Der Mann hat mich fasziniert, ich habe ihn geradezu bewundert (als ich so etwa 20 Jahre alt war). Er war Journalist, Artikel von ihm erschienen in vielen Zeitungen, in Tageszeitungen, aber auch in progressiven BlĂ€ttern wie Konkret oder Song. Er schrieb ĂŒber genau die Themen, die mich sehr interessierten – das Schnittfeld von emanzipatorischer Politik und progressiver Kunst (hauptsĂ€chlich Musik). Man suchte nach einem Begriff und kam auf „Underground“.
Kaiser kannte sich aus. Er kannte auch viele Leute. In den USA klapperte er die wichtigen Leute ab, z.B. Zappa, Kupferberg, Sanders, Leary. Der Informationen waren solide. Die Themen waren Neuland. Er brachte den US-Underground mit hiesigen Underground-Tendenzen in Verbindung. Er schrieb auch einige BĂŒcher, die in verschiedenen Verlagen erschienen.
Zum Beispiel:
Das Song-Buch. (1967),
Protestfibel. Formen einer neuen Kultur. (Scherz 1968),
Zapzapzappa â das buch der mothers of invention. (Kinder der Geburtstagspresse 1968)
Fuck the Fugs â das buch der fugs. (Kinder der Geburtstagspresse 1969),
Underground? Pop? Nein! Gegenkultur! Eine Buchcollage. (Kiepenheuer und Witsch 1969),
Fabrikbewohner. Protokoll einer Kommune und 23 Trips. (Droste 1970).
Beitrag von Rolf-Ulrich Kaiser in Konkret 11/1968, daneben ein Inserat von Melzer.
Die Verbindungen in alle Richtungen machten den groĂen Wurf möglich: Die Internationalen Essener Songtage 1968. Das Programm war so weit wie nie wieder: Von Zappa bis Hanns-Dieter HĂŒsch, von Tangerine Dream bis SĂŒverkrĂŒp. von Alexis Korner bis Erich Fried.
Ein Jahr spĂ€ter grĂŒndete Kaiser das Musik-Label „Ohr“ fĂŒr die Alben von Floh de Cologne, Tangerine Dream, Ash Ra Tempel, Klaus Schulze, Guru Guru, Amon DĂŒĂŒl, Embryo, WitthĂŒser & Westrupp, Birth Control u.a.
Das Programmheft der Essener Songtage (224 Seiten) ist eine antiquarische RaritÀt.
Am spannendsten fand ich sein Projekt „Kinder der Geburtstagspresse“, eine völlig neuartige Kombination von Verlag und Versandhandel. Es galt damals in der Branche noch die strikte Trennung von Verlag und verbreitendem Buchhandel (der Börsenverein wachte darĂŒber). Da aber wurden Eigenproduktionen angeboten sowie Kaisers BĂŒcher, die in verschiedenen Verlagen verstreut erschienen waren, und noch so’n paar Sachen, Schallplatten, Poster – und ein paar US-amerikanische Undergroundzeitschriften.
Sowas in der Art schwebte mir mit meiner Situationspresse auch vor: Im Versand und auf BĂŒchertischen ein Programm aus den Eigenproduktionen und dazu ein ĂŒbersichtliches Angebot sehr genau ausgewĂ€hlter Titel. (DaĂ daraus dann doch eine veritable Buchhandlung wurde – was will man machen?).
Das von Lothar Franke entworfene Cover der Bröselmaschine-LP. Als CD heute noch in der Buchhandlung WeltbĂŒhne erhĂ€ltlich.
Ins Blickfeld des Plattengurus geriet bald auch die Bröselmaschine. Im Jahre 1972 erschien eine LP. Ich kann vorweg sagen, daà die Band froh sein konnte, aus der Verbindung mit Kaiser unbeschadet wieder rauszukommen.
Ich war wohl das einzige Bandmitglied, das den langen Plattenvertrag genau durchgelesen hat. Schön war das nicht. Am harmlosesten war ja noch, daĂ Kaiser sich das Recht sicherte, einzelne MusikstĂŒcke ungefragt und unhonoriert fĂŒr Sampler oder Single-Auskoppelungen zu benutzen. Schlimmer war die Zusage, fĂŒr die LPs zu werben, was zu fragwĂŒrdigen und unzutreffenden Presse-Promotions fĂŒhrte. Man sollte uns fĂŒr romantisch-weltentrĂŒckte Landpomeranzen halten. Die der Band zugesicherten Tantiemen pro verkaufter Platte war sehr gering. Geld kam stattdessen rein durch den eigenen Verkauf der Platte bei Konzerten. Aber das lief ĂŒber meine Rechnung. Sicherlich habe ich an der Platte mehr verdient als die anderen Bandmitglieder zusammen.
Der Klops aber war, daĂ unsere LP gar nicht unter dem renommierten Label „Ohr“ erschien, sondern da wurde ein zweites Label gegrĂŒndet namens „Pilz“, von dem natĂŒrlich noch keiner was gehört haben konnte.
SpĂ€ter grĂŒndete Kaiser noch ein drittes Label: „Kosmische Kuriere“, wo elektronisch/psychedelische Musik von Ash Ra Tempel, Tangerine Dream u.Ă€. veröffentlicht wurde. Da war Kaiser schon total auf dem ultrakosmischen Törn. Er hĂ€tte sich lieber öfter mit dem Drogengegner Zappa als mit dem Drogen-Scharlatan Leary unterhalten sollen. FĂŒr Kaiser war der Trip schlieĂlich wichtiger als das GeschĂ€ft, weshalb sich die meisten Musiker verĂ€rgert von ihm abwandten. Er zog sich schlieĂlich völlig aus der Ăffentlichkeit zurĂŒck. Nur als „seine“ Alben spĂ€ter auf CD neu erschienen, tauchte er noch mal kurz auf, hatte aber an den Werken die Rechte lĂ€ngst verloren.
Das legendĂ€re Foto der Band von Eckart GrĂ€fen (1972). Unten rechts neben Jenny: ich. Man war frĂŒher sparsam mit Material und hat ein Fotopapier fĂŒr mehrere Bilder genommen.
Daà der Mann Pionierarbeit geleistet hat und es durchaus verdient, mit Leuten wie Werner Pieper und Josef Wintjes in einem Satz erwÀhnt zu werden, will ichg gar nicht bestreiten.
Bei meiner ersten Begegnung (in der alten Kommune-Wohnung auf der FriedenstraĂe) sprachen wir kurz darĂŒber, welche die beste deutschsprachige Undergroundzeitschrift ist. Ich meinte: Hotcha!. Er meinte: Love. Da merkte ich schon, daĂ er in die esoterische Richtung geriet.
SpĂ€ter fiel mir sein unduldsamer, anherrschender Ton mit den Musikern auf. Aber immerhin ĂŒberlieĂ er mir einen betrĂ€chtlichen Stapel unverkaufter US-Undergroundzeitschriften, die ich bei Konzerten verkaufte, um etwas voranzubringen, was etwas Ăhnliches wie die „Kinder der Geburtstagspresse“ werden sollte.
Es soll ihn noch geben. Darum darf er heute, am 18. Juni 2018, irgendwo seinen 75. Geburtstag feiern.
(Siehe auch: „Wie kommt der Broder in meine Zeitung?“).