Auszug aus meiner Lesung im CafĂ© Kasbar in Duisburg-Hochfeld am 15. Dezember 2018: „Mein ’68′“.
Schlagwortarchiv: Bernhard Klaas
Ein sicherlich gutes Buch, das Sie jetzt auch lesen können
Ein gutes Buch, das Sie nicht nur lesen sollten, sondern jetzt auch lesen können.

Helmut Loeven: Lies mal ein gutes Buch. Tagebuchnotizen im Dienste der Bedeutung.
Trikont Verlag 2018. 172 Seiten. ISBN 978-3-945634-38-7. 14 Euro.
Heute neu.
Heute (!) aus der Druckerei gekommen.
Wenn Sie es lesen, werden Sie merken, daĂ Sie lange drauf gewartet haben.
Das Buch des Mannes, der nicht die geringste Chance hat, im allgemeinen linken Diskurs wahrgenommen zu werden.
Bestelladresse: Buchhandlung WeltbĂŒhne (GneisenaustraĂe 226, 47057 Duisburg, Tel. 0203 – 375121, bestellungen@buchhandlung-weltbuehne.de). Sie können das Buch abholen oder sich mit der Post schicken lassen, wie Sie wĂŒnschen.
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unter der oben genannten ISBN ĂŒberall im Buchhandel auf der ganzen Welt, sogar am Amazonas.
Bestell mal ein gutes Buch
Ist in der Druckerei. Bis zum 31. August gilt noch der Subskriptionspreis 12 âŹ. Ab 1. September: 14 âŹ.

Helmut Loeven: Lies mal ein gutes Buch. Tagebuchnotizen im Dienste der Bedeutung.
Trikont Verlag 2018. 172 Seiten. ISBN 978-3-945634-38-7. Subskriptionspreis: 12 Euro bis 31. August. Danach: 14 Euro.
Subskriptionsadresse: Buchhandlung WeltbĂŒhne (GneisenaustraĂe 226, 47057 Duisburg, Tel. 0203 – 375121, bestellungen@buchhandlung-weltbuehne.de). Sie können es jetzt schon vorbestellen in der Sie können das Buch abholen oder sich mit der Post schicken lassen, wie Sie wĂŒnschen.
Danach: ebenfalls Buchhandlung WeltbĂŒhne (GneisenaustraĂe 226, 47057 Duisburg, Tel. 0203 – 375121, bestellungen@buchhandlung-weltbuehne.de).
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unter der oben genannten ISBN ĂŒberall im Buchhandel auf der ganzen Welt.
Ein gutes Buch? Einladung zur Subskription
Ein neues Buch ist geschrieben, gestaltet und fĂŒr den Druck vorbereitet:

Helmut Loeven: Lies mal ein gutes Buch. Tagebuchnotizen im Dienste der Bedeutung.
Trikont Verlag 2018. 172 Seiten. ISBN 978-3-945634-38-7. Subskriptionspreis: 12 Euro.
— Eine Ărztin findet das Wetter nicht schön — Meine Erlebnisse mit Merkel — Was ist ein Groko? — Mein â68â — Heinrich Böll 100 Jahre — Das Hallenbad im Elysee-Palast — Anleitung fĂŒr Verschwörungstheoretiker — Die beste Idee vom lieben Gott — Warum können die Leute mich eigentlich nicht leiden? — Von der Nutzlosigkeit nĂŒtzlicher Erfindungen — Die FĂŒĂe der Gans oder Koch doch selber Kaffee — Gleichung mit einer Unbekannten — Kuhler Kaffee — SPD wĂ€hlen muĂ nicht sein — Keine Demo ist auch âne Demo — Der Krieg soll verflucht sein! — MĂŒssen Pazifistinnen doof sein? — Ungeheuerliches aus dem Tatsachen-Universum — Frau am Steuer, Mann daneben — Fernsehgucken als Kunst — Bob Dylan und die Stasi — Je keiner die Ahnung desto rĂŒmpfer die Nase — Historische Haltestelle — Was wir heute bauen sind die Slums von morgen — Ein komisches Haus — Deutsches Sprache! — Die MĂ€rchentante greift zum Wort — Tongtong und der allerhöchte Ruhm des Sozialismus — Der Chor der Kassiererinnen — Ăber das Machen von SpaĂ — Deutsche als AuslĂ€nder — Die FlĂŒchtlinge und unsere Aktien — Und solche Leute dĂŒrfen wĂ€hlen — Die Dreifaltigkeit des Schreckens: Die Frau, der Fremde, der Eros — Die ĂberflĂŒssigkeit der VĂ€ter — Und der Söder hat uns auch gerade noch gefehlt — Wenn Frauen hassen — Der Busen in der Leistungsgesellschaft — Erinnerung an einen Striptease — Meine Probleme mit der Menschheit — Der Pudding im Wandel der Zeiten —
Sobald das Buch auf dem Tisch liegt, ist es unter der oben genannten ISBN ĂŒberall im Buchhandel und auch am Amazonas erhĂ€ltlich. Sie können es jetzt schon vorbestellen in der Buchhandlung WeltbĂŒhne (GneisenaustraĂe 226, 47057 Duisburg, Tel. 0203 – 375121, bestellungen@buchhandlung-weltbuehne.de). Sie können das Buch abholen oder sich mit der Post schicken lassen, wie Sie wĂŒnschen.
Wer will, der kann es sich signieren lassen.
Mein â68â
Am 11. April 1968, heute vor 50 Jahren, wurde auf den bekanntesten Vertreter der Studentenbewegung Rudi Dutschke ein Pistolen-Attentat verĂŒbt, (das er schwer verletzt ĂŒberlebte und an dessen SpĂ€tfolgen er 12 Jahre spĂ€ter starb). Ich erfuhr davon, als ich die KönigstraĂe entlang ging. Ich weiĂ nicht mehr, wer es mir zugerufen hatte. Hundert Meter weiter, vor Karstadt, traf ich Bernhard Klaas, der FlugblĂ€tter fĂŒr den Ostermarsch verteilte. âWerden die jetzt alle erschossen?â fragte er. Denn wenige Tage zuvor war Martin Luther King ermordet worden.
Fast meine ganze Zeit in jenen Tagen verbrachte ich mit meinem Freund Werner Widmann, mit dem ich eine Zeitschrift grĂŒnden wollte (die jetzt noch erscheint). Er hatte eine groĂe Schwester, die hieĂ Barbara.
Am kommenden Tag, Karfreitag, hockten wir auch wieder in WWs Neudorfer Dachkammer und sahen in dem SchwarzweiĂfernseher die Berichte ĂŒber spontane Demonstrationen in vielen europĂ€ischen StĂ€dten und Blockaden vor Druckereien des Springer-Konzerns. Wir sagten: Da fahren wir jetzt auch hin.
Wir fuhren in Barbaras klapperigen Opel nach Essen. Vor der Springer-Druckerei hatten sich bis dahin ca. 200 Personen versammelt, die die Ausfahrt der Druckerei blockierten. Die Auslieferung der Samstags-Ausgabe der Bildzeitung war nicht möglich.
Vor dem Tor stand eine Reihe von Polizisten, die das Eindringen in das GebĂ€ude verhinderten. In der ersten Reihe der Blockierer wurde ein Transparent hochgehalten. Was darauf stand, weiĂ ich nicht. Um das zu lesen hĂ€tte ich mich unter die Polizisten einreihen mĂŒssen.
Es war eine gewaltfreie Aktion. Weder die Polizisten, noch die Demonstranten waren gewalttĂ€tig. Die Blockierer redeten miteinander und begnĂŒgten sich damit, durch ihre bloĂe Anwesenheit die Auslieferung des Hetzblattes zu verhindern. Jemand benutzte ein Megaphon fĂŒr Mitteilungen. Uns dem GebĂ€ude nĂ€hernd hörten wir als ersten Satz: âUnser Vietnam ist hier.â
DaĂ Barbara immer von zwo MĂ€nnern begleitet wurde, fiel auf. Die beiden Begleiter hatten aber zu ihr verschiedene Beziehungen. Der eine war ihr Bruder, der andere ihr Verehrer.
Barbara studierte Jura in Bonn. Da ich mich schon immer fĂŒr Rechtswissenschaft interessierte, suchte ich ihre NĂ€he. Es vergingen nur noch ein paar Wochen, bis sie mir eine gewissen AusschlieĂlichkeit gewĂ€hrte.
Unter den geschilderten UmstĂ€nden wĂŒrde ich das Projekt â68â also als vollauf gelungen bezeichnen. Ich könnte Ihren noch viele Geschichten aus der Zeit erzĂ€hlen, die genau 50 Jahre her ist. Ich könnte Ihnen auch erzĂ€hlen, was 51 bzw. 46 Jahre her ist oder was in einem Jahr 24 Jahre her gewesen sein wird. RĂŒckblicke auf â68â sind wertlos, wenn die VorgĂ€nge als abgeschlossen betrachtet werden.
Ich könnte Ihnen auch noch viele Barbara-Geschichten erzÀhlen. Sie war eiskalt, sie erkannte bei jedem die unangenehmen Seiten sofort. Mit einem ihrer sarkastischen SÀtze hÀtte sie das Mittelmeer in ein Eismeer verwandeln können. Wie sie MÀnner abblitzen lieà war einfach gekonnt. Ich erzÀhle das, damit Sie mich umso mehr um diese Frau beneiden.

..
Bilder einer Vergewisserung (16-24)
Nachdem man die HĂ€user in Vordergrund passiert hat, dort hinter den sieben Platanen (oder acht. Oder neun):
Stand einst die MĂŒlheimer Villa.
In DER METZGER Nr. 24 (Februar 1975) schrieb Rolf Menrath ĂŒber das âselbstverwaltete Wohnprojektâ.
Da wohnten sie alle. Ich wohnte nicht da, war aber oft zu Besuch. (Was Kommune betrifft: Der Besucher ist stets besser dran).
Hinter dem Haus war eine groĂe Veranda, von der aus man weit ins Tal blicken konnte. Ich erinnere mich an eine ganz groĂe Sommernachts-Party. Mit der Zeit drang durch, daĂ hier die Verlobung von Che und Frauke gefeiert wurde â oder war es sogar die Hochzeitsfeier? Nein, ich spreche nicht von Che Guevara, sondern von Che Urselmann, der die Zeitschrift ZERO herausgab. Und Frauke managte die Theke im Eschhaus. Ich bewunderte sie, weil eine solche Arbeit angesichts einiger sehr schrĂ€ger Vögel, die da ihre SchrĂ€gheit ventilierten, nur mit einem sehr hohen MaĂ an SouverĂ€nitĂ€t zu bewĂ€ltigen war.
Von der MĂŒlheimer Villa â nach ihrem AbriĂ â ist nochmal in DER METZGER Nr. 39 die Rede. Heute steht an der Stelle irgendeine andere âWohnbebauungâ. Villen baut man stattdessen an Stellen, wo sie nicht hingehören.
Ăber ein etwas komisches Erlebnis in der Villa berichtete ich in meinem Buch âDer Gartenoffizierâ auf Seite 163f.
Die Landschaft hinter der Villa.
Ach, erzÀhlen Sie ruhig, die ElektrizitÀt wÀre hier erfunden worden. Weil das so aussieht: in dem HÀusken hinter den HÀuskes. Das können Sie getrost erzÀhlen, weil das sowieso keiner glaubt.
Bringen Sie die Oberleitung als Argument ins Spiel.
Das Haus habe ich Ihnen doch schon mal gezeigt und gesagt, daà ich Ihnen die Geschichte dazu vielleicht mal erzÀhle. Also:
In diesem schönen Haus wohnte eine, die ich kannte, SchĂŒlerin des Frau-Rat-Goethe-MĂ€dchengymnasiums, die unserer kleinen und sehr agilen Radikal-Gruppe angehörte, die sich âKommuneâ nannte (und, das darf ich sagen, es besser machte als die meisten Gruppen, die sich so bezeichneten. AuĂer mir zwei Arbeiter, ein Lehrling, drei SchĂŒlerinnen, kein Student). Wir hatten gerade an den Weihnachtstagen (1968) auf dem Bahnhofsvorplatz einen Hungerstreik veranstaltet (wegen Vietnam). Der Vater der Villenbewohnerin, der Villenbesitzer also, zeigte Sympathie fĂŒr unsere umstĂŒrzlerischen Konzepte und lud uns ein. Es ging wohl darum, uns finanziell unter die Arme zu greifen.
Die Genossin (Christiane hieĂ sie) hatte ein sehr groĂes Zimmer. Da stand auch ein Klavier, auf dem ich dann spielte â obwohl ich gar nicht klavierspielen kann. Aber mit einem Klavier funktioniert sowas, anders als â etwa â mit einer Klarinette. In einem Regal standen viele BĂŒcher, und zwar alle aus der rororo-Taschenbuchreihe. (Vielleicht hat sie BĂŒcher aus anderen Verlagen irgendwo verborgen aufbewahrt).
An der Wand hing ein groĂes pygophiles Poster, was meine Sympathie fĂŒr die Zimmerbewohnerin weiter steigerte. Ich finde es gut, wenn Frauen auch einen Blick fĂŒr sowas haben.
Das GesprĂ€ch mit ihrem Vater, der nach langem Zögern sein Lampenfieber ĂŒberwand und sich uns Revoluzzern aussetzte, verlief eigentlich sehr harmonisch.
Viel hat er dann jedenfalls nicht springen lassen.
Nach der RĂŒckfahrt mit der StraĂenbahn nach Duisburg (Oberleitung siehe oben) brachte ich die Genossin Anne nach Hause. Es war ein Schnee gefallen. Der trockene Pulverschnee knirschte unter unseren Schritten. Wir waren schon auf dem Lith. Ich dachte: Nur noch da vorn die Ecke rum, dann ist sie zu Hause. Und ich dachte: Jetzt! Jetzt! Jetzt! werde ich sie einfach in’n Arm nehmen und kĂŒssen! Und dann stellte sich heraus, daĂ sie schon seit Monaten darauf gewartet hatte.
Pech fĂŒr die MĂ€dchen, die sich in so einen schĂŒchternen Jungen verlieben. Da dauert das immer moo-naa-tee-laang.
Ich kann mir nicht helfen und ich weiĂ nicht warum. Immer wenn ich hier unterwegs bin, wo zwischen Radweg und Fahrbahn ein Parkstreifen angelegt ist, ĂŒberkommt mich eine geheimnisvolle Melancholie. Da kann der Herr Nappenfeld noch so viel Metall gestalten.

Jetzt die Biege ins Gewerbegebiet, zur Ruhr? Nein, heute nicht.
In irgendeiner NebenstraĂe â diese war’s wohl nicht, aber so Ă€hnlich â bin ich mal mit dem StrĂ€hler gewesen. Das war Ende der 70er Jahre. Wir (Hut-Film) besuchten da den Dokumentar- und Experimental-Filmer Reinald Schnell. Der wohnte da mit seiner Mutter, der Frau des Schriftstellers Robert Wolfgang Schnell. Ich war froh, mal eine Wohnung zu betreten, in der es so aussah wie bei mir zu Hause. Ăberall Zeitungen und BĂŒcher auf Tischen und StĂŒhlen.
An der Wand hing ein MirĂł, ein Original.
Soll ich Ihnen mal was sagen: Der Schnell fand meine Filme nicht so gut. Der fand die Filme von dem StrÀhler besser! Aber seine Mutter war von dem, was ich sagte, sehr angetan.
Wir organisierten dann einen Filmabend mit Reinald Schnell im Eschhaus. Er hielt einen einfĂŒhrenden Vortrag, von dem mir ein Satz besonders in Erinnerung blieb. Ein Zitat von Mitscherlich: âWas wir heute bauen sind die Slums von morgen.â
Der Wendepunkt eines Pfingst-Ausgangs zum Zwecke der Vergewisserung (woher kommen wir, wohin gehen wir, hier: wo machen wir kehrt).
Das Bild habe ich Ihnen doch auch schon mal gezeigt. In dem Lokal hatten wir mal Klassentreffen. Das muĂ im Dezember 1974 gewesen sein (kurz nachdem Sartre Baader in Stammheim besucht hatte).
Als ich nach Hause ging, Mitternacht war schon vorbei, da merkte ich, daĂ ich ohne HausschlĂŒssel unterwegs war.
Happening (1969)
Im MĂ€rz 1969, zwei Tage vor dem Ostermarsch, weilte der Generalinspekteur der Bundeswehr, Ulrich de MaiziĂšre, in Duisburg. Der Unternehmerverband Ruhr-Niederrhein hatte ihn eingeladen, im vornehmen Duisburger Hof einen Vortrag zu halten.
Wir fanden uns mit etwa 10 Leuten vor dem Duisburger Hof ein und veranstalteten ein Happening, mit dem wir gegen die Anwesenheit des Generals und gegen die Bundeswehr ĂŒberhaupt unseren Protest zum Ausdruck zu bringen gedachten. Wir verteilten FlugblĂ€tter, trugen Papptafeln mit Slogans herum, einer trug einen Stahlhelm und eine Gasmaske. Bernhard Klaas trug ebenfalls einen Stahlhelm, an dem er zwei Haken angebracht hatte, mittels derer er ein Holzbrett an dem Helm befestigen konnte. Das war das âBrett vor dem Kopf des Bundeswehrsoldatenâ.

APO-Happening 1969. 2. v.l.: ich. 3.v.l.: Anne! 4. v.l.: Baumeister. 2. v.r.: Hans RaĂmes (mit Gasmaske). Rechts: Klaas (mit Brett vor’m Kopp).
Als der General im Mercedes vorgefahren kam, salutierte Klaas formvollendet. Der General â das muĂ man sagen â hatte Humor und lachte sich kaputt. Bernhard Klaas marschierte auf dem BĂŒrgersteig hin und her, blieb vor dem Mercedes stehen, knallte die Hacken zusammen und salutierte, bis ich ihn darauf aufmerksam machte, daĂ der General lĂ€ngst ausgestiegen und ins GebĂ€ude gegangen war.
âWat?â Klaas hob das Brett an und sah. âAch so!â
Die Presse kam auch. Es gab damals noch die rasenden Reporter, die Happenings witterten. Der erste war ein Fotograf der UZ.
Auch einige Passanten blieben stehen und schauten sich das Treiben belustigt an. Mit der Zeit bildete sich das, was man eine âMenschentraubeâ nennt. Diskutiert wurde auch. Die meisten Leute waren skeptisch, aber nicht ablehnend. Und wir versĂ€umten es nicht, den Krieg der USA in Vietnam zu erwĂ€hnen.
Aus der Ansammlung der Zuschauer rief einer uns zu: âWarum geht ihr denn nicht bei Ulbricht demonstrieren?â
âDer Walter Ulbricht, neâ, rief ich zurĂŒck, âder ist nĂ€mlich auch gegen den Vietnamkrieg.â
Siegfried Baumeister, der bei uns als eine Art WortfĂŒhrer galt, stand neben mir. Ihm war es eiskalt den RĂŒcken runtergelaufen. âBist du verrĂŒckt?â zischelte er mir zu. âDas kannst du doch so nicht sagen!â
Aber das Publikum reagierte alles andere als âabgestoĂenâ. Heiterkeit breitete sich aus. âWo er recht hat, da hat er rechtâ, rief einer. Die einen lachten, die anderen schmunzelten. Die Schlagfertigkeit meiner Antwort, die mir just eingefallen war, hatte beeindruckt.
GewiĂ, das war nicht political correct gewesen. Ich hĂ€tte natĂŒrlich wortreich versichern mĂŒssen, daĂ wir ja auch was gegen Ulbricht haben, und ich hĂ€tte geflissentlich bekennen mĂŒssen, daĂ wir sowjetische MilitĂ€rposten in Prag mindestens ebenso fĂŒrchterlich finden wie den Völkermord in Vietnam, und daĂ wir fĂŒr AbrĂŒstung in West uuund Ost sind, und ich hĂ€tte dieses Uuund uuunĂŒberhörbar dem öffentlichen BewuĂtsein zu FĂŒĂen legen mĂŒssen.
Das hatte ich aber nicht getan. Ich war 19 Jahre alt und von Politik, von Klassenkampf verstand ich noch sehr wenig. Mir fehlten noch viele Erfahrungen. Aber so viel verstand ich schon, daĂ ich â wenngleich auch uncorrect â, so doch â wie ich finde â richtig gehandelt habe.
Ich hatte die Lacher auf meiner Seite und habe somit Pluspunkte eingeheimst, und das hÀtte ich nicht geschafft, wenn ich gesagt hÀtte, was man von mir hören wollte.
Was hĂ€tte es denn gebracht, wenn ich mich wortreich in Beschwichtigungsritualen ergangen wĂ€re? Das hĂ€tte man mir doch sowieso nicht abgenommen. Wer auf einen âwunden Punktâ hingewiesen wird und sich dann windet wie ein Aal, ĂŒberzeugt niemanden. Er steht dann da als einer, der sich ertappt fĂŒhlt und durch Distanzierung sich reinzuwaschen versucht. Dann doch lieber die Etiketten, die die Herrschenden uns ans Hemd kleben, stolz vorzeigen. Das imponiert mehr. Wer die Lacher auf seiner Seite hat, hat mehr erreicht als einer, der bei den Meinungsbegutachtern gerade noch eine Vierminus herausschindet.
âSeht her! So schlecht wie unser Ruf, so sind wir auch!â Das ist das bessere Motto. Ich war 19 Jahre alt und von Politik, von Klassenkampf verstand ich noch sehr wenig. Mir fehlten noch viele Erfahrungen. Aber soviel verstand ich schon: DaĂ wir als âEverybodyâs Darlingâ nichts gewinnen können, weil wir niemals âEverybodyâs Darlingâ sein werden. Als kleine radikale Minderheit aber, als die stets unwillkommenen Störenfriede, als harter Kern haben wir vielleicht eine Chance. Als Alptraum der SpieĂer sind wir unĂŒbertroffen.
Und auĂerdem, das sollten Sie auch noch wissen: Die Aussage âDer Walter Ulbricht, ne, der ist nĂ€mlich auch gegen den Vietnamkriegâ entsprach durchaus meiner Meinung. So sah ich die Dinge. In Walter Ulbricht und âseinerâ DDR sah ich einen VerbĂŒndeten unserer Sache. Wem hĂ€tte es genĂŒtzt, wenn ich es verschĂ€mt verschwiegen hĂ€tte?
Bleibt noch zu erwĂ€hnen, daĂ Bernhard Klaas zwei Tage danach mit Stahlhelm auf dem Kopf als âBundeswehrsoldat mit dem Brett vor dem Kopfâ den ganzen Ostermarsch mitgegangen ist.
aus Der Gartenoffizier. 124 komische Geschichten. Situationspresse 2008. 268 S. 16,50 Euro. ISBN 978-3-935673-24-2
