Jaaa-ha-ha-ha-haaa! Wenn der Senatooor erzääählt!

Weil ich immer wieder, auch heute wieder, darauf angesprochen werde:
Der „Gitarrenlehrer der Nation“ gab Interviews für den Berliner Tagesspiegel und www.psychedelicbabymag.com (in english). Darin wird schon wieder behauptet, die Folkrockband Bröselmaschine wäre 1968 gegründet worden, zu den Gründungsmitgliedern hätte Mike Hellbach gehört, und der hätte eine Maschine zum Zerbröseln von Dope erfunden/gebastelt/besessen, die Band sei bei den viel beachteten Internationalen Essener Songtagen 1968 aufgetreten, und dort hätte der Plattenboss Rolf-Ulrich Kaiser der Band „spontan“ einen Plattenvertrag angeboten. Daß das nicht so war und so auch nicht gewesen sein konnte: siehe DER METZGER Nr. 128.
Er läßt sich auch „Deutschlands dienstältester Hippie“ und „Gründer der Kraut-Rock-Band ‚Bröselmaschine‘“ nennen, die eine „Hippie-Kommune“ bevölkert hätte. Als „Hippies“ haben wir uns nie bezeichnet und nie bezeichnen lassen. Akzeptieren würde ich und akzeptiert haben wir die Bezeichnung „Freaks“. (Wenn Sie mich so nennen wollen, können Sie es heute noch ruhig tun). Die stupide Titulierung „Krautrock“ hätte damals niemand in den Mund zu nehmen gewagt!
„We have been the first commune in our hometown.“ Nein. „There were sometimes 12 or 14 people living there, with girlfriends and everything.“ Nie mehr als 7.
Auf psychedelicbabymag.com ist ein „Headline photo: Bröselmaschine in 1969“ zu sehen, auf dem einer der Abgebildeten als „Mike Hellbach (Percussion)“ vorgestellt wird. Mike Hellbach ist auf dem Foto nicht zu sehen. „Gründungsmitgied“ Mike Hellbach war 1969 noch gar nicht Mitglied der Band, und auch nicht im April 1971, als dieses Foto in Wirklichkeit aufgenommen wurde. Aber auch auf der eigenen Homepage des National-Gitarrenlehrers wird behauptet, das wäre Mike Hellbach.
„Our singer, Jenni Schücker, had a motorcycle.“ Our Sängerin Jenny had niemals a Motorcycle. Und warum wird immer nur diese Sängerin erwähnt? Wir hatten doch zwei Sängerinnen.
„Anfang der 70er. hatten wir Kontakt zu Timothy Leary …“ Anfang der 70er Jahre lebte Timothy Leary im Exil in Algerien, an einem geheimgehaltenen Ort (siehe DER METZGER Nr. 20).
„Wir haben Uschi Obermaier und Rainer Langhans in der K1 besucht.“ Ach! Wieso weiß ich nichts davon?
„In 1971 we had 150 concerts.“
Drei pro Woche? Nee! Ich krame mal das Kassenbüchlein hervor, in dem alle Gagen verbucht wurden, also alle Auftritte. Auch in 1972, unserem besten Jahr, waren es viel weniger.
„We played very early in the UK, Netherlands, France … In Switzerland we did a tour and it was a new kind of music for everybody.“
Es gab einen (in Worten: einen) Auftritt in Amsterdam, und nix mit UK, France. Und in Switzerland war die new kind of music wohl Musik auf leerer Bühne. Oder sind die gefeierten Auftritte in Freiburg gemeint, unserer größten Annäherung an die Schweiz?
„And we had luck that we were able to play in 1968 at the first big German Music Festival in Essen [Internationale Essener Songtage]. There you had Frank Zappa with The Mothers of Invention.“
1968, als die Band sich noch nicht „Bröselmaschine“ nannte, ist sie dort nicht aufgetreten (ich sagte es bereits, muß man denn alles zweimal sagen?). Aufgetreten sind wir im Oktober 1972 bei den Essener Musiktagen Z2, einem ebenfalls hochkarätigem Festival der Gegenkultur. Siehe DER METZGER Nr. 18, und ich schrieb darüber einen Bericht für Sounds.
„Wir gingen mit Ton Steine Scherben auf Tour. Als Typen fanden wir sie klasse, wir haben auch mal bei denen übernachtet.“
Wir sind zwei mal zusammen mit Ton Steine Scherben aufgetreten: Einmal im Oktober 1972 bei den Essener Musiktagen Z2 (siehe oben) – an zwei verschiedenen Tagen, und im Frühjahr 1972 in Osnabrück (über diese Tournee schrieb ich eine Reportage für Hundert Blumen). Übernachtet haben wir bei denen nie, sondern bei Ash Ra Tempel (kann man eigentlich gar nicht verwechseln).
„Wir haben transzendentale Meditation versucht – wie die Beatles.“
Nein, haben wir nicht, weder transzendental noch sonst irgendeine Meditation. Und was die Beatles betrifft: Auf dem Weißen Doppelalbum von 1968 ist „Sexy Sadie“, das Spottlied von John Lennen gegen den TM-Scharlatan Mararishi Mahesh Yogi zu hören!
„Ein Jahr lang haben wir in unserer Wohngemeinschaft makrobiotisch gelebt, im Grunde wie heute die Veganer.“
Ja wat denn nu? Makrobiotisch oder vegan? Vegan gab es damals noch gar nicht.
Ein einziges Mal sind wir in Amsterdam in ein makrobiotisches Restaurant geraten und waren enttäuscht. Und ein weiteres Mal haben wir in Heidelberg das gleiche erlebt und waren wieder enttäuscht.
Das Wort „Wohngemeinschaft“ haben wir – auf uns bezogen – genau so abgelehnt wie „Hippie“ und wie wir „Krautrock“ abgelehnt hätten, wenn es das Wort damals schon gegeben hätte.
„We also met Uriah Heep. They invited us to play concerts with them“ Quatsch! „and then they told us that they are selling their PA system to buy a bigger one. We bought it!“
Ach! Jetzt auf einmal Uriah Heep? In mir wuchsen schon Zweifel, daß meine Anlage zuvor Procol Harum gehört hatte. So wird man also aufgeklärt! Aber an der Geschichte mit Uriah Heep habe ich noch größere Zweifel.
„Did you have any mantra?“ – „I think that every three months we had a new direction we tried out. We have been very young and we always said ‚that’s the right way for us and for everybody.‘ But it changed constantly.“
Was? Was? Was? Von wem redet der? Auf wen schließt der von sich? Wer wird als desorientierte Flip-Flabesse invitiert? Ich insistiere, daß es mir an dezidiertem Selbst-Verständnis nie mangelte!
Richtig unschön wird die Sache, wenn das Ende der Band zur Sprache kommt:
Mike und Jenny unternahmen ein paar Monate nach der Auflösung der Band eine Reise nach Indien. Das hört sich heute so an:
„Eine Band aus München, Embryo, hat die Reise in den 70ern organisiert. Wir wollten mit, hatten allerdings schon Kinder, das Risiko war uns zu groß.“ Mike und Jenny sind auf eigene Faust gereist, und niemand von uns wollte mit.
„Die beiden aus meiner Band sind mitgefahren – und erst nach Jahren zurückgekommen.“ Recte: nach ein paar Wochen. „But I had a child and we have been afraid to go with a young child. He“ recte: She „was about two years old.“ Recte: exactly two months.
„Unser Bassist. Die allererste Besetzung spielte sechs Jahre zusammen. Irgendwann wollte er das nicht mehr und zog nach Süddeutschland.“ „Our band split because Jenni Schücker and Mike Hellbach went to India. That was the main reason that the band split.“
Da hört sich doch alles auf! Das ist nicht als Gedächtnisschwäche abzutun! Die eigene Schuld am Scheitern anderen in die Schuhe schieben ist ein starkes Stück! Die Band ging nicht kaputt, weil einer nach Süddeutschland und zwei nach Indien wollten, sondern einer wollte nach Süddeutschland und zwei wollten nach Indien, weil die Band kaputt gemacht worden war.
Warum wird diese ganze alte Geschichte hier nun wieder ausgebreitet, fragt man mich vielleicht.
Weil der Künstler sich verpflichtet fühlen sollte, einzuschreiten, wenn das Publikum mit Kitsch und Klischees beeindruckt werden soll? Monstrosität und Lächerlichkeit liegen hier doch zu nahe beieinander! Da muß man doch was gegen unternehmen! Wie Klein-Fritzchen sich die schaurig-schöne Romantik in der Hippie-Kommune vorstellt! Nichts (außer der großen Politik) ist so, wie Klein-Fritzchen sich das vorstellt. Wenn man mit der klischeebeladenen Hippie-Romantik aufräumt und erklärt, daß alles viel einfacher und viel komplizierter, viel ernster und viel lustiger, viel alltäglicher und viel abenteuerlicher gewesen ist – dann ist vielleicht noch zu retten, was noch zu retten ist.
Wenn man die Geschichte, in der man mit Haut und Haaren drinsteckte, wenn sie erzählt wird, gar nicht mehr wiedererkennt – das ist schon recht verstörend! Dann muß man das Wort ergreifen und darf auch pingelig sein. Es handelt sich immerhin um einen Abschnitt des Lebens, der mit ungewöhnlich viel Risiken und Unsicherheiten belastet war.
Soll ich etwa einen Teil meines künstlerischen und beruflichen Werdegangs schamhaft verschweigen? Das wäre nicht schön.
Und: Daß mir nachgesagt werden könnte, ich hätte mal einer Organisation angehört, die sich ein Jahr lang makrobiotisch ernährte und in Tanszendentaler Meditation übte: das kann ich wirklich nicht auf mir sitzen lassen!
Der Liedermacher und Lokalreporter Motte (Carl Korte 1952-2016, siehe DER METZGER 28 bis 125) hatte den Plan, ein Buch über die Bröselmaschine zu schreiben, in dem der Name Peter Bursch nicht ein einziges mal erwähnt wird. Da hätte zwar irgendwie irgendwas gefehlt. Aber der tatsächlichen Wahrheit, wie sie wirklich war, wäre damit gedient.

Geschrieben am 2.10.2023, erschienen in DER METZGER Nr. 151.

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