Der Pudding im Wandel der Zeiten

Letztens habe ich bei Edeka gesehen: Es gibt noch Puddingpulver!
Puddingpulver, kennen Sie das? Es gibt immer noch die kleinen Tüten mit dem Pulver da drin. Während der Wirtschaftswunderzeit teilten sich die Marken Reese und Doktor Oetker das Monopol. Auf der Reesepuddingtüre war ein Gutschein für einen Pfennig aufgdruckt, einzulösen gegen bar an der Ladenkasse (wenn man 50 Gutscheine beeinanderhatte – da mußte man viel Pudding essen, um zu Geld zu kommen). Auf den Tütchen mit Backpulver und denen für Vanillezucker war ein Gutschein über einen halben Pfennig.
Auwm Steinbart-Gymnsium in der Mittelstufe hatten wir einen Sportlehrer, der hieß Rehse, genannt „Pudding“ „Bei wem habt ihr Sport?“ – „Beim Pudding.“ Das war so‘n Möchtegern-Playboy. Immer wenn der über den Schulhof ging, tönte es aus allen Richtungen: „Pudding!“ „Pudding!“
1962 kam ein neues Pudding-Gefühl ins Werbefernsehen, das war der Saroma-Pudding. Das war ein Instant-Pudding. Da mußte man nur das Pulver in die Milch schütten und umrühren – und fertig war der Pudding. Der kam zur selben Zeit auf wie Nesquick.
Die Kinder mochten den Saroma-Pudding, aus Geschmacksgründen. Die Hausfrauen lehnten den Saroma-Pudding einhellig ab, aber mehr aus ethischen Gründen. Denn: einfach bloß umrühren ist doch keine Kunst, das kann ja jeder. Inzwischen kann jeder fertigen Pudding im Supermarkt kriegen. Wenn wir früher nach Holland gefahren sind, haben wir nicht nur Tabak, Tee, Kaffee, Rizla und Mascotte geholt, sondern auch Vla (in Glasflaschen!) und auch Pindakaas, chinesische Gewörtze – und überhaupt.
Für wen wird Puddingpulver noch hergestellt? Das beschränkt sich doch auf eine Generation, die noch Wert darauf legt, daß der Pudding im Kochtopf blubbert und dann abkühlt, bevor man sich dem Genuß hingibt. Und das auch nur sonntags. Früher gab es montags bis samstags keinen Nachtisch.
Puddinggenießer der jüngeren Generationen können mit Puddingpulver wahrscheinlich gar nichts anfangen, weil die nicht wissen, wie die Metamorphose von Pulver zu genußfertiger Süßspeise zu bewerkstelligen ist. Womit ich zum eigentlichen Thema komme: die rapide Entmündigung gerade jüngerer Konsumenten – als Teil allgemeingesellschaftlicher Idiotisierung.
Versuchen Sie mal, heutzutage ein Brot zu kaufen. Die Verkäuferin fragt dann immer: „Soll das geschnitten werden?“ Immerhin fragt sie das noch. Letztens geriet ich bei Köhnen auf dem Sternbuschweg an eine schwerhörige Verkäuferin. Ich rief: „NEIN, BITTE NICHT SCHNEIDEN!“ und dann sagte ich: „Jetzt haben Sie das ja doch geschnitten!“ Die Verkäuferin (eine sehr dicke Person) sagte: „Das hätten Sie sagen müssen.“ Man muß sagen, wenn man das Brot im Originalzustand kriegen will – und dann nützt es einem auch nichts.
Die Bäckereien bieten diesen Brot-wird-schneller-trocken-Service an, um zu zeigen, daß sie mithalten. Die Folge aber ist: Es wächst eine Generation heran, die kann sich keine Scheibe mehr abschneiden. Das sind die Leute, die ohne Nawwi nicht an der nächsten Ecke ankommen. Die sollen doch mal damit anfangen, den Weg bis zum Ende des Wortes zu finden: NAVIGATION.

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