Nicht nur in Peking, sondern auch hier bei uns wurde die Mao-Bibel in der Hand gehalten. Allerdings wurde hier damit nicht so herumgefuchtelt. Sie war in knallrotes Plastik eingebunden und gedruckt in der Volksrepublik China. Sie war ein StĂŒck Exotik, die verflog, sobald man las, was drin stand. Der Inhalt war eigentlich fĂŒr uns nutzlos (und, so darf man vermuten, in China war das nicht anders). Aber mit dem Ding in der Hand zeigte man den SpieĂern die Rote Karte. Sie war zudem ein Verkaufsschlager und dazu nĂŒtzlich, die Instrumente der eigentlichen Gegenöffentlichkeit mit Kapital zu versorgen. Die Mao-Bibel ist der Pop-Art zuzurechnen. Wer sich zu sehr auf den Maoismus einlieĂ, mehr gab als nur den kleinen Finger, hat Zeit verloren.

Mao-Bibel
Ich bin froh, daĂ ich nur ein Jahr in der KPD/ML verschwendet habe und dort rechtzeitig das Weite suchte, schon weggegangen war, als die meisten erst noch kommen sollten. Es stellte sich sehr bald das GefĂŒhl bei mir ein, mich in der Adresse geirrt zu haben.
Eine gewisse Zeit war die Verschworenheits-Ăsthetik wirksam, das muĂ ich einrĂ€umen. Die mĂ€nnlichen Mitglieder des Ortsverbandes trugen SchnurrbĂ€rte. Wir trafen uns in Hochfeld, dem Proletarierviertel, wo alle HĂ€user dunkelgrau waren, in einer spartanisch eingerichteten Wohnung nah am BrĂŒckenplatz. Dort wohnte der Chef des GrĂŒppchens mit seiner Frau Christel.

Hier wohnte Christel
Ich ging eines Nachmittags dort hin, aber der Vorsitzende, den ich treffen wollte, war nicht da. Nur Christel war da. Christel fand ich nett. Sie sah gut aus, hatte ein rundes Gesicht, eine schmale Nase und LachgrĂŒbchen. Sie war schlank. Sie steckte ihr dunkles Haar mit KĂ€mmen zu phantasievollen Frisuren zusammen. Sie trug fast immer Kleider, die sehr kurz waren und ihre schlanken Beine in voller LĂ€nge sehen lieĂen. Sie trug keine StrĂŒmpfe, dazu waren ihre Kleider zu kurz.
An diesem Tag war die neue Ausgabe der Peking-Rundschau eingetroffen, 20 Exemplare, in braunem Packpapier verpackt und in Peking abgeschickt.
Wir öffneten das Paket und vertieften uns gemeinsam in das Studium der Zeitung. Wir lasen uns gegenseitig die Artikel vor. Ich las die ersten drei, vier SĂ€tze des Leitartikels laut vor, und Christel muĂte schallend lachen. Auch sie fand schnell ein paar besonders verdrehte Sentenzen, die uns amĂŒsierten. Wir kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus. Wir muĂten uns die TrĂ€nen abwischen. Wenn uns jemand ertappt hĂ€tte! Es war eine Orgie der Blasphemie, zu der wir uns hingerissen fĂŒhlten. So verschworen-erheitert warfen wir die Zeitungen in die Ecke und redeten dann miteinander, wie wir noch nie miteinander geredet hatten.
Christel trug auch an diesem Nachmittag ein kurzes Kleid, das ihre schlanken Beine sehen lieĂ. Sie zeigte gern und lieĂ gern sehen und genoĂ es, bewundert zu werden. Es war eine Art Kittel fĂŒr die KĂŒche, was sie da trug, vorn nicht ganz bis unten zugeknöpft. Christel hantierte herum. Sie bĂŒckte sich, um etwas aufzuheben. Ihr Kleid rutschte hoch, und ich sah ihren kleinen, von einem hellblauen Slip spĂ€rlich umhĂŒllten Hintern. Sie verharrte lang in dieser Haltung. Bevor sie sich aufrichtete, schaute sie ĂŒber die Schulter zu mir hin und merkte, wohin ich schaute. Ich wollte ja auch, daĂ sie das merkt! Sie bĂŒckte sich noch ein paar mal. Sie lieĂ gern sehen und zeigte mir gern ihren von einem hellblauen Slip spĂ€rlich umhĂŒllten Hintern.
Christel gehörte nicht in diesen Verein. Bald trennte sie sich von ihrem Mann und von der Partei, kurz bevor auch ich den Ausgang fand.

Herbert Marcuse (1955)
Foto: Marcuse Family, Creative Commons-Lizenz
Meine damalige Freundin, die Anne B., argwöhnte, daĂ sich da etwas anbahnte zwischen der Christel und mir. Die hatte etwas gemerkt, was ich noch nicht gemerkt hatte, und brachte mich dadurch erst drauf. Ja, ich fand die Christel nett und bewunderte sie. Aber sie war doch so viel Ă€lter als ich â schon 24 Jahre alt. Zum âEhebruchâ (gleich doppelt!) hatte ich damals noch nicht die Kraft, und auf ein amouröses GeplĂ€nkel, ein Spiel unter Erwachsenen, das zu nichts verpflichtet, war ich noch nicht vorbereitet. Ich bin ihr zu frĂŒh begegnet. Wenn ich mich an sie erinnere, erscheint vor mir eine Frau, die â fĂŒr kurz oder fĂŒr lang â gut zu mir gepaĂt hĂ€tte. Sie war schön, sie war klug, die war intelligent, eine der scharfsinnigsten Frauen, denen ich je begegnet bin, sie war selbstbewuĂt und stark, sie hatte Sinn fĂŒr das Komische, sie war gebildet und hatte Interessen, die den Horizont der KPD/ML meilenweit ĂŒberragten. Es machte ihr diabolischen SpaĂ, mit ihrem Wissen die HĂŒhner aufzuscheuchen. Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, als sie, zum Entsetzen der anderen, in einer Versammlung Herbert Marcuse zitierte, oder vor den Ohren der anderen mit mir ein GesprĂ€ch ĂŒber die Rolling Stones begann. Sie zeigte Interesse an mir, wenn sie, erzĂ€hlend, die HolzkĂ€mme aus ihrem Haar löste und ihr Haar zu einer neuen Frisur zusammensteckte und mir dabei verschwörerische Blicke zuwarf.

Moa-Bebil
Wir wuĂten voneinander, daĂ wir nicht in diesen Verein gehörten. Dennoch ging sie, ohne fĂŒr mich eine Spur von sich zu hinterlassen.