Wer zu spÀt kommt, den belohnt der Deutsche Taschenbuchverlag

Das Buch
Freiheit statt Kapitalismus: Über vergessene Ideale, die Eurokrise und unsere Zukunft von Sahra Wagenknecht
wollten Sie immer schon bestellen, haben es aber immer wieder auf die lange Bank geschoben, die Bestellung an die Buchhandlung WeltbĂŒhne abzuschicken?
Dann können Sie sich darĂŒber freuen, daß jetzt die viel billigere Taschenbuchausgabe bei dtv erschienen ist (12,90 Euro).
Bestellen Sie dieses Buch in der Buchhandlung WeltbĂŒhne, denn die Buchhandlung WeltbĂŒhne will & muß ĂŒberleben. Lassen Sie sich nicht einreden, daß man das genauso gut woanders bestellen kann. Das kann man zwar auch woanders bestellen, aber nicht genauso gut.
WagenknechtSchaufensterDa steht sie jetzt im Schaufenster. Nein, nicht sie, sondern ihr Buch. Und daneben noch eins.

Die Farbe des Geldes (1)

geldschein2In der wohl flachsten TV-Talkshow mit politischem Anhauch („Menschen bei Maischberger“) wurde geredet ĂŒber Reichtum.
Da war ein Ehepaar, das mit irgendeinem Mode-Trallala viel Geld gemacht und sich dann frĂŒhzeitig zur Ruhe gesetzt hatte, um fortan ihren Reichtum zu genießen bzw. das, was sie fĂŒr Reichtum halten, nĂ€mlich ihre Kröten, die fĂŒr sie die Maßeinheit fĂŒr Luxus ist.
Nun gut, Luxus sei jedem gegönnt, der sich was draus macht (fĂŒr mich wĂ€r‘ das nix). Und es ist mir auch egal, wie viele Milliönchen die mit sich herumschleppen. Klarzustellen wĂ€re allerdings, daß man ein Vermögen von zwei oder drei oder zehn oder fĂŒnfzig Millionen keineswegs als „Reichtum“ bezeichnen kann. Über die Dimensionen von Reichtum herrschen sehr unzutreffende Vorstellungen. Der Normalverdiener glaubt, Reichtum daran zu erkennen, daß jemand in einer Villa wohnt und vielleicht noch ein paar Appartements in den diversen Schickeria-Residenzen besitzt, ĂŒber einen Fuhrpark teurer Karossen verfĂŒgt und sich die Zigarren mit Geldscheinen anzĂŒndet. Das ist Luxus, aber kein Reichtum.
Bernt Engelmann hat vor Jahrzehnten die Dimensionen von Vermögen und Reichtum anschaulich gemacht (Das ABC des Großen Geldes). Er teilte die Vermögen in vier Kategorien ein:
Kategorie 1: normale MultimillionÀre.
Kategorie 2: mit solchem Vermögen können politische Entscheidungen beeinflußt oder verhindert werden.
Kategorie 3: ĂŒberfordert jedes Vorstellungsvermögen.
Kategorie 4: sehr reiche Leute.
Man mĂŒĂŸte, so Engelmann, ein Vermögen, also nicht nur Geldvermögen in Bargeld und Guthaben, sondern auch Immobilien, Unternehmensanteile, Versicherungspolicen, Wertpapiere, Sachwerte etc. in Hundertmarkscheine umrechnen und diese aufeinanderstapeln.
Mit Hunderteuroscheinen geht das genauso: Zehn Hunderteuroscheine ergeben einen Stapel von einem Millimeter. Ein Millimeter sind tausend Euro. Wer gut was auf die Seite gelegt hat und sich wenig Sorgen zu machen braucht, hat dann vielleicht einen Stapel von zwei oder drei oder zehn Zentimeter vor sich liegen. Eine Million ergibt einen Geldscheinstapel von einem Meter, und wer zwei bis drei Millionen besitzt, dessen Stapel reicht bis zur Zimmerdecke. Mit sechs bis acht Millonen reicht der Stapel bis zum Dachfirst. Wer 20 Millionen hat, hat einen Stapel von der Höhe eines achtgeschossigen Hochhauses. Wer 150 Millionen hat, hat einen Stapel von der Höhe es Kölner Doms, und wer 300 Millionen hat, hat einen Stapel von der Höhe des Eiffelturms.
Es gibt allerdings auch Vermögen in privaten HĂ€nden, das wĂŒrde in Hunderteuroscheinen aufeinandergestapelt die Höhe es Mount Everest erreichen (knapp 9 Milliarden Euro). Der reichte Mann der Welt könnte sein Vermögen bis in die StratosphĂ€re stapeln. Aus solcher Höhe ist der Unterschied zwischen dem Kölner Dom und einer Streichholzschachtel nicht mehr wahrnehmbar.
Oder stellen Sie sich vor, man wĂŒrde die VermögensverhĂ€ltnisse in Deutschland in einer Skala von einem Meter Breite darstellen, reichend vom Habenichts bei Null und dem grĂ¶ĂŸten Vermögen in Deutschland (schĂ€tzen wir es auf zehn Milliarden) bei einem Meter. Wenn zehn Milliarden ein Meter sind, dann sind 10 Zentimeter eine Milliarde. Ein Zentimeter sind 100 Millionen. Ein Millimeter sind 10 Millionen. Und eine Million wĂ€re ein Zehntel Millimeter. So spitze Bleistifte gibt es nicht, um das Vermögen eines einfachen MillionĂ€rs in eine Skala von einem Meter einzeichnen zu können. Der MillionĂ€r befindet sich nicht am oberen, sondern am untersten Ende der Vermögensskala. Der MillionĂ€r ist nicht viel reicher als der, der gar nichts hat.
Wenn man sich ĂŒber die Proportionen von Reichtum Klarheit verschafft, erkennt man auch die Gefahr des Reichtums: Reichtum Ă€ußert sich nicht in Luxus, sondern in Macht.
Die Reichen um ihren Luxus zu beneiden oder ihr luxuriöses Lotterleben, das sie angeblich fĂŒhren, zu kritisieren, ist töricht. Das ist bloßer Moralismus und in der Konsequenz reaktionĂ€r. Ach, wĂŒrden die Reichen doch nur in Luxus schwelgen – dann hĂ€tte man von ihnen nichts zu befĂŒrchten. Wer vom Leben mehr erwartet als Sinnlosigkeit, hĂ€tte niemanden um seinen banalen Luxus zu beneiden, wohl aber die Macht zu fĂŒrchten.
Man hört auch immer wieder die Geschichte von dem Mann, der von drei Milliarden zwei verloren hat und nun ganz unglĂŒcklich darĂŒber ist, daß er nur noch eine Milliarde hat. Man kann ihn gar nicht verstehen. Doch wer zwei Milliarden verloren hat, wird die dritte auch nicht mehr lange behalten. Jede grĂ¶ĂŸere Verschiebung in der Vermögensstruktur einer Nationalökonomie hat zwangslĂ€ufig Verwerfungen zur Folge, die in das Leben jedes Einzelnen verheerender eingreifen als es eine Entscheidung einer noch so dilettantischen Regierung vermöchte, und kann ganze gesellschaftliche Gruppen deklassieren.
Ein anderes Wort fĂŒr Vermögen lautet: Kapital. Kapital kann nur existieren, indem es sich vermehrt. Kapitalismus kann nur existieren, indem er die Grundlagen seiner Existenz fortwĂ€hrend vernichtet.

Da verschwenden Sie keine Zeit

Wenn Sie keine Zeit verschwenden wollen, dann lesen Sie doch ein Buch von Sahra Wagenknecht. Oder zwei.
NĂ€mlich:

Sahra Wagenknecht: Kapitalismus, was tun? Schriften zur Krise. Verlag Das Neue Berlin 2013. 400 S. 10 Euro.

WagenknechtKapitalismusDer Verlag kommentiert:

Betroffen sind alle, aber nur wenige sehen, was tatsĂ€chlich geschieht. Wer die inzwischen von den Medien ausgeblendeten HintergrĂŒnde und die absehbaren Konsequenzen verstehen will, tut gut daran, sich die komplizierten Sachverhalte von der ausgewiesenen Wirtschaftsexpertin Sahra Wagenknecht erklĂ€ren zu lassen. Selten hat jemand die Finanzwelt derart klarsichtig erlĂ€utert. Die Autorin schließt mit einer deutlichen Ansage: „Es gab selten ein System, das so wenige Profiteure und so viele Verlierer hatte wie der heutige Kapitalismus. Es gibt keinen Grund, sich mit ihm und in ihm einzurichten.“

Wieso ist ein so dickes Buch so billig?
Es handelt sich um die beiden Titel „Kapitalismus im Koma“ und „Wahnsinn mit Methode“, die jetzt in einem Band zusammengefaßt sind. Also: nicht neu, aber kompakt.

Bestellen Sie dieses Buch in der Buchhandlung WeltbĂŒhne, denn die Buchhandlung WeltbĂŒhne will & muß ĂŒberleben. Lassen Sie sich nicht einreden, daß man das genauso gut woanders bestellen kann. Das kann man zwar auch woanders bestellen, aber nicht genauso gut.

P.S.: Das neueste Werk von Sahra Wagenknecht „Freiheit statt Kapitalismus. Über vergessene Ideale, die Eurokrise und unsere Zukunft“ ist derzeit nicht auf Lager, denn die Taschenbuchausgabe (dtv) erscheint im Juni. Wer nicht bis Juni warten will, dem besorgen wir auch noch die Ausgabe aus’m Campus-Verlag.

Rosa-Luxemburg-Stiftung: Veranstaltungen

Von der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW bekam ich eine Liste von Bildungsveranstaltungen im Monat MĂ€rz. Damit die mir das nicht umsonst mitgeteilt haben, gebe ich die Veranstaltungstermine weiter:

Köln
Am 07.03.2013
Filmreihe „Vom Mauerfall bis zur Nagelbombe: Das Problem heisst Rassismus“
Diesmal: Duvarlar (Can Candan, 2000)
Um 19 Uhr in der Keupstaße, Köln.
http://www.nrw.rosalux.de/event/48081/fimreihe-vom-mauerfall-bis-zur-nagelbombe-das-problem-heisst-rassismus.html

Mönchengladbach
Am 07.03.2013
Der 80. Jahrestag der „Machtergreifung“ und Antifaschismus heute
Vortrag und Diskussion mit Ulla Jelpke, MdB.
Um 19:30 Uhr im Gewerkschaftshaus.
http://www.nrw.rosalux.de/event/47508/der-80-jahrestag-der-machtergreifung-und-antifaschismus-heute.html

Mönchengladbach
Am 08.03.2013
Atomtransporte zwischen Deutschland und Russland: Deutscher AtommĂŒll am Baikalsee.
Vortrag und Diskussion mit der Anti-Atom-Aktivistin Svetlana Slobina
Um 20 Uhr im Treff am Kapellchen,
http://www.nrw.rosalux.de/event/47868/atomtransporte-zwischen-deutschland-und-russland.html

Gronau
Am 09.03.2013*
Die schmutzigen Enden der deutschen Atomwirtschaft: Urananreicherung und Atomtransporte aus Gronau nach Russland.
BeitrÀge von Svetlana Slobina und Irina Schatrowa aus Angarsk
(Russland), Raschid Alimow (St. Petersburg), Vladimir Slivjak (Moskau).
Um 18 Uhr im Hotel Bergesbuer.
http://www.nrw.rosalux.de/event/47869/die-schmutzigen-enden-der-deutschen-atomwirtschaft.html

Köln
Am 10.03.2013
Zeitzeuginnen des Kampfes fĂŒr Frieden und Gerechtigkeit
Folter, Verschwindenlassen, Pogrome, politische Morde – Die Situation der Frauen im Kampf um Demokratie und Menschenrechte in der TĂŒrkei.
Vortrag und Diskussion mit Isilay Karagöz, Yeter GĂŒltekin, Senge
Kahraman und Rakel Dink.
Um 14:30 Uhr in der Alten Feuerwache,
http://www.nrw.rosalux.de/event/48006/zeitzeuginnen-des-kampfes-fuer-frieden-und-gerechtigkeit.html

Dortmund
Am 14.03.2013
Ratingagenturen – Einblick in die Kapitalmacht der Gegenwart
Vortrag und Diskussion mit Dr. Werner RĂŒgemer.
Um 19 Uhr im Literaturkaffeehaus Taranta-Babu.
http://www.nrw.rosalux.de/event/47507/ratingagenturen-einblick-in-die-kapitalmacht-der-gegenwart.html

Köln
Am 14.03.2013
Filmreihe „Vom Mauerfall bis zur Nagelbombe: Das Problem heisst Rassismus“
Diesmal: Hoyerswerda-Kurzdokus (Julia Oelkers, 1992, 2012)
Um 19 Uhr in der Keupstaße (siehe Flyer im Anhang).
http://www.nrw.rosalux.de/event/48082/fimreihe-vom-mauerfall-bis-zur-nagelbombe-das-problem-heisst-rassismus-1.html

Köln
Am 21.03.2013
Fimreihe „Vom Mauerfall bis zur Nagelbombe: Das Problem heisst Rassismus“
Diesmal: The truth lies in Rostock (Mark Saunders, 1993)
Um 19 Uhr in der Keupstaße (siehe Flyer im Anhang).
http://www.nrw.rosalux.de/event/48083/fimreihe-vom-mauerfall-bis-zur-nagelbombe-das-problem-heisst-rassismus-2.html

DĂŒsseldorf
Am 21.03.2013
Gestern Syrien, heute Mali – und das Völkerrecht …?
Europa, als imperiale Ordnungsmacht mit Prof. em. Dr. Norman Paech, MdB a.D.
Um 19:30 Uhr im ZAKK.
http://www.nrw.rosalux.de/event/47801/gestern-syrien-heute-mali-und-das-voelkerrecht.html

Dortmund
Am 21.03.2013
Der Traum vom feministischen Sozialismus-Utopien von Frauen gestern und heute
Buchvorstellung von Florence HervĂ©, Vortrag ĂŒber Renate Wurms (1941 – 2009) von Rita Schnekmann und Monika Niehaus.
Um 19:30 Uhr im Literaturkaffeehaus Taranta-Babu.
http://www.nrw.rosalux.de/event/47843/der-traum-vom-feministischen-sozialismus-utopien-von-frauen-gestern-und-heute.html

Bochum
Am 23.03.2013
Postkoloniale Perspektiven auf Entwicklungspolitik
Vortrag mit Chandra-Milena Danielzik und Daniel Bendix von „glokal.“
Um 18:30 Uhr in der Aula der EFH Bochum.
http://www.nrw.rosalux.de/event/48005/postkoloniale-perspektiven-auf-entwicklungspolitik.html

Köln
Am 28.03.2013
Filmreihe „Vom Mauerfall bis zur Nagelbombe: Das Problem heisst Rassismus“
Diesmal: Revision (Philip Scheffner, 2012)
Um 19 Uhr in der Keupstaße (siehe Flyer im Anhang).
http://www.nrw.rosalux.de/event/48004/fimreihe-vom-mauerfall-bis-zur-nagelbombe-das-problem-heisst-rassismus-3.html

Neu in der WeltbĂŒhne: Jutta Ditfurth „Zeit des Zorns“

Ich empfehle:
Jutta  Ditfurth: Zeit des Zorns. Warum wir uns vom Kapitalismus befreien mĂŒssen
Westend Verlag 2012. 302 S. Klappenbroschur. 16,99 Euro
DitfurthZeitDesZorns
Der Verlag stellt das Buch vor:
„Eine große Wut durchzieht das Land. Denn wer tritt heute noch fĂŒr Gerechtigkeit ein? Wer setzt dem außer Rand und Band geratenen Kapitalismus Grenzen? Wer tut etwas gegen Armut und Naturzerstörung? Jutta Ditfurth rechnet ab: mit denen, die das Ideal einer humanen Gesellschaft verraten haben. Vor allem aber: Sie zeigt Wege aus der Resignation und macht den Mutlosen Mut.“
Aus dem Vorwort:
„Unser Ziel ist, dass Menschen ein Leben ohne Ausbeutung, Diskriminierung, Hunger und Krieg fĂŒhren können. DafĂŒr sind energischere Maßnahmen als Mahnwachen und Kundgebungen nötig. (
) Unser Ziel ist eine Gesellschaft, die auf SolidaritĂ€t aufbaut und auf sozialer Gerechtigkeit, in der es keine Ausbeutung und keine Herrschaft von Menschen ĂŒber Menschen mehr gibt, eine Gesellschaft, in der wir basisdemokratisch entscheiden, wie wir leben und arbeiten wollen. Das ist ein tollkĂŒhner Plan. Und wir mĂŒssen alles selbst machen. Die Mittel, durch die wir dieses Ziel erreichen könnten, werden manche eine soziale Revolution nennen. Einverstanden.“

Von Zeit zu Zeit werden Sie an dieser Stelle ĂŒber NeueingĂ€nge in der Buchhandlung WeltbĂŒhne informiert – nicht immer das Neueste, aber immer empfehlenswert.
Wenn Sie bestellen wollen, dann hier. Erinnern Sie sich stets an den Slogan:
„Liebe LEUTE bestellt BÜCHER in DER buchhandlung WELTBÜHNE und SONST nirgends.“
WeltbĂŒhne muß bleiben.

WeltbĂŒhne muß bleiben

Das war im Juni hier zu lesen:
Am 15. Juni 1987 wurde die Eröffnung der Buchhandlung WeltbĂŒhne gefeiert […]. 25 Jahre Buchhandlung WeltbĂŒhne!
Ein JubilĂ€um, das nun allerdings nicht mit ungetrĂŒbter Freude gefeiert werden kann. Fortsetzung folgt.

Hier ist die Fortsetzung:

Die Feierlichkeiten fanden in kleinem Kreis und ohne viel Trara statt. Denn erstens: Die lange Vorgeschichte sollte nicht abgekoppelt werden. Den 25 Jahren WeltbĂŒhne gingen 13 Jahre Buchladen im Eschhaus voraus. Eigentlich war es das JubilĂ€um eines Umzugs, und mit der Eröffnung des Eschhaus-Buchladens 1974 begann die Geschichte ja auch nicht erst. Der wirkliche Anfang war 1968.
Und zweitens: Just in jenen Junitagen stand die Buchhandlung am Abgrund – infolge Ă€ußerer Entwicklungen.


In der Buchhandelsbranche, vor allem in Zwischenbuchhandel vollziehen sich Konzentrationsprozesse, die die kleinen und unabhĂ€ngigen Buchhandlungen an den Rand drĂ€ngen. Eine SchlĂŒsselrolle spielen die Barsortimente, die die Buchhandlungen in die Lage versetzen, lieferbare Titel im Kundenauftrag gebĂŒndelt und schnell zu besorgen. Ohne Anschluß an ein Barsortiment ist eine Buchhandlung vom BeschaffungsgeschĂ€ft praktisch abgeschnitten, dabei macht dieser GeschĂ€ftsbereich ĂŒber 80 Prozent des Umsatzes aus.
Das Barsortiment Könemann, bisher spezialisiert auf die Versorgung kleiner LÀden, wurde vom Branchenriesen Libri geschluckt, und der ist nicht bereit, die kleinen Klitschen zu beliefern.
Die Barsortimente wollen (oder mĂŒssen) ihren Marktanteil vergrĂ¶ĂŸern und ĂŒben Druck auf die Buchhandlungen aus, ihr Auftragsvolumen zu steigern. Die Verlagsauslieferungen kontern mit gĂŒnstigeren Rabatten, die die kleinen LĂ€den aber kaum nutzen können, weil sie bei den Barsortimenten das vereinbarte Auftragsvolumen erfĂŒllen mĂŒssen. Die Verlage wiederum stöhnen unter dem Druck der Barsortimente, weil auf diesem Vertriebsweg die Gewinnspanne fĂŒr sie besonders niedrig ist.
„Strategiepapiere“ zirkulieren, in denen moniert wird, daß bei den Barsortimenten viel zu viele MĂ€nnekes und FrĂ€ukes beschĂ€ftigt sind, die an Packtischen viele kleine PĂ€ckchen packen fĂŒr viele kleine Buchhandlungen, wo es doch viel rentabler wĂ€re, nur noch im Sammelverkehr Großkunden zu beliefern..
Da sind keine nĂŒchternen Kaufleute am Werk, sondern durchgedrehte Manager („Unternehmensberater“), denen als eigentliches Unternehmensziel der Stellenabbau vorschwebt. Vom Fach haben die „Unternehmensberater“ dieser Tage keine Ahnung, und sie wissen auch gar nicht, was ein Buch ist. Mit dem modernen Manager ist die IrrationalitĂ€t ins Wirtschaftsleben eingedrungen.
Die Lage fĂŒr die Buchhandlung WeltbĂŒhne ist fĂŒr eine Gnadenfrist entschĂ€rft, weil sie von einem der drei noch verbliebenen Barsortimente (dem kleinsten) akzeptiert wurde. Aber nach diesem streckt schon der andere Branchenriese die gierige Fusionshand aus. Und wie das vereinbarte jĂ€hrliche Auftragsvolumen jemals erreicht werden soll, das weiß der liebe Himmel. EINE VERDOPPELUNG DES AUFTRAGSVOLUMENS IM BESCHAFFUNGSGESCHÄFT IST EINERSEITS KAUM ZU SCHAFFEN UND WÜRDE ANDERERSEITS NOCH NICHT EINMAL REICHEN.

Das ist noch nicht das ganze Ausmaß der KalamitĂ€t. 25 Jahre Buchhandlung WeltbĂŒhne bedeutet zugleich: 25 Jahre Boykott durch die aktive und organisierte Linke.
Aber das ist ein Kapitel fĂŒr sich. SPÄTER DAZU MEHR.


Heute geht dieser Appell an alle, deren Herz links schlĂ€gt und die sich an informelle BoykottbeschlĂŒsse, ungeschriebene Unvereinbarkeitsgesetze und unbewußte Ausgrenzungsgewohnheiten nicht gebunden fĂŒhlen: Es ist keine Zeit zu verlieren. Das Prinzip der SolidaritĂ€t muß auch in linken Kreisen wieder eingefĂŒhrt werden.

Sie können und sollten das vielfĂ€ltige Leistungsangebot der Buchhandlung WeltbĂŒhne nutzen: Jedes lieferbare Buch wird besorgt, der Versanddienst liefert an jeden Ort in jedem Land. Wir leben nicht mehr im Postkutschenzeitalter. Man muß nicht vorsprechen und anreisen, um ein Buch zu bestellen und abzuholen. Man kann auch per Telefon oder E-mail bestellen und sich das Bestellte mit der Post schicken lassen.
Auch wir haben Internet und E-mail, sogar Telefon. Und die Post befördert sogar PĂ€ckchen, Pakete, BĂŒcher- und Warensendungen, die von uns abgeschickt werden.
Wir forschen fĂŒr Sie nach „entlegenen“ und vergriffenen BĂŒchern.
Eines unserer Prinzipien: In der Buchhandlung WeltbĂŒhne wird nicht verramscht und remittiert. BĂŒcher, die nicht verkauft wurden, bleiben im Angebot, auch wenn dadurch investiertes Kapital jahrelang gebunden bleibt. Wir haben die BĂŒcher, die anderswo lĂ€ngst vergriffen sind.
Wir haben nicht nur BĂŒcher. Schaut auf die WeltbĂŒhne-Homepage. Werde Stammgast im Weblog Amore e Rabbia.

ALLE AUFTRÄGE AN UNS! Mit Bestellungen fĂŒr Ausbildung, Studium, Schule, Beruf, Weiterbildung wird die LeitungsfĂ€higkeit der einzigen linken Buchhandlung der Region gesichert.
Aber es geht lÀngst nicht nur um die LeistungsfÀhigkeit. In diesen Tagen und Wochen geht es um Sein oder Nichtsein.

Noch ein Hinweis: Wer bei Amazon etwas bestellen will, was sich außerhalb unseres Leistungsangebots befindet (Armbanduhr, Motorradersatzteile, Badematten, KĂŒchengerĂ€te, BassverstĂ€rker etc. pp.), sollte ĂŒber den Amazon-Button auf der WeltbĂŒhne-Homepage oder ĂŒber den Link unten auf dieser Seite dorthin gehen. Amazon zahlt dann an uns eine Provision, was sich als sehr wirksame Hilfe erwiesen hat.

Spenden sind in dieser Situation willkommen und wohl auch unverzichtbar.
Spendenkonto: SSB e.V. Kto.-Nr. 403956432 Postbank Essen BLZ 360 100 43

LIEBE leute BESTELLT bĂŒcher IN der BUCHHANDLUNG weltbĂŒhne UND sonst NIRGENDS.
WeltbĂŒhne muß bleiben.

Empfehlung aus der WeltbĂŒhne: Alles Pop?

Ich empfehle:
Marvin Chlada / Gerd Dembowski / Deniz ÜnlĂŒ: Alles Pop? Kapitalismus und Subversion. Alibri Verlag 2003. 356 S. (NB1222) 19 Euro

Wie funktioniert Pop in der Warengesellschaft? Mit ihrer zentralen These, daß Pop Ă€hnlich wie der kapitalistische Markt Subversion integriert, stellen die Autoren die Auffassung in Frage, daß innerhalb des Massenkonsums so etwas wie Widerstandspotential aufrechterhalten werden kann. Anhand von Interviews mit bekannten Musik- und LiteraturgrĂ¶ĂŸen wie Jim Avignon, Schorsch Kamerun (Goldene Zitronen), Tomas D oder F.M. Einheit (ehem. EinstĂŒrzende Neubauten), die ĂŒber ihre Stellung (oder Nische) im Pop-Markt, ĂŒber den eigenen Anspruch und entgegenstehende ZwĂ€nge Auskunft geben, können die theoretischen Aussagen an der Pop-RealitĂ€t gewissermaßen abgeglichen werden.
Mit BeitrĂ€gen von Marvin Chlada, Gerd Dembowski, Deniz ÜnlĂŒ, Simon GĂŒntner und Romuald Leonhardt, Wiglaf Droste, Thomas D, Ira Cohen, Ralf Bentz, Klaus Walter und Marcus S. Kleiner.
„Gut, daß wir darĂŒber geredet haben, noch besser, daß es trotz allem noch KĂŒnstler zu geben scheint, die ĂŒberhaupt ĂŒber Politik nachdenken.“ (Susann Sax in Scheinschlag, September 2003)
„Eine politische Linie verfolgen die Herausgeber nicht wirklich. Schlaglichtartig lassen sie unterschiedliche Autorinnen zu unterschiedlichsten Kulturfeldem Gedanken entwickeln. Das hat den Vorteil, daß die AufsĂ€tze auch fĂŒr sich allein zur Kenntnis genommen werden können, daß vielfaltige Betrachtungsweisen geboten werden. Allerdings bekommt das ganze damit auch eine ziemliche Beliebigkeit. Aber wenn einem die Sonne ohnehin das Hirn wegbrennt, ist das vielleicht auch nicht schlimm. Alles Pop?“ (Analyse und Kritik, August 2003)

Von Zeit zu Zeit werden Sie an dieser Stelle ĂŒber Standardtitel in der Buchhandlung WeltbĂŒhne informiert – nicht immer das Neueste, aber immer empfehlenswert.
Wenn Sie bestellen wollen, dann hier. Erinnern Sie sich stets an den Slogan:
„LIEBE leute BESTELLT bĂŒcher IN der BUCHHANDLUNG weltbĂŒhne UND sonst NIRGENDS.“
WeltbĂŒhne muß bleiben.

Einer macht Panik

Vorgestern die Knall-Überschrift der Bildzeitung: Die Betriebsrenten sind in Gefahr!
Am selben Tag in der WAZ, auf der Wirtschaftsseite rechts unten: „Betriebsrenten leiden unter Zinsverfall“. „Die 17 Millionen Betriebsrenten der deutschen BeschĂ€ftigten sind 
 durch die niedrigen Zinsen bedroht“, und zwar „nach Aussage des Finanzwissenschaftlers Bernd RaffelhĂŒschen“.
Was ist der Mann? „Finanzwissenschaftler“?
„Versicherungsvertreter“ wĂŒrde eher passen. Er sitzt im Aufsichtsrat der ERGO-Versicherungsgruppe und ist fĂŒr die Victoria Versicherung AG als „Berater“ tĂ€tig. Von diesen Posten aus plĂ€diert er fĂŒr eine „ErgĂ€nzung“ des umlagefinanzierten Rentensystems durch eine kapitalbasierte Rente. Im Klartext: Renten kĂŒrzen und den Leuten eine Lebensversicherung aufschwatzen. NatĂŒĂŒĂŒrlich liegen ihm dabei nuuur die „Rechte zukĂŒnftiger Generationen“ im Auge, fĂŒr die es eine Stiftung gibt, in deren Beirat er Mitglied ist.
Mitglied ist er auch in der dubiosen „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, eine neoliberale Zusammenkunft erfinderischer Zwerge, deren Mitgliederliste voller Belege dafĂŒr ist, daß die Elite der ach so nĂŒchternen und prĂ€zisen Volkswirtschaftslehre wohl eher ein Tummelplatz ideologisch verblendeter Quacksalber ist, vergleichbar mit Astrologie und WĂŒnschelrutengĂ€ngerei. Dort hĂ€lt man es nicht aus, daß die Arbeitgeber ĂŒber den Nettolohn hinaus auch noch BeitrĂ€ge in die Rentenkasse zahlen mĂŒssen. Die Herren wĂŒrden es lieber sehen, wenn die Altersvorsorge vom Nettolohn in die Versicherungen eingezahlt werden, wo die RĂŒcklagen als Reservoir fĂŒr den Kapitalbedarf preisgĂŒnstig zur VerfĂŒgung stehen.
So ist es dem Lobbyisten auch ein Dorn im Auge, „daß ein neues Regelwerk der EU Pensionskassen zu noch mehr Investitionen in wenig verzinste Staatsanleihen zwingen soll“.
RaffelhĂŒschen moniert weiter: „FĂŒr Firmen, die ihren BeschĂ€ftigten in der Vergangenheit eine hohe feste Verzinsung von Betriebsrenten zugesagt haben, kann die Pensionskasse nun zum VerlustgeschĂ€ft werden.“
Klar doch: Arbeitnehmern macht man am besten gar keine Zusagen! Und wer ein Arbeitsleben lang fĂŒr seinen Arbeitgeber geschuftet hat, der hat ihn am Ende in die Pleite getrieben!
Oder kĂŒrzer gesagt: Arbeitnehmer sind fĂŒr den Arbeitgeber nur eine Last!
Daß die von RaffelhĂŒschen protegierten Lebensversicherungen in Zeiten niedriger Zinsen den Versicherten auch nicht viel zu bieten haben, hat er nicht gesagt. Das sage ich jetzt.

Frau Fischer hat in der WAZ einen Kommentar zusammenphilosophiert

„Die Generation 30+ … Jobs gibt es nicht, Rente kaum. Die BeitrĂ€ge steigen, die ErtrĂ€ge sinken, nicht einmal Riestern wird noch reichen. Gearbeitet wird mehr, verdient weniger. Und was reinkommt, fließt in Versicherungen, die wohl nie leisten werden, was sie nun noch versprechen. In einem Alter, in dem sie angekommen sein wollten, hangeln sich Zigtausende von Praktikum zu Befristung, und wenn sie in ihre TrĂ€ume investieren wollen, zeigt ihnen der Finanzberater ihre RentenlĂŒcken. Die Generation hat Ausbildung, Auslandserfahrung und trotzdem Angst… Der Staat fĂŒhrt das Rundum-Sorglos-Paket nicht mehr…“
Ein Kommentar, der (wie sagt man?) „schonungslos offenlegt“ – ja, was legt er offen? Das, woran man sich mittlerweile gewöhnt zu haben hat.
Es wĂ€re ja schon ein kleiner Erkenntnisgewinn, wenn Journalisten aufhören könnten, dauernd alberne Bezeichnungen fĂŒr „Generationen“ zu erfinden, wenn es in Wahrheit um Gesellschaft geht, und wenn sie damit aufhören könnten, selbstverliebt schnittige Formulierungen zu erfinden. Das „Rundum-Sorglos-Paket“ ist ein schicker Spruch und zugleich eine Diffamierungs-Floskel fĂŒr den Sozialstaat, den es hier wohl mal in AnsĂ€tzen gegeben haben soll und der nun perdu ist. Der Staat verweigert die sozialstaatlichen Leistungen, und zwar nicht etwa deshalb, weil er diese Leistungen nicht mehr erbringen kann, sondern weil er sie nicht mehr erbringen will. Er könnte schon, wenn er wollte. Aber er will nicht. Und auch das hat sich verĂ€ndert in den letzten 16 Jahren: Die, die in dieser Gesellschaft die Entscheidungen treffen, halten es nicht mehr fĂŒr nötig, das System, in dem wir leben, als die beste aller Welten anpreisen zu lassen. Sollen die Leute doch maulen!
Ja, in AnsĂ€tzen hat es den hier wohl mal gegeben, den Sozialstaat. Hier konnte man zwar krank werden oder einen Unfall erleiden. Hier konnte man zwar infolge von InvaliditĂ€t oder wegen fortgeschrittenen Alters seine Arbeitskraft einbĂŒĂŸen. Hier konnte man zwar (anders als in der DDR) arbeitslos werden. Aber in einem gewissen Maße sollte sich die Gesellschaft fĂŒr die Sicherung gegen die Lebensrisiken zustĂ€ndig fĂŒhlen, was heute als „Rundum-Sorglos-Paket“ bemĂ€kelt wird.
Das Gegroll der Frau Annika Fischer ist der Katzenjammer, der sich immer einstellt, wenn man billigen Sekt getrunken hat. Am 3. Oktober 1990 knallten die Korken, weil man glaubte, fröhlich sein zu mĂŒssen, als die alte Tante DDR sich verabschiedete (Annika Fischer hat damals bestimmt mitgeprostet). Nur hat man ĂŒbersehen, daß damals eben nicht nur die DDR zu Ende ging. Auch die gute alte Bonner Republik ging damals mit zugrunde. Die Bundesrepublik Deutschland, die wir mal kannten, konnte den Fall der Mauer ebenso wenig ĂŒberleben wie die DDR – sie hat ihn nicht ĂŒberlebt.
Den Katzenjammer der Leute, die sich mal fĂŒr die Sieger hielten, will ich nicht hören.
aus DER METZGER 76 (2006)

Die WAZ-Leser schreiben Leserbriefe an die WAZ

„Der Streik im öffentlichen Dienst ist unverschĂ€mt. WĂ€hrend in der privaten Wirtschaft Tausende Menschen um ihre Jobs bangen, tiefgreifende Gehaltseinbußen hinnehmen mĂŒssen und mit erhöhtem Leistungsdruck ihre Arbeit verrichten, leben die Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes immer noch auf der Insel der GlĂŒckseligen. Dieser Streik ist ein Schlag ins Gesicht fĂŒr alle BeschĂ€ftigten in der privaten Wirtschaft“, meint Thomas Doof aus Essen (Name geĂ€ndert), der zwar nicht durchblickt, aber den Phrasen-Jargon des Christiansen-Palavers aufsagen kann („Insel der GlĂŒckseligen“, „Schlag ins Gesicht“). Und Schweinchen Schlau aus Bottrop meint: „Daß Verdi wegen 18 Minuten Mehrarbeit am Tag ohne Lohnausgleich, in dieser Zeit, gleich streikt, finde ich ĂŒbertrieben, sinnlos. Die Bevölkerung leidet darunter am meisten. Man sollte verhandeln, daß wenn die 40-Stunden-Woche kommt, es fĂŒnf Jahre keine Entlassungen mehr gibt.“
Von dem Vorschlag, als Gegenleistung fĂŒr lĂ€ngere Arbeitszeit fĂŒnf Jahre lang auf Entlassungen zu verzichten, werden die Arbeitgeber so angetan sein, daß sie dem ohne Arbeitskampf glatt zustimmen, nachgiebig und einsichtig, wie sie nun mal sind. Fragt sich nur, warum die Arbeitgeber gerade auf das verzichten sollen, was sie mit der ArbeitszeitverlĂ€ngerung doch erreichen wollen, nĂ€mlich die Vernichtung von ArbeitsplĂ€tzen. „Stelleneinsparungen“ sind das erklĂ€rte Ziel der Arbeitgeber im öffentlichen Dienst. Die erreicht man allerdings nicht bloß durch Entlassungen, sondern viel eleganter durch Nicht-Neubesetzung. Darunter leidet die Bevölkerung letztlich mehr als unter den zeitweiligen Auswirkungen eines Streiks.
Und dem Thomas Doof aus Essen (Name passend) mĂŒĂŸte mal erklĂ€rt werden, daß die „Insel der GlĂŒckseligen“, der öffentliche Dienst nĂ€mlich, in den letzten 15 Jahren der Wirtschaftsbereich mit dem grĂ¶ĂŸten Verlust von ArbeitsplĂ€tzen war. Die Arbeitgeber des öffentlichen Dienstes spielen fĂŒr die Arbeitgeber der „privaten Wirtschaft“ die Vorreiterrolle bei der Arbeitsplatzvernichtung.
aus: DER METZGER 76 (2006)

Einer meinte, die unbedingt notwendigen Reformen wÀren jetzt unbedingt notwendig

Der KĂŒndigungsschutz mĂŒĂŸte abgeschafft werden, weil nur so neue ArbeitsplĂ€tze entstehen. Die Arbeitszeiten mĂŒĂŸten verlĂ€ngert werden, weil nur so neue ArbeitsplĂ€tze entstehen. Sozial sei, was Arbeit schafft, Subventionen mĂŒĂŸten weg, es mĂŒĂŸte noch viel mehr „privatisiert“ und „dereguliert“ werden, und die Löhne mĂŒĂŸten gesenkt werden, damit die Gewinne steigen, aus denen dann Investitionen gemacht werden, aus denen neue ArbeitsplĂ€tze entstehen.
Das ist ja nun wirklich nicht originell. Seltsam ist aber: Das sagte kein Politiker, kein Publizist und kein ArbeitgeberfunktionÀr, sondern das sagte ein ganz gewöhnlicher Zeitgenosse in einem Internetforum.
Solche Leute gibt es anscheinend tatsĂ€chlich. Eine seltsame Spezies! Die glauben an die „soziale Marktwirtschaft“ wie man an der Weihnachtsmann glaubt. Nur eins hat diese Randgruppe nicht begriffen: Daß derlei Propaganda nicht in ihren ZustĂ€ndigkeitsbereich gehört. In der Kirche predigt der Pastor. Es ist unpassend, das, was der Pastor von der Kanzel predigt, dem Nebenmann ins Ohr zu sagen.
Die Politiker, Publizisten und ArbeitgeberfunktionĂ€re predigen den Leuten, daß die unbedingt notwendigen Reformen jetzt unbedingt notwendig sind undsoweiter. Dabei glauben die selber nicht an das, was sie predigen. Die wissen, daß das nicht stimmt, daß auf diese Weise keine neuen ArbeitsplĂ€tze entstehen und entstehen sollen. Und die Leute, denen das gepredigt wird, glauben denen das auch nicht. Die wĂ€hlen Kohl oder Schröder oder Merkel und sind fest davon ĂŒberzeugt, daß sie von denen nur beschissen werden. Und sie wĂ€hlen sie trotzdem. Und die Politiker, Publizisten und ArbeitgeberfunktionĂ€re wissen, daß die, denen sie predigen, ihnen lĂ€ngst nicht mehr glauben. Aber das macht nichts. Es funktioniert trotzdem.
Und da geht einer daher, und wiederholt das, was ihm gepredigt worden ist. Die Politiker, Publizisten und ArbeitgeberfunktionĂ€re finden das bestimmt nicht gut. Sie sagen: „Was soll das denn? HĂ€lt der jetzt unsere Reden?“
aus DER METZGER 76 (2006)