Wolfgang Eppler in memoriam

Flohmarkt in Ruhrort. Siebziger Jahre. Es ist noch früh, noch gar nicht richtig hell. Viel heller wird’s auch nicht. Es hat geregnet, und der Himmel hängt immer noch voller dunkelgrauer Wolken. Es ist usselig. Es ist kühl. Man steht da in seinem Regenzeug und friert ein bißchen.
Da kommt noch ein Jüngsken angelaufen, klein, schmal, strähnige Haare, große Nase. Der findet zwischen zwei Ständen Platz, wo er eine Decke auf dem Boden ausbreitet, auf der er seine Waren legt. An sich kein Grund, davon besonders Notiz zu nehmen.
Bis Strähler mich aufmerksam macht: „Äh, hast du gesehen, was der da liegen hat?“
Ja, tatsächlich! Das ist doch ein Ding! Der hat da lauter Hitlerbilder und Naziklamotten.
Wolfgang Eppler und sein Bruder haben das auch gesehen: „Der packt Naziklamotten aus.“
Wir stellen uns zu viert um den Knaben herum und schauen uns das eine Minute an, wie er Stück für Stück weitere Hitlerporträts, Orden mit Hakenkreuz und „Mein Kampf“ aus seiner Kiste holt.
Dann ergreife ich das Wort: „Äh!“
Der Knabe schaut verwundert hoch. „Ja?“
„Pack dat weg!“
„Was?“
„Dat Nazizeug.“
„Warum?“
„Weil wir dat sonst wegpacken.“
Wir haben vom Regen und Wind zerzauste Haare. Strähler hat um seine Glatze einen buschigen Haarkranz. Wir tragen Friesennerze, an unseren Schuhen klebt Matsch. Eppler ist von uns der Größte, und sehr breit. Sein Bruder ist klein, aber sehr drahtig. Wir haben alle eine selbstgedrehte filterlose Zigarette im Mundwinkel und schauen sehr ernst.
Augenblicklich beginnt der Knabe, Stück für Stück seine Naziklamotten wieder einzupacken. Eine halbe Minute später hat er das Feld geräumt. Das hätten wir erledigt.
Später wird uns gewahr, daß der Knabe am anderen Ende des Platzes doch noch seinen Stand aufgebaut hat. Epplers Bruder schlendert zu ihm hin und kommt bald darauf wieder zu uns. Der Nazi-Knabe hat seine Sachen wieder gepackt und ist endgültig verschwunden.
„Wie hast du das denn gemacht?“
„Ich hab dem gesagt: ‚Hör mal, ich geb dir‘n guten Rat. Die Jungs da eben, die sind von der ganz harten Sorte. Die lassen überhaupt nicht mit sich spaßen. Es ist besser, du verschwindest jetzt.‘“

Diese Geschichte erschien in dem Buch „Der Gartenoffizier – 124 komische Geschichten“ (Situationspresse 2008). Der darin erwähnte Wolfgang Eppler erzählte gern von diesem Vorfall. Diese Geschichte ist nicht nur komisch, sondern auch typisch: Ernst nie ohne Unernst, Unernst nie ohne Ernst.
Wolfgang Eppler begann seine Tätigkeit als Buchhändler im Eschhaus-Buchladen. Später war er tätig im Buchladen Die Brücke (erst Ruhrort, dann Hochfeld). Nach der Vereinigung mit der Buchhandlung Agora (am Dellplatz) machte er sich als Antiquar selbständig, einige Zeit auf dem Pulverweg in dem Laden, in dem jetzt der traditionsreiche Musikladen Die Schallplatte residiert. Ich erinnere mich gern an die Gespräche und Fachsimpeleien dort im Hinterzimmer.
Es wurden nicht nur Geschichten und Erfahrungen ausgetauscht. Wolfgang Eppler war immer mit engagierter, wirksamer, uneigennütziger kollegialer Hilfe bei der Hand. Die Buchhandlung Weltbühne hat ihm viel zu verdanken.
Vorgestern, am Silvestertag, ist Wolfgang Eppler, unser Kollege und Genosse, 66jährig nach langer schwerer Krankheit gestorben.

Sova hat Insolvenz angemeldet

„1971 wurde die sova, sozialistische verlagsauslieferung gmbh als Auslieferung für Verlage der Studentenbewegung gegründet. Die verlegten Bücher mit emanzipativem Inhalt.
Als erste Auslieferung in Westdeutschland lieferten wir verlagsübergreifend gebündelt aus. Das war bei damals nur 5 Verlagen einfach, aber wir haben das Verfahren auch für jetzt 75 Verlage beibehalten und den Bündelungseffekt noch verstärkt. Erklärtes Ziel der Studentenbewegung war die Abschaffung des Kapitalismus. Deshalb wurde in der sova keine Macht des Eigentums über die Angestellten zugelassen. Und es gab keine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und keine formelle Hierarchie. Das ist auch heute so.
An der informellen Hierarchie arbeiten wir noch.“

Was klingt wie eine in die Gegenwart gerettete Zukunftsmusik, ist Vergangenheit:

„50 Jahren war die sova fester Bestandteil des deutschsprachigen Buchhandels, nun hat sie Insolvenz anmelden müssen. […] Einige Verlage sind schon vollständig bei ihren neuen Verlagsauslieferungen […]. Wir danken allen Kolleg:innen aus dem Sortiment für die jahrelange Zusammenarbeit.“

Den Kolleginnen und Kollegen der SoVA zu danken habe ich allen Grund.
Die Umstellung, die nun unumgänglich ist, wirkt sich auch in der Buchhandlung Weltbühne und für ein paar ihrer Kundinnen und Kunden hemmend aus. Ich bitte um Geduld und Verständnis. Wie weit die Folgen reichen für die linke Literatur, das wird sich zeigen. Und reden wir doch gleich über das linke Projekt an sich.
Es war immer und bleibt notwendig, Strukturen zu schaffen.
Wichtiger als Stimmanteile bei Wahlen sind – etwa – die Auflagen linker Zeritungen, um nur ein Beispiel zu nennen (und vor allem dann auch die inhaltliche und professionelle Qualutät solcher Medien). Zu den Strukturen, die es zu schaffen und überhaupt erst mal zu erhalten gilt, gehört die linke Gegen-Öffentlichkeit.
Die SoVA, aus der Studentenbewegung unmittelbar hervorgegangen, war ein solide wirtschaftendes, zuverlässiges Unternehmen des linken Buchhandels. Auf die SoVA konnten sich Verlage und Buchhandlungen – und damit auch Leserinnen und Leser, Autorinnen und Autoren verlassen.

Hat man doch schon mal gehört: Störtebeker

Ein altes Buchhändler-Sprichwort lautet:
Wie gut ein Verlag ist, erkennt man an seiner Back-List.
(Das ist die Liste der angebotenen Titel minus Neuerscheinungen, also die Alterschienenen).
Für die Qualität einer Buchhandlung gilt das gleiche: Erkenne sie, wenn Du nicht dauernd fragst: Was gibt es Neues, sondern Dich erkundigst nach den Standardtiteln.

Beispiel für heute:
Störtebeker. Seeräuber, Volksheld, Legende – eine Anthologie. Herausgegeben von Marvin Chlada.
Trikont Verlag 2017, 96 S. 10 €
Vom Volkslied bis zum Kurzroman: eine kleine Schatztruhe klassischen Schrifttums über das wilde Leben und Treiben des sagenumwobenen Seeräubers Klaus Störtebeker.
Mit Texten von Joachim Ringelnatz, Klabund, Georg Busse-Palma, Theodor Fontane, Adolph Hofmeister, Friedrich Köster, Otto Beneke, Ernst Deeke, Jacobus Temme, Achim von Arnim und Clemens Brentano.

Bestellt Bücher in der Buchhandlung Weltbühne und sonst nirgends.
Vor allem das VERSANDGESCHÄFT müßte dringend erweitert werden.
Emil-Adresse: bestellungen@buchhandlung-weltbuehne.de

Zögern Sie nicht. Helfen Sie uns mit Aufträgen.
WELTBUEHNE MUSZ BLEIBEN !

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Gegen Vergesslichkeit!

Vor wenigen Tagen habe ich verkauft: Ditte Menschenkind, das Buch von Martin Andersen Nexø. Dieses Buch des dänischen Schriftstellers war jahrzehntelang Standard-Titel in der Buchhandlung Weltbühne. Also hätte dieser Titel jetzt nachbestellt werden müssen.
Hätte! Aber:
Im VLB (dem Verzeichnis lieferbarer Bücher) ist dieser Titel nicht mehr aufgeführt. Keines von den zahlreichen ins Deutsche übersetzten Werken des Autors Martin Andersen Nexø ist in dem Katalog zu finden, für deutsche Verlage existiert er nicht mehr.
https://helmut-loeven.de/wp-content/uploads/2021/10/AndersenNexoe-1969-MiNr-1440.jpg
Generationen von Leserinnen und Lesern wurden von diesem Buch informiert, inspiriert und auch berührt, von dieser Literatur gewordenen Menschenfreundlichkeit! Ditte Menschenkind ist ein großes Werk der Weltliteratur.
Die Bedeutung von Martin Andersen Nexø ist auch belegt durch Werke wie Bornholmer Novellen und Pelle der Eroberer. Letzterer Titel wurde auch bekannt durch die Verfilmung von 1987 – ausgezeichnet mit der Goldenen Palme in Cannes und mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film.
Hier im Laden haben wir jetzt nur noch ein Stück von „Die Küsten der Kindheit – die schönsten Erzählungen“. Aber natürlich sind wir jedem, der sich für gute Bücher interessiert, bei der Suche in den Antiquariaten behilflich.

Bücher als Geschenk? Dann wird‘s die höchste Zeit!

Sie wollen ein Buch verschenken? Nicht irgendeins, das der Buchhändler (resp. die Buchhändlerin) Ihnen empfehlen wird), sondern ein bestimmtes, das der Buchhändler (resp. die Buchhändlerin) eigens für Sie besorgen soll?
Dann sollten Sie vorsorgen, daß die Zeit nicht zu knapp wird. Bestellen Sie am besten JETZT.
Die Corona-Krise setzt dem Einzelhandel zu, davon ist viel die Rede. Aber auch für den Zwischenhandel, der beim Buchhandel eine Schlüsselfunktion hat, tun sich Grenzen auf.
Ich erhielt von dem Barsortiment, das die Buchhandlung Weltbühne täglich beliefert, ein Rundschreiben an die Sortimenter. Darin heißt es:
Aufgrund der Auswirkungen der Corona-Pandemie mit allen bekannten Vorsichtsmaßnahmen, die wir zwingend einhalten müssen, und einer außergewöhnlich hohen Kranken- und Quarantänequote, können wir seit Anfang dieses Monats die Ihnen bekannte Lieferqualität nicht durchgehend leisten.
Obwohl wir unsere Personalstärke im Technischen Betrieb im Vergleich zum Vorjahr um fast vierzig Prozent erhöht haben, konnten leider nicht alle unvorhersehbaren Ausfälle ausgeglichen werden. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten seit Monaten bis an die Grenzen der Belastbarkeit und tun alles, damit Sie auch in dieser außergewöhnlichen Zeit pünktlich Ihre Ware erhalten.
(Hingewiesen wird auch darauf, daß durch Abstandsregeln nicht alle Plätze besetzt sein können).

Doch es sind nicht nur die Corona-Einschränkungen, die die Leistungen im Buch-Einzel- und Zwischenhandel beeinträchtigen. Es ist auch die allgemeine Markt-Entwicklung.
Dadurch, daß sich massenweise Vollidioten (die gar nicht merken, daß sie im Grunde Analphabeten sind) sich dazu hinreißen lassen, Bücher zu ordern bei dieser Online-Krake, deren Name hier nicht genannt wird, ist nicht nur der Branche bei den Einzelhändlern irreparabler Schaden zugefügt worden. In Folge davon schwinden auch die Kapazitäten im Zwischenhandel. Die Barsortimente (sofern es sie noch gibt) lagern geringere Bestände ein. Da kommt es immer wieder vor, daß Titel „Zwischenzeitlich nicht am Lager“ sind und längere Lieferfristen die Folge sind.

Allgemein gilt für jeden einsichtigen Menschen:
Unterstützt den (Buch-)Händler in eurer Nähe (oder, damit es auch verstanden wird: Support your local store).
Werdet nicht zu idiotischen Mittätern der Monopolisierung, der Verödung der Städte, des Verschwindens der Urbanität und asozialer Steuertrickserei. Wirkt nicht mit bei der Aushöhlung von Arbeitnehmerrechten.
Buchhändler und Buchhändlerinnen sind ehrbare Kaufleute. Sie leisten einen kulturellen Beitrag, stützen die Infrastruktur, kämpfen um ihre Existenz UND ZAHLEN STEUERN.

Kauft Bücher in der Buchhandlung.
Bestellt Bücher in der Buchhandlung Weltbühne (im Laden / im Postversand).
WELTBUEHNE MUSZ BLEIBEN.
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Herzlichen Glückwunsch Klaus Wagenbach!

Wenn ich hier niederschreiben wollte, was ich über Klaus Wagenbach sagen möchte, würde ich heute nicht fertig.
Als ich mich entschloss, an mein Unternehmen auch noch einen Buchhandel dranzuhängen, war „Wagenbach“ der Grundstock (besser: EIN Grundstock). Alles von Wagenbach, alle Quarthefte, alle Rotbücher, alles von Fried, alles von Brückner; was verkauft ist, wird nachbestellt solange lieferbar. Eine Zeitlang ließ sich das durchhalten.

Wagenbach-Brett in der Buchhandlung Weltbühne. Einiges dabei, was man sonst nirgendwo mehr findet?

Wollen Sie mal einen guten Film sehen, schauen sie hier:

auf der Homepage des Verlages gefunden.
https://www.youtube.com/watch?v=dk0rocCIlx4

Klaus Wagenbach, dem linken Verleger, ist die tröstliche Erkenntnis zu verdanken, daß „links“ nicht Schmalspur bedeuten muß (nicht bedeuten darf), daß zum Weiter-Denken stets Anlaß besteht, und auch die wertvolle Erkenntnis, daß „Kollektiv“ nicht unbedingt der größten Weisheit allerletzter Schluß ist (Motto: Kollektiv schön und gut, aber…).
Fazit: Durch Klaus Wagenbach und durch den Wagenbach-Verlag ist die Linke etwas weniger dumm – und mehr kann man wirklich nicht erreichen.

Wollen Sie mal ein gutes Buch lesen? Ein Buch mit gutem Inhalt und gut hergestellt:

Susanne Schüssler (Hrsg.), Klaus Wagenbach. Die Freiheit des Verlegers
Erinnerungen, Festreden, Seitenhiebe
352 Seiten. Gebunden mit Schildchen. 19,90 €
Erschienen 2010 zum 80. Geburtstag.
Das muß ein guter Verlag sein, in dem ein Buch, dazu noch ein gutes, zehn Jahre nach Erscheinen immer noch lieferbar ist. Es ist – nicht nur, aber besonders – gut zu lesen im Sommer unter freiem Himmel.

Bitte ordern Sie dieses Buch in der BUCHHANDLUNG WELTBÜHNE
Wir verkaufen Bücher im Laden und im Versand.

Gneisenaustraße 226
47057 Duisburg
Tel. 0203-375121
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Zitat:
Herzlichen Glückwunsch, Klaus Wagenbach, zum 90. Geburtstag!

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Verluste

„Wir werden immer weniger“, möchte man immer öfter sagen.
„Jeder ist zu ersetzen“, hört man oft.
Keiner ist zu ersetzen.

Jörg Schröder, der einst aus dem unbekannten, ruinösen Melzer-Verlag eine Marke machte, dann, 1969, den März-Verlag gründete und damit etwas zustande brachte, das als „erweitertes Verlegertum“ bekannt wurde – dem Namen MÄRZ ist kaum etwas hinzuzufügen.
Das taz-blog, das er gemeinsam mit Barbara Kalender führte, war übrigens Vorbild für Amore e Rabbia. Einige Zeit habe ich es studiert und mir zeigen lassen, wie man ein Weblog gestalten und das Medium nutzen kann.
Jörg Schröder ist am 13. Juni 2020 81jährig in Berlin gestorben.

Jürgen Ploog wurde von einigen als der wichtigste deutschsprachige Schriftsteller der Gegenwart angesehen. Dieser Einschätzung würde ich nicht widersprechen. Er gehörte wie Carl Weissner und Jörg Fauser zum Frankfurter Autoren-Kreis einer authentischen Beat- und Cut-up-Literatur. Bis 1993 war er Flugkapitän der Lufthansa; er lebte in Frankfurt und Florida und kann Vertreter transatlantischer Counter-Culture dastehen. Daß er zu den METZGER-Autoren gehörte wird gleich im ersten Satz des Wikipedia-Artikels erwähnt. Mit Gasolin 23 – gestaltet von Walter Hartmann – setzte er Maßstäbe für das Medium Zeitschrift.
Jörg Schröder und Jürgen Ploog hatten miteinander zu tun. Ploogs erstes Buch „Cola Hinterland“ erschien 1969 bei Melzer.
Jürgen Ploog ist am 19. Mai 2020 85jährig in Frankfurt gestorben.

Bitte einzeln eintreten

Am Montag, 20. April ist es wieder soweit.
Die Buchhandlung Weltbühne wird wieder geöffnet sein – und bleiben, wenn die Ordnungsämter unsere Hygienemaßnahmen nicht schlecht finden.
Kommet zuhauf – aber nicht alle auf einmal rein.
Kauft/bestellt Bücher beim Buchhändler, nicht beim Steuerabkürzer,
kauft/bestellt Bücher nicht am Amazonas, sondern auf der Gneisenaustraße.

WELTBUEHNE MUSZ BLEIBEN !

Sang- und klanglos

Die Verwunderung darüber, daß die Heine-Buchhandlung auf der Lotharstraße zugemacht hat, wird vielleicht von der Verwunderung darüber, daß es sie überhaupt noch so lange gab, übertroffen.

Öffnungszeiten! Die Buchhandlung (Universität gegenüber) hat im Semester an zwei Tagen geöffnet, jeweils für 5 Stunden, in den Semesterferien nur an einem Tag in der Woche, auch nur für 5 Stunden. Oder: Betriebsferien 6 Wochen lang.

In den 70er Jahren hat die Braunsche Buchhandlung (Stammhaus: Königstraße, damals eine der zehn größten Buchhandlungen in der BRD – heute gar nicht mhr existent) hier eine ihrer zwei Filialen aufgemacht, die von der Universität den Titel „Universitätsbuchhandlung“ bekam (so darf man sich nicht selber nennen).
Als Braun sein Unternehmen aufgab, übernahm die renommierte Essener Heinrich-Heine-Buchhandlung die Filiale, die durch ihre Unambitioniertheit geprägt war. Hier wurden zuletzt nur noch leere Regale verwaltet. Die AOK-Studentenberatung als Untermieter brachte ein bißchen Frequenz.

Ein Buchladen unter Vermeidung jeglichen Anflugs von Romantik.
Was macht ein Hauseigentümer mit einem leeren Ladenlikal?
Fast Food (fast Food)? Oder: Boutique? Oder Friseur? Oder: Schmartfons der übernächsten Generation – are you ready?

Arnold Zweig

In der Frankfurter Rundschau von Samstag erinnerte Wilhelm von Sternburg an den 50. Todestag von Arnold Zweig (heute).
Arnold Zweig (1887-1968) erlebte die Turbulenzen seiner Zeit und stellte sie in seinen Romanen dar. Der preußisch-konservative Nietzscheaner wurde durch den Ersten Weltkrieg zum Republikaner und entschiedenen Pazifisten. Die Nazizeit verbrachte er als Flüchtling in Palästina. Nach dem Exil lebte er in der DDR.
Aufmerksamkeit bekam er für seinen frühen Roman „Novellen um Claudia“ (1912) über die Seelennöte und inneren Kämpfe eines um Aufrichtigkeit in der Liebe ringenden jungen Paares, das gegen Vorurteile und Konventionen ankämpfen muß.
Den Ersten Weltkrieg hat er in einem Romanzyklus beschrieben. „…ich habe gelernt, wie der Bodensatz der Kreatur aussieht, aus dem wir gemacht sind“, läßt er eine seiner Romanfiguren sagen, „welcher Größe und welcher Gemeinheit Menschen fähig sind…“ Tucholsky schrieb in der Weltbühne: „Endlich einmal wird der Krieg gar nicht diskutiert, sondern mit einer solchen Selbstverständlichkeit abgelehnt, wie er und seine Schlächter es verdienen.“ Ebenso entschieden seine Haltung in dem Anti-Nazi-Roman „Das Beil von Wandsbek“.
„Fünfzig Jahre nach seinem Tod ist der Schriftsteller Arnold Zweig nahezu ein Vergessener“, stellt Sternburg fest und nennt im nächsten Satz den Grund: „Auf dem aktuellen Buchmarkt gibt es derzeit keine preisgünstige Taschenbuchausgabe mehr, sondern nur noch die bislang unvollendet gebliebene Gesamtausgabe des Aufbau-Verlages.“ In Zeiten, in denen (vor vier Jahren) an den Beginn des großen Völkergemetzels erinnert wurde und in diesem Jahr an das Ende, ist die Editionspolitik des Aufbau-Verlages rätselhaft.

Von den Taschenbuch-Ausgaben, einst bei Fischer und bei Aufbau erschienen, ist in der Buchhandlung Weltbühne nur noch ein schmaler Rest. Um die modernen Klassiker der humanen Literatur dem Vergessen zu entreißen, muß(te) man beizeiten bunkern, was eine kleine und in linken Kreisen gern ignorierte Buchhandlung gar zu sehr überfordert.
Die gebundene Sonderausgabe von „Junge Frau von 1914“ ist hier noch erhältlich, und von der Werkausgabe „Novellen um Claudia“, mit 23 Euro noch halbwegs erschwinglich.
Selbstverständlich besorge ich gern die anderen Bände.
Bitte bestellt Anti-Kriegs-Literatur (und nicht nur Anti-Kriegs-Literatur) in der Anti-Kriegs-Buchhandlung (und nur dort).
WELTBÜHNE MUSS BLEIBEN.

Wieder in der Weltbühne: Siegfried

„Siegfried“ ist eines von den Büchern, die nicht geschrieben wurden, sondern gesprochen (und dann vom Tonband abgetippt). Jörg Schröder diktierte sein Meisterwerk dem Kollegen Ernst Herhaus. Das war 1972.

Jörg Schröder erzählt sein Leben als Verleger. Nach einigen Stationen in der Branche stieg er als Geschäftsführer beim ruinösen, unbekannten Melzer-Verlag ein, machte Melzer zu einer Marke, die heute noch Klang hat. Josef Melzer dankte es ihm nicht. Er setzte Schröder vor die Tür und hatte das Nachsehen. Denn Jörg Schröder gründete von einem Tag auf den anderen (1969 war das) den März-Verlag. Die Melzer-März-Story ist der Kern der Verleger-Memoiren – oder sollte man sagen „Verleger-Plauderei“? Das spannende, höchst unterhaltsame Buch wurde zu einem Skandal. Genannten und auch ungenannten Personen standen die Haare zu Berge, weil Schröder frank und frei ausplauderte, was das Publikum doch eigentlich nicht wissen muß. Von richtig dicken kriminellen Dingern kann kaum die Rede sein. Doch das Publikum muß doch eigentlich nicht wissen, wie es so zugeht auf dem Markt der Ideen und Schoten, der Eitelkeiten und Eifersüchteleien. Die Erregung nebst Gerichtsverfügungen rundeten den Schkandal ab.
Der März-Verlag mit seinen chartakteristischen gelben Einbänden verschwand und tauchte immer mal wieder auf, z.B. im Verbund mit Zweitausendeins, was auch nicht gut ausging. Da und dort erschienen Reprints oder Sammelcassetten.
Für diesen Buchherbst ist aus Anlaß des 80. Geburtstags von Jörg Schröder am 24. Oktober die Neuausgabe von Schröders „Siegfried“ angekündigt, jetzt im Verlag Schöffling & Co. Wer sich beim Lesen gern vergnügt, dem ist geraten: unbedingt zugreifen! (544 S., 28 €).
Die Neuausgabe erscheint mit erheblich erweitertem Umfang. Ergänzt wird die Neuausgabe mit einer umfangreichen Vita mit zahlreichen Abbildungen und Faksimiles: „Das ganze Leben. Jörg Schröders Vita“ aufgezeichnet von Barbara Kalender.
Auf ein verwandtes Buch will ich Ihr Interesse lenken: „Immer radikal, niemals konsequent. Der MÄRZ Verlag. Erweitertes Verlegertum, postmoderne Literatur und Business Art“ von Jan-Frederik Bandel, Barbara Kalender, Jörg Schröder, Verlag Philo Fine Arts. Das ist nicht nur die Geschichte dieses Verlages, sondern zudem ein weiter Blick in die prograssive (Gegen-)Kultur, in der März-Verlag (sich aus-)wirkte.
Und dann gibt es noch die DVD „Die MÄRZ-Akte“, ein „Dokumentar“-Film mit dem unvergleichlichen Horst Tomayer. (Findet man alles in der Weltbühne).

Ernst Bloch. Schon mal gehört?

Ich weiß, diese Frage(stellung) mißbehagt zumindest den Frühgeborenen unter den Leserinnen und Lesern. Aber es ist doch so: An den Philosphen Ernst Bloch (1885-1977) erinnert man sich nicht mehr so oft und will es auch nicht. Der Philosoph, der vor 40 Jahren in Nachrufen auf der Höhe Platos geortet wurde, fand gestern bei Wikipedia in der Rubrik „Was gheschah am 4. August“ keine Erwähnung anläßlich des 40. Todestages.

Bloch wie man ihn kannte: Mit Pfeife in der DDR. Schriftstellerkongreß 1956. Foto: Bundesarchiv

Auf Ernst Bloch wurde ich aufmerksam gemacht Anfang Oktober 1967 anläßlich der Verleihung des Friedenspreises eines Buchhandels, in dessen Regalen man landauf landab nach den Werken des Preisträgers eher vergeblich suchen wird. Für den damals 17jährigen Aufbrecher waren da die richtigen Impulse zu empfangen. Ohne ein Blatt vor sich in freier Rede sprach da einer vom Aufrechten Gang, vom überschreitenden Denken, vom Menschen, der „noch nicht bei sich angekommen“ ist.
Utopie heißt hier nicht „nie und nimmer“, sondern das noch nicht Gewordene, das eigentlich schon Notwendige, aber noch nicht Gekommene. Dem entgegen steht das längst Verworfene, aber noch nicht Verschwundene.

Aus der DDR wurde er rausgeekelt, weil deren Kulturpolitik den Marxismus als etwas unumstößlich Abgeschlossenes in die Welt stellte. Das war 1961.
Als dunklen Punkt in der Biographie und im Werk Blochs wertet man seine positive Haltung zu den Moskauer Prozessen 1936-1938 und seine Lobesworte für Stalin Anfang der 50er Jahre. Da er beides später revidierte, kann man beides durchaus zu den guten Seiten zählen, weil ihn das für das hiesige Feuilleton ungenießbar macht.

Ernst Bloch Seminar Schein und Vorschein in der Kunst, Tübingen 1971. Wikimedia Commons

Nicht immer sind Zeiten des Aufbruchs (oder, im Blochschen Sinne: nicht in allen Zeiten ist das Aufbrechende überwiegend). Darum ist zu hoffen, daß das „Prinzip Hoffnung“ nicht verkommt zu einer Floskel von Fußballtrainern (dritte Liga, abstiegsgefährdet), als Redensart ohne Quelle.
In allen Zeiten aber ist der Aufbruch latent. Wäre das nicht so, dann wäre das „Experimentum Mundi“ gescheitert. An diesem Scheitern aber wird gearbeitet, ständig, beharrlich und mit Geschick. Das sollte man nicht vergessen.

Kommen Sie mal bei mir vorbei. Hier werden Sie fündig.
Aber auch:
Marvin Chlada: Rausch der Utopie. Eine Begegnung mit Karola Bloch. 1992 besuchte Marvin Chlada die Witwe Ernst Blochs in Tübingen und merkte, daß diese Frau zu Unrecht im Schatten ihres berühmten Mannes stand. In DER METZGER Nr. 91 (2010).

Wissen Sie, was morgen für ein Tag ist?

Morgen ist der 15. Juni 2017.
Am 15. Juni 1987, also 30 Jahre vorher, wurde die Buchhandlung Weltbühne eröffnet.
Vor fünf Jahren, zum 25jährigen Jubiläum, wurde noch ’ne kleine Party gefeiert mit Kaffee und Käsesahnetorte. Das Schild liegt noch da. Denn Schilder soll man achten.

Die Feierlaune vor fünf Jahren war allerdings getrübt durch bedenkliche Entwicklungen in der Branche, namentlich im Zwischenbuchhandel, denen man sich nicht so ohne weiteres entziehen kann. Was nützt aller Fleiß, alle Sparsamkeit, alle Erfahrung, wenn die Warenverkehrswege blockiert sind?
Daß die Buchhandlung diese Krisensituation überstehen konnte, war gar nicht sicher, gelang gewiß mithilfe einiger treuer Freundinnen und Freunde und trotz der Ignoranz nicht weniger Leerlauf-Linker, die sich mit einem politischen Anspruch schmücken, den sie nicht erfüllen. Es wurde sogar eigens eine Partei gegründet, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die einzige linke und antifaschistische Buchhandlung weit & breit nicht nur aus dem eigenen, sondern möglichst aus dem gesamtgesellschaftliche Bewußtsein zu verdrängen.

Der 30. Geburtstag geht ohne Aplomb vorbei, denn eigentlich ist es ja nur der Jahrestag eines Standortwechsels. Voran gingen 13 Jahre Buchladen im Eschhaus, und die Gründung als Verlag war 1968.
Hier gilt weiterhin die Methode: Es wird nichts remittiert und nichts verramscht. Was nicht verkauft wird, bleibt eben weiterhin im Angebot. Es gibt hier Bücher, die standen schon jahrelang im Eschhaus, um seither die Zeit auf der Gneisenaustraße zu verbringen.

Glückweünsche werden gern entgegengenommen, am liebsten verbunden mit einer Bestellung (es müssen ja nicht gleich 30 Bücher sein).
Lassen Sie doch einfach mal ein paar der regelmäßigen Empfehlungen Revue passieren.

Zum Beispiel dieses
oder jenes
oder dieses
oder jenes
und warum nicht dieses
und natürlich das hier!


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Alles war, nix is mehr (7)

nixis41Auf dem Dellplatz begann früher der Ostermarsch. Können Sie sich das vorstellen: Dieser Platz voll mit Menschen? Einige tausend Leute haben hier Platz.
Als der Ostermarsch-Auftakt dann (vor Jahren!) zur Königstraße verlegt wurde, haben sich bestimmt hier noch darüber nicht informierte Leute getroffen und gesagt: „Alles war, nix is mehr.“
Nächstes Jahr am Ostersamstag gehe ich hier hin, sammle die Letzten um mich und sage: „Kommt, wir fangen nochmal von vorn an!“ Dann gehen wir den Neo-Ostermarschierern entgegen und rufen „Ho – Ho – Ho-Tschiminh!“

nixis42Wie sinnig! Da, wo jetzt die Stadtsparkasse nicht mehr drin ist, ist jetzt so‘n Kreditheini drin.

nixis43Was von dieser Ecke am Dellplatz blieb, ist ihre Schönheit.
Was verschwand, ist die Buchhandlung Agora – vorher: Oststraße, klein und links, dann: Dellplatz, groß und nicht mehr ganz so links, dann: Pleite.
Ich habe sie alle überlebt.

nixis44Ach! Das Geschäft Droll gibt es noch. Droll Gaststättenbedarf. Hier kann man Kochtöpfe besonderer Größe kaufen oder Schilder, wo draufsteht „Für Garderobe wird nicht gehaftet“ etc. Im Schaufenster hängen auch tatsächlich noch ein paar Suppenkellen, ansonsten aber ist der Laden vollgestopft mit Second-Hand-Kram jeder Art.
Wir haben da früher immer stangenweise Plastikbecher gekauft für unsere Kaffee-Aktionen – Kaffee bei politischen Veranstaltungen 1 Becher 1 Mark.
Das kann sich heute kein Mensch mehr vorstellen: Kaffee aus PLASTIK-Bechern! Das ist ja so, als würde jemand sich irgendwo eine Zigarette anstecken!
Aber damals ging das.
(Ein Glück, daß ich nicht mehr rauche! Da brauche ich in keine Katakombe zu fliehen).

nixis45Also das ist das Café Graefen. Benannt darach, daß es von dem Künstler Eckard Graefen (siehe METZGER 19) gestaltet wurde.
Jetzt heißt das nur noch „Das Café“. Wieso wurde „Graefen“ gestrichen?
Ich war da übrigens nie drin.
Gucken Sie mal das Balköngsken über der Eingangstür. Zum Ausrufen einer Republik wohl nicht ideal.

nixis46Ebenfalls im Dellplatz-Orbit, doch hier ganz unauffällig: hinter den Fenstern im Parterre residierte einst der Herr Guido Oehler. Aber über den habe ich ja schon ein anderes Mal berichtet. Ich muß ja nicht alles zweimal erzählen.

Was ist der Akif Pirincci eigentlich für einer?

Auf dem großen Jahrestags-Aufmarsch der faschistischen Pegida-Bewegung in Dresden äußerte er sein Bedauern darüber, daß die Konzentrationslager nicht mehr in Betrieb sind.

Kannten Sie den vorher?
Geboren 1959 in Istanbul.
Was? 1959? Und dann will der schon mitreden?
Ein sauberer Herr, wie man sieht:
Schrieb in der neurechten Jungen Freiheit und dem rechtslibertären Blatt eigentümlich frei, im Online-Portal der Sezession und war sich auch nicht fies dafür, in dem neokonservativen Weblog „Achse des Guten“ sich in der Nähe von Henryk M. Broder herumzutreiben. Lesungen bei der AfD, bei der Danubia und anderen Burschenschaften, beim Witikobund etc.
Dem breiten Publikum ist er wohl durch Kriminalromane bekannt, in denen Katzen, ähnlich wie zuvor das Pferd Fury und der Hund Lassie, selbständig kriminalpolizeiliche Ermittlungen durchführen (wurde mir gesagt, hab ich so verstanden). Nach seiner Dresdner KZ-Rede, in der er nicht zum ersten mal besonders unflätig daherschwadronierte, haben nun die zum Bertelsmann-Konzern gehörenden Verlage seine Werke aus dem Programm gestrichen.
Die Manuskriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG steht fest & treu zu ihrem Autor.
„Deutschland von Sinnen. Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“ war der erste Titel, den der Verlag im VLB so vorstellt:
„Akif Pirinçci rechnet ab mit Gutmenschen und vaterlandslosen Gesellen, die von Familie und Heimat nichts wissen wollen, mit einer verwirrten Öffentlichkeit, die jede sexuelle Abseitigkeit vergottet, mit Feminismus und Gender Mainstreaming, mit dem sich immer aggressiver ausbreitenden Islam und seinen deutschen Unterstützern, mit Funktionären und Politikern, die unsere Steuern wie Spielgeld verbrennen.“ Und endlich ist der Satz zu Ende.
Wie ist es um ein Land bestellt, in dessen Sprache der gute Mensch ein Schimpfwort ist! Die „vaterlandslosen Gesellen“ sind das einzige geistige Erbe, das Kaiser Wilhelm hinterlassen hat (dabei wurde die Monarchie hier doch schon 1918 abgeschafft). Wenn Geld nicht mehr, wie bisher, zum Fenster hinausgeworfen, sondern neuerdings verbrannt wird, dann geht es dem Ende entgegen!
Im Ernst: Wer sich über feministische Gender-Sperenzkes nicht mehr lustig machen kann, sondern den Untergang des Kontinents darin herbeiahnt, dem läuft der Mund über. Politiker (!), Funktionäre (!!), Unterstützer gar (!!!) stecken unter einer Decke. Mit wem? Mit dem Islam! Sieht man doch! Und der breitet sich immer aggressiver aus. (Das Wort „zunehmend“ hätte hier gut hingepaßt).
Wer dann andere verwirrt nennt, fällt selbst hinein.
Die gottvolle Abseitigkeit des Sexuellen lasse ich mal unkommentiert. Aber nicht übersehen soll sein, daß die Frau, der Fremde und der Eros die Dreifaltigkeit des Schreckens bilden für den, der eine Familie braucht, um sich an Schwächeren abzureagieren (damit das Vaterland wieder richtig funktioniert).
„Dabei richtet sich Pirinçcis Kritik nicht gegen Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer,“ beteuert der Verlag, „sondern gegen deren kultische Verehrung durch Politiker und Journalisten.“ Klar doch. Wer ein richtiger deutscher Haßprediger werden will, muß (eigentlich gleich am Anfang) sagen, daß er nichts gegen Ausländer (Schwule, Flüchtlinge etc.) hat beziehungsweise daß er doch nun wirklich kein Rassist (Moralapostel etc.) ist, aaaber…
Das neue Machwerk, gewissermaßen das Buch zum Pedida-Jubiläum, hat den Titel „Die große Verschwulung“.
Ob es dem Eiferer in seinem Eifer schwant, daß er sich von dem eifernden Islamisten gar nicht so sehr unterscheidet?

Bitte bestellen Sie meine CD.

Bitte bestellen Sie meine CD.

Meine (allerdings, was er nicht weiß, ironisch gemeinte) „Anleitung für Rundumschläger“ beherzigt er, indem er uns mit „Demnächst“-Visionen unterhält:
„Der nächste Bundespräsident wird ein Travestiestar sein, der im Falsett auf Schlagerparaden die Nationalhymne singt.“ Ach! Ich dachte immer, das hätten wir schon längst gehabt.
„Schämen Sie sich, noch normal zu sein? Das Chaos wächst, im Dickicht der Geschlechter gibt es kein Halten mehr. Gewißheiten werden abgeräumt.“ So wurde zum Beispiel den Pegida-Anhängern der Abschied von der Gewißheit zugemutet, daß die Scheibe keine Erde ist. Aber nicht nur das: „Bienchen und Blümchen weichen den Aufklärungsmethoden aus den Laboren Dr. Frankensteins.“
Also sagen Sie doch mal selbst: Der ist doch plemplem.
Aber man soll sich nicht täuschen. Komisch ist das, aber nicht lustig, wenn einer mit seinem Haß auf alles, was für ihn den Anschein von Aufklärung und Modernität erzeugt, seinen geistigen Bankrott vorführt – und dafür den Massenjubel des Abschaums erntet.

VerschwulungWirNichtTreffer-Anzeige beim Barsortiment, an das die Weltbühne angeschlossen ist. „Führen wir nicht“. Da sieht man, wie weit der Islamimus uns schon im Griff hat. Denn auch die anderen Buch-Zwischenhändler boykottieren das Schwulenhasser-Buch.

Was ist das eigentlich für ein Verlag, diese „Manuskriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG“?
Harry Nutt schrieb in der Frankfurter Rundschau (22. Oktober 2015): „Verlagsgründer Thomas Hoof (Jahrgang 1948) […] hatte seit jeher ein Faible für grüblerisches Geraune mit deutschnationalen Untertönen.“ Vor 1989 war er Landesgeschäftsführer der Grünen in Nordrhein-Westfalen.
Da wächst ja mal wieder was zusammen.

Renate Rasp

Ich wußte gar nicht, daß die Schriftstellerin Renate Rasp (1935-2015) die Tochter des Schauspielers Fritz Rasp war. Ihr letztes Buch erschien 1979. Da könnte man meinen, es wäre nicht verwunderlich, daß man sie, sofern man sie erwähnt, bei den „Vergessenen“ einordnet.
Mitte der 60er Jahre als Debütantin erregte sie Aufsehen durch ein Erscheinen, das bis dahin als „nicht damenhaft“ angesehen wurde. Ihr Auftritt 1967 bei der Gruppe 47 war furios. Vielleicht erinnert sich noch jemand an ihren Auftritt bei der Buchmesse 1968 („ach, die war das?“), wo sie „ihre Lesung barbusig abhielt“, was von manchen von denen, die immer alles schon gewußt haben, als „billiger PR-Gag“ abgetan wurde. („Barbusig“ – was für ein Wort! Von „busig“ abgeleitet).
RaspSpiegelRenate Rasps Lyrik und Prosa war von einer brillanten Aggressivität. Darin war sie ihrer rasierklingenscharfen Kollegin Gisela Elsner (1937-1992) ähnlich.
Renate Rasps wohl am meisten verstörendes Buch war „Chinchilla“ (1973), das als Leitfaden zur praktischen Ausübung der Prostitution gelesen werden kann und eine völlig der Verwertung unterworfene Sexualität vorführt.
„Vergessen“ ist nicht nur eine psychische (Fehl?-)Funktion, sondern auch ein gesellschaftlicher Abwehrmechanismus.
VLBRaspFehlanzeigeDieses Bildschirmfoto zeigt die Trefferquote für die Suche nach „Renate Rasp“ in Verzeichnis lieferbarer Bücher (VLB).
Renate Rasp war mit dem Schriftsteller und Kabarett-Exporten und -Historiker Klaus Budzinski (geb. 1921) verheiratet. Auch von seinen Standardwerken über das Kabarett ist keines mehr lieferbar.
RaspChinchillaAls ich „Chinchilla“ las, hatte ich das meiste noch vor mir.

Time for Change: Yanis Varoufakis

Ab Mitte kommender Woche in der Weltbühne – um Vorbestellungen wird gebeten:
Yanis Varoufakis: Time for Change. Wie ich meiner Tochter die Wirtschaft erkläre.
Carl Hanser Verlag. 184 S. Fester Einband. 17,90 Euro
Veroufakis_DieWelt_P05.inddMitteilung des Verlags:
„Erfrischender Querdenker – oder Totengräber des Euro? Yanis Varoufakis, ehemaliger Finanzminister von Griechenland, vertritt Thesen, die so kontrovers diskutiert werden wie sein Outfit. In lässigen Auftritten erklärt er die Welt, redet Klartext, wo andere nur Worthülsen produzieren. Viele Menschen berührt er sympathisch, andere sehen in ihm den Leibhaftigen. Wer ist er wirklich, was treibt ihn um? Varoufakis ist ein Meister darin, ökonomische Fragen mit der Geschichte der Kolonialisierung, mit den Matrix-Filmen und aktuellen Bezügen zu verbinden. Sein Buch will Interesse an der Wirtschaft wecken und bezieht leidenschaftlich Position für den Menschen und gegen eine Ökonomie der Unterdrückung.
Yanis Varoufakis, Jahrgang 1961, ist ein griechisch-australischer Wirtschaftswissenschaftler und Autor zahlreicher Buch- und Zeitschriftenpublikationen. Er war Professor für ökonomische Theorie an der Universität von Athen und an der Lyndon B. Johnson School of Public Affairs der Universität in Austin, Texas. Von Januar bis Juli 2015 war er Finanzminister der Regierung unter Alexis Tsipras.“
Konkret (August 2015):
„Daß Yannis Varoufakis, der ‚Rockstar der Ökonomie‘, der ‚linke Posterboy‘, der ‚Edelkommunist‘ oder schlicht der ‚Demagoge‘ (Qualitätspresse), es nicht versucht hätte, wird man ihm nicht nachsagen können. Daß Schäuble, Merkel, Dijsselbloem und Draghi nur Bahnhof oder Kommunismus verstanden haben, als der griechische Finanzminister ihnen ein ums andere Mal wenigstens ein Grundverständnis der kapitalistischen Wirtschaftsweise vermitteln wollte, kann man ihm nicht vorwerfen. Denn daß er in einfacher Sprache ökonomische Zusammenhänge erklären kann, belegt der griechische Wirtschaftswissenschaftler in seinem Buch Time for Change. Wie ich meiner Tochter die Wirtschaft erkläre.“

Dieses Buch (und der Erwerb desselben – die Lektüre erst recht) ist ein (wenn auch kleiner) Störfaktor gegen die Europa-Demagogie der Herrschenden. Dieses Buch zu lesen ist ein Akt des zivilen Ungehorsams in einer Zeit, in der eine deutsche Regierung ungeniert und unverhohlen zum Hass gegen ein anderes Volk aufstachelt!
Die Buchempfehlungen in diesem Weblog sind stets mit der Empfehlung verbunden, die Bücher in der Buchhandlung Weltbühne zu kaufen. Für dieses Buch gilt das umso mehr.
Kaufen Sie / bestellen Sie dieses Buch in der Buchhandlung Weltbühne, um Dissens zu stiften, wo Dissens vonnöten ist und mehr als ein Bekenntnis. Weil es auch auf den nächsten und übernächsten Schritt ankommt, muß Weltbühne bleiben.
Reden Sie sich nicht damit heraus, daß die Reise nach Neudorf mit der Postkutsche zu beschwerlich ist. Behaupten Sie nicht, Sie hätten nicht gewußt, daß die Buchhandlung Weltbühne auch eine Versandbuchhandlung ist.