Konkret – Kontrast

In dem Weblog kontrast-mittel.org ist – zumindest vorerst – nur ein Eintrag zu lesen:
Die Erklärung im vollen Wortlaut:

Für uns, Autorinnen und Autoren von Konkret, ist mit dem redaktionellen Kurs zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine eine rote Linie überschritten. Wir wollen und können nicht weiter in einer Zeitschrift publizieren, die sich in dieser Frage in die Nachbarschaft der AfD, des völkischen Flügels der Linkspartei oder Jürgen Elsässers Compact, von Henry Kissinger, Klaus von Dohnanyi oder den Lobbyverbänden der deutschen Industrie begibt.

Der März-Titel („Nato-Aggression gegen Russland“) hätte einen Einschnitt bedeuten müssen. Zwar haben viele nicht daran geglaubt, dass die russische Staatsführung mit ihren Drohungen ernst machen würde. Aber dass es in Wahrheit der Westen sei, der einen Überfall vorbereite, hat nicht einmal der Kreml selbst behauptet. Diese Stilisierung Russlands zum unschuldigen Opfer, samt Ausblendung des Aufmarsches von hunderttausend Soldaten an der Grenze zur Ukraine, wäre selbst dann fürchterlich gewesen, wenn der Einmarsch nicht erfolgt (oder, realistischer, lokal begrenzt geblieben) wäre. Durch das russische Vorgehen wurde der Titel, ob nolens oder volens, zu noch Schlimmerem: einem Stück Kriegspropaganda.

Wer – analytisch wie moralisch – so dermaßen danebengelegen hat, müsste sich eigentlich selbstkritisch fragen, wie es dazu hatte kommen können. Passiert ist bei Konkret das Gegenteil. Zwar werden in die meisten Texte pflichtschuldige Distanzierungen vom „völkerrechtswidrigen“ Angriffskrieg eingestreut, den man „keinesfalls rechtfertigen“ wolle. Aber die Grundtendenz ist überdeutlich: Russland, von der Nato-Osterweiterung und CIA-gesponserten Putschen in die Defensive gedrängt, habe schlichtweg keine andere Wahl gehabt, als entweder anzugreifen oder zu kapitulieren. Der Westen sei darum nicht bloß der eigentliche Aggressor, sondern durch die Unterstützung des ukrainischen Abwehrkampfes auch hauptverantwortlich dafür, dass das Blutvergießen nicht schon längst beendet wurde. Konkret-Hauspoet Marco Tschirpke brachte es in der Mai-Ausgabe auf den Punkt: Die Ukraine solle gefälligst kapitulieren, damit im Osten endlich wieder Ruhe herrscht.

Die Vorstellung, dass der Feind meines Feindes ein Freund sein muss, hat Konkret in der Vergangenheit stets zuverlässig kritisiert. Nur wenn es um Russland geht, will man partout nicht von der fixen Idee lassen, es handele sich irgendwie immer noch um einen Hort des Widerstands. Wie verquer diese Vorstellung ist, macht ein Satz der Redaktion unfreiwillig deutlich. In der Einleitung zum Wiederabdruck einer alten Kolumne Hermann L. Gremlizas, die den Kreml-Chef für seine Besonnenheit in Sachen Krieg und Frieden lobt, heißt es: „Der Westen sieht in diesem von Russland begonnenen Krieg die erhoffte Chance, jenes Regime loszuwerden, das sich bis heute weigert, ihm seine Märkte und seine Ressourcen zur freien Verfügung zu überlassen.“ Selbstverständlich überlassen die russischen Kapitalisten ihre Ressourcen niemandem ohne Gegenleistung; das tut kein Land der Welt, nicht einmal Tuvalu. Selbstverständlich wiederum stellt der russische Staat, wie alle anderen auch, seine Märkte dem globalen Kapital zur Verfügung; wäre es anders, bräuchte man sich schließlich über die Sanktionen nicht so aufzuregen. Mit Kritik der politischen Ökonomie hat das wenig zu tun, mit Anlehnungsbedürfnis dafür umso mehr.

Bezeichnend ist, was alles ausgeblendet werden muss, damit die Linie stimmt. Über die Verfasstheit der russischen Gesellschaft, ihre Herrschaftsverhältnisse und inneren Widersprüche als mögliche Ursachen der Aggressionspolitik findet sich kaum etwas im Heft, ebenso wenig über die ideologische und materielle Zuarbeit der Machthaber im Kreml für die rassistische und faschistische Rechte weltweit, von Orbán und Le Pen bis Trump und Modi.

Auch die Zurückweisung jeder Relativierung und Instrumentalisierung der Shoah war einmal das Markenzeichen von Konkret. Als aber Putin die Invasion damit begründete, die Ukraine, die von einem jüdischen, russischsprachigen Präsidenten regiert wird, „entnazifizieren“ zu wollen, war dies der Zeitschrift zunächst keine Silbe wert – bis zur Juni-Ausgabe, in der ausgerechnet Rolf Surmann diese Verhöhnung der Opfer als „Zuspitzung“ verteidigte. Und während man unverdrossen die Osteuropapläne des deutschen Kapitals geißelt, kommen die Bewohnerinnen und Bewohner der Region höchstens einmal als Nazis oder als Marionetten des Westens vor, nie aber als Menschen mit eigenen, wie widersprüchlich auch immer konstituierten Interessen – zu denen es nicht zuletzt gehört, womöglich nicht unbedingt unter russischer Besatzungsherrschaft leben zu wollen.

Die Gegnerschaft zu Volk und Vaterland, für die Konkret einmal stand, reduziert sich inzwischen auf bloße Diskursanalyse. Mit Argusaugen wird beobachtet, wer was in welcher Talkshow verzapft hat, und darüber erspart man sich jede Analyse der tatsächlichen Regierungspolitik. Andernfalls müsste man sich fragen, wie es eigentlich ins Schema passt, dass die Bundesrepublik bei den westlichen Verbündeten seit Langem als der treueste Fürsprecher Putins bekannt ist; dass die deutsche Regierung ihr Veto zum Nato-Beitritt der Ukraine noch im Februar dieses Jahres öffentlichkeitswirksam wiederholte; und dass, wie hinlänglich bekannt sein dürfte, Regierungspolitiker in den Tagen nach dem russischen Überfall inständig darauf hofften, ein schneller Sieg der Invasionstruppen würde Forderungen nach einschneidenden Sanktionen gegenstandslos machen. Alice Schwarzer und Verbündete gingen nicht zu Unrecht davon aus, dass ihr „Offener Brief an Kanzler Olaf Scholz“ ganz auf Regierungslinie liegt.

Bei Konkret hingegen muss man sich, wenn man das Gleiche will, unbedingt als Staatsfeind inszenieren. Als solcher aber verfügt man über jenes unverbesserlich gute Gewissen, das Täterkinder und -enkel dazu ermächtigt, den Bewohnerinnen und Bewohnern eines Landstrichs, in dem die Wehrmacht gewütet hat wie kaum irgendwo sonst, Lehren über die „berechtigten russischen Sicherheitsinteressen“ zu erteilen – oder sie gar, wie Kay Sokolowsky es fertigbrachte, aufzufordern, sie möchten doch bitteschön den staatlich approbierten Schlächtern „gewaltfrei begegnen“.

Wer „gegen den Westen“ zum einzigen Entscheidungskriterium macht, kann sich jede Unverschämtheit herausnehmen und jede Barbarei zum Widerstandsakt verklären. Aus einem Organ der Kritik wird dann eine monatliche Junge Welt. Für die schreiben wir aus guten Gründen nicht. Für die Kopie dann halt auch nicht.

Erstunterzeichnerinnen und Erstunterzeichner:

Ramona Ambs
Johannes Creutzer
Alex Feuerherdt
Leo Fischer
Marit Hofmann
Martin Jürgens
Olaf Kistenmacher
Mira Landwehr
Fabian Lichter
Kim Posster
Lars Quadfasel
Frank Apunkt Schneider
Paul Simon
Johannes Spohr
Harald Nicolas Stazol
Tom Uhlig
Elke Wittich

Nach der Veröffentlichung schlossen sich weitere Autorinnen und Autoren der Erklärung an:

Sven Jachmann
Harald Justin
Veronika Kracher
Koschka Linkerhand
Petra Moser
Kuku Schrapnell
Merle Stöver
Jan Süselbeck
Jan Tölva
Svenna Triebler
Stefan Weigand
Christopher Wimmer

Haben ebenfalls die Mitarbeit bei Konkret eingestellt:

Lothar Galow-Bergemann
JustIn Monday

In der (verlängerten) Liste stehen immerhin drei Namen, die zuvor der Redaktion bzw. der Verlagsleitung angehörten. Von den Unterzeichnern ist – bis auf einen – keiner am Juli-Heft beteiligt.
Daß der Ukraine-Krieg in linken Kreisen, Organisationen, Redaktionen für Irritation und Orientierungssuche gesorgt hat, ist weder verwunderlich noch ausgeblieben. Es ist aber sicherlich nicht zu viel verlangt, daß Autorinnen und Autoren von Konkret die anderen ertragen. Aber dieser Hang zum Abgrenzen/Ausgrenzen/Ausschließen steigert sich. Das ist nicht mehr als Methode, sondern als Verhaltensmuster erkennbar, als ein Zeichen von Schwäche.
Daß einem der Stoßsäufzer auf den Lippen liegt „Du mußt heute ganz stark sein: Die neue Konkret ist gekommen“ – das ist doch nicht so neu. Da hat es schon ganz andere Klöpse gegeben.
Ist Konkret in akuter Gefahr? Mehr als der Verlust der Autoren fällt der Verlust der Inserate ins Gewicht. Im Juli-Heft sind – abgesehen von Eigenwerbung und Goodwill-Anzeigen – noch nicht einmal mehr drei Seiten mit Anzeigenraum belegt.

P.S.: auf https://www.konkret-magazin.de/ ist eine (auch nicht unheftige) „Richtigstellung“ zu lesen.

Cover von Konkret Juli 2022. Konkret ist & bleibt in der Buchhandlung Weltbühne erhältlich.

12 Gedanken zu „Konkret – Kontrast

  1. Das erinnert mich an das Volkslied ÜBER DREISSIG BRÜCKENM MUSST DU GEHN, AUF DREISSIG KONKRET-AUTORN VERZICHTEEHN!

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