Der Radius des Zusammenhangs oder Wer kennt Wolfgang Langhoff?

Geboren am 6. Oktober 1901. Schauspieler am Düsseldorfer Schauspielhaus, das auch schon in den 20er Jahren häufig in Duisburg gastierte, darum mit Duisburg verbunden. Als Mitglied der KPD war er für eine Agit-Prop-Gruppe aktiv, ebenso für die „Assoziation revolutionärer Künstler“, kurz ASSO, die dem späteren ASSO-Verlag den Namen gegeben haben dürfte.
1933 von der Gestapo verhaftet, im Düsseldorfer Polizeigefängnis schweren Mißhandlungen durch die SA ausgesetzt, wurde er im Juli 1933 in das Konzentrationslager Börgermoor verbracht. Hier verfaßte er gemeinsam mit den Mitgefangenen Johann Esser und Rudi Goguel das Moorsoldatenlied, das, in viele Sprachen übersetzt, zur Hymne der Antifaschisten wurde.
1934 aus der KZ-Haft entlassen nutzte er die Gelegenheit, Deutschland über die Schweizer Grenze zu verlassen – wenige Tage, bevor die Grenze geschlossen wurde. Er fand ein Engagement beim Schauspielhaus Zürich, das emigrierten Schauspielern ein Betätigungsfeld bot.
1935 erschien sein Buch „Die Moorsoldaten“ als einer der ersten Augenzeugenberichte über die Bestialität des deutschen Faschismus.
1945 aus dem Exil zurückgekehrt wurde er Intendant am Deutschen Theater, wo er auch einige Stücke selbst inszenierte. Seit 1952 war er Mitglied der Akademie der Künste der DDR.

Zentralbild/Sturm 31.5.1962 Deutsche Akademie der Künste erklärt sich zur Sozialistischen Akademie - Dr. h.c. Willi Bredel neuer Präsident Die Deutsche Akademie der Künste zu Berlin erklärte sich am 30.5.1962 in einer ordentlichen Plenartagung zur Sozialistischen Akademie. Die Mitglieder wählten den neuen Präsidenten und die Vizepräsidenten der Akademie und bestätigten die ständigen Sekretäre der Sektionen. Zum Präsidenten wurde einstimmig Dr. h.c. Willi Bredel gewählt. Vizepräsidenten sind Prof. Dr. Walter Felsenstein, Prof. Ottmar Gerster, Prof. Wolfgang Langhoff und Prof. Otto Nagel. Die Mitglieder der Akademie nahmen einstimmig ein neues Statut an. Es löst das in der Zeit des antifaschistischen demokratischen Aufbaus entstandene und 1945 von der Regierung der DDR bestätigte Statut ab und legt die Aufgaben einer Sozialistischen Akademie fest. UBz. Während der Plenartagung. V.l.n.r.: Prof. Wolfgang Langhoff, Prof. Erich Engel, Prof. Wolfgang Heinz. 93752/3N
Auf dem Foto (Tagung der Akademie der Künste) ist er links zu sehen. Der Mann rechts daneben ist Erich Engel, Regisseur am Berliner Ensemble.

Mit der offiziellen Kulturpolitik der DDR hatte er immer wieder Ärger. Man warf ihm mangelnde Umsetzung des sogenannten Sozialistischen Realismus vor. Wegen der Mißbilligung seiner Inszenierung von Peter Hacks‘ „Die Sorgen und die Macht“ trat er als Intendant zurück.
Als Schaupieler blieb er immer aktiv. Seine letzte Rolle für die DEFA war der Rittmeister von Prackwitz in der mehrteiligen Fallada-Verfilmung „Wolf unter Wölfen“: ein Mann, der an der Welt, die er nicht mehr versteht, verrückt wird.
Wolfgang Langhoff starb am 25. August 1966, heute vor 50 Jahren.

In der Zeit, als er in Duisburg spielte, logierte er in dem Haus Goldstraße 1, übrigens ebenso wie sein Kollege Gustaf Gründgens. Dort wohnte ein paar Jahrzehnte später auch ich, nämlich in der Kommune unter dem Dach.
In dem Haus spukte der umstürzlerische Geist. Im Parterre hatte Baumeister sein radikalpazifistischen Büro. In dem Haus wohnten die Künstler Robert Schulte und Friedhelm Ripperger (letzterer eher bekannt unter dem Namen Obelix). Im ersten Stock wohnte eine der allerersten Frauen-WGs weit & breit. Und im Dachgeschoß wohnte die Bröselmaschine. In dem Haus befand sich auch zeitweise das größte Einzelhandelsgeschäft für Dope und Grass in Duisburg, was sie aber bitte nicht weitererzählen.
Das Haus als ganzes und das Dachgeschoß en detail ist Schauplatz einiger meiner unter meinem Klarnamen oder unter Pseudonym verfaßten veröffentlichten oder noch nicht veröffentlichten Geschichten. Aber daß der Wolfgang Langhoff da ein- und ausgegangen ist, habe ich erst erfahren, als das Haus schon abgerissen war.

Easy Rider

EINLEITUNG
Das Sprichwort „Wie die Zeit vergeht…“ (Variante „Kinder, wie die Zeit vergeht…“) ist allgemeingültig. Es handelt davon, daß das Physische das Psychische zu überfordern scheint, vulgo: daß das Leben mehr Fakten präsentiert als man reflektieren und einordnen kann.
Das Sprichwort (dann:leise, mehr zu sich selbst gesprochen und dann stets ohne „Kinder“) gehört zu den Formeln, mit denen mit zunehmendem Alter das Dasein in einem Satz zusammenfassend kommentiert wird.
Zu mir besser passen würde wohl die Formel „Wat et nich all jiff“.
Warten wir‘s ab.

HAUPTTEIL
Heute lese ich in der Zeitung: Juliane Werding ist 60 Jahre alt geworden. Kennen Sie nicht? Brauchen Sie nicht zu kennen. Ich kannte sie. Da war sie 14 (in Wirklichkeit wohl eher 15) Jahre alt. Das war in den Tagen der Kommune, auf der Goldstraße, oben unterm Dach. Die Plattenfirma hatte sie zu uns geschickt, damit sie bei Peter Bursch Gitarrenunterricht erhält. So geschah es.
Sie war hübsch, sie war kontaktfreudig, aber durchaus nicht aufdringlich. Sie war eigentlich ein ganz nettes Mädchen. Sie beschränkte sich auf Kurzaufeinthalte, d.h. wenn die Gitarrenlektion zu Ende war, ging sie, was kein unsympathischer Zug war. Denn Kommune in den 70er Jahren bedeutete: tagsüber waren die eigentlichen Kommunarden in der Minderheit.
Das einzige Zwiegespräch, das ich mit ihr führte, dauerte nicht länger als zwei Minuten. Ich hatte die LP mit dem Original Soundtrack von Easy Rider. Sie bat mich, ihr diese Platte zu leihen.
Sie war uns als „Schlagersängerin“ angekündigt worden. Vielleicht rührte daher eine gewisse Skepsis, die ich gegen sie hegte. Tatsächlich fand ich ihren ein Jahr später veröffentlichen Hit „Der Tag als Konrad Kramer starb“ ärgerlich. Das war die Zeit, als viel Unwahrheiten und Halbwahrheiten über „Rauschgift“ ventiliert wurden.

SCHLUSS
Die LP Easy Rider hat sie mir nie zurückgebracht. Das bedauerte ich sehr. „Easy Rider“ hatte sowohl in der Musik-, als auch in der Filmgeschichte eine gewisse Bedeutung.
Anstatt mich bei Plattenfirma, Konzertagentur, Management etc. nach ihrem Aufenthalt zu erkundigen (und gar noch für einen Verehrer gehalten zu werden), zog ich es vor, mir die LP nochmal zu besorgen.
Wenn Sie Juliane Werding mal treffen sollten, können Sie ihr ruhig bestellen, daß sie mir meine LP ruhig hätte zurückgeben sollen. („Was? Welche LP? Wie heißt der Mann? Kenne ich nicht.“).
Und heute ist die Frau 60 Jahre alt geworden?
Wat et nich all jiff.

Nachtrag, wie versprochen. Auflösung, wie erhofft.

Schon am Ersten dieses Monats hätte ich Anlaß gehabt, an eines meiner 1.-Juni-Jubiläen zu erinnern: Vor 40 Jahren (1. Juni 1976) nach Neudorf gezogen (da wollte ich immer hin).
Noch ein 2016-Jahrestag: Seit 30 Jahren Mitglied der DKP (denn Deutschland hat Strafe verdient).
Übernächstes Jahr (2018) ist dann 50 Jahre DER METZGER. Und somit auch: 50 Jahre Situationspresse mit allen Verzweigungen.
Dazwischen, 2017, ist „30 Jahre Eschhaus zu“. Darauf werde ich auch nochmal zurückkommen. Und somit auch: 30 Jahre unter dem Namen „Weltbühne“ auf der Gneisenaustraße.
Erinnern Sie sich an das Jubiläums-Notat vom 1. Mai 2014: 50 Jahre Kunst und Politik. Meine künstlerische Tätigkeit begann am 1. Mai 1964 mit Musik. Dann, knapp zehn Jahre später, ereignete sich wieder eine aktive Musik-Periode.
Ich schrieb: „Darum wollte ich eigentlich an dieser Stelle das einzige vollständige Gruppenfoto der Bröselmaschine hier hineinstellen. Aber zu meinem Entsetzen mußte ich feststellen, daß ich das Foto verkramt habe.“ Ich versprach: „Wenn ich es wiederfinde, zeige ich es.“ Ersatzweise durften Sie schwarz sehen:

Schwarz
Jetzt habe ich das Foto wiedergefunden (und zwar genau da, wo es hingehört und wo ich doch gleich hätte nachsehen können), womit sich auch das Bilder-Rätsel von gestern auflöst:

BroeselmaschineGraefen
Die Original-Besetzung kurz vor der Auflösung, Herbst 1972.
Obere Reihe v.l.n.r: Lutz Ringer, dito, Michael (damals: Mike) Hellbach, dito, Michael Schmidt, dito, Peter Bursch, dito. Untere Reihe: Jenny Schücker, dito, und Helmut Loeven, also ich, dito.
Eine Doppelbelichtung von Eckhard Graefen, Knubbel Afa.

Neu in der Weltbühne: Pott im Pop

Was Ausstellungen so an sich haben: Ausstellungskataloge.
Wie dieser hier:
RockPopPott
Heinrich Theodor Grütter (Hrsg.): Rock und Pop im Pott. Klartext Verlag 2016. 280 Seiten im Großformat, zahlreiche farbige Abbildungen, Hardcover, 24,95 Euro.
Der Klartext-Verlag läßt uns wissen:
„Das Ruhrgebiet blickt auf sechzig Jahre Rock- und Popgeschichte zurück: Mit Auftritten berühmter Gruppen wie den Beatles und den Stones (gemeint sind die Rolling Stones), mit dem Rockpalast in der Essener Grugahalle und mit bedeutenden Musikern aus der Region wie Nena und Herbert Grönemeyer. Das Katalogbuch zur Ausstellung im Ruhr Museum auf Zollverein in Essen zeigt Fotos, Plakate, Eintrittskarten, Schallplatten und Fanartikel sowie Instrumente und Bühnenoutfits und beschreibt die spektakuläre Rock- und Pop-Geschichte des Ruhrgebiets von den Anfängen bis in die Gegenwart.“
Ein Register hätte dem Werk gutgetan.
Daß eine Massenkultur, der etwas Aufrührerisches mehr oder weniger innewohnte, nach Jahrzehnten von nostalgischer Träumerei aufgesogen wird, ist niemals völlig zu vermeiden. In welchem Maße dies auf dieses zeitgeschichtliche Werk zutrifft, überprüfen Sie bitte selbst. Die Ostermärsche und UZ-Pressefeste werden erwähnt, das ist gut. Katalog-Mitgestalter Holger Krüssmann erinnerte sich an meine Folkrocker-Vergangenheit (Bröselmaschine 1970-1973) und ließ sich von mir Fotos schicken. (Die wurden nicht verwendet. Macht nichts).

Was mich da schon eher bedrückt ist der schleichende Verlust an Autonomie (i.e. das herausgenommene Recht, sich selbst seinen Namen zu geben). Wieso lassen es sich Leute gefallen, zum Beispiel als „68er“ oder „Krautrock“ oder „Hippie“ – oder eben „Pott“ bezeichnet zu werden?
Früher konnte man sich darauf verlassen, daß jemand, der die hierorts ungebräuchlichen Bezeichnungen „Pott“ oder „Ruhrpott“ oder „Kohlenpott“ verwendet, nicht von hier ist.
Noch mehr betrübt mich, daß von allerlei Regionaldirektoren, Oberbürgermeistern und sogar einer Landesministerin „Grubworte“ (statt Grußworte) beigegeben wurden.

Wollen Sie dieses Buch haben? Dann bestellen Sie es nirgendwo anders als in der Buchhandlung Weltbühne (für Sie abhol- bzw. versandbereit).
WELTBÜHNE MUSS BLEIBEN, damit gute Musik und deutsche Sprache übrigbleiben.

Alles war, nix is mehr (9)

nixis52Ein Stück die Straße runter: Einen (H)Ort besonders fröhlicher Wissenschaft hätte man vorgefunden, wenn man beizeiten durch diese Einfahrt gegangen wäre. Dort war ein umgefallenes Haus. Ein heftiger Windstoß hatte das Haus umgeweht, so daß Seitenwände zu Decke und Fußboden wurden. Von dort sah man, daß eine Frau mittleren Alters im Parterre unentwegt Fenster putzte. Von morgens bis abends. Jeden Tag. Sie unterbrach diese Tätigkeit nur, wenn sie die Fenster zur Straße hin putzte. Ich konnte es mir nicht verkneifen, einmal laut auszurufen: „Hier müßte mal Fenster geputzt werden!“
Das Forschungsinstitut (Sprache, Soziales) betreibt die Wissenschaft inzwischen in einem festen Gebäude, und in dem mittleren Fernster wird jetzt durch Aushang mitgeteilt, daß die Wohnung zu vermieten ist und daß der Mieter zur unaufhörlichen Fensterreinigung sich verpflichten muß.

nixis53Gegenüber: Hinter den großen Fenstern befindet sich (oder befand sich zumindest Ende der 60er Jahre) eine dieser evangelischen Einrichtungen, in denen die KDV-Beratung stattfand. Wie evangelisch es in den Etagen da drüber zugeht, weiß ich nicht.

nixis54Ach! Das gute alte Pampus gibt es noch! „Essen, trinken, Kunst genießen“. Dem Aushang entnahm ich, daß Mary Heckmann (die Mary) immer noch die Wirtin ist. Zum letzten Mal war ich da drin, da gab es das Eschhaus noch nicht. Zum vorletztem Mal war ich da drin, da gab es die Bröselmaschine noch.
Daneben gibt es nicht mehr das Hotel Garni – ein Stundenhotel, aber auch mal Schimanski-Location.

nixis55Und gegenüber, wo sich jetzt ein Laden für aufeinandergestapelte Kartons befindet, befand sich „Luigis Icecream Corner“. Das war ein beliebter Ort für Verabredungen an Nachmittagen.
Einer sagte mir: „Da kann man sich erfreuen am Anblick der Teenies mit ihren niedlichen Popos.“ Und ich dachte: Ach, andere tun das auch?

nixis56Früher sagte man: „Vom anderen Ufer“. Dabei ist es doch nur die andere Straßenseite.

nixis57Und inmitten all dieser Schwulenkneipen, Altfreak-Kneipe, Stundenhotel, SM-Club und SM-Shop: Das Bischöfliche Sankt-Hildegardis-Mädchens-Gymnasium. (Barbara was here).

nixis58Also, nach einem Bischöflichen Gymnasium sieht das nicht gerade aus. An allem nagt die Zeit. Auf das Mädchens-Gymnasium dürfen neuerdings auch Jungens, und damit ist es auch nur noch die Hälfte wert.

nixis59Dort in dem gelben Haus, hinter dem Fenster rechts von der Haustür, war eine winzige Firma. Dort machte Jenny ihre Lehre als Glasmalerin, bevor sie sich ganz der Musik widmete. Bei uns in der Wohnung lagen viele ihrer wirklich gekonnten Glasmalereien herum.
Jenny, oh, Jenny!

nixis60Da, bei Eller-Montan, arbeitete Barbara. Nachmittags, wenn sie Feierabend hatte, stand ich da, wo das Schild ist, und wartete auf sie, und dann war es ein richtig schöner Tag. Bei Eller-Montan arbeitete sie nur in den Semesterferien. Sonst studierte sie Jura in Bonn, und ich wohnte bei ihr auf der Kaiserstraße. Warum hat sie mich verlassen?
Ich will sie alle wiederhaben, auch die Anne, auch die Stefanie, und auch die Christina, und von den jetzt nicht namentlich Genannten auch ein paar – natürlich alle so jung und schön, wie sie waren, als sie mich verließen.
Und dann heirate ich sie alle. Geht das?
Geht nicht?
Bei der Erschaffung der Welt muß irgendwas schief gelaufen sein.

Schon gehört? Freerock!

Ich habe ja am nächsten Samstag (übermorgen) schon was anderes vor.
Aber wenn Sie noch nichts vorhaben, überlegen Sie mal, da hin zu gehen:

LuckyGrammEhre, wem Ehre gebührt: den Wegbereitern.
Das Echo des Eschhauses ist noch längst nicht verklungen.
Und da fällt mir ein, daß ich ja für das nächste Duisburg-Jahrbuch einen Artikel über das Eschhaus schreiben soll. Gut, daß mir das jetzt wieder eingefallen ist.
P.S.: Sprich: „Lucky“, nicht „Lacky“.

SoS (69-78)

SoS069Am 29. Dezember 1975 wurde im Eschhaus der Film „Switch on Summer“ zum ersten Mal gezeigt. Anläßlich des 40. Jahrestages der Welturaufführung werden hier in loser Folge 100 Stills aus dem Film zu sehen sein.
Bis zum 29. Dezember 2015 sollte das eigentlich durch sein, und jetzt sind wir immer noch dran.
Bild oben: Helmut Ernst (rechts) kauft den METZGER (gestellte Szene). Die Szene entstand auf dem allerallerersten Flohmarkt in Duisburg, Bahnhofsvorplatz 1973.
SoS070SoS071SoS072SoS073SoS074SoS075SoS076Strähler sitzt an meinem Schreibtisch.
SoS077Ich sitze an meinem Schreibtisch.
SoS078Ich sitze an meinem zweiten Schreibtisch.
Habt Ihr gesehen? An der Wand, links, hängt ein Plakat der Bröselmaschine. Ja, auch ich war mal in ’ner Band.

SoS (46-57)

SoS046SoS047SoS048SoS049SoS050SoS051Hat eigentlichj noch kein Mensch gemerkt, daß „Switch on Summer / Sehreise“ ein (allerdings überaus freies) Remake von „Ist das Leben nicht schön?“ (Frank Capra, USA 1946) ist, der immer Weihnachten im Fernsehen kommt? Allerdings immer um Mitternacht, wenn die Kinder schon im Bett sind.
Die DVD DIESES Films können Sie zu jeder Tageszeit Ihren Kindern zeigen.
SoS052SoS053SoS054SoS055SoS056SoS057..

Nicht jeder findet das gut: LSD ins Trinkwasser.

Einige Passagen meiner Lesung im Syntopia am 17. September 2015 wurden gefilmt. Heute zeige ich euch: LSD ins Trinkwasser.


Über den Besuch eines Beamten ist ebenfalls was zu erfahren.

Dies ist das Notat Nr. 888. Das kann doch kein Zufall sein.

Alles war, nix is mehr (3)

Im vorigen Jahr bin ich nur einmal im Wald gewesen. Dann kam ein Sturm, und in den folgenden Monaten wurde wegen der Gefahr durch herunterstürzende Äste vom Betreten des Waldes (mehr oder weniger administrativ) dringend abgeraten. Erst im Spätherbst wurde der Wald wieder „freigegeben“, aber dann gehe ich kaum in den Wald, weil es dann so früh dunkel wird.
In diesem Jahr kam der Frühling wieder mit einem Sturm, der Äste zerbrach. Wieder hieß es: Meiden Sie erstmal den Wald.
Also verlegte ich meine Erkundungsgänge vollends in die besiedelten Teile meiner Heimatregion – ohne Bedauern, weil für mich seit je das Erkunden zwischen Mauern dem Erkunden zwischen Bäumen mindestens gleichrangig ist.
Allerdings birgt auch die Großstadt Ast-Gefahren (erinnern Sie sich an Ödön von Horváth).

nixis11Hohe Straße, also in „bester City-Lage“: Hinter den gelben Klinkersteinen war der erste (und eigentlich auch einzige jemalige) Head Shop, gegründet 1971 von Lutz Ringer (Bröselmaschine). Monatsmiete: 500 Mark. Zwei Räume. In den hinteren Raum drang nur die informelle Tee-Gesellschaft vor. Der Laden hieß „Knubbels Garten“, weil er Teil des Törn-Projekts „Knubbel Afa“ war. In der Zeit seines Bestehens an dieser Stelle (!) war Knubbels Garten einer meiner Lieblings-Aufenthaltsorte.

nixis12Gegenüber davon: Damals war das ein Pommes-Restaurant: Nix als eine Pommes-Bude, aber groß wie ein Restaurant. Hieß: „Pferdestall“ (wohl wegen der rustikalen Holz-Innenarchitektur) und war ein „Szene-Treff“ (wie man heute sagen würde). Ja: die „Freaks“ ernährten sich teilweise auch von Pommes Frites und Curry-Freakadellen und derlei. Da war man noch ganz unverkrampft.
Später war da drin dann ein Französisches Restaurant. Die hatten sogar einen Michelin-Stern.
Und jetzt ist das da. Kurz nachdem ich das Foto aufgenommen hatte, ging da so’n Kerl rein mit Kampfhund. Wenn der ohne den Hund gewesen wäre, hätte ich gedacht: Jetzt fehlt nur noch der Kampfhund.

nixis13Rudi Kalamees zog mit seinem einträglichen Schallplattenladen „Disc“ auch auf die Hohe Straße, in den Eck-Laden am Buchenbaum. Der hatte mehr Platz als er brauchte und einen zweiten Eingang. Also zog Knubbels Garten ein paar Häuser weiter als Rudis Untermieter (Monatsmiete jetzt 300 Mark). Knubbels Garten war, wo jetzt „Sun Express“ drüber steht.
Niedrigere Miete klang verführerisch. Und von dem viel frequentierten Plattenladen (nur Freak-Musik) kam man direkt in den Head Shop, ohne trennende Tür dazwischen. Aber so gut war das nicht. Man kam sich plötzlich vor wie in einer Kneipe, in der aber nichts richtig funktioniert. Außerdem: Nachbar zur Rechten war das berüchtigte Prosesse (was ein Anagramm von „Espresso“ ist) für Hardcore-Freaks. Da war es mit der Ruhe vorbei.
Und: Rudi Kalamees war ein Katastrophen-Mensch. Katastrophen Menschen leben nicht nur in der Katastrophe, sondern ventilieren sie auch.
Den Plattenladen machte er zu und stattdessen dort eine Kneipe auf mit dem phantasievollen Namen „Pub“. Da wurde er aber bald ausgebootet, nachdem er den Lutz und seinen Head Shop ausgebootet hatte. Die Frühgeschichte enthält nicht nur Ruhmestaten.
Der wohnte da auch nicht mehr über dem Laden. Da wohnte dann der Karl Hellbach (Bruder von dem Bröselmaschine-Schlagzeug-Tushita-Mike Hellbach). Der hatte sein Zimmer (Fenster über der Kneipentür) ganz schwarz tapeziert. Das machte nichts, denn ich mußte da ja nicht länger bleiben als ab und zu mal zu Besuch.

Knubbels Garten ging kaputt durch zu viel Kollektivität (jawohl!). Außerdem hatte Inhaber Lutz sich auf den Weg gemacht zu einem längeren Auslandsaufenthalt, ohne die Vertretung zu regeln. Ich war damals mit meinem Zivildienst noch nicht zu Ende und hatte tagsüber keine Gelegenheit, den Laden unter eigener strenger Regie zu leiten. Ich hätte erstmal die ganzen Schnorrer rausgeschmissen, die immer die Einnahmen des Vortages verfrühstückten.
Exkurs: Den Eschhaus-Buchladen habe ich als eine Chance gesehen, die kurze Tradition von Knubbels Garten wieder aufzugreifen. Aber da haben wir (Magda und ich) gesagt: Da lassen wir uns von keinem reinreden! Hier herrscht die Autokratie der Künstler! Das haben manche uns übelgenommen.

SpiegelAnneDer Spiegel berichtete sogar über das ins Chaos abgleitende Projekt. Aber darüber habe ich hier ja schon mal berichtet (ja! Klicken Sie!). Der türkise Pfeil zeigt auf Anne.

nixis14An der Ecke war ein Espressomaschinen-Café. Und was ist da heute drin? Ein Friseurladen. Natürlich.

nixis15In der Galerie Kugel sind Originale von Uecker ausgestellt. Echte Ueckere!

nixis16Wenn ein Flachdach-Gebäude im Kantpark steht, wird Karl Kraus zitiert.
Ganz früher war hier die Stadtbibliothek drin, später das „Heimatmuseum“ (heute: Stadt- und Kulturhistorisches Museum). Jetzt sind da Räume für die Bildende Kunst.

nixis17Gegenüber: Was ist jetzt eigentlich da drin, wo früher das Shalom drin war? Natüüürlich! Ein Friseurladen. Was sonst!

nixis18Eine Tür weiter. Das ist die Kneipe, in der im November 1972 die Eschhaus-Initiative gegründet wurde. Warum die Tür, die ursprünglich weiter rechts war, zugemauert wurde und eine neue Tür an der jetzigen Stelle eingerichtet wurde, verstehe ich nicht.

nixis19Alles war, nix is mehr. Man kann kaum noch schnell genug fotografieren, wo blinde Zerstörungswut tobt.
Oberbürgermeister Sören Link ist ein Gauch.
Da hätten wir den Sauerland ja gleich behalten können.

Ich habe die mit der Industrialisierung entschwundene Bezeichnung „Gauch“ genutzt. Ich wollte durchaus nicht „Gauck“ schreiben. Ich will ja niemanden beleidigen.

nixis20Ach! Sieh an!

Alles war, nix is mehr (2)

Früher war ich ja einer von denen, die von der Zukunft künden. Jetzt krame ich vor Ihnen im Vergangenheit herum. Ich nehme also inzwischen eine radikalere Haltung ein.

nixis05Der Mike Hellbach (Ex-Bröselmaschine-Schlagzeug) hatte seinen Kunstdruck- und Postkartenladen zuerst nicht an der Ecke, sondern ein paar Häuser weiter hier auf der Lenzmannstraße. Da ist jetzt ein Friseur drin.

nixis06In dem spitzwinkligen Laden an der Ecke Friedrich-Wilhelm-Straße ist jetzt auch ein Friseur drin.

nixis07Daß die Friedrich-Wilhelm-Straße mal ein prachtvoller Boulevard war (Boulevardvard / Boulewarwar), daran erinnern sich vielleicht noch ein paar Alteingesessene – allerdings eher bei besserem Wetter. Auf der einen Seite Juweliere, Pelzhändler, BMW-Händler, lauter vornehm, und gegenüber (rechts neben dem Foto) der schöne Kant-Park mit dem schönen Lehmbruck-Museum. Ein Hauch von Urbanität ist übriggeblieben (oder, für Pessimisten: von Urbanität nichts als ein Hauch).

nixis08Das grünliche Haus da vorn paßt sich von weitem betrachtet in die Vorstellung eines urbanen Boulevardvard (Boulewarwar) an. Aus der Nähe betrachtet wirtschaftet da ein Altrötscher mit Elektronikschrott.

nixis09An dieser Stelle stehend am Nachmittag eines trüben Samstages (ein paar Wochen ist das übrigens schon her) nahm gegenüber anderen möglichen Präferenzen in mir der Entschluß, nach Hause zu gehen, Überhand. Überhaupt möchte ich sagen: Glücklich ist, wer sich nichts besseres vornehmen kann als nach Hause zu gehen. Da gehe ich am liebsten hin.

nixis10Das alles ist, wie gesagt, vor ein paar Wochen gesehen und fotografisch dokumentiert worden. Inzwischen fühlt man ja schon wieder anders (Fortsetzung folgt gleichwohl). In der Zeit dazwischen, bei besserem Wetter und hellerem Sonneneinstrahl sah das so aus. Wolkenkratzerimitate (linker Bildrand) werfen Schatten! Das ist aber nicht der Goldene Anker, von dem so oft die Rede ist. Der ist woanders. Merke; Zwei göldene Ankere bedeuten nicht immer dasselbe.

Der Kommunismus hält Einzug in Meiderich (live)

Einige Passagen meiner Lesung in der Zeche Carl in Essen am 31. August wurden gefilmt. Heute zeige ich Euch: „Der Kommunismus hält Einzug in Meiderich“ (aus „Der Gartenoffizier – 124 komische Geschichten“).

Ton- und Bildaufzeichnung: Hafenstaedter.

Gestern in der Stadt

Mai14-1Bahnhof gesperrt.
Weil am Vormittag die NPD demonstrierte (am Abend dann auch „Pro NRW“), waren die Zugänge dem Hauptbahnhof von der Polizei gesperrt. Zugreisende mußten Umwege in Kauf nehmen.
Gegen den Aufmarsch der Faschisten wurde am Vorabend und am Vormittag des 1. Mai demonstriert (s.u.). Auf dem König-Heinrich-Platz stellte Duisburg sich quer mit einem Kulturprogramm. Das Kammerorchester des Philharmoniker und zum Schluß die Bröselmaschine.

Mai14-2Ein kluger Mann hat mal in einem Interview gesagt (ich zitiere aus dem Gedächtnis): „In der heutigen Zeit kann ein Musiker nicht unpolitisch sein.“
Ein interessanter Satz! Er hat nicht gesagt: „Ein Musiker muß politisch sein“. Er hat gesagt: „Ein Musiker kann nicht unpolitisch sein.“ Der Satz kann für Künstler allgemein gelten.
Der kluge Mann war Peter Bursch.

Mai14-3Menschen auf dem König-Heinrich-Platz, die lieber anderen zuhören als den Haßpredigern.

Mai14-4Mai14-5Die Parolen der Rechten sind uns zuwider. Wir haben eine andere Einstellung zum Menschen, eine andere Vorstellung vom Leben als NPD etc. Wir denken, wir fühlen, wir wollen das Gegenteil.
Das kann man deutlich hören.

Noch ein Jubiläum: 50 Jahre Kunst & Politik

Am 1. Mai 1964, also vor 50 Jahren, begann meine künstlerische Arbeit. Ich war 14 Jahre alt und im Begriff, Künstler zu werden. Man kann das Datum als Stichtag und damit das heutige Datum als 50jähriges Jubiläum werten. Ich werte dieses Datum als den Beginn der künstlerischen und politischen Arbeit, weil ich zwischen beidem keinen Unterschied mache. Damals ahnte ich allerdings noch nicht, daß künstlerisches und politisches Eingreifen eine unauflösliche Einheit bilden würden.
Es begann nicht, wie angenommen werden kann, mit Schreiben (obwohl mir sowas auch schon vorschwebte), sondern mit: Musik. (Später habe ich es zu meinem Grundsatz gemacht, mich nicht auf ein einzelnes Ausdrucksmedium zu beschränken).
Gemeinsam mit zwei Schulkameraden wurde eine Band gegründet. Wir versuchten vorerst, Beatles-Songs nachzuspielen. Ich hatte im Februar 1964 zum ersten Mal Musik von den Beatles gehört, und mir war dabei klar geworden, daß das Leben anders gestaltet werden könnte als es den Erwartungen an mich entsprechen würde – und daß man dabei nicht tatenlos bleiben kann!
Die beiden anderen waren besser als ich auf der Gitarre. Ich konnte nur auf der E-Saite Bass-Läufe spielen. Aber ich war der Sänger („I shoult habe known better with a girl like you … what a kiss could be. This could only happen to me“, oder so ähnlich).
Mit der Instrumentierung unserer Band mußten wir uns in Bescheidenheit üben. Einer von denen beiden hat aus Pappkartons maßstabsgetreu ein Schlagzeug und mit dem Märklin-Baukasten ein funktionsfähiges Pedal für die Bass-Drum gebastelt. Man konnte darauf wirklich Schlagzeug spielen, aber ohne Becken. Wenigstens ein Becken zu kaufen war zu teuer für uns. Das machte aber nichts. Wir hatten und fanden sowieso keinen Schlagzeuger.
Elektrische Gitarren hatten wir natürlich auch nicht. Aber auf allen möglichen Kleiderschränken verstaubten noch irgendwelche Klampfen aus der Wandervogelzeit. Aus dieser Not, die viele junge Musikmacher betraf, ist vielleicht die Entwicklung der Folkmusik begünstigt worden. Tatsächlich haben wir Liederbücher nach englischen und amerikanischen Traditionals durchsucht.
Unsere Band bestand ein knappes Jahr, in dem wir wirklich sehr ernsthaft gearbeitet haben. Aufgetreten sind wir nie. Darum brauchte die Band auch keinen Namen. Wir hatten allerdings nicht den geringsten Zweifel daran, daß man sich – ob Beat oder Folk – als Musiker die Haare lang wachsen lassen muß.
Es ist eine Ironie der Kulturgeschichte, daß die beiden anderen Bandmitglieder, die viel besser Musik machen konnten als ich, als Musiker danach keine Rolle mehr spielten, während ich ein knappes Jahrzehnt später einer der erfolgreichsten Folkrock-Bands des Landes angehörte.
Darum wollte ich eigentlich an dieser Stelle das einzige vollständige Gruppenfoto der Bröselmaschine hier hineinstellen. Aber zu meinem Entsetzen mußte ich feststellen, daß ich das Foto verkramt habe.
Wenn ich es wiederfinde, zeige ich es.
Schwarz..