BĂŒcher im Jahr der Jahrestage (d)

Man wird nicht zu Unrecht einwenden, daß jedes Jahr seine Jahrestage hatte und haben wird. Das soll uns nicht abhalten.
Lothar Binger: 68. selbstorganisiert & antiautoritĂ€r. Die Jahre 1967 – 1978. Sebstverlag 464 Seiten. 19,68 €.
Der Autor ĂŒber sein Buch:
Alles auf Anfang. Ich habe in Westberlin seit 1968 in etlichen Initiativen mitgewirkt, die es so zum ersten Mal gab. 1968 der erste Berliner Kinderladen, 1969 das Kinderladen INFO, 1968 die erste deutsche Undergroundzeitung Linkeck, 1970 die ersten linken KinderbĂŒcher, 1970 Beginn der Stadtteilarbeit in Kreuzberg, GrĂŒndung des Lehrlingstheaters Rote Steine, Produktion der ersten Ton Steine Scherben Single, 1971 die ersten erfolgreichen Berliner Hausbesetzungen des Jugenzentrums Kreuzberg und des Rauch-Hauses als Ergebnis der Jugendarbeit. 1972 startete mit der GrĂŒndung der GUM, dem GUM-INFO und 1974 mit dem Positionspapier der erste Versuch, die Undogmatische Linke auf ein theoretisches Fundament zu stellen und um im FrĂŒhjahr 1974 entstand mit dem INFO BUG (Berliner Undogmatischer Gruppen) ein wöchentliches Kommunikationsorgan fĂŒr die Sponti-Linke in Westberlin, das ĂŒber vier Jahre Bestand hatte. Das alles unter der Devise: Selbstorganisiert, undogmatisch, antiautoritĂ€r und selbstverstĂ€ndlich antikapitalistisch. Diese Aspekte können bis heute Geltung beanspruchen.
Außerdem ist der 68er-Aufbruch dargestellt mit seinen zahlreichen Facetten von der Erziehung, dem neuen VerstĂ€ndnis von SexualitĂ€t, von verĂ€nderten Frauen/MĂ€nnerbeziehungen bis hin zu den Versuchen eines anderen Zusammenlebens in Kommunen/Wohngemeinschaften.

Bitte bestellen Sie dieses antiautoritĂ€re Buch in der antiautoritĂ€ren Buchhandlung WeltbĂŒhne (auch im Versand möglich – auch ins Ausland).
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WELTBÜHNE MUSS BLEIBEN.

afas meldet: Gefahr im Verzug

In meinem gestrigen Notat (Duisburger Jahrbuch 2019) erwĂ€hnte ich auch kurz das afas (Archiv fĂŒr alternatives Schrifttum). Heute ist zu vermelden, daß diese einmalige Institution sich existenzielle Sorgen machen muß, weil das Land Nordrhein-Westfalen im Haushalt fĂŒr das Jahr 2019 die Landesmittel fĂŒr das Archiv gestrichen hat.
DarĂŒber berichtete gestern auch der WDR. Siehe (beziehungsweise höre) dort:
WDR3 Kultur am Mittag
Weitere Informationen in der Internet-PrÀsenz des afas.

Ein Bild aus glĂŒcklicheren Tagen: Am 23. Februar feierten wir die Inbetriebnahme der neuen Unterkunft, jetzt in der Duisburger Innenstadt. Ziemlich weit links im Bild: ich (leicht zu erkennen), dahinter Dr. Bernd DrĂŒcke von der verdienstvollen Zeitung Graswurzelrevolution. Foto: afas.

Nicht lamentieren, sondern tÀtig werden!
„Eher wird ein Berg von einer Maus abgetragen als von dem GerĂŒcht, er könne nicht abgetragen werden.“ (Bertolt Brecht).
UnterstĂŒtzung geht so.
Wir haben alle einen Nutzen von dem Archiv, auch wenn wir nicht stÀndig und nicht unmittelbar damit zu tun haben.
Wer will und kann sollte sich ĂŒberlegen, Mitglied des TrĂ€gervereins zu werden.
Aber auch Spenden „von außen“, regelmĂ€ĂŸig oder einmalig oder sporadisch, helfen gewiß. Auch wer nur ganz wenig geben kann, sollte wissen: Ganz wenig ist sehr viel mehr als nichts.
Kontoverbindung:
afas, Stadtsparkasse Duisburg
BIC: DUISDE33XXX
IBAN: DE49 3505 0000 0250 0163 83

Und wer auf diesem Wege vielleicht erstmals von afas erfÀhrt, hat vielleicht noch Materialien, die zu schade zum Wegwerfen sind:
Archiv fĂŒr alternatives Schrifttum, MĂŒnzstraße 37-43, 47051 Duisburg, Tel.: 0203 / 93554300, afas-archiv[at]t-online.de

Das Vergessen-Lassen und Vergessen-Machen sind Mechanismen des Machterhalts. Es sollte nicht zugelassen werden, daß von interessierter Seite dem afas mal eben so heimlich still und leise geschadet wird. Leitet den Link zu diesem Notat bitte weiter.
Auch im Landtag sollte unser Mißfallen nicht ĂŒberhört werden.
Schickt bitte sachlich formulierte Schreiben an die Fraktionsvorsitzenden im Landtag:

Bodo Löttgen (CDU): bodo.loettgen@landtag.nrw.de
Thomas Kutschaty (SPD): thomas.kutschaty@landtag.nrw.de
Christof Rasche (FDP): christof.rasche@landtag.nrw.de
Monika DĂŒker (Die GrĂŒnen): monika.dueker@landtag.nrw.de

Kennt noch jemand Rolf-Ulrich Kaiser?

Der Mann hat mich fasziniert, ich habe ihn geradezu bewundert (als ich so etwa 20 Jahre alt war). Er war Journalist, Artikel von ihm erschienen in vielen Zeitungen, in Tageszeitungen, aber auch in progressiven BlĂ€ttern wie Konkret oder Song. Er schrieb ĂŒber genau die Themen, die mich sehr interessierten – das Schnittfeld von emanzipatorischer Politik und progressiver Kunst (hauptsĂ€chlich Musik). Man suchte nach einem Begriff und kam auf „Underground“.
Kaiser kannte sich aus. Er kannte auch viele Leute. In den USA klapperte er die wichtigen Leute ab, z.B. Zappa, Kupferberg, Sanders, Leary. Der Informationen waren solide. Die Themen waren Neuland. Er brachte den US-Underground mit hiesigen Underground-Tendenzen in Verbindung. Er schrieb auch einige BĂŒcher, die in verschiedenen Verlagen erschienen.
Zum Beispiel:
Das Song-Buch. (1967),
Protestfibel. Formen einer neuen Kultur. (Scherz 1968),
Zapzapzappa – das buch der mothers of invention. (Kinder der Geburtstagspresse 1968)
Fuck the Fugs – das buch der fugs. (Kinder der Geburtstagspresse 1969),
Underground? Pop? Nein! Gegenkultur! Eine Buchcollage. (Kiepenheuer und Witsch 1969),
Fabrikbewohner. Protokoll einer Kommune und 23 Trips. (Droste 1970).

Beitrag von Rolf-Ulrich Kaiser in Konkret 11/1968, daneben ein Inserat von Melzer.

Die Verbindungen in alle Richtungen machten den großen Wurf möglich: Die Internationalen Essener Songtage 1968. Das Programm war so weit wie nie wieder: Von Zappa bis Hanns-Dieter HĂŒsch, von Tangerine Dream bis SĂŒverkrĂŒp. von Alexis Korner bis Erich Fried.
Ein Jahr spĂ€ter grĂŒndete Kaiser das Musik-Label „Ohr“ fĂŒr die Alben von Floh de Cologne, Tangerine Dream, Ash Ra Tempel, Klaus Schulze, Guru Guru, Amon DĂŒĂŒl, Embryo, WitthĂŒser & Westrupp, Birth Control u.a.

Das Programmheft der Essener Songtage (224 Seiten) ist eine antiquarische RaritÀt.

Am spannendsten fand ich sein Projekt „Kinder der Geburtstagspresse“, eine völlig neuartige Kombination von Verlag und Versandhandel. Es galt damals in der Branche noch die strikte Trennung von Verlag und verbreitendem Buchhandel (der Börsenverein wachte darĂŒber). Da aber wurden Eigenproduktionen angeboten sowie Kaisers BĂŒcher, die in verschiedenen Verlagen verstreut erschienen waren, und noch so’n paar Sachen, Schallplatten, Poster – und ein paar US-amerikanische Undergroundzeitschriften.
Sowas in der Art schwebte mir mit meiner Situationspresse auch vor: Im Versand und auf BĂŒchertischen ein Programm aus den Eigenproduktionen und dazu ein ĂŒbersichtliches Angebot sehr genau ausgewĂ€hlter Titel. (Daß daraus dann doch eine veritable Buchhandlung wurde – was will man machen?).

Das von Lothar Franke entworfene Cover der Bröselmaschine-LP. Als CD heute noch in der Buchhandlung WeltbĂŒhne erhĂ€ltlich.

Ins Blickfeld des Plattengurus geriet bald auch die Bröselmaschine. Im Jahre 1972 erschien eine LP. Ich kann vorweg sagen, daß die Band froh sein konnte, aus der Verbindung mit Kaiser unbeschadet wieder rauszukommen.
Ich war wohl das einzige Bandmitglied, das den langen Plattenvertrag genau durchgelesen hat. Schön war das nicht. Am harmlosesten war ja noch, daß Kaiser sich das Recht sicherte, einzelne MusikstĂŒcke ungefragt und unhonoriert fĂŒr Sampler oder Single-Auskoppelungen zu benutzen. Schlimmer war die Zusage, fĂŒr die LPs zu werben, was zu fragwĂŒrdigen und unzutreffenden Presse-Promotions fĂŒhrte. Man sollte uns fĂŒr romantisch-weltentrĂŒckte Landpomeranzen halten. Die der Band zugesicherten Tantiemen pro verkaufter Platte war sehr gering. Geld kam stattdessen rein durch den eigenen Verkauf der Platte bei Konzerten. Aber das lief ĂŒber meine Rechnung. Sicherlich habe ich an der Platte mehr verdient als die anderen Bandmitglieder zusammen.
Der Klops aber war, daß unsere LP gar nicht unter dem renommierten Label „Ohr“ erschien, sondern da wurde ein zweites Label gegrĂŒndet namens „Pilz“, von dem natĂŒrlich noch keiner was gehört haben konnte.
SpĂ€ter grĂŒndete Kaiser noch ein drittes Label: „Kosmische Kuriere“, wo elektronisch/psychedelische Musik von Ash Ra Tempel, Tangerine Dream u.Ă€. veröffentlicht wurde. Da war Kaiser schon total auf dem ultrakosmischen Törn. Er hĂ€tte sich lieber öfter mit dem Drogengegner Zappa als mit dem Drogen-Scharlatan Leary unterhalten sollen. FĂŒr Kaiser war der Trip schließlich wichtiger als das GeschĂ€ft, weshalb sich die meisten Musiker verĂ€rgert von ihm abwandten. Er zog sich schließlich völlig aus der Öffentlichkeit zurĂŒck. Nur als „seine“ Alben spĂ€ter auf CD neu erschienen, tauchte er noch mal kurz auf, hatte aber an den Werken die Rechte lĂ€ngst verloren.

Das legendĂ€re Foto der Band von Eckart GrĂ€fen (1972). Unten rechts neben Jenny: ich. Man war frĂŒher sparsam mit Material und hat ein Fotopapier fĂŒr mehrere Bilder genommen.

Daß der Mann Pionierarbeit geleistet hat und es durchaus verdient, mit Leuten wie Werner Pieper und Josef Wintjes in einem Satz erwĂ€hnt zu werden, will ichg gar nicht bestreiten.

Bei meiner ersten Begegnung (in der alten Kommune-Wohnung auf der Friedenstraße) sprachen wir kurz darĂŒber, welche die beste deutschsprachige Undergroundzeitschrift ist. Ich meinte: Hotcha!. Er meinte: Love. Da merkte ich schon, daß er in die esoterische Richtung geriet.
SpĂ€ter fiel mir sein unduldsamer, anherrschender Ton mit den Musikern auf. Aber immerhin ĂŒberließ er mir einen betrĂ€chtlichen Stapel unverkaufter US-Undergroundzeitschriften, die ich bei Konzerten verkaufte, um etwas voranzubringen, was etwas Ähnliches wie die „Kinder der Geburtstagspresse“ werden sollte.

Es soll ihn noch geben. Darum darf er heute, am 18. Juni 2018, irgendwo seinen 75. Geburtstag feiern.

(Siehe auch: „Wie kommt der Broder in meine Zeitung?“).

SoS (13-20)

SoS013SoS014SoS015SoS016SoS017SoS018SoS019Am 29. Dezember 1975 wurde im Eschhaus der Film „Switch on Summer“ zum ersten Mal gezeigt.
Bis zum 29. Dezember 2015, dem 40. Jahrestag der WelturauffĂŒhrung, werden hier in loser Folge 100 Stills aus dem Film zu sehen sein.
Mehr ĂŒber den Film und seine Geschichte demnĂ€chst in diesem Kino.

SoS020..

Alles war, nix is mehr (3)

Im vorigen Jahr bin ich nur einmal im Wald gewesen. Dann kam ein Sturm, und in den folgenden Monaten wurde wegen der Gefahr durch herunterstĂŒrzende Äste vom Betreten des Waldes (mehr oder weniger administrativ) dringend abgeraten. Erst im SpĂ€therbst wurde der Wald wieder „freigegeben“, aber dann gehe ich kaum in den Wald, weil es dann so frĂŒh dunkel wird.
In diesem Jahr kam der FrĂŒhling wieder mit einem Sturm, der Äste zerbrach. Wieder hieß es: Meiden Sie erstmal den Wald.
Also verlegte ich meine ErkundungsgĂ€nge vollends in die besiedelten Teile meiner Heimatregion – ohne Bedauern, weil fĂŒr mich seit je das Erkunden zwischen Mauern dem Erkunden zwischen BĂ€umen mindestens gleichrangig ist.
Allerdings birgt auch die Großstadt Ast-Gefahren (erinnern Sie sich an Ödön von HorvĂĄth).

nixis11Hohe Straße, also in „bester City-Lage“: Hinter den gelben Klinkersteinen war der erste (und eigentlich auch einzige jemalige) Head Shop, gegrĂŒndet 1971 von Lutz Ringer (Bröselmaschine). Monatsmiete: 500 Mark. Zwei RĂ€ume. In den hinteren Raum drang nur die informelle Tee-Gesellschaft vor. Der Laden hieß „Knubbels Garten“, weil er Teil des Törn-Projekts „Knubbel Afa“ war. In der Zeit seines Bestehens an dieser Stelle (!) war Knubbels Garten einer meiner Lieblings-Aufenthaltsorte.

nixis12GegenĂŒber davon: Damals war das ein Pommes-Restaurant: Nix als eine Pommes-Bude, aber groß wie ein Restaurant. Hieß: „Pferdestall“ (wohl wegen der rustikalen Holz-Innenarchitektur) und war ein „Szene-Treff“ (wie man heute sagen wĂŒrde). Ja: die „Freaks“ ernĂ€hrten sich teilweise auch von Pommes Frites und Curry-Freakadellen und derlei. Da war man noch ganz unverkrampft.
SpÀter war da drin dann ein Französisches Restaurant. Die hatten sogar einen Michelin-Stern.
Und jetzt ist das da. Kurz nachdem ich das Foto aufgenommen hatte, ging da so’n Kerl rein mit Kampfhund. Wenn der ohne den Hund gewesen wĂ€re, hĂ€tte ich gedacht: Jetzt fehlt nur noch der Kampfhund.

nixis13Rudi Kalamees zog mit seinem eintrĂ€glichen Schallplattenladen „Disc“ auch auf die Hohe Straße, in den Eck-Laden am Buchenbaum. Der hatte mehr Platz als er brauchte und einen zweiten Eingang. Also zog Knubbels Garten ein paar HĂ€user weiter als Rudis Untermieter (Monatsmiete jetzt 300 Mark). Knubbels Garten war, wo jetzt „Sun Express“ drĂŒber steht.
Niedrigere Miete klang verfĂŒhrerisch. Und von dem viel frequentierten Plattenladen (nur Freak-Musik) kam man direkt in den Head Shop, ohne trennende TĂŒr dazwischen. Aber so gut war das nicht. Man kam sich plötzlich vor wie in einer Kneipe, in der aber nichts richtig funktioniert. Außerdem: Nachbar zur Rechten war das berĂŒchtigte Prosesse (was ein Anagramm von „Espresso“ ist) fĂŒr Hardcore-Freaks. Da war es mit der Ruhe vorbei.
Und: Rudi Kalamees war ein Katastrophen-Mensch. Katastrophen Menschen leben nicht nur in der Katastrophe, sondern ventilieren sie auch.
Den Plattenladen machte er zu und stattdessen dort eine Kneipe auf mit dem phantasievollen Namen „Pub“. Da wurde er aber bald ausgebootet, nachdem er den Lutz und seinen Head Shop ausgebootet hatte. Die FrĂŒhgeschichte enthĂ€lt nicht nur Ruhmestaten.
Der wohnte da auch nicht mehr ĂŒber dem Laden. Da wohnte dann der Karl Hellbach (Bruder von dem Bröselmaschine-Schlagzeug-Tushita-Mike Hellbach). Der hatte sein Zimmer (Fenster ĂŒber der KneipentĂŒr) ganz schwarz tapeziert. Das machte nichts, denn ich mußte da ja nicht lĂ€nger bleiben als ab und zu mal zu Besuch.

Knubbels Garten ging kaputt durch zu viel KollektivitĂ€t (jawohl!). Außerdem hatte Inhaber Lutz sich auf den Weg gemacht zu einem lĂ€ngeren Auslandsaufenthalt, ohne die Vertretung zu regeln. Ich war damals mit meinem Zivildienst noch nicht zu Ende und hatte tagsĂŒber keine Gelegenheit, den Laden unter eigener strenger Regie zu leiten. Ich hĂ€tte erstmal die ganzen Schnorrer rausgeschmissen, die immer die Einnahmen des Vortages verfrĂŒhstĂŒckten.
Exkurs: Den Eschhaus-Buchladen habe ich als eine Chance gesehen, die kurze Tradition von Knubbels Garten wieder aufzugreifen. Aber da haben wir (Magda und ich) gesagt: Da lassen wir uns von keinem reinreden! Hier herrscht die Autokratie der KĂŒnstler! Das haben manche uns ĂŒbelgenommen.

SpiegelAnneDer Spiegel berichtete sogar ĂŒber das ins Chaos abgleitende Projekt. Aber darĂŒber habe ich hier ja schon mal berichtet (ja! Klicken Sie!). Der tĂŒrkise Pfeil zeigt auf Anne.

nixis14An der Ecke war ein Espressomaschinen-CafĂ©. Und was ist da heute drin? Ein Friseurladen. NatĂŒrlich.

nixis15In der Galerie Kugel sind Originale von Uecker ausgestellt. Echte Ueckere!

nixis16Wenn ein Flachdach-GebÀude im Kantpark steht, wird Karl Kraus zitiert.
Ganz frĂŒher war hier die Stadtbibliothek drin, spĂ€ter das „Heimatmuseum“ (heute: Stadt- und Kulturhistorisches Museum). Jetzt sind da RĂ€ume fĂŒr die Bildende Kunst.

nixis17GegenĂŒber: Was ist jetzt eigentlich da drin, wo frĂŒher das Shalom drin war? NatĂŒĂŒĂŒrlich! Ein Friseurladen. Was sonst!

nixis18Eine TĂŒr weiter. Das ist die Kneipe, in der im November 1972 die Eschhaus-Initiative gegrĂŒndet wurde. Warum die TĂŒr, die ursprĂŒnglich weiter rechts war, zugemauert wurde und eine neue TĂŒr an der jetzigen Stelle eingerichtet wurde, verstehe ich nicht.

nixis19Alles war, nix is mehr. Man kann kaum noch schnell genug fotografieren, wo blinde Zerstörungswut tobt.
OberbĂŒrgermeister Sören Link ist ein Gauch.
Da hÀtten wir den Sauerland ja gleich behalten können.

Ich habe die mit der Industrialisierung entschwundene Bezeichnung „Gauch“ genutzt. Ich wollte durchaus nicht „Gauck“ schreiben. Ich will ja niemanden beleidigen.

nixis20Ach! Sieh an!

Jetzt ist es raus!

Das neue Buch aus der Situationspresse.
Eine AnkĂŒndigung (21. Dezember) wird wahr:
Das Buch „Die schöne Verwirrung des Lebens – Gedichte & Cut-Ups“ von Marvin Chlada ist vor zwei Tagen aus der Druckerei gekommen und ab jetzt erhĂ€ltlich.

Mit diesen Worten wird das Buch vorgestellt:

Die Legende von Jack Daniel, Sleaze Rock Poetry, Cut-Ups, Collagen, Epitaphe auf Johnny Thunders, Allen Ginsberg und Charles Bukowski sowie eine kurze Antwort auf die rĂ€tselhafte Frage, was DIE ÄRZTE mit der sĂŒĂŸen Gwendoline tatsĂ€chlich getrieben haben.
Das alles und noch viel mehr findet sich in:

chlada-verwirrung-coverVerstreutes und Vergessenes aus 25 Jahren Wortarbeit in einem Band, erschienen in einem der dienstĂ€ltesten Verlage der deutschen Alternativ- und Undergroundpresse. Dazu ein Strauß frischer Notizen zur LĂ€uterung und Orientierung: Was nutzt der beste Film in Worten, wenn man im falschen Kino hockt?
Marvin Chlada, Sozialwissenschaftler, Autor und Musiker, Pendler zwischen Schwaben, Kalabrien und Ruhrgebiet, wo er u. a. im Umfeld des „Fliegenden Koffers“ agiert, einem „Kartell Duisburger Schriftsteller und KĂŒnstler, die irgendwie mit dem Satiremagazin DER METZGER was zu tun haben.“ Zahlreiche Publikationen zur Popkritik, Medien- und Gesellschaftstheorie. Aktuell arbeitet er an einer Monographie zu Leben und Werk von Charles Fourier. Weitere Infos:
http://www.chlada.de

80 Seiten, einige Abbildungen. Paperback. 12,50 Euro. ISBN 978-3-935673-34-1
Verlag: Situationspresse. Gedruckt bei Maro.
ErhÀltlich in allen Buchhandlungen oder via Amazon oder direkt (auch im Versand) bei:
Buchhandlung WeltbĂŒhne. Gneisenaustraße 226, 47057 Duisburg. Tel 0203-375121
situationspresse@gmx.de

DER METZGER wird 100: Ist die Alternative eine Alternative?

Ein weiterer Auszug aus „‚Über sowas könnte ich mich kaputtlachen.‘ 33 1/3 Fragen an den METZGER-Herausgeber Helmut Loeven, ersonnen von A.S.H. Pelikan und Heinrich Hafenstaedter“ in DER METZGER Nr. 100 (Mai 2012):

Hafenstaedter: In den frĂŒhen Ausgaben des METZGER sieht man sehr viele Anzeigen aus der Alternativszene. Wie war das VerhĂ€ltnis des METZGER zu anderen BlĂ€ttern und alternativen Projekten. Wie hat er sich damals schon von diesen unterschieden?

Die unterschieden sich alle voneinander. Da war keiner wie der andere. Wenn man sich die Underground-Zeitungen dieser frĂŒhen Phase ansieht. Die waren alle gleichweit voneinander entfernt, und waren aber doch in einem regen Austausch miteinander, und auch sehr praktisch. Man hat sich gegenseitig geholfen, eben z.B. durch Austausch von Anzeigen. Das war eine sehr wirksame Werbung, und man hatte auf diese Weise auch selber Werbung in der Zeitung drin. Denn ich finde: In eine Zeitung gehört auch Werbung rein, das muß man den Lesern schon bieten.
Es gab auch mehrere Konferenzen, wo man sich getroffen hat, und weil die Leute so verschieden waren, haben sie sich auch ganz gut vertragen. Das kann man heute vielleicht sich nicht so vorstellen, daß Individualisten, die ganz verschiedene AnsĂ€tze hatten, gut miteinander auskamen. Aber in Wirklichkeit ist es ja auch so: Je Ă€hnlicher die Leute sich sind, je Ă€hnlicher ihre Ansichten, desto zerstrittener sind sie miteinander. Die Zerstrittenheit der Gleichförmigen.


Aber ĂŒber welche Zeit reden wir? Es kam danach, und zwar sehr bald, eine Zeit, wo die Alternativ-Bewegung ihren Charakter verĂ€nderte. Ich mag dieses Wort auch nicht mehr hören, weil man damit heute etwas anderes assoziiert. „Alternativ“ – das heißt „anders geboren“ wörtlich ĂŒbersetzt. Das verflachte zu so einer Art moralischer Erneuerungsbewegung. Kommunen verflachten zu Wohngemeinschaften, und die verflachten dann sogar noch weiter zur WG. Ich hab in zwei Kommunen gelebt. […]
Trotzdem sage ich mit Stolz, daß ich nie in einer Wohngemeinschaft gelebt habe.
Dann kam auch noch so etwas hinzu: Das Postulat der KollektivitĂ€t. Das, was Wiglaf Droste mal bezeichnet hat als den „Mief der Gruppe“. Dem Individuum wurde mißtraut. Das wurde geradezu unterdrĂŒckt. Wenn mal jemand was auf eigene Faust tat, fĂŒr eine Sache allein verantwortlich war, das KONNTE ja nichts sein. Das ging gar nicht. Man wurde auch immer als Gruppe angesprochen. Wenn ich einen Brief kriegte, wurde ich in der zweiten Person im Plural angesprochen. Wenn ich beschimpft wurde, wurde ich auch in der zweiten Person Plural beschimpft.
Also dann wurde der Unterschied doch schon sehr groß.

Pelikan: Aber die haben sich nicht so sehr als Konkurrenten verstanden?

Nee, ganz und gar nicht.

Das ganze GesprÀch ist auf Papier nachzulesen in DER METZGER Nr. 100,
und im Netz bei Gasolin Connection.
Ein Abonnement von DER METZGER kostet 30 Euro fĂŒr die nĂ€chsten 10 Ausgaben oder 50 Euro fĂŒr alle zukĂŒnftigen Ausgaben.
Die Ausgaben ab Nr. 18 (1972) sind noch erhÀltlich. Die Ausgaben Nr. 1-17 (1968-1972) sind vergriffen.