„Werden attackiert“ – Deutschland auf dem Weg, wieder „normal“ zu werden.
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„Mehr als 100 Drohbriefe im Jahr“
Aus einem Brief, heute bei mir eingetroffen:
Und täglich grüßt leider weiterhin der Antisemitismus in Deutschland:
Das jüdische Gemeindezentrum erhält einen Umschlag mit scharfer Munition und einem antisemitischen Schreiben. Die Generalstaatsanwaltschaft ermittelt, Politiker im Stadtrat zeigen sich entsetzt. Die Süddeutsche berichtet:
Der Umschlag erreichte die Israelitische Kultusgemeinde München (IKG) am Donnerstagmittag gegen 12.15 Uhr. Äußerlich sah das, was da per Post am Sankt-Jakobs-Platz ankam, aus wie ein normales Briefkuvert. Doch nachdem der hauseigene Sicherheitsdienst den Umschlag – wie jede Sendung an die IKG – überprüft hatte, stand fest: Der Inhalt ist alles andere als normal. Im Kuvert befand sich eine Patrone, dazu ein antisemitischer Drohbrief. Darin heißt es unter anderem: „Jeder Jude wird jetzt sterben.“
Es ist eine antisemitische Tat, die in der Stadt Entsetzen hervorgerufen und Behörden alarmiert hat. Die Staatsanwaltschaft München I begann am Donnerstag mit ersten Ermittlungen „wegen Bedrohung“, wie ein Sprecher sagte. Am Freitag übernahm Oberstaatsanwalt Andreas Franck von der Generalstaatsanwaltschaft München den Fall. Der Jurist ist der zentrale Antisemitismusbeauftragte der bayerischen Justiz.
Die Polizei teilte mit, dass es sich bei der im Brief gefundenen Munition um eine „Patrone für Kurzwaffen“ handle, also für eine Pistole oder einen Revolver – und diese sei scharf gewesen. Zu den genauen Hintergründen der Tat, etwa zu möglichen Hinweisen auf den Absender des Umschlags, äußerte sie sich die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen nicht. Eine akute Bedrohung gegen die IKG könne man derzeit aber ausschließen, so eine Sprecherin.
Yehoshua Chmiel ist Vizepräsident der IKG. Er sagt, dass die jüdische Gemeinde im Jahr mehr als 100 Drohbriefe erhalte. Das sei eine „Normalität, die nicht normal sein sollte“. Doch die Kombination aus einem Drohbrief und einer Patrone sei eine erneute Steigerung. „Wir nehmen das sehr ernst. Es ist eine Alarmsituation.“ Der Geschäftsführer der IKG, Steven Guttmann, postete am Donnerstagabend ein Bild von dem Umschlag auf Instagram und kommentierte: „Jüdische Lebenswelten. Dinge, an die ich mich nicht gewöhnen kann.“
Die Zahl antisemitischer Delikte liegt seit dem Überfall der Terrorgruppe Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 auf einem Rekordhoch. 2023 waren es allein in Bayern 589 antisemitische Straftaten, im Jahr darauf 579. Für 2025 liegen noch keine aktuellen Zahlen vor. Die Leiterin der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus in Bayern (Rias Bayern), Annette Seidel-Arpacı, sieht in der Patrone und dem Brief an die IKG „eine unverhohlene Morddrohung an die jüdische Bevölkerung“ in München. Dies sei ein „weiterer Höhepunkt antisemitischer Radikalisierung“.
Drum pruefe …
Opfer des Attentats
Michel Friedman wurde ausgeladen
Im Oktober 2026 sollte der jüdische Publizist Michel Friedman im Literaturhaus »Uwe Johnson« in Klütz in Mecklenburg-Vorpommern einen Vortrag halten, anlässlich des 120. Geburtstages von Hannah Arendt. Nun wurde er ausgeladen. Der Leiter des Literaturhauses, Oliver Hintz, teilte mit, der Bürgermeister der Stadt Klütz, Jürgen Mevius, habe ihm am Telefon mitgeteilt, dass sich die Mehrheit eines städtischen Gremiums gegen eine Lesung von Friedman ausgesprochen habe. Man habe Sorge, dass rechte Störer oder Hamas-Sympathisanten nach Klütz kommen und demonstrieren könnten. Zuvor hatte sich Hintz zufolge eine Mitarbeiterin des Literaturhauses gegen den geplanten Friedman-Auftritt ausgesprochen und die Stadt als Träger des Literaturhauses eingeschaltet.
Mevius widersprach dieser Darstellung und nannte finanzielle Gründe für die Ausladung. Das Honorar Friedmans sei deutlich höher als bei Lesungen von Schriftstellern dort üblich. Eine Vertreterin des Fördervereins des Literaturhauses entgegnete, der Stadt würden keine Kosten entstehen, diese würden von anderen Trägern übernommen.
Friedman kritisierte Bürgermeister Mevius in einem Interview mit dem NDR scharf und sprach von einer »peinlichen Heuchelei«. Der Publizist und Jurist argumentierte, der Bürgermeister hätte im Sinne einer wehrhaften Demokratie zeigen müssen: »Der Staat lässt sich von Antidemokraten nicht erpressen.«
»Dieser Bürgermeister antizipiert, dass bei einer Veranstaltung, die im Oktober 2026 stattfindet, also in über einem Jahr, anscheinend die Rechtsextremen so stark sind, dass er seine Stadt nicht schützen kann, wenn Michel Friedman zu Besuch kommt«, sagte Friedman. Die Kunst-, Kultur- und Meinungsfreiheit dürfe nicht gefährdet sein, weil eine vorweggenommene Einschüchterung durch Rechtsextreme angenommen werde.
Der Grünenpolitiker und Vizepräsident des Bundestags, Omid Nouripour, erklärte: »Hannah Arendt lehrt uns, dass Demokratie nur lebt, wenn wir sie verteidigen. Die Ausladung Michel Friedmans ist skandalös und zeigt, wie gefährlich es wird, wenn nicht nur Extremisten unsere Strukturen schwächen, sondern wenn wir uns von ihnen auch noch einschüchtern lassen.«












