Nicht die Tat macht dich zum TĂ€ter, sondern das Urteil

Der Deutsche Jens Söring (45) wurde 1990 im US-Bundesstaat Virginia wegen zweifachen Mordes zu lebenslangem GefĂ€ngnis verurteilt. Das BemĂŒhen der Verteidigung, den Mann an die deutsche Justiz zu ĂŒberstellen (wo er mit seiner baldige Entlassung rechnen könnte) ist jetzt, 22 Jahre nach dem Urteil, erneut gescheitert. Der Begnadigungsausschuß in Richmond lehnte den Antrag ab.
Laut Urteil soll Söring die Eltern seiner LebendgefĂ€hrtin getötet haben. Er hat die Tat gestanden. SpĂ€ter widerrief er sein GestĂ€ndnis. Er habe seine Freundin, die die Tat begangen habe, durch sein GestĂ€ndnis schĂŒtzen wollen.
Bei der achten Anhörung vor dem Begnadigungsausschuß, so berichtet die WAZ, hĂ€tten „mehrere hochkarĂ€tige Ermittler ausgesagt, daß er unschuldig sei“. Und der Schlußsatz lautet: „Warum der Ausschuß diese Einlassungen unberĂŒcksichtigt ließ, ist nicht bekannt“.
Dabei ist die Antwort ganz einfach:
Weil es nach US-amerikanischem Recht bei der ÜberprĂŒfung eines Urteils gar keine Rolle spielt, ob jemand schuldig ist oder nicht. So jedenfalls ist die Rechtspraxis.
Die US-Justiz ist konservativ – noch konservativer als die deutsche. Aus der Sicht konservativer Juristen ist ein Justizirrtum gar nicht möglich. Das Urteil eines Richters ist eine Tatsachenentscheidung. Eine Tatsachenentscheidung wird Tatsachenentscheidung genannt, weil Tatsachen dabei unerheblich sind. Die Entscheidung ist ĂŒber Tatsachen erhaben. Eine Tatsachenentscheidung richtet sich nicht nach Tatsachen, sondern schafft welche. Wer verurteilt ist, ist schuldig. Wo kĂ€men wir denn hin, wenn man das Urteil eines Richters, einer AutoritĂ€t, einfach so anzweifeln dĂŒrfte! Das wĂ€re ja die reinste Anarchie!
In den USA ist eine solche Praxis besonders ausgeprĂ€gt. Aber auch in der deutschen Rechtsgeschichte gibt es Beispiele dafĂŒr.
Das konservative Diktum lautet nicht „fiat justitia“, sondern „Ordnung muß sein“. FĂŒr die Konservativen hat bei der Rechtsprechung nicht Gerechtigkeit und Wahrheit höchsten Rang, sondern das Ansehen der Justiz. Dieses wird nicht durch einen Justizirrtum beschĂ€digt, sondern durch das EingestĂ€ndnis eines solchen.
WĂŒrde man einem Romney-WĂ€hler sagen, daß in den USA viele Unschuldige im GefĂ€ngnis sitzen, dann wĂŒrde der antworten: „Na und?“

Oder sehe ich das falsch?

Offener Brief an den Chefredakteur der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung

Sehr geehrter Herr Reitz.
In der Ausgabe Ihrer Zeitung vom 30. August 2012 auf der letzten Seite (der Kinderseite) ist zu lesen: „Wie wird gewĂ€hlt? Die Menschen in den USA wĂ€hlen den PrĂ€sidenten nicht direkt. Sie stimmen fĂŒr sogenannte WahlmĂ€nner. Diese Vertreter wĂ€hlen spĂ€ter den PrĂ€sidenten. Damit die Amerikaner den PrĂ€sidenten bekommen, den sie haben wollen, mĂŒssen sie sich bei der Wahl fĂŒr WahlmĂ€nner entscheiden, die spĂ€ter in ihrem Sinne stimmen werden.“
Wie können Sie es dulden, daß in Ihrer Zeitung ein solcher Blödsinn verzapft wird? Dazu noch auf der Kinderseite! Kinder mit falschen Informationen zu verwirren gehört sich nicht.
Bei der Wahl zum PrĂ€sidenten können die als WĂ€hler registrierten BĂŒrger der USA einem Kandidaten ihre Stimme geben. Die eigentliche Wahl des PrĂ€sidenten erfolgt danach durch Electors („WahlmĂ€nner“. Es können auch Frauen sein). Jeder Bundesstaat hat so viele Electors wie Abgeordnete im Kongreß (ReprĂ€sentantenhaus und Senat). Hinzu kommen drei Electors fĂŒr den Distrct of Columbia (Hauptstadt Washington), der zu keinem Bundesstaat gehört.
Die Electors werden nicht gewĂ€hlt, sondern ernannt, und zwar vom Parlament ihres Bundesstaates. Electors dĂŒrfen nicht Abgeordnete und Regierungsmitglieder sein und in kein Amt gewĂ€hlt sein (Sheriff, AnklĂ€ger, Richter etc.). Die WĂ€hler haben keinen Einfluß darauf, wer als Elector den PrĂ€sidenten wĂ€hlt.
Die Electors treten nach der Wahl in der Hauptstadt ihres Bundesstaates zusammen und geben ihre Stimme ab. Die einzelnen Abstimmungsergebnisse werden in die Hautstadt Washington ĂŒbermittelt und dort zusammenaddiert.
Es ist Tradition, daß alle Electors ihre Stimme dem Kandidaten geben, der – ob mit deutlicher oder mit knapper Mehrheit – in ihrem Bundesstaat die meisten Stimmen von den WĂ€hlern bekommen hat, und so geschieht es in der Regel. Es geschieht aber auch immer wieder, daß einzelne Electors eine abweichende Stimme abgeben und einen anderen Kandidaten wĂ€hlen – oder sogar jemanden, der gar nicht kandidiert hat. Dazu sind sie in fast allen Bundesstaaten berechtigt. Nur in wenigen Bundesstaaten sind sie gesetzlich verpflichtet, sich an das Votum des Wahlvolks zu halten.
So ist das und nicht anders. Aber wenn ich solche Nachrichten wie die zitierte lese, dann könnte ich vor Wut die Wand hochgehen, aber nicht bei mir, sondern in Ihrem BĂŒro. Dazu mĂŒĂŸten wir einen Termin vereinbaren.
Bis dahin sollten Sie Ihre Leser richtig informieren und zumindest die zustÀndigen Ressorts in Ihrem Hause anhalten, keine falschen Sachverhalte zusammenzuphantasieren.
Und da wir schon mal dabei sind:
Nein, Rainer Langhans hat nicht die Kommune I gegrĂŒndet, Ronald Biggs war nicht der AnfĂŒhrer der PostrĂ€uber, Lenin hat nie gesagt „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ und in der Bibel gibt es keine heiligen drei Könige und keine zehn Gebote.

DER METZGER Nr. 102

Soeben erschienen ist die Ausgabe Nr. 102 des satirischen Magazins DER METZGER.


Das steht drin:

Helmut Loeven: Das wird nix mit Peer SteinbrĂŒck. Ist der SPD-Kandidat ĂŒberhaupt ein Kandidat der SPD? Das wird oft gefragt. SteinbrĂŒcks Nachteil: Er vertritt die Politik, mit der Schröder sich unbeliebt machte. SteinbrĂŒcks Vorteil: Die Leute haben ein schlechtes GedĂ€chtnis.

Atomwaffen: Hat es auch Methode, es ist doch Wahnsinn. Auch nach dem „Ende des Kalten Krieges“ bleiben Atomwaffen in Deutschland stationiert. Sie werden noch „gebraucht“.

Nachrichten.

Jakop Heinn: Von SteigbĂŒgelhaltern und Profiteuren. Hitler im DĂŒsseldorfer Industrie-Club 1932. Industiekonzerne und Banken unterstĂŒtzten Hitler nicht nur, weil er ihnen versprach, den Marxismus auszurotten und die Gewerkschaften zu zerschlagen, sondern auch, weil er ihnen einen Weltkrieg versprach, von dem sie auch profitierten. Über ein Buch von Ulrich Sander ĂŒber die Verbrechen der deutschen Wirtschaft 1933-1945.

Max Reinhardt: Herzschuß. Der Konflikt zwischen Regierung und linker Guerilla auf den Philippinen aus der NĂ€he betrachtet. Heiligt sozialistischer Zweck die verdrehte Wahrheit?

Helmut Loeven: Das philosophische Kabarett. Diesmal: Der Lateiner hat das Wort; Der vierte Platz bei der Olympiade; BrĂŒckenabriß, Anne im Spiegel; Das Teller? Die Haus? u.a.

Antworten.

LĂŒtfiye GĂŒzel: Herz-Terroristin. Sieben Gedichte.

Tagebuch.

HEL (Herbert Laschet-Toussaint): Auf den Gassen von Athen. Gedicht.

Das Heft kostet 3 Euro. Es ist in der Buchhandlung WeltbĂŒhne erhĂ€ltlich (auch im Versand).
Wer schlau ist, hat abonniert und kriegt das Heft in den nÀchsten Tagen zugeschickt.
Ein Abonnement von DER METZGER kostet 30 Euro fĂŒr die nĂ€chsten 10 Ausgaben oder 50 Euro fĂŒr alle zukĂŒnftigen Ausgaben.
Die Ausgaben ab Nr. 18 (1972) sind noch erhÀltlich (komplett im Sammelpaket oder einzeln). Die Ausgaben Nr. 1-17 (1968-1972) sind vergriffen.

Die neue Pelikan-CD ist da

Die neue CD von A.S.H. Pelikan ist soeben erschienen:

Kurz vorm Durchbruch. 12 deutschsprachige Rocksongs der Band „Al und die Hollywood Rats“ aus den Jahren 1987/88.
Besetzung: Pelikan (voc), Tom Dudda (bass), Tom Weingarten (drums), Rolf Maibaum (git), Ernie Galla (git).
16-seitiges Booklet mit 20 Fotos und Geschichten zu jedem einzelnen Song.
Die CD kostet 13 Euro und ist in der Buchhandlung WeltbĂŒhne erhĂ€ltlich, auch im Versand.
Lassen Sie sich nicht einreden, daß es diese CD nicht gibt.
Und lassen Sie sich nicht einreden, daß diese CD woanders erhĂ€ltlich ist.

Diese CD ist die fĂŒnfte einer Reihe von sechs CDs, die mit dem Erscheinen der sechsten im nĂ€chsten Jahr abgeschlossen sein soll. Auch die bisherigen vier CDs sind noch in der WeltbĂŒhne vorrĂ€tig:
Welcome to Chilligoo (2008)
The Wizard of OTZ (2009)
Showtime in NeumĂŒhl (2010)
Besser als nichts (2011)

P.S.: Das Geheimnis von Lopezzo und Schnack schien geklĂ€rt. Aber Nein! Nach LektĂŒre des Booklets sind diese geheimnisvollen Gestalten noch rĂ€tselhafter.

 

Das wird nix mit Peer SteinbrĂŒck

Wie viele Leute den SteinbrĂŒck nicht wĂ€hlen werden, weil „Peer“ ein zu ungewöhnlicher Name ist, weiß im Moment noch keiner. Mit IrrationalitĂ€t ist allerdings immer zu kalkulieren, wenn es um die Demokratie in Deutschland geht.
Irrational ist die Entscheidung der SPD fĂŒr diesen Kanzlerkandidaten insofern, daß diese Partei nur zu irrationalen Entscheidungen fĂ€hig ist. Diese EinschĂ€tzung wird auch dadurch nicht widerlegt, daß sie ja manchmal mit ihren Entscheidungen Erfolg hat.
Kaum war der Kanzlerkandidat der SPD gekĂŒrt, fragte man sich ĂŒberall, ob der SPD-Kandidat ĂŒberhaupt ein Kandidat der SPD ist. Aber man erinnere sich mal an die Ära Schmidt. Damals wurden Sozialdemokraten wie Coppik und Hansen ja gerade darum ausgegrenzt und ausgeschlossen, weil sie sich an Parteiprogramm und ParteitagsbeschlĂŒsse hielten. Sowas gehört sich nicht in der SPD.
SteinbrĂŒcks Nachteil ist seine Beredsamkeit. Damit hat er keine Chance gegen die Merkel, denn die kann nicht reden. Den SteinbrĂŒck versteht man nicht. Zwar haben die Leute den Brandt, den Schmidt und den Schröder auch nicht verstanden, aber Brandt war eben Brandt und Schmidt war Schmidt. SteinbrĂŒck hat auch nicht die einnehmende HemdsĂ€rmeligkeit wie Schröder. Aber der Schröder wurde darum gewĂ€hlt, weil die Leute den dicken Kohl einfach nicht mehr sehen wollten. Die Merkel wird noch ertragen. Und sowas dauert.
Ein weiterer Nachteil fĂŒr SteinbrĂŒck: Er vertritt genau die Politik, mit der Schröder sich unbeliebt machte. Sein Vorteil: Die Leute haben ein schlechtes GedĂ€chtnis.
Wie die SPD es fertigbringen wird, den SteinbrĂŒck als SympathietrĂ€ger zu prĂ€sentieren, wird sich noch zeigen. Die Frau an seiner Seite, die Nahles mit ihrem stets hĂ€mischen Dauergrinsen wird ihm dabei nicht viel helfen. Wollen die Leute einen, den sie nicht als Chef haben wollen, als Regierungschef haben? Das muß sich erst noch herausstellen. Vielleicht wollen die Leute ja gar keinen Bundeskanzler, der ihnen sympathisch ist.
SteinbrĂŒck hat gesagt, er schließt eine große Koalition aus. Das heißt aber nur, daß er das gesagt hat, und nicht, daß er eine große Koalition ausschließt. Die SPD kann heutzutage froh sein, wenn sie mehr als 30 % kriegt. Da helfen auch nicht die GrĂŒnen samt ihrem Höhenflug. HöhenflĂŒge haben es so an sich, daß sie entweder zu Ende gehen oder schon zu Ende gegangen sind. Die CDU kann nicht allein regieren, sie braucht die FDP. Die kann ihr bei der nĂ€chsten Wahl abhanden kommen. Aber damit ist eher nicht zu rechnen. Aber wenn doch, und wenn die Linken tatsĂ€chlich wieder in den Bundestag kommen, und dann auch noch die Quatschpartei der Piraten – wenn weder Schwarzgelb (ob mit oder ohne Gelb) noch „Rot“-GrĂŒn eine Mehrheit kriegen, ja dann wird Schwarzgelb durch die große Koalition abgelöst.
Fehlt nur noch, daß Schwarzrot/Rotschwarz auch keine Mehrheit kriegt.

P.S.: Vorabdruck aus DER METZGER Nr. 102, der heute gedruckt wurde.

Da kann man hingehen: Pelikan liest im Grammatikoff

Jetzt kommt der vierfache Genitiv:
Zur Feier des 30. Jahrestages des Erscheinens des Buches „Herzlichen GlĂŒckwunsch“ von A.S.H. Pelikan liest der Autor aus diesem ungewöhnlichen Buch vor, und zwar am Sonntag, 7. Oktober 2012 (also von hier aus gesehen: morgen) um 20 Uhr im Grammatikoff (vormals: Hundertmeister) am Dellplatz.


Wenn mich mein GedĂ€chtnis nicht trĂŒgt, dann war „Herzlichen GlĂŒckwunsch“ die letzte Veröffentlichung des Otz-Verlags, ĂŒber den noch zu berichten sein wird. Ich behaupte kĂŒhn: Der Otz-Verlag und seine Autoren (von denen einer zu sein ich mich rĂŒhmen darf) waren nicht nur ihrer Zeit voraus, sie sind auch 30 Jahre spĂ€ter der Zeit noch vorauser.
Das Foto auf dem Buchcover mit Pelikan (links) und Otz-Verleger Rammi (rechts) wurde nicht gestellt. Die standen einfach so herum, als die Kamera klickte.
Da ich morgen Abend „verhindert bin“ (so sagt man) und zu der Lesung nicht hingehen kann, sollten Sie da wenigstens hingehen. Und wenn auch Sie morgen „verhindert sind“ beziehungsweise dieser Hinweis fĂŒr Sie zu kurzfristig kommt, dann kaufen Sie wenigstens das Buch. Wo? Wo wohl!

Sisyphus hat viel zu tun

Zwei Tage hintereinander ohne ein neues Notat! Die Produktion fĂŒr dieses Weblog drohte zwischenzeitlich ins Hintertreffen zu geraten, weil ich mich einer anderen kulturwahrenden Aufgabe zuwenden mußte. Ich nahm mir vor, das blödeste aller Wörter aus der Internet-EnzyklopĂ€die Wikipedia zu entfernen.
Letztendlich mußte mein Vorhaben scheitern, das Blöd-Wort „letztendlich“ zu entflechten.
„Letztendlich“ ist eine Sprach-Mutation, die aus der Floskel „letzten Endes“ hervorgegangen ist. Das ist Quatsch. Das Ende ist immer das letzte. Ein vorletztes Ende gibt es nicht.
Die Wikipedia-Autoren sollten sich entscheiden, ob sie „letztlich“ oder „endlich“ sagen wollen. Doch meistens kann man sich die Entscheidung sparen. „Nixon gewann letztendlich die Wahl.“ Nixon gewann die Wahl. Punkt. Da ist auch „letztlich“ und „endlich“ genauso ĂŒberflĂŒssig wie der Oberblödsinn „letztendlich“. Mit „letztendlich“ ist der Wegespfad gepflastert, auf dem der Sturzfall der Verbalsprache ins Hölleninferno der Hohlphrase gleitet.
Es gibt ein noch blöderes Quatschwort, nĂ€mlich „schlußendlich“.
Dank Wikipedia erfĂ€hrt man, daß Rapid Wien im Jahre soundso „schlußendlich“ österreichischer Fußballmeister wurde und welcher Rennfahrer auf dem NĂŒrburgring „schlußendlich“ gewonnen hat. Das ist der Höchstgipfel! Das ist der oberste Höhepunkt wortsprachlicher Doofverblödung!
Einer, der bei Wikipedia jedes FlĂŒĂŸchen Meter fĂŒr Meter beschreibt, kommt am Ende dann auch immer zum Schluß: „Die Themse mĂŒndet schlußendlich in die Nordsee.“ „In Koblenz mĂŒndet die Mosel schlußendlich in den Rhein.“ Ja, wer hĂ€tte gedacht, daß am Ende Schluß ist mit dem Fluß? Auf diesen Denk-Gedanken wĂ€re ich nie gekommen! Ich hĂ€tte gedacht, daß die Mosel durch den Rhein hindurchfließt und am anderen Ufer wieder rauskommt. Wenn das Schlußende eines Flusses die MĂŒndung ist, dann ist die Quelle wohl der Anfangsbeginn.
Nach etwa 50 Tilgungen gab ich auf, weil mir gewahr wurde, daß die beiden Unwörter in Wikipedia mehr als 8.000 mal vorkommen. Da erschien auch eine Mitteilung auf meinem Monitor: „In der Sache hast Du ja Recht, aber du solltest die anderen Teilnehmer nicht so hemmungslos beleidigen.“ Dabei hatte ich meine VerĂ€nderungen doch bloß damit begrĂŒndet, daß „letztendlich“ ein Idiotenwort, „schlußendlich“ ein Vollidiotenwort ist.
Erstaunlicherweise treffen zwei PhĂ€nomene aufeinander, die einander widersprechen. Wie paßt die zunehmend allgemein generelle Verwendung ĂŒberflĂŒssiger FĂŒllsel zur zunehmend allgemein generellen Sprach-TrĂ€gheit? „Ini“, „Flugi“. „Sympi“ – diese Wörter haben wohl keine Zukunft, weil sie aus mehr als einer Silbe bestehen. Seit 20 Jahren dĂŒrfen die Leute aus Meck-Pomm Urlaub in der DomRep machen. Die Justizministerin heißt demnĂ€chst LeutSchnarr. Und der Philosoph des Pessimismus heißt bald nur noch „ArtSchop“.
Den Leuten von heute geht nur dann der Mund ĂŒber, wenn sie nichts zu sagen haben.
Wenn ich Richter wĂ€re und ein Zeuge mir etwas von der DomRep erzĂ€hlen wĂŒrde – den wĂŒrde ich in Beugehaft nehmen, und zwar so lange, bis der sich durchringt, „Dominikanische Republik“ zu sagen! Ich fĂŒrchte aber, die gesetzliche Begrenzung der Beugehaft von sechs Wochen wĂŒrde dafĂŒr nicht reichen.

Christel und die Peking-Rundschau

Nicht nur in Peking, sondern auch hier bei uns wurde die Mao-Bibel in der Hand gehalten. Allerdings wurde hier damit nicht so herumgefuchtelt. Sie war in knallrotes Plastik eingebunden und gedruckt in der Volksrepublik China. Sie war ein StĂŒck Exotik, die verflog, sobald man las, was drin stand. Der Inhalt war eigentlich fĂŒr uns nutzlos (und, so darf man vermuten, in China war das nicht anders). Aber mit dem Ding in der Hand zeigte man den Spießern die Rote Karte. Sie war zudem ein Verkaufsschlager und dazu nĂŒtzlich, die Instrumente der eigentlichen Gegenöffentlichkeit mit Kapital zu versorgen. Die Mao-Bibel ist der Pop-Art zuzurechnen. Wer sich zu sehr auf den Maoismus einließ, mehr gab als nur den kleinen Finger, hat Zeit verloren.

Mao-Bibel

Ich bin froh, daß ich nur ein Jahr in der KPD/ML verschwendet habe und dort rechtzeitig das Weite suchte, schon weggegangen war, als die meisten erst noch kommen sollten. Es stellte sich sehr bald das GefĂŒhl bei mir ein, mich in der Adresse geirrt zu haben.
Eine gewisse Zeit war die Verschworenheits-Ästhetik wirksam, das muß ich einrĂ€umen. Die mĂ€nnlichen Mitglieder des Ortsverbandes trugen SchnurrbĂ€rte. Wir trafen uns in Hochfeld, dem Proletarierviertel, wo alle HĂ€user dunkelgrau waren, in einer spartanisch eingerichteten Wohnung nah am BrĂŒckenplatz. Dort wohnte der Chef des GrĂŒppchens mit seiner Frau Christel.

Hier wohnte Christel

Ich ging eines Nachmittags dort hin, aber der Vorsitzende, den ich treffen wollte, war nicht da. Nur Christel war da. Christel fand ich nett. Sie sah gut aus, hatte ein rundes Gesicht, eine schmale Nase und LachgrĂŒbchen. Sie war schlank. Sie steckte ihr dunkles Haar mit KĂ€mmen zu phantasievollen Frisuren zusammen. Sie trug fast immer Kleider, die sehr kurz waren und ihre schlanken Beine in voller LĂ€nge sehen ließen. Sie trug keine StrĂŒmpfe, dazu waren ihre Kleider zu kurz.
An diesem Tag war die neue Ausgabe der Peking-Rundschau eingetroffen, 20 Exemplare, in braunem Packpapier verpackt und in Peking abgeschickt.
Wir öffneten das Paket und vertieften uns gemeinsam in das Studium der Zeitung. Wir lasen uns gegenseitig die Artikel vor. Ich las die ersten drei, vier SĂ€tze des Leitartikels laut vor, und Christel mußte schallend lachen. Auch sie fand schnell ein paar besonders verdrehte Sentenzen, die uns amĂŒsierten. Wir kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus. Wir mußten uns die TrĂ€nen abwischen. Wenn uns jemand ertappt hĂ€tte! Es war eine Orgie der Blasphemie, zu der wir uns hingerissen fĂŒhlten. So verschworen-erheitert warfen wir die Zeitungen in die Ecke und redeten dann miteinander, wie wir noch nie miteinander geredet hatten.
Christel trug auch an diesem Nachmittag ein kurzes Kleid, das ihre schlanken Beine sehen ließ. Sie zeigte gern und ließ gern sehen und genoß es, bewundert zu werden. Es war eine Art Kittel fĂŒr die KĂŒche, was sie da trug, vorn nicht ganz bis unten zugeknöpft. Christel hantierte herum. Sie bĂŒckte sich, um etwas aufzuheben. Ihr Kleid rutschte hoch, und ich sah ihren kleinen, von einem hellblauen Slip spĂ€rlich umhĂŒllten Hintern. Sie verharrte lang in dieser Haltung. Bevor sie sich aufrichtete, schaute sie ĂŒber die Schulter zu mir hin und merkte, wohin ich schaute. Ich wollte ja auch, daß sie das merkt! Sie bĂŒckte sich noch ein paar mal. Sie ließ gern sehen und zeigte mir gern ihren von einem hellblauen Slip spĂ€rlich umhĂŒllten Hintern.
Christel gehörte nicht in diesen Verein. Bald trennte sie sich von ihrem Mann und von der Partei, kurz bevor auch ich den Ausgang fand.

Herbert Marcuse (1955)

Foto: Marcuse Family, Creative Commons-Lizenz

Meine damalige Freundin, die Anne B., argwöhnte, daß sich da etwas anbahnte zwischen der Christel und mir. Die hatte etwas gemerkt, was ich noch nicht gemerkt hatte, und brachte mich dadurch erst drauf. Ja, ich fand die Christel nett und bewunderte sie. Aber sie war doch so viel Ă€lter als ich – schon 24 Jahre alt. Zum „Ehebruch“ (gleich doppelt!) hatte ich damals noch nicht die Kraft, und auf ein amouröses GeplĂ€nkel, ein Spiel unter Erwachsenen, das zu nichts verpflichtet, war ich noch nicht vorbereitet. Ich bin ihr zu frĂŒh begegnet. Wenn ich mich an sie erinnere, erscheint vor mir eine Frau, die – fĂŒr kurz oder fĂŒr lang – gut zu mir gepaßt hĂ€tte. Sie war schön, sie war klug, die war intelligent, eine der scharfsinnigsten Frauen, denen ich je begegnet bin, sie war selbstbewußt und stark, sie hatte Sinn fĂŒr das Komische, sie war gebildet und hatte Interessen, die den Horizont der KPD/ML meilenweit ĂŒberragten. Es machte ihr diabolischen Spaß, mit ihrem Wissen die HĂŒhner aufzuscheuchen. Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, als sie, zum Entsetzen der anderen, in einer Versammlung Herbert Marcuse zitierte, oder vor den Ohren der anderen mit mir ein GesprĂ€ch ĂŒber die Rolling Stones begann. Sie zeigte Interesse an mir, wenn sie, erzĂ€hlend, die HolzkĂ€mme aus ihrem Haar löste und ihr Haar zu einer neuen Frisur zusammensteckte und mir dabei verschwörerische Blicke zuwarf.

Moa-Bebil

Wir wußten voneinander, daß wir nicht in diesen Verein gehörten. Dennoch ging sie, ohne fĂŒr mich eine Spur von sich zu hinterlassen.

Das sexuelle Elend

Wenn das Ficken stÀdtisch verwaltet wird, dann ist alles aus. (Möchte man sagen).
Der mit einem Filzstift (er wĂŒrde vielleicht sagen: Fickstift) ausgestattete Waldbesucher hat wohl kaum eine Vorstellung davon, was in einer stĂ€dtischen Dienststelle, die das Ficken verwaltet, vonstatten gehen wĂŒrde. Vom Ficken selbst hat er genauso wenig eine Vorstellung, so daß der Unterschied zwischen Ficken und nicht Ficken bedeutungslos ist fĂŒr den, der den Filzstift zum Fickstift macht und die Forstverwaltung zur Fickverwaltung umwidmet. Aufschluß gibt seine Mitteilung allerdings ĂŒber das Ausmaß des sexuellen Elends, das uns umgibt.
Ich unterstelle, daß bei dem Mitteilenden das Ficken, sollte es denn mal stattfinden, dieselbe Art des Empfindens hinterlĂ€ĂŸt wie die, wenn er seine Botschaft auf einem Hinweisschild im Naherholungsgebiet (hier: Sechs-Seen-Platte) anbringt: Druck, laß nach!. Der fickt so wie er frißt und sĂ€uft: Ohne Lust.
Der Mensch hat im Umgang mit den elementaren BedĂŒrfnissen die elementaren KĂŒnste geschaffen.
Der menschliche Geist hat sich mit der puren Triebabfuhr nicht zufriedengeben wollen. So stellte er das Bewußtsein, die Reflexion und die Phantasie ĂŒber den Instikt und den Genuß ĂŒber die besinnungslose Triebbefriedigung. Der menschliche Geist will sich vom Trieb nicht beherrschen lassen. Er versucht, den Trieb zu beherrschen. Die FĂ€higkeit zum Genuß setzt die FĂ€higkeit zum vorlĂ€ufigen Triebverzicht voraus.
Der Geschlechtstrieb hat am stĂ€rksten die gestalterische Phantasie herausgefordert, Lust zu verzögern, zu steigern, zu verlĂ€ngern und zu differenzieren, so daß die menschliche SexualitĂ€t sich vom Fortpflanzungstrieb loslöste. Die PhĂ€nomene der Erotik sind die vielfĂ€ltigsten, ihre Umwege die weitesten.
Zugleich werden ihr die grĂ¶ĂŸten Hindernisse in den Weg gelegt. Noch keiner Gesellschaft ist es gelungen, mit dem Eros Einklang zu finden. Die menschliche SexualitĂ€t wird im Elend steckenbleiben, wenn sie aus der IntimitĂ€t herausgerissen und aus der Öffentlichkeit verbannt wird.
Und darum verstehen Sie jetzt auch, daß man mir kaum eine grĂ¶ĂŸeres Kompliment machen kann als mich der Pornographie zu bezichtigen!