Schlagwort-Archiv: Neudorf
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„Mein Neudorf-Film ist fertig“, schrieb mir Marvin Chlada. Der „Neudorf-Film“ mit dem Titel „Neudorf“ ist Teil 1 einer Materialienreihe für eine Psychogeographie von Duisburg.
Das Anliegen, daß hier darüber informiert wird, ist legitim.
Ebenso legitim ist das Eingeständnis, darüber gar nichts sagen zu können. Damit ist dem Künstler kein Tort angetan. Ich stelle mir vor, ich würde so angesprochen. Ich würde doch erfreut ausrufen: „Endlich mal einer, der mich nicht versteht!“
Gucken Sie sich das einfach mal selber an:
Während in luftigen Höhen ein Handtuch im Wind flattert (oder ein Teppich) geht einer durch Neudorf (Gneisenaustraße, Sternbuschweg, Oststraße) und hat dabei fast ununterbrochen den Blick zum Boden gerichtet. Wir folgen jemandem, der meint, es käme im Leben am meisten darauf an, zu wissen, wo man hintritt. Dabei wird allerdings das Spezifische des Stadtteils Neudorf aus dem Blick verloren.
Ich gehöre nicht zu den Blödmännern, die die blödsinnige Phrase loslassen, daß man „nach vorn schauen soll“. Nein, ich meine, man soll in alle Richtungen schauen, nach vorn, nach hinten, zur Seite, zur anderen Seite, nach oben, und auch nach unten. Aber doch nicht nur nach unten! Das Spezielle, ich möchte sagen: die Seele Neudorfs erschließt sich durch den Wechsel der Perspektive.
Ich stelle mit Bedauern fest: Der Film-Autor hat die Schönheit unseres gemeinsamen Heimat-Stadtteils, der seit Jahrzehnten Künstler, Dichter, Intellektuelle anzieht, nicht wirklich herausgearbeitet. Ich bin mir auch nicht sicher, ob das überhaupt seine Absicht war.
Der doppelte Chlada macht mich ratlos.
Aber es bleibt dabei: Wer den Metzger liest, kann eigentlich nichts falsch machen.
Der Kessel des Monats
Von unbekannten Wesen
Was zu den Annehmlichkeiten von Neudorf, wo ich seit 39 Jahren wohne, gehörte: daß alles in einem Umkreis von 5 Minuten zu Fuß zu erreichen ist: Aldi, Edeka, Tante-Emma-Laden, Bäckerei, Haltestellen, Bibliothek, Park, Wald, Drogerie, Apotheke, Café, Papierwarenladen, Universität, noch eine Bäckerei, Postamt, Sparkasse, Laden für Künstlerbedarf, Gemüsemann, Delikatessengeschäft, Textilgeschäft, Kurzwarenladen, Chinarestaurant, Balkanrestaurant, italienisches Restaurant, Fahrradladen, mehrere Trinkhallen und noch ein paar Bäckereien. Und das ist noch längst nicht alles. Das Lebensglück wird dann – na, ich will nicht sagen: vollendet, aber frisch gestrichen, wenn zu alle dem noch Dinge hinzukommen, die man eigentlich gar nicht braucht, z.B. ein Fachgeschäft für Modelleisenbahnen oder die Niederlassung eines Lesezirkels, also Dinge, die einen nicht stören und die Rubrik „Was es nicht alles gibt“ ausfüllen.
Ich muß mir eingestehen, daß Neudorf (wenn auch immer noch das qualitätvollste Viertel von Duisburg) in den letzten 39 Jahren an Qualitäten eingebüßt hat. Letztes Opfer der Stadt-Uniformierung ist der „Lesezirkel Astoria“, schräg gegenüber auf der Gneisenaustraße.

Eines Tages waren die Paneelen, die das (überflüssige) Schaufenster bedeckten, entfernt, und man sah in einem leeren Raum, wo auch der Putz von den Wänden entfernt war – auf den Fotos schlecht zu erkennen. Man erkennt auch nicht, wie riesig dieses Geschäftslokal war, eine Flucht von Hinterräumen.
Ich weiß gar nicht, ob der Begriff „Lesezirkel“ heute noch den meisten geläufig ist. Die Lesezirkel vermieteten „Lesemappen“. Am ehesten begegnete man dieser Methode der Verbreitung von Druckschriften in Frisiersalons und Wartezimmern von Arztpraxen, wo in Pappumschläge eingeheftete Illustrierte herumlagen. (Ist der Begriff „Illustrierte“ den meisten heute noch geläufig?). Auch Privathaushalte konnten solche Lesemappen mieten, bestehend auch sechs oder sieben Illustrierten, die dann nach einer Woche wieder abgeholt wurden. Je älter diese Hefte waren und durch je mehr Hände sie schon gegangen waren, desto niedriger die Wochenmiete.
Wir hatten zu Hause auch eine Lesemappe, wohl weil die irgendwann mal vor oder nach der Währungsreform bestellt und nie abbestellt worden war. Aber der einzige, der sich wirklich für die Lesemappe interessierte, war ich.
Donnerstags kam die neue Lesemappe. Donnerstags nach der Schule hieß für mich: den ganzen Nachmittag diese sechs Wochen alten Illustrierten durchblättern. Einige, wie „Das grüne Blatt“ und die „Bunte“ waren völlig uninteressant, weil: spießig. Andere, wie „Neue Illustrierte“ und „Revue“ (später fusioniert), „Quick“ (mit Nick Knatterton und Loriot) und vor allem „Stern“ vermittelten eine gewisse Modernität in dieser unerträglich kleinkarierten Wirtschaftswunderrepublik. Die (meistens aus Frankreich kommenden) Filme und die Illustrierten galten als eine Flut der Unsittlichkeit, die über unser Vaterland hineinbrach.
Ich erzähle gern den Leuten, daß ich meine Bildung vor allem der Lesemappe zu verdanken habe. Und das ist gar nicht mal so weit hergeholt. Den Namen Sigmund Freud zum Beispiel las ich zum ersten Mal in einer Illustriertenserie, in der es um „die Frau das unbekannte Wesen“ ging.
Um Felder zu betreten, von denen der heimische Kirchturm nicht mehr zu sehen ist, war der 13-, 14- und 15jährige mit den Illustrierten nicht schlecht ausgerüstet. Ein anderer Wegweiser wäre das Kino gewesen. Aber da mußte man ja 18 sein, wenn man den unbekannten Wesen (also dem Wesentlichen) auf der Spur war. Keineswegs schädlich und bedenklich, sondern der seelischen Gesundheit dienlich waren für den 13-, 14- und 15jährigen die Fotos von den in Bikinis gekleideten Filmsternchen (richtig nackt kam ja erst später).
Die wertvollsten Teile des Bildungsfundus, den ich mir angeeignet habe, mußte ich gegen stupide und hysterische Widerstände von offiziellen oder selbsternannten Wächtern der Unlust und Unwissenheit erkämpfen – für mich und für andere. Das wertvollste Wissen sollte vor mir und vor anderen geheimgehalten werden. Ich bin einer der glücklichen Menschen, die „Aufklärung“ couragiertem Forschen verdanken und nicht peinlicher Drumherumreden, die mit einem verlegenen Räuspern beginnen, und ich erfuhr, daß das Geschlechtliche nicht viel mit Peinlichkeit, Ansteckung, Schuld und Schande und Sünde zu tun haben muß, sondern umso mehr mit Freude und Ästhetik zu tun haben kann. Darum auch meine tiefe Abneigung gegen Emanzen, die am liebsten alles wieder verbergen wollen, was wir freigelegt haben und alles mit Anschuldigungen zudecken wollen, was wir rehabilitiert haben.

Na ja. Life goes on. Mögen die Zeiten so sein, daß in diesem Satz Zuversicht zum Klingen kommt.
Bilder einer Vergewisserung (8-15)


Das andere Fachwerkhaus, „die Monning“, war schon zur Kaiserzeit ein Ausflugslkokal, wo sich sonntags nachmittags die paarungswillige Jugend zum Tanz traf. Ich lernte als Kind diese Generation noch kennen zu Zeiten, als sie das Rentenalter erreicht hatte, und ich mußte mich anstrengen, mir diese Großonkel und Großtanten als jung und paarungswillig vorzustellen. Ich dachte: Sich sonntags nachmittags zum Tanz in der Monning zu treffen – das kann’s doch nicht sein! Da war es ein guter Rat, Kraft zu sammeln, um die Lebensabläufe nach ganz anderen Absichten zu gestalten! Folge dürfte auch sein, daß der Nachdruck, mit dem zum Einordnen aufgefordert wird, sehr nachlassen zu haben scheint.
Das Haus passierend verläßt man das Duisburger Stadtgebiet und befindet sich in Mülheim. Darum heißt die Straße ab hier nicht mehr Mülheimer Straße, sondern Duisburger Straße.
Das Fachwerkhaus ist nur der Eingangsbereich zu einem Komplex, in dem jetzt allerlei Firmen und Studios untergebracht sind. Zu dem Freizeitvergnügungs-Komplex gehörte dereinst der „Tanzpalast Okay“, den niemals zu betreten mein fester Vorsatz ist, an dem ich auch jetzt noch, da es ihn nicht mehr gibt, eisern festhalte.
DEN gibt’s aber eine Tür weiter immer noch: den „Ball“, der früher „Ball der einsamen Herzen“ hieß und nicht ohne Diskretion und Selbstironie als „Tanz für die reifere Jugend“ tituliert wird. Das ist ein Ort, an dem man sich mit einem der größten Übel aller Zeiten, der Einsamkeit, nicht abfinden will. Eine Schule des Verständnisses. Eine Subkultur gewissermaßen? Es sollte uns allen fernliegen, etwas Mokantes daran zu finden.
Was wäre Ihnen lieber: In diesem Hause zu wohnen oder dieses Haus zu besitzen. Wenn ich zu einer Entscheidung GEZWUNGEN WÄRE, würde ist sagen: beides.
Mir würden (für mich allein) die beiden oberen Stockwerke und der Dachboden reichen.
In diesem Haus war ich mal zu Besuch. Das war Anfang 1969. Das „Katholische Jugendamt“ (das man aber nicht für eine Behörde halten darf) hatte die Idee, in der Aula des Steinbart-Gymnasiums eine Podiumsdiskussion über das Thema „Kriegsdienstverweigerung“ zu veranstalten. Das war nämlich die Zeit, in der die Zahl der Kriegsdienstverweigerer rapide zunahm. Eine Podiumsdiskussion also mit einem Bundestagsabgeordneten der CDU, einem Bundestagsabgeordneten der SPD, einem Katholiken, einem Protestanten und einem Origanal-Kriegsdienstverweigerer. Das war ich, 19 Jahre, aktiv im Verband der Kriegsdienstverweigerer (VK – später Bestandteil der DFG-VK) und last but not least Professor Nikolaus Koch.
In diesem Haus fand eine Art „Vorbesprechung“ statt, aber nicht mit einem Pastor und auch nicht mit einer Ordensschwester, sondern mit einer netten jungen Frau, die beim „Katholischen Jugendamt“ wohl einen Bürojob hatte, und mit der unterhielt ich mich den ganzen Abend über das Thema „Was denkt die APO?“.
Die Katholen haben mir ein großzügiges Honorar gezahlt.
Ein paar Monate später habe ich bei den Evangelen in Neudorf auch wieder einen Vortrag über Kriegsdienstverweigerung halten dürfen. Da war das Honorar ein bißchen bescheidener. Über diese etwas kuriose Veranstaltung berichtete ich in meinem Buch „Der Gartenoffizier“ auf Seite 82.
Der Kessel des Monats beziehungsweise Anstoßes
Als ich nach Neudorf zog (vor 39 Jahren), war bei der Wahl der Adresse auch von Bedeutung der freie Platz gegenüber.
Auf diesem Bild aus meinem Film „Nummer 4“ (Hut-Film 1978) ist der Ausblick aus dem Fenster meines Arbeitszimmers zu sehen. Nicht nur ein weiter Blick, sondern auch weniger Geräusch als etwa in einer „Straßenschlucht“. Rechts, nicht mehr im Bild zu sehen, standen Behelfsbaracken für den Lehrbetrieb der nahegelegenen Universität.
Später wurde dann gegenüber das Fraunhofer Institut für Mikroelektronische Schaltungen und Systeme hingebaut (und ein paar Jahre später bis zur Lotharstraße erweitert), und der Blick aus meinem Fenster sieht jetzt so aus:
Dadurch hat sich an der „ruhigen Wohnlage“ nichts geändert. Anders als anderswo parken hier am Abend weniger Autos als tagsüber und am Wochenende weniger als werktags. Gerade am Wochenende (kein Uni-Betrieb) ist das hier eine der ruhigsten Gegenden mitten in der Stadt.
Belästigt wird man hier höchstens von solchen Leuten, die sich belästigt fühlen, wenn sie nicht belästigt werden. Die Stille und Ruhe, die das Fraunhofer Institut um sich verbreitet, ist einigen Gequältgeistern ein Dorn im Ohr.
Schon vor ein paar Jahren kriegte ich mit, daß ein paar Leute die Nachbarschaft alarmierten, weil sie glaubten, üble Gerüche wahrgenommen zu haben, die von dem wissenschaftlichen Institut ausgehen sollen. Auch die Augen würden davon brennen.
Ich habe niemals in der Nähe des Instituts irgendeinen signifikanten Geruch oder eine Augenreizung wahrgenommen. Stattdessen sind mir öfter Nachbarn über den Weg gelaufen, die mich ungläubig fragten: „Haben Sie in der Nähe des Instituts irgendeinen signifikanten Geruch oder eine Augenreizung wahrgenommen?“ – „Nein.“ – „Ich auch nicht.“
Jetzt haben 53 Unterzeichner eine „Bürgereingabe“ unterzeichnet, in der sie sich über Geruch, Geräusche und Licht beschweren. Und zwar, nachdem schon 2012 eine Klage vor dem Verwaltungsgericht und 2013 vor dem Oberverwaltungsgericht gescheitert war.
Auch das Umweltamt hat jetzt nochmal alles nachgemessen und festgestellt, daß kein Grenzwert von gar nichts niemals überschritten wurde, und daß dies auch dann nicht geschehen würde, wenn die Grenzwerte halbiert würden.
In dem Institut werden – als Abfallprodukt der Forschungsarbeit – Mikrochips hergestellt, die in der Autoindustrie Verwendung finden. Deren Herstellung geschieht anscheinend, ohne daß Geräusche durch die Mauern und Fenster nach außen dringen. Was das Umweltamt da gemessen hat, war wohl das Grundrauschen der Zivilisation.
Bei der Chip-Herstellung wird als Rohstoff Stickstoff verwendet. Aha. Das ist in den beiden Kesseln, die hinter dem Institut stehen.
Stickstoff – das ist doch das farblose und geruchlose Gas, aus dem zu knapp 80 Prozent die Luft besteht.
Besonders komisch finde ich, daß sich die 53 Bürger über das Licht aus dem Institut beschweren. Ja, auch nachts brennt hinter ein paar Fenstern des Instituts noch Licht.
Als Mensch des 21. Jahrhunderts bestreite ich gar nicht grundsätzlich, daß dieses wissenschaftliche Institut – wie alles Gebilde von Menschenhand – „die Umwelt belastet“: Aber nicht mehr, als es durch jede andere Nutzung des Grundstücks – zum Beispiel „Wohnbebauung“ auch der Fall wäre. Die 53 Bürgereingabeneingeber kommen mir vor wie Leute, die verlangen, die Fahrräder durch Motorräder zu ersetzen, weil die Fahrräder eine viel zu laute Fahrradklingel haben.
Gestern, heute, morgen
Gestern: der Himmel über Neudorf:
Nein: vorgestern!
Morgen habe ich eine Lesung in Rheinhausen.
Nein: nicht in Rheinhausen, sondern hinter Rheinhausen, Richtung Uerdingen.
Das ist eine geschlossene Gesellschaft. Ich muß mir also gar nicht die Mühe machen, den Weg zu beschreiben. Die Mühe besteht stattdessen darin, den Weg zu finden.
Wenn man Google Maps / Google Earth folgt, dann scheint das eine völlig unbewohnte Gegend zu sein. Ich weiß, daß zwischen Rheinhausen und Krefeld auch irgendwo ein paar Gebäude stehen – zumindest standen. Wie soll ich mich da zurechtfinden – wo das ja auch noch auf der anderen Rheinseite ist!
Wie gesagt: Das ist eine geschlossene Gesellschaft. Für die Öffentlichkeit ist darum nur von Interesse, daß morgen, Freitag, 8. Mai 2015, der Buchladen am Nachmittag geschlossen ist – um wenigstens darauf hin zu orientieren.
Allgemein gilt: Der Autor steht für Lesungen zur Verfügung – auch im „privatem“ Rahmen („Salon“) in besiedelten Gegenden.
Dahinter kam ich (2)

Der „Heilige Brunnen“ (so heißt das immer noch).
Regenwasser, das durch die Sandschichten versickerte und auf eine wasserundurchlässige Lehmschicht traf, so daß es am Südhang dieser Anhöhe wieder zutage trat. Also kein Wasser aus tieferen Schichten (sog. Mineralwasser) mit eventuell heilender Wirkung. Zur Kultstätte (in natursteinerner Monumentalität) wurde diese Stelle erst in den 30er Jahren erhoben.
Da hat man dann Kurzbehoste hingeleitet, damit die hier andächtig herumstehen und lauthals irgendwas schwören.
„Kein Trinkwasser“ steht in Stein gemeißelt da drüber.
Das Rinnsal hat ein richtiges Tal in die Landschaft geschnitten. (Nimm dir Zeit).

Dort, fern des Weges, entstand damals (1978) der legendäre 360-Grad-Schwenk zum Ende des Films „Le Onze Mai“ (Hut-Filmproduktion, auf DVD erhältlich).
Wer nicht weiß, daß damals die Kamera hier sich drehte, würde heute es nicht erkennen. Der halbzerfallene Hochsitz ist jetzt ganz zerfallen.
Mir fällt ein: Meine liebe Freundin Lina hat über einen Spaziergang auf diesen Wegen eine ihrer Kurzgeschichten geschrieben. Eine hochprickelnde, tieferregende Geschichte! Ist sowas möglich, über einen Waldspaziergang eine Erotik-Story zu schreiben? Ja. Die kann sowas.
Wird fortgesetzt.
Dahinter kam ich (1)
Die Route vom vorigen Samstag begann, wie so oft, mit dem Betreten des Uni-Geländes.
Das ist hinter den Uni-Gebäuden. Dort, hinter dem Kunst- und Musiktrakt, lagen wir im Gras. Aber nicht mehr lange. Dafür wurde da der schönste Uni-Parkplatz Mitteleuropas angelegt. Wenigstens das.
Im Kunst- und Musiktrakt ist glaub ich keine Kunst und Musik mehr. Alles war, nix is mehr.
Pollen-Allergiker freuen sich über was anderes.

Wenn man die Eisenbahngleise und die Autobahn hinter dem Unigelände mittels Brücke überquert hat, geht es hier nach ganz oben.
„Da rauf? Nein. Da geh‘ ich nicht“, sprach einst der schwerwiegende Hansjürgen Bott. Dem war das zu hoch. Darum sind wir an dem Tag eine andere Strecke gegangen.

Hier, und nicht, wie die Legende sagt, auf dem Kaiserberg, ist tatsächlich die höchste Punkt von Duisburg erreicht.
In die andere Richtung geguckt: Früher hatte man von hier aus freien Blick bis nach Hochfeld. Ist jetzt zugewachsen.
Wir werden daran erinnert, daß der Wald, wie wir ihn kennen und wie er reichlich mythologisiert wird, eine Kulturlandschaft ist: bewirtschaftet oder (bestenfalls) als „Erholungsgebiet“ gestaltet (oder beides).
Der Deutsche Wald, besungen und ins Herz geschlossen, ist gerade mal 200 Jahre alt und eine Erfindung der Romantik. Soll heißen: Der Bürger eignete ihn sich an. (Später auch die Arbeiterjugend mit der Naturfreundebewegung).
Vorher hatte der Wald bei der Masse der Menschen wenig Sympathie. Er durfte als feudaler Wirtschaftsraum sowieso nicht betreten werden, noch nicht einmal, um Reisig zu sammeln – vom Sammeln von Waldfrüchten, Pilzen und vom Jagen gar nicht zu reden. Was anderes hatte mit dem Wald kein Mensch im Sinn, also schon gar nicht seelische Erbauung.
Man mied den Wald, nicht nur aus Furcht vor wilden Tieren und davor, im Dickicht und im Morast zu versinken, sondern vor allem aus Angst vor den Hexen und Kobolden, die dort ihr Unwesen trieben!
Diese Drainagerohre (oder wie nennt man das) sorgen für geordneten Abfluß, und sie entziehen so den Kobolden ihre Entfaltungsräume.
„Waldgottesdienst“. An schönen Sonntagen und Feiertagen wie Himmelfahrt finden hier Gottesdienste statt. Gläubige Menschen haben oft einen Sinn für Naturschönheit, der uns Materialisten auch nicht schlecht stehen würde.
Der Kessel des Monats
Das Foto zum (Dreiund)Zwanzigsten
Gestern bei Aldi…
… ein paar Sekunden vor 8.
Kasse 1 hat schon geschlossen. Kasse 3 schließt auch. Keine Kasse mehr in Betrieb! Die Kassiererinen streiten: „Ich habe geschlossen.“ – „Nein, ich.“
Die von Kasse 3 lacht: „Kommen Sie mal zu mir.“
Das wollte ich sowieso. Weil sie so fantastisch aussieht!
Als dann alles übers Band ist und kassiert und Wechselgeld zurück, da sagt sie:
„Sie sehen aus wie der Weihnachtsmann.“
Gerade kennen wir uns, und sie weiß schon, wie man mir die Laune verderben kann. Es gibt Tage, Wochen, Epochen, da ist jedes überflüssige Wort überflüssig. Aber sie ist so schön, und das weiß sie. Das goldblonde Haar, die listigen Augen, das überlegene Lächeln. Sie ist schön. Und darum sage ich:
„Ich BIN der Weihnachtsmann.“
Und dann erzähle ich noch schnell, daß Kinder mich schon mal gefragt haben, ob ich der Weihnachtsmann bin, und ich habe denen „ja“ gesagt und sie aufgeklärt: Der Weihnachtsmann ist ein ganz normaler Arbeitnehmer, „und ich habe jetzt Urlaub.“
„Und was machen Sie beruflich?“
„Ich bin Schriftsteller.“
„Ahhh!“ ruft sie, als ob das was Besonderes wäre.
Es IST was Besonderes. Ich bestreite nur, daß es was Besonderes ist.
Und wenn sie mich gefragt hätte, worüber ich schreibe – was hätte ich sagen können?
„Ich erzähle von meinen Erlebnissen an Supermarktkassen.“
Der Kessel des Monats
Das Foto zum Zwanzigsten
Der Kessel des Monats
Besuch bei Dr. Roth
Ich fahre in einem dieser alten Doppeldecker-Busse durch Neudorf, und zwar die Oststraße entlang. Ich kann mich nicht erinnern, eingestiegen zu sein. Meines Wissens verkehren diese Doppeldecker-Busse doch schon lange nicht mehr, und die Oststraße entlang fährt auch gar keine Buslinie. Aber dieser Bus hat zwei Stockwerke und fährt die Oststraße entlang, und ich sitze drin, und zwar in dem oberen Stockwerk. Dort ist für die Fahrgäste ein Fernsehapparat aufgestellt. Zur Zeit läuft arte. Jemand wird interviewt. Er redet über die 60er Jahre und über die APO und die Neue Linke. Dieser Mann auf dem Fernsehschirm kommt mir bekannt vor. Ich kenne dieses Gesicht von früher. Aber wer ist das?
Ich frage die junge Frau neben mir: „Können Sie mir sagen, wer das ist?“
Die Frau schaut mich an, als ob sie sagen wollte: „Sagen Sie bloß, daß sie den nicht kennen!“ Und dann sagt sie: „Das ist Karl Heinz Roth.“
Ich antworte: „Nein, das kann doch nicht Karl Heinz Roth sein. Der sieht doch ganz anders aus.“
Die nächste Station meines Weges ist eine Arztpraxis auf der Düsseldorfer Straße. Ich warte unruhig auf das, was der Arzt mir sagen wird. Hat er eine schlechte Nachricht für mich?
Diese Arztpraxis ist tatsächlich die Praxis von Dr. Karl Heinz Roth. Der frühere SDS-Anführer und angesehene Sozialforscher vom Hamburger Institut für Sozialgeschichte ist ja Arzt, und das ist seine Praxis.
Im Wartezimmer sind viele Leute. Niemand, den ich kenne. Aber es tut sich eigentlich gar nichts. Ich warte schon lange, aber in der ganzen Zeit ist niemand ins Sprechzimmer gerufen worden. Ich stehe auf und gehe auf und ab. Dann, nach langer Zeit, passiert endlich etwas: Die Leute im Wartezimmer werden bewirtet. Es werden belegte Brötchen serviert, dazu Kaffee, wie bei einer Geburtstagsfeier. Es werden auch Torten aufgetragen.
Ich bin nicht in der Stimmung, um gemeinsam mit wildfremden Leuten Kaffee zu trinken und Torten und belegte Brötchen zu verspeisen. Was soll ich hier? Mir reicht’s. Ich gehe.




















