DER METZGER 108

Soeben erschienen ist die Ausgabe Nr. 108 des satirischen Magazins DER METZGER.
MCover108Das steht drin:

Helmut Loeven: Bundestagswahl: Daß ich das noch erleben durfte. Die FDP ist draußen! Manche sind sauer auf die FDP, weil sie sich von ihr mehr Ungerechtigkeit versprochen hatten. Man soll keinen Idioten daran hindern, aus den falschen Gründen das Richtige zu tun.

Jakop Heinn: Mandela oder Putin oder Zeigt eure Helden. Gegen die Vereinnahmung von Nelson Manfdela für das Spektakel der Westlichen Wertegemeinschaft.

Ulrich Sander: Nazis hatten stets Vorrang vor ihren Opfern. „Staatsschutz“ in Westdeutschland. Von der Entnazifizierung zur „Extremistenabwehr“.

Helmut Loeven: Das philosophische Kabarett. Diesmal: Die Lieblingsmelodien einer grünen Ministerin; Eloge auf einen Terroristen; Holy Flip oder Holy Fick (Neues vom Transformationscoach); Mercatorstraße muß bleiben!

Lina Ganowski: La Notte – Themen der Nacht. Diesmal: Zwei oder drei Dinge, die kaum jemand über sie wissen will oder Warum ich den Aufruf für Prostitution unterschrieben habe.

Carl Korte: Reporterrausch. Volle Pulle bis zum Abwinken.

Bundes-Barbara. Kinder sollen ohne Deutschland aufwachsen. Wir haben unsere Damen und Herren überarbeitet. Der Hammermeister bittet Sie, die Bundes-Barbara zu nutzen.

Herbert Laschet Toussaint (HEL): Das Lever von Voltaire in Ferney. Bildbetrachtung.

Das Heft kostet 3 Euro. Es ist in der Buchhandlung Weltbühne erhältlich (auch im Versand. Es wird sofort geliefert).
Wer schlau ist, hat abonniert und kriegt das Heft in den nächsten Tagen zugeschickt.
Ein Abonnement von DER METZGER kostet 30 Euro für die nächsten 10 Ausgaben oder 50 Euro für alle zukünftigen Ausgaben.
Die Ausgaben ab Nr. 18 (1972) sind noch erhältlich (komplett im Sammelpaket oder einzeln). Die Ausgaben Nr. 1-17 (1968-1972) sind vergriffen.

Wechselstrom oder Die Liebe in den Zeiten des Telefons (5)

Ob sie ihr „Idealgewicht“ dann erreichte, entzieht sich meiner Kenntnis. Ein Jahr dauerte diese undefinierte Beziehung, die mich an eine der schönsten, klügsten, warmherzigsten, mädchenhaftesten, liebenswertesten und auch verletzlichsten Frauen gebunden hatte. Dann endete sie auf eine unerfreuliche Art, so daß die Traurigkeit für eine Zeitlang von Verdruß und Gekränktheit zugedeckt wurde. Es kann sein, daß es sich ihr ebenso darstellte.
Warum sie ihr Verhalten mir gegenüber veränderte, plötzlich sehr zurückweisend wurde mit einer kühlen, sachlichen Freundlichkeit (mit Verhaltensweisen, die ich hier nicht aufzählen will) und mir demonstrierte, daß sie einen anderen Lebensmittelpunkt suchte, habe ich nicht herauszufinden versucht.
Wenn man erfährt, daß da, wo etwas war, nichts mehr ist, dann ist es traurig. Wenn einem der Eindruck vermittelt wird (mit dem Zaunpfahl durch die Blume), daß da nie etwas war, dann ist es kränkend. Ich fand, daß sie die wichtigste Tugend im Umgang der Geschlechter verletzt hatte: die Ehrlichkeit – auch die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Meine Verstörtheit und Gekränktheit verbarg ich nun ebenfalls hinter zurückweisender Verschlossenheit.
Das erregte sie. Sie schrie mich an: „Was ist mit dir los? Warum bist du so? Willst du darüber reden?“
„Nein.“
Das sagte ich mit aller Schroffheit. Es muß sie verletzt haben. Und das war mein Fehler. Daß sie mich verletzt hatte, gab mir nicht das Recht, sie zu verletzen.
Ich hielt mich für klug, weil ich mir von einem „klärenden Gespräch“ nichts versprach, sondern erwartete, daß wir uns dabei nur im Kreis drehen und aneinander vorbeireden. Doch ich hätte mir eingestehen müssen, daß ich bloß unfähig war, meine Gefühle in Worte zu fassen.
Ein Argwohn, daß sie vor den Konventionen kapitulierte, die eine Beziehung wie die unsere nun einmal nicht zulassen, wäre unberechtigt gewesen. Es wird eher so gewesen sein, daß sie vor jeglicher Beziehung zurückschreckte. Gründe dafür hatte sie ja genannt. Ihre Ansprüche waren von solcher Ausschließlichkeit, daß sie ein Scheitern als unabwendbar erwarten mußte.
Uns Menschenkindern wird eingeredet, daß nur die Liebe gültig ist, in der alle Ideale zusammengefaßt sind: Mit dem oder der einen Einzigen für immer & ewig. Aber die Liebe hat viele Gestalten, und keine davon ist weniger edel als eine andere. Es gibt nicht nur die Große Liebe; es gibt auch die kleine. Es gibt nicht nur die Liebe für immer, sondern auch die für kurze Zeit; nicht nur die ausschließliche, sondern auch die nebenher; nicht nur die vereinigende, sondern auch die, die die Freiheit läßt zu kommen und zu gehen und wiederzukommen; nicht nur die dauernde, sondern auch die, die unterbrochen wird und wieder geweckt werden kann; nicht nur die verpflichtende, sondern auch die, die ein Spiel ist, das zu nichts verpflichtet außer zum Respekt voreinander. So wie es kein (geschriebenes oder ungeschriebenes) Gesetz geben kann, das zum Seitensprung verpflichtet, sollte es auch keines geben, das ihn verbietet. Und auch das gibt es: Daß zwei Menschen zueinander finden aus dem einzigen Grund, weil sie Lust aufeinander haben. Kann sich Menschlichkeit besser manifestieren als dadurch, daß Menschen Lust aufeinander haben?
„Plaisir d‘amour ne dure qu‘un moment. Chagrin d‘amour dure toute la vie.“ So heißt es in einem Chanson aus dem 18 Jahrhundert: daß die Freuden der Liebe nur einen Moment dauern, die Schmerzen der Liebe aber dauern ein Leben lang. (Und wer Angst hat vor den Schmerzen der Liebe, der soll doch besser die Finger davon lassen). Die Schmerzen der Liebe sind weniger die, die man erlitten hat, sondern viel mehr die, die man zugefügt hat und nicht wieder gutmachen kann.

plaisir d'amourIch hätte duldsamer sein müssen mit dieser Frau, die doch noch ein junges Mädchen war, wie ein motherless child in einer Umgebung, die jedem empfindsamen Menschen Furcht einflößt. Es wäre richtig gewesen zu sagen: Laß und darüber reden, wenn ich meine Gedanken geordnet habe, wenn ich mich abgeregt habe, wenn wir uns abgeregt haben. Was auch immer sich zwischen uns ändert, sollst du dein Vertrauen nicht verlieren, sollst du dich geborgen fühlen in meiner Nähe.
Ich habe immer gehofft, daß die Frauen, die sich auf mich eingelassen haben, sich gern an mich erinnern, daß sie, wenn sie an mich denken, vor sich hin lächeln. Vielleicht ist da diese eine, die denkt: „Das war ein Umweg, den ich mir auch hätte ersparen können.“
(Ich erinnere mich allerdings auch an eine andere Geschichte, wo ich sehr duldsam war und hinterher dachte: Ach hätte ich doch lieber gleich die Tür zugeknallt).

Das mit dem Stillstand des Ostermarsches war übrigens so: Christina hatte sich wohl schon in frühester Jugend in den Kopf gesetzt, mit ihrem Össi nach Kanada auszuwandern, um dort, fern der Zivilisation, bahnbrechende wissenschaftliche Forschungen zu betreiben. Sowas Verrücktes! Christina als Madame Curie in Kanadas Wäldern! Ich habe ihr aber nicht gesagt, daß ich das verrückt fand. Denn so eine Schnapsidee ist immer noch besser als die Normalität der Zustände.
Beim Ostermarsch sagte sie dann: „Ach weißt du was? Kommt doch einfach mit nach Kanada. Ohne euch hätte ich keine Freude mehr daran.“ Da war ich so gerührt, daß ich sie einfach in die Arme nehmen mußte. Und die, die hinter uns gingen mit ihren Schildern und Transparenten, kamen an uns nicht vorbei. Da entstand eine Lücke von etwa hundert Metern, so lange haben wir uns umarmt.
Den möcht‘ ich sehen, der es schafft, mich aus Duisburg wegzulotsen oder auch nur aus Neudorf. Aber ich sagte mir: So, jetzt bin ich mal eine Viertelstunde lang fest entschlossen, nach Kanada auszuwandern.

Seite209Das war in Meiderich, an der Stelle, wo das Haus Ruhrtal steht mit der zwielichtigen Uhu-Bar, und immer wenn der Ostermarsch diese Stelle passierte, habe ich meinen Freunden unbedingt erzählen müssen, daß meine Tante da Wirtin war und daß in der Uhu-Bar ein ganz halbseidenes Publikum verkehrte, und die Geschichte von den zwei Besoffenen, die in Streit gerieten, weil der eine meinte, der andere sähe aus wie Goethe.
In einem der späteren Jahre mußte ich erleben, daß meine Freunde sich vor Erreichen von Haus Ruhrtal rechtzeitig verkrümelt hatten, weil sie diese Geschichten nicht schon wieder hören wollten. So hinderten sie mich daran, ein Stilmittel in die Vortragskunst einzuführen: die Penetranz.

ENDE

Oskar Rothstein (90)

OskarRothsteinSein Lebenslauf, so sagte er, ähnelte in einer Phase dem von Stefan Heym. Als jüdischer Emigrant kam er mit den Alliierten Truppen in seine Heimat zurück – in das Land, das sich schwer damit tat, für einen wie ihn Heimat zu sein.
Wie ging es weiter im Leben des Mannes, der gegen Hitler gekämpft hatte?

Mit seinen Gesinnungsfreunden Willi Hendricks und Otto Henke wurde Oskar Rothstein am 14. Juni 1965 auf offener Straße in Duisburg-Hochfeld von Beamten des K 14 verhaftet.
Die Anschuldigung lautete u.a., Rädelsführer einer verfassungswidrigen, verbotenen Partei gewesen zu sein. (Gemeint war die KPD. H.L.)
Seine Wohnung wurde zweimal durchsucht, Broschüren, Notizen und andere Gegenstände beschlagnahmt.
Dreieinhalb Monate (vom 14. Juni bis 29. September 1965) wurde er in Untersuchungshaft in der Haftanstalt Dinslaken festgehalten. In dem Prozeß vor der 4. Großen Strafkammer in Düsseldorf (März/April 1968) gegen ihn und seinen Genossen Willi Hendricks (10 Monate) und Otto Henke wurde er zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt.
Otto Henke erhielt 21 Monate, das gleiche Strafmaß bekam er in einem vorausgegangenen Prozeß. (Insges. 42 Mon.).
Daß sie die hohen Strafen nicht mehr anzutreten brauchten, ist den damaligen Anstrengungen demokratischer Kräfte zu verdanken.
(aus der Dokumentation „Schicksale politisch Verfolgter aus Duisburg“).

Heute gratulieren wir Oskar Rothstein zu seinem 90. Geburtstag!

Mercatorstraße

„Was wir heute bauen sind die Slums von morgen.“ (Mitscherlich)

Duisburg ist die Stadt der kurzen Wege, wenn man eine Besichtigungstour der Bauskandale veranstalten will. Küppersmühle, Landesarchiv, Bibliothekneubau, Mercatorhalle: das hat man alles schnell abgeschritten.
Ein weiterer Bauskandal droht der Stadt jetzt verloren zu gehen. Dabei handelt es sich nicht um einen solchen, bei dem Intrigen, Mauscheleien, Murks und finanzielle Unregelmäßigkeiten eine Rolle spielen. Hier sollte die Stadtentwicklung ganz normal und wie gewohnt ablaufen.
Am Anfang war die Idee, die A59, die am Bahnhof entlang führt, zu überdachen. Warum? Weiß kein Mensch.
Das sah dann so aus:
mercatorstr1Wat nu?
Irgendeinen Bombastik-Bumm-Komplex draufbauen, irgend so’n Dingen, dessen Leerstand und Verfall schon begonnen hatte, bevor der erste Strich auf den Plan gezeichnet wurde. Damit wurde „Multi Development“ betraut. Wenn eine Firma schon so heißt…
Wenn eine Firma schon so heißt, dann ist der zuzutrauen, daß die die Mercatorstraße in eine Betonschlucht verwandelt und die Baumallee als Hindernis für ihre gigantische Enturbanisierung auffaßt. Und so sollte es dann auch kommen: Die Platanen, die den Abschnitt der Mercatorstraße säumen, der am Bahnhof entlangführt, sollten kurzerhand der Gigantomanie weichen.
mercatorstr2Das war den Duisburgern – jedenfalls vielen von ihnen – dann doch zu viel. Sie hatten wenig dafür übrig, daß mit der Mercatorstraße wohl etwas ähnliches angestellt werden sollte wie mit dem König-Heinrich-Platz. Nach der Verlangweilung der Innenstadt durch einfallslose Fußgängerzonisierung von Königstraße und Sonnenwall sollte nun noch ein weiterer Rest von Urbanität auch noch den Drauflosplanern in die Hände fallen? Ein Bürgerbegehren gegen diese Planung wurde vorbereitet.
mercatorstr3Jetzt stand in der Zeitung: Die Verplanung ist aufgegeben. Die Multi-Developmänner wollen das Grundstück nicht mehr haben. Wenn da mal was geplant wird, dann so, daß der Baumbestand unberührt bleibt.
mercatorstr4Prompt regten sich die Knallköppe per Leserbrief auf. Hier würden Investoren vergrault. Denen hat man was von den heilsbringenden „Investoren“ erzählt, und das glauben die.
Der „Investor“ ist der Klapperstorch für Erwachsene.

Aufruf zu einer Demonstration gegen Rassismus

Demonstration „Gegen Rassismus, Antiromaismus und Pro NRW“ am 9.11.2013 in Duisburg
Bündnis „Erinnern heißt handeln!“ ruft zu breiten Protesten auf*
Unter dem Motto der Antifaschistin und Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano „Erinnern heißt Handeln!“ ruft ein Zusammenschluss aus antirassistischen und antifaschistischen Initiativen und Einzelpersonen aus Duisburg und NRW dazu auf, „Gegen Rassismus, Antiromaismus und Pro NRW“ auf die Straße zu gehen.
Ausgerechnet am 9. November, dem 75. Jahrestag der Reichspogromnacht, während der in Deutschland 1938 weit mehr als 1.300 Juden ermordet und Synagogen angezündet wurden, will die extrem rechte Splitterpartei PRO NRW gleich zwei Kundgebungen in Duisburg abhalten. In Neumühl will PRO NRW ihre rechte Propaganda gegen eine geplante Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen St. Barbara-Krankenhaus, in Rheinhausen gegen von Roma bewohnte Häuser (In den Peschen 3-5) verbreiten. Mit ihren Aktionen versucht PRO NRW eine teilweise rassistische Stimmung in Teilen der Bevölkerung zu schüren.
Die Polizei hat beide Pro-NRW-Kundgebungen verboten und Anzeige wegen Volksverhetzung gestellt. Es ist aber fraglich, ob das Verbot Bestand haben wird.
Deshalb laufen die Vorbereitungen für die antirassistische Demonstration weiter auf Hochtouren. Die Protestaktion beginnt um 12 Uhr mit einer Auftaktkundgebung am Hamborner Rathaus und zieht dann weiter in den Stadtteil Neumühl.
Reden und Grußbotschaften sind unter anderem von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), den Bewohnern der Häuser „In den Peschen“, der Migrantenorganisation ATIF sowie der Flüchtlings-Organisationen „Lampedusa in Hamburg“ und „Refugee Struggle“ vorgesehen.
Anne Lees, Sprecherin des Bündnisses: „Die 15.000 Menschen, die am Wochenende in Hamburg aus Solidarität mit den Flüchtlingen der Lampedusa-Gruppe auf die Straße gegangen sind, haben es vorgemacht. Wir wollen eine große, breite und bunte Demonstration gegen Rassismus in Duisburg. Wo wir sind, ist kein Platz für die rechtspopulistische Hetze von Pro NRW!“
(Text behutsam bearbeitet. Correctical-Whiteness-Floskeln wurden getilgt).

Vom Löschen des Durstes

Das Fußballspiel zwischen dem Duisburger Spielverein und Eintracht Gelsenkirchen im Wedaustadion, Zweite Liga West, Saison 1962/63, sah ich gemeinsam mit meinem Cousin und meinem Onkel. Ein spannendes Spiel übrigens, das letzte der Saison. Der Gewinner würde in die neugegründete Regionalliga aufsteigen, der Verlierer in die Amateurklasse absteigen. Es ging ruppig zu auf dem Spielfeld, drei Platzverweise, Duisburg gewann 2:1.
In der Halbzeitpause wurde ich auserkoren, drei Coca zu holen. Coca Cola. Mittlerweile bezeichnet man die coffeinhaltige Brause als „Cola“. Damals sagte man zu dem braunen Erfrischungsgetränk schlicht „Coca“, was die konkurrierenden Marken Afri Cola und Pepsi Cola ins Hintertreffen brachte.
Drei Coca also. Man bekam sie an einem Getränkestand für ein paar Groschen, abgefüllt in kleinen Fläschchen aus Weißglas, mit Pfand, wie sich das gehört.
Um den Getränkestand herum standen viele Männer, die alle finster dreinblickten, weil es ja ein spannendes Fußballspiel war. Auch der Getränkemann schaute finster. Viele waren vor mir dran, und ich mußte warten, bis sie alle ihr Getränk bekommen hatten. Es gab nicht nur Cola, sondern noch was anderes.
„Wat willz du?“
„Ne Fanta.“
„Un wat kriss du?“
„Ne Coca – ach nä, gib ma lieber auch ne Fanta.“
Der nächste. „Coca oder Fanta?“
„Ach, gib ma ne Fanta.“
„Fanta“ hörte und sah ich an diesem Tag überhaupt zum ersten Mal. Das mußte wohl sowas ähnliches wie „Bluna“ sein, eine Orangenlimonade. Die Fantafläschchen, genauso groß wie die Colafläschchen, waren bräunlich und ließen darin eine orangefarbene kohlensäurehaltige Flüssigkeit vermuten. Und diese Limonade gewann hier in Windeseile das Wohlgefallen der um ein Erfrischungsgetränk Anstehenden.
„Ach, gib ma keine Coca, gib ma lieber ne Fanta.“
Fanta war der Bestseller des Tages.
„Coca? Nä, laß ma. Gib ma ne Fanta.“
„Nää! Immer dat Coca-Zeug! Gib ma ne Fanta!“
„Richtig!“ rief einer. „Gib ma ne Fanta.“
Irgendwann war ich an der Reihe. Und ich bestellte:
„Drei Coca.“
Alle drehten sich nach mir um. Was war geschehen? Da hatte doch so’n 13jähriger Lümmel am Getränkestand tatsächlich drei Coca Cola bestellt! Wo doch all die deutschen Männer sich gefunden hatten, um tapfer entschlossen zu sein, Fanta zu trinken, weniger um ihren Durst zu löschen, sondern um nicht Coca zu trinken!
Ich, mit der ganzen Schlichtheit meines Gemütes, fand mein Verhalten gar nicht ungewöhnlich. Ich kaufte ein Produkt, das hier angeboten wurde. Ich war in der dezidierten Absicht hierhergekommen, drei Cola zu kaufen, und in dem allgemeinen Aufwallen einer Stimmung sah ich keinen Anlaß, mein Kaufbegehren zu revidieren. Ich tat nichts anderes als das, was ich mir vorgenommen hatte, ohne Rücksicht darauf, daß über die anderen etwas gekommen war, was mir, das spürte ich deutlich, als Fehlverhalten angekreidet wurde, ein „Fehler“ übrigens, den ich im Laufe meines Lebens immer wieder beging.
Ich bekam auch meine drei Coca Cola, niemand legte dagegen Einspruch ein, aber ich meinte, ein unzufriedenes Brummen zu vernehmen. Mit drei Flaschen in zwei Händen bahnte ich mir den Weg durch die Umstehenden, deren Seitenblicke ich als bedrohlich empfand. Ich übertreibe nicht. Immerhin war ich inmitten entschlossener Coca-Verschmäher aus der Reihe getanzt.
Ich hatte, wie auch später in meinem Leben immer wieder, mich von einer nationalen Aufwallung nicht mitreißen lassen, die an jenem Tage Gestalt fand darin, daß deutsche Männer sich dem Zwang widersetzen, nach dem verlorenen Krieg Coca Cola trinken zu müssen. Meine Treue zu der coffeinhaltigen Brause bestätigte den Argwohn, daß mit der „Jugend von heute“ kein Krieg zu gewinnen sei, was – zumindest in meinem Fall – ja auch stimmte und immer noch stimmt.
Die Nachgeborenen werden das kaum verstehen, aber so war das damals wirklich. Es war die Zeit, in der Straßenbahnschaffner nicht Bedienstete eines Dienstleistungsunternehmens waren, sondern zur Obrigkeit gehörten. Der Erwerb einer Eisenbahnfahrkarte nach Kassel war gleichbedeutend mit dem Ersuchen an den Staat, nach Kassel reisen zu dürfen.
In einer Straßenbahn erlebte ich, wie der Schaffner mit seiner Losung „Noch jemand ohne Fahrschein?“ durch den Waggon patrouillierte und einen bestimmten Fahrgast eines Staatsverbrechens verdächtigte: „Hast du einen Fahrschein?“ Dieser Fahrgast, der in jener Zeit die Unverfrorenheit besaß, 15 Jahre alt zu sein, zeigte frohgemut seinen gültigen Fahrschein vor. Daraufhin der Schaffner: „Da hast du aber gerade nochmal Glück gehabt.“
Wem nichts vorzuwerfen war, der hatte „gerade nochmal Glück gehabt“.
Ich habe das erlebt: Ich saß in der Straßenbahn. Es regnete. Die Bahn hielt an einer Haltestelle, wo ein paar Leute in dem Wartehäuschen sich untergestellt hatten. Der Schaffner herrschte die Leute in dem Wartehäuschen an: Sie sollten entweder einsteigen oder weggehen. Das Wartehäuschen ist nicht für alle da, sondern nur für die Leute, die auf die Bahn warten. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder einfach…
Ich habe das erlebt: Ich stand am Schalter im Postamt. Vor mir war einer dran, der wollte 100 Briefmarken zu 10 Pfennig. Der Schalterbeamte: „Wofür brauchen Sie die?“ Er hat dem Mann die Briefmarken nicht gegeben, weil der in einem Akt des zivilen Ungehorsams Weiterlesen

Herbstlicht

HerbstLicht1Die Händelstraße hat in wenigen Tagen die Farbe verändert (vergleiche „Foto zum Zwanzigsten“ unten).
HerbstLicht2Der Herbst hat nicht in jedem Jahr dieselben Farben. In einem früheren Jahr hatten alle Bäume auf der Lotharstraße im Herbst hellgelbes Laub, soweit man schaute. So habe ich das in den Jahren danach nie wieder gesehen. Auch im vorigen Jahr nicht.
HerbstLicht3Auch in diesem Jahr nicht.
HerbstLicht4HerbstLicht5Uni-Gelände.
HerbstLicht6Die Heinestraße ist auch so’ne Gelb-Straße.
HerbstLicht7Erinnern Sie sich an den Kirschbaum im Frühling?
Jetzt ist er errötet.

HerbstLicht8So hab ich das auch noch nie gesehen.
Achten Sie auf sowas? Achten Sie mal auf sowas.

Demonstration gegen geistige Brandstiftung und Ausgrenzung

Das Duisburger Netzwerk gegen rechts ruft zu einer Demonstration auf.
Hier der Aufruf im Wortlaut:
Gegen geistige Brandstiftung und Ausgrenzung!
Demonstration: Samstag, den 19.10.2013 in Duisburg – Rheinhausen
Treffpunkt: 12.00 Uhr Rheinhausen Bahnhof/Ost
Seit mehr als einem Jahr wird in Duisburg die Diskussion über die Situation der rumänischen bzw.  bulgarischen EU- Bürger geführt. Durch CDU, Teile der SPD sowie der WAZ Medien- Gruppe zeigt diese öffentliche Auseinandersetzung immer wieder ihren rassistischen Charakter. Diese ebnete den Weg für eine progromartige  Stimmung in Teilen Duisburgs, wie wir am vorletzten Wochenende in Duisburg -Rheinhausen und Neumühl erfahren mussten.
Bürger und stadtbekannte Neonazis demonstrierten Hand in Hand auf dem Rheinhausener Markt, um gegen die angebliche Untätigkeit der Behörden zu demonstrieren, die „Vermüllung“ und „Kriminalität“ zuließen. Das es sich hier konkret um die Situation „In den Peschen“, ein von Rumänen/Bulgaren bewohntes Haus handelte, wurde nicht nur durch Bilder auf der Kundgebung deutlich. Offen rassistisch und volksverhetzend wurden Rumänen/Bulgaren am offenen Mikrofon beschimpft, unter Beifall radikaler Neonazis. Veranstaltungsteilnehmer und Anmelder ließen sich auch auf Nachfrage nicht dazu bewegen sich von den Neonazis vor Ort zu trennen. Nachträgliche Distanzierungsversuche sind eine Farce.
Nicht wenig später im Duisburger Stadtteil Neumühl  ereignete sich eine ähnlich beunruhigende Situation: Als die rechtspopulistische Gruppe Pro NRW gegen eine geplante Unterkunft für Flüchtlinge demonstrierte, wurde sie von ca. 200 Anwohnern mit Beifall empfangen und unterstützt. In aggressivster Stimmung sprachen sich die “besorgten Anwohner” in einem offenen Mikrofon gegen das drohende Flüchtlingsheim im ehemaligen St. Barbara Hospital aus. Rassistische Parolen und Drohungen zur Brandstiftung, ob “mit oder ohne Menschen drin”, stießen auf Jubel. Kurz nach der Kundgebung kam es zu einem Vorfall, bei welchem migrantische Jugendliche, welche sich zuvor an den Gegenprotesten beteiligt hatten, von rechten Demonstrationsteilnehmern angegriffen und zum Teil verletzt wurden.
In der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch ereignete sich im Stadtteil Homberg ein Brand in einem  von Roma bewohntem Haus. Die 42 Bewohner des Hauses, unter ihnen 28 Kinder, retteten sich auf das Dach, wobei 17 von ihnen verletzt wurden. Im Laufe des Mittwochnachmittags gab die Polizei bekannt, dass es sich um Brandstiftung gehandelt hat. Dass der Brand einen rassistischen Hintergrund haben könnte, wollen wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausschließen, da es nach den Ereignissen der letzten Wochen und Monate nur noch wenig abwegig erscheint.
In dieser aufgeheizten Atmosphäre wollen wir einen klaren Kontrapunkt gegen diejenigen setzen, die mit der Situation der Einwanderer aus Südosteuropa ihr Süppchen kochen wollen. Die Kriminalisierung der Einwanderer durch Ordnungsbehörden und die Polizei muss sofort beendet werden! Deshalb lautet unser Appell an Politik und Medien in Duisburg:  Es reicht! Übernehmen Sie endlich Verantwortung für die in elenden Wohnverhältnissen und materieller Not lebenden Zuwanderer. Die Duisburger Politik muss unverzüglich den in DU-Bergheim lebenden Menschen, die in völlig überbelegten Wohnungen leben, angemessenen Wohnraum zur Verfügung stellen, um das vorrangigste Problem zu entschärfen und zu lösen. Die Duisburger Politik sollte endlich zur Kenntnis nehmen, dass es sich bei den zugewanderten Menschen um EU-Bürger handelt und diese die gleichen Rechte beanspruchen können, wie alle anderen EU-Bürger auch. Alles andere wäre ein Rückfall in vordemokratische Zeiten.
www.netzwerk-gegen-rechts.org

Bilder von einer Wanderung

Weil letzten Samstag so ein schönes Spätsommerwetter war, entschloß ich mich: Nein, die Balkontür werde ich heute doch nicht streichen (sondern nächstes Jahr), und stattdessen unternehme ich heute noch einmal eine meiner Wanderungen.
KuH01Und wohin habe ich mich im menschenleeren Bus begeben? Zur Kupferhütte!
KuH02Strahlend der Himmel und finster die Industriekulisse. Links im Bild: Plakat zu einer Wahl, die vor Jahren stattfand.
KuH03Strandpanorama soll ein Lichtblick sein? Weghier.de (denkt vielleicht jemand. Ich nicht).
KuH04Die dahinschwindende Industrie läßt auch mal eine Lücke, in die ein Baukran paßt. Das Auto fährt dahin, wo niemand ist.
KuH05Blaues Schild: Lange Nacht der Industrie (oder: bange Nacht?).
KuH06KuH07KuH08Nasse Straße, obwohl es seit Tagen nicht geregnet hat.
KuH09KuH10Einige Verwaltungsgebebäude sind an zahlreiche kleine Firmen vermietet worden. Einige Fenster werden noch geputzt.
KuH11Hochspannung!
KuH12In diesem Kabüffchen konnte man sich besonders schön auf den Feierabend freuen (mit Thermoskanne).
KuH13You’ll never…
KuH14…never…
KuH15…never…
KuH16…reach the sky!
KuH17Alle Tore geschlossen.
KuH18Wo kommt denn der weiße Rauch her? Wurde da noch ein Papst gewählt? Reicht der eine nicht?
Oder hat der letzte beim Verlassen der Halle vergessen, die Industrie auszuschalten?
KuH19Da geht’s zum Rhein.
KuH20KuH21Die Montanindustrie rostet hier vor sich hin.
KuH22Wo kein Eingreifen der Verschönerung diente, entwickelt sich eine eigene Ästhetik – etwa, wenn die Vegetation sich selbst überlassen bleibt, oder, wie hier, die Ästhetik der Industrieanlagen und ihres langsamen Verfalls.
Niemand hat die Gebäude gebaut, die Rohre verlegt und die Wolken am Himmel zurechtgeschoben, damit es schön aussieht.

Das Foto zum Zwanzigsten

September-2011-IMG_8658Hüttenheim (Duisburger Süden), Hermann-Rinne-Straße, keine hundert Meter von Mannesmann entfernt.
Hier war ich mal Briefträger (offiziell: Zusteller), vier Monate lang. Dieses komische Haus gehörte zu meinem Revier. Und immer, wenn ich dieses Haus hinter mir hatte, wußte ich: Das meiste habe ich noch vor mir.

Gut, Herr Kandidat!

Die WAZ (Lokalausgabe) befragte die Direktkandidaten für die beiden Duisburger Wahlkreise. Sie stellte jedem dieselben Fragen.

Foto auf mulia.de gefunden

Foto auf mulia.de gefunden

Und was sagte Marc Mulia von der Partei Die Linke auf die Frage
„Mein politisches Vorbild ist…“?
Inge Holzinger, die im letzten Jahr ihren 80. Geburtstag gefeiert hat. Sie war auch Lehrerin und engagiert sich seit mehr als 50 Jahren in der Friedensbewegung.“

Foto: DFG-VK

Foto: DFG-VK

Das war die in diesem Wahlkampf für mich bisher am meisten überzeugende Aussage (die auch einen Blick über die Grenzen der eigenen Partei offenbart).
Darum (darum) werde ich auch mit meiner Erststimme die Linken wählen.
Obwohl die (meisten) Matadore der Linkspartei in Duisburg Analphabeten sind.
(Die kaufen keine Bücher).

Nutzlos und frei

WieseLotharstr1In der Stadt, deren Einwohnerzahl in einem Vierteljahrhundert sich um 100.000 verringert hat, wird immer noch Fläche verbraucht.
Felder, über die man den Blick schweifen lassen kann, sind selten geworden. Da ist man ja schon froh, wenn es auch nur mal 50 Meter sind, wo das Gras ganz frei und nutzlos (unausgewertet) vor sich hinwächst.
WieseLotharstr2An der Lotharstraße in Neudorf.
Wie lange geht das noch gut?
WieseLotharstr3..

Zur Kenntnis

„Die Ereignisse erinnern fatal an die rassistische Pogromstimmung von Anfang der 1990er Jahre“

Presseerklärung des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS)

Seit Mitte der 1980er Jahre befasst sich das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) mit den Reaktionen deutscher Bürgerinnen und Bürger auf die Einwanderung nach Deutschland. Siegfried Jäger, Professor an der Universität Duisburg/Essen und langjähriger Vorsitzender des DISS und das gesamte DISS-Team haben in einer Vielzahl von Projekten und Veröffentlichungen belegen können, dass in Deutschland ein alltäglicher Rassismus herrscht, der alle Bevölkerungsschichten erfasst hat und durch Politik und Medien fortlaufend geschürt wird. Rassismus ist keine Erfindung einiger extrem rechter Wirrköpfe, sondern ein gesellschaftliches Gesamtproblem, das von ihnen nur ausgenutzt wird. Will man Rassismus bekämpfen, sollte man nicht nur auf den extremen rechten Rand zielen, sondern auf die Faktoren, die diesen Rassismus beständig hervorbringen: z.B. eine restriktive Ausländerpolitik in Deutschland und die fast durchweg miserable Berichterstattung in den Medien.
Klar sollte werden: Zuwanderung ist ein Menschheitsphänomen seit es Menschen gibt. Anders gesagt: Seit es Menschen gibt, wandern sie. Diese Wanderungen waren und sind die Grundlage für das Entstehen großer Städte und Ballungsgebiete wie z. B. das Ruhrgebiet.
Die derzeitige Einwanderung von Menschen aus Südosteuropa nach Duisburg, Berlin und anderen Städten ist auf die riesige Armut und auch auf die Verfolgung der Roma vor allem in Rumänien und Bulgarien zurückzuführen. Außerdem fliehen Menschen vor Kriegen in Afghanistan, dem Irak, Syrien und anderswo.
Mit ihnen wandern auch andere Sprachen, Prägungen, Sitten, Gebräuche und Religionen in den Zielländern ein, was zwar immer auch eine Bereicherung bedeutet, aber auch Missverständnisse, Streitigkeiten und Belastungen nach sich ziehen kann.
Die Konsequenz daraus ist: Einwanderer brauchen Hilfe und Unterstützung. Das gilt aber auch für die von Armut betroffenen Eingeborenen. Und genau da liegen die Probleme: Die Hilfe und Unterstützung bleibt weitgehend aus, und damit die Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben. Damit eröffnet sich ein Betätigungsfeld für extreme Rechte. Die Konflikte eskalieren bis zu Pogromstimmung und Brandanschlägen, wie dies (nicht nur) in den 1990er Jahren in Rostock, Solingen und Mölln und in tausenden weiteren Gemeinden der Fall war. Die Idee der Demokratie gerät unter Druck, Einwanderer und Alteingesessene werden allein gelassen. Der Staat und seine Organe versagen.
Prof. Siegfried Jäger, der Gründer des DISS, erklärte:
„Die Ereignisse der letzten Tage und Wochen rund um das Haus in Duisburg-Bergheim erinnern fatal an die rassistische Pogromstimmung von Anfang der 1990er Jahre.
Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel in der Ausländerpolitik. Eine Politik der Abschreckung, Ausgrenzung, der Assimilationsforderungen und der sozialen Vernachlässigung schafft Probleme statt sie zu lösen und sie schürt den Alltagsrassismus in der Bevölkerung.
Die akute Zuspitzung der Situation in Bergheim erfordert aber zunächst einmal sofortiges Handeln. Die Polizei und die Stadt Duisburg sind in der Pflicht, die Unversehrtheit der Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses „In den Peschen“ sicherzustellen, damit Duisburg nicht bald schon durch eine neue vorhersehbare Katastrophe zum Ort des Schreckens wird.“

26. August 2013
Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung
www.diss-duisburg.de

Steinbart-Gymnasium: Fragwürdige Traditionspflege (2)

Samstags nach der zweiten Stunde versammelte sich die „Schulgemeinde“ nebst stolzen Eltern, Ehemaligen, Löbenichtern, Jubilaren in der Aula zu einem würdevollen Spektakel mit Schulorchester.
Bei der traditionellen Abiturfeier fanden sich neben den Abiturienten und deren Eltern, dem Lehrerkollegium, den Schülern (ab Untertertia), den 25- und 50jährigen Abiturjubilaren und einigen Honoratioren auch die Löbenichter ein. Das Steinbart-Gymnasium unterhielt eine Schulpartnerschaft mit dem Löbenichter Realgymnasium in Königsberg.
Dieses Realgymnasium war eines allerdings nicht: real. Es war ein Erinnerungsposten. Aber die Verbundenheit wurde bei feierlichen Anlässen beschworen bzw. bekräftigt. In der Redaktion der Schulzeitung Steinbart-Blätter gab es ein Ressort „Löbenichter“. Der zuständige Redakteur hatte nichts zu tun. Was soll man schon über ein Irreal-Gymnasium berichten? Im Schulgebäude gab es sogar ein Löbenichter-Zimmer. Vielleicht gibt es das heute noch, und es wurde nur vergessen, wer den Schlüssel dafür hat. Vielleicht denkt man heute, das wäre früher das Extra-Lehrerzimmer für die Herren des Kollegiums gewesen, die nie gelobt haben.
Aber zu meiner Zeit durften die Löbenichter noch aufmarschieren. Jeder Abiturient wurde nach Überreichung des Abiturzeugnisses weitergereicht an den Löbenichter Ehrenpräsidenten, einen schon etwas hinfällig wirkenden Herrn, der den Abiturienten eine goldene Nadel, die sogenannte Alberte, an die Brust heftete. Der Mann war berüchtigt, weil er das An-die-Brust-Heften wohl wörtlich nahm.
Als ich zur Entgegennahme des Abiturzeugnisses schritt (1969), blieb mir das Erlebnis der unter die Haut gehenden Verbundenheit erspart. Das Zeugnis steckte in einer Klarsichthülle, und die Alberte war dem beigelegt. Ich war nur eine halbe Stunde lang Besitzer einer Alberte, von der ich mich leicht trennte, weil ich in ihr ein Symbol des Revanchismus sah. Beim anschließenden Empfang merkte mein Klassenkamerad Hartmut Pawlik, daß ihm die Alberte wohl aus der Hülle gefallen war, und ich sagte: „Da! Kannz meine haben.“

Steinbart-Gymnasium: Fragwürdige Traditionspflege (1)

Diesen OFFENEN BRIEF bitte ich zu beachten:

Gegen Geschichtsverfälschung am Duisburger Steinbart-Gymnasium – Für eine kritische Aufarbeitung der Schulgeschichte
Mit Entsetzen mussten wir, die diesjährigen AbiturientInnen des Steinbart-Gymnasiums, feststellen, dass unsere Abiturzeugnisvergabe für rechtsextreme und geschichtsrevisionistische Propaganda missbraucht wurde. Dabei wurden uns sogenannte „Albertinanadeln“ ausgehändigt, gemeinsam mit einem Informationsblatt, in dem von deutschen Gebietsansprüchen in Russland und Polen die Rede ist. Aus spontanem Protest verweigerten einige von uns die Annahme und stellten Nachforschungen im ebenfalls ausgehändigten Buch „Das Steinbart-Gymnasium zu Duisburg 1831 – 1981“ an.
Der Inhalt schockierte uns: Von den ermordeten und deportierten jüdischen SchülerInnen war keine Rede, dafür aber u.a. von der „nationalsozialistischen Revolution“, dem alliierten „Terrorangriff vom 13. Mai 1943“, einem „Bekenntnis zum deutschen Osten“ – mit dem Gebiete in Polen und Russland gemeint sind – seitens des Steinbart-Gymnasiums und einer totalen Verdrehung der Realität vom Kriegsende als „Katastrophe von 1945“ samt „seinem unglücklichen Ausgang“. Den Widerstandsaktionen des Antifaschisten und Steinbart-Abiturienten Harro Schulze-Boysen, den sein Engagement sein Leben kostete, wird in der Publikation ein „landesverräterischer Charakter“ unterstellt und behauptet, seine Verurteilung zum Tode durch die NS-Richter sei Ergebnis eines „in einwandfreier Form“ durchgeführten Prozesses gewesen.
Wir sind zutiefst empört. Diese Art von Geschichtsverfälschung steht im Gegensatz zu den Grundwerten einer offenen, antifaschistischen und demokratischen Gesellschaft. Schulen sollten diese Werte vermitteln und pflegen und uns zu mündigen Menschen erziehen. Wir fühlen uns daher verpflichtet, auf diesen Skandal aufmerksam zu machen und fordern eine klare Aufklärung. Dies wollen wir gemeinsam mit der Duisburger Zivilgesellschaft erwirken. Eine einfache Stellungnahme, mit dem Verweis auf das Alter des Textes lehnen wir ab: Die Auflage ist aus dem Jahre 2000, die abgedruckte AbiturientInnenliste sogar bis zum Jahrgang 2011 aktualisiert worden. Auch die Ausrede, es handele sich um ein authentisches Zeitdokument, können wir nicht gelten lassen, da mit dieser Begründung jedwede Propaganda und Literatur verbreitet werden kann.
Von der Schulleitung des Steinbart-Gymnasiums fordern wir daher:
– Eine Distanzierung von dem geschichtsrevisionistischen Inhalt des Buches „Das Steinbart-Gymnasium zu Duisburg 1831 – 1981“, sowie dessen kritische Überarbeitung nach antifaschistischen und demokratischen Werten
– Eine Aufarbeitung der Schulgeschichte im Nationalsozialismus, mit besonderem Hinblick auf ihre jüdischen und antifaschistischen Opfer
– Ein klares Bekenntnis zum antifaschistischen Widerstandskämpfer Harro Schulze-Boysen – dabei anerkennen wir die ersten bereits gemachten Schritte
Unterzeichner:
– Verschiedene SchülerInnen und Ehemalige des Steinbart-Gymnasiums
– Duisburger Netzwerk gegen Rechts
– Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN – BdA) Kreisverband Duisburg
– Jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim/Ruhr-Oberhausen K.d.ö.R.
– DIE LINKE. Kreisverband Duisburg
– Friedensforum Duisburg
– Deutsche Friedensgesellschaft (DFG-VK) Duisburg
– DKP Kreisorganisation Duisburg

Harro-Schulze-Boysen-GedenkmarkeKritische Nachfragen nimmt die Schule sicher gerne hier entgegen.

Das Foto zum Zwanzigsten

Juli2013-IMG_9603Großenbaum. Saarner Straße.
Sie könnten (am Zwanzigsten jedes Monats) der Eindruck haben, daß Duisburg eine doch recht schöne Stadt ist – wenigstens an ein paar Stellen.
Das sind aber nur die paar Stellen, die die Stadtentwickler bisher übersehen haben.

Prosperität in Schilda

Neudorf, Mozartstraße Ecke Koloniestraße. Das Chinarestaurant gibt es doch schon lange nicht mehr!
Schilda1Frühlingsrollen kriegt man da nicht mehr, aber einen Parkplatz können sie noch bieten.
Edeka gegenüber ist übrigens auch schon lange nicht mehr da. Und die Firma, die den Leerstand mal unterbrach, ist auch nicht mehr da.
Schilda2Fünf Meter weiter links die gebleichte Fassade von ehemals „Repla Duisburg – Plastikartikel für Industrie, Büro u. Werbung“. Ich hatte mal die Idee, mir dort Plastiktüten mit der Aufschrift „Jute statt Plastik“ herstellen zu lassen. Aber die Firmen verschwinden schneller als man mit einem Auftrag hinkommt.
Das ist die Prosperität in Schilda: Sie ist nur noch auf dem Schild da.