Ernst Bloch. Schon mal gehört?

Ich weiß, diese Frage(stellung) mißbehagt zumindest den Frühgeborenen unter den Leserinnen und Lesern. Aber es ist doch so: An den Philosphen Ernst Bloch (1885-1977) erinnert man sich nicht mehr so oft und will es auch nicht. Der Philosoph, der vor 40 Jahren in Nachrufen auf der Höhe Platos geortet wurde, fand gestern bei Wikipedia in der Rubrik „Was gheschah am 4. August“ keine Erwähnung anläßlich des 40. Todestages.

Bloch wie man ihn kannte: Mit Pfeife in der DDR. Schriftstellerkongreß 1956. Foto: Bundesarchiv

Auf Ernst Bloch wurde ich aufmerksam gemacht Anfang Oktober 1967 anläßlich der Verleihung des Friedenspreises eines Buchhandels, in dessen Regalen man landauf landab nach den Werken des Preisträgers eher vergeblich suchen wird. Für den damals 17jährigen Aufbrecher waren da die richtigen Impulse zu empfangen. Ohne ein Blatt vor sich in freier Rede sprach da einer vom Aufrechten Gang, vom überschreitenden Denken, vom Menschen, der „noch nicht bei sich angekommen“ ist.
Utopie heißt hier nicht „nie und nimmer“, sondern das noch nicht Gewordene, das eigentlich schon Notwendige, aber noch nicht Gekommene. Dem entgegen steht das längst Verworfene, aber noch nicht Verschwundene.

Aus der DDR wurde er rausgeekelt, weil deren Kulturpolitik den Marxismus als etwas unumstößlich Abgeschlossenes in die Welt stellte. Das war 1961.
Als dunklen Punkt in der Biographie und im Werk Blochs wertet man seine positive Haltung zu den Moskauer Prozessen 1936-1938 und seine Lobesworte für Stalin Anfang der 50er Jahre. Da er beides später revidierte, kann man beides durchaus zu den guten Seiten zählen, weil ihn das für das hiesige Feuilleton ungenießbar macht.

Ernst Bloch Seminar Schein und Vorschein in der Kunst, Tübingen 1971. Wikimedia Commons

Nicht immer sind Zeiten des Aufbruchs (oder, im Blochschen Sinne: nicht in allen Zeiten ist das Aufbrechende überwiegend). Darum ist zu hoffen, daß das „Prinzip Hoffnung“ nicht verkommt zu einer Floskel von Fußballtrainern (dritte Liga, abstiegsgefährdet), als Redensart ohne Quelle.
In allen Zeiten aber ist der Aufbruch latent. Wäre das nicht so, dann wäre das „Experimentum Mundi“ gescheitert. An diesem Scheitern aber wird gearbeitet, ständig, beharrlich und mit Geschick. Das sollte man nicht vergessen.

Kommen Sie mal bei mir vorbei. Hier werden Sie fündig.
Aber auch:
Marvin Chlada: Rausch der Utopie. Eine Begegnung mit Karola Bloch. 1992 besuchte Marvin Chlada die Witwe Ernst Blochs in Tübingen und merkte, daß diese Frau zu Unrecht im Schatten ihres berühmten Mannes stand. In DER METZGER Nr. 91 (2010).

Über die Natur (live)

Einige Passagen meiner Lesung in der Zeche Carl in Essen am 31. August wurden gefilmt. Heute zeige ich Euch: „Physiker“ (aus „Der Gartenoffizier – 124 komische Geschichten“).

Ton- und Bildaufzeichnung: Hafenstaedter.
Fortsetzung folgt.

War schon das Ende? Oder kommt noch der Anfang?

Anmerkung zum gestrigen Weltuntergang

[…] Wir leben im Mittelalter. Wir sind uns sicher, daß das Mittelalter noch nicht aufgehört hat. Aber manchmal sind wir im Zweifel, ob das Mittelalter überhaupt schon begonnen hat.
Der Philosoph Ernst Bloch war sogar der Meinung, daß die Genesis noch gar nicht begonnen hat. Der liebe Gott hat mit der Erschaffung der Welt noch gar nicht angefangen. Er denkt auch gar nicht daran, die Welt zu erschaffen. Denn der wirkliche Erschaffer der Welt ist, laut Bloch, der die Gegebenheiten überholende, arbeitende Mensch.

Berlin, Ernst Bloch auf 15. Schriftstellerkongress in Berlin (DDR) 1956Foto: Krueger/ADN - Bundesarchiv

Berlin, Ernst Bloch auf 15. Schriftstellerkongress in Berlin (DDR) 1956
Foto: Krueger/ADN – Bundesarchiv

Der Satiriker Karl Kraus hingegen meinte, der Weltuntergang hätte längst stattgefunden, nämlich von 1914 bis 1918.
KarlKraus
Wenn also noch nicht einmal klar ist, ob der Anfang noch kommt oder das Ende schon war, ist es doch auch nicht verwunderlich, daß im Reich der Wissenschaft Verwirrung herrscht. Von allen Rätseln der Wissenschaft das größte ist die Wissenschaft selbst.
Wenn also demnächst zwei oder drei Professoren in weißen Kitteln zu Ihnen kommen und das Haus, in dem Sie wohnen, von oben bis unten mit Fett beschmieren, dann wundern Sie sich bitte nicht.

aus: „Physiker“ in DER METZGER 77 (2006)