Das neue deutschland fragte mich, was hier los ist

Foto: DFG-VK

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neues deutschland vom 11. März 2015, mit diesem Artikel von Anja Krüger:

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Ein Zitat muß ich präzisieren:
Ich habe nicht gesagt, Wojnarowicz lasse sich immer wieder mit führenden Nazis fotografieren – um dann zu erklären, er habe nicht gewußt, um wen es sich handelt. Ich habe erwähnt, daß es Fotos gibt, aufgenommen bei der dubiosen „Endgame“-Kundgebung, die Wojnarowicz zeigen im Gespräch mit dem prominenten Neonazi Thomas „Steiner“ Wulff. Und ich fügte hinzu, daß sich „derartige Vorfälle“ ständig wiederholen.
In dem Sinne: „Wo der sich überall herumtreibt, ist sowas ja wohl unvermeidlich.“

Wem das Faksimile zu klein ist, der kann den Text lesen, wenn er jetzt auf „Weiterlesen“ klickt:

neues deutschland 11.3.2015

Bewegung
Schräge Töne

Von Anja Krüger

In Duisburg soll die Band „Die Bandbreite“ jungen Nachwuchs zum Ostermarsch locken. 
Blöd nur, dass die Gruppe in der Linken als rechts verschrien ist.
Die Wahl des Musik-Acts sorgt für Ärger beim Ostermarsch im Ruhrgebiet: Für die lokale Gruppe kommt eine Absage nicht in Frage, andere Friedensfreunde wollen sich nun mit Flugblättern distanzieren.
Wenig friedlich verlaufen die Vorbereitungen für den Ostermarsch Rhein-Ruhr: Ein heftiger Streit um den Auftritt der umstrittenen Band „Die Bandbreite“ bei der Duisburger Auftaktveranstaltung am 4. April überlagert die kommenden Friedensdemonstrationen. Duisburger Aktivisten halten trotz massiver Kritik am Auftritt des Duos fest. Die anderen Friedensfreunde aus der Region wollen sich bei der Auftaktveranstaltung von der Band distanzieren.
Neu ist der Streit um „Die Bandbreite“ nicht. Das Problem: Die Band behauptet, links zu sein, ihre Kritiker werfen ihr Antisemitismus, Rassismus und Kontakte ins extrem rechte Spektrum vor. „Die Texte des Sängers Marcel Wojnarowicz offenbaren ein paranoides, von Verschwörungstheorien geprägtes Weltbild“, sagt der Buchhändler Helmut Loeven von der Deutschen Friedensgesellschaft/Vereinigte Kriegsdienstgegner (DFG/VK). Er kritisiert, dass die Band eine Brückenfunktion in die rechte Szene hat. „Wojnarowicz ist einer, der den Rechten die Tür aufhält“, sagt Loeven. Immer wieder lasse sich Wojnarowicz mit führenden Nazis fotografieren – um dann zu erklären, er habe nicht gewusst, um wen es sich handelt. „Das Friedensforum weiß, was für Vorwürfe gegen die Band erhoben werden“, sagt Loeven. „Aber man weigert sich, das zur Kenntnis zu nehmen und hält Augen und Ohren zu.“
Vertreter des Friedensforums Duisburg empfinden bereits die Aufforderung, auf den Auftritt der Band zu verzichten, als „Zensur“. „Leute, die sich engagieren, müssen unterstützt werden“, sagt Eberhard Przyrembel vom Friedensforum. Wojnarowicz sei links. „Der Mann ist kein Rassist, kein Antisemit, sondern ein aufrechter Linker“, betont er. Die Band trete da auf, wo man sie singen lasse. „Das bringt ihr den Vorwurf ein, dass sie Brücken baut zu komischen Leuten“, räumt Przyrembel ein. Er ärgert sich, dass der Konflikt öffentlich geworden ist und gerade angesichts des Kriegsgeschehen in der Ukraine und im Nahen Osten das Anliegen des Friedensmarsches überlagert. Dass sich das durch eine konsensfähige Bandauswahl hätte verhindern lassen, will er nicht gelten lassen. „Die Musik spricht junge Leute an“, glaubt er.
Nachwuchs hätten die Ostermarschierer in der Tat nötig. Im vergangenen Jahr haben an allen Ostertagen zusammen nur etwa 2000 Menschen an den Friedensveranstaltungen im Ruhrgebiet teilgenommen. Doch außer den Mitgliedern des Friedensforums Duisburg glaubt dort kaum einer, dass sich ausgerechnet mit einer Band mit rechter Schlagseite neue Mitstreiter gewinnen lassen. „Die Mitglieder der Friedensinitiativen in den umliegenden Städten des Ruhrgebiets finden die Entscheidung der Duisburger überwiegend falsch“, sagt Joachim Schramm vom Organisationskomitee des Ostermarsches Ruhr. Auch bei ihnen stößt auf großes Unverständnis, dass sich die Duisburger Organisatoren für die umstrittene Band entschieden haben. „Es geht hier ja nicht um eine Geschmacksfrage, sondern um ein politisches Signal“, sagt er.
Bei einer außerordentlichen Friedensversammlung mit Vertretern aus sieben Städten haben die Aktivisten versucht, die Duisburger zum Verzicht auf den Auftritt zu bewegen. Vergebens. „Die Versammlung war eindeutig gegen den Auftritt, aber jede Gruppe entscheidet autonom“, sagt Schramm. Die Ostermarschierer sagen die Auftaktveranstaltung in Duisburg aber nicht ab. „Wir werden deutlich machen, dass die Mehrheit gegen den Auftritt der Band ist“, kündigt Schramm an. Die Friedensfreunde werden sich auf Flugblättern von dem Auftritt distanzieren. Die Diskussion sei zwar hoch emotional, sagt Schramm. „Aber das Tischtuch ist nicht zerschnitten.“ Während Schramm und andere Friedensfreunde versuchen, Schadensbegrenzung zu betreiben, eskalieren die Duisburger den Streit. Sie stellten eine scharfe Erklärung auf ihre Homepage. „Friedensforum Duisburg verbittet sich Bevormundung“, heißt es da. Die Bandmitglieder hätten sich vom Friedensforum mehrere Stunden befragen lassen und es „dabei von ihrer einwandfreien Haltung überzeugt“.
Helmut Loeven und die Duisburger DFG/VK werden aus Protest nicht an der Auftaktveranstaltung teilnehmen. „Rechte hat es in der Friedensbewegung immer gegeben“, sagt Loeven. Aber früher seien sie eine kleine Randerscheinung gewesen, Linke hätten den Ton angegeben. „Jetzt ist die Friedensbewegung so klein, dass Rechte sichtbar werden“, konstatiert er. Die Ereignisse in Duisburg seien kein Einzelfall, stellt er mit Blick auf die Kontroverse um die Friedenswinter-Aktionen fest. „Das ist ein allgemeiner Trend“, fürchtet er.


Friedenswinter

Unter diesem Schlagwort finden seit Dezember Aktionen der Friedensbewegung statt, die mit einer Demonstration in Berlin gegen Bundespräsident Gauck begannen und über die Ostermärsche bis zum 70. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus am 8. Mai geplant sind. Umstritten ist die Kampagne nicht wegen ihrer Inhalte, sondern wegen ihrer Unterstützer.
So wird der „Friedenswinter“ nicht nur von klassischen Friedensorganisationen wie IPPNW und Pax Christi getragen, sondern auch von dem neuen Montagsmahnwachenspektrum, dem zu große Offenheit für rechte und esoterische Kreise vorgeworfen wird. Mindestens das Presseecho für die Auftaktveranstaltung fiel vernichtend aus. Auch innerhalb der Friedensbewegung brodelt es weiter. Die Kontroverse ist zentrales Thema am Wochenende in Frankfurt am Main. Dort sollen die Aktionen „optimistisch, kritisch und selbstkritisch“ ausgewertet und Lehren für die nächsten Schritte gezogen werden. nd

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