Sahra Wagenknecht. Eine Erledigung.

Das Buch von Sahra Wagenknecht

ist eine Kriegserklärung an Hunderttausende junge Menschen,

die sich für Klimaschutz und Antirassismus einsetzen.

Ebenso wie die ehemalige Frau Wagenknecht mit ihrer unsäglichen Kampagne ihr Teil zum Mißerfolg [der Linkspartei bei der Bundestagswahl] beigetragen hat, hat die Partei in NRW viele ihrer überzeugten Wähler verloren, weil sie die Stimmen-Killerin Wagenknecht so groß rausstellte. Die Bindung überzeugter Wähler an die Partei hat sich schon lange gelockert durch die erkennbare Bereitschaft, für die Aufnahme in eine Regierungskoalition essenzielle Grundsätze zur Disposition zu stellen.
Frau Dr. Wagenknecht hat ein Buch hinterlassen, das dieser Partei vielleicht den Rest gibt. Das wäre schon schlimm genug, aber zum Sabotageakt gegen die Partei leistet die Partei Beihilfe – indem sie die Saboteurin als Spitzenkandidatin herumzeigt. Frau Wagenknecht ist schlau genug, daß man ihr zutrauen darf, daß hinter ihrem Zerstörungswerk nicht Schusseligkeit, sondern Absicht steckt.
Titel des Buches: Die Selbstgerechten. Da wird nicht zu einer Kritik angesetzt, sondern das ist eine Kampfansage an die „Lifestyle-Linke“ (so das Synonym zum Titel), die dem akademischen Mittelstand angehören und für Diversität, Antirassismus, eine lockere Einwanderungspolitik und gegen den Klimawandel eintreten, sich aber angeblich kaum für Klassenpolitik interessieren. Ihre Ziele wollen sie angeblich auch nicht mehr durch Umverteilung von Vermögen erreichen, sondern durch „Fragen des Lebensstils, der Konsumgewohnheiten und der moralischen Haltungsnoten“. Wir Lifestyle-Linken halten unsere Privilegien für Tugenden, und wir blicken verächtlich auf die, die aufgrund ihrer sozialen Herkunft Fragen der Migration oder sozial ungerechte Maßnahmen gegen den Klimawandel anders erleben als Besserverdienende. In der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg“ hingegen war man der Auffassung, daß jeder die Chance auf sozialen Aufstieg und Wohlstand habe. Das sei zwar ein „Mythos“ gewesen, doch die Gesellschaft in den Nachkriegsjahren sei „deutlich“ näher an diesem Ideal gewesen als heute, infolge staatlicher Regulierungen, starker Gewerkschaften und (Achtung!) gesellschaftlichen Zusammenhalts und gemeinsamer Verantwortung füreinander. Dies habe sich jedoch mit den neoliberalen Reformen und den politischen Weichenstellungen zur Globalisierung geändert. Die Finanzmärkte wurden entfesselt, Industriearbeitsplätze in andere Länder verlagert und der Arbeitsmarkt dereguliert. Für viele Arbeiter habe dies zu sozialem Abstieg hin zu einfachen Dienstleistungsberufen mit schlechterem Einkommen geführt. Gleichzeitig habe sich eine Wissensgesellschaft gebildet, von der gut ausgebildete Akademiker profitieren würden. Existentielle Nöte hätten Akademiker aus der Mittelschicht von daher nie am eigenen Leib erfahren (nein? ach!), und durch die steigenden Mieten in Großstädten würden sie mit Menschen aus anderen sozialen Schichten kaum mehr in Kontakt kommen.
Nicht nur das! Wir „linksliberalen“ Akademiker sind nicht nur die Nutznießer der neoliberalen Doktrin, sondern auch schuld daran. Wir „Linksliberalen“ haben angeblich „die wirtschaftsliberalen Ideen neu verpackt: So wurde aus Egoismus Selbstverwirklichung“, um nur eines von vielen absurden Beispielen zu zitieren.
Wagenknecht kritisiert die linksliberale Haltung zu Einwanderung und offenen Grenzen. Durch Migration komme es in den Industriestaaten zu Lohndumping.
Denken wir mal ein paar Jahre zurück! Als im vierten Jahrhundert die Völker sich auf die Wanderschaft machten, hatte das vielfältige reale Gründe. Die Vökerwanderung war keine Vorform eines fidelen Massentourismus und kam nicht durch Stimmung und Mode zustande. Durch den Kapitalismus ist eine ungleich größere Völkerwanderung in Gang gekommen in vielfältiger Gestalt: Werben von Industriearbeitern aus dem Osten oder dem mediterranen Raum, Flucht, Vertreibung, Verschleppung, Landflucht, Krieg, Auswanderung nach Amerika, Sklavenhandel. Millionen Menschen sind unterwegs, weil sie keine andere Wahl haben. Ihnen das ausreden zu wollen ist töricht. Menschen, denen die Bedingungen ihres Lebens keine andere Wahl lassen als hier für Dumpinglöhne zu schuften, als Lohndrücker anzuklagen ist nicht nur töricht, sondern schäbig. Der einzige Grund, gegen „Ausländer“ zu sein, sind niedere Instinkte. Alles andere ist an den Haaren herbeigezogen.
Worüber Sahra Wagenknecht sich beklagt sind die von ihr nicht erkannten Zeichen der Zeit: z.B. daß Konsumverhalten und Lebensgestaltung, Beziehungen und Verkehrsformen, Umgang mit Minderheiten hochbrisant politische Themen sind. Die Erweiterung der Zirkulationsräume des Kapitals (sog. Globalisierung) wurde nicht in linken Uni-Seminaren ausgeheckt, sondern woanders.
Daß Sahra Wagenknecht die heißlaufende linke Identitätspolitik samt Sprachverdrehtheit, Weltfremdheit und den Tonfall linker „Debatten“ kritisiert, könnte manche Leute bestechen. Aber darum muß man doch nicht ins Gegenextram verfallen: Sehnsucht nach dem Mief der Adenauer-Ära, nach den Strickmustern einer Unwissenheits-Gesellschaft, die ich, anders als Wagenknecht, kennengelernt habe. Ich bestehe aber nicht darauf, meinen und Frau Wagenknechts Einkommenssteuerbescheide nebeneinander zu legen, denn ich bin nicht so einer, der der Frau Wagenknecht irgendeine ihrer Einkünfte neiden würde. Aber statt Klassenbewußtsein Sozialneid zu predigen und verbreitete Ressentiments gegen Gebildete und Intellektuelle anzuheizen geht bei mir nicht durch!
Im Jacobin kritisiert Alexander Brentler, Wagenknecht unterliege dem Trugschluss, „linker Populismus bedeute, ohnehin bereits populäre Auffassungen als links umzudeuten“. Auf literaturkritik.de rezensiert Dafni Tokas: „Das Buch zeugt … vom Versuch, gesellschaftliche Spaltungen mit tendenziell bildungsfeindlichen Ressentiments zu überbrücken.“ Sie spiele „immer wieder Arme gegen Arme“ aus und begehe den „Fehler, drängende Fragen unserer Zeit als Entscheidungs- und/oder Gewichtungs-Fragen zu deuten“. Einige Kritiker warfen Wagenknecht eine „rechte Rhetorik“ vor. Bernd Riexinger stellt lapidar fest, daß Migranten die „gewerkschaftliche Kampfkraft gestärkt und nicht geschwächt“ hätten.
Michael Bittner referiert in Konkret: „Die ‚Gelbwesten‘ in Frankreich werden gelobt, weil sie ‚weder rechts noch links‘ seien – eine klassische Parole von Nationalisten.“ Anders gesagt: „weder rechts noch links“ ist rechts.
Sahra Wagenknecht meint anscheinend: In der guten alten Zeit, als die Gewerkschaften noch stark waren, war von Klima nicht die Rede. Also laßt uns nicht vom Klima reden, dann werden die Gewerkschaften wieder stark. Oder wie? Sahra Wagenknecht meint anscheinend, die einfachen Leute sind nicht gut auf Ausländer zu sprechen. Also laßt uns weniger antifaschistisch sein, damit die einfachen Leute uns wieder wählen.
Sahra Wagenknecht meint jedenfalls: Die Entwicklungen und Veränderung dessen, was heute als links gilt, hätten dazu geführt, daß sich immer mehr Menschen von den linken und sozialdemokratischen Parteien abwendeten und rechte Parteien wählen, insbesondere Menschen aus der ehemaligen Arbeiterschicht oder Arbeitslose. Dabei seien die Menschen aber nicht nach rechts gerückt, sondern würden rechte Parteien häufig aus Protest wählen. Das Ammenmärchen vom Faschismus als (fehlgeleiteter?) „sozialer Protest“ scheint unausrottbar zu sein.
Die Partei Die Linke wurde nie allein wegen ihrer Programmatik gewählt. Nicht wenige wählten sie aus Nostalgie-Gefühlen für die DDR. Und nicht wenige von denen hätten gern eine DDR minus Sozialismus gehabt, einen Staat, in dem noch Ordnung herrschte und der Alte (gemeint ist Ulbricht) uns den Dreck aus dem Westen (gemeint ist Rock‘n‘Roll und Sex und Drugs) vom Leibe gehalten hätte. Frage: Wo soll die DDR-Nostalgie jetzt noch herkommen? Was ist jetzt, 30 Jahre „danach“ noch übrig?
Und dann gibt es das politologische Phänomen der „Protestwähler“. Die haben auch schon mal NPD gewählt oder DVU oder Reps. Die haben auch schon mal Piraten gewählt. Die haben auch schon mal Grün gewählt, als die noch als Stachel im Fleische der „Etablierten“ galten. Von denen allen sind die anschließend weggewandert und nie wiedergekommen. Die haben auch mal Links gewählt und wählen jetzt AfD. Ob die da bleiben weiß ich doch nicht. Aber zur Linken zurück werden die nicht kommen.
Wer rechte Parteien wählt, wählt rechte Parteien, ob aus Dummheit, Überzeugung, Protest, Irrtum, Jux, Fiesheit, Rache, charakterlicher Deformiertheit, Wahn oder Gekränktheit spielt überhaupt keine Rolle.
Leute, die „aus Protest“ rechte Parteien wählen, denen sollte man nicht nachlaufen, sondern zusehen, wie man sie von sich fernhält. Leider gibt es den Trend, um zehn krumme Typen kurzzeitig zu gewinnen hundert Freunde dauerhaft zu verprellen. Niema Movassat kritisierte das Buch als eine „Kriegserklärung an Hunderttausende junge Menschen, die uns wählen und sich für Klimaschutz und Antirassismus einsetzen“.
Das muß mal klar gesagt werden: Das Schlimmste, was den Arbeitern passieren kann, ist die Klimakatastrophe – und der Faschismus, auch wenn viele von ihnen seinen Fahnen hinterherlaufen.
Sahra Wagenknecht plädiert für das Festhalten an einem starken Nationalstaat und (jetzt wird‘s wirklich gefährlich) für die „Anerkennung gemeinsamer kultureller Werte und Traditionen“.
So hat der Elsässer auch angefangen.

(aus DER METZGER Nr. 142, November 2021).

Kategorie: Der Metzger
Tags: Sahra Wagenknecht, Linkspartei, Wahlen, Querfront

5 Gedanken zu „Sahra Wagenknecht. Eine Erledigung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.