Neu in der Weltbühne: Graphic Novel über Primo Levi

Matteo Mastragostino, Alessandro Ranghiasci: Primo Levi. Graphic Novel. Aus dem Italienischen von Georg Fingerlos. bahoe books Wien. 120 Seiten Hardcover im Großformat. 24 €.

Herbst 1986. Wenige Monate vor seinem Tod traf Primo Levi die Schüler der Volksschule Rignon in Turin. Es war die gleiche Schule, die er als Kind besuchte. So begann die lange Reise des Wissens, in dem der Schriftsteller die Kinder an der Hand nahm und sie ruhig in sein persönliches Drama begleitete und mit sanfter Festigkeit zu erklären versuchte, was der Holocaust war, und wie er es geschafft hat, die Hölle von Auschwitz zu überleben. Fragen über Fragen: Die Schüler öffneten ihre Augen und sahen die schwärzeste Seite der menschlichen Geschichte, geführt durch die Stimme und die Gesten eines ihrer maßgeblichsten Zeugen, einem Meister der Klarheit und des Widerstands, der Entschlossenheit und der Tat.
Primo Levis Biographie als berührende Graphic Novel zählt nicht nur zu den zugänglichsten Werken über die Deportation und Ermordung der Juden in Auschwitz, sondern gewinnt durch die zurückgenommene Erzählweise in Kombination mit den präzisen, unaufdringlichen Zeichnungen den Rang von Weltliteratur.

Die dritte Auflage erscheint in diesen Wochen. Um Vorbestellung wird gebeten.

Das Buch ist im Programm der Buchhandlung Weltbühne (auch im Versand zu beziehen).
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Geburtstag!

Was höre ich da im Radio? Die SPD hat Geburtstag? Heute vor 160 Jahren wurde in Leipzig der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) gegründet. Chef wurde Ferdinand Lassalle.
Na, dann sag ich mal brav: Herzlichen Glückwunsch. Und ich denke dabei vor allem an August Bebel, Wilhelm Liebknecht, an Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Franz Mehring, Otto Rühle, Clara Zeitkin, Georg Ledebour et al. (Ob die genannten sich heute meinem Glückwunsch anschließen würden – darüber mögen sich die Historiker streiten).

Häupter der Sozialdemokratie: August Bebel, Wilhelm Liebknecht – Karl Marx – Carl Wilhelm Tölcke, Ferdinand Lassalle

Dieser 23. Mai 1863 war das erste von mehreren Gründungsdaten der SPD. Am 8. August 1869 wurde in Eisenach die Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) gegründet. Diese beiden Parteien vereinigten sich 1875 in Gotha zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP), die sich im Jahre 1890 in SPD umbenannte.
Nicht alle Mitglieder des ADAV schlossen sich der Vereinigung an. Eine „orthodox-lassalleanische“ Gruppe spaltete sich ab und konstituierte sich als Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein (Sitz Hamburg). Diese Vereinigung unterstützte das Sozialistengesetz und trat 1909 dem Reichsverband gegen die Sozialdemokratie bei.
Man kann also sagen: Vom alten ADAV ist doch noch etwas übrig geblieben, das bis in die Gegenwart hineinwirkt.

Sammelt Briefmarken


Und damit das mal klar ist:
Das russische Reich von heute und Sowjetrussland sind nicht das gleiche. Sie unterscheiden sich voneinander wie Nationalismus vom Internationalismus.
Die politischen Herrscher des Landes sind nicht die Erben Lenins, sondern die Erben des Zaren.
Ihre Streitkräfte sind nicht die Rote, sondern die Weiße Armee.

Was ist wohl aus dem Vattertach geworden?

Gestern (Donnerstag, 18. Juni) war Himmelfahrtstag, vulgo: Vatertag (Vattertach). Für mich ist das – ganz unchristlich und ganz un-paternalisch – jedes Jahr einer meiner Wandertage (Zitat: Mißtraue einem Gedanken, der nicht beim Gehen entstanden ist). Fotoapparat hatte ich ausnahmsweise mal nicht bei mir). Ich wollte eigentlich zum Solbad Raffelberg gehen, um dort im Park ein oder zwei Stündchen auf einer Bank mit Lektüre zu verbringen (bei dem schönen Wetter). Aber einige Wege waren wegen Baustellen nicht zu gehen.
Die Sitte, mit Gesang auf einem Bollerwagen ein von der Sonne beschienenes Bierfäßchen hinter sich her zu ziehen, wird wohl nur noch äußerst sporadisch praktiziert. Es mag ja ganz lustig sein, wenn Herren ab 40 sich eine Kreissäge (Strohhut) auf den Kopf tun, einen Spazierstock mit Fahrradklingel mit sich führen (nach der Straßenverkehrszulassungsordnung nicht statthaft) und im Gänsemarsch mit dem einen Fuß auf dem Bürgersteig, mit dem anderen auf der Fahrbahn entlanggehen. Aber der Witz hat doch einen Bart!
(Einmal habe ich gesehen, wie so eine Gruppe zur Bushaltestelle eilte, wo der Bus gerade abfahren wollte, sich dabei aber nicht von ihrer vattertäglichen Fortbewegungsart abbringen ließ. Das war in Buchholz auf der Münchener Straße. Da ist sowas möglich).
Ich sah auf der Schweizer Straße an einer Bushaltestelle eine zehnköpfige Gruppe von Männern in dunkler Freizeitkleidung herumstehen mit Bierflaschen in den Händen und Ernst in den Gesichtern. Die waren irgendwie entschlossen. Aber wozu? Das wußten sie selber nicht. Als der Bus kam, sind sie nicht eingestiegen.
Es war schon später Nachmittag, der Weg nach Hause führte am Zoo entlang. Ich wußte ja gar nicht, daß der „andere“ Zoo-Parkplatz (nicht der an der Monning samt Straßen-Strich) so riesig ist. Autos nicht zu zählen! Ich sah keins mit Duisburger Kennzeichen – die Leute hatten sich mit dem Zoo-Besuch was Großes vorgenommen). Das Parken hier kostet eine Gebühr, Jahreskarten für den Parkplatz gibt es auch.
Die Leute waren auf dem weg vom Zoo-Ausgang zum Parkplatz, und ich ging in die entgegengesetzte Richtung. Es waren nicht hunderte, sondern tausende Menschen, die mir auf ein paar hundert Metern entgegenkamen. Und es gibt anscheinend nur noch kinderreiche Familien? Nein, oft waren es mehrere Familien, die gemeinsam mit ihren Kindern hierher gefahren waren.
Es tut gut, Menschen dabei zuzusehen, wie sie einen schönen Tag genießen. Und für diese Männer und Frauen war es ein schöner Tag, das sah man in ihren Gesichtern. Und die Kinder waren ganz brav, wie Kinder sind, wenn sie sich freuen.
Ist der Vatertag zu einem Familientag geworden? Tut die bürgerliche Familie auch mal was gutes, indem sie an Stelle der Gewohnheit lauter Maskulinitätsfeierlichkeit sich was angenehmeres einfallen läßt, angenehm auch für die Kinder? Sei es wie es sei.
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Der Tatort vorigen Sonntag

Tatort am Sonntag, 14. Mai 2023. Drehbuch: Astrid Ströher. Titel: Das geheime Leben unserer Kinder.
Ich meine, durch Beobachtung und aus Erfahrung behaupten zu können:
Die „Jugend von heute“ ist beiweitem nicht so blöd wie immer behauptet wird.
Von dieser Gewißheit kann mich auch dieser Film nicht abbringen.

Oder, wenn ich es pessimistisch ausdrücken sollte:
Der Herrgott hat die Blödheit unter den Generationen wohl gleichmäßig verteilt.

Wahl in Bremen

Was nützt die schönste Landtagswahl, wenn die FDP über 5 Prozent kriegt?
Aber es gibt auch Lichtblicke:
Beim Juropiän ESC-Context ist „Deutschland“ mit einer verkleideten Kapelle Letzter geworden.

Bücherverbrennung – heute vor 90 Jahren

Der Tag heute vor 90 Jahren war ein markantes Datum in der deutschen Kulturgeschichte. Es war der 10. Mai 1933, der Tag, an dem in Deutschland Bücher angezündet wurden.
Es waren Leute, die sich sehr als Deutschmenschen sahen – vorweg deutsche Studenten, die sie Flammen entfachten. Ihre Parole lautete: „Gegen undeutschen Geist – für Zucht und Sitte in Familie und Staat“ – die Rebellion des Bauches gegen den Kopf, die Abwehr des wildgewordenen Konformismus gegen den (wie Goebbels es nannte) „jüdisch-spitzfindigen Intellektualismus“, der Aufstand des Unverstandes gegen das Unverstandene.
Die Autorenliste der verbrannten Bücher ist eine Ehrenliste. Einer der deutschen Schriftsteller vermisste seinen Namen darauf: Oskar Maria Graf.

Oskar Maria Graf gemalt von Georg Schrimpf

Oskar Maria Graf (1894-1967) wurde und wird als bayerischer Heimatdichter gesehen, und er sah sich wohl auch selbst so. Aber er hat die Heimat nicht romantisiert und erst recht nicht ein völkisches Bild davon gezeichnet, sondern er hat das harte Leben der armen Landbevölkerung aufgezeigt.
Hatte er sich nicht immer den Kolleginnen und Kollegen auf der Schwarzen Liste zugehörig gefühlt? Hatte er nicht immer die Wahrheit gesagt? Nun fühlte er sich wie ein Lügner dargestellt.
Er schrieb einen Protestbrief an Joseph Goebbels: „Verbrennt mich!“ Schon im Exil, übergab er seinen Offenen Brief der Wiener Arbeiterzeitung.
„Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, daß meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbanden gelangen!
Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selber wird unauslöschlich sein, wie eure Schmach!“
Die Heimat des Heimatschriftstellers blieb für sein weiteres Leben das Exil. Er lebte in New York und hatte die US-Staatsbürgerschaft erlangt. In seine Heimat kam er nur noch zu Besuchen.
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Neu in der Weltbühne: Hanna Mittelstädt arbeitet nie

Hanna Mittelstädt: Arbeitet nie! Die Erfindung eines anderen Lebens. Chronik eines Verlags. Edition Nautilus. 360 Seiten Broschur, Umschlag aus Archivkarton, 50 S/W-Abbildungen. 360 Seiten. 28,00 €

Zehn Jahre nach dem Tod Lutz Schulenburgs blickt Hanna Mittelstädt zurück auf vier Jahrzehnte Edition Nautilus und erzählt eine kollektive Geschichte

Über ihr politisches Engagement sind Hanna Mittelstädt, Lutz Schulenburg und Pierre Gallissaires Anfang der 1970er Jahre eher zufällig in die Verlegerei eingestiegen. Denn eigentlich sollte die Revolution gemacht werden und nicht Lektorat, Vertrieb oder PR! So hat die von ihnen gegründete Edition Nautilus immer im Spannungsfeld zwischen politischem Wollen und den Zwängen der Realität gearbeitet.
Zehn Jahre nach Lutz Schulenburgs plötzlichem Tod 2013 blickt Hanna Mittelstädt zurück auf die ersten vierzig Jahre Nautilus. Entlang zahlreicher Dokumente und Fundstücke aus der Verlagskorrespondenz erzählt sie eine so persönliche wie kollektive Geschichte. Inspiriert vom Pariser Mai 68 ging es stets um den Reichtum an Lust, Wissen und Autonomie, um die Loslösung von herkömmlichen Vorstellungen der »politischen Arbeit«, der »politischen Literatur«. Es ist die Geschichte der Erfindung eines anderen Lebens.

Das Buch ist im Programm der Buchhandlung Weltbühne (auch im Versand zu beziehen).
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Stattgefunden hat: die VVN-LaKo

Am Samstag, 22. April fand in Oberhausen die Landeskonferenz der VVN-BdA statt.
Die VVN-BdA ist die Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten.
Die Konferenz tagte im „Eisenlager“ im Zentrum Altenberg. Früher war das eine Fabrik, jetzt ist das ein Kulturzentrum mit Veranstaltungen und einem Industriemuseum. Der Charme des hinterbliebenen Zweckbaus mit moderner Technik ist dem Backstein-Gebäude anzumerken.
Seit Jahrzehnten ist die Buchhandlung Weltbühne mit ihrem Büchertisch bei den Landeskonferenzen der VVN, die früher in Bochum, dann im Verdi-Haus in Düsseldorf und seit 2020 in Oberhausen stattfinden (darüber diverse Berichte in diesem Weblog).
Diese Konferenz war geprägt von durchaus kontroversen Diskussionen, bezogen auf Bündnispolitik, aber ohne Polemik. Angenehm mitzuerleben war die Konzentriertheit, Fairness, Disziplin und Sachlichkeit der Debatten und die tolerante Atmosphäre. Von allen Organisationen, mit denen ich verbunden bin, ist die VVN mir besonders sympathisch.
Die VVN muß es geben, und ihr muß Kraft gegeben werden. Die VVN ist gut für dich, erkundige dich nach ihr.

Bilder (C) Merkfoto

Die Tradition unserer „großen“ Büchertische, begonnen schon Ende der 60er Jahre, nähert sich dem Ende (man wird schließlich nicht jünger). Beim Ruhrorter Kunstmarkt am 20. August (Sonntag) wollen wir jedenfalls wieder präsent sein.

Neudorfer Nachrichten

Ich dachte: Was steht denn da für eine Leiter im Schaufenster?
Die Metzgerei schräg gegenüber (Gneisenaustraße Ecke Oststraße), Metzger Becker hat zugemacht!
Ein Nachfolger war nicht zu finden.
Es gibt Läden, die sind Institutionen. Dieser war so einer.
Metzger Becker war berühmt wegen seiner Qualität. Leute kamen von weit her, um DORT einzukaufen.
Neudorf, dieses vielfältige, facettenreiche Viertel, mit den vielen kleinen Läden, von denen einige mit Engagement und Können schon seit Generationen geführt werden, hat ein Glanzlicht verloren!
Zum Glück verschwindet er nicht spurlos. Ein Service von Metzger Becker, die Ausgabe von warmen Mahlzeiten in den Mittagsstunden, wird an gleicher Stelle weiterbetrieben, und zwar vom Finkenkrug!
Also: Wenigstens etwas. Und dann viel Glück!