Herzlichen Glückwunsch Ilse Storb!

Samstag in der Zeitung gelesen:
Anekdote (2007):

Schräg hinter mir sitzt Frau Professor Ilse Storb. Die tippt mir auf die Schulter:
„Sind Sie der Professor Januscheck?“
„Nein. Ich bin Helmut Loeven.“
Eine Minute später: tipptipptipp:
„Sind Sie denn bei uns auf der Uni?“
„Ich war auf der Duisburger Uni.“
Eine Minute später wieder: tipptipptipp:
„Professor Loeven? Kenne ich gar nicht.“
„Nein, ich bin auch kein Professor.“
Eine Minute später: „Sie sehen aber aus wie ein Professor!“
Als alle Reden geredet sind, kläre ich Frau Professor Ilse Storb auf: „Ich hab an der Uni studiert. Bei Ihnen.“
„Bei mir??? Was haben wir denn gemacht?“
„Musik und Politik.“
„Das hab ich ja immer gemacht. Was haben wir denn gemacht? Doch bestimmt Henze und Nono.“
„Und Hanns Eisler.“
Frau Storb, begeistert: „Hanns Eisler! Ja! Gegen die Dummheit in der Musik!“ Wenn die das Klavier entdeckt, das da hinten in der Ecke steht, dann gibt es kein Halten mehr, dann legt die los!

aus: Schon seit 20 Jahren Wissenschaft gegen den Strich. Das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) feierte Geburtstag. in DER METZGER Nr. 81.

Was habe ich auch noch in dem WAZ-Interview gelesen? Über Helge Schneiders Katzenklo:

So hab ich sie erlebt, meine Professorin: bei aller Exzentrik stets kritisch und anspruchsvoll – und hochkompetent. Wer mit Vergnügen erlebt hat, daß sie im Fernsehen jedem die Schau stehlen konnte, sollte auch wissen, daß es in ihren Seminaren ernst und konzentriert zuging.
Ihr Engagement für Amnesty International soll erwähnt sein. In der Chile-Solidarität hatten wir miteinander zu tun. Sie besuchte uns auch manchmal am Uni-Büchertisch. Sie hätte also wissen können, daß ich nicht Professor Januscheck bin.
Heute hat sie Geburtstag. Ilse Storb wird 90 Jahre alt.
à la bonne heure!

Dr. John

Malcolm „Mac“ John Rebennack Jr. , genannt Dr. John (20. November 1941 – 6. Juni 2019) war ein US-amerikanischer Musiker (Sänger, Pianist – auch andere Instrumente). Die nicht leicht zugängliche Musik (nichts für so nebenbei) schöpfte aus vielen Ursprüngen (New Orleans, Rock and Roll, Blues, Jazz) und fand vielfältigen Ausdruck (am ehesten dem Jazz zuzuordnen).

Stacey Anderson auf pitchfork.com
Mac Rebennack was far from the bayou in 1968. As a session musician in Los Angeles, he sat in with Frank Zappa, Phil Spector, and the Wrecking Crew at the height of the city’s psychedelic heyday, before the Manson family murders cast a pall over the Laurel Canyon dream. But despite being recorded in Spector’s favorite studio, Gold Star, not a sliver of local sun cuts through the mist of Gris-Gris, Rebennack’s debut album as his voodoo-inspired persona Dr. John the Nite Tripper. It’s a direct portal to his hometown of New Orleans, a sinewy swamp-funk jam that simmers together Afro-Caribbean percussion, earthy congas, whirling electric guitars, and pernicious flutes. Dr. John proves instantly at ease on opener „Gris-Gris Gumbo Ya Ya,“ purring as he proclaims himself „the last of the best“ medicine men, a French Quarter Rasputin as shifty as he is seductive. From there, he offers a collection of eccentric pleasures-aural charms and amulets amassed to foster luck and ward off evil spirits.

Wer Gelegenheit hat, den Film „The Last Walz“ von Martin Scorsese zu sehen – vielleicht die DVD besitzt, bekommt zwar nur einen kurzen Auftritt von Dr. John mit, dafür aber in dem wahrscheinlich besten Konzertfilm: Paul Butterfield, Eric Clapton, Bob Dylan, Lawrence Ferlinghetti, Emmylou Harris, Joni Mitchell, Van Morrison, Ringo Starr, Muddy Waters, Ron Wood, Neil Young und sehr viele andere.
Foto: Wikimedia Commons

Land Art

Begrifflichkeiten der Kunst(-Geschichte): Land Art.
Da waren sie noch da: Dem Strähler seine Schuhe.

Dalida „Am Tag als der Regen kam“ und sowas lag da.

Landschaften ändern sich nicht, ebenso die Sprache. Sie werden geändert.

Hu! Ha! Sching-gis Kahn!

Heute abend ist ja wieder diese Juropien-Bombastik-Bumm-Schau „im Taumeltanz der Schaumfabrik“, diesmal in Tel Aviv.
1979 war der Song-Contest schon einmal in der durchaus nicht in Europa liegenden Stadt, und „Deutschland“ beteiligte sich an dem Wettbewerb mit der Doof-Kapelle „Tschinghis Khan“, die einen Gesang gleichen Titels zum besten gab.
Aber im „Vorfeld“ regten sich Zweifel. Der Name des Gesangsvereins und der Titel des Liedes wurden unweigerlich mit dem gleichklingenden, aber etwas anders geschriebenen Tschingis Khan, dem martialischen Mongolenherrscher aus dem 13. Jahrhundert assoziiert. Kann man, darf man als Deutsche mit sowas in Israel auftreten? Oder lieber nicht?
Das war „Frage der Woche“ in der WAZ. Leserbriefe erbeten.
Ich schrieb denen:

OB DIE BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND ODER SONSTWER DIE BAND TSCHINGHIS KHAN ODER SONSTWEN MIT DIESEM ODER EINEM ANDEREN LIED IN ISRAEL ODER SONSTWO AUFTRETEN LÄSST ODER NICHT; IST MIR EGAL.

Der Brief wurde nicht gedruckt. Das ist schade. Eine wegweisende Betrachtung wurde dem Publikum vorenthalten. Ich hätte aufzeigen können, daß, frei nach Brecht, wer A sagt nicht unbedingt B sagen muß, oder, daß es außer Pro und Contra noch eine weitere Entscheidung gibt, und zwar NICHT „sowohl als auch“ (das wäre Merkel/Scholz/Lindner), sondern: WEDER NOCH.

Heute würden die Leserbriefleute vielleicht sagen: „Hähä, das bringen wir.“ Aber 1979 konnte das nicht gehen. Da hatte man sich zu entscheiden, ob man zuerst mit dem rechten oder mit dem linken Bein für Deutschland schreitet, ob forschen Willens oder mit vorläufiger Zurückhaltung in gewissen Ausnahmesituationen.

Bei dieser Tel Aviver Effekt-Orgie handelt es sich nicht etwa um die Europa-Wahl, von der in diesen Tagen so viel geredet wird. Die ist erst eine Woche später. Es kann da leicht zu Verwechslungen kommen.
Darum, bezogen auf die Wahl, ein diesmal konkreter Vorschlag von mir:
Man kann es auch so sagen:

..

Also, beim Ostermarsch 2019 war ich

Ich habe Ihnen ja empfohlen, zum Ostermarsch 2019 hinzugehen. War ich selber auch da? Ja. Kann ich beweisen.

Ostermarsch-Beginn, Ostersamstag-Vormittag in Duisburg.
Die Partei die Partei die hat auch nicht immer recht. Die absolute Gleichsetzung „EU = Krieg“ ist doch eine arg einengende Betrachtungsweise. Rückfall in den Nationalismus?
Meine Empfehlung: Aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.

Allerwelt-Ensemble Duisburg.
Mal ein gute Musik-Wahl. Geht doch!

Die rothaarige Frau da vorne mit der Sonnenbrille guckt mich immer so böse an.
Links im Bild: Exklusiv-Meldung. Beim Ostermarsch in Duisburg ist ein Farrat umgefallen.

Der Hauptredner: Axel Köhler-Schnura, Coordination gegen Bayer-Gefahren (über die in diesem Weblog schon öfter berichtet wurde). Rechts im Bild: The Lady in Black (Mederatorin).

Wenn ROT beim Ostermarsch die dominierende Farbe ist, ist das gut und nicht schlecht.

Jetzt müßte nur noch bewiesen werden, daß ich diese Fotos aufgenommen habe. Aber das können Sie mir ruhig glauben.

Neu in der Weltbühne: Über verbotene Lieder


Moddi: Verbotene Lieder. 10 Geschichten von 5 Kontinenten. Aus dem Norwegischen von Karoline Hippe und Günther Frauenlob. Deutsche Erstausgabe. Edition Nautilus 2019. 240 S. mit zahlrechen Fotos. Großformat. 20,00 Euro
Verlagstext:
Warum werden Lieder verboten oder zensiert? Der norwegische Musiker Moddi macht sich auf die Suche – und auf eine Reise über fünf Kontinente.
Im Laufe der Jahrhunderte haben Tausende von Musikern Zensur, Verfolgung und gewalttätige Unterdrückung erlebt. Oft bleiben ihre Geschichten unerzählt. Wer waren sie? Wer sind sie? Was können wir von ihnen lernen?
Nachdem er aufgrund einer Einladung nach Israel gewissermaßen zwischen die Fronten des Nahostkonflikts geraten war, machte sich der norwegische Musiker Moddi auf die Suche nach verbotenen Liedern in der ganzen Welt, trug auf fünf Kontinenten Songs zusammen und besuchte Musiker und Zeitzeugen, um die Lieder mit ihnen zusammen oder mit seiner Band aufzunehmen. Als Ergebnis dieser Reise in die Welt zensierter Musik gab Moddi 2016 das international gelobte Album Unsongs heraus, mit Klassikern wie „Strange Fruit“ von Billie Holiday und „Army Dreamers“ von Kate Bush; aber auch einem samischen Volkslied und dem „Punk Gebet“ von Pussy Riot.
In diesem Buch erzählt er die Geschichten hinter diesem Projekt: zehn Schicksale von Gewalterfahrung und Unterdrückung. Auf seinen Reisen wurde er begleitet von dem Fotografen Jørgen Nordby, dessen Bilder das Buch illustrieren.
Die verbotenen Lieder und Stationen der Reise:
Norwegen/Israel – Birgitte Grimstad, Eli Geva (1982)
Chile – Víctor Jara, Our Worker (1971)
Mexiko – Los Tucanes de Tijuana, Parrot, Goat and Rooster (1995)
Sápmi/Norwegen – The Shaman and the Thief (ca. 1830)
Libanon –Marcel Khalife / Mahmoud Darwish, Oh My Father, I am Joseph (1999)
Israel – Izhar Ashdot, A Matter of Habit (2012)
Vietnam – Viêt Khang, Where is my Vietnam? (2011)
England – Kate Bush, Army Dreamers (1980)
Russland – Pussy Riot, Punk Prayer (2012)
USA – Billie Holiday, Strange Fruit (1939)

Bitte bestellen Sie dieses Buch in der Buchhandlung Weltbühne – auch im Versand (Gneisenaustraße 226, 47057 Duisburg(-Neudorf) Tel. 0203 – 375121
e-mail bestellungen@buchhandlung-weltbuehne.de.
WELTBUEHNE MUSZ BLEIBEN.

Karfreitag

Heute ist Karfreitag, ein „stiller Feiertag“, der mit gewissen Einschränkungen für das alltägliche Spektakel verbunden ist. Dagegen wird sich gewehrt bei Behörden und Gerichten von Leuten, die den rechten Glauben durch den rechten Unglauben ersetzen wollen. Was sonst dahintersteckt – argwöhne ich – ist der Horror vor der Stille.
Ich freue mich an diesem Vormittag auf einen stillen Karfreitags-Spaziergang (ich weiß noch nicht auf welchem Weg) und werde einige stille Stunden des Tages mit der Vorbereitung der nächsten METZGER-Ausgabe verbringen.
Früher, viele Jahre lang, waren wir den ganzen Karfreitag, bis in die späten Abendstunden mit den Vorbereitungen unserer Ostermarsch-Aktion beschäftigt, den Antimilitaristischen Buchbasar der DFG-VK. Auch darüber freute ich mich. Ich bin immer mit Freude bei der Arbeit. Mittlerweile bin ich ein Ostermarschierer ohne Büchertisch, mit weniger Arbeit also, aber nicht mit weniger Freude.

In den ersten Tagen des Eschhauses setzten wir uns mit der Problematik der „stillen Feiertage“ auseinander. Wir entschlossen uns, an dem Feiertag im Café Platten mit klassischer Musik zu spielen, wodurch erfahrbar wurde, daß nicht jeder Tag wie jeder andere ist.
Die beiden Männer der Thekenbesetzung, Hansjürgen Bott und ein anderer, trugen dunkle Anzüge, Krawatte und einen Hut auf dem Kopp.

Ich finde diese Methode subversiven Humors angenehmer als die bierernste Prinzipienhuberei.

Good old everlasting Sternbuschweg. April 2019


Geradeaus geht es weiter den Sternbuschweg entlang. Das große Eckhaus: Da geht es links runter die Karl-Lehr-Straße (unguten Angedenkens) entlang.
In dem Eckhaus war mal eine Eck-Kneipe, die war der Treffpunkt des Bandoneon-Orchesters „Gut Ton“. Solche Bandoneon- (oder Akkordeon-)Orchester waren mal ein Wahrzeichen des Ruhrgebiets. Heute ist in dem Haus keine Gaststätte und kein Orchester mehr.
Wenn auf dem Stadion-Vorplatz ein Zirkus gastierte, zogen hier die Zirkus-Elefanten entlang. Die mußten links rum gehen, zum Güterbahnhof. Die brauchte man gar nicht zu führen, wenn die schon mal mit dem Zirkus hier waren. Die fanden den Weg allein, aus dem Gedächtnis (Elefanten!).

Törn

Kennt man:

To everything turn, turn, turn
There is a season turn, turn, turn
And a time to every purpose
Under heaven

A time to cast away stones
A time to gather stones together

A time for peace
I swear it’s not too late

Pete Seeger (1950), The Byrds (1965)

„Turn on tune in drop out“
kennt man auch
(Timothy Leary 1967).

Bohnen in die Ohr’n, Bohnen in die Ohr’n, Bohnen in die Ohr’n

„Donald Edgar „Gus“ Backus (* 12. September 1937 in Southampton, Long Island, New York; † 21. Februar 2019 in Germering) war ein US-amerikanischer Musiker und Schlagersänger. Mit Titeln wie Sauerkraut-Polka verzeichnete er im Deutschland der 1960er Jahre große Erfolge.“

Krautrock stammt in direkter Linie von Gus Backus ab.

Neu in der Situationspresse: Werner Muths neue CD „Lollar“


Notes on Lollar
Warum nimmt ein Autor von bisher vier “Hörrevuen”, bei denen er begleitet von Musikern
eigene Texte rezitierte, wie aus heiterem Himmel eine CD mit Songs in englischer Sprache auf? Kaum jemand weiß jedoch, dass Werner Muth vor 25 Jahren Sänger der John Silver Band war, die mittlerweile im Duisburger Norden einen gewissen Kultstatus genießt.
In den neunziger Jahren verließ Werner Muth die Band und widmete sich beeinflusst von seinem Freund und damaligen Nachbarn Tom Liwa dem Schreiben von Songs und Gedichten in deutscher Sprache.
Seit mehr als zehn Jahren besteht nun die Zusammenarbeit mit Peter Herrman, einem exzellenten Bassisten, Tontechniker und Produzenten in dessen Studio im hessischen Lollar. Und dabei ergab es sich über einen Zeitraum von mehreren Jahren, dass vor der eigentlichen Arbeit an deutschen Sprechtexten altes und neues Songmaterial zu stimmlichen “Lockerungsübungen” mit Gesang verwendet wurde.
Und irgendwann waren sich Peter Herrmann und Werner Muth einig, dass sich da etwas “CD-Taugliches” angesammelt hatte. Die gespeicherten Aufnahmen, zumeist First Take Recordings wurden überarbeitet und jetzt unter dem Titel “Lollar” in Helmut Loevens Situationspresse herausgebracht. Auf der CD befindet sich auch der Titel “Eleftheria”, der 1993 zusammen mit Ralf Chmarowski komponiert wurde und als erster Song von Werner Muth gilt. Aus neuerer Zeit stammen Referenzen an den Photografen Jean Paul Gatz und den von Werner Muth verehrten Lou Reed. Zwei Vertonungen von Gedichten der Duisburger Lyrikerin Lütfiye Güzel erweitern dabei die Vielfalt dieses neuen Albums.

Ab sofort in allen guten Buchhandlungen (ISBN 978-3-935673-43-3)
auch am Amazonas
oder direkt in der Buchhandlung Weltbühne (auch im Versand) zum Preis von 16 Euro (Versand Inland) oder 15 Euro (im Laden).

Spex weg

Wieder muß ein phantasieanregendes, der gesellschaftlichen Verblödung entgegenwirkendes Medium das Feld räumen.
Von spex wird noch zwei Ausgaben erscheinen, und zwar am 25. Oktober und dann nur noch die Nummer 384 am 27. Dezember, und dann ist Schluß.
Im September 1980 erschien die Ausgabe Nr. 1, damals noch mit dem Untertitel „Musik zur Zeit“ (heute: „Magazin der Popkultur“).

Erste Spex-Ausgabe 1980

Georg Seeßlen kommentiert in der Zeit:
„Gerade in ihrem Überlebenskampf schaffte es die Spex immer wieder einmal, spannend und relevant zu sein. Aber eben nur noch für eine Minderheit von Leserinnen und Lesern, für die Pop und Kultur einen Zusammenhang aus Enthusiasmus und Kritik haben. Am Ende hat es zum ökonomischen Überleben nicht gereicht. Enthusiasmus und Kritik, Pop und Kultur müssen sich einen neuen Ort suchen. Dort wird man nicht vergessen, was die Spex bedeutet hat.“

Schön und charmant

Zum Bühnenprogramm von Esther Bejarano auf dem UZ-Fest (siehe Reportagenserie in diesem Blog) gehörte auch der deutsche Schlager aus dem Jahre 1939 „Bel Ami“. Dieser Schlager (Text: Fritz Beckmann, Musik: Theo Mackeben) wurde polulär durch den UFA-Film gleichen Titels (1939, Regie: Willi Forst). Lizzi Waldmüller sang das Stück.

Du hast Glück bei den Frau’n, Bel Ami!
So viel Glück bei den Frau’n, Bel Ami!
Bist nicht schön, doch charmant,
bist nicht klug, doch sehr galant,
bist kein Held,
nur ein Mann, der gefällt.
Du verliebst jeden Tag dich aufs Neu,
alle küsst du und bleibst keiner treu.
Doch die Frau, die dich liebt,
machst du glücklich wie noch nie,
Bel Ami! Bel Ami! Bel Ami!

Die Popularität dieses Stückes mag auch daher rühren, daß seine Aussage so amoralisch und ganz und gar unheroisch ist und in das Jahr des beginnenden Weltkrieges gar nicht hineinzupassen schien: Kein Held, nur ein Mann, der gefällt.
Joseph Goebbels, der Oberbefehlshaber über Film und Musik, wußte, daß das Kino nicht nur agitieren sollte, sondern darüber hinaus auch die Stimmung erhellen, gute Stimmung zum verbrecherischen Spiel liefern konnte. Zudem handelte es sich um die Verfilmung des Romans Bel-Ami von Guy de Maupassant. Da konnte man die Leichtigkeit des Seins dem Erbfeind ankleben.

Wie kommt dieser Schlager ins Programm einer kommunistischen Revue?
Esther Bejarano erklärte: Im KZ Auschwitz wurde sie gefragt, ob sie das Lied kennt und vorsingen kann. Auf dem Akkordeon sollte sie sich selbst begleiten. Sie konnte Klavier spielen; ein Akkordeon hatte sie noch nie in der Hand gehalten. Aber es gelang ihr, das Stück auf der Klaviatur des Akkordeons zu spielen. Also wurde sie in das Mädchenorchester von Auschwitz aufgenommen. Der deutsche Schlager „Bel Ami“ rettete sie vor der Gaskammer.

Es ist geradezu unheimlich: eine solche Geschichte aus der Hölle.
Jede Musik ist politisch, weil jede Musik etwas ausdrückt, weil sie zu den Lebensäußerungen gehört, und weil eine Generation sich aufbäumen mußte, auch dafür, daß die Musik dem Befehl und der Verfügung eines Joseph Goebbels entrissen wird.

„Ihr habt keine Schuld an dieser Zeit. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt. Ihr müsst alles wissen, was damals geschah. Und warum es geschah.“
Esther Bejarano

Reportage vom UZ-Pressefest 2018 (Abschluß)

Der Abschluß der Bildreportage vom UZ-Pressefest 2018 in Dortmund. (Fotos: Merkfoto).

Daß der Vorsitzende der DKP Patrick Köbele eine Rede halten wird, lag auf der Hand. Und Sie wissen jetzt, wer Vorsitzender der DKP ist.

Auch hier begegnet man Lemmy.

Esther Bejarano, 93 Jahre alt, tritt heute noch als Sängerin mit ihrer Band Microphone Mafia auf, so auch hier beim UZ-Pressefest der DKP.
Esther Bejarano wurde als 18jährige nach Auschwitz deportiert. Dort gehörte sie bald dem Mädchenorchester an.
Nach ihrer Befreiung aus dem Konzentrationslager engagierte sie sich in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und im Internationalen Auschwitz-Komitee.

Was für eine Nacht! Das Konzert von Konstantin Wecker gehört zu den Höhepunkten der UZ-Pressefeste. Musikalisches Können, scharfsinnige Kommentare zu gesellschaftlichen Zuständen und Kommunikation mit dem Publikum bilden eine künstlerische Einheit.

Up against …

Marty Balin 30. Januar 1942 – 27. September 2018.

Jefferson Airplane in ihrer Ur-Besetzung 1966, noch ohne ihre spätere Sängerin Grace Slick: v.l.n.r. Jorma Kaukonen, Paul Kantner, Jack Casady, Marty Balin, Signe Toly Anderson, Spencer Dryden.

Bilder: Wikimedia Commons

Zufallsfunde lassen hoffen

Beim Besuch des Afas im Februar dieses Jahres (Archiv für alternatives Schrifttum) waren auch ein paar Proben aus dem Archivbestand zu besichtigen.

Zum Beispiel ein paar Ausgaben von Hundert Blumen, der Zeitung aus Berlin. „Friede den Hütten“, soll heißen: den besetzten Häusern.
Und was entdecke ich da?

Da ist ja ein Artikel von mir! Ja, ich habe seinerzeit auch ein paar Artikel für diese zeitung geschrieben. Hier zum Beispiel das Tournee-Tagebuch von der Deutschland-Tournee der Bröselmaschine, April 1972.
Der Mann im Hintergrund links ist Bernd Drücke von der verdienstvollen Zeitung Graswurzelrevolution.

Wer in diesen Tagen etwas über die Folkrock-Band Bröselmaschine erfahren will, braucht nicht zu verzweifeln. Im Afas findet man was.
Das Bild rechts oben auf der seite: Jenny oh Jenny!

Der Motte hat mir mal erzählt, er schreibe gerade an einem Buch über die Bröselmaschine, in dem der Name Peter Bursch nicht ein einziges mal erwähnt wird.

Fotos (C) Merkfoto

Kennt noch jemand Rolf-Ulrich Kaiser?

Der Mann hat mich fasziniert, ich habe ihn geradezu bewundert (als ich so etwa 20 Jahre alt war). Er war Journalist, Artikel von ihm erschienen in vielen Zeitungen, in Tageszeitungen, aber auch in progressiven Blättern wie Konkret oder Song. Er schrieb über genau die Themen, die mich sehr interessierten – das Schnittfeld von emanzipatorischer Politik und progressiver Kunst (hauptsächlich Musik). Man suchte nach einem Begriff und kam auf „Underground“.
Kaiser kannte sich aus. Er kannte auch viele Leute. In den USA klapperte er die wichtigen Leute ab, z.B. Zappa, Kupferberg, Sanders, Leary. Der Informationen waren solide. Die Themen waren Neuland. Er brachte den US-Underground mit hiesigen Underground-Tendenzen in Verbindung. Er schrieb auch einige Bücher, die in verschiedenen Verlagen erschienen.
Zum Beispiel:
Das Song-Buch. (1967),
Protestfibel. Formen einer neuen Kultur. (Scherz 1968),
Zapzapzappa – das buch der mothers of invention. (Kinder der Geburtstagspresse 1968)
Fuck the Fugs – das buch der fugs. (Kinder der Geburtstagspresse 1969),
Underground? Pop? Nein! Gegenkultur! Eine Buchcollage. (Kiepenheuer und Witsch 1969),
Fabrikbewohner. Protokoll einer Kommune und 23 Trips. (Droste 1970).

Beitrag von Rolf-Ulrich Kaiser in Konkret 11/1968, daneben ein Inserat von Melzer.

Die Verbindungen in alle Richtungen machten den großen Wurf möglich: Die Internationalen Essener Songtage 1968. Das Programm war so weit wie nie wieder: Von Zappa bis Hanns-Dieter Hüsch, von Tangerine Dream bis Süverkrüp. von Alexis Korner bis Erich Fried.
Ein Jahr später gründete Kaiser das Musik-Label „Ohr“ für die Alben von Floh de Cologne, Tangerine Dream, Ash Ra Tempel, Klaus Schulze, Guru Guru, Amon Düül, Embryo, Witthüser & Westrupp, Birth Control u.a.

Das Programmheft der Essener Songtage (224 Seiten) ist eine antiquarische Rarität.

Am spannendsten fand ich sein Projekt „Kinder der Geburtstagspresse“, eine völlig neuartige Kombination von Verlag und Versandhandel. Es galt damals in der Branche noch die strikte Trennung von Verlag und verbreitendem Buchhandel (der Börsenverein wachte darüber). Da aber wurden Eigenproduktionen angeboten sowie Kaisers Bücher, die in verschiedenen Verlagen verstreut erschienen waren, und noch so’n paar Sachen, Schallplatten, Poster – und ein paar US-amerikanische Undergroundzeitschriften.
Sowas in der Art schwebte mir mit meiner Situationspresse auch vor: Im Versand und auf Büchertischen ein Programm aus den Eigenproduktionen und dazu ein übersichtliches Angebot sehr genau ausgewählter Titel. (Daß daraus dann doch eine veritable Buchhandlung wurde – was will man machen?).

Das von Lothar Franke entworfene Cover der Bröselmaschine-LP. Als CD heute noch in der Buchhandlung Weltbühne erhältlich.

Ins Blickfeld des Plattengurus geriet bald auch die Bröselmaschine. Im Jahre 1972 erschien eine LP. Ich kann vorweg sagen, daß die Band froh sein konnte, aus der Verbindung mit Kaiser unbeschadet wieder rauszukommen.
Ich war wohl das einzige Bandmitglied, das den langen Plattenvertrag genau durchgelesen hat. Schön war das nicht. Am harmlosesten war ja noch, daß Kaiser sich das Recht sicherte, einzelne Musikstücke ungefragt und unhonoriert für Sampler oder Single-Auskoppelungen zu benutzen. Schlimmer war die Zusage, für die LPs zu werben, was zu fragwürdigen und unzutreffenden Presse-Promotions führte. Man sollte uns für romantisch-weltentrückte Landpomeranzen halten. Die der Band zugesicherten Tantiemen pro verkaufter Platte war sehr gering. Geld kam stattdessen rein durch den eigenen Verkauf der Platte bei Konzerten. Aber das lief über meine Rechnung. Sicherlich habe ich an der Platte mehr verdient als die anderen Bandmitglieder zusammen.
Der Klops aber war, daß unsere LP gar nicht unter dem renommierten Label „Ohr“ erschien, sondern da wurde ein zweites Label gegründet namens „Pilz“, von dem natürlich noch keiner was gehört haben konnte.
Später gründete Kaiser noch ein drittes Label: „Kosmische Kuriere“, wo elektronisch/psychedelische Musik von Ash Ra Tempel, Tangerine Dream u.ä. veröffentlicht wurde. Da war Kaiser schon total auf dem ultrakosmischen Törn. Er hätte sich lieber öfter mit dem Drogengegner Zappa als mit dem Drogen-Scharlatan Leary unterhalten sollen. Für Kaiser war der Trip schließlich wichtiger als das Geschäft, weshalb sich die meisten Musiker verärgert von ihm abwandten. Er zog sich schließlich völlig aus der Öffentlichkeit zurück. Nur als „seine“ Alben später auf CD neu erschienen, tauchte er noch mal kurz auf, hatte aber an den Werken die Rechte längst verloren.

Das legendäre Foto der Band von Eckart Gräfen (1972). Unten rechts neben Jenny: ich. Man war früher sparsam mit Material und hat ein Fotopapier für mehrere Bilder genommen.

Daß der Mann Pionierarbeit geleistet hat und es durchaus verdient, mit Leuten wie Werner Pieper und Josef Wintjes in einem Satz erwähnt zu werden, will ichg gar nicht bestreiten.

Bei meiner ersten Begegnung (in der alten Kommune-Wohnung auf der Friedenstraße) sprachen wir kurz darüber, welche die beste deutschsprachige Undergroundzeitschrift ist. Ich meinte: Hotcha!. Er meinte: Love. Da merkte ich schon, daß er in die esoterische Richtung geriet.
Später fiel mir sein unduldsamer, anherrschender Ton mit den Musikern auf. Aber immerhin überließ er mir einen beträchtlichen Stapel unverkaufter US-Undergroundzeitschriften, die ich bei Konzerten verkaufte, um etwas voranzubringen, was etwas Ähnliches wie die „Kinder der Geburtstagspresse“ werden sollte.

Es soll ihn noch geben. Darum darf er heute, am 18. Juni 2018, irgendwo seinen 75. Geburtstag feiern.

(Siehe auch: „Wie kommt der Broder in meine Zeitung?“).