Ernst Bloch. Schon mal gehört?

Ich weiß, diese Frage(stellung) mißbehagt zumindest den Frühgeborenen unter den Leserinnen und Lesern. Aber es ist doch so: An den Philosphen Ernst Bloch (1885-1977) erinnert man sich nicht mehr so oft und will es auch nicht. Der Philosoph, der vor 40 Jahren in Nachrufen auf der Höhe Platos geortet wurde, fand gestern bei Wikipedia in der Rubrik „Was gheschah am 4. August“ keine Erwähnung anläßlich des 40. Todestages.

Bloch wie man ihn kannte: Mit Pfeife in der DDR. Schriftstellerkongreß 1956. Foto: Bundesarchiv

Auf Ernst Bloch wurde ich aufmerksam gemacht Anfang Oktober 1967 anläßlich der Verleihung des Friedenspreises eines Buchhandels, in dessen Regalen man landauf landab nach den Werken des Preisträgers eher vergeblich suchen wird. Für den damals 17jährigen Aufbrecher waren da die richtigen Impulse zu empfangen. Ohne ein Blatt vor sich in freier Rede sprach da einer vom Aufrechten Gang, vom überschreitenden Denken, vom Menschen, der „noch nicht bei sich angekommen“ ist.
Utopie heißt hier nicht „nie und nimmer“, sondern das noch nicht Gewordene, das eigentlich schon Notwendige, aber noch nicht Gekommene. Dem entgegen steht das längst Verworfene, aber noch nicht Verschwundene.

Aus der DDR wurde er rausgeekelt, weil deren Kulturpolitik den Marxismus als etwas unumstößlich Abgeschlossenes in die Welt stellte. Das war 1961.
Als dunklen Punkt in der Biographie und im Werk Blochs wertet man seine positive Haltung zu den Moskauer Prozessen 1936-1938 und seine Lobesworte für Stalin Anfang der 50er Jahre. Da er beides später revidierte, kann man beides durchaus zu den guten Seiten zählen, weil ihn das für das hiesige Feuilleton ungenießbar macht.

Ernst Bloch Seminar Schein und Vorschein in der Kunst, Tübingen 1971. Wikimedia Commons

Nicht immer sind Zeiten des Aufbruchs (oder, im Blochschen Sinne: nicht in allen Zeiten ist das Aufbrechende überwiegend). Darum ist zu hoffen, daß das „Prinzip Hoffnung“ nicht verkommt zu einer Floskel von Fußballtrainern (dritte Liga, abstiegsgefährdet), als Redensart ohne Quelle.
In allen Zeiten aber ist der Aufbruch latent. Wäre das nicht so, dann wäre das „Experimentum Mundi“ gescheitert. An diesem Scheitern aber wird gearbeitet, ständig, beharrlich und mit Geschick. Das sollte man nicht vergessen.

Kommen Sie mal bei mir vorbei. Hier werden Sie fündig.
Aber auch:
Marvin Chlada: Rausch der Utopie. Eine Begegnung mit Karola Bloch. 1992 besuchte Marvin Chlada die Witwe Ernst Blochs in Tübingen und merkte, daß diese Frau zu Unrecht im Schatten ihres berühmten Mannes stand. In DER METZGER Nr. 91 (2010).

Wenn du denkst …

Ein neues Werk aus meiner Werkstatt:
Sieht gut aus und kommt der Wahrheit nahe.
Es handelt sich bei diesem Bild um eine der neuen Postkarten aus der Postkarten-Produktion der Situationspresse (Situationspostkarte Nr. 126), erschienen vorigen Freitag.
Da die Leserinnen und Leser dieses Weblogs zu den aufgeklärten, human eingestellten Zeitgenossinnen und Zeitgenossen gehören, fällt ihnen bestimmt auf Anhieb jemand ein, dem sie diese Mitteilung zukommen lassen wollen. Und da ein Knallkopp selten allein kommt, ist mit einem pluralen Interesse zu rechnen. (Ab 50 Exemplare mit Mengenrabatz, Lieferfrist, Vorkasse).


Diese Typo-Graphik wurde gestaltet für die Titelseite von DER METZGER Nr. 43 (Januar 1991, noch erhältlich), montiert aus Lettern von Schlachtzeilen der Bildzeitungsausgabe vom Tag der deutschen „Wiedervereinigung“. Das stimmt zwar gar nicht (es war irgendeine Bildzeitungsausgabe jener Tage), aber als Legende macht sich das doch gut.

Über die neuen Situationspostkarten erfahren Sie mehr in den nächsten Tagen.

Wußten Sie damals, was morgen für ein Tag gewesen sein würde?

„Wissen Sie, was morgen für ein Tag ist?“ fragte ich Sie vor ein paar Tagen. Das war aber nicht die erste Philippika dieses Titels auf diesen Seiten, fiel mir heute auf. Sondern so fragte ich schon am 30. Juni 2015. Der Nachrichtenlage der letzten Tage ist der Kommentar angemessen.
Ich wiederhole:

Wissen Sie, was morgen für ein Tag ist?
Morgen ist der 1. Juli 2015, der 25. Jahrestag der „Währungsunion“.
Ein Nachbarland wurde einverleibt (vulgo: annektiert), die westdeutsche Währung wurde dort eingeführt, als ob das mal so einfach ginge. Folge war, daß eine Volkswirtschaft zusammenbrach.
Der wirtschafts- und währungspolitischen Entscheidung lag keine nüchterne Kalkulation zugrunde, ökonomischer Sachverstand spielte keine Rolle. Umso mehr der Kalte Krieg. Ideologische Verblendung und marktwirtschaftlicher Heilsglauben tobten sich aus. Darum führte die Entscheidung in die Katastrophe. Gucken Sie sich diese „blühenden Landschaften“ doch mal an.
Dieselben Scharlatane, die auf Verluste keine Rücksicht nehmen, sind jetzt damit beschäftigt, „Griechenland zu retten“.
Vor einem Jahr wurden die Renten halbiert, weil die Verkünder der Marktwirtschaft meinten, die Renten wären zu hoch. Letzte Tage in einer dieser TV-Talkshows sagte der Wirtschaftsguru Sinn: in Griechenland sind die Renten zu hoch.
Denen fällt nichts Neues ein. Die Renten sind zu hoch, nicht nur in Griechenland, und nicht nur die Renten, sondern vor allem die Löhne.
Folgt man den Wirtschafts-Pappnasen, dann kommt die riesige Staatsverschuldung daher, daß die einfachen Leute „über ihre Verhältnisse gelebt haben“. Staatsschulden im Kapitalismus sind systembedingt, und wer etwas anderes behauptet, ist ein Idiot.
Und genau das ist der Punkt: Wir haben es mit Vollidioten zu tun.
Wer predigt, die Programme, die jahraus jahrein das Elend nur vergrößert haben, müßten unbedingt fortgesetzt werden, der ist verrückt – wie der Brüsseler ARD-Korrespondent Krause, der sie nicht mehr alle auf dem Kastenmänneken hat.
Wie sieht es eigentlich mit der Staatsverschuldung in Deutschland aus?
Die EU-Wirtschaftspolitiker samt ihren pseudowissenschaftlichen Zuträgern wollen Griechenland nicht „retten“, sondern ihre marktwirtschaftlichen Wahnvorstellungen ausbreiten.
Die Sparpolitik wird die Schulden nicht senken. Die Sparpolitik soll die Schulden nicht senken, sondern die Renten.
Die Anti-Griechenland-Politik läßt erkennen, was den Politikern, die unser Land regieren, zuzutrauen ist.
Und die griechische Regierung? Die tut einfach nicht, was „wir“ ihr befehlen. Wo „wir“ es doch nur gut mit ihnen meinen.
Auch die Anti-Griechenland-Politik der EU hat was mit Kaltem Krieg zu tun. Warten Sie mal ab, wenn in Athen die Konservativen an der Regierung sind, wie dann die Geldquellen wieder sprudeln; und dem Schäuble, dieser schwarzen Null, kann es dann gar nicht schnell genug gehen, seinen griechischen Parteifreunden das Geld überall hineinzuschieben.

Auch das ist ein Aspekt der bürgerlichen Herrschaft: daß man die Kommentare immer mal wieder aus der Schublade holen kann.

Der Deserteur

„Der Frieden kann nicht durch Waffen gesichert werden. Der einzige Weg, den Frieden zu sichern, ist: Abrüstung.“
Das hat mir ein deutscher Verteidigungsminister gesagt.

Welcher Verteidigungsminister wird das wohl gewesen sein?
Na, mit welchem deutschen Verteidigungsminister (außer Diensten) habe ich wohl gesprochen?
Der Strauß war es nicht.
Es war auch nicht der von Hassel und der Stoltenberg, und auch nicht der Apel und der Leber. Keiner von denen.

Es war: Heinz Keßler, Minister für Nationale Verteidigung der Deutschen Demokratischen Republik (und Mitglied des Politbüros der SED).
Er sagte das nicht nur mir, sondern den nicht wenigen Besuchern einer Veranstaltung der DKP im Hamborner Ratskeller am 22. Juni 1996.

Heinz Keßler ist am 2. Mai, in dieser Woche 97jährig gestorben.

Persönliche Widmung für Magda und mich, dankbar für Aufmerksamkeit und Solidarität.
Man wird meine Sympathie nachvollziehen für ein Land, das einen Deserteur zu seinem Verteidigungsminister macht.

Wenn man hier hinklickt, erfährt man mehr.

Ne? Is klar.

Ist Ihnen auch klar, daß der Rosenmontag, beziehungsweise das ganze durch ihn verlängerte Wochenende, mancherorts als Zeit der Kontemplation gefeiert wird, zum Beispiel dort, wo die fast vollendete METZGER-Ausgabe Numero 121 ganz vollendet werden soll.
Ich will Ihnen gern zu ein paar (präzise gesagt: fünf) kontemplativen Inspirationen verhelfen – durch Recurse auf die ersten fünf Monate dieses Weblogs. Denn wisse: wer auf der Suche nach der Zukunft ist, muß in alten Papieren wühlen (hier: in alten Notaten herumstöbern).

Drum klicken Sie mal hier,
und klicken Sie mal hier,
und klicken Sie mal hier,
und klicken Sie mal hier,
und klicken Sie mal hier.

Viel Freude (ohne Uniform, ohne Blaskapelle).

Satz komplett


Aufmerksamen Besuchern fiel auf, daß der Briefmarkensatz von 1964 hier am 6. Januar nicht komplett abgebildet wurde, ein Wert fehlte. Man mußte kein Briefmarkenexperte sein, um zu bemerken, daß bei Gedenkmarken zur Roten Kapelle eine Marke für Harro Schulze-Boysen nicht fehlen kann.
Der Satz müßte jetzt komplett sein.

Neu in der Weltbühne: ein neues Buch von Angela Davis

Meine heutige Empfehlung:

Angela Davis: Freiheit ist ein ständiger Kampf. Aus dem Englischen von Sven Wunderlich. Unrast Verlag 160 S. 14 Euro.
Der Verlag über sein Buch:
Anhand einer Auswahl von Schriften, Gesprächen und Vorträgen untersucht die international bekannte Aktivistin und Wissenschaftlerin Angela Davis die Schnittmengen und Verbindungen von Befreiungskämpfen gegen Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt rund um unseren Planeten. Es geht um die Rolle der Schwarzen Frauenbewegung (Black Feminism), die Zusammenhänge von Ungleichheit in ›Rasse‹, Geschlecht und Klasse (Intersektionalität), den kapitalistischen Individualismus, die Bewegung gegen Gefängnisse (Prison Abolition Movement) und Polizeigewalt. Sie schreibt gegen den weltgrößten, Rekordprofite erzielenden ‚Sicherheits’konzern G4S sowie über länder- und grenzüberschreitende Solidarität für die Widerstandskämpfe unserer Zeit. Von der Schwarzen US-amerikanischen Freiheitsbewegung bis zur südafrikanischen Anti-Apartheid-Bewegung: Davis lässt bedeutende zeithistorische Befreiungsbewegungen Revue passieren, nimmt deren Gemeinsamkeiten unter die Lupe und arbeitet ihre Bedeutung für die aktuellen Bewegungen gegen Staatsgewalt heraus – von Ferguson bis Palästina. Davis plädiert dafür, eine weltumspannende Bewegung zur Befreiung der Menschheit aufzubauen und erinnert daran, dass die Erlangung von Freiheit einen langen, permanenten, kollektiven Kampf bedeutet.
Stimmen:
„Einmal mehr bietet uns Angela Davis präzise, dringend benötigte, weitreichende Einsichten in den systemimmanenten Rassismus, in die Grundlagen intersektionaler Analyse und Solidarität und in die wichtige Aufgabe, als Gleiche Hand in Hand aktiv zu werden, um ungerechte Systeme zu entblößen und zu entmachten. Die umfangreiche Sammlung von Essays enthält eine messerscharfe Analyse über die Polizeigewalt gegen People of Color, die systematische Inhaftierung Schwarzer in den USA, die Beweggründe von Linken für ihre Solidarität mit Palästinensern, die Bejahung von Transgender-Inklusion und die Notwendigkeit, dem Konzern G4S und seinem profitgierigen Imperium, welches Rassismus unter dem Vorwand der Sicherheit institutionalisiert, entgegenzutreten. Die Essays nehmen uns mit auf eine Reise in die Geschichte, zu den Begründern revolutionärer und anti-rassistischer Kämpfe, doch führen sie uns auch die Möglichkeit vor Augen, intersektionale Solidarität und Kämpfe nachhaltig fortzusetzen.“ Judith Butler

„Das ist die gute alte Angela: einsichtsvoll, wissbegierig, aufmerksam, brillant. In diesem Buch stellt und beantwortet sie Fragen über das Geschehen in unserem Jahrhundert, die dem des vorigen Jahrhunderts erstaunlich ähneln.“ Mumia Abu-Jamal

Muß man Angela Davis vorstellen? Der Unrast-Verlag gibt über sie bekannt:
Angela Yvonne Davis ist politische Aktivistin, Autorin, Rednerin und emeritierte Professorin der University of California. Seit den 1970er Jahren gilt sie als Symbolfigur der Bewegung für die Rechte von politischen Gefangenen in den USA und setzt sich bis heute für die Befreiung der Schwarzen ein, kämpft gegen rassistische, Geschlechter- und Klassendiskriminierung sowie gegen den gefängnisindustriellen Komplex in den USA ein.

Ich füge zwei Fakten hinzu: Daß sie Schülerin von Herbert Marcuse und daß sie Mitglied der Kommunistischen Partei der USA war.
Ich weiß nicht, ob es wenigen oder vielen bekannt ist. Angela Davis wurde 1970 verhaftet und unter fadenscheinigen Vorwürfen angeklagt, an einem Mordkomplott beteiligt zu sein. Ihr drohte die Todesstrafe. International erhob sich die Solidaritätsbewegung für Angela Davis. Wir haben für sie gekämpft wie für die eigene Schwester. Wir haben sie in unsere Herzen geschlossen.

Angela Davis nach ihrer Haftentlsassung 1972 bei Erich Honecker in Berlin (DDR). Foto: Bundesarchiv.

Bitte bestellen Sie das Buch nicht am Amazonas, sondern (auch im Versand) in der Buchhandlung Weltbühne, Duisburg, Gneisenaustraße 226, 47057 Duisburg (Neudorf). Telefon 0203-375121.
E-mail: bestellungen@buchhandlung-weltbuehne.de
www.buchhandlung-weltbuehne.de
WELTBUEHNE MUSZ BLEIBEN !

Eckart Spoo

„Der Journalist und Publizist Eckart Spoo ist am Donnerstag, dem 15. Dezember, in Berlin gestorben, vier Tage vor seinem 80. Geburtstag. Als Kind erlebte er Krieg und Faschismus in seiner Geburtsstadt Mönchengladbach und im Fluchtort Harz; dies hat sein ganzes Leben geprägt. Mehr als drei Jahrzehnte schrieb er als Korrespondent der Frankfurter Rundschau Zeitungsgeschichte. Er galt als unbequemer Fragesteller in Pressekonferenzen und deckte manchen Skandal auf. Von 1970 bis 1986 war er Vorsitzender der Deutschen Journalisten-Union (dju).“

Den vollständigen Nachruf von Hans Springstein auf Eckart Spoo (1936-2016) im Freitag können Sie hier lesen.

Eckart Spoo. Foto: Justus Nußbaum Wikimedia Commons

Eckart Spoo wird den meisten bekannt sein als maßgeblicher Herausgeber der Zeitschrift Ossietzky, die er 1997 gründete. Diese zweiwöchentlich erscheinende Zeitschrift im Din-A5-Format mit der ziegelroten Umschlag erinnert von Konzept und Erscheinungsbild, vor allem vom antimilitaristischen und antifaschistischen Standpunkt sehr an die 1918 von Siegfried Jacobsohn gegründete Zeitschrift Weltbühne, und das ist auch beabsichtigt.

„Weltbühne“ sollte sie zuerst auch heißen, als Wiedergründung. Auf diese sinnfällige Namensgebung wurde – zur Vermeidung eines sicherlich sehr langwierigen Streits um Namensrechte mit ungewissem Ausgang – verzichtet. So wurde dem Blatt der Name des langjährigen Weltbühne-Herausgebers Carl von Ossietzky gegeben.

Wieso konnte, nachdem die Weltbühne nach der Machtübergabe an die Faschisten 1933 im Exil herausgegeben wurde und dann, von Maud von Ossietzky 1946 wiedergegründet, in Berlin (DDR) weitererschien (eingestellt 1993) nicht weiterhin ihren Namen behalten? Diese mit fragwürdigen Ansprüchen gespickte Geschichte aufzuschreiben habe ich mir vorgenommen.

Daß die von Magda Gorny und mir gegründete Buchhandlung „Weltbühne“ heißt ist nat+rlich auch kein Zufall.

Gisela May

Gisela May (1924-2016) wußte, was sie tat und warum.

Ich hörte sie nicht nur auf Schallplatten, sondern auch live im Audimax der Duisburger Universität, das war eine Veranstaltung der Duisburger Akzente 1987 (Einblicke. Kultur und Kunst aus der Deutschen Demokratischen Republik. Erbe und Gegenwart). Da erzählte sie, wie Hanns Eisler 1957 der jungen Sängerin riet: „Das sollten Sie weiter machen.“ Sie folgte seinem Rat. Seit 1962 gehörte sie dem Berliner Ensemble an.

Gisela May bei der Probe zu Mutter Courage mit Regisseur Manfred Wekwerth Foto: Bundesarchiv

Gisela May bei der Probe zu Mutter Courage mit Regisseur Manfred Wekwerth
Foto: Bundesarchiv

1977 spielte sie in dem DEFA-Film „Die Verführbaren“ nach dem Roman „Ein ernstes Leben“ von Heinrich Mann. Den sah ich im Fernsehen. Ein Kriminalkommissar mußte einen Mordfall aufklären, und das gelang ihm auch und die Gerechtigkeit nahm einmal Überhand, und da sprach er den klassischen Satz eines zutiefst pessimistischen Menschen, wenn doch mal was Gutes passiert: „Manchmal packt das Schicksal in seiner Blindheit auch mal an die richtige Stelle.“ Der Satz ist schön, weil er klug ist, und trotzdem will ich ihn nicht glauben.

Zum Einheiztag (morgen)

kleister
Das ist eine Karikatur, die den morgigen Einheiztag aufs Korn nimmt.
Bei genauem Betrachten stellt man fest, daß ich sie am letzten Tag der segensreichen deutschen Zweistaatlichkeit gezeichnet habe.
Zwischen dem 9. November 1989, als das Tor der Pandora geöffnet wurde, und dem 3. Oktober 1990, als wir dann den Salat hatten, waren wir oft nachts unterwegs, um antinationalistische, wehrkraftzersetzende Plakate auf Mauern und Zäune zu kleben. Hier nur zwei von vielen Beispielen:
zweigeteilt1989kl
wirsinddasvolk-2
In der Nacht vom zwoten auf den dritten Octobre, als die letzten Plakate geklebt waren, waren unsere Hände voll mit Tapetenkleister. Sowas hat man nicht gern, weil es nicht angenehm ist.
Uns kamen zwei Männer in dunklen Anzügen entgegen. Ich schlug vor: „Sollen wir nicht einfach unsere Hände an denen ihren Anzügen abwischen? Besondere historische Situationen erfordern besondere Vorgehensweisen.“
Die beiden Männer waren Japaner, und ich dachte, denen könnte man es bestimmt weismachen, daß das Anschmieren mit Kleister eine hohe Tradition deutscher Art sei, damit würde der Wille zur Verbundenheit symbolisiert.
Das haben wir natürlich nicht getan.
Aber ich hab an dem Abend noch dieses Bild gezeichnet und könnt‘ mich immer noch dadrüber kaputtlachen.

Der Radius des Zusammenhangs oder Wer kennt Wolfgang Langhoff?

Geboren am 6. Oktober 1901. Schauspieler am Düsseldorfer Schauspielhaus, das auch schon in den 20er Jahren häufig in Duisburg gastierte, darum mit Duisburg verbunden. Als Mitglied der KPD war er für eine Agit-Prop-Gruppe aktiv, ebenso für die „Assoziation revolutionärer Künstler“, kurz ASSO, die dem späteren ASSO-Verlag den Namen gegeben haben dürfte.
1933 von der Gestapo verhaftet, im Düsseldorfer Polizeigefängnis schweren Mißhandlungen durch die SA ausgesetzt, wurde er im Juli 1933 in das Konzentrationslager Börgermoor verbracht. Hier verfaßte er gemeinsam mit den Mitgefangenen Johann Esser und Rudi Goguel das Moorsoldatenlied, das, in viele Sprachen übersetzt, zur Hymne der Antifaschisten wurde.
1934 aus der KZ-Haft entlassen nutzte er die Gelegenheit, Deutschland über die Schweizer Grenze zu verlassen – wenige Tage, bevor die Grenze geschlossen wurde. Er fand ein Engagement beim Schauspielhaus Zürich, das emigrierten Schauspielern ein Betätigungsfeld bot.
1935 erschien sein Buch „Die Moorsoldaten“ als einer der ersten Augenzeugenberichte über die Bestialität des deutschen Faschismus.
1945 aus dem Exil zurückgekehrt wurde er Intendant am Deutschen Theater, wo er auch einige Stücke selbst inszenierte. Seit 1952 war er Mitglied der Akademie der Künste der DDR.

Zentralbild/Sturm 31.5.1962 Deutsche Akademie der Künste erklärt sich zur Sozialistischen Akademie - Dr. h.c. Willi Bredel neuer Präsident Die Deutsche Akademie der Künste zu Berlin erklärte sich am 30.5.1962 in einer ordentlichen Plenartagung zur Sozialistischen Akademie. Die Mitglieder wählten den neuen Präsidenten und die Vizepräsidenten der Akademie und bestätigten die ständigen Sekretäre der Sektionen. Zum Präsidenten wurde einstimmig Dr. h.c. Willi Bredel gewählt. Vizepräsidenten sind Prof. Dr. Walter Felsenstein, Prof. Ottmar Gerster, Prof. Wolfgang Langhoff und Prof. Otto Nagel. Die Mitglieder der Akademie nahmen einstimmig ein neues Statut an. Es löst das in der Zeit des antifaschistischen demokratischen Aufbaus entstandene und 1945 von der Regierung der DDR bestätigte Statut ab und legt die Aufgaben einer Sozialistischen Akademie fest. UBz. Während der Plenartagung. V.l.n.r.: Prof. Wolfgang Langhoff, Prof. Erich Engel, Prof. Wolfgang Heinz. 93752/3N
Auf dem Foto (Tagung der Akademie der Künste) ist er links zu sehen. Der Mann rechts daneben ist Erich Engel, Regisseur am Berliner Ensemble.

Mit der offiziellen Kulturpolitik der DDR hatte er immer wieder Ärger. Man warf ihm mangelnde Umsetzung des sogenannten Sozialistischen Realismus vor. Wegen der Mißbilligung seiner Inszenierung von Peter Hacks‘ „Die Sorgen und die Macht“ trat er als Intendant zurück.
Als Schaupieler blieb er immer aktiv. Seine letzte Rolle für die DEFA war der Rittmeister von Prackwitz in der mehrteiligen Fallada-Verfilmung „Wolf unter Wölfen“: ein Mann, der an der Welt, die er nicht mehr versteht, verrückt wird.
Wolfgang Langhoff starb am 25. August 1966, heute vor 50 Jahren.

In der Zeit, als er in Duisburg spielte, logierte er in dem Haus Goldstraße 1, übrigens ebenso wie sein Kollege Gustaf Gründgens. Dort wohnte ein paar Jahrzehnte später auch ich, nämlich in der Kommune unter dem Dach.
In dem Haus spukte der umstürzlerische Geist. Im Parterre hatte Baumeister sein radikalpazifistischen Büro. In dem Haus wohnten die Künstler Robert Schulte und Friedhelm Ripperger (letzterer eher bekannt unter dem Namen Obelix). Im ersten Stock wohnte eine der allerersten Frauen-WGs weit & breit. Und im Dachgeschoß wohnte die Bröselmaschine. In dem Haus befand sich auch zeitweise das größte Einzelhandelsgeschäft für Dope und Grass in Duisburg, was sie aber bitte nicht weitererzählen.
Das Haus als ganzes und das Dachgeschoß en detail ist Schauplatz einiger meiner unter meinem Klarnamen oder unter Pseudonym verfaßten veröffentlichten oder noch nicht veröffentlichten Geschichten. Aber daß der Wolfgang Langhoff da ein- und ausgegangen ist, habe ich erst erfahren, als das Haus schon abgerissen war.

Erdenwunder

Heute, am 13. August, wurden in Berlin wieder Kränze niedergelegt und lange Gesichter gezogen: „Im Gedenken“.
Gedenken ist ja gut. Gedanken wären besser.
2011, vor 5 Jahren, anläßlich des 50. Jahrestages ihrer Grundsteinlegung, erschien in DER METZGER Nr. 94 der Aufsatz über die Berliner Mauer „Der Erdenwunder schönstes“.

M094Ein paar Zitate:

Die Bundesrepublik befand sich in keinem normalen Zustand. Es ist ohnehin fraglich, ob deutsche Zustände jemals das Prädikat der Normalität verdient haben.

Die Brandredner wollten (…) die „Ostgebiete“ zurück, sie wollten die Grenzen verschieben. Sie wollten Vertreibung. Sie wollten das Ergebnis des Zweiten Weltkrieges revidieren. Sie wollten Atomwaffen für die Bundeswehr. Sie hatten keine Skrupel, die Flammen, die von deutschen Kriegsverbrechern angezündet worden waren und in denen das Deutsche Reich verbrannt war, wieder auflodern zu lassen. Der Springer-Kolumnist William S. Schlamm schlug gar vor, Westberlin zu evakuieren, um die DDR mit Atombomben auszulöschen. Berlin sei einen Krieg wert. Wer so etwas schreibt, ist ein Verbrecher.
Der NDR zitierte in einer Rundfunkreportage am 10. Oktober 1961 einen DDR-Bürger: „Was ist denn mit eurer Politik der Stärke? Warum habt ihr denn aufgerüstet, wenn ihr nicht mit der Armee von Ulbricht fertig werdet? Lieber im Atomkrieg zugrunde gehen als unter Ulbricht weiterleben.“ Wer so etwas sagt, ist ein Idiot.
Wer sich erinnert, wird nicht ruhigen Gemütes von der Hand weisen können, daß im Sommer 1961 der Frieden in Europa in Gefahr war.

„Unsere Staatsmänner in Bonn haben die Sowjets nicht für Menschen, sondern für entartete Teufel eingeschätzt. So waren sie nicht imstande, sich selbst in Gedanken an die Stelle des Gegners zu versetzen und sich zu fragen, was sie an seiner Stelle wohl tun würden… Das erste Erfordernis aber, um richtige Politik zu machen, besteht darin, in die Haut des Feindes zu schlüpfen“, schrieb Rudolf Augstein 1961 im Spiegel, und er fügte hinzu: „Spätestens 1965 würde die Bundeswehr potent genug sein, um bei fortdauernd umstrittenen Grenzen die westliche Koalition in spontane oder provozierte Konflikte zu verwickeln… Die Sowjets glauben nicht daran, daß den Deutschen die Verfügungsgewalt über Atomwaffen auf Dauer vorenthalten wird. Sie glauben nicht an Beteuerungen, solange sich das Potential auf deutschem Boden häuft. Sie haben, um ehrlich zu sein, auch wenig Grund, deutschen Beteuerungen zu glauben. Es drohte also eine Situation, in der die Sowjets von den Deutschen um die Früchte ihres Sieges über Hitler gebracht werden könnten. Es drohte eine gewaltsame Revision des Sieges von 1945, und zwar von Seiten des Besiegten.“

Durch die Berliner Mauer wurde zunächst eine brandgefährliche Situation entschärft, auf die Dauer zwang sie zu einer Mäßigung der westlichen Zurückdrängungspolitik. Die Phase der Entspannungspolitik war ohne die Berliner Mauer nicht denkbar. (…) Auch für die Menschen in der Bundesrepublik verbesserte sich die Lage. Sie konnten ruhiger schlafen, weil die Gefahr, daß von deutschem Boden Krieg ausgeht und auf deutschem Boden Krieg beginnt, verringert war. (…) Die, denen der Frieden den Schlaf raubte, waren in ihren Möglichkeiten eingeschränkt. Willy Brandt hätte nicht „mehr Demokratie wagen“ können, wenn die Ostlandreiter weiterhin so hätten wüten können wie bis zum 13. August 1961.

Anders als die BRD hat die DDR niemals Gebietsansprüche gestellt, keine faschistischen Organisationen geduldet, nie versucht, ein anderes Land zu regieren und zu annektieren, nie den Frieden gefährdet und nie Soldaten zum Kriegseinsatz in fremde Länder geschickt. Anders als die DDR hat die BRD dem Hauptfeind des Nazireiches weiterhin feindselig gegenübergestanden – die Regierung, mehr noch die Bevölkerung. Die Bundesrepublik und ihre Prokuristen hatten und haben keinen Grund, sich gegenüber der repressiven DDR dicke zu tun. Die Geschichte staatlicher und nichtstaatlicher Repression in der BRD ist noch aufzuarbeiten. Die haßerfüllte, vernichtungsgierige Hysterie, mit der der deutsche Untertan auf jede ihm fremde Lebensregung reagiert, ist die Perpetuierung des deutschen Faschismus in den Alltag.

Darf man, kann man, soll man, muß man (…) im Atomzeitalter der Unvernunft Freiheit gewähren? Dazu möge jeder sein Gewissen befragen.

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