Fraunhofer-Institut, wie es sich mir zeigt, wenn ich aus der TĂŒr rauskomme.
Schlagwortarchiv: Duisburger Uni
Der Kessel des Monats
1. Mai â diesmal etwas anders
Am 1. Mai werden in Duisburg die Faschisten und Rechtspopulisten aufmarschieren. Sowohl die NPD als auch âPro NRWâ haben Kundgebungen angekĂŒndigt, die als Provokation gegen die Gewerkschaftsbewegung aufgefasst werden mĂŒssen. Der DGB will sich jedoch nicht von seinem Konzept abbringen lassen, wie jedes Jahr im Landschaftspark Nord sein âFamilienfestâ abzuhalten.
So ganz und gar ignorieren wird der DGB die rechten Provokationen allerdings nicht:
Am Dienstag, 29. April um 18 Uhr im Julius-Birck-Saal im DGB-Haus am Stapeltor findrt eine Veranstaltung statt:
Am 1. Mai 2014 wollen NPD und Pro NRW in Duisburg aufmarschieren. Warum haben sie sich gerade diese Stadt ausgesucht? Wie konnten extrem rechte und rechtspopulistische Parteien bei der Bundestagswahl im September 2013 ĂŒberdurchschnittliche Ergebnisse in Duisburg erzielen? Und wie kommt es, dass die rechtspopulistische Splitterpartei Pro NRW im Oktober 2013 von 200 jubelnden Menschen in Duisburg-NeumĂŒhl empfangen wurde?
Alexandra Graevskaia (Duisburger Institut fĂŒr Sprach- und Sozialforschung) wird in ihrem Vortrag auf die Akteure im Diskurs eingehen und aufzeigen was den Rechtspopulismus in Duisburg bestĂ€rkt hat.
Die Duisburger Studentenzeitung akduell kĂŒndigt dĂŒr den 1. Mai einen Liveticker an:
http://akduell.de/2014/04/ankuendigung-akduell-liveticker-zum-1-mai/
FĂŒr den 1. Mai hat die Weiterlesen
Auch wir haben hier so ’ne Art Apotheken-Umschau
Waren das nicht herrliche Zeiten, als man beim BÀcker noch die BÀckerblume mitnehmen konnte? Das war eine wöchentlich erscheinende Zeitung mit Lob des BÀckerhandwerks und des frischen Brotes, KreuzwortrÀtsel, erbaulichen Geschichten und sonstigen AlltÀglichkeiten.
Oder:
Man ging in die Metzgerei. Als Vorwand kaufte man eine Knackwurst oder ein Kottlett (oder zwei), um die Berechtigung zu erlangen, Lukullus einzustecken, das Fachblatt fĂŒr Bratpfannenkunde. In LottogeschĂ€ften gab es GlĂŒck, in dem man sich an sinnlosen Statistiken berauschen konnte (z.B.: wie oft ist seit 1955 die 33 als Zusatzzahl gezogen worden).
Damals gab es in den GeschÀften ja auch noch Rabattmarken, die man in ein Rabattmarkenheft klebte. War das Heft vollgeklebt, gab es beim nÀchsten Einkauf einzfuffzig Gutschrift.
Hier ist auch der Hauptgrund zu suchen, warum ich in der Partei bin: weil ich so gern kleine MĂ€rkskes in Heftkes reinklebe.
Vorbei die herrlichen Zeiten blĂŒhender Kundenzeitschriften. Nur die Apotheken-Umschau hat sich gehalten. Nur noch der Kauf eines Röhrchens Aspirin wird einem mit Publizistik verschönt.
Doch da wir Nostalgiker sind, die gern Traditionen aufgreifen, die uns an die Zeiten erinnern, als wir noch jung und stramm waren und alles zum Besten stand, haben wir auch bei uns eine Mitnehm-Zeitung ausliegen: Die Studentenzeitung ak[due]ll. Zwar nur 8 Seiten Umfang, aber wÀhrend des Semesters wöchentlich (in den Semesterferien etwas seltener). Eine wirklich gut gemachte Zeitung, deren ProfessionalitÀt sich mit der legendÀren Pascal-Beucker-und-Marcus-Meier-Basta durchaus messen kann.

Beim nĂ€chsten Besuch in der WeltbĂŒhne doch einfach ein Heft von ak[due]ll einstecken. Das wird gern gesehen.
Die QualitĂ€t dieser Zeitung ist auch erkennbar an der QualitĂ€t des Artikels der Reporterin Natalie Kajzer ĂŒber unseren schönen Laden (Faksimile anklicken zum VergröĂern).
Auf dem Foto bin ich kaum wiederzuerkennen. Damals hatte ich noch kurze Haare.
Der Kessel des Monats
Wechselstrom oder Die Liebe in den Zeiten des Telefons (4)
Als ein neues Semester begann, Ă€nderte sich ihre Stimmung. Meine quirlige, temperamentvolle Freundin war plötzlich sehr zurĂŒckweisend, die personifizierte Ăbellaunigkeit.
Sie rief mich an: âDu wirst jetzt mal einen Monat lang nichts von mir hören, ja? Ich muĂ mich auf mein Studium konzentrieren. Ich kann ja nicht stĂ€ndig fĂŒr dich da sein. Also laĂ mich in Ruhe.â
Na, das war ja gottvoll! FĂŒr sie hatte ich zu jeder Tageszeit den Stift aus der Hand fallen lassen und war fĂŒr sie zu jeder Nachtzeit aus dem Bett gesprungen. Um ihr einen Weg von hundert Metern zu ersparen wĂŒrde ich ihr die Tasche durch die ganze Stadt nachtragen. Und jetzt tat sie so, als wĂŒrde ich ihr ihre Zeit stehlen. Ich hatte ganz beilĂ€ufig und ohne Hintergedanken einen Satz gesagt, den sie noch eine Woche zuvor unterschrieben hĂ€tte: daĂ das Studium doch nicht das Wichtigste im Leben ist. Jetzt verstand sie das so, als ob ich ihre BefĂ€higung zum Studium angezweifelt hĂ€tte. Sie schrie mich an. âDas hĂ€tte ich von dir nicht erwartet. Du denkst auch, eine Frau könnte nicht Elektrotechnik studieren!â
Ich hatte gar nichts derartiges gesagt. Zwar war es mir etwas seltsam vorgekommen mit ihrer Elektrotechnik. Sie hatte mir unumwunden gesagt, daĂ sie in Mathe eine FĂŒnf und in den naturwissenschaftlich FĂ€chern schwache Noten hatte, und daĂ sie ein technisches Fach nur deshalb studierte, um ihrem ehemaligen Mathelehrer zu beweisen, daĂ sie doch was drauf hat. Als ich sie mal fragte, wie Wechselstrom eigentlich funktioniert, fĂŒhrte sie mir vor, daĂ sie sich ein fundiertes technisch-naturwissenschaftliches Wissen angeeignet hatte.
Anrufen durfte ich sie jetzt auch nicht mehr. Das wertete sie als Störmanöver gegen ihr Studium.
âUnd weiĂt du was? Ob es dir gefĂ€llt oder nicht: Ich nehme eine Stelle als Hilfskraft an. Unbezahlt!â
âUnbezahlt?â
âJawohl! Unbezahlt!â
Meine GĂŒte, jetzt wurde ich albern:
âUnd was machst du, wenn sie dir eine Bezahlung anbieten? Ablehnen aus Prinzip?â
âAch, halt doch die Klappe!â
âDu willst arbeiten ohne Geld? Womöglich noch dem Professor die Tasche hinterhertragen?â
âWĂŒrde ich tun. Ich wĂŒrde dem auch die Schuhe putzen. Ich wĂŒrde auch mit ihm schlafen, wenn es meinem Studium nutzt. FĂŒr mein Studium wĂŒrde ich alles hergeben, auch meinen Stolz.â
Bezwinge sich wer kann. Zum GlĂŒck konnte ich. Ich sagte: âDarĂŒber solltest du lieber nochmal nachdenkenâ und legte den Hörer auf.
Ich war zornig, auch auf mich selbst. Ich war in einem Zustand, den ich nicht mag: Ich war eifersĂŒchtig. Um in dem Moment darĂŒber nachzudenken, ob ihre Schroffheit weniger dem Fortgang ihres Studiums dienen sollte, sondern vielmehr der Versuch war, sich von mir abzuschirmen und die Turbulenzen einer undefinierten Beziehung abzuwerfen, war ich zu aufgeregt. Vielleicht hĂ€tte ich mit einem solchen Gedanken meine Rolle in dem ganzen Drama ĂŒberschĂ€tzt. Vielleicht ĂŒberschĂ€tzte ich mich gerade dadurch, daĂ ich auf diesen Gedanken gar nicht kam.
Eine halbe Stunde spÀter rief sie mich wieder an.
âBitte entschuldige, was ich gesagt habe. Das war dumm von mir.â Sie klang jetzt sehr kleinlaut. âDas war wirklich dumm, was ich da gesagt hab. Ich hab das gar nicht gemeint. Du hast ja recht.â
Das reichte allerdings noch nicht, um mich zu beruhigen. Das muĂte ich doch noch loswerden:
1. ob die noch alle auf der Latte hÀtte?
2. ob sie noch ganz gescheit wÀre?
3. ob sie noch alle Tassen im Schrank hÀtte?
4. ob ihr eigentlich klar sei, was sie dahergeredet hatte?
âPaĂ mal auf, MĂ€dchen! Wem du die Tasche putzt und die Schuhe hinterhertrĂ€gst, ist deine Sache. Mit wem du schlĂ€fst, ist erst recht deine Sache. Aber was du mir sagst, dafĂŒr bist du mir verantwortlich. Du gibst nicht nur deinen Stolz preis, sondern auch meinen. Meinen Stolz auf dich gibst du preis! Du verdienst eine Tracht PrĂŒgel!â
âHuch!â
âSo daĂ du zweieinhalb Tage nicht mehr sitzen kannst auf deinem â verfĂŒhrerischen â â verwirrenden â â â auf deinem betörenden Hinterteil!â
âOhhh!â
âDas willst du ja nur! Gibâs zu!â
Sie war beindruckt. âSchlĂ€gst du denn wenigstens etwas milder zu bei einer AnfĂ€ngerin?â
âBei dir? Milder?? Ha!!!â
âOhhh! WeiĂt du, was mich glĂŒcklich macht? Du willst mich deshalb versohlen, weil du mich gern hast.â
âWeshalb denn sonst??â
âDu liebst mich.â
âJa! Ich liebe dich, du Schaf!â
âIch liebe dich doch auch, du Blödmann!â
âDu â Biest!â
âDu â Knallkopp!â
âDu â Frauenzimmer!â
âEsel!â
âTrulla!â
âIch hab von dir getrĂ€umt. Wir haben uns gekĂŒĂt. Der KuĂ war sehr leidenschaftlich. Und dann hatte ich was GroĂes von dir in meinem Mund â Ich werde mich jetzt nicht mehr dagegen wehren.â
Wie sich herausstellte, ging das aber nicht einfach vonstatten. Denn sie hatte wieder eine von ihren Ideen.
âIch will ein paar Kilo abnehmen. Ich will mein Idealgewicht von 60 Kilo erreichen.â
âAha. Und wieviel Kilo mĂŒssen runter?â
âSechs Kilo.â
âAha. Und wozu das ganze?â
âIch fĂŒhle mich dann wohler. Und dann sehe ich besser aus.â
âDu siehst phantastisch aus.â
âDu hast doch gesehen: mein dicker Hintern auf dem Foto.â
âAch was, das Foto tĂ€uscht. Dein Hintern ist ideal! Dein Hintern ist aphroditisch! Dein Hintern ist der Traum meiner sehnsuchtsvollen NĂ€chte!â
âMein Hintern wird dir noch mehr gefallen, wenn ich 60 Kilo wiege. Ich mach das doch fĂŒr dich, Junge! Damit du noch mehr von meinem Hintern entzĂŒckt sein kannst!â
Und dann verkĂŒndete sie mir:
âWenn ich das geschafft habe und 60 Kilo erreicht habe, will ich eine Belohnung von dir bekommen. Dann soll es geschehen. Dann sollst du es es mit mir machen.â
Von nun an ĂŒberwachte ich streng ihre Mahlzeiten. Ich ordnete an, daĂ der Kaffee ohne Milch und Zucker getrunken werden muĂ. Ich studierte Kalorientabellen. Ich lieĂ mir die MeĂdaten ihrer Figurfortschritte durchgeben: ein Kilo geschafft, zwei Kilo geschafft, zweieinhalb Kilo geschafft, und ich fĂŒrchtete zugleich, die Selbstkasteiung der Kalorienkur könnte ihre Stimmung beeintrĂ€chtigen. Aber wenigstens in dieser Hinsicht konnte sie mich âberuhigenâ:
âIch habâ mir heute eine Tafel Schokolade genehmigt.â
âWas? Eine Tafel Schokolade? Du quĂ€lst mich!â
FORTSETZUNG FOLGT
Wechselstrom oder Die Liebe in den Zeiten des Telefons (2)
Unseretwegen hatte sie darauf verzichtet, nach ihrem ersten Semester sich in ihr mittelrheinisches Herkunftsgebiet zu begeben, sondern sie blieb in der Stadt, die sie nicht zuletzt mittels unserer Mitwirkung als ihre Heimat angenommen hatte. Ihr erster Besuch bei uns war ĂŒbrigens an Rosenmontag. Jeglicher karnevalistischen Anwandlung war sie ebenso abgeneigt wie wir, und so war dieser Tag, den wir in kontemplativer ZurĂŒckgezogenheit zu begehen pflegten, die ideale Gelegenheit gewesen, uns fern von der AuĂenwelt unserer Verschworenheit zu versichern.
Nun wurde ich allerdings von ihr zum Duell herausgefordert. Diese Sportkanone, die im Judo schon manchen Kerl aufs Kreuz gelegt hatte, wollte mir ihre Kraft demonstrieren und forderte mich zum ArmdrĂŒcken heraus. Was fĂŒr einen Quatsch man mitmacht, wenn man bezirzt wird! Wir brachen den Zweikampf ab, als es nach zehn Minuten noch keinem gelungen war, den Arm des anderen auch nur um einen Millimeter wegzuschieben. Ich bot ihr remis an.
Als sie sich verabschiedete, bat sie mich noch um einen Gefallen. Ich wĂŒrde mich doch bestimmt mit erotischer Literatur auskennen und hĂ€tte doch bestimmt âsolche BĂŒcherâ. Hatte ich.
âIch hab jetzt ein paar Tage frei. Da will ich was Schönes lesen. Ein gutes Buch, aber eins, daĂ es bei mir kribbelt, verstehst du?â Verstand ich.
âKannst du mir was leihen?â Konnte ich.
Ich zog ein paar BĂŒcher aus dem Regal, zum Beispiel Maud Sacquard de Belleroches âMemoiren einer Frau von vierzig Jahrenâ (beide BĂ€nde), Jakobsens âMemoiren eines Apfelessersâ und noch ein paar Sachen.
Zwei Tage spĂ€ter am frĂŒhen Nachmittag kreuzte sie unerwartet bei mir auf, stĂŒrmte herein, warf ihre Tasche auf einen KĂŒchenstuhl und setze sich.
âAlso, Helmut, du hast mir da vielleicht ein paar BĂŒcher gegeben! Die haben mich ja ganz schön in Erregung versetzt. Ganz toll! Ich hab den ganzen Tag gelesen, ich konnte das gar nicht mehr aus der Hand legen. Das war ein GenuĂ! Wie hast du das bloĂ aufgetrieben? WeiĂt du, was ich am besten fand? Da war so eine ganz lange Geschichte, da erzĂ€hlt einer, wie er als Student ein ganz junges MĂ€dchen kennenlernt und was der mit dem MĂ€dchen erlebt.â
âAch, diese Geschichte. Ja, die kenne ich.â
âKennst du? Das ist wirklich hervorragend geschrieben, das ist richtige Literatur. Aber zugleich auch â hmm. Das hat gewirkt. Du weiĂt, was ich meine. Die Geschichte habe ich immer wieder gelesen. Ich hab mir vorgestellt, ich wĂ€re das MĂ€dchen in der Geschichte, und der Mann wĂŒrde das alles mit mir machen.â
âDas hast du dir vorgestellt? DaĂ du das MĂ€dchen bist?â
âJaja!â
âUnd daĂ der Mann das alles mit dir macht?â
âJa.â
âDas ist bemerkenswert.â
âWieso?â
âJetzt verrate ich dir ein schockierendes Geheimnis.“
âSag!â
âAlso, der Name des Verfassers ist ein Pseudonym.â
âIst anzunehmen.â
âDiese Geschichte habe ich geschrieben.â
âWaaas? Die hast duuu geschrieben? Wirklich? Das ist ja â Ehrlich?â
âJa.â
âDu? Das ist ja phantastisch! Mensch! Wenn ich das gewuĂt hĂ€tte! Ich gratuliere dir! Und das ist alles so passiert?â
âDie reine Wahrheit! Nichts erfunden!â
âDie GlĂŒckliche!â
Christina war nunmehr davon ĂŒberzeugt: âDu bist ein phantastischer Liebhaber.â
âAber Christina! Sowas sagt man doch nicht einfach so ungeprĂŒft. Bevor man sowas sagt, muĂ man das doch erst mal in der Wirklichkeit erproben.â
Sie schĂŒttelte den Kopf. âNicht nötig! Wer sowas schreiben kann, der ist ein phantastischer Liebhaber.â
(Es gibt Momente, da möchte man in einen Tisch beiĂen).
Sie sagte mir zum Abschied noch, die LektĂŒre erotischer Texte habe sie zu dem EntschluĂ gebracht, selbst solche Texte zu schreiben. Wir könnten uns ja dann unsere Geschichten am Telefon gegenseitig vorlesen. So geschah es dann auch. Sie rief mich an einem der nĂ€chsten Abende an. Sie rief frohgemut, sie habe jetzt ihre ersten zwei erotischen Geschichten geschrieben, und sie las sie mir vor. Bei der ersten handelte es sich um eine verschwĂ€rmte Huldigung an einen ihrer aus der Ferne bewunderten Kommilitonen, einen genĂŒĂlichen Lobpreis seiner vorteilhaften Erscheinung und eine Handlung, bei der heiĂe WĂŒnsche Vater des Gedankens waren. In der zweiten Geschichte berichtete sie, wie ein Teenager (also sie) den Liebhaber ihrer Mutter so lange triezt, bis ihm der Kragen platzt (âWeiĂt du, was du verdienst?â). Den âLiebhaberâ hatte sie mit meinen WesenszĂŒgen ausgestattet und ihm auch meinen Namen gegeben. Dann aber wartete sie mit dem Entwurf eines Artikels auf, den sie fĂŒr den METZGER schreiben wollte, in dem sie sich kritisch mit dem Feminismus auseinanderzusetzten gedachte. Christina wetterte leidenschaftlich gegen Zickigkeit und PrĂŒderie der Emanzen und wies sie als Versuch, Frauen in ihrer Selbstbestimmung zu beschneiden, zurĂŒck. DaĂ durch einen Artikel im METZGER nicht sogleich das gesamte europĂ€ische Geistesleben von Grund auf umgekrempelt wird, darauf muĂte ich sie vorsichtig aufmerksam machen.
Christina rief mich an. Sie sei in der Uni gewesen und nun nach Hause gefahren. Aber ihre Tasche sei noch in der Mensa. Die solle ich ihr doch bitte nach Hause bringen.
Weil ihr die hundert Meter vom FahrradstĂ€nder zur Mensa zu weit waren, durfte ich ihr die Tasche von Neudorf nach Hochfeld nachtragen. Das habe ich auch getan. FĂŒr ein Dankeschön.
Ich hielt es daraufhin fĂŒr erforderlich, eine Fotografie von ihr anzufertigen. Sie stellte sich in Cat-Balou-Pose vor die Kamera, die ich auf dem Stativ in 50 Zentimeter Höhe aufgestellt hatte.
Mit dieser Fotografie sollte zum Ausdruck kommen, wie vollkommen ich von ihr beherrscht wurde.
Diese energisch in die HĂŒften gestemmten Arme! Dieser ĂŒber die Schulter geworfene herausforderne Iswas?-Blick!
Und dieser Arsch!
Christina sah das Foto und rief: âBo! Was habe ich da fĂŒr einen dicken Arsch! Du hast mich aber auch so fotografiert, daĂ mein Hintern so richtig plastisch hervorgehoben wird! So richtig zum Draufhauen! Nicht schlecht eigentlich.â
âIch wollte nicht nur zeigen, daĂ du mich beherrschst, sondern auch: wie.â
âUnd was bedeutet âLHOOQâ?â
âDas muĂt du französisch aussprechen. Dann klingt es: âElle a chaud au culâ. Das heiĂt auf deutsch: Sie hat Weiterlesen
Wechselstrom oder Die Liebe in den Zeiten des Telefons (1)
Ich wollte schon lange mal erzĂ€hlen, wie ich mal den Ostermarsch zum Stillstand gebracht habe. Aber das ist nicht leicht erzĂ€hlt. Es hat etwas mit Kanada zu tun und im weitesten Sinne auch mit Wechselstrom. Ich muĂ also etwas ausholen. Und weil es auch mit Christina zu tun hat, könnte ich â was, zugegeben, das eigentliche Motiv fĂŒr die Niederschrift dieses Berichtes ist â auch Liebeskummer schreibend bewĂ€ltigen (wovon dann allerdings noch reichlich ĂŒbrigbleiben wird). Mit neuem Liebeskummer bin ich in den letzten zweidrei Jahren nicht knapp beliefert worden, und wer schon mal geliebt hat (solche Leute gibt es), der weiĂ, daĂ das ein haltbares Gut ist, und der ahnt, daĂ da noch betrĂ€chtlich BekĂŒmmernis frĂŒherer Lebensphasen wirkt und wĂŒtet. Wer viel geliebt hat und gern geliebt hat und auf den Pfaden der Liebe auch dann weiterwandelte, wenn sie durch unĂŒbersichtliches Gebiet fĂŒhrten, der trĂ€gt was mit sich herum, das können Sie mir glauben. Vielleicht wollen Sie ja auch endlich mal erfahren, warum ich die St.-Johann-StraĂe in Hochfeld nicht ohne einen melancholischen Seufzer entlanggehen kann. Also lesen Sie jetzt bitte diese Geschichte, sonst hat es ja keinen Zweck.
Christina kam aus der Provinz, um hier zu studieren. Sie geriet in mein Blickfeld, weil sie eine Freundin meiner Frau war. Der Freundin der Frau Aufmerksamkeit in mehr als dem schicklichen MaĂe zukommen zu lassen, ist eine Sache, die ich nicht unbedingt jedem empfehle, sondern nur solchen, die âJe ne regrette rienâ zu einem Lebensmotto zu erheben fĂ€hig sind (es kommt natĂŒrlich auch darauf an, mit welcher Frau man zusammenlebt).
Aus der Provinz kommend, war die 20jĂ€hrige blonde Schönheit vom Lebensalltag mitten im bevölkerungsreichsten Ballungsgebiet Mitteleuropas ĂŒberwĂ€ltigt (nicht nur im positiven Sinne). Dieses motherless-child-GefĂŒhl schwand, als sie uns kennenlernte. Wir (meine Frau und ich) machten damals tĂ€glich unseren Uni-BĂŒchertisch, von dem heute noch manche Legende sagt und singt. Christina fand uns und die Dinge, mit denen wir uns beschĂ€ftigten, âunheimlich interessantâ. Sie fĂŒhlte sich geehrt, von uns wahrgenommen und anerkannt zu werden, von Leuten also, die âschon unheimlich langeâ und mit Ernsthaftigkeit eine â wie könnte man sagen â selbstbestimmte, den uneinsehbaren ZwĂ€ngen bĂŒrgerlicher Konventionen trotzende Existenz praktizierten (ich war damals Anfang dreiĂig). Es wĂ€re mir schwergefallen, sie nicht wahrzunehmen, so wie die aussah, und so gescheit wie die war. Sie bewunderte uns. Ich muĂ sagen: Ich habe nur selten einen so wiĂbegierigen und begeisterungsfĂ€higen Menschen erlebt, und auch nur selten einen so mitteilsamen. Sie redete und redete und redete sich alles vom Herzen, was sie gesehen und erlebt hatte und was ihr durch den Kopf ging. Und sie wollte alles erklĂ€rt haben. Dieses blasierte Desinteresse der jeunesse dorĂ©e war ĂŒberhaupt nicht ihre Art.
âErzĂ€hl mir doch mal etwas ĂŒber den Ostermarschâ, wollte sie wissen, oder: âWas ist das: VVN?â
âDas ist die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes.â
âWas? Das gibt es? Was ich durch dich alles erfahre! Durch dich gehen mir die Augen auf!â
DaĂ das alles mit Subversion zu tun hatte, mit lustvollem Sich-einfach-ĂŒber-die-Regeln-Hinwegsetzen, machte die Sache fĂŒr sie richtig spannend. Sie konnte sich fĂŒr Politik begeistern, weil sie nicht nur eine notwendige BeschĂ€ftigung ist, sondern auch SpaĂ macht. Aber ein anderes Thema beschĂ€ftigte sie mehr, und das war der Sex. Ich wĂŒrde mal schĂ€tzen: Ăber 80 Prozent ihrer Reden und ihrer GesprĂ€che mit mir handelten vom Sexuellen, und es war auffĂ€llig und nicht uncharmant, daĂ sie die Wörter âsexuellâ und âSexualitĂ€tâ mit scharfem âSâ aussprach. âSexuellâ mit scharfem S klingt sexy.
Es wird wohl so gewesen sein, daĂ ihre plötzliche Begeisterung fĂŒr das linksradikale Milieu von der Annahme herrĂŒhrte, daĂ die linken UmstĂŒrzler die bĂŒrgerliche Sexualmoral hinwegfegen und der reinen Lust den Weg ebnen. Ich dachte: âMĂ€dchen, wenn du dich da mal nicht irrst.â Ich sagte: âDu kannst nicht vom Einzelfall auf das Gesamte schlieĂen.â
Wie fast alle sinnlichen Frauen war sie fĂŒr die Liebreize des eigenen Geschlechts sehr empfĂ€nglich. Aber sie entschied: âIch finde das ungerecht! In Illustrierten, im Kino und in der Werbung sieht man immer schöne Frauen. Das ist ja auch gut so. Das soll ja ruhig so sein. Aber warum sieht man nicht genauso oft schöne MĂ€nner? Ich will nackte MĂ€nner sehen!â
Ich antwortete: âDas hat alles ja mit Rollenbildern und gesellschaftlichen Machtstrukturen und dem ganzen Tralala zu tun. Aber könnte es nicht sein, daĂ â darĂŒber hinaus und davon abgesehen â weibliche Schönheit deshalb in der Darstellung vorherrscht, weil Frauen nun mal das schöne Geschlecht sind?â
âNein!â rief sie entschieden. âMĂ€nner sind auch schön!â Und dabei leuchteten ihre Augen.
Ich durfte mir unentwegt ihre Elogen anhören ĂŒber ihre mĂ€nnlichen Kommilitonen, denen sie eine âgöttlicheâ Gestalt attestierte. âGöttlichâ war einer ihrer LieblingsausdrĂŒcke, und die Gerhard-Mercator-UniversitĂ€t zu Duisburg muĂ wohl â fĂŒr mich zuvor ungeahnt â eine einzige Parade von Adonissen gewesen sein. Ein anderer Lieblingsausdruck war âspannenâ. Sie âbespannteâ die einherflanierenden Kommilitonen ungehemmt, das heiĂt: sie tastete mit Blicken ihre Körperlinien ab und versuchte auch, mit Blicken Signale des EinverstĂ€ndnisses auszusenden.
Ich muĂte sie aufklĂ€ren: âEs freut mich ja, wenn deine Blicke den meinen folgen, wenn ich die Aphroditen und Myrrhinen und Kallipygen betrachte. Aber meine Blicke folgen den deinen nicht ĂŒberall hin. Denn ich bin sowas von unschwul, sowas von hetero, das ist schon fast wieder pervers.â
Sie wollte von mir wissen, wie ein Mann das empfindet, âwenn er Weiterlesen
Herbstlicht
Die HĂ€ndelstraĂe hat in wenigen Tagen die Farbe verĂ€ndert (vergleiche âFoto zum Zwanzigstenâ unten).
Der Herbst hat nicht in jedem Jahr dieselben Farben. In einem frĂŒheren Jahr hatten alle BĂ€ume auf der LotharstraĂe im Herbst hellgelbes Laub, soweit man schaute. So habe ich das in den Jahren danach nie wieder gesehen. Auch im vorigen Jahr nicht.
Auch in diesem Jahr nicht.

Uni-GelÀnde.
Die HeinestraĂe ist auch so’ne Gelb-StraĂe.
Erinnern Sie sich an den Kirschbaum im FrĂŒhling?
Jetzt ist er errötet.
So hab ich das auch noch nie gesehen.
Achten Sie auf sowas? Achten Sie mal auf sowas.
Die Mauer. Nachtrag.
Ein GesprĂ€ch kommt mir in Erinnerung. 80er Jahre, am Uni-BĂŒchertisch. Es war allgemein bekannt, daĂ ich zur âMoskau-Fraktionâ gehörte. Ein linksstehender Student, der der âMoskau-Fraktionâ fern stand, diskutierte mit mir. Ich meinte, in der Systemauseinandersetzung mĂŒsse der sozialistische Staat ein starker Staat sein. Und es liege in der gegebenen internationalen Konstellation nicht immer in der Wahl sozialistischer Regierungen, in welchem MaĂe sie repressive Mittel einsetzen. Und: Wenn man den schlechten Sozialismus nicht verteidigt, kriegt man keinen besseren. Undsoweiter. Mein GesprĂ€chspartner meinte, er könne sich meiner Auffassung nicht anschlieĂen. Meine Argumente aber seien nicht unvernĂŒnftig, hĂ€tten Gewicht und seien bedenkenswert, auch wenn er sich meine SchluĂfolgerungen nicht zueigen machen könne.
WĂ€hrend des ganzen GesprĂ€chs standen nebenan, am Infostand des MSB Spartakus, die Haare zu Berge. Die Repressalien in der DDR dĂŒrfe man doch nicht als Folge von Ursachen begrĂŒnden. Man mĂŒsse sie schlichtweg leugnen. Das war deren Linie.
Sie haben es auch vor sich selbst geleugnet. Denn â ich habe es erlebt! â 1989, bei einer Versammlung der DKP, rief eine MSB-Spartakistin entrĂŒstet aus, was ihr tags zuvor zu Ohren gekommen war: âDie haben sogar in Berlin eine Mauer gebaut!â
Die Stimme, die eine Repression tadelt, die sie zuvor geleugnet hatte, ist keine kritische, sondern eine opportunistische. Und auch etwas komisch.
DIE HABEN SOGAR IN BERLIN EINE MAUER GEBAUT! JA, WENN WIR DAS GEWUSST HĂTTEN!
Das ist ja das Neueste: HeinestraĂe
Die HeinestraĂe in Neudorf erhielt ihren Namen nicht, wie viele glauben, nach dem Dichter Heinrich Heine, sondern nach dem marodierenden SA-TruppenfĂŒhrer Friedrich-Heine, der am 4. MĂ€rz 1933 bei blutigen StraĂenkĂ€mpfen auf der damaligen KleiststraĂe in Neudorf ums Leben kam. Nach seinem Tod wurde mit Nazi-Pomp die KleiststraĂe in âFriedrich-Heine-StraĂeâ umbenannt. Nach dem Krieg, so hat es jetzt der Historiker der Uni Duisburg, Dr. Ludger Heid, herausgefunden, wurde dann bequemerweise nur der Vorname gestrichen und der âEtikettenschwindelâ, so der Historiker, nahm seinen Lauf.
Da in Neudorf viele StraĂen nach Dichtern benannt sind, fiel der âEtikettenschwindelâ nicht auf. Aber Ludger Heid weist auf MerkwĂŒrdigkeiten in anderen Duisburger Stadtteilen hin. In Walsum â wo noch die Dr.-Wilhelm-Roelen-StraĂe an den Berkwerksdirektor und NS-ReichswirtschaftsfĂŒhrer Roelen erinnert (Heid: âEr hat Arbeitssklaven an die Industrie vermittelt!â) â hat man nach dem Krieg die umgekehrte Variante angewendet: Man hatte den Nachnamen aus den StraĂenbezeichnungen entfernt: Die Hermann-Göring-StraĂe wurde somit zur âHermannstraĂeâ. Heid: âUnfassbar! Dabei haben wir mit Gottfried Kinkel oder Heinz Kiwitz und anderen genug positive Beispiele; gute Demokraten, die fĂŒr eine Namensgebung taugen wĂŒrden.â
FĂŒr eine StraĂenbenennung wĂŒrde sich auch der Name Bruno Bachler eignen (siehe DER METZGER 98). Auch an Harro Schulze-Boysen, neben Wilhelm Canaris prominentestes Opfer des Naziregimes aus Duisburg, erinnert in Duisburg keine StraĂe. Die VVN fordert seit Jahren, eine StraĂe nach Wilhelmine Struth zu benennen, die als erste nach der âMachtergreifungâ in Duisburg von einem SS-Trupp ermordet wurde.
Die Linke hat in den Rat der Stadt den Antrag eingebracht, die Heine-StraĂe nun endlich in âHeinrich-Heine-StraĂeâ umzubenennen. Beschlossen wurde vom Rat, den Namen nicht zu verĂ€ndern, aber durch Hinweistafeln an Heinrich Heine zu erinnern.
Eine Neuigkeit ist die Namensverwechslung der HeinestraĂe in Neudorf allerdings nicht, denn darĂŒber berichtete DER METZGER in Nr. 3, Februar 1969.
(Vorabdruck aus DER METZGER 105).
Erst sowas, und dann nicht mehr sowas
Wieder ein Nachruf in der Frankfurter Rundschau. âEine kluge, kritische Stimme â Die Journalistin Tissy Bruns ist gestorbenâ.
Ein kurzer Nachruf, in dem mitgeteilt wird, daĂ Tissy Bruns âPolitische Chafkorrespondentinâ des Berliner Tagesspiegel war und von 1999 bis 2003 âan der Spitze der Bundespressekonferenzâ stand.
Etwas kurz geraten, dieser Bericht. Zwar steht da, daĂ sie âseit Mitte der 80er Jahre als Journalistin tĂ€tig warâ. Aber wo?
Ihre journalistische Laufbahn begann bei den Roten BlĂ€ttern, dem Magazin des MSB Spartakus. Sie arbeitete auch fĂŒr den Freitag-VorlĂ€ufer Deutsche Volkszeitung, als diese noch auf der Linie der DKP lag. Ihre Schande wurde verschwiegen â die Schande, daĂ sie âsowasâ mal war, und die Schande, daĂ sie âsowasâ dann nicht mehr war.
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Ein GesprĂ€ch kommt mir in Erinnerung. 80er Jahre, am Uni-BĂŒchertisch. Es war allgemein bekannt, daĂ ich zur âMoskau-Fraktionâ gehörte. Ein linksstehender Student, der der âMoskau-Fraktionâ fern stand, diskutierte mit mir. Ich meinte, in der Systemauseinandersetzung mĂŒsse der sozialistische Staat ein starker Staat sein. Und es liege in der gegebenen internationalen Konstellation nicht immer in der Wahl sozialistischer Regierungen, in welchem MaĂe sie repressive Mittel einsetzen. Undsoweiter. Mein GesprĂ€chspartner meinte, er könne sich meiner Auffassung nicht anschlieĂen. Meine Argumente aber seien schlĂŒssig und bedenkenswert, auch wenn er sich meine SchluĂfolgerungen nicht zueigen machen könne.
WĂ€hrend des ganzen GesprĂ€chs standen nebenan, am Infostand des MSB Spartakus, die Haare zu Berge. Die Repressalien in der DDR dĂŒrfe man doch nicht als Folge von Ursachen begrĂŒnden. Man mĂŒsse sie schlichtweg leugnen. Das war deren Linie.
Sie haben es auch vor sich selbst geleugnet. Denn â ich habe es erlebt! â 1989, bei einer Versammlung der DKP, rief eine MSB-Spartakistin entrĂŒstet aus, was ihr tags zuvor zu Ohren gekommen war: âDie haben sogar in Berlin eine Mauer gebaut!â
Die Stimme, die eine Repression tadelt, die sie zuvor geleugnet hatte, ist keine kritische, sondern eine opportunistische. Und auch etwas komisch.
DIE HABEN SOGAR IN BERLIN EINE MAUER GEBAUT! JA, WENN WIR DAS GEWUSST HĂTTEN!
Das Jahr beginnt mit einem Schock
Meine Karikatur aus dem Jahr 1989 mit dem Titel âEmanzenschockerâ behandelt die Diskrepanz, die sich zwischen den Begriffen âEmanzipationâ und âEmanzeâ auftut.
Die Zeichnung vervielfĂ€ltigte ich im Din-A-3-Format, und ich brachte die Plakate auf allen möglichen Schwarzen Brettern in der Duisburger UniversitĂ€t an. Ich hielt es fĂŒr meine Pflicht als KĂŒnstler, auf subversive Weise das Publikum mit jenen Impulsen zu konfrontieren, die es in sich niederzuringen versucht (beziehungsweise in sich niederringen soll).
So weit so gut.
Ein paar Jahre vergingen, und ich empfing mal wieder die Verlagsvertreterin von Konkret in der WeltbĂŒhne. Das war die Frau Gaby Klinski, die ich immer gern empfing. Sie kam schon lachend herein. Ich kann mir vorstellen, daĂ es (namentlich fĂŒr Vertreter progressiver Verlage) ein hartes Brot ist, sich tagein tagaus von morgens bis abends mit den Herrschaften in den bĂŒrgerlichen Buchhandlungen herumzuschlagen. Aber in der Buchhandlung WeltbĂŒhne, da ist man Mensch, da darf manâs sein.
Es war halbfĂŒnf. âUm sechs Uhr muĂ ich in Köln sein, eine Wohnung besichtigenâ, sagte sie. Aber um sieben saĂen wir immer noch herum und lachten uns kaputt.
Als sie aufbrach, entdeckte sie den METZGER Nr. 54, dessen Cover von eben jener Karikatur verziert wurde.
Und wie lautete der Kommentar der Frau, die auch den Verlag Frauenoffensive und Frauen-Dies und Frauen-Jenes vertrat?
âEmanzenschocker? Hahaha! Emanzenschocker! Hihi! Was hast du denn da gemacht? Emanzenschocker! Hahaha! Das Heft nehmâ ich mit.â
Sehen Sie, es ist doch alles halb so wild.
Die BĂŒhne braucht eine Welt
Eine ganze Seite in der (wöchentlichen!) Studentenzeitung ak[due]ll:
Anmerkungen:
1. Wenn (in der Mitte der ersten Spalte) von âLieferantenâ die Rede ist, die sich ĂŒber zu viel Kleinabnehmer beschweren, dann sind damit speziell die MarktfĂŒhrer unter den Barsortimenten gemeint.
2. Im nĂ€chsten Absatz wird der WeltbĂŒhne-Slogan âGegen alles, was langweilig, spieĂig und prĂŒde istâ aufgegriffen. Ich sprach davon, daĂ es in der âlinken Bewegungâ (zurecht in GĂ€nsefĂŒĂchen) Auflösungstendenzen gibt, die die Schwierigkeiten fĂŒr eine (ohne GĂ€nsefĂŒĂchen) linke Buchhandlung nicht gerade verringern, und ich lieĂ der StoĂseufzer erklingen: âDie Linken, die können manchmal sehr langweilig, spieĂig und prĂŒde sein…â Ich wollte nicht die Kundschaft in die Pfanne hauen, sondern die Linken.
3. Mit den Postkarten, die Marvin Chlada âauf Anhieb sympathischâ waren, sind speziell solche gemeint, die â na sagen wir mal â ganz bestimmt nicht prĂŒde sind.
4. Die eigentĂŒmliche Schreibweise âak[due]llâ kommt daher, daĂ nach der Zwangsvereinigung der UniversitĂ€ten Duisburg und Essen die AbkĂŒrzung âdueâ verwendet wird.
Alles in allem:
Das ist doch ein sehr informativer und sorgfĂ€ltiger Bericht, den die Studentenzeitungsredakteurin Natalie Kajzer da verfaĂt hat!
Auch der Fernsehbericht von Monika Krahl vor drei Jahren im WDR war sehr ordentlich. ICH SOLLTE MICH VIELLEICHT MEHR MIT JUNGEN JOURNALISTINNEN UMGEBEN.
P.S.: Aber auch Thomas Becker (WAZ) und Ulrich Sander (UZ) schrieben nicht nur positiv, sondern auch gut. Siehe dort.
LSD ins Trinkwasser!
Auf einer Party kam ich mit einem ins GesprĂ€ch, den ich âvon frĂŒherâ und ânur vom Sehenâ kannte. Er erkannte mich: âJa, ich weiĂ noch, wie du uns immer geĂ€rgert hast, mit âLSD ins Trinkwasser!ââ.
Ja, das war Mitte der 70er Jahre an der Uni. Ich gehörte zu der kleinen, aber agilen Törn-Fraktion, von der ich mich nie (wie ĂŒberhaupt noch nie von etwas) distanziert habe. Und er war im MSB-Spartakus. Und, so erfuhr ich nun, der MSB Spartakus sprang damals im Quadrat, weil ich offensiv und konsequent die Parole âLSD ins Trinkwasser!â propagierte. Ich hĂ€ngte ein Schild mit dieser Forderung ĂŒber das Waschbecken. Ich schrieb die Parole mit Filzstift auf alle möglichen Plakate und auf die WĂ€nde, ich tippte die Parole mit der Schreibmaschine auf viele kleine Zettelchen und steckte die in die Manteltaschen in der Garderobe. Das wurde, so erfuhr ich nun, vom MSB Spartakus miĂbilligt. Diese Forderung sei falsch. Diese Forderung wirke sich auf die Studentenschaft desorientierend aus.
Richtig schlimm wurde es, als ich einen Aushang des MSB Spartakus verĂ€nderte. Die hatten eine ErklĂ€rung zur Hochschulpolitik ausgehĂ€ngt, die in einem Forderungskatalog gipfelte. Unter der Ăberschrift âWir fordern:â wurden sieben Forderungen aufgezĂ€hlt, und ich schrieb mit Kugelschreiber darunter: â8. LSD ins Trinkwasserâ.
Ich war fĂŒr die der Chaot, der Anarchist ausâm Eschhaus, ĂŒberhaupt: der Inbegriff. Vor mir muĂte gewarnt werden.
Ich möchte mal gern wissen, was aus denen spÀter geworden ist.







