Zwei Tage hintereinander ohne ein neues Notat! Die Produktion für dieses Weblog drohte zwischenzeitlich ins Hintertreffen zu geraten, weil ich mich einer anderen kulturwahrenden Aufgabe zuwenden mußte. Ich nahm mir vor, das blödeste aller Wörter aus der Internet-Enzyklopädie Wikipedia zu entfernen.
Letztendlich mußte mein Vorhaben scheitern, das Blöd-Wort „letztendlich“ zu entflechten.
„Letztendlich“ ist eine Sprach-Mutation, die aus der Floskel „letzten Endes“ hervorgegangen ist. Das ist Quatsch. Das Ende ist immer das letzte. Ein vorletztes Ende gibt es nicht.
Die Wikipedia-Autoren sollten sich entscheiden, ob sie „letztlich“ oder „endlich“ sagen wollen. Doch meistens kann man sich die Entscheidung sparen. „Nixon gewann letztendlich die Wahl.“ Nixon gewann die Wahl. Punkt. Da ist auch „letztlich“ und „endlich“ genauso überflüssig wie der Oberblödsinn „letztendlich“. Mit „letztendlich“ ist der Wegespfad gepflastert, auf dem der Sturzfall der Verbalsprache ins Hölleninferno der Hohlphrase gleitet.
Es gibt ein noch blöderes Quatschwort, nämlich „schlußendlich“.
Dank Wikipedia erfährt man, daß Rapid Wien im Jahre soundso „schlußendlich“ österreichischer Fußballmeister wurde und welcher Rennfahrer auf dem Nürburgring „schlußendlich“ gewonnen hat. Das ist der Höchstgipfel! Das ist der oberste Höhepunkt wortsprachlicher Doofverblödung!
Einer, der bei Wikipedia jedes Flüßchen Meter für Meter beschreibt, kommt am Ende dann auch immer zum Schluß: „Die Themse mündet schlußendlich in die Nordsee.“ „In Koblenz mündet die Mosel schlußendlich in den Rhein.“ Ja, wer hätte gedacht, daß am Ende Schluß ist mit dem Fluß? Auf diesen Denk-Gedanken wäre ich nie gekommen! Ich hätte gedacht, daß die Mosel durch den Rhein hindurchfließt und am anderen Ufer wieder rauskommt. Wenn das Schlußende eines Flusses die Mündung ist, dann ist die Quelle wohl der Anfangsbeginn.
Nach etwa 50 Tilgungen gab ich auf, weil mir gewahr wurde, daß die beiden Unwörter in Wikipedia mehr als 8.000 mal vorkommen. Da erschien auch eine Mitteilung auf meinem Monitor: „In der Sache hast Du ja Recht, aber du solltest die anderen Teilnehmer nicht so hemmungslos beleidigen.“ Dabei hatte ich meine Veränderungen doch bloß damit begründet, daß „letztendlich“ ein Idiotenwort, „schlußendlich“ ein Vollidiotenwort ist.
Erstaunlicherweise treffen zwei Phänomene aufeinander, die einander widersprechen. Wie paßt die zunehmend allgemein generelle Verwendung überflüssiger Füllsel zur zunehmend allgemein generellen Sprach-Trägheit? „Ini“, „Flugi“. „Sympi“ – diese Wörter haben wohl keine Zukunft, weil sie aus mehr als einer Silbe bestehen. Seit 20 Jahren dürfen die Leute aus Meck-Pomm Urlaub in der DomRep machen. Die Justizministerin heißt demnächst LeutSchnarr. Und der Philosoph des Pessimismus heißt bald nur noch „ArtSchop“.
Den Leuten von heute geht nur dann der Mund über, wenn sie nichts zu sagen haben.
Wenn ich Richter wäre und ein Zeuge mir etwas von der DomRep erzählen würde – den würde ich in Beugehaft nehmen, und zwar so lange, bis der sich durchringt, „Dominikanische Republik“ zu sagen! Ich fürchte aber, die gesetzliche Begrenzung der Beugehaft von sechs Wochen würde dafür nicht reichen.
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Meine Schwierigkeiten mit den Frauen
Meine Berliner Freundin hat mich zurechtgewiesen:
„Sag doch nicht sowas wie ‚Die zue Tür‘.“
„Aber ich hab‘ doch vor der zuen Tür gestanden!“
„Schlimm genug, sowas zu sagen. Aber so schreibst du ja auch.“
„Ich bin ein deutscher Schriftsteller. Ich bin Sprachschöpfer. Ich setze die Maßstäbe. Wenn ich ‚Draht‘ mit ‚i‘ schreip, dann is dat richtich.“
„Die ‚zue Tür‘ ist ja schon schlimm. Aber ‚aufe Tür‘ geht wirklich nicht.“
„Hast du mich denn nicht eben durche aufe Tür kommen seh‘n? Wenn ich so schreip, dann is dat Litteratur.“
Sie findet, meine großzügigen Formulierungen würden Leute verwirren, die Deutsch als Fremdsprache sprechen. Sie geht viel mit Ausländern um und spricht mehr Englisch als Deutsch.
Mit mir spricht sie jetzt gar nicht mehr. Das „ane Radio“ war ihr zu viel. Ich verstehe das. Denn sie heißt Anne.
Meine Bonner Freundin redet schon lange nicht mehr mit mir. Das ist schade, denn ich hatte mir schon in frühester Jugend gewünscht, mal eine Freundin zu haben, die Erika heißt. Ich hab mich immer gefreut, wenn das Telefon klingelte und ich dann hörte „Hier ist Erika.“ Ich finde den Namen so schön.
Eine nach der anderen will von mir nichts mehr wissen. Bin ich denn so unerträglich? (Das habe ich meine Duisserner Freundin gefragt, und sie hat darauf nicht geantwortet).
Ich habe wirklich nicht mehr viel Glück in der Liebe. Vielleicht sollte ich jetzt mal einen Lottoschein abgeben.
Meine Essener Freundin, die Lina – ich glaube, die mag mich noch. Aber was nützt die relative Nähe dieses Freundinnen-Quartiers, wenn die dauernd in der Weltgeschichte herumgondelt und nie da ist!
Sie hat letztens in einem Internetforum geschrieben, die Materialität des Universums sei nicht beweisbar: „Indem ich denke, kann ich meine Existenz nur mir beweisen“, schrieb sie. Jaja, Descartes und so. „Ich denke, also bin ich.“ Vielleicht ist die ganze Welt nur geträumt. Wer denkt, der ist (und wenn er auch noch ißt, ist die Existenz nicht nur bewiesen, sondern auch gesichert).
Das erinnert mich an Jenny.
Die träumte einst, sie sei ein Schmetterling. Jenny ging sogar noch weiter als Descartes. Denn Jenny war sich nicht sicher: „Bin ich ein Mensch, der träumt, er sei ein Schmetterling, oder bin ich ein Schmetterling, der träumt, er sei ein Mensch?“
Lina, du Kluge, du Starke, du Schöne, ich weiß, daß du das liest! Sei es wie es sei, Mensch oder Schmetterling: Komm doch mal wieder nach Essen geflattert. Dann können wir uns wieder öfter sehen und an einem Sommertag wieder zum Entenfang gehen. Und in der danachen Sommernacht probieren wir dann, ob es die Existenz wirklich gibt.
Die Erde ist rund, und es gibt „Debatten“
Daß die Erde nicht flach, sondern rund ist, ist hie und da sogar schon zu einer simplen Doktrin geworden. Da kann die Jungle World nicht untätig bleiben, die seit über einem Jahrzehnt als Dogmen-Spezialist wirksam ist. Sie brachte eine als „Dossier“ titulierte sechsseitige Wortanhäufung unter dem Titel „Ein Plädoyer für einen Feminismus in der antideutschen Gesellschaftskritik“, verfaßt von Leuten, die, anstatt sich mit Vor- und Nachnamen vorzustellen, als „Antifaschistischer Frauenblock Leipzig“, abgekürzt „AFBL“ in Erscheinung treten. Und so hört sich das auch an. So redet kein Mensch. So redet eine Gruppe.
So geht es los:
„Der antideutschen Kritik ist es unter anderem zu verdanken, daß in einem langwierigen Prozeß bis dato zumeist selbstverständliche linke Standards nicht unreflektiert blieben.“ Ach nee! „Diese Banalität (das steht da wirklich: „Banalität“) ist weiterreichend, als sich auf den ersten Blick vermuten läßt. … Es wurde mit der die Linke zweifellos spaltenden Diskussion möglich, … die erworbenen Theorieversatzstücke grundlegend infragezustellen. … Antisemitismus auf die Agenda insbesondere einer Linken in Deutschland zu setzen, war nur möglich mit dem Aufgeben bisheriger Sicherheiten, die hie und da schon zu Dogmen geworden waren.“
Was hat diese „eine Linke in Deutschland“ in den letzten Jahrzehnten denn anderes veranstaltet als einen Wettbewerb, wer zuerst die „bisherigen Sicherheiten“ aufgibt? Diese „eine Linke in Deutschland“ wechselt die Meinungen schneller als die Hemden. Umso konstanter ist ihr geschwollener Jargon, das einzige, das nicht über Bord geht. Die sorgsam satzverlängernden Partizipien sind die Nippes-Figuren ihrer Sprache. Floskeln wie „unter anderem“, „zumeist“, „insbesondere“ dienen nicht nur dazu, den Sätzen die Länge eines Bandwurms und dem ganzen Text die Quantität einer theoretischen Abhandlung zu geben, sondern auch dazu, die Aussagen einzuschmieren, damit sie aalglatt werden und jeder Widerspruch abrutscht. Dabei passieren dann solche Satzbeinbrüche wie der, der Antisemitismus sei „auf die Agenda zu setzen“.
In dem „Dossier“ geht es wohl irgendwie um die weltbewegende Frage „Wie halten es die Antideutschen mit dem Feminismus“. Als ob das nicht piepegal wäre, wie die Antideutschen es mit dem Feminismus halten!
Umgekehrt wird ein Pantoffel draus: Wie halten es die letzten Mohikanerinnen des Feminismus mit den Antideutschen?
Die Manie, überall unbedingt dabeisein zu müssen, wo die letzten Mohikaner der „undogmatischen“ Linken „Debatten“ zelebrieren, treibt sie an. Wenn irgendwo ein Tisch steht, an dem drei Leute sitzen, müssen die sich unbedingt dazusetzen, um ihren Sermon aus abgestandenen Phrasen anzubringen. Alles schon hundert mal gelesen, alles schon hundert mal gehört und alles schon hundert mal begähnt und beschnarcht. Die sind vor gar nichts fies und schrecken noch nicht einmal davor zurück, sich bei der Idiotensekte der Bahamiten anzubiedern.
Nun ja. Wer weiß, wozu es gut ist.
aus DER METZGER 83 (2009)
Deutsches Sprache
Vor ein paar Tagen, um Mitternacht, hörte ich von der Straße her folgende, von mehreren Personen männlichen Geschlechts vorgetragene Äußerung (ich zitiere wörtlich):
„Wööööh! Öbbööö! Wööhöö Deutschlandöööh!“
Letzte Nacht, um Mitternacht, hörte ich von der Straße her eine Frauenstimme:
„Wir haben Deutschland geschlaggeeen!“
Was hört sich besser an?
Der Sprachpflege wäre es zuträglich, wenn
a) man mehr Ausländer ins Land holt,
b) die deutsche Nationalmannschaft öfter ein entscheidendes Fußballspiel verliert.



