Neu in der Weltbühne: Deutscher und Jude

Neu in der Buchhandlung Weltbühne: John K. Dickinson: Deutscher und Jude. Das Leben und Sterben des Hermann Reis
Übersetzt und herausgegeben von Stephan H. Nolte.
Büchner Verlag. 2026. 384 Seiten Paperback. 30 €

Deutscher und Jude des amerikanischen Soziologen John K. Dickinson erzählt die Geschichte des Marburger Anwalts Hermann Reis – von der Wiege 1896 bis zu seiner Ermordung in Auschwitz 1944. Aufgewachsen als Sohn eines jüdischen Viehhändlers im hessischen Hinterland und später tätig als Anwalt im nahe gelegenen Marburg folgen wir Reis auf seinem Weg von einer als harmonisch erlebten Jugend durch eine sich stetig radikalisierende Gesellschaft. Jede neue Maßnahme zur Diskriminierung und Schikanierung der jüdischen Bevölkerung macht Dickinson in ihren komplexen zwischenmenschlichen Auswirkungen greifbar. Wie war die Situation auf dem Land, in der Stadt? Wie lebte man zusammen und wie stabil oder fragil war dieses Zusammenleben?
Nicht nur in der langen konfliktreichen und verwobenen Geschichte von Juden und Deutschen findet Dickinson Antworten, sondern auch in den psychologischen, ökonomischen und soziologischen Strukturen und Mechanismen, die das Schlimmstmögliche erst möglich machten.
Dickinson gibt aus seinen Gesprächen mit fast zweihundert Menschen die Erzählungen der Gesprächspartner wieder, die Hermann Reis, seine Ehefrau Selma geb. Levy und die Tochter Marion gekannt haben, und er deutet sie: vor einem weiten Hintergrund von Quellen und Selbstzeugnissen und mit dem Verständns des mitfühlenden Beobachters. Damt ist ihm bis heute gültiger Tiefenblick in die Geschichte gelungen, der in dem gesellschaftlichen Umbau, den er schildert, zeitgenössischer nicht sein könnte.

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Die Linke in Berlin: Strafanzeige gegen Minister Dobrindt

Nach dem Wahlsieg der Linken in Berlin werden Antisemitismusvorwürfe gegen die Partei stereotyp wiederholt. In einer Talkshow kommentiert Innenminister Dobrindt einen Versprecher der Moderatorin über Spitzenkandidatin Eralp spitz. Die reagiert nun mit einer Strafanzeige.
Die Berliner Linken-Politikerin Elif Eralp und ihr Landesverband haben laut Anwalt Jasper Prigge Strafanzeige gegen Bundesinnenminister Alexander Dobrindt gestellt. Der CSU-Politiker soll sich dem Schriftsatz zufolge eine Aussage über Eralp als „Antisemitin“ zu eigen gemacht haben. Dies erfülle den Tatbestand der üblen Nachrede und Beleidigung.
Dabei geht es um eine Passage der ZDF-Sendung „Maybrit Illner“ vom Donnerstag, in der es zu Wortgefechten zwischen Dobrindt und der Linken-Bundestagsfraktionsvorsitzenden Heidi Reichinnek kam. Moderatorin Illner versprach sich dabei, korrigierte sich aber sofort: „Elif Eralp sagt, sie ist Antisemitin… Sie ist keine Antisemitin.“ Darauf sagte Dobrindt: „Na doch.“
Anwalt Prigge argumentiert, Dobrindt habe sich Illners Versprecher zu eigen gemacht. Das sei „üble Nachrede“ im Sinne des Strafgesetzbuchs. Dobrindt stelle eine falsche Tatsachenbehauptung auf. Um eine „Beleidigung“ im Sinne des Strafgesetzbuchs handele es sich, weil die Bezeichnung als Antisemitin „in erheblichen Maße ehrabträglich“ sei.
Weiter heißt es im Schriftsatz: „Die Tat ist schließlich auch geeignet, das öffentliche Wirken von Frau Eralp erheblich zu erschweren. Die Verbreitung der Falschbehauptung durch den Innenminister im Fernsehen, Frau Eralp würde sagen, sie sei Antisemitin, ist geeignet, ihre Integrität als politische Amtsträgerin und damit die Regierungsbildung im Land Berlin zu beeinträchtigen.“
Dobrindt hatte vergangene Woche in Kloster Banz gesagt, die Linkspartei in Berlin dulde „ganz offensichtlich Antisemiten und Extremisten in ihrem Umfeld“. Eralp hatte sich vor und nach der Wahl von jeglichem Antisemitismus und von Gewaltaufrufen distanziert und das Existenzrecht Israels bekräftigt.

Berlin: Jüdische Unterstützung für ein Linksbündnis

In einem offenen Brief fordern 150 Berliner Jüdinnen und Juden eine rot-rot-grüne Koalition in der Hauptstadt. Sie widersprechen damit dem Zentralrat der Juden.

Offener Brief: Berliner Jüdinnen und Juden für eine soziale und sichere Stadt
Berlin, den Tag nach der Wahl
Wir sind Berliner Jüdinnen und Juden und kommen aus unterschiedlichen Milieus; wir beten in unterschiedlichen Synagogen oder gar nicht; wir wählen unterschiedliche Parteien – und wir schreiben diesen Brief, weil wir in den vergangenen Wochen immer wieder dieselbe Behauptung gehört haben: Die Linke sei gefährlich für Juden, eine Koalition unter ihrer Beteiligung ein Sicherheitsrisiko für unsere Gemeinden. Wir widersprechen dieser Darstellung – nicht, weil wir die Sorgen kleinreden, sondern weil wir sie ernster nehmen, als es plakative Warnungen tun.
In einer Zeit, in der eine teilweise offen faschistische Partei quer durch Deutschland auf dem Weg zur Macht ist, entziehen sich die großen Publikumsmedien und (wichtige) Teile unserer eigenen jüdischen Gemeinschaft ihrer Verantwortung, wenn sie weiterhin so tun, als würde die Linke die größte Gefahr für jüdische Sicherheit darstellen. Wie alle Arten von Ressentiment und Vorurteil tritt auch der Antisemitismus in vielen verschiedenen Teilen der Gesellschaft auf. Und genau wie die anderen Formen von Gruppenhass wird er dort am gefährlichsten, wo er mit rechtsextremer Ideologie und mit den antidemokratischen Tendenzen und Konflikten zusammenfällt, die sich manchmal auch gewaltsam auf unseren Straßen Bahn brechen. Dass gerade die Linken ständig des Antisemitismus beschuldigt werden, ist nicht nur eine zynische politische Instrumentalisierung, sondern setzt beinahe jede Kritik an der israelischen Politik mit Antisemitismus gleich. Diese Flut an Anschuldigungen zielt darauf ab, andere Meinungen zu unterdrücken und das internationale Völkerrecht auszuhöhlen. Vor dem Hintergrund des überall anschwellenden Antisemitismus ist es nicht einfach eine neutrale Beobachtung, eine demokratische linke Partei herauszugreifen, sondern ein politisches Instrument, um Aufmerksamkeit ab- und umzulenken.
Uns beschäftigt etwas anderes mindestens genauso: Wie werden wir – und alle Berlinerinnen und Berliner – in dieser Stadt in den nächsten fünf Jahren leben? Steigende Mieten treffen jüdische Familien genauso wie alle anderen. Prekäre Beschäftigung, überlastete Schulen, ein Gesundheitssystem am Limit, wachsende soziale Spaltung – all das erzeugt genau jene gesellschaftlichen Spannungen, die auch den Judenhass fördern. Wer soziale Missstände ignoriert, überlässt das Feld denen, die immer als erstes nach Sündenböcken suchen. Eine Stadtregierung, die bezahlbaren Wohnraum sichert, öffentliche Daseinsvorsorge stärkt und soziale Ungleichheit spürbar reduziert, tut mehr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt – und damit auch für unsere Sicherheit! – als bloß eine demokratische Partei auszugrenzen.
Deshalb sagen wir: Die klar bessere Wahl für diese Stadt, auch für uns Juden, ist eine Koalition, die das sozialökonomische Programm ernst nimmt, das jetzt so dringend gebraucht wird. Nicht weil wir alle Positionen in der Linken oder irgendeiner anderen Partei teilen – das tun wir nicht, und wir werden weiter kritisch bleiben, wo es nötig ist. Sondern weil eine rot-rot-grüne Koalition die Kraft hat, die materiellen Ursachen gesellschaftlicher Spannungen anzugehen, während eine Fortsetzung des Status quo oder ein Rechtsruck diese Spannungen nur verschärfen würde.
Wir bitten die künftige Regierende Bürgermeisterin und ihre Koalitionspartner um zweierlei: Nehmen Sie unsere Sicherheit als das, was sie ist – eine rote Linie, keinen zynischen Spielball für Propaganda. Und nehmen Sie unsere sozialen Nöte ebenso ernst wie die aller anderen Berlinerinnen und Berliner. Beides gehört zusammen. Eine Stadt, die gerechter wird, wird zu einer Stadt, in der auch wir sicherer leben.
Berliner Jüdinnen und Juden für eine soziale und sichere Stadt

Die Liste der Erstuterzeichner ist hier zu sehen.

Genau das habe ich vermutet

Aus einem Zeitungsbericht von heute:
Laut der israelischen Zeitung „Haaretz“ warnten der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate und Hamas-Quellen den Premier vor dem 7. Oktober vor einem Angriff. Doch der soll die Warnung abgetan und den Sicherheitsapparat nicht informiert haben.
Rund 45 Minuten soll das Telefongespräch im September 2023 gedauert haben. Daran beteiligt: Benjamin Netanjahu, Ministerpräsident von Israel, und Mohammad Bin Zayed, Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate. Der Inhalt: Äußerst brisant.
Bin Zayed sprach eine deutliche Warnung aus: Die Hamas in Gaza habe etwas Großes vor. Israel solle sich rüsten. Mit dabei beim Gespräch war ein Berater des Kronprinzen, ein Palästinenser aus Gaza, offenbar bestens vernetzt. Beide drängten Netanjahu, etwas zu unternehmen. Doch der israelische Premier winkte ab.
Eineinhalb Wochen vor dem 7. Oktober erhielt Netanjahu demnach also von höchster Stelle eine explizite Warnung vor einem Überfall der Hamas – und nahm sie nicht ernst. Netanjahu soll auch den Sicherheitsapparat nicht eingeweiht haben. Mit diesem brisanten Vorwurf geht die israelische Zeitung „Haaretz“ nun an die Öffentlichkeit.
…
Der Zeitpunkt der „Haaretz“-Veröffentlichung ist präzise gewählt: Israel steckt mitten im Wahlkampf, und der 7. Oktober spielt eine zentrale Rolle. Die Opposition prangert die Netanjahu-Regierung für ein politisches Versagen an, das zu dem schweren Massaker beigetragen habe. Die rechte Koalition wiederum gibt der Armee die Schuld und streut Falschinformationen.
So machte Sara Netanjahu, Ehefrau des Premierministers und selbst eine politische Figur, eine neue Verschwörungstheorie groß. Im Interview mit dem rechten Propagandasender „Kanal 14“ behauptete sie, der Oppo㈠sitionspolitiker Jair Golan habe bereits vor dem verheerenden Massaker gewusst, dass etwas passieren würde.
Golan, heute Chef der Linkspartei „Die Demokraten“, gilt als Held des 7. Oktober. Früh am Morgen, als das Massaker auf dem Gelände des Nova-Musikfestivals im Gange war, fuhr er mit seinem Auto mitten ins Kampfgebiet. In Uniform und mit Gewehr schaffte er es, Jugendliche aus der Todeszone zu befreien. Der frühere Vize-Generalstabschef der israelischen Armee wurde dafür auch von seinen politischen Gegnern bewundert.
Diesen Ruhm versuchte Sara Netanjahu nun zu bekleckern – und mehr noch. Sie warf der Armee und den Geheimdiensten vor, ihren Mann in den Morgenstunden des 7. Oktober „nicht aufgeweckt“ zu haben. Benjamin Netanjahu wiederholte diese Vorwürfe danach selbst.
Die neue Recherche verdeutlicht dagegen nicht nur die Untätigkeit der israelischen Führung im Vorfeld des Massakers. Nachdem mehr als 200 Israelis nach Gaza verschleppt worden waren, machte die Spitze des israelischen Sicherheitsapparats demnach einen frappierenden Fehler: Die Hamas soll schon in den ersten Kriegstagen zur Freilassung aller Geiseln unter 18 Jahren und über 50 Jahren bereit gewesen sein – auf Druck aus Katar. Doch Israel lehnte ab.
Am 7. Oktober 2023 richteten die Terroristen der Hamas und anderer Gruppen im Süden Israels ein Blutbad an. Sie töteten mehr als 1200 Menschen und nahmen 251 als Geiseln – darunter Greise, Kleinkinder und Babys.
Nur 168 Geiseln kehrten lebend zurück.
Maria Sterkl in der Frankfurter Rundschau.

Mein erster Gedanke am 7. Oktober 2023 war:
Das Massaker kommt der rechtsextremen Israelischen Regierung gerade recht. Die wollen nicht den Frieden, sondern den Sieg. Und die sind bereit, dafür dem eigenen Volk die größten Opfer aufzubürden.
Es ist ein Schimmer der Hoffnung, daß eine große Israelische Zeitung diese Vorgänge bekanntmacht.

Neu in der Weltbühne: Zu den Guten gehören

Neu in der Buchhandlung Weltbühne: Lisa Geffken, Nikolas Lelle (Hg.): Warum man Israel nicht hassen muss, um zu den Guten zu gehören. Verbrecher Verlag 2026. 152 Seiten. 18 €

Das sagt der Verlag:
Seit dem 7. Oktober 2023 ist etwas ins Rutschen geraten. Unter israelsolidarischen Linken breitet sich seitdem vor allem ein Gefühl aus: Einsamkeit. Wo einst ein gemeinsames Verständnis darüber herrschte, dass Antisemitismuskritik zu progressivem Selbstverständnis und kritischer Gesellschaftstheorie dazugehört, herrscht heute Unsicherheit, Sprachlosigkeit oder gar Feindseligkeit. Wer Israel nicht hasst, gilt plötzlich als verdächtig, manchen gar als gefährlich.
Dieses Buch versammelt Stimmen, die der Vereinzelung etwas entgegensetzen. Aus unterschiedlichen Perspektiven zeigen Autor*innen, dass ein solidarischer und empathischer Umgang mit Israel kein Widerspruch zu linken Werten ist, sondern deren konsequente Fortsetzung. Die Texte handeln vom Ringen um Haltung und bezeugen, dass der Einsatz gegen Antisemitismus ein Prüfstein jeder emanzipatorischen Idee bleibt. Sie erzählen von Enttäuschung und Trotz und von der Möglichkeit einer neuen Verständigung. Das Buch handelt von Menschen, die nicht aufgeben, weil sie an Solidarität als universeller Idee glauben. Auch und gerade mit Jüdinnen und Juden. Ein Buch über Klarheit, Verbindung und den Mut, aus der Einsamkeit herauszutreten.
Mit Texten von Sasha Kirsten Achtelik, Ulrike Becker, Julia Bernstein, Mehmet Can, Ninve Ermagan, Henning Flad, Lisa Geffken, Roglit Ishay, Anetta Kahane, Ilja Kogan, Nikolas Lelle, Jule Nagel, Nicholas Potter und Marek Sierka.
„Dieses Buch ist für alle, die sich in den letzten Jahren schrecklich einsam gefühlt haben. Dieses Buch ist für alle, die daran glauben, dass da noch eine progressive und humanistische Perspektive möglich ist und die Israel nicht hassen wollen.“ Ronja Othmann

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Neu in der Weltbühne: „Von der Besatzung zum Ende der Demokratie“

Neu in der Buchhandlung Weltbühne:
Michael Sfard: Israels Bumerangeffekt. Von der Besatzung zum Ende der Demokratie.
Aus dem Hebräischen von Lucia Engelbrecht. Deutsche Erstausgabe.
Edition Nautilus (Nautilus Flugschrift). 216 S. 20 €

Der renommierte israelische Rechtsanwalt Michael Sfard zeigt, warum Israels Unterdrückung der Palästinenser unlösbar mit dem Abgleiten in einen inneren Autoritarismus verbunden ist.
Als 2023 Hunderttausende Israelis gegen die sogenannte »Justizreform« der rechtsextremen Regierung auf die Straße gingen, blendeten die meisten von ihnen aus, dass das, wogegen sie protestierten – Verlust der Gewaltenteilung und demokratischer Grundrechte –, ein paar Kilometer weiter bereits seit Jahrzehnten Realität ist; betrieben in systematischer Komplizenschaft von staatlicher Willkür und Siedlergewalt, von den israelischen Medien beschwiegen, von der jüdischen Bevölkerung verdrängt.
Doch die Besatzung, davon ist der Menschenrechtsanwalt Michael Sfard überzeugt, lässt sich nicht von der Realität der israelischen Gesellschaft abspalten – sie formt nicht nur die Unterdrückten, sondern auch die Unterdrücker. Sie hat eine antidemokratische Ideologie befeuert, die sich zunehmend auch nach innen richtet, um die Grundprinzipien des Rechtsstaats zu demontieren. Die israelische Gesellschaft, so Sfard, muss diese Zusammenhänge verstehen und die Besatzung endlich überwinden.
Michael Sfard vertritt regelmäßig palästinensische Mandant*innen und Gemeinden vor israelischen Gerichten. Im Kontext dieser Arbeit und im historischen Rückblick entfaltet er Ursprünge und Folgen der antidemokratischen Entwicklungen: von der geplanten »Justizreform« 2023 über die zunehmenden Angriffe auf die Zivilgesellschaft seit 2010, den Sechstagekrieg 1967 und die Nakba bis hin zum Trauma der Schoah – um schließlich in die Gegenwart zurückzukehren: zum Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 und dem darauf folgenden verheerenden Krieg in Gaza. Ein beeindruckendes Plädoyer für Verständigung und eine Überwindung der Gewalt.

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Aachener Friedenspreis

Der diesjährige Aachener Friedenspreis geht an Palestinians and Jews for Peace.

Darüber wurde hier berichtet.
Heute, am Antikriegstag wird der Preis übergeben. Laudator ist Martin Schulz.
Die Vranstaltung findet um 19 Uhr in der Azula Caroluna statt und ist über diesen Link auf Youtube zu sehen.

Neu in der Weltbühne: Einführung in die Geschichte und Theorie des Antisemitismus

Neu in der Buchhandlung Weltbühne: Peter Bierl: Antisemitismus. Einführung in die Geschichte und Theorie. Unrast Verlag (Reihe unrast transparent. rechter rand). 144 S. 9,80 €
Antisemitismus ist ein noch immer aktuelles und umstrittenes Problem. Die Vorstellung von der besonderen Macht der Juden, die sich bereits in der Antike findet und mit den Protokollen der Weisen von Zion nicht endet, ist für ihn zentral. Diese Verschwörungstheorie eignet sich heute dazu, die Mechanismen kapitalistischer Ausbeutung und Herrschaft zu ignorieren, und ruft einen enormen Hass hervor, der den globalen Aufstieg der Autoritären und der extremen Rechten emotional grundiert.
Diese Einführung bietet einen knappen historischen Überblick von der Entstehung des Judenhasses in der Antike über den christlichen und islamischen Antijudaismus bis zum rassistischen Antisemitismus der Neuzeit und Erscheinungsformen der Gegenwart. Ein Überblick über verschiedene Erklärungsversuche und Definitionen zeigt schließlich Ansatzpunkte, um Antisemitismus heute entgegenzutreten.

Ebenfalls zu empfehlen:
Heiko Kauffmann, Jobst Paul, Klaus Holz: Die Verneinung des Judentums. Antisemitismus als religiöse und säkulare Waffe. Edition DISS im Unrast-Verlag (2009). 184 S. 22 €
Der Band umfasst eingehende Analysen antisemitischer Positionierungen auf den Diskursebenen der Medien, der Politik, der Wissenschaft, der Religion und des Alltags. Thematisiert wird die Entstehung des politischen Antisemitismus in Deutschland und dessen gegenwärtige Wiederbelebung im Islamismus. Einen Schwerpunkt bildet die jüdische Perspektive auf das Phänomen des Antisemitismus und auf ihr Gegenprogramm der gerechten Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund wird die Flüchtlingspolitik der Gegenwart betrachtet. Dies geschieht anlässlich des 70. Jahrestages der Konferenz von Evian und deren Umgang mit jüdischen Flüchtlingen (1938).

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Buchankündigung: Interventionen gegen die Ratlosigkeit

Demnächst erscheint:
Tom Uhlig: Antisemitismuskritik im Handgemenge. Beiträge zur politischen Bildung. Neofelis Verlag. ca. 250 S.,ca. 26 €.
Erscheinungsdatum: 31.10.2026

Die antisemitische Enthemmung seit dem genozidalen Massaker vom 7. Oktober 2023 legt lang gehegte Ressentiments und diskursive Ratlosigkeit frei. Denn die öffentlich geführten Diskussionen zur Aufklärung antisemitischer Ressentiments sind erschreckend: Während die immergleichen Formen antisemitischer Propaganda und Übergriffe die Straßen und Sozialen Medien fluten, rätselt die interessierte Öffentlichkeit zuverlässig, ob es sich dabei tatsächlich um Antisemitismus handele. Es klafft ein Abgrund zwischen akademischem Wissen über Antisemitismus und der Vermittlung von Kritik.
Von politischer Bildungsarbeit wird erwartet, diesen Abgrund zu überbrücken, und dennoch scheitert sie notwendig an ihren Bedingungen. Ihre institutionellen Begrenzungen, instrumentellen Zielanforderungen und auch pädagogische Unbestimmtheit zeigen sich hilflos gegenüber dem wilden Irrationalismus der antisemitischen Ideologie. Die Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit politischer Bildung ist jedoch kein Grund zur Resignation, sondern als Ausdruck gesamtgesellschaftlicher Ohnmacht gegenüber Antisemitismus zu reflektieren. Noch in ihrem Scheitern kann sie die Konflikt- und Psychodynamiken gesellschaftlicher Widersprüchlichkeit im Umgang mit Antisemitismus auf den Begriff bringen.
In Antisemitismuskritik im Handgemenge sind solche Versuche dokumentiert: Es geht um Verschwörungsideologien, Israelhass, die Neue Rechte, christlichen Antijudaismus, die Documenta, Lisa Eckhart, Erinnerungspolitik und die DDR. Im Nachvollziehen dieser Debatten zeigen sich die Widersprüche, Aporien und Herausforderungen politischer Bildung und öffentlicher Positioniertheit gegen Antisemitismus. Denn die Debatten von gestern können die Katastrophen von heute erhellen.

Um Vorbestellung wird gebeten.
Bitte bestellen Sie dieses Buch in der Buchandlung Weltbühne, im Laden Gneisenaustr. 226, 47057 Duisburg (Neudorf) oder im Versand: bestellungen@buchhandlung-weltbuehne.de.
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@ Neofelis Verlag: Wer von Documenta spricht, sollte Indonesien nicht verschweigen.

Der Aachener Friedenspreis geht an Palestinians and Jews for Peace

Palestinians and Jews for Peace (PJFP) ist ein Freundeskreis aus palästinensischen, jüdischen und weiteren solidarischen Menschen, die sich in Köln für Frieden, Dialog und Gemeinschaft engagieren.
Die ehrenamtliche Kölner Initiative wurde nach den Terroranschlägen der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 gegründet und setzt sich für den Dialog zum Nahostkonflikt ein. Seitdem organisierte die Gruppe mehrfach Demonstrationen für den Frieden und initiierte Petitionen, wie etwa gegen einen Staatsbesuch des syrischen Präsidenten Ahmed al-Scharaa in Berlin. Auch organisiert sie Begegnungen und Aktionen, die gegenseitiges Verständnis fördern sollen. Sie wolle sich klar auf die Seite der Betroffenen stellen: „Wir stehen an der Seite von Menschen – nicht von Flaggen, nicht von Nationen und nicht vom Krieg.“ So wolle man den Diskurs in Deutschland verändern.
2026 wurde der Gruppe der Aachener Friedenspreis zuerkannt. Ausgehend von feministischen, emanzipatorischen Werten setze sie sich für einen differenzierten Dialog und einen mitfühlenden, respektvollen Umgang zwischen jüdischen und palästinensischen Menschen ein. Sie wolle das öffentliche Narrativ über den Nahostkonflikt verändern, weg von Polarisierung, der Gegenüberstellung von „Tätern“ und „Opfern“ und der Reduzierung auf „Juden vs. Palästinenser“. Stattdessen zeige sie auf, wie vielfältig und komplex die Realitäten, Erfahrungen und Perspektiven tatsächlich sind.

https://palestiniansandjewsforpeace.wordpress.com/

Demonstration Pro Peace von Palästinensischen und Jüdischen Freund*innen („Palestinians and Jews for Peace“). 2000 bis 3000 Teilnehmer. Köln, Ebertplatz 19. Novemver 2023
Foto: Nicola, Wikimedia Commons, CC-by-sa 4.0

Siehe auch die Buchempfehlung: Bernd Drücke (Hg.): Die Kriegslogik durchbrechen! Graswurzelrevolutionäre Stimmen zum Gaza-Krieg.

„Mehr als 100 Drohbriefe im Jahr“

Aus einem Brief, heute bei mir eingetroffen:
Und täglich grüßt leider weiterhin der Antisemitismus in Deutschland:
Das jüdische Gemeindezentrum erhält einen Umschlag mit scharfer Munition und einem antisemitischen Schreiben. Die Generalstaatsanwaltschaft ermittelt, Politiker im Stadtrat zeigen sich entsetzt. Die Süddeutsche berichtet:
Der Umschlag erreichte die Israelitische Kultusgemeinde München (IKG) am Donnerstagmittag gegen 12.15 Uhr. Äußerlich sah das, was da per Post am Sankt-Jakobs-Platz ankam, aus wie ein normales Briefkuvert. Doch nachdem der hauseigene Sicherheitsdienst den Umschlag – wie jede Sendung an die IKG – überprüft hatte, stand fest: Der Inhalt ist alles andere als normal. Im Kuvert befand sich eine Patrone, dazu ein antisemitischer Drohbrief. Darin heißt es unter anderem: „Jeder Jude wird jetzt sterben.“
Es ist eine antisemitische Tat, die in der Stadt Entsetzen hervorgerufen und Behörden alarmiert hat. Die Staatsanwaltschaft München I begann am Donnerstag mit ersten Ermittlungen „wegen Bedrohung“, wie ein Sprecher sagte. Am Freitag übernahm Oberstaatsanwalt Andreas Franck von der Generalstaatsanwaltschaft München den Fall. Der Jurist ist der zentrale Antisemitismusbeauftragte der bayerischen Justiz.
Die Polizei teilte mit, dass es sich bei der im Brief gefundenen Munition um eine „Patrone für Kurzwaffen“ handle, also für eine Pistole oder einen Revolver – und diese sei scharf gewesen. Zu den genauen Hintergründen der Tat, etwa zu möglichen Hinweisen auf den Absender des Umschlags, äußerte sie sich die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen nicht. Eine akute Bedrohung gegen die IKG könne man derzeit aber ausschließen, so eine Sprecherin.
Yehoshua Chmiel ist Vizepräsident der IKG. Er sagt, dass die jüdische Gemeinde im Jahr mehr als 100 Drohbriefe erhalte. Das sei eine „Normalität, die nicht normal sein sollte“. Doch die Kombination aus einem Drohbrief und einer Patrone sei eine erneute Steigerung. „Wir nehmen das sehr ernst. Es ist eine Alarmsituation.“ Der Geschäftsführer der IKG, Steven Guttmann, postete am Donnerstagabend ein Bild von dem Umschlag auf Instagram und kommentierte: „Jüdische Lebenswelten. Dinge, an die ich mich nicht gewöhnen kann.“
Die Zahl antisemitischer Delikte liegt seit dem Überfall der Terrorgruppe Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 auf einem Rekordhoch. 2023 waren es allein in Bayern 589 antisemitische Straftaten, im Jahr darauf 579. Für 2025 liegen noch keine aktuellen Zahlen vor. Die Leiterin der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus in Bayern (Rias Bayern), Annette Seidel-Arpacı, sieht in der Patrone und dem Brief an die IKG „eine unverhohlene Morddrohung an die jüdische Bevölkerung“ in München. Dies sei ein „weiterer Höhepunkt antisemitischer Radikalisierung“.

Neu in der Weltbühne:

Neu in der Buchhandlung Weltbühne: Livia Erdösi, Ana Hoffner ex-Prvulovic*, Nora Sternfeld: Denialism. Antisemitismus und sexualisierte Gewalt aus feministischer Perspektive. Verbrecher Verlag. 160 S. 16 €

Der Verlag hast das Wort:
Gerade ist bei uns der Band Denialism. Antisemitismus und sexualisierte Gewalt aus feministischer Perspektive erschienen, das hochaktuelle Buch der Herausgeber*innen Ana Hoffner ex-Prvulovic*, Livia Erdösi und Nora Sternfeld.
Mit „Denialism“ reagieren die Herausgeber:innen auf das Fehlen von feministischer Kritik, die sich explizit mit der systematischen Verleugnung und Verharmlosung sexualisierter und antisemitischer Gewalt im Zusammenhang mit den Massakern des 7. Oktober beschäftigt.
Die Autor*innen beschäftigen sich mit dem widersprüchlichen Verhältnis der Queer-Theory und dem Islamismus. Die Bewertung des Antisemitismus als ein gegenwärtiges, weltweites Phänomen erfährt eine Neukontextualisierung.
In strikter Abgrenzung zu rechtspopulistischen Narrativen, die Antisemitismus für rassistische Hetze und Antigenderismus instrumentalisieren, bietet der Band Diskursanstöße und die Chance, neue, solidarische Allianzen zu schließen.
„So können und sollen auch die Gewalt des Krieges, die Toten und die Zerstörungen in Gaza und die Kritik an der Politik Israels nicht geleugnet werden. Vielmehr geht es uns um ein Ringen – um einen Diskurs – dem es gelingt, sich mit der Politik und Gewalt in Israel und Gaza auseinanderzusetzen, ohne die grausame Gewalt des 7. Oktober zu verleugnen oder herunterzuspielen.
[…] Obwohl es sich um einen der bestdokumentierten Terroranschläge in der Geschichte handelt […] wurde die Infragestellung und Ablehnung der Beweise Teil des Gesagten und Sagbaren. Denialism findet sich in Statements, in Kunst- und Literaturkontexten, im Subtext von Behauptungen einzelner Theoretiker:innen, der 7. Oktober sei als Widerstand zu werten, und er ereignete sich an Universitäten weltweit. Die Leugnung besteht darin, die Tatsache des Massakers selbst und die Tatsache, dass Frauen vergewaltigt wurden, in Frage zu stellen – während die Gewalt von den Tätern selbst dokumentiert und zur Propaganda verbreitet wurde“

Mit Beiträgen von Havîn Al-Sîndy, Kübra Atasoy, Livia Erdösi, Ana Hoffner ex-Prvulovic*, Eva Illouz, Morgane Koresh / YiddishFeminist & Nicole Schweiß, Rebecca Schönenbach, Nora Sternfeld und Isolde Vogel.

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Neu in der Weltbühne: Ronen Steinke über Terror gegen Juden

Neu in der Weltbühne: Ronen Steinke: Terror gegen Juden. Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt. Eine Anklage: alarmierende Reportage, aktualisiert seit dem 7. Oktober 2023 – mit einer Chronik antisemitischer Gewalt.
Piper Verlag 304 Seiten. 14 €

In Deutschland hat man sich an Zustände gewöhnt, an die man sich niemals gewöhnen darf: Jüdische Schulen müssen von Bewaffneten bewacht werden, jüdischer Gottesdienst findet unter Polizeischutz statt, Bedrohungen sind alltäglich.
Der jüdische Autor Ronen Steinke, selbst Jurist, ist durch Deutschland gereist und erzählt von jüdischem Leben im Belagerungszustand. Viel muss sich ändern in Deutschland. Was zu tun wäre, erklärt dieses Buch.

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