Auch zu dieser Demonstration werde ich nicht hingehen

Der eigentliche und ausschlaggebende Grund ist, daß ich an dem Tag etwas anderes, sehr Wichtiges und Unaufschiebbares zu tun habe. Diesen Grund muß ich öffentlich nicht nennen, es ist eine rein persönliche Sache.
Der geringere, aber öffentlich zu nennende Grund ist folgender (auch auf die Gefahr, mich zu wiederholen):

Die Gruppe Initiativ e.V. gibt es immer noch. Nach längerer Zeit hat sie mir wieder eine Ankündigungs-E-mail geschickt. An einem der nächsten Tage soll an einem Ort hier in der Nähe eine Demonstration „Für ein Ende der israelischen Besatzung!“ stattfinden.
Aus dem Aufruf:
„Besatzung ist Terror
Wenn die Schreie des kleinen Ali Dawabsheh nicht gehört werden, als er in seinem Bett schlief und durch das Feuer jüdischer Siedler lebendig samt seiner Familie verbrannte; Wenn der 13-jährige Ahmad von israelischen Polizisten erschossen wird und vor laufender Kamera verblutet; Wenn die Mutter zusehen muss, wie ihre 15-järige Tochter „Marah“ grundlos auf dem Schulweg vom israelischen Sicherheitsdienst angeschossen wird, dann darf man nicht länger schweigen.
Wenn das Leben jedes einzelnen unter Besatzung lebenden Menschen bedroht wird, dann ist die Besatzung die höchste Form des Terrors. Das einzige, was die heutige palästinensische Jugend von Israel kennt, ist die Besatzungsarmee und ihre bewaffneten fanatischen Siedler, die das Land rauben und den Palästinensern das Leben mit jedem Mittel unerträglich machen wollen. Die ununterbrochene Diskriminierung dieser Palästinenser und die immer brutaler werdende Besatzungsarmee dürfen und können nicht mehr hingenommen werden.
Täglich werden Palästinenser getötet, verwundet, festgenommen und ohne Anklage und Gerichtsverfahren in Gefängnisse gesperrt (sog. Administrativhaft). Die Menschen in Gaza leben durch die Blockade im größten Gefängnis der Welt.
Diese Besatzung ist das einzige Apartheidsystem der Gegenwart.
Dies ist kein religiöser Konflikt, und auch keiner zwischen zwei gleich mächtigen Fronten, sondern zwischen einer übermächtigen Besatzung und einem besetzten Volk.“

Wie wahr! Wie wahr ist doch diese halbe Wahrheit!
Zur anderen Hälfte der Wahrheit:

1. Der Widerstand gegen das „einzige (?) Apartheidsystem der Gegenwart“ ist keineswegs emanzipatorisch, seine Anführer sind keine progressiven Sozialrevolutionäre. Sie sind auch keine Antiimperialisten, sondern Reaktionäre, Antisemiten, die den Holocaust entweder leugnen oder feiern oder beides. Über ihre Gefolgschaft ist kaum etwas Besseres zu sagen. Fanatismus gibt es nicht nur auf der Seite der bewaffneten Siedler. Wurde der palästinensische Widerstand Anfang der 70er Jahre noch (neben Vietcong, Tupamaros, ANC, Swapo, Frente Sandinista etc. pp) als Teil des globalen Befreiungskampfes gesehen, sind alle progressiven, emanzipatorischen, sozialrevolutionären Ansätze von islamistischen Reaktionären verdrängt worden (sofern sie überhaupt jemals mehr als bloß marginal waren). Von dem palästinensischen Potential, so wie es sich gegenwärtig darstellt, kann ich in dem Fall, daß es sich vollends durchsetzt, nichts anderes erwarten als ein Terrorregime, das nicht weniger Entsetzen auslösen müßte als das gegenwärtige Besatzungsregime (in alle Richtungen geschärftes Wahrnehmungsvermögen vorausgesetzt).
2. Auf den Verlauf des Nahost-Konflikts hat eine Demonstration „für ein Ende der israelischen Besatzung“ überaus geringen Einfluß. Die Wiederspiegelung des Nahost-Konflikts in dieser Gesellschaft ist von umso größeren Interesse.
3. Wenn es nur um das Besatzungs-Regime ginge, wäre doch alles ganz einfach. Aber ich kann mir an fünf Fingern abzählen, daß scharenweise auch Antisemiten, Haßprediger, islamistische Fanatiker, Holocaustleugner und -verharmloser, Rechtsradikale und Verschwörungsparanoiker angezogen werden. Das wäre ja nicht das erste Mal. Da es, wie gesagt, nicht um Palästina geht, sondern um dieses Land und seine Leute, beschränkt sich doch alles auf die Frage: Mit wem will ich und mit wem will ich mich auf keinen Fall verbünden?
Nein, da gehe ich nicht hin.

Damit das klar ist:
Ich würde mich auch nie auf einer Demonstration der Israel-Freunde blicken lassen! Denen glaube ich kein Wort, wenn sie sich den Anschein geben, dem Antisemitismus in dieser Gesellschaft entgegenzutreten, tatsächlich aber durchprobieren, wie es immer noch einen Tick reaktionärer geht. Mit ihrem Auftreten, ihrer Sprache, ihrer Selbstgefälligkeit sind sie noch ekelhafter als ihre eindimensionalen Widersacher, zumal sie sich an der Grauenhaftigkeit, die die Blindwütigkeit ihrer Widersacher antreibt, berauschen.
Ebenso wie Hamas und der Hamas-Fanclub dem antiimperialistischen Lager nicht zuzurechnen sind, so sind die Israel-Stalker keine Antifaschisten.

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Ja! „Wiederspiegeln“ schreibt man mit „ie“!

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