Wie man den Coitus interrumpieren kann

In der Straßenbahn: Eine etwa 18jährige, die ihre Reisebegleiter unentwegt mit Wat-is-Fragen unterhält.
„Wat schwimmt auf‘m Teich und fängt mit Z an? Zwei Enten.“ Im Sekundentakt geht das so: „Wat is – wat is – wat is schwarzweiß und macht peng? – Wat is gelb und läuft durch die Wüste? Woran erkennt man einen Elefanten in einem Kirschbaum? Wat is der Unterschied zwischen…“ Von Hauptbahnhof bis Huckingen geht das so. Gucken Sie mal auf den Stadtplan, wie lange die erzählt hat.
Irgendwann wird es mir zu viel, und ich sage:
„Mädchen, du hast noch ganz andere Vorteile als dein Repertoire an solchen Denksport-Aufgaben. Überlaß das doch irgendwelchen Klassenstrebern, die auch mal lustig sein wollen. Bei dir hingegen könnte das deine eigentlichen Vorteile arg ins Hintertreffen gelangen lassen. Hoffentlich fragst du nicht während des Geschlechtsaktes ‚Wat is der Unterschied zwischen einem Krokodil? Je grüner desto schwimmt et‘.“
Nein, das habe ich ihr nicht gesagt. Das habe ich nur gedacht.

Tag des offenen Ateliers

Eigentlich: Zwei Tage (Samstag, 27. und Sonntag, 28. Oktober, jeweils von 12 bis 18 Uhr). Da kann man in ein paar Dutzend Duisburger Künstler-Ateliers sich alles angucken und die Künstler von der Arbeit abhalten.
Ich gehe am Samstag (wenn nichts dazwischen kommt) dahin, wohin ich so eingeladen werde:
„Liebe Freunde und Kunstinteressierte,
am 27./28. 10.2012 jeweils von 12-18 Uhr findet wieder der Tag des Offenen Ateliers in Duisburg statt.
Die Gruppe Hertz stellt alte und neue Werke im Haus Kaminski, Am Tannenhof 44, Nähe Wedauklinikum, aus.
Neben Malerei und Keramik, Experimenten in Darstellungstechniken sind unter dem Motto ‚textiler Aufbruch‘ Werke meiner ‚weichen‘ Kunst zu sehen.
Ältere Stickbilder, noch streng an Form und handarbeitliche Technik gebunden, werden von freieren Arbeiten abgelöst, neben dem Bestricken von Alltagsgegenständen und dem laufenden Projekt:’Da staunst du Bauklötze, wir bauen ein Haus‘, das auf einem betroffenenorientierten Ansatz zur Selbstbestimmung Psychiatrieerfahrener basiert und durch die Gruppe PSYCHOAKTIV dokumentiert wird, dehnt sich mein gestalterisches Interesse von der Strickwolle auf andere textile Materialien und Techniken aus.
Ich hoffe, ich habe Euer Interesse geweckt und Ihr findet den Weg zu unserer Ausstellung.
Also, bis dahin
Eure Luette
Warum ich da hingehe? Ich war voriges Jahr auch da, und das war gut. Und ich ändere nicht gern meine Gewohnheiten.

Das sexuelle Elend

Wenn das Ficken städtisch verwaltet wird, dann ist alles aus. (Möchte man sagen).
Der mit einem Filzstift (er würde vielleicht sagen: Fickstift) ausgestattete Waldbesucher hat wohl kaum eine Vorstellung davon, was in einer städtischen Dienststelle, die das Ficken verwaltet, vonstatten gehen würde. Vom Ficken selbst hat er genauso wenig eine Vorstellung, so daß der Unterschied zwischen Ficken und nicht Ficken bedeutungslos ist für den, der den Filzstift zum Fickstift macht und die Forstverwaltung zur Fickverwaltung umwidmet. Aufschluß gibt seine Mitteilung allerdings über das Ausmaß des sexuellen Elends, das uns umgibt.
Ich unterstelle, daß bei dem Mitteilenden das Ficken, sollte es denn mal stattfinden, dieselbe Art des Empfindens hinterläßt wie die, wenn er seine Botschaft auf einem Hinweisschild im Naherholungsgebiet (hier: Sechs-Seen-Platte) anbringt: Druck, laß nach!. Der fickt so wie er frißt und säuft: Ohne Lust.
Der Mensch hat im Umgang mit den elementaren Bedürfnissen die elementaren Künste geschaffen.
Der menschliche Geist hat sich mit der puren Triebabfuhr nicht zufriedengeben wollen. So stellte er das Bewußtsein, die Reflexion und die Phantasie über den Instikt und den Genuß über die besinnungslose Triebbefriedigung. Der menschliche Geist will sich vom Trieb nicht beherrschen lassen. Er versucht, den Trieb zu beherrschen. Die Fähigkeit zum Genuß setzt die Fähigkeit zum vorläufigen Triebverzicht voraus.
Der Geschlechtstrieb hat am stärksten die gestalterische Phantasie herausgefordert, Lust zu verzögern, zu steigern, zu verlängern und zu differenzieren, so daß die menschliche Sexualität sich vom Fortpflanzungstrieb loslöste. Die Phänomene der Erotik sind die vielfältigsten, ihre Umwege die weitesten.
Zugleich werden ihr die größten Hindernisse in den Weg gelegt. Noch keiner Gesellschaft ist es gelungen, mit dem Eros Einklang zu finden. Die menschliche Sexualität wird im Elend steckenbleiben, wenn sie aus der Intimität herausgerissen und aus der Öffentlichkeit verbannt wird.
Und darum verstehen Sie jetzt auch, daß man mir kaum eine größeres Kompliment machen kann als mich der Pornographie zu bezichtigen!

Auf einer Parkbank sitzen und ein Buch lesen, so wie früher

Wenn man durch den Duisburger Wald in nördliche Richtung geht, dann wird es erstmal richtig hügelig, und dann ist der Wald zu Ende, und man geht an Wiesen vorbei, auf denen Kühe weiden, und dann geht man über einen Steg, unter dem ein Bach fließt, und dann hat man auch die Weiden hinter sich gelassen und den großen Park am Solbad Raffelberg betreten.

Solbad Raffelberg, Park

Der Park ist immer, wenn ich da durchgegangen bin, menschenleer gewesen, so als hätte man vergessen, daß es ihn gibt. Aber einmal sah ich eine junge Frau auf einer Bank sitzen, die ein Buch las. Ich dachte mir: Das mache ich auch mal: auf einer Parkbank sitzen und ein Buch lesen, so wie früher. Warum bin ich nicht schon längst auf diese Idee gekommen?
Das ist jetzt schon zwei Jahre her. Ich gehe nur einmal im Jahr durch den Park am Solbad Raffelberg, und zwar immer an einem dieser Feiertage im Frühling, wenn es lange hell bleibt und man gut acht Stunden lang spazierengehen kann und dann immer noch im Hellen nach Hause kommt. Vor einem Jahr mußte ich auf das Vorhaben, im Park am Solbad Raffelberg ein Buch zu lesen, verzichten, denn es war an dem Tag windig und regnerisch, und bei so einem Wetter kann man wohl spazierengehen, aber nicht auf einer Bank verweilen. Und in diesem Jahr war es damit auch nicht gut bestellt, denn meine Lektüre war gerade die zweibändige Brecht-Biografie von Mittenzwei. Da ist ein Band 800 Seiten dick, und so ein schweres Buch wollte ich nicht den ganzen Tag auf meiner Wanderung mit mir tragen.
Dieses Jahr im Spätsommer bin ich dann endlich auf die Idee gekommen, mir für die Lektüre unter freiem Himmel den Botanischen Garten an der Schweizer Straße auszusuchen. Denn mein Weg dorthin ist nicht weit, und es ist nicht beschwerlich, ein dickes Buch dorthin und wieder nach Hause zu tragen.
Am letzten wirklich warmen Samstagnachmittag des Sommers begab ich mich also mit dem zweiten Band von Mittenzweis Brecht-Biografie in den Botanischen Garten. Auf der Galerie hinter dem großen Rasen fand ich einen Platz auf einer der vielen Bänke, um mich für ein paar Stunden der Lektüre und dem Tabakgenuß hinzugeben.

Botanischer Garten, die Galerie

Ab und zu ließ ich das Buch sinken, um den Blick aus der Enge der Zeilen auf das entspannende Grün des Rasens schweifen zu lassen. Hinter der großzügig angelegten Grasfläche ist das Café des Botanischen Gartens, auf dessen Terrasse sich viele, meist ältere Menschen eingefunden hatten. Es gehört zu den angenehmen Dingen, Leuten dabei zuzusehen, wie sie es sich gut ergehen lassen.


Irgendwann mußte ich die Lektüre abbrechen, denn ganz plötzlich hatte sich eine Wolke vor die Sonne geschoben. Im Wetterbericht am Morgen war für den späten Nachmittag Regen angesagt worden, und der kündigte sich jetzt also an. Ich klappte das Buch zu. steckte es in meine Tragetasche und machte mich auf den Heimweg. Ich beeilte mich nicht. Der Botanische Garten ist kein Ort zur Beeilung. Als ich die Straßen entlangging, schien wieder die Sonne. Nur diese eine Wolke hatte sich kurz vor die Sonne geschoben, um dann wieder zu verschwinden.


Gerade war Hanns Eisler zur Tür reingekommen mit seinem Doktor-Faustus-Libretto unterm Arm. Da sollten noch ganz andere Wolken aufziehen.

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Bissingheim

Warum Bissingheim Bissingheim heißt und wer da wohnt, will Margarete Unverzagt wissen (Kommentar zu „Das Foto zum Zwanzigsten“).
„Bissingheim“ könnte ein Synonym für „Abgeschiedenheit“ sein. Der Stadtteil im Duisburger Süden ist im Norden, Süden und Osten vom Wald umgeben und grenzt im Westen an den riesigen (stillgelegten) Wedauer Rangierbahnhof.
Bissingheim wurde von 1916 bis 1920 als Siedlung für Kriegsverletzte gebaut und benannt nach dem Gründer des „Vereins Mustersiedlungen für Kriegsbeschädigte“, dem preußischen General Moritz von Bissing (nach dem ist auch Bissingheim, Ortsteil von Hagen, benannt).
Zur gleichen Zeit wurde auch Wedau (auf der westlichen Seite des Rangierbahnhofs) als Eisenbahnersiedlung errichtet. Auch Bissingheim wurde zu einer reinen Eisenbahnersiedlung.
Die Stadtteile sind nicht „gewachsen“, sondern wurden „in einem Guß“ geplant. Beide Orte haben ein einheitliches Bild. Im Unterschied zu Wedau wurde Bissingheim kaum erweitert. Bissingheim und der Ortskern von Wedau haben ihren altmodisch-dörflichen Charakter erhalten. Die Eisenbahnersiedlungen unterschieden sich von den „Mietskasernen“ der um die großen Fabriken Es wurden großzügig Flächen für Gartenwirtschaft und Kleinviehhaltung eingeplant.
Da der Bahnhof und das Ausbesserungswerk stillgelegt wurden, wohnen dort kaum noch aktive Eisenbahner, aber noch viele Eisenbahnpensionäre. Bissingheim ist ein Alte-Leute-Viertel. Die Bahn hat ihre Immobilien verkauft, die Wohnungen sind also nicht mehr Bahnbeschäftigten vorbehalten. Wer nach Bissingheim ziehen will, hat wohl einen Hang zur kollektiven Einsiedelei.
Wedau und Bissingheim und der Rangierbahnhof liegen auf einem Gebiet, das vorher dem Grafen Spee gehörte. Der war durch die Bewirtschaftung seines riesigen Grundbesitzes schon sehr reich. Aber der Flächenbedarf für die Ansiedlung von Industriewerken und Wohnraum für die wachsende Bevölkerung machte ihn noch reicher.


Der Wedauer Bahnhof war der größte Rangierbahnhof der Welt (Foto: heutiger Zustand). Wegen des Eisenbahnanschlusses wollte Krupp sein Hüttenwerk im Norden von Wedau ansiedeln. Dann entschied er sich aber für den Stadtort Rheinhausen. Das Gelände zwischen Kalkweg und Masurenallee überließ er der Stadt für die Errichtung von Sportanlagen („Sportpark Wedau“). Wo das Wedaustadion und der Regattasee liegen, sollten zuerst Hochöfen hin. Krupp nutzte das Gelände für Werkswohnungen und für das Ablagern von Hochofenschlacke.


Auf dem Schlackeberg (Foto) hat man seine Ruhe. Kaum jemand kommt auf die Idee, da hochzuklettern (obwohl das keine alpinistische Höchstleistung verlangt). Darum kennt kaum noch jemand die Flak-Anlage (Foto), die seit dem Kriegsende vor sich hin verwittert.

Heute ist diese Anlage von Bäumen und Sträuchern verborgen. Als junger Mensch habe ich die Flak-Anlage entdeckt und hatte von dort einen Überblick über große Teile des Duisburger Südens. Dorthin hatte man 15jährige Jungens postiert, um sie zu verheizen für den Führer, das Arschloch.

Betrachtungen zum Bikini an Bushaltestellen

Nein: „Betrachtungen an Bushaltestellen zum Bikini“ muß es heißen.


Die Reklame, die jetzt wieder an jedem zweiten Bushaltestellenwartehäuschen zu sehen ist, verstehe ich nicht. „Gutgebaute“ junge Damen im Bikini. Angepriesen und mit Preisangabe versehen wird aber nur das Bikini-Top!


Per definitionem – und das wird durch das Bild durchaus bestätigt – besteht der Bikini als zwei Teilen.
Wir durften eine Zeit erleben, in der alles in Frage gestellt wurde – so auch die Zweiteiligkeit des Bikinis. Plötzlich gab es Bikinis, die nur noch aus einem Teil bestanden, nämlich dem unteren. Der obere Teil wurde ersatzlos abgestreift! „Oben ohne“ nannte man das.
Sind aus der Oben-ohne-Ära vielleicht viele Tops ungenutzt liegengeblieben, die jetzt an die Frau gebracht werden müssen? Müssen die sich den Unterteil dann selber stricken?
Daß sich als neue Mode eine Bikini-Variante durchsetzt, die nur noch aus dem Oberteil besteht, will ich nicht hoffen! Ein solcher „Bikini“ würde ein disproportionales Bild erzeugen! Ein Bikini nur aus einem Oberteil bestehend? Nein, das sieht nicht aus. Wenn der untere Teil verschwunden ist, muß der obere Teil schon vorher verschwunden sein. Denn bei der Entkleidung in erotischem Kontext ist die Reihenfolge von entscheidender Bedeutung.
Den Damen, die Wert darauf legen, daß man ihren nackten Hintern sieht, steht zu diesem Behufe als vortreffliches Hilfsmittel der Tanga zur Verfügung. Der ist – wegen des Stoff-Winkels – weitaus wirksamer als etwa der G-String, der ebenfalls ein disproportionales Bild erzeugt, weil er die Körperlinien an unpassender Stelle unterbricht (ich kann die Dinger nicht leiden).
Noch irritierender finde ich Darstellungen von nackten Frauen, die Schuhe tragen (hochhackig). Ganz nackig, aber noch Schuhe an? Da sehe ich überhaupt keinen Sinn drin! Wollen die nackig auf die Straße gehen?
Hören Sie die Erinnerungen eines schüchternen, aber genußfähigen Erdenmannes:
Es ist gelegentlich vorgekommen, daß Frauen sich vor mir ausgezogen haben. Sie taten es, um mir eine Freude zu machen – und auch zu ihrem eigenen Vergnügen. Sie waren nicht alle miteinander bekannt und können sich folglich auch nicht abgesprochen haben. Aber bei ausnahmslos allen begann die Entkleidung damit, daß sie sich die Schuhe auszogen. Eine nackte Frau mit Schuhen an den Füßen habe ich in natura noch nie gesehen.

Lina G.

Und bei ausnahmlos allen endete die Entkleidung nie mit dem BH. Der BH war immer spätestens das vorletzte Kleidungsstück, das abgelegt wurde, und jedesmal kam erst zuallerletzt der Hintern zum Vorschein.
Und so ist das auch richtig.

DER METZGER wird 100: Schreibmütze? Nee, nee, nee, nee, nee, nee, nee, nee. nee!

Ein weiterer Auszug aus „‚Über sowas könnte ich mich kaputtlachen.‘ 33 1/3 Fragen an den METZGER-Herausgeber Helmut Loeven, ersonnen von A.S.H. Pelikan und Heinrich Hafenstaedter“ in DER METZGER Nr. 100 (Mai 2012):

Pelikan: Wie schreibst du? Computer? Maschine? Hand? Bleistift? Füllfederhalter Marke Pelikan?

Computer.

Pelikan: Wo schreibst du? Wann schreibst du?

Ich schreibe in der Abgeschiedenheit meiner vier Wände, nachts, meistens samstags nachts, weil man dann Zeit hat, weil am nächsten Tag kein Wecker klingelt. Und so dehne ich den Samstagabend mitunter bis zum Sonntagvormittag aus.

Pelikan: Du hast doch gesagt, du hörst eh‘ keinen Wecker.

Eben. Sonntags habe ich ja meistens nichts vor und kann dann Ende offen arbeiten, brauche nicht darauf zu achten, daß ich ja dann doch mal abbrechen müßte, weil ich ein bißchen Schlaf brauche. Ich kann die Samstag Nacht ausdehnen. Ich gehe dann schlafen, wenn die Spätaufsteher sonntags aufstehen.

Pelikan: Du schreibst jeden Samstag?

In der Regel ja.

Pelikan: Nur für den Metzger? Oder überhaupt schreiben?

Überhaupt schreiben. Ich schreibe ja, was ich früher nicht für möglich gehalten habe, auch für die Schublade, wo ich gar keine Vorstellung davon habe, ob das jemals und wie das jemals veröffentlicht werden sollte.
Und im Schlafanzug. Ich sitze da im Schlafanzug. Ich bin mittlerweile dazu übergegangen, den Schlafanzug nicht erst dann anzuziehen, wenn ich mich zu Bett lege, sondern sobald ich zu Hause bin und dann am Abend nichts mehr vorhabe, also nicht mehr aus dem Haus gehen muß. In meinen vier Wänden bin ich ein Fanatiker der Behaglichkeit. Brecht sagte schon: Zum Lernen soll man eine bequeme Haltung einnehmen. Bequemlichkeit der Haltung macht den Kopf frei. Dann kann man denken, wenn man sich völlig entspannen kann.
Es sind immer zwei Arbeitsphasen: Die Rohfassung, und dann gründliche Überarbeitung.

Pelikan: Wenn du soweit bist, daß du glaubst, daß du das komplette Material für einen METZGER zusammen hast? Oder nach jedem Artikel?

Nach jedem Stück. Das wird erst in der Rohfassung hergestellt, und dann wird es gründlich überarbeitet.
Das ist aber nicht alles. Das „Schreiben“ fängt eigentlich schon vorher an, ohne den Bildschirm und die Tastatur vor mir zu haben. Nämlich: Ich mache sehr gern sehr ausgedehnte Spaziergänge. Da setzen sich Assoziationsketten in Gang. Wenn ich von einem Spaziergang – die dauern manchmal einen halben Tag – zurückkomme, dann zieht es mich an den Schreibtisch, dann habe ich Einfälle gehabt. In der letzten Zeit bin ich auch viel mit dem Fotoapparat unterwegs. Ich hab mir überlegt: Man könnte gut die Texte illustrieren mit den Bildern von den Landschaften, die ich gesehen habe, als mir das einfiel. Dann denken die Leute: Was hat denn jetzt diese Landschaftsaufnahme mit dem Thema zu tun? Das ist ein sehr enger Zusammenhang. Man sieht das, was ich gesehen habe, während mir das eingefallen ist.
Ich erinnere an Friedrich Nietzsche, der mal gesagt hat: Mißtraue einem Gedanken, der nicht beim Gehen entstanden ist.
Was sich im Laufe der Zeit auch verändert hat: früher waren meine Arbeiten immer nach Gattungen unterscheidbar. Dann habe ich eine Glosse geschrieben, dann habe ich einen Aufsatz geschrieben. Heute verbindet sich das alles. Man kann den einen oder anderen Text ebenso der erzählenden Prosa wie der Essayistik zuordnen.
In der Nationalbibliografie habe ich über mich gelesen: Helmut Loeven, geboren 1949, Glossenschreiber. Das ist alles, die gesamte Biografie, die in der Nationalbibliothek drinsteht. Das ist nicht ganz falsch.
Ich habe früher oft sehr lange Aufsätze geschrieben, und hab dafür gesammelt und recherchiert und Notizen gemacht und alle in einen Kasten reingelegt, Zeitungsausschnitte, die dazu paßten. Heute mache ich das anders. Ich erinnere mich an ein Zitat von Karl Kraus, der mal gesagt hat: Ich achte auf das, was der Wind durchs offene Fenster hineinweht. Also das, was ich so mitkriege, ohne daß ich etwas hinterherlaufen müßte. Und das, was mir so einfällt, oder woran ich mich plötzlich erinnere. Ich hab beim letzten Klassentreffen, als über Sachen von früher erzählt wurde, und wo ich gesagt habe: Neenee, das war gar nicht so, das war ganz anders, oder das hat der nicht so gesagt, sondern der hat das so gesagt, da sagte man mir: Mensch, du hast ja ein fotografisches Gedächtnis. Da habe ich gesagt: Erinnern ist meine Hauptbeschäftigung. Das ist vielleicht auch die Kunst. Es gibt allerdings auch Erinnerungstechniken. Zum Beispiel suche ich gerne Orte auf, die ich von früher kenne, manchmal nach Jahren oder nach Jahrzehnten. Das setzt Assoziationsketten und Erinnerungsketten in Gang.


Ich produziere nicht pure Texte. Das pure Schreiben würde mich nicht interessieren. Sondern ich überlege immer auch, wie das zu präsentieren ist. Also beim Schreiben auch an Typographie denken, wie ein Text illustriert wird, also einen Text nicht nur schreiben, sondern den auch edieren, also Fläche gestalten, mit Bildern in Zusammenhang bringen. Ein Text ist auch ein Bild.
Ich zeichne auch Karikaturen, und das geht bis zum Film.
Ich mache mir auch immer Gedanken darüber: Ein Text muß klingen. Wenn ich was schreibe, dann überlege ich: Wie klingt das? Denn die ursprünglichste Form der Literatur ist ja nicht das Geschriebene und Gelesene, sondern das Gesprochene und Gehörte. Die ersten Lyriker waren die Bänkelsänger, die ersten Prosaisten waren die Märchenerzähler auf dem Marktplatz. Ich finde: Auch Prosa muß einen Rhythmus haben. Man muß immer darauf achten: Wie klingt das, was ich da schreibe. Darum halte ich auch gerne Vorträge vor Publikum.

Die Hüttenschenke in Hüttenheim.
Was will der Künstler damit sagen?

Pelikan: Samstags ist dein Schlafanzug also quasi dein Schreibanzug.

Das ist meine Arbeitskleidung. Vielleicht fragt mich mal jemand, ob ich mir nicht vielleicht auch noch ‘ne Schlafmütze aufsetzen sollte. Aber ich wüßte nicht, inwieweit die Schlafmütze, die Zipfelmütze zur Steigerung der Behaglichkeit beitragen könnte. Eine Schlafmütze ist nicht nötig.

Pelikan: Eine Schreibmütze brauchst du nicht.

Schreibmütze? Nee, nee, nee, nee, nee, nee, nee, nee. nee.

Das ganze Gespräch ist auf Papier nachzulesen in DER METZGER Nr. 100,
und im Netz bei Gasolin Connection.
Ein Abonnement von DER METZGER kostet 30 Euro für die nächsten 10 Ausgaben oder 50 Euro für alle zukünftigen Ausgaben.
Die Ausgaben ab Nr. 18 (1972) sind noch erhältlich. Die Ausgaben Nr. 1-17 (1968-1972) sind vergriffen.