Der häßliche Deutsche

„Schande über die Verfasser dieses Artikels. Dieser Artikel ist eine Schande und wird es wohl auch bleiben. Da ist nur Lobhudelei, kein Wort über Genschers Unterstützung der argentinischen Militärdiktatur, seine rückhaltlose Unterstützung jedes Verbrechens dieser Diktatur. Er steht sicher nicht alleine da, aber kein anderer deutscher Außenminister ist für den Tod so vieler Deutscher verantwortlich.“
So steht es auf der Diskussionsseite zum Wikipedia-Artikel über Hans-Dietrich Genscher, eingesandt am 2. August 2013. Seither ist die Schande des Hans-Dietrich Genscher ans Tageslicht gekommen. Der Wikipedia-Artikel wurde um diesen Passus ergänzt: „Hans-Dietrich Genscher wird vorgeworfen, nicht genug getan zu haben, um den Tod von Elisabeth Käsemann zu verhindern. Hans-Dietrich Genscher unternahm keine Anstrengungen, um Folterhaft und den Mord an Elisabeth Käsemann zu verhindern, obwohl dies mit geringem Druck auf die argentinische Regierung höchst wahrscheinlich möglich gewesen wäre.“ Der Dokumentarfilm „Das Mädchen – Was geschah mit Elisabeth K.?“ von Eric Friedler, in der ARD gesendet am 5. Mai 2014, zeigt, daß dem Auswärtigen Amt nicht nur Untätigkeit vorzuwerfen ist.
Elisabeth Käsemann, geboren 1947, war die Tochter des Theologen und Nazigegners Prof. Ernst Käsemann. Seit 1971 lebte sie in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Sie engagierte sich in einem Sozialprojekt in den Slums. In einem Brief an ihre Eltern schrieb sie: „Ich bin dabei, mich mit dem Schicksal dieses Kontinents zu identifizieren.“ Argentinien war geprägt von extremen sozialen Konflikten. Die berüchtigten Todesschwadronen wüteten. Als die faschistoide Regierung unter Präsidentin Isabel Peron der Lage nicht Herr werden konnte, putschte im März 1976 das Militär. Unter der Diktatur, die bis 1983 dauerte, wurden etwa 30.000 Menschen ermordet.
Elisabeth Käsemann wollte das Land nicht verlassen. In der gefährlichen Situation ihre Freunde und Mitarbeiter zu verlassen, sah sie als Verrat an.
Sie wurde als „Mitglied einer politischen oppositionellen Gruppe“ in der Nacht vom 8. auf den 9. März 1977 verhaftet. In den folgenden Wochen wurde sie ständig gefoltert und vergewaltigt. Sie starb am 24. Mai in der Haft. Vom Regime wurde verbreitet, sie sei bei einem Feuergefecht zwischen dem Militär und Guerilleros ums Leben gekommen. Nach der Überführung ihrer Leiche nach Deutschland ergab die Obduktion, daß sie durch einen aufgesetzten Schuß zu Tode gekommen war. Die Obduktion hatte ihr Vater gegen den Widerstand der deutschen Behörden durchgesetzt.
Elisabeth Käsemann war eine von etwa 100 Deutschen und Deutschstämmigen, die unter dem faschistischen Regime in Argentinien spurlos verschwanden. Die Bundesregierung unter Bundeskanzler Schmidt (SPD) und Außenminister Genscher (FDP) rührte keinen Finger, um diese Menschen zu retten.

NSDAP-Mitglied Nummer 10123636

NSDAP-Mitglied Nummer 10123636

Nicht nur in Argentinien, auch in anderen lateinamerikanischen Ländern wütete der staatliche Terror. Zahlreiche Militärs hatten die „Schule der Amerikas“ in der (von den USA gepachteten) Kanalzone Panamas durchlaufen, wo sie von US-amerikanischen Schlächtern im Kampf gegen die „marxistische Gefahr“ trainiert worden waren. Junta-Chef General Videla erklärte öffentlich: „In Argentinien werden so viele Menschen sterben wie nötig, um die Sicherheit im Lande wieder herzustellen.“ Acht Wochen nach dem Putsch, im Mai 1976, verkündete General Ibérico Saint-Jean auf einer Pressekonferenz: „Zuerst werden wir alle Subversiven töten, dann ihre Kollaborateure, danach ihre Sympathisanten, dann die Gleichgültigen, und am Schluß töten wir die Ängstlichen.“
Botschafter der Bundesrepublik in Argentinien war damals Jörg Kastl. Er war bereits seit 1953 in den Botschaften in Argentinien und Paraguay tätig, in der Zeit, in der viele deutsche Naziverbrecher in diesen Ländern unterschlüpften. Er pflegte auch harmonische Kontakte mit dem Vileda-Regime. Mit dem Putschgeneral Massera plauderte er über die Todesschwadronen der „Alianza Anticomunista Argentina“ und riet ihm: „Exekutionen ohne eine legale Grundlage sind undenkbar, sondern in diesem Falle brauchen Sie Standgerichte und den Ausnahmezustand. Dann begreift das auch das Ausland.“ Ein Geheimdienst-Offizier nutze sogar Räume in der deutschen Botschaft. Für den Fernsehfilm der ARD war der inzwischen über 90jährige Kastl bereit, seine Weltsicht zu offenbaren: „Die Käsemann überquerte den Schießplatz und geriet in die Schußlinie, so einfach ist das.“ „Die wäre auch bereit gewesen, Bomben zu werfen.“ „Elisabeth Käsemann ist selbst schuld an ihrem Tod. Genauer: ihre linken politischen Ideen.“
Dem Außenminister Genscher konnte es eigentlich nicht entgangen sein, wes Ungeistes Kind da dieses Land in der Welt vertritt. Hört man diesem Diplomaten dieses Landes zu, erfährt man, daß der Faschismus auch auf diplomatischer Ebene tätig ist. Allerdings sucht man vergeblich nach einem Widerspruch zwischen den Auswürfen des faschistischen Botschafters Kantl und der Außenpolitik der sozialliberal regierten Bundesrepublik. Nach Kontakten ihrer Tochter in Argentinien befragt, weigerten sich die Angehörigen von Elisabeth Käsemann, Namen zu nennen, wohl wissend, daß sie damit weitere Menschen in Gefahr bringen würden (Kantl wäre doch gleich mit der Namensliste zu Vileda gerannt). Die Familie galt von da an als „nicht kooperationsbereit“. So wurde schließlich auch die deutsche Polizei beauftragt, die Beerdigung Käsemanns in Tübingen zu filmen, um das Umfeld der „Terroristin“ festzuhalten. In den 70er Jahren hatte der deutsche Staat große Ohren.
Zwei Tage nach der Festnahme von Elisabeth Käsemann wurde die mit ihr befreundete britische Studentin Diana Austin in das Lager gebracht. Sie hörte die Schreie ihrer Freundin unter den Folterungen. Auf Druck der britischen Regierung wurde Diana Austin bereits am Tag darauf wieder freigelassen. Das deutsche Außenministerium unter Hans-Dietrich Genscher war spätestens seit dem 22. März 1977 über den Fall von Elisabeth Käsemann informiert, unternahm jedoch nichts. Diana Austin informierte Käsemanns Eltern und flog am 3. April nach New York, wo sie einen ausführlichen Bericht über das Lager und die Foltermethoden an Amnesty International übergab, der auch an die Presse und die deutsche Regierung geht. Die jedoch zweifelte den Bericht an: Diana Austin sei ja nicht Augenzeugin der Folterungen gewesen.
Diana Austin und andere britische Staatsangehörige wurden durch Intervention ihrer Regierung freigelassen. Auch andere Regierungen intervenierten erfolgreich. Der spanische König Juan Carlos, auf Staatsbesuch in Argentinien, weigerte sich, das Flugzeug zu seiner Heimreise zu besteigen, bevor nicht die Miltärjunta gefangene spanische Bürger ihm zur Mitreise übergeben hatten. Die britische, österreichische, niederländische und finnische Regierung intervenierten auch zugunsten deutscher Staatsbürger. Nur die deutsche Regierung blieb untätig. Es drängt sich die Schlußfolgerung auf, daß die Bundesrepublik Deutschland unter den bürgerlichen Demokratien westlichen Zuschnitts einen Sonderfall darstellte.
Hildegard Hamm-Brücher, damals Staatsministerin im Auswärtigen Amt, mußte nachträglich einräumen, daß sie während Fragestunde im Bundestag die Unwahrheit gesagt hatte, als sie dort am 20. Oktober 1977 verkündete „Die Bundesregierung hat in Argentinien wie überall in der Welt keine Gelegenheit vorübergehen lassen, um unmißverständlich für die Beachtung der Menschenrechte einzutreten“. Zudem erklärte sie, es gebe „keinen Zweifel an der argentinischen Darstellung, Elisabeth Käsemann sei bei einer terroristischen Aktion in einem Feuergefecht mit Sicherheitskräften ums Leben gekommen.“ Obwohl es nicht der Wahrheit entsprach, fühlte sie sich verpflichtet, das abzulesen, was man ihr diktiert habe.
War Hildegard Hamm-Brücher Staatsministerin oder Frühstücksdirektorin in Auswärtigen Amt? Ihre „Entschuldigung“ wirft die Frage nach Sinn und Unsinn parlamentarischer Fragestunden auf.
Klaus von Dohnanyi, damals ebenfalls Staatsminister im Auswärtigen Amt, beschwichtigt heute vor der Fernsehkamera, man habe sich damals wohl nicht getraut, dem Chef zu widersprechen; der Außenminister wollte von dem Fall einfach nichts wissen. Wie bitte? Der Staatsminister, der sich seines Vaters, der von den Nazis ermordet wurde, würdig zu erweisen hat, traute sich nicht, ein Wort für die von den Faschisten gefolterte Frau einzulegen, weil: Genscher schimpft sonst? Dohnanyis „Entschuldigung“ ist von provozierender Banalität. (Er hätte vielleicht wenigstens darüber aufklären können, daß der deutsche Staat sich nicht schämte, der Familie die Kosten für die Überführung ihrer Tochter in Rechnung zu stellen). Außenminister a. D. Hans-Dietrich Genscher (NSDAP-Mitglied Nummer 10123636) hüllt sich trotz wiederholter Anfragen in Schweigen.
Wie erklärt es sich, daß der am meisten bejubelte und umschmeichelte Politiker des Landes sich so schändlich verhielt, daß sich ein Abgrund auftut von Feigheit und Charakterlosigkeit? Die „wirtschaftlichen Interessen“ werden genannt. Gewiß, gewiß: Die Exporte nach Argentinien, besonders von Kriegsgeräten, schossen durch die Decke. Aber das greift zu kurz. Es war systematische Politik der Bundesregierung, auch in hündischer Unterwürfigkeit dem US-amerikanischen „Verbündeten“ gegenüber, die Diktatur als antikommunistischen Verbündeten zu betrachten. Antikommunismus ohne Verbrechen gibt es nicht. Zudem hatte diese Politik im Inneren eine ganz spezifische Gestalt: die „Auseinandersetzung mit dem Terrorismus der RAF“.
Hat die Hysterie jener Zeit die Sicht verwischt? Hat der Staat zu leichtgläubig sie für die „Terroristin“ gehalten, die sie nicht war? Ein Irrtum also, ein Übermittlungsfehler?
Zu treuherzig gepredigt und zu gern geglaubt wird die Legende, daß der demokratische Staat sich des Angriffs durch Terroristen erwehrt hat. Die Gelegenheit war günstig, den Rechtsstaat zu beschneiden. Der Ausnahmezustand wurde angestrebt. Der Staat „wehrte“ sich nicht nur gegen Leute, die ihn mit der Knarre angriffen. „Sie gehörte zweifellos zu den argentinischen 68ern, die ja manchmal auch vor wenig zurückgeschreckt sind“, meinte noch in diesen Tagen der ekelerregende Herr Kantl.
Klaus von Dohnanyi 2014: „Wenn ich heute die Aktenlage sehe, war es falsch, Frau Käsemann in den Kreis der Terroristen zu stellen. Sie war eine friedfertige, sozial engagierte Frau, und man konnte sie auch damals nicht in diesem Kreis vermuten.“

Elisabeth Käesemann

Elisabeth Käesemann

Was der Herr von Dohnanyi nicht merkt: Genau das ist die staatliche Definition eines Terroristen im deutschen Herbst gewesen! Sie war eine friedfertige, sozial engagierte Frau, also: eine Terroristin. Jeder, der sich für mehr Gerechtigkeit und Menschlichkeit verwendete und Untertänigkeit als Lebenskonzept verwarf, war Baadermeinhof. Terroristen – das waren wir doch alle!
Wäre Deutschland wirklich die Demokratie, die sie zu sein sich nicht traut: Ein Mann wie Genscher müßte sich vor dem Richter zu verantworten haben.
Diana Austin starb 2013. Ihrer Tochter gab sie den Namen Elisabeth.

Aus DER METZGER 110 (2014)

Fotos: Wikimedia Commons

3 Gedanken zu „Der häßliche Deutsche

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