserstraße, 1968. Barbara kocht für uns beide.

Unter den geschilderten Umständen würde ich das Projekt „68“ also als vollauf gelungen bezeichnen. Ich könnte Ihren noch viele Geschichten aus der Zeit erzählen, die genau 50 Jahre her ist. Ich könnte Ihnen auch erzählen, was 51 bzw. 46 Jahre her ist oder was in einem Jahr 24 Jahre her gewesen sein wird. Rückblicke auf „68“ sind wertlos, wenn die Vorgänge als abgeschlossen betrachtet werden.
Ich könnte Ihnen auch noch viele Barbara-Geschichten erzählen. Sie war eiskalt, sie erkannte bei jedem die unangenehmen Seiten sofort. Mit einem ihrer sarkastischen Sätze hätte sie das Mittelmeer in ein Eismeer verwandeln können. Wie sie Männer abblitzen ließ war einfach gekonnt. Ich erzähle das, damit Sie mich umso mehr um diese Frau beneiden.

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Dr. Martin Luther King’s Dream

Am 4. April 1968, heute vor 50 Jahren, wurde Martin Luther King ermordet. An den Tag und an die Nachricht erinnere ich mich.
Fünf Jahre zuvor, auf dem Marsch auf Washington 1963 hielt Martin Luther King eine Rede vor 250.000 Menschen, die vor dem Lincoln Memorial gegen Rassenhaß demonstrierten.
Im improvisierten Teil seiner Rede sage er:
I have a dream that one day this nation will rise up, and live out the true meaning of its creed: ‘We hold these truths to be self-evident: that all men are created equal.’
I have a dream that one day on the red hills of Georgia the sons of former slaves and the sons of former slave owners will be able to sit down together at a table of brotherhood.
I have a dream that one day even the state of Mississippi, a state sweltering with the heat of injustice and sweltering with the heat of oppression, will be transformed into an oasis of freedom and justice.
I have a dream that my four little children will one day live in a nation where they will not be judged by the color of their skin, but by the content of their character.

Der „Traum“ ist eine Reflexion auf dem „Amerikanischen Traum“, auf den das Zitat aus der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung hinweist.
Als Obama zum Präsidenten gewählt wurde, wurde sichtbar, daß man auf dem Weg zu mehr Menschlichkeit, zu mehr Selbstverständlichkeit voran kommen kann.
Als Trump zum Präsidenten gewählt wurde, wurde sichtbar, daß das Erreichte wieder verloren gehen kann.
Nichts, was gewonnen wurde, ist sicher für alle Zeiten. Wir müssen kämpfen und streiten in beide Richtungen.
King-Statue an der Westminster Abbey als Teil des Denkmals für 10 Märtyrer des 20. Jahrhunderts.

Bilder: Wikimedia Commons

„Kritik und Kriminalität“

Auszüge aus einem Text aus dem Jahre 2007 über einen Vorgang, der im Jahre 1968 ausgelöst wurde.
Hintergrund: Am 2. April 1968, heute vor 50 Jahren, brannte es in Frankfurt in zwei Kaufhäusern.

[…] Es ist oberflächlich und ungerecht, Ulrike Meinhof einzig und allein mit der RAF zu assoziieren. Sie hat eine Fülle von niedergeschriebenem Material hinterlassen, und fast alles stammt aus der Zeit bevor sie sich der Roten Armee Fraktion anschloß. Man könne von den zwei Leben der Ulrike Meinhof sprechen, oder, noch überspitzter, daß es zwei Personen namens Ulrike Meinhof gab: Die Journalistin, die für den Rundfunk arbeitete, Kolumnen in Konkret schrieb, zeitweise Chefredakteurin dieses Blattes war, deren Kommentare zu den scharfsinnigsten gehörten, die in den 60er Jahren geschrieben wurden, und die Teilnehmerin an bewaffneten Aktionen als Mitglied der RAF. Diese zweite Phase ist eine Verneinung der ersten.
[…] Indem ich Ulrike Meinhof zitiere, nehme ich für sie Partei. Ich mache sie wieder diskutabel. Ich beschütze sie – nicht vor denen, die sie kritisieren, aber vor denen, die sie verteufeln. Schließlich beschütze ich sie vor sich selbst, die eine vor der anderen, die Journalistin vor der „Terroristin“.
Die zwei Personen, als die Ulrike Meinhof uns Zeitgenossen entgegentrat, sind allerdings nicht scharf voneinander zu trennen. So sehr ihr Eintritt in die RAF überrascht haben mag, so erscheint er beim Studium ihrer Kolumnen im Nachhinein nicht ganz zufällig. Das, worin die Journalistin Vorzeichen für ihre spätere „terroristische“ Wendung erkennen ließ, hat seinerzeit nicht nur mich irritiert.
Ihren Namen las ich zum ersten Mal, als ich 16 Jahre alt war. Der Vorsprung der Autorin vor ihrem Leser war beträchtlich. Den Einfluß der meinhofschen Kommentierung auf den lernbereiten Leser überschätze ich nicht. Ich hing ihr nicht an den Lippen, ich habe ihre Texte nicht verschlungen, sondern mit Interesse gelesen. Da gab es was zu lernen über Zusammenhänge (etwa über das Verhältnis von „politisch“ und „privat“). Aber der Abstand verringerte sich kaum. Die radikale Kritikerin radikalisierte sich mit der zunehmenden Radikalisierung der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen (die Rede ist von der Zeit zwischen 1966 und 1969). Ihre Radikalisierung verlief über Stationen, die nicht immer nachzuvollziehen waren:
Im Februar 1969 erschien in Konkret eine Kolumne, mit der sie ihre Arbeit und das Feld, auf dem sie ihre Arbeit leistete, in Frage stellte: „Kolumnismus“.
„Kolumnisten haben Entlastungsfunktionen… Seine eingezäunte Unabhängigkeit gibt der Zeitung den Geruch der Unabhängigkeit. Seine Extravaganz gibt ihr den Geruch von Extravaganz. Sein gelegentlicher Mut zu unpopulären Ansichten gibt ihr den Geruch von Mut zu unpopulären Ansichten… Davon kein Wort, daß der Kolumnist der beste Untertan des Verlegers ist, der Geld bringt, Prestige und regelmäßig so tut, als könnte man alle Themen der Welt auf immer der gleichen Länge abhandeln. Kolumnisten sind … Feigenblatt, Alibi, Ausrede… Kolumnismus ist Personalisierung. Die Linke Position z.B., erarbeitet von vielen … wird im Kolumnismus wieder zur Position Einzelner, Vereinzelter runtergespielt, auf den originellen, extravaganten, nonkonformistischen Einzelnen reduziert, der integrierbar, weil als Einzelner ganz ohnmächtig ist… Eingezäunte Spielwiesenfreiheit für den Kolumnisten … ist … marktkonformes Verhalten, … ein Leserbetrug, ein Selbstbetrug… Opportunismus ist, wenn man die Verhältnisse, die man theoretisch zu bekämpfen vorgibt, praktisch nur reproduziert… konkret ist weniger eine linke als eine opportunistische Zeitung.“
Inwieweit hier die Arbeits- und Produktionsbedingungen des von Röhl geleiteten Konkret treffend geschildert sind, ist nebensächlich. Man mußte kein Prophet sein, Weiterlesen

November 1918

Neu in der Weltbühne:
Klaus Gietinger: November 1918 – Der verpasste Frühling des 20. Jahrhunderts
Mit einem Vorwort von Karl Heinz Roth
Edition Nautilus, März 2018. Broschur, 272 Seiten. 18,00 €.

Verlagstext:
Ein flammendes Plädoyer dafür, die verpasste soziale Revolution zwischen Kieler Matrosenaufständen und Weimarer Republik dem Vergessen zu entreißen!
100 Jahre nach dem November 1918 spricht man nur noch vom „Kriegsende“, vom „Zusammenbruch des Kaiserreichs“.
Dabei war die Novemberrevolution tatsächlich ein Aufbruch, ein Aufbäumen gegen die herrschenden Klassen. Matrosen, Soldaten und Arbeiter waren noch bewaffnet – und sie hatten genug von den alten Eliten, sie wollten das allgemeine Wahlrecht, die Sozialisierung, die Zerschlagung des Militarismus und die Revolution – ein für alle Mal, jetzt oder nie!
Klaus Gietinger ruft in Erinnerung, wie die Führung der SPD und der Gewerkschaften den Krieg hingegen bis zum Schluss unterstützten und die Ordnung durch ein Bündnis mit den Militärs aufrechterhalten wollten. Diese unversöhnliche Spaltung der Arbeiterbewegung aber hat der Novemberrevolution den Todesstoß versetzt. Das Ergebnis waren auf Rache sinnende Herrschende in Wirtschaft, Verwaltung und Militär, die den verlorenen Krieg ihren zeitweiligen Verbündeten in den Arbeiterbürokratien geschickt anlasteten und auf eine Diktatur mit neuerlichem Weltmachtsstreben und Krieg hinsteuerten.
Dabei war der Kapitalismus auch international nie so gefährdet wie im November 1918. In zahlreichen europäischen Staaten begehrten die Massen auf. Wäre es in Deutschland gelungen, Basisdemokratie und echte Rätemacht zu verwirklichen, hätte die russische Oktoberrevolution eine Chance auf Humanisierung gehabt, und das 20. Jahrhundert hätte ganz anders verlaufen können.
„Klaus Gietinger gibt einen konzentrierten Überblick über die wesentlichen Etappen der revolutionären Nachkriegskrise, die zu Unrecht auf ihren Auftakt von Anfang November 1918 verkürzt wird.“ Karl Heinz Roth

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(Ladengeschäft ebenso wie Versandbuchhandlung)
Gneisenaustraße 226, 47057 Duisburg,
Tel.: 0203 – 375121
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Durchbrechen Sie den Boykott, den die Mainstream-Linke (Linkspartei etc. pp) über die linke Buchhandlung verhängt hat.
WELTBÜHNE MUSS BLEIBEN.

Fragen Sie in der Buchhandlung Weltbühne nach weiteren Titeln zum Thema Novemberrevolution.
Fragen Sie in der Buchhandlung Weltbühne nach weiteren Titeln von Karl Heinz Roth und Klaus Gietinger. Zum Beispiel:

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