Nicht jeder findet das gut: LSD ins Trinkwasser.

Einige Passagen meiner Lesung im Syntopia am 17. September 2015 wurden gefilmt. Heute zeige ich euch: LSD ins Trinkwasser.


Über den Besuch eines Beamten ist ebenfalls was zu erfahren.

Dies ist das Notat Nr. 888. Das kann doch kein Zufall sein.

Sosoo! Jajaa! 37 Jahre Esoterik für die Allerdööfsten

Ein Buchverlag (spezialisiert auf Pop-Musik-Themen) hat mir eine dieser E-mails geschickt. Mir wird mitgeteilt, daß Nina Hagen 60 Jahre alt geworden ist.
Aha.
Und?
Ja, in dem Verlag ist ein Buch erschienen, von oder über Udo Lindenberg. Irgenzone Sammlung von Udo-Lindenberg-Aussprüchen oder sowas. Und Nina Hagen hat dazu ein Vorwort geschrieben.
Soso.
Ich schau im VLB nach. Das Buch ist 1998 erschienen. Der 60. Geburtstag von Nina Hagen ist also der herausragende Anlaß, an den 17. Jahrestag des Erscheinens eines Buches zu erinnern, zu dem Nina Hagen so eine Art Vorwort geschrieben haben soll. (Das erinnert mich an Nordkorea. Dort gibt es einen Staatsakt anläßlich des 23. Jahrestages einer Rede von Kim Il Sung bei einem Bankett in der Rumänischen Botschaft).
Und was hat sie geschrieben? Einen zusammenhängenden Text? Das nun gerade nicht, sondern allerhand über „göttliche Abstammung – Hohepriester – prophetische Antennen“, das übliche Gequassel.

Irgendwann, von einem Tag auf den anderen, wurde im Eschhaus fast nur noch Nina Hagen gespielt. Man konnte an einem beliebigen Tag sich eine halbe Stunde lang im Eschhaus aufhalten und hatte mindestens drei mal „Unbeschreiplisch!! Weiplisch!!“ gehört bzw. „Ich glotz TV“.
Soll ich Ihnen mal was sagen? Ich habe kein Wort davon geglaubt. Das war doch nicht echt! Das war doch vor dem Spiegel eingeübte Pose. Das war doch was für Doowe. Das war doch was für Leute, denen man alles andrehen kann. Das war: Schlagerindustrie entdeckt Punk. Als (einer der) Erschaffer des Eschhauses schämte ich mich wegen der Anspruchslosigkeit, die hier manifest wurde. Das war Punk für Spießer (damit die Spießer, wenn man „Punk“ sagte, „aha!“ sagen konnten). Merkt denn keiner, daß das Tinnef ist?
Da stimmte doch gar nichts. Oder doch?
Was Kleinfritzchen sich unter „Punk“ vorstellt: Genau das ist es auch.

Irgendwann, an einem Samstag Nachmittag, erreichte mich ein Anruf von Ernst Meibeck. Ernst Meibeck war der langjährige Geschäftsführer des Eschhauses. Der hat, aus Gründen, die ich nie erfahren werde, mir dauernd Schwierigkeiten gemacht. Und nun war er auch wieder im Begriff, mir Ärger zu bereiten.
Er wußte leider, daß ich ca. 50 Meter entfernt vom Universitätsgelände wohne. Und an diesem Samstag sollte im Audimax Nina Hagen auftreten. Er bat mich, ich solle doch mal rübergehen und der Nina Hagen ausrichten, daß sie den Meibeck im Eschhaus anrufen soll.
Und was tat ich? Ich ging tatsächlich rüber, sah vor dem Gebäude LA einen Möbelwagen rumstehen, und sonst rührte sich nichts.
Ich ging wieder nach Hause, rief den Meibeck an und sagte, die Türen zum Gebäude LA wären geschlossen gewesen, kein Reinkommen, nichts. Den Möbelwagen verschwieg ich. Ich hatte nicht ausprobiert, ob die Eingänge offen oder abgeschlossen waren. Ich bin nur hin und zurück gegangen, um im richtigen Zeitabstand den Meibeck anzurufen. Ich wäre doch nie da reingegangen, um irgendeinen Rodi auch mal Chef sein zu lassen!
Warum ist der Meibeck da nicht selbst hingegangen? Der hätte es fertig gebracht, bis in Nina Hagens Künstlergarderobe vorzudringen. Der wäre auch bis zu Mick Jagger vorgedrungen.

„Allein! Die Welt hat mich vergessen!“ Leider nicht!
Nina Hagen hat in der Skala der hoffnungslos überschätzten Personen (Henryk M. Broder, Alice Schwarzer, Wolf Biermann, Barbara Schöneberger) den Spitzenplatz inne. Sie ist das seltene Beispiel eines Stars, der noch bekloppter ist als seine Fans. Den zur Schau gestellten Seelenzustand als „regressiv“ zu bezeichnen ist schon ebenso untertrieben wie ihr Auftreten als „overstyled“ zu bezeichnen. Noch’n Vogelkäfig als Ohrring, und kein Blick in die viel zu oft eingeschaltete Kamera ohne dieses Fratzenschneiden. Kindsköpfe, denen es peinlich ist, einfach so zu sein wie sie sind, erkennt man an der Grimasse und an ihrem aufdringlichen Herumgehampel. Und ein Gerede, das allen, denen sie ihre Fürsprache spendiert, peinlich sein müßte! Esoterik für Doowe. Aliens für Saudoowe. Dieser ganze Humbug! Jahrzehntelang nur Scheiße reden: Das ist keine Leistung, die Anerkennung verdient.
Bei irgendeiner Kundgebung der Friedensbewegung (wo war’s? In Büchel glaub ich) durfte auch Nina Hagen auftreten. Ich dachte: Ist es schon so weit? Und ich dachte: Jetzt kann es eigentlich nur noch schlimmer kommen.
Und das ist es ja auch.

Eine Zeitung irrt sich gewaltig

Auch das noch:
RotzfahneMauerFallVolkszorn, Volkssturm, Volksseele, Volksempfinden (gesundes), Volksmeinung, Volkes Stimme, Volksmusikantenstadel, Volk-steh-auf-und-Sturm-brich-los …
Sollte es sich nicht langsam mal ausgevolkt haben?

In diesen Tagen und Wochen werden die Feindschaften, die in den 50er, 40er und 30er Jahren gezüchtet wurden, wieder aufgeheizt. Es zeigt sich, daß ohne den Kalten Krieg und ohne inneren Feind dieser Staat nicht zu machen ist. Die Mächtigen spielen ihre gezinkten Karten aus. Für freedom and democracy steigen Luftballons in den Himmel, am Brandenburger Tor und in den Herzen wird Gerührtheit inszeniert. Da kommt der Verein daher, der immer siegt und nie verliert und auch bei dieser Kirmes nicht fehlen will, und sagt: Herzlichen Glückwunsch euch Siegern der Geschichte.

Wenn die Leute zum Volk werden, dann jubeln sie. Das taten sie vor 100 Jahren, das taten sie vor 25 Jahren aus ähnlichen Gründen.
„Das Wir-sind-das-Volk-Volk erhob sich, weil es den Herren des Landes nicht mehr Untertan sein wollte, sondern den Herren der Welt.“ (hat Lina Ganowski gesagt, sinngemäß).
Sieger der Geschichte? Vor 25 Jahren war das Volk der nützliche Idiot der Mächtigen. (sage ich).

BildLiebesDeutschlandJa, DIE wissen, was sie tun.

Kommt und holt euch den neuen Metzger

DER METZGER, das satirische Magazin. Neu: Ausgabe Nr. 111.
M111Und das steht drin (Überblick):

Helmut Loeven: Das philosophische Kabarett. Diesmal: Wozu braucht der Mensch einen Vater?; Abba find ich gut; Marx an die Uni!; Fernsehgucken als Kunst; und wieder: komische Häuser, komische Schilder, komische Bilder.

Professx Unrat. An der Berliner Humboldt-Universität spricht und schreibt man so, daß es kein Mensch mehr versteht. Nach der Dauerbelästigung durch das Binnen-I droht neues Unheil. Muß man jedes feministische Sprach-Sperenzken übernehmen, auch wenn es der größte Scheiß ist? Von der Wissenschaft zur Scharlatanerie: Gender-Wahnsinn an der Humbug-Universität.

Max Reinhardt: 1 x Beileid, 31 x kein Beileid. Spuren des Ersten und Zweiten Weltkriegs in Familienerinnerungen, Foto- und Poesiealben.

Les Pères de la Libelle: Der Erste Weltkrieg in der Literatur. Historische und aktuelle Beispiele.

Arbeiterbewegung und Anarchismus in Rumänien. Marvin Chlada sprach mit dem Syndikalismusforscher Martin Veith.

Sebastian Friedrich: Werkzeug für Veränderung. Was hat es mit der Kritischen Diskursanalyse auf sich? Sebastian Friedrich stellt das Standardwerk von Professor Siegfried Jäger (DISS) vor als ein Beispiel für eingreifende Wissenschaft. „Von Foucault über Diskurs und Dispositiv zum Widerstand.“

Carl Korte: Uuuaaahuuuaaahuuuaaah, Dämonenparty! Mottes Abenteuer als Lokalreporter.

U.a.

DER METZGER Nr. 111 kann für 3 Euro in der Buchhandlung Weltbühne (Gneisenaustraße 226 in 47057 Duisburg) mitgenommen werden. Wer zu weit weg wohnt, kann das Heft zur portofreien Lieferung dort bestellen. Postkarte genügt.
Oder:

bestellungen@buchhandlung-weltbuehne.de
Die Liste aller noch lieferbaren Ausgaben findet man unter
http://www.buchhandlung-weltbuehne.de/mindex.htm

WER ABONNIERT, HAT MEHR VOM METZGER.

Das Teller? Die Haus?

Im Alter von 8 Jahren kam ich mal mit Kindern zusammen, die aus verschiedenen Gegenden Deutschlands kamen.
Die Kinder aus Norddeutschland fanden, in Süddeutschland würde ganz falsch ges-prochen. Die Kinder aus Süddeutschland meinten, es verhielte sich genau umgekehrt. „S-pitzer S-tein“ wäre eben falsch, und es mußte „Schkalp“ und „Schkat“ und „Schkandal“ heißen.
Ich, als einziger Repräsentant des Ruhrgebiets, klärte die Kinder über die Besonderheiten unserer Regionalsprache auf:
„Wir sagen: Die Haus.“
Die Kinder waren verblüfft. „Die Haus“. Das kannten sie nicht. Ich nannte noch mehr Beispiele: Das Teller, die Messer, der Gabel, die Keller, der Auto, die Speicher, die Radio, das Schule. Die Kinder kamen aus dem Staunen gar nicht mehr raus.
Schon mit 8 Jahren war ich so drauf.

Wojna meint: Antifaschisten sind Faschisten (bitte anschnallen)

In seinem Blog hat der Stimmungssänger Wojna („Die Bandbreite“) unter der Überschrift „Schreibblockade“ sich wortreich geäußert. Dabei unternimmt er auch gleich eine Neueinteilung des politischen Spektrums. Ich zitiere:

„Heutzutage ist ja jeder rechts, wir ja angeblich auch. Auf so einen haltlosen Scheiß kann ich nur mit Abscheu reagieren.
Diese Antifa ist nichts weiter als ein faschistischer Freicorps, der im Einklang mit den Systemmedien steht und sich darübe nicht mal ein Stück wundert.
Mir kommt der Satz in den Sinn: ‚Was früher die SA ist heut die Antifa‘.Eine Schande seid ihr für die echten Sozialisten unter euch, die sich nun eindeutig als ‚rote Antifa‘ abgrenzen müssen, weil man sie sonst fälschlich in einem Atemzug mit euch als Faschisten bezeichnet.
Tu ich dieser antideutschen und rassistischen Antifa damit Unrecht, wenn ich sie als intellektuelle Hooligans bezeichne? Ja, denn von intellektuell kann da keine Rede sein.Dass solche Jugendverbände wie ‚Die Falken‘ ihre antiimperialistische Linie aus den 70er sukzessive abgelegt haben – oder sie von eben jenen ‚Antifa-Faschisten‘ unterwandert wurden ist mittlerweile offenkundig. Traurig um die vielen guten Seelen im Verband, die wie im Nazi-Deutschland damals daneben stehen und schweigen.“

Dem geht der Mund über, dem das Herz voll ist. Voll womit?
Wer der Mitwelt etwas Fundamentales mitzuteilen hat, aber damit auf Desinteresse stößt, wird laut und ergeht sich schließlich in maßlosen Übertreibungen.
„Was früher die SA ist heut die Antifa.“ Ich würde gern erfahren, wo Wojna diesen Satz aufgegriffen hat, wer ihn in Umlauf gebracht hat. In dem Milieu, in dem er heimisch ist, wird man wahrscheinlich fündig werden.
Er wird konkret und nennt den Verband SJD Die Falken beim Namen. Aus diesem Verband wurde er wegen seiner Rechts-Eskapaden ausgeschlossen. Und wieder einmal werden die „Antideutschen“ als Popanz vorgeführt.
Mit dem Phänomen der „Antideutschen“, einer von der Linken abgespaltenen, nach rechts tendierenden chauvinistischen Sekte, habe ich mich vor Jahren mal ausführlich beschäftigt, mich durch ihre unappetitlichen Publikationen gequält und mich darüber in mehreren Artikeln geäußert, was mich allerdings nicht davor schützte, daß dann und wann hinter meinem Rücken gemunkelt wurde, ich würde „antideutsche“ Positionen vertreten.
Meine gegenteilige Position wurde von der hiesigen Routine-Linken, wie alles, was ich sage und schreibe, ignoriert. Warum?
Man ist in diesen Kreisen an Aufklärung gar nicht interessiert. Ins Licht gestellt sind die Feinde unbrauchbar. Man benötigt sie als „Dunkelmänner“, denen man alles zuschieben kann, was man nicht verstehen will, und denen man jeden zurechnen kann, der lauter Fragen stellt, die nur jemand hören will, der stören will. Die Nebulösität der Begriffe ist Voraussetzung für die argumentlose Abwehr von Kritik.
Es gibt noch mehr solche Nebel-Wörter, die nichts Konkretes bedeuten und die man nach Bedarf mal mit diesem, mal mit jenem Inhalt auffüllen kann (zum Beispiel: „Feminismus“, „Pornographie“).

Ich empfehle, das Schlagwort „Bandbreite“ unter diesem Text (oder auch die anderen Schlagwörter) anzuklicken. Das ist meine Empfehlung an die Leute, die sich auskennen wollen.

Ungeheuerliches aus dem Tatsachen-Universum (bitte anschnallen)

Unter der Überschrift „Schreibblockade“ (?) macht Wojna („Die Bandbreite“) uns mit Tatsachen bekannt, die erklären, warum die Welt so ist wie sie ist:

„Nanopartikel werden ohne Studien und tiefere Erkenntnisse ihrer Wirkung überall in unseren Lebensbereichen eingesetzt und beeinträchtigen unsere Gesundheit.
Gibt es einen Grund warum Aluminium nur in der unbelebten Natur vorkommt? Warum erlaubt man es dann in Deodorants genau diese Metall an die Stelle zu sprühen, die dafür bekannt ist Ionen-Austausch mit der Außenwelt zu betreiben – unsere Achselhöhle?
Ich habe nie an die NWO glauben wollen, mittlerweile jedoch bin ich eines besseren belehrt. Durch die Enteisung unserer Mineralwässer wird künstlicher Eisenmangel hervorgerufen. Es scheint mir wirklich, als sei die Vergiftung der Menschen in diesem Land Agenda.
Denn nur so sind wir als Individuen dem Kapitalismus gefällig.“

Was soll man dazu noch sagen? Ich sage: Ei ei potzblitz!

Heiligabend

oder: Wir müssen die Feste feiern wie sie uns gefallen.
In Zeiten der massenweisen sozialen Deklassierung tritt das Religiöse wieder in den Vordergrund. Im Fernsehen wird über Religion diskutiert. Kurz vor Weihnachten war es auch bei Plasberg so weit. Jutta Ditfurth war dabei, und auf Heiligabend angesprochen, bemerkte sie, für sie als Atheistin gebe es keinen „heiligen Abend“.
Am 23. Dezember 1978 wurde anläßlich des neunten Jahrestages unseres Abiturs ein Klassentreffen veranstaltet. Das fand im Duisburger Hof statt (der Lothar Röse hatte immer so komische Ideen). Es war, wie gesagt, der Tag vor Heiligabend. Es war ein sehr kalter Dezember, und zu der Zeit streikten die Mannesmann-Arbeiter für die 35-Stunden-Woche.
Nach dem Treffen fand sich ein Grüppchen von Kameraden zusammen, die noch nicht gleich nach Hause gehen, sondern noch irgendwo zusammen einen trinken gehen wollten. Ich schloß mich an und schlug vor, zum Finkenkrug zu fahren. Das war praktisch bei der Kälte. Denn vom Finkenkrug aus hatte ich nur noch 200 Meter Heimweg.
Also fuhren wir zum Finkenkrug. Reiner Wagner meinte, wir sollten einfach erzählen, wir wären streikende Mannesmann-Arbeiter, dann kriegten wir bestimmt einen ausgegeben.
Das klappte aber nicht. Unsere Beteuerung, streikende Arbeiter von Mannesmann zu sein, veranlaßte niemanden, eine Runde für uns zu schmeißen.
Reiner Wagner war ganz empört: „Was ist das denn hier? Wir sind doch die streikenden Mannesmann-Arbeiter! Warum kriegen wir denn keinen ausgegeben? Ist doch schließlich Heiligabend heute!“
Die Chuzpe, uns nicht nur fälschlich als streikende Mannesmann-Arbeiter auszugeben, sondern den Leuten im Finkenkrug auch noch ein falsches Datum unterzujubeln, erheiterte mich sehr. Das fand ich nicht weniger komisch als die Physiker, die alles mit Fett beschmieren. Jedenfalls ist der Ausdruck „Heiligabend“ seither wieder für mich verwendbar.

P.S.: Axel Eggebrecht berichtete in seinen Memoiren, Anfang der 20er Jahre seien in allen möglichen linken Versammlungen junge Männer in Matrosenanzügen aufgetaucht, die vom Nimbus des Kieler Matrosenaufstandes zehrten. Kaum einer von denen hätte sich jemals in der Nähe der Küste aufgehalten. Ich immerhin habe mal im Stahlwerk bei Mannesmann gearbeitet, und durch die Politik kam ich mit einigen Mannesmännern zusammen: Artur Reisch vom Betriebsrat, Herbert Dräger vom IG-Metall-Vertrauenskörper. Und auch den Herbert Knapp, der damals Betriebsratsvorsitzender war, lernte ich kennen. Man hätte uns also ruhig einen ausgeben können.

Praktische Philosophie

Philosophieunterricht hatten wir nur ein Jahr lang, in der Oberprima, und zwar samstags in den letzten beiden Stunden. Das traf sich gut. Es wäre nicht so gut gewesen, die Philosophie zwischen Mathematik und Französisch zu quetschen. Die letzten beiden Stunden vor der Entlassung ins freie Wochenende sind eine gute Zeit für die Philosophie, die, wie ich finde, am besten gedeiht in einer Atmosphäre der Entspanntheit.
Vor den beiden Philosophiestunden war die große Pause. Meine Mitschüler verließen den Klassenraum. An einem Samstag nutzte ich die Gelegenheit, die Utensilien meiner Mitschüler, die auf den Tischen herumlagen, zu vertauschen. Ich nahm das Heft von diesem Tisch und legte es auf jenen, das Buch entfernte ich dort und legte es dahin, wo ich den Füllfederhalter wegnahm. Die Schultaschen leerte ich zwar nicht aus, aber verteilte sie kreuz und quer im Raum. In fünf Minuten gelang es mir, ein enormes Tausch-Pensum zu schaffen, so daß jeder, dem drei oder vier Utensilien fehlten, sie auch an drei oder vier verschiedenen Stellen ausfindig machen mußte.
Die Unterrichtsstunde in Philosophie begann mit erheblicher Verzögerung. Der Klassenraum hatte sich vorerst in eine Börse für vermißte und vorgefundene Gegenstände verwandelt. Man hätte auch mit Fug sagen können: es fand eine Übung in praktischer Philosophie statt: Aus dem Chaos zur Ordnung mit den Mitteln der Kommunikation, oder so ähnlich.
Es hätte auffallen müssen, daß ich für diesen Zustand verantwortlich war, denn ich war der einzige, der das alles lustig fand. Und: meine Utensilien waren allesamt da, wo sie hingehörten. Ich wurde darauf nicht angesprochen, wahrscheinlich deshalb, weil ich mit Abstand der Beste im Fach Philosophie war – dies aber wohl deshalb, weil Herbert Marcuse durchgenommen wurde.

Herbert Marcuse (1955)

Herbert Marcuse (1955)

Im mündlichen Abitur wurde ich über Herbert Marcuse geprüft. Auf die Frage, wie man diesen Philosophen anhand der Textpassage, die mir vorgelegt worden war, politisch verorten könne, antwortete ich: Herbert Marcuse ist ein Linker.
Für diese enorme textanalytische Leistung bekam ich die Note Eins, und später erfuhr ich, ich sei im mündlichen Abitur der Jahrgangsbeste gewesen – aber nur, weil ich in Philosophie geprüft wurde. Wäre ich in Französisch geprüft worden, wäre ich vielleicht der Jahrgangsschlechteste gewesen.

Die Farbe des Geldes (3)

geldschein4Über das Geld haben wir oft nachgedacht, meistens darüber, wie man an Geld kommt.
Obelix hatte eine Idee.
Nein, ich spreche nicht von der Comic-Figur, sondern ich meine den Ripperger.
Der Ripperger hatte die Idee, auf der Königstraße einen Maggi-Ausschank zu eröffnen.
Viele Leute, die in der Innenstadt arbeiten, meinte er, essen mittags in der Kantine. Da kann es passieren, daß der Suppe die Würze fehlt. Da könnten die Leute doch mit dem Teller zu ihm kommen und sich für fünf Pfennig einen Spritzer Maggi in die Suppe tun lassen.
Um mehr Profit zu machen, überlegte er, könnte man den Maggi-Ausschank mit einem Umrühr-Service verbinden. Wenn jemand im Café Ernst (oder Kolkmann oder Dobbelstein oder Heinemann) eine Tasse Kaffee bestellt hat, sich Milch und Zucker reintut und dann merkt, daß die Kellnerin vergessen hat, einen Kaffeelöffel dazuzulegen, dann kann er mit der Tasse kommen und sich den Kaffee umrühren lassen.
Ich habe dem Ripperger von seinem Vorhaben nicht abgeraten. Denn ich dachte: Der macht das ja sowieso nicht.

Mehr Bürokratie täte uns allen gut

Im Fernsehen redet einer dieser neoliberalen Schwätzer, der als „Philosoph“ Unternehmer berät, und er beklagt sich dabei, daß wir seit Generationen von Politikern regiert werden, die den Bürgern mißtrauen.
Was für eine Erkenntnis aber auch! Als ob Regierung und Gesetzgebung jemals etwas anderes gewesen wäre und etwas anderes sein könnte!
Werfen wir doch mal einen Blick in eines der Hauptwerke der Gesetzgebung: in das Strafgesetzbuch. Das ganze Werk ist durchweht vom Geist des Mißtrauens. Der Gesetzgeber traut uns zu, daß wir die Leute betrügen (§ 263), in einer Kirche ruhestörenden Lärm verursachen (§ 167), jemandem widerrechtlich etwas wegnehmen (§ 242), Amtspersonen beleidigen (§ 196), unbefugt in Küstengewässern fischen (§ 296a) und groben Unfug anstellen (§ 360). Der Gesetzgeber hat sich in seiner Weisheit keineswegs damit begnügt, den Menschen von derlei Handlungen abzuraten, sondern diese unter Strafe gestellt. Denn der Gesetzgeber vermutet, daß die Leute sich nicht aus Freundlichkeit, Wohlerzogenheit und Einsicht an die Gesetze halten, sondern, täten sie es nicht, Nachteile auf sich ziehen würden, die sie lieber vermeiden. Im Strafgesetzbuch steht nicht: „Wenn du nicht klaust, kriegst du ein Bonbon“, sondern: „Wenn du klaust, wirst du eingesperrt“.
So kann man also annehmen, daß all die Mißstände, die die Neoliberalen beklagen, gar keine Mißstände sind, sondern nur als solche an die Wand gemalt werden. Subventionen? Wieso eigentlich nicht? Die Steuern sind zu hoch? Ach was! Die Lohnnebenkosten müssen gesenkt werden? Wieso eigentlich? Straßenverkehrsordnung? Ja bitte! Die Neoliberalen wollen nämlich am liebsten die Verkehrsregeln durch die Kräfte des Marktes ersetzen, will heißen: Je dicker das Auto desto Vorfahrt. Und wenn immer wieder die „Bürokratie“ beklagt wird, dann ist damit nichts anderes gemeint als die simple Verwaltung, auf die eine hochentwickelte, diversifizierte Industriegesellschaft lieber nicht verzichten sollte.
aus DER METZGER 73 (2005)