âDas absurde Theater ist eine Richtung des Theaters des 20. Jahrhunderts, die die Sinnfreiheit der Welt und den darin orientierungslosen Menschen darstellen will.â (Wikipedia). Einige der eindrucksvollsten AuffĂŒhrungen fanden nicht auf TheaterbĂŒhnen, sondern in GerichtssĂ€len statt, wo die Sinnfreiheit von Anklageschriften orientierungsloser StaatsanwĂ€lte dargestellt wurde. So auch dieser Tage in Berlin.
Vor dem Amtsgericht Tiergarten sind seit dem 2. April Michael W. (39) und German L. (29) angeklagt, am 13. August 2012 bei einer Gedenkveranstaltung zum Tag des Mauerbaus in der Bernauer StraĂe mit FDJ-Hemden demonstriert zu haben. Das Emblem auf diesen Hemden war nach Ansicht der Staatsanwaltschaft dem Wappen der âFDJ in Westdeutschlandâ zum Verwechseln Ă€hnlich. Und diese Organisation sei 1951 als verfassungswidrige Organisation verboten worden.
Doch die Sache ist komplizierter.
Die Freie Deutsche Jugend, 1938 im Exil in Prag und Paris gegrĂŒndet, dann bis 1946 in GroĂbritannien aktiv, war nach Zerschlagung des Hitler-Faschismus in den vier Besatzungszonen tĂ€tig â also vor der GrĂŒndung der beiden deutschen Staaten. In der DDR wurde die FDJ dann zur âStaatsjugendâ (wo sie mit einer eigenen Fraktion in der Volkskammer vertreten war), wĂ€hrend sie in der BRD 1951 verboten wurde. Das Verbot wurde durch eine Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts 1954 rechtskrĂ€ftig. An dieser Entscheidung waren â wie kann es anders sein â ehemalige Nazirichter beteiligt. Grund des Verbotes war der Widerstand der FDJ gegen die Remilitarisierung.
Im Neuen Deutschland wurde die komplizierte Lage so zusammengefaĂt:
âUnd dann gibt es da noch den feinen Unterschied zwischen FDJ-West und FDJ-Ost. Das FDJ-Verbot West gilt auch nach der Einheit bis ans Ende der Menschheit weiter, gilt aber nur fĂŒr die alten BundeslĂ€nder, nicht fĂŒr die hinzugekommenen. Was also zeigten die Angeklagten: das Emblem Ost oder das Emblem West, beide zum Verwechseln Ă€hnlich. Das eine nicht erlaubt, das andere nicht verboten. Wo befanden sich die FDJler bei ihrer Aktion? In Ost oder West? Traten sie der verbotenen FDJ-West bei oder der nicht verbotenen FDJ-Ost? So richtig klar mit diesem bundesdeutschen Paragrafenwirrwarr schienen weder Staatsanwalt noch Richter zu kommen.â
Die AnwÀltin von Michael W. legte dem Richter drei FDJ-Symbole vor. Der Richter sollte sagen, welches Symbol zu der 1951 verbotenen westdeutschen FDJ, welches zu den nicht verbotenen Organisationen in Ostdeutschland und Westberlin gehören. Der Richter konnte das RÀtsel auch nicht lösen. Denn alle drei Symbole Àhneln sich nicht nur. Sie sind identisch.
Der ProzeĂ wird am 15.4. fortgesetzt.
Bei aller Komik sollte der ernste Hintergrund nicht unterschĂ€tzt werden. Michael W. und German L. erklĂ€rten dem Gericht, warum sie zur FDJ fanden und radikale Friedenspositionen einnehmen. Sie sehen die Gefahr, daĂ sich die Bundesrepublik immer tiefer in Kriegsabenteuer verstrickt und demokratische Strukturen immer weiter abgebaut werden. âMan mag ihre Auffassung teilen oder nicht, auf jeden Fall ist sie durch das Grundrecht auf Meinungsfreiheit gedeckt.â (Neues Deutschland). Der Staatsanwalt hat die bösen Geister des Kalten Krieges geweckt. Es ist â wieder einmal â sichtbar, daĂ die Schande der deutschen Justiz 1945 nicht endete.
P.S.: Der Mann, der sich am 13. August 2012 ĂŒber das FDJ-Symbol echauffierte, die Polizei alarmierte und die ganze Posse in Gang setzte, trug ĂŒbrigens einen âSchwerter-zu-Pflugscharenâ-Button.

Wie auf den ersten Blick zu erkennen ist, handelt es sich bei diesem bei Amore e Rabbia sichtbar gemachten Emblem nicht um das Emblem der 1951 verbotenen FDJ.
