Das ethische Motiv des Grames (Dritter Teil)

„Kunstwerke sind asketisch und schamlos, Kulturindustrie ist pornographisch und prüde.“
Horkheimer, Adorno

Der Buchhandlung Weltbühne liegt die Liste nun doch vor. Geht man sie durch, lernt man das Staunen. Erstaunlich ist, was alles darauf steht und was alles nicht darauf steht. Irgendeine Systematik, wonach man herleiten könnte, was indiziert sein könnte und was nicht, ist nur in unscharfen Umrissen zu erkennen. Das mag vielleicht daran liegen, daß die Indizierungen zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Zeit-Geistern erfolgten.
Die Liste der jugendgefährdenden Schriften ist weißgott keine Ehrenliste freigeistiger Literatur. Eher ähnelt sie einem großen Mistkübel, in den man auch ein paar Perlen hineingeworfen hat.
Nazi-Klamotten bilden einen nicht unerheblichen Anteil. Es ist nicht zu bedauern, daß die oft gescholtene Bundesprüfstelle auf ihrem Tätigkeitsfeld tut, was Gerichte und Gesetzgeber versäumen, nämlich den Nazis mit administrativen Maßnahmen in die Parade zu fahren. Einen weiteren Anteil bilden Zeugnisse regressiver Entsublimierung, die den „guten Geschmack“ nicht etwa kritisch-provokativ konterkarieren, sondern ambitionslos auf Ekelhaftigkeit spekulieren.
Inmitten des Ganzen findet man Kuriosa, Erotica, erotische Kuriositäten und kuriose Erotik und nicht wenig höchst anspruchsvolle Werke von hohem künstlerischem und literarischem Wert, solche, die man Jugendlichen nicht vorenthalten muß, und solche, die man Jugendlichen nicht vorenthalten sollte.
Auf dem Index jugendgefährdender Schriften (Stand: November 2007) stehen Autorinnen und Autoren, Künstlerinnen und Künstler wie Marqis d‘Argens, Lonnie Barbach, Regine Deforges, Joy Laurey, Milo Manara, Anne-Marie Villefranche, Jane Way, auch Felix Rexhausen und ein so seriöser Sachbuchautor wie Joachim S. Hohmann. Bücher aus dem März-Verlag und von Rowohlt stehen auf der Liste, auch solche Klassiker wie John Willies „Gwendoline“ – und fast das gesamte Lebenswerk von Guido Crepax.
Einige der noch im November 2007 rechtsverbindlich als „obszön“ klassifizierte Autorinnen und Autoren verdienen es, mit ihren Vorgängern genannt zu werden: Flaubert, Baudelaire, Arthur Schnitzler, Wedekind, Henry Miller, D.H. Lawrence, Oscar Wilde.
Wieso Laterna Magica von Guido Crepax, ein Meisterwerk, Kinder und Jugendliche einem verrohenden und gewaltverherrlichenden Einfluß aussetzt, sie über die Grenzen des Selbstbestimmungsrechts täuscht und sie darin beeinträchtigt, sich gegen ungenehme Übergriffe zu wehren, und inwieweit dieses Werk überhaupt Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung beeinträchtigt, ist ein Geheimnis der Bundesprüfstelle, das die Rechtsanwältin weder aufklären kann noch will, weil Klein- und Kleinst-Unternehmer in den Ruin zu treiben ein hohes sittliches Anliegen ist.
Man mag sich auf den Standpunkt stellen, daß „die Jugend“ vor dem „Obszönen“ geschützt werden muß – und man wird feststellen und zugeben müssen, daß dies ein Ding der Unmöglichkeit ist. „Obszön ist, wer oder was irgendwo irgendwann irgendwen aus irgendwelchem Grund zur Entrüstung getrieben hat. Nur im Ereignis der Entrüstung ist das Obszöne mehr als ein Gespenst“, schreibt Ludwig Marcuse. Der jahrhundertelange Abwehrkampf gegen die Obszönität hat keine Definition hervorgebracht, wohl aber immer wieder Heerscharen mit Flammenschwertern ausgerüstet. „Und weil dies Obszöne“, so Ludwig Marcuse weiter, „eine Gleichung mit mindestens sechs Unbekannten ist, seufzen die Juristen noch heute, daß es keine Definition gibt, mit der man Gesetze machen kann – und machen sie dennoch… Die stärksten jener Abwertungen sind die Erstaunlichsten: ,tierisch‘, ,schweinisch‘. Übernehmen sich Tiere sexuell? Haben Schweine das große Reich sexueller Vergröberungen und Verfeinerungen … entdeckt? Wie man auch die Früchte menschlicher Phantasie und phantasievoller Praxis einschätzen mag, die Tiere im allgemeinen und die Schweine im besonderen pflegen nicht ihre Einbildungskraft in den Dienst von Steigerung und Differenzierung der Lüste zu stellen; das ist ein Privileg der menschlichen Kultur.“
Was die Rechtsanwältin aus Overath bewogen haben mag, sich auf Titel zu verlegen, deren Indizierung in Kürze abläuft oder zwischenzeitlich schon abgelaufen ist, kann nur vermutet werden. Der Effekt dieser anscheinend durch Geldgier motivierten Kampagne gegen die Antiquariate ist unversehens, daß der behördlich sanktionierte gesellschaftliche Umgang mit dem Sexuellen Komplex in den Blick gerät. Es geht um Werke, deren Indizierung vor 25 Jahren schon ein Anachronismus war, so als wollte die Behörde eine Auffassung von Sexualität perpetuieren, die durch die kulturrevolutionären Entwicklungen der 60er und 70er Jahre („sexuelle Revolution“) konterkariert worden war. In Mißkredit geraten war eine Auffassung von Sexualität, wonach diese der menschlichen Kultur entgegenstehe, eigentlich ein animalischer Fremdkörper sei. Der „Schutz der Jugend“ fand Gestalt in der Wahnvorstellung, daß es eine in der Kindheit beginnende sexuelle Entwicklung gar nicht gibt und daß man von solchem Wirken der menschlichen Natur ablenken könnte und müßte. In der Phantasie, die sich in den Dienst der Lust stellt, ihrer Differenzierung und Steigerung – kurzum in der Ästhetisierung des sexuellen Antriebs wurde eine Gefahr gesehen. Die Verbannung der Sexualität aus der Kunst führt zur Verbannung der Ästhetik aus der Sexualität, zu ihrer Enterotisierung.

Nein, das ist nicht Schwester Irene Graves.

Nein, das ist nicht Schwester Irene Graves.

Eine Sexualmoral, die die Steigerung und Differenzierung der Lust fürchtet und zu verbannen versucht, ist nicht das Gegenstück, sondern die andere Seite einer entsublimierten, zotigen, primitiv-gewaltförmigen Sexualität, die nicht mehr Quelle der Lust und des Glückes ist, sondern Instrument zerstörerischer Macht. Prüderie ist nicht die Abwehr gegen gewaltförmige Sexualität, sondern sie bedingt sie. Die Verbannung der Erotik aus der Öffentlichkeit ist von reaktionären Antrieben, Untertanengeist, Muckertum, Spießigkeit, Heuchelei und Bigotterie nicht loszulösen und kann in justizförmige Erpressung ausarten. Will man Anregungen finden, um jungen Menschen ein Rüstzeug in die Hand zu geben, das ihnen hilft, eine Sexualität zu entwickeln und zu gestalten, in der sie sich verwirklichen und über sich selbst bestimmen können, der sollte sich bei den Büchern umsehen, die mal als jugendgefährdend galten oder immer noch gelten.
Die Rechtsanwältin Christine Ehrhardt aus Overath bei Köln hat, als ihr die geforderte Unterlassungserklärung verweigert wurde, ihre Klageandrohung kleinlaut zurückgezogen, so auch bei den anderen Antiquariaten, die sich wehrten. Da aus dem Fall Jugendgefährdung der Fall Ehrhardt geworden war, wurde sie ihren Job als Geschäftsführerin ihres FDP-Kreisverbandes los.
(Nachtrag folgt).

Der in drei Folgen dokumentierte Text aus DER MEZGER 81 wurde von Lina Ganowski mitverfaßt.
Die Buchhandlung Weltbühne kann zur Abwehr juristischer Angriffe unterstützt werden durch Aufträge und durch Spenden.
Spendenkonto: SSB e.V. Kto.-Nr. 403956432 Postbank Essen BLZ 360 100 43. Kennwort: Weltbühne

WELTBÜHNE MUSS BLEIBEN.

Das ethische Motiv des Grames (Zweiter Teil)

An dem Vorgehen der Overather Rechtsanwältin gibt es einige Auffälligkeiten:
Die Rechtsanwältin verschickte innerhalb weniger Tage gleichlautende Schreiben (mit Einsetzung eines jeweils entdeckten indizierten Titels) an zahlreiche Anbieter antiquarischer Bücher. Wie viele, ist nicht festzustellen, aber es dürften ein paar Hundert gewesen sein. Unabhängig davon, wie viele indizierte Titel sie bei den jeweilige Anbietern aufgespürt haben mochte, wurde immer nur ein einziger Titel genannt. Betroffen waren nur solche Anbieter, die über die Internetplattform booklooker.de anboten, und zwar sowohl Unternehmer als auch Privatpersonen. Nun gelten die gesetzlichen Wettbewerbsbestimmungen, an die Unternehmer sich halten müssen, nicht für Privatanbieter, die ihre ollen Bücher via Internetplattform verscherbeln wollen. Doch ob man als Privatperson oder Unternehmer eingestuft wird, wird allein nach der Aktivität am Markt entschieden. Die Rechtsprechung dazu ist uneinheitlich. Unabhängig davon hätte sich ein Privatanbieter, der ohne dazu verpflichtet zu sein die tückische Unterlassungserklärung abgegeben hätte, ausgeliefert.
Es gab keinen Hinweis darauf, daß die Mandantin der Rechtsanwältin überhaupt eine Buchhandlung betreibt und somit als Mitbewerber tätig ist und als solcher geschädigt werden könnte. Unter der Adresse der „Buchhandlung“ (Lotharstraße 155 in Bonn) ist nichts zu finden, was auf Handel mit Büchern schließen läßt, sondern eine andere Rechtsanwaltskanzlei.
Bei den jeweils aufgeführten Titeln handelt es sich um solche, die – ebenso wie Crepax‘ Laterna Magica – vor knapp 25 Jahren indiziert wurden. Eine Indizierung dauert 25 Jahre und endet dann. Sie kann verlängert werden.
Die Rechtsanwältin verwendet den Begriff „Kinderpornographie“ und definiert ihn neu. Sie bezeichnet damit nicht pornografische Darstellungen von (Handlungen mit) Kindern, sondern (vermeintlich) pornografische Darstellungen, die in die Hände von Kindern geraten könnten. Hat ein Kind ein pornographisches Buch angefaßt oder im Bücherregal stehen sehen, hat sich dieses damit automatisch in Kinderpornografie verwandelt. Entweder sie tut es, weil sie von dieser Reizvokabel selbst gereizt ist, oder weil sie darauf spekuliert, daß bei dem Zusammenhang von Kind & Sexualität jegliche Rationalität flöten geht.
Ungewöhnlich ist, daß mit an Anschreiben an die Buchhändler keine Gebührenrechnung verbunden war. Was für bescheidene Zurückhaltung der Rechtsanwältin gehalten werden könnte, ist wohl vielmehr der Versuch, das Attest einer rechtsmißbräuchlichen Massenabmahnung zu unterlaufen. „Wo bitte ist hier das von der Gegenseite stets behauptete Gebührenerzielungsinteresse einer sogenannten Massenabmahnung?“ sprach die Rechtsanwältin auf Anfrage von Spiegel-online. Doch daß der Abmahnung keine Kostennote beiliegt, bedeutet nichts. Anwalt Christian Solmecke erklärt: „Unterschreibt der Abgemahnte die Unterlassungserklärung, kann man die Gebührennote einfach später nachschicken. Bei dem angesetzten Streitwert von 15.000 Euro dürften die Gebühren bei ungefähr 800 Euro liegen.“ Und wer einmal unterschrieben hat, so Solmecke, „kann später schlecht begründen, warum er plötzlich nicht die möglicherweise nachkommende Gebührennote bezahlen will“.
Die Rechtsanwältin hat (vorerst?) auf einpaarmarkachzig Gebühren verzichtet und pro Anschreiben via Obergerichtsvollzieher 8,95 Euro ausgelegt, weil sie und ihre „Mandantin“ wohl auf das „große Geld“ spekuliert haben dürften: für jeden „Fall der Zuwiderhandlung“ 5.100 Euro. Das Risiko einer „Zuwiderhandlung“ ist erheblich. Es ist nicht auszuschließen, daß die Rechtsanwältin solchen Anbietern, die sich per Unterlassungserklärung ihr ausgeliefert haben, per vorbereiteter Liste sogleich ein zweites, drittes und viertes indiziertes Buch aus dem Angebot vorhält und dann jedesmal 5.100 Euro einstreicht.

Das ist die Buchhandlung Weltbühne. Nein, das ist nicht Fräulein Über.

Das Risiko der Zuwiderhandlung ist dadurch unkalkulierbar, daß die Bundesprüfstelle die Liste der indizierten Medien nicht ins Netz stellt und in gedruckter Form nicht gern herausrückt. Der Buchhändler müßte bei der Bundesprüfstelle anfragen, ob ein Titel, den er anbieten will, indiziert ist oder nicht. Es wäre zu erwägen, die Bundesprüfstelle mit ein paar tausend Anfragen zuzudecken und anzufragen, ob etwa Pippi Langstrumpf jugendgefährdend ist. Die Bundesprüfstelle verweist die Buchhändler auch auf das Jugendamt und die nächstliegende Polizeidienststelle, wo man die Liste einsehen kann. Als Antiquar hat man ja auch nichts besseres zu tun als zweimal pro Woche zur Polizei zu gehen und um Einblick in den Index zu bitten.
(Fortsetzung folgt).

Würde der Freitag das drucken? oder Tünnes un Schäl gingen übber de Rheinbrück‘

Das war ja nun wirklich ein Fehltritt! Ein kalkulierter? Ich behaupte: Ja. (Glauben Sie es. Oder glauben Sie es nicht).
Das Notat von gestern („Der Witz am Sonntag“) erregte Unwillen, der sogleich bestätigt wurde. Aber nicht in der zur Verfügung gestellten Rubrik („Leave a reply“), sondern im Online-Auftritt der Wochenzeitung Freitag.
Dort äußert sich „Mopperkopp“:

„Tierischer Sexismus
Herrenwitz Das Internet ist eine Fundgrube für alles Mögliche, auch schrägen Humor. Gibt es einen Unterschied zwischen Witzen, gedruckt in Zeitschriften oder offen im Internet?“
Gewiß. Der Unterschied besteht darin, daß die einen in Zeitschriften gedruckt werden, die anderen im Internet offen sind. Aber „Mopperkopp“ ist sich nicht sicher:
„Ich bin mir nicht sicher. Manche Witze, besonders Witze aus dem so beliebten Genderbereich, lesen sich in kleinen gedruckten Zeitschriften anders, als wenn sie für jeden öffentlich im Internet stehen. Ist das so, oder bilde ich es mir nur ein?“
Das wäre nur dann keine Einbildung, wenn man unterstellen würde, daß eine Zeitschrift im Vergleich zum Internet geradezu ein Medium der Geheimhaltung ist. Weiter:
„Zur Verdeutlichung führe ich ein konkretes Beispiel an, entnommen aus dem Blog Amore e rabbia von Helmut Loeven, dem Betreiber der winzigen Buchhandlung Weltbühne und Herausgeber von DER METZGER, Das satirische Magazin.“
Verdienstvollerweise, wenn auch wahrscheinlich nicht mit dem unethischen Motiv des Empfehlens, sondern mit einem anderen, hat „Mopperkopp“ drei Links zu mir hin gelegt. Wieso beschleicht mich das Gefühl, daß der Verfasser meint, es würde gegen die Buchhandlung Weltbühne sprechen, daß sie „winzig“ ist? Woher will der die räumlichen Ausmaße meines Geschäfts kennen? Weiter:
„Da momentan Satire auch im Freitag ein Thema ist, […] man außerdem wohl über ein Satire-Ressort nachdenkt, […]stellte sich mir bei der Lektüre des erwähnten Beispiels, abgesehen vom Niveau (Nivea würde hier auch passen), gleich die Frage:
Ist das Sati(e)re oder Humor und würde der Freitag das drucken?
Ein Mann kommt in das Schlafzimmer seiner Frau. Er trägt ein Schaf auf dem Arm. Er sagt: „Das ist…“
Et cetrera – siehe dort.

Maike Hank (die wenigstens unter einem Namen firmiert) kommentiert den Kommentar:
„Es steht ja schon in der Überschrift, dass es sich um Sexismus handelt.“
Das ist ja mal eine Beweisführung, die immer gelingt. Häng ein Schild dran! Kleb einen Bonbon ans Hemd! Sie kann darum gelingen, weil mit einem Begriff hantiert wird, der alles und nichts bedeutet. Wenn dir was nicht paßt, du aber nicht ausdrücken kannst wieso, dann etikettiere es. Weiter:
„Ich vertrete die These, dass man im sehr kleinen Kreis, wo sich alle kennen und absolut klar ist, wie was aufgefasst und gemeint ist, durchaus mal einen ’schlechten‘ Witz machen kann – dann sollte er aber wenigstens gut sein.“
Das nenne ich Dialektik.
„Verstehe aber, dass auch diese Haltung nicht unproblematisch ist, da man Sexismus etc. auch auf diese Weise reproduziert und sich daran gewöhnt.
(Die Leserschaft einer linken Zeitung ist ganz gewiss nicht solch ein Kreis. Auch nicht die dazugehörige Online-Community.)“
Was man sich doch für Ausreden einfallen läßt, den METZGER nicht zu lesen! Wer die Eingrenzungen intus hat und im SEHR kleinen Kreis sagen darf, was man nicht sagen darf, kann sich auch von etwas distanzieren, was er (resp. sie) nicht kennt, und braucht nicht zu wissen, was diese eine Zeitschrift, die sich gern „links“ nennen läßt, mit anderen „linken“ Zeitschriften gemeinsam hat und was sie von denen unterscheidet. Sie unterscheidet sich, so viel sei verraten, durch meine Abneigung gegen Jargon, Umgangsformen und Konventionen, durch die das linke Milieu sich konstituiert, und durch meinen Unwillen, der dadurch erregt wird, daß in und nach einer Revolution die Revolutionäre den Revolutionswächtern den Platz freimachen müssen (gilt auch für Revolutionen, die gar nicht stattfinden).

Ich bin mir sicher, daß die Kommentatoren beim Studium dessen, worüber sie den Kopf schütteln, nicht so weit vorgedrungen sind, um die Notate zur „allgemeinen Witzkunde“ zu entdecken („Wat is eigentlich dat Komische an einem Witz?“). Nein, das verlinke ich nicht. Sollen sie es selber suchen. (Tun sie nicht).

Wer, wie Maike Hank, den in den 70er Jahren entwickelten Progressiven Alltag (nebst sehr kleinem Kreis) eingeübt hat, kennt sich doch auch mit Ausflüchten aus. Etwa: „Man wollte doch nur mal aufzeigen, wie schrecklich das alles ist.“
Ohne Ausflucht erkläre ich: Dieser Witz mag kein schöner Witz sein. Er kann auch nicht schöner sein als der Zustand, über den er Aufschluß gibt. Aufschluß gibt er über das sexuelle Elend, das uns umgibt. Dieses kommt auch dadurch zum Vorschein, daß – trotz aller Vorsichtsmaßnahmen – sexuelle Kontakte kein sicheres Anzeichen für Sympathie sein müssen („Idiot!“ „Sau!“).
Er stellt (wie ich finde, recht authentisch) die Zerrüttung des Geschlechterverhältnisses dar, an der auch das Milieu, in dem der „Genderbereich beliebt“ ist, mitwirkt.

Foto: Hafenstaedter

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Das ethische Motiv des Grames (Erster Teil)

Aus der Geschichte der Buchhandlung Weltbühne. Blicken wir zurück auf eine „Affäre“, die vor fünf Jahren für Ärger sorgte. Der in drei Folgen dokumentierte Text erschien in DER METZGER Nr. 81.

„Der Skandal beginnt, wenn die Polizei ihm ein Ende macht.“
Karl Kraus

Die Buchhandlung Weltbühne erhielt Post vom Obergerichtsvollzieher. Dieser war von der Rechtsanwältin Christine Ehrhardt aus Overath bei Köln beauftragt worden, eine Postübergabeurkunde zustellen zu lassen, der ein Schreiben mit Datum 12.12.2007 angehängt war, das mit den Worten „Abmahnung wegen Verstoßes gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) und Aufforderung zur Abgabe einer Unterlassungserklärung – Sehr geehrter Herr Loeven“ begann. Die Rechtsanwältin teilte mit, sie sei von der Gutenberg Fachbuchhandlung Renner GmbH, vertreten durch den Geschäftsführer Guido Renner, mit der Wahrnehmung ihrer rechtlichen Interessen beauftragt worden. Diese habe „nunmehr feststellen“ müssen, „daß Sie … über die Internetplattform booklooker.de das Buch von Guido Crepax mit dem Titel ,Laterna Magica‘ zum einem Preis von 31 Euro zum Kauf anboten.“ Das genannte Buch sei jedoch von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien in die Liste jugendgefährdender Schriften aufgenommen worden (bekanntgegeben im Bundesanzeiger am 30.3.1983, also knapp 25 Jahre vorher). Der Verkauf jugendgefährdender Medien (worunter unhinterfragt solche Medien verstanden werden, die von der Bundesprüfstelle als solche indiziert wurden) über das Internet sei nach dem Jugendschutzgesetz verboten und strafbar, wurde dem Inhaber der Buchhandlung Weltbühne mitgeteilt, und auch, was der Sinn dieses Gesetzes sei: „Kinder und Jugendliche vor dem negativen Einfluß von pornographischen, verrohenden und gewaltverherrlichenden Medien zu schützen“ und zu verhindern, „daß Kinder und Jugendliche durch Darstellung oder Schilderung in Medien, die ein verfälschtes Bild dessen, was der Normalität im Umgang zwischen jungen Menschen und Erwachsenen entspricht, und über die Grenzen des Selbstbestimmungsrechtes der Kinder und Jugendlichen täuschen, verunsichert und … beeinträchtigt werden, sich gegenüber Übergriffen von Erwachsenen zu wehren (Stichwort Kinderpornographie).“ Gemeint ist wohl: „sich gegen Übergriffe zu wehren“.

Auf ein paar Seiten in DER METZGER 81 und auf der Titelseite (Abb.) wurden Bildzitate aus „Laterna Magica“ zur Besichtigung freigegeben.

Durch das Angebot der Buchhandlung Weltbühne fühlte sich die Mandantin der Rechtsanwältin „als Mitbewerberin“ beeinträchtigt, wodurch diese zur Abmahnung und zur Inanspruchnahme von Schadenersatz berechtigt sei. Die Rechtsanwältin forderte den Inhaber der Buchhandlung Weltbühne auf, bis zum 28.12.2007 eine Unterlassungserklärung abzugeben, in der er sich verpflichten sollte, „bei Übernahme einer für jeden Fall der Zuwiderhandlung … fälligen Vertragsstrafe in Höhe von 5.100 Euro zu unterlassen, Schriften und andere Schriften gleichstehende Darstellungen, die … in die Liste der jugendgefährdenden Schriften aufgenommen … worden sind, öffentlich in Medien – insbesondere im Internet – zum Kauf anzubieten“. Anderenfalls würde sie bei Gericht eine einstweilige Verfügung beantragen, woraus sich – so rechnete sie vor – bei einem Streitwert von 15.000 Euro Gerichts- und Anwaltskosten von 4.141,30 Euro ergeben würden.


Man könnte glatt den Eindruck haben, die Rechtsanwältin Christine Ehrhardt aus Overath bei Köln gehöre zu jenen Winkeladvokaten, die en masse Geschäfts- und Privatleute per Abmahnung abzocken und mit erheblicher krimineller Energie die Schlafmützigkeit deutscher Gerichte ausnutzen, welche sich zu deren Begünstigern machen, indem sie derlei Verfügungen routinemäßig durchwinken. Doch „nicht um ein Geschäft zu machen, sondern aus dem ethischen Motiv des Grames“ (Karl Kraus) zu handeln gibt sich die Rechtsanwältin Christine Ehrhardt aus Overath bei Köln zu verstehen, die nicht nur die Interessen ihrer durch das Angebot der Buchhandlung Weltbühne arg ins Hintertreffen geratenen Mandantin wahrt, sondern auch die Unschuld der Kinder im Auge hat. Dennoch wollte und konnte der Inhaber der Buchhandlung Weltbühne ihren Gram nicht mindern. Er gab die geforderte Unterlassungserklärung nicht ab. Mit Schreiben vom 14.12.2007 antwortete er: „Ich weise Ihre Abmahnung – sowie sämtliche daraus resultierenden Forderungen – als unberechtigt zurück. Wie ich herausfinden konnte, haben Sie für Ihre Mandantin innerhalb kürzester Zeit eine Vielzahl gleichartiger Abmahnungen verschickt. Schon dies allein ist ein Indiz dafür, daß die Abmahnung rechtsmissbräuchlich ist (vgl. LG Bielefeld, Az. 15 O 53/06). Darüber hinaus war die Einschaltung eines Rechtsanwaltes für eine Vielzahl von Abmahnungen ohnehin nicht erforderlich (vgl. OLG Düsseldorf 20 U 194/00). Schließlich ist bislang nicht ersichtlich, daß Ihre Mandantin als Buchhändlerin überhaupt im einschlägigen Markt tätig geworden ist. Ich bestreite daher die Aktivlegitimation Ihrer Mandantin. Ein möglicher Verstoß gegen das JuSchG wäre hier wettbewerbsrechtlich ohnehin so unbedeutend, daß die Abmahnung schon allein aus diesem Grund nicht gerechtfertigt ist. Darüber hinaus dürfte der angesetzte Streitwert deutlich überzogen sein.“ Er folgte damit dem Rat des Rechtsanwalts Christian Solmecke aus Köln, der von der Firma Booklooker eingeschaltet worden war.
(Fortsetzung folgt).

Schöne Postkarten!

In der Verlegenheit, zu den bevorstehenden Festtagen und zum Jahreswechsel Grußkarten an liebe oder unliebe Zeitgenossen verschicken zu müssen, allerdings vom Willen beseelt, die gängigen Kitschkarten zu vermeiden?
Jetzt ist auch die Saison, in der Neujahrskarten angeboten werden, mit deren Verkaufserlös ein wohltätiger oder mildtätiger Zweck gefördert wird.
Das tu ich jetzt auch. Dieses Angebot geht allerdings über die Wohltätigkeit und Mildtätigkeit hinaus. Gefördert wird in diesem Fall ein subversiver Zweck.
Mit dem Verkauf der Postkarten der SITUATIONSPRESSE kann/soll/darf der akute Überlebenskampf der Buchhandlung Weltbühne unterstützt werden.
Drei Serien werden angeboten. Sucht Euch eine aus (oder nehmt alle drei).
Die angegebenen Preise einschließlich Versandkosten.
Bestellungen richtet bitte an:
bestellungen@buchhandlung-weltbuehne.de
Dann wird mit Rechnung geliefert.
Oder: per Brief an Buchhandlung Weltbühne, Gneisenaustraße 226, 47057 Duisburg.
In diesem Fall sollte der Bestellwert als V-Scheck oder in Briefmarken (kleine Werte!!) beigelegt werden, wobei ich nichts dagegen habe, wenn der Bestellwert aufgerundet wird (jawohl, so stehen die Dinge).
(Man kann natürlich auch vorbeikommen und sich eine eigene Auswahl aus dem Kartensortiment zusammenstellen).

Einige der angebotenen Motive sind zugegebenermaßen „unanständig“, wodurch sie sich für einen Wunsch für ein glückliches neues Jahr besonders gut eignen.

Serie 1: Postkaten nach Entwürfen von Magda Gorny.
7 Postkarten: 8 Euro

Serie 2: Stadt-Mauer-Ansichten, fotografiert von Heinrich Hafenstaedter.
6 Postkarten: 7 Euro

Serie 3: Bilder aus dem Weltbühne-Universum.
6 Postkarten: 7 Euro

WELTBÜHNE MUSS BLEIBEN!

Weltbühne muß bleiben

Das war im Juni hier zu lesen:
Am 15. Juni 1987 wurde die Eröffnung der Buchhandlung Weltbühne gefeiert […]. 25 Jahre Buchhandlung Weltbühne!
Ein Jubiläum, das nun allerdings nicht mit ungetrübter Freude gefeiert werden kann. Fortsetzung folgt.

Hier ist die Fortsetzung:

Die Feierlichkeiten fanden in kleinem Kreis und ohne viel Trara statt. Denn erstens: Die lange Vorgeschichte sollte nicht abgekoppelt werden. Den 25 Jahren Weltbühne gingen 13 Jahre Buchladen im Eschhaus voraus. Eigentlich war es das Jubiläum eines Umzugs, und mit der Eröffnung des Eschhaus-Buchladens 1974 begann die Geschichte ja auch nicht erst. Der wirkliche Anfang war 1968.
Und zweitens: Just in jenen Junitagen stand die Buchhandlung am Abgrund – infolge äußerer Entwicklungen.


In der Buchhandelsbranche, vor allem in Zwischenbuchhandel vollziehen sich Konzentrationsprozesse, die die kleinen und unabhängigen Buchhandlungen an den Rand drängen. Eine Schlüsselrolle spielen die Barsortimente, die die Buchhandlungen in die Lage versetzen, lieferbare Titel im Kundenauftrag gebündelt und schnell zu besorgen. Ohne Anschluß an ein Barsortiment ist eine Buchhandlung vom Beschaffungsgeschäft praktisch abgeschnitten, dabei macht dieser Geschäftsbereich über 80 Prozent des Umsatzes aus.
Das Barsortiment Könemann, bisher spezialisiert auf die Versorgung kleiner Läden, wurde vom Branchenriesen Libri geschluckt, und der ist nicht bereit, die kleinen Klitschen zu beliefern.
Die Barsortimente wollen (oder müssen) ihren Marktanteil vergrößern und üben Druck auf die Buchhandlungen aus, ihr Auftragsvolumen zu steigern. Die Verlagsauslieferungen kontern mit günstigeren Rabatten, die die kleinen Läden aber kaum nutzen können, weil sie bei den Barsortimenten das vereinbarte Auftragsvolumen erfüllen müssen. Die Verlage wiederum stöhnen unter dem Druck der Barsortimente, weil auf diesem Vertriebsweg die Gewinnspanne für sie besonders niedrig ist.
„Strategiepapiere“ zirkulieren, in denen moniert wird, daß bei den Barsortimenten viel zu viele Männekes und Fräukes beschäftigt sind, die an Packtischen viele kleine Päckchen packen für viele kleine Buchhandlungen, wo es doch viel rentabler wäre, nur noch im Sammelverkehr Großkunden zu beliefern..
Da sind keine nüchternen Kaufleute am Werk, sondern durchgedrehte Manager („Unternehmensberater“), denen als eigentliches Unternehmensziel der Stellenabbau vorschwebt. Vom Fach haben die „Unternehmensberater“ dieser Tage keine Ahnung, und sie wissen auch gar nicht, was ein Buch ist. Mit dem modernen Manager ist die Irrationalität ins Wirtschaftsleben eingedrungen.
Die Lage für die Buchhandlung Weltbühne ist für eine Gnadenfrist entschärft, weil sie von einem der drei noch verbliebenen Barsortimente (dem kleinsten) akzeptiert wurde. Aber nach diesem streckt schon der andere Branchenriese die gierige Fusionshand aus. Und wie das vereinbarte jährliche Auftragsvolumen jemals erreicht werden soll, das weiß der liebe Himmel. EINE VERDOPPELUNG DES AUFTRAGSVOLUMENS IM BESCHAFFUNGSGESCHÄFT IST EINERSEITS KAUM ZU SCHAFFEN UND WÜRDE ANDERERSEITS NOCH NICHT EINMAL REICHEN.

Das ist noch nicht das ganze Ausmaß der Kalamität. 25 Jahre Buchhandlung Weltbühne bedeutet zugleich: 25 Jahre Boykott durch die aktive und organisierte Linke.
Aber das ist ein Kapitel für sich. SPÄTER DAZU MEHR.


Heute geht dieser Appell an alle, deren Herz links schlägt und die sich an informelle Boykottbeschlüsse, ungeschriebene Unvereinbarkeitsgesetze und unbewußte Ausgrenzungsgewohnheiten nicht gebunden fühlen: Es ist keine Zeit zu verlieren. Das Prinzip der Solidarität muß auch in linken Kreisen wieder eingeführt werden.

Sie können und sollten das vielfältige Leistungsangebot der Buchhandlung Weltbühne nutzen: Jedes lieferbare Buch wird besorgt, der Versanddienst liefert an jeden Ort in jedem Land. Wir leben nicht mehr im Postkutschenzeitalter. Man muß nicht vorsprechen und anreisen, um ein Buch zu bestellen und abzuholen. Man kann auch per Telefon oder E-mail bestellen und sich das Bestellte mit der Post schicken lassen.
Auch wir haben Internet und E-mail, sogar Telefon. Und die Post befördert sogar Päckchen, Pakete, Bücher- und Warensendungen, die von uns abgeschickt werden.
Wir forschen für Sie nach „entlegenen“ und vergriffenen Büchern.
Eines unserer Prinzipien: In der Buchhandlung Weltbühne wird nicht verramscht und remittiert. Bücher, die nicht verkauft wurden, bleiben im Angebot, auch wenn dadurch investiertes Kapital jahrelang gebunden bleibt. Wir haben die Bücher, die anderswo längst vergriffen sind.
Wir haben nicht nur Bücher. Schaut auf die Weltbühne-Homepage. Werde Stammgast im Weblog Amore e Rabbia.

ALLE AUFTRÄGE AN UNS! Mit Bestellungen für Ausbildung, Studium, Schule, Beruf, Weiterbildung wird die Leitungsfähigkeit der einzigen linken Buchhandlung der Region gesichert.
Aber es geht längst nicht nur um die Leistungsfähigkeit. In diesen Tagen und Wochen geht es um Sein oder Nichtsein.

Noch ein Hinweis: Wer bei Amazon etwas bestellen will, was sich außerhalb unseres Leistungsangebots befindet (Armbanduhr, Motorradersatzteile, Badematten, Küchengeräte, Bassverstärker etc. pp.), sollte über den Amazon-Button auf der Weltbühne-Homepage oder über den Link unten auf dieser Seite dorthin gehen. Amazon zahlt dann an uns eine Provision, was sich als sehr wirksame Hilfe erwiesen hat.

Spenden sind in dieser Situation willkommen und wohl auch unverzichtbar.
Spendenkonto: SSB e.V. Kto.-Nr. 403956432 Postbank Essen BLZ 360 100 43

LIEBE leute BESTELLT bücher IN der BUCHHANDLUNG weltbühne UND sonst NIRGENDS.
Weltbühne muß bleiben.

Neu in der Weltbühne: Freunde erinnern an Franz Josef Degenhardt

Eine Neuerscheinung, die ich mit Stolz vorstelle, ist die Doppel-CD „Franz Josef Degenhardt: Freunde feiern sein Werk“ – Ausschnitte aus dem Konzert im Schiffbauerdamm-Theater in Berlin, das für den 80. Geburtstags von Franz Josef Degenhardt vorgesehen war, dann aber zu einem Gedenkkonzert wurde.


Ich zitiere den Text, mit dem der Schallplattenverlag diese Aufnahme vorstellt:
Ein Geburtstagskonzert sollte es eigentlich werden. Ein großer, auch bunter Abend für den wohl wichtigsten deutschen Liedermacher. Aber dann konnte Franz Josef Degenhardt sein 80. Lebensjahr doch leider nicht mehr vollenden, nachdem er am 14. November 2011 verstorben war. Und so standen sie am 19. Dezember fast vier Stunden lang zum Abschied auf der Bühne am Schiffbauerdamm vor ausverkauftem Haus. Die Tickets waren im Nu vergriffen – und die, die keins mehr abbekommen hatten, konnten in Nebenräumen auf Leinwänden mitverfolgen, wie 25 Kollegen unterschiedlichster Provenienz sowie Musiker und Mitglieder des Berliner Ensembles den Komponisten, Texter und Schriftsteller Degenhardt zelebrierten. Warum das Publikum danach nicht anders konnte, als mit stehendem Applaus zu danken, lässt sich nun auch auf einer Doppel-CD nachhören, welche die schönsten Momente dieser etwas anderen Tribute-Veranstaltung dokumentiert.
Der nun posthum Geehrte war zunächst wenig begeistert von der Idee, sich einen Abend lang groß feiern zu lassen. Doch das Konzept überzeugte ihn denn doch. Denn die Beteiligten verneigten sich nicht nur mit einem persönlich gewählten Degenhardt-Stück vor „dem Meister“, wie ihn sein alter Weggefährte und Freund Hannes Wader nennt, sondern gaben auch eigene Lieder zum Besten, aus denen nicht selten ganz viel „Karratsch“ (so nannten ihn die Freunde) spricht. Beeindruckend und berührend ist die Nachlese dieses gelungenen Abends am Bertolt-Brecht-Platz aber nicht nur, weil der Geist des Mannes aus Schwelm in Westfalen im Schaffen vieler anderer weiterlebt, sondern weil er dabei auch längst in der übernächsten Generation angekommen ist.
So wird dieser Konzertmitschnitt gleich mal von Max Prosa eröffnet, der mit gerade mal 22 Jahren schon zu den gewichtigsten, neuen Stimmen dieses Landes gehört und mit kraftvoller Poesie „Die Abgründe der Stadt“ besingt. Oder später der amerikanische Wahl-Berliner Daniel Kahn, der Degenhardt’s „Die alten Lieder“ mit seinem eigenen „The Good Old Bad Old Days“ in der Tradition des jiddischen Protest-Songs auch mal hübsch konterkariert. Doch ist natürlich auch die Degenhardt-Generation prominent vertreten. Etwa mit Gisela May, die – von Konstantin Wecker im Publikum entdeckt – mal eben ganz spontan auf die Bühne kam und selbst mit einem kurz improvisierten „Lied von der Unzulänglichkeit des menschlichen Strebens“ ihrem Ruf als herausragende Weill / Brecht-Interpretin gerecht wird. Oder auch mit Zeremonienmeister Wecker, der Degenhardt’s „Weiter im Text!“ singt, um dann gemeinsam mit Prince Chaos II die Parole „Empört Euch!“ auszugeben.
Und irgendwo dazwischen steht dann Wiglaf Droste, der große, lustvolle Provokateur, der mit der ungebrochen aktuellen Faschismus-Parabel „Wölfe mitten im Mai“ eben auch ganz persönliche Erinnerungen verbindet, an einen 1. Mai in Kreuzberg Ende der 1980er, samt folgendem U-Haft-Aufenthalt. Der aber auch gern gleich an den scheinbar anderen Franz Josef Degenhardt erinnert, der „die Liebenden steigen in den gleichen Fluß und küssen sich in den Fluten“ textete. Die Poesie dieses außergewöhnlichen Mannes drehe sich, so Droste, „in aller politischen Entschiedenheit, um die Lebenssaftigkeit im Hier und Jetzt, um die Feier des Daseins an jenem ‚Tisch unter Pflaumenbäumen‘, den er besang. Von der Aussicht auf ein besseres Leben irgendwann einmal läßt sich schließlich nicht leben, das muß man gleich tun.“ Franz Josef Degenhardt tat es. Bis zum letzten Atemzug kurz vor seinem 80. Geburtstag.
Max Prosa, Gisela May, Barbara Thalheim, Wiglaf Droste, Götz Widmann, Dota Kehr, Goetz Steeger, Kai Degenhardt, Frank Viehweg, Joana, Daniel Kahn, Konstantin Wecker, Prinz Chaos II., Jan Degenhardt, Hannes Wader.

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Erinnern Sie sich stets an den Slogan:
„LIEBE leute BESTELLT bücher IN der BUCHHANDLUNG weltbühne UND sonst NIRGENDS.“
Weltbühne muß bleiben.

Ein Verlag stellt ein Buch vor

Barbara Eder, Felix Wemheuer: Die Linke und der Sex. Klassische Texte zur wichtigsten Frage. Edition Linke Klassiker im Verlag Promedia, Wien 2011. 176 Seiten. 18,90 Euro – zu beziehen durch die (Versand-)Buchhandlung Weltbühne.


In der Verlagswerbung steht:
„Die Überwindung von autoritären Formen der Kindererziehung und monogamen, eheähnlichen Zweierbeziehungen war immer wieder integraler Bestandteil utopischer Gesellschaftsentwürfe auf Seiten der politischen Linken. Ebenso waren viele AktivistInnen“ (gemeint: Aktivistinnen und Aktivisten) „der 1968er-Bewegung“ (gemeint ist die sogenannte 68er-Bewegung) „der Überzeugung, soziale Revolution sei nicht ohne ‚befreite‘ Sexualität denkbar. Die Hoffnungen, die mit der Idee einer ’sexuellen Revolution‘ verbunden wurden, haben sich jedoch nicht erfüllt: Radikale Kommune-Projekte scheiterten […] Feministinnen kritisierten zu Recht, dass Fragen von Reproduktionsarbeit und Heterosexismus in gesellschaftsverändernden Entwürfen der Linken nur selten mitbedacht wurden.“

Was für ein Text aber auch!

Feministinnen äußern ihren Unmut darüber, daß über „Reproduktionsarbeit und Heterosexismus“ nicht genügend herumgelabert wurde. So müßte es heißen, wenn man es in Klartext übersetzt. Wer die Linken der 70er Jahre samt ihren „gesellschaftsverändernden Entwürfen“ aus nächster Nähe miterlebt hat und zudem Feministinnen „kritisieren“ gehört hat, versteht mich. Über so ein Wort-Getüm wie „Heterosexismus“ werde ich mich bei anderer Gelegenheit aufregen. Jedenfalls kann man dann, wenn Linke über Sex reden („debattieren“) nicht leicht auf die Idee kommen, daß Sex etwas mit Lust zu tun hat.
Die Hoffnungen, die mit der Idee einer „sexuellen Revolution“ verbunden wurden, haben sich nicht erfüllt? Tatsächlich nicht? Es mag sein, daß diese oder jene Hoffnung nicht in Erfüllung ging. Oft kommt es anders als man hofft. Oft sucht man etwas und findet es nicht. Dafür findet man etwas, wonach man gar nicht gesucht hat. Ist das schlecht? Die Sexuelle Revolution, die nun einmal eine Realität ist, sollte an ihren Resultaten gemessen werden, so unvollkommen sie auch geblieben sein mag. Man vergleiche bitte – bei aller Kommerzialisierung und Entfremdung, die geblieben sind – den gesellschaftlichen Umgang mit der Sexualität heute mit der Art und Weise, wie in den 50er Jahren damit umgegangen wurde. Wer darin nicht einen enormen Fortschritt zu erkennen vermag, dem kann ich auch nicht helfen. Jenen (Feministinnen), die die Sexuelle Revolution (mit unzähligen Zitaten belegbar) schlichtweg für die Wurzel allen Übels halten, attestiere ich eine Meise unterm Ponni.
(Wer lesen kann, dem empfehle ich den Aufsatz „Sie müssen nicht, was sie tun“ in DER METZGER 90, geschrieben von Lina Ganowski. Der gehört zum Besten, was in über 40 Jahren in DER METZGER erschienen ist. Dafür möchte ich sie küssen und ihr anerkennend auf den Hintern klatschen).

Hat Recht: Lina!

Bei den „utopischen Gesellschaftsentwürfen“ hat mich oft das Gefühl beschlichen, daß sie der Ablenkung dienen, der Täuschung, vor allem der Selbst-Täuschung. Vielleicht sollte man spaßeshalber vom anderen Ende her beginnen, indem man die eigenen Bedürfnisse erkennt und Widerstand leistet, wo Widerstand nötig ist, um das zu bekommen, was einem zusteht. Regelverletzungen begeht man dann nicht um der Regelverletzung willen, sondern man nimmt es auf sich, wenn es anders nicht möglich ist, Regeln zu verletzen, auch solche, die in den „Debatten“ von Linken beschlossen werden bzw. die ihnen von „kritisierenden“ Feministinnen aufoktroyiert werden.
(Kürzlich kaufte jemand den METZGER und lobte, das sei die einzige linke Zeitung, in der „Bilder von Titten“ zu sehen sind. Solch ein Bild ist ein Regelverstoß. Aber es erscheint nicht, WEIL es ein Regelverstoß ist, sondern um Leserinnen und Lesern eine Freude zu machen, die einen Sinn für Schönheit haben).

„Radikale Kommune-Projekte scheiterten“. Jaja, die Linken und ihr geliebtes Scheitern! Vielleicht scheitern sie deshalb so gern, weil die Verwirklichung der „utopischen Gesellschaftsentwürfe“ auch von denen gefürchtet werden muß, die sie entwerfen.
Ich habe in zwei Kommunen gelebt (1968-69 und 1970-73). Beide waren so radikal, wie sie nur sein konnten. Sie sind nicht gescheitert, sondern sie wurden beendet. Wenn der Herbst kommt, sage ich ja auch nicht „Der Sommer ist gescheitert.“

P.S.: An meiner Lust wird die Welt nicht zugrunde gehen. Im Gegenteil!
Jawohl!

Made in Germany (Nachtrag)

Zum Hype „Ikea und DDR“ empfehle ich als weiterführende Literatur:


Friedrich-Martin Balzer (Hg.): Justizunrecht im Kalten Krieg. Die Kriminalisierung der westdeutschen Friedensbewegung im Düsseldorfer Prozeß 1959/60. Mit einer Einleitung von Heinrich Hannover. Beiträge von Walther Ammann, Walter Diehl, Rudolf Hirsch, Friedrich Karl Kaul, Diether Posser und Denis Noel Pritt. PapyRossa Verlag 2006. 380 S. 24 Euro
„Staatsgefährdung“ lautete die Anklage gegen Vertreter des „Friedenskomitees der Bundesrepublik“, über die 1959/60 fünf Monate lang vor dem Landgericht Düsseldorf verhandelt wurde. Exemplarisch für das „Justizunrecht im Kalten Krieg“ dokumentiert das vorliegende historische Lesebuch diesen, wie Diether Posser formulierte, bis dahin „bedeutendsten politischen Strafprozeß seit Bestehen der Bundesrepublik“. Es beleuchtet das politische, juristische und gesellschaftliche Umfeld, in dem ein derartiger Prozeß überhaupt erst möglich war: Die Inkorporation der NS-Eliten in staatliche und gesellschaftliche Führungspositionen sowie die Übernahme des Antikommunismus des „Dritten Reichs“ als Staatsdoktrin in Westdeutschland. Diese richtete sich keineswegs nur gegen Kommunisten, sondern fungierte als ideologische Waffe zur Einschüchterung der gesamten Linken sowie aller gewerkschaftlichen, friedensbewegten und demokratischen Bestrebungen und beschädigte somit tiefgreifend die im Grundgesetz festgelegte Verfassungsordnung. Allein schon daraus ergeben sich die ungeschmälerte Aktualität der Plädoyers und rückblickenden Betrachtungen der Verteidiger Walther Ammann, Heinrich Hannover, Diether Posser, Friedrich Karl Kaul und N.D. Pritt. Zugleich wird damit die Notwendigkeit unterstrichen, die „vergessenen Justizopfer des Kalten Krieges“, so Heinrich Hannover, endlich zu rehabilitieren. Mit der umfangreichen Dokumentation der DDR-Sicht auf diesen Prozeß gibt das Buch darüber hinaus einen Anstoß für eine vergleichende Geschichtsschreibung beider deutscher Staaten.

Marx-Engels und die politische Justiz in der BRD. Dokumentation einer Tagung. Herausgegeben von der Initiativgruppe für die Rehabilitierung der Opfer des Kalten Krieges und der Marx-Engels-Stiftung. 128 S. 10,25 Euro
Referate der Tagung am 17. März 2001 in Berlin. Beiträge von Ewald Stiefvater, Dr. Robert Steigerwald, Karl Stiffel, Gerd Deumlich, Prof. Dr. Siegfried Mechler, Prof. Dr. Erich Buchholz, Prof. Dr. Wolfgang Richter, Wolfgang Gehrke, Sepp Mayer, Dr. Rolf Gössner, Dr. Heinrich Hannover.

Heinrich Hannover: Reden vor Gericht. Plädoyers in Text und Ton. PapyRossa Verlag 2010. 276 S. mit Abb. Hardcover mit einer Audio-CD. 22 Euro
Heinrich Hannover, geboren 1925, Rechtsanwalt, tätig vorwiegend als Strafverteidiger und als Vertreter von Kriegsdienstverweigerern. Zahlreiche Sachbücher zu zeitgeschichtlichen, juristischen und politischen Themen sowie Kinderbücher. Radio Bremen stellte ihn so vor: „Im Bremen der 50er Jahre als Kommunistenanwalt verschrien, wurde er in den 60ern bundesweit bekannt durch die Verteidigung von Ulrike Meinhof, Günter Wallraff und Peter Paul Zahl, Rosalinde von Ossietzky und in jüngster Zeit Hans Modrow – die Liste von Hannovers Klienten ist lang.“ Heinrich Hannover hat als Strafverteidiger Geschichte geschrieben. Hier sind Plädoyers aus dem Bereich des politischen Strafrechts wie dem der „nichtpolitischen“ Kriminalität zusammengestellt und zeitgeschichtlich eingeordnet. Etliche Verfahren haben aufgrund der Prominenz der Beteiligten große Beachtung gefunden. So die gegen Lorenz Knorr wegen „Beleidigung“ von Hitler-Generälen als Massenmörder (1964), gegen Daniel Cohn-Bendit wegen Landfriedensbruch (1968), gegen Karl Heinz Roth (1977) und Astrid Proll (1979/80), die trotz falscher Zeugenaussagen von Polizeibeamten von der Anklage des Mordes und Mordversuches freigesprochen wurden, und gegen Hans Modrow wegen Wahlfälschung (1993). Internationales Aufsehen erregte insbesondere der Prozess gegen einen SS-Funktionär wegen Beteiligung an der Ermordung von Ernst Thälmann im KZ Buchenwald. Hier vertrat Hannover die Nebenklage (1982-1987). Die CD mit Tonaufnahmen aus dem Gerichtssaal ist eine einmalige Dokumentation bundesdeutscher Justizpraxis und macht den jeweiligen Zeitgeist unmittelbar spürbar. Auf einer Audio-CD Originaltöne u. a. aus Prozessen gegen Daniel Cohn-Bendit und Karl Heinz Roth sowie aus dem Verfahren wegen der Ermordung von Ernst Thälmann im KZ Buchenwald.

Heinrich Hannover: Die Republik vor Gericht 1954-1995. Erinnerungen eines unbequemen Rechtsanwalts. Aufbau Taschenbuch. 960 S. 16,90 Euro
„Die Liste von Heinrich Hannovers Mandanten spiegelt ein Stück bundesdeutscher Geschichte wieder. Die Verfahren gegen Günter Wallraff, Ulrike Meinhof, Peter-Paul Zahl, Karl Heinz Roth, Astrid Proll oder Daniel Cohn-Bendit standen symbolhaft für den Zustand unserer Bundesrepublik, an deren Rändern zudem eine Fülle jener Namenloser zu Kriminellen erklärt wurde, die in traditionellen Demokratien das Salz der Gesellschaft bilden: Kommunisten, Anarchisten, Kriegs- und Atomwaffengegner, radikale Kritiker und Unruhestifter.“ (Klappentext). Das ursprünglich zweibändige Werk in einem Band.

Die genannten Titel sind teilweise bei den Verlagen schon vergriffen, aber in der Buchhandlung Weltbühne noch erhältlich.

Man sagt: Sie sind der Beste

Es gab mal diesen Werbespot:
In einem kargen Philipp-Marlowe-Büro sitzt der Detektiv hinter dem Schreibtisch. Die Tür geht auf, und da steht eine schöne geheimnisvolle Dame.
„Man sagt – Sie sind der Beste.“
„Schon möglich“, sagt der Mann und zieht an seiner Zigarette. „Was kann ich für Sie tun, Lady?“
Da stürzt sie ins Zimmer und ruft aufgeregt: „Finden Sie einen Optiker, der billiger ist als Fielmann!!!“
Der Detektiv lehnt sich zurück, zieht an seiner Zigarette und brummt: „Vergessen Sie‘s.“


Ich ging zu meinem Buchladen. Vor dem Schaufenster stand eine junge Frau, eine rassige Schönheit, schwarzhaarig. Als ich mich näherte, lief sie mir entgegen, fragte aufgelöst, ungeduldig: „Wer ist denn eigentlich der Herausgeber dieser Zeitschrift – ‚Der Metzger‘???“
„Das bin ich.“
„Ohh! Cool!“ hauchte sie und schritt von dannen.

Neu in der Weltbühne: Lütfiye Güzel, die Herz-Terroristin

Lütfiye Güzel: Herz-Terroristin. Gedichte. Verlag Dialog e.V. Gesellschaft für Deutsch-Türkischen Dialog. 96 S. 10 Euro
„Dies ist weder die Stimme der 3. Generation noch Soziallyrik aus Duisburg-Marxloh. Hier ist jemand, der die eigene Wahrheit gelassen ausspricht, auch wenn sie bitter ist.“ (Habe ich irgendwo gelesen).
Eigene, bittere Wahrheit:

„die schönheit ist nicht vergänglich
die wahrheit bringt nur ärger
die letzten werden die letzten sein
& niemand lacht zuletzt“

Sieben dieser Gedichte standen auch in DER METZGER Nr. 102.

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Neu in der Weltbühne: Rudi Dutschke in der „Bibliothek des Widerstands“

Im Laika-Verlag erscheint die Reihe „Bibliothek des Widerstands“. Jedem Buch liegt eine DVD bei.
Neu erschienen ist der Band „Rudi Dutschke – Aufrecht Gehen. 1968 und der libertäre Kommunismus“.

320 S. und DVD. 29,90 Euro

Der Verlag stellt das Buch vor:
Am 11. April 1968 wurde Rudi Dutschke, die Symbolfigur der antiautoritären Bewegung und neben Hans-Jürgen Krahl der theoretische Kopf der Außerparlamentarischen Opposition, auf dem Kurfürstendamm von dem 24-jährigen Josef Bachmann niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt. Bachmann sagte nach seiner Festnahme: „Ich möchte zu meinem Bedauern feststellen, daß Dutschke noch lebt. Ich hätte eine Maschinenpistole kaufen können. Wenn ich das Geld dazu gehabt hätte, hätte ich Dutschke damit zersägt.“ Bachmann hatte seine Schießausbildung von dem NPD-Mitglied Wolfgang Sachse erhalten und enge persönliche Kontakte zu Mitgliedern der späteren Wehrsportgruppe Hoffmann. Die auf das Attentat folgenden bundesweiten Proteste, insbesondere gegen den Springer-Verlag, erschütterten tagelang die Republik. Rudi Dutschke erholte sich nie mehr völlig von den Schusswunden und starb am 24. Dezember 1979 in Dänemark an den Spätfolgen des Attentats. Der Sozialforscher und Philosophie-Professor Helmut Reinicke, einer der Weggefährten von Rudi Dutschke, über den frühen Dutschke und die Bedeutung von Hans-Jürgen Krahl – in diesem zwölften Band der Bibliothek des Widerstands.
Ein LAIKA-Mediabook endet nicht mit der letzten Seite: Im hinteren Innendeckel erwartet Sie wie immer eine DVD, diesmal mit vier Filmen.
Aufrecht gehen, Rudi Dutschke – Spuren. Von Helga Reidemeister, BRD 1988, ca. 92 Minuten. Die Dokumentation zeigt, wie sich die persönliche Lebensgeschichte Rudi Dutschkes mit den gesellschaftlichen Entwicklungen und Widersprüchen überschneidet. Die neuen sozialen Bewegungen sind ohne die Revolte der Sechziger Jahre nicht vorstellbar. Helga Reidemeisters Film enthält Gespräche mit Weggefährten Rudi Dutschkes und Freunden aus dem damaligen SDS, die bezeugen, daß Einfluß und Wirkung der damaligen Protestbewegung anhalten, daß die Geschichte der Neuen Linken bis heute fortwirkt.
Dutschke, Rudi, Rebell. Von Jürgen Miermeister, D 1998, ca. 35 Minuten. Nach Reidemeisters Film das zweite Dutschke-Porträt, das im deutschen Fernsehen gezeigt wurde – 1998 im ZDF.
Zu Protokoll: Günter Gaus im Gespräch mit Rudi Dutschke. Interview. BRD 1967, ca. 43 Minuten. Ein denkwürdiges Fernsehinterview, das der Journalist Günter Gaus am 3. Dezember 1967 mit Rudi Dutschke führte. „Kann der Mensch die Geschichte selbst in die Hand nehmen?“, fragt Gaus Dutschke damals. Rudi Dutschke antwortet ohne lange zu überlegen: „Er hat sie schon immer gemacht. Er hat sie bloß noch nicht bewusst gemacht. Und jetzt muss er sie endlich bewusst machen.“
Rudi Dutschke – sein jüngstes Portrait. Von Wolfgang Venohr, BRD 1968, 55 Minuten. Wenige Tage vor dem Attentat auf ihn kündigt Rudi Dutschke an, für einige Zeit politisch aus der Bundesrepublik wegzugehen, um im Ausland politisch zu arbeiten. Konkret wollte Rudi Dutschke nach Kuba. Dutschke begründet diesen Schritt damit, daß „unsere Revolution nur erfolgreich sein kann, wenn es uns gelingt, den revolutionären Prozeß zu internationalisieren“. Der Film von Venohr zeigt diese Rede und ein umfangreiches Interview mit Dutschke, in dem er sich zur Frage der Gewalt äußert und den Partisanenkampf auch in der BRD ab Anfang der 70er Jahr für möglich hält. Dieser Film von Wolfgang Venohr ist einmal im deutschen Fernsehen gelaufen und heute weitgehend, auch bei Kampfgefährten von Dutschke, unbekannt. Der LAIKA-Verlag stellt dieses für die historische Bewertung von Dutschke unerlässliche Dokument erstmalig einem breiten Publikum zur Verfügung.

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Die anderen Bände der Bibliothek des Widerstands sind in der Buchhandlung Weltbühne vorrätig oder werden schnellstens besorgt und sind, wie alle unsere Angebote, auch im Versand erhältlich.
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Da kann man hingehen: „Wie kam Stalin an die Macht?“

„Wie kam Stalin an die Macht?“ ist das Thema in der Geschichtswerkstatt 2. Weltkrieg der Duisburger Volkshochschule am Sonntag, 4. November 2012 um 11 Uhr (morgens!) im Internationalen Zentrum, Flachsmarkt 15. Das ist sogar schon die 13. Sitzung dieser Veranstaltungsreihe! Geleitet wird das Seminar von Martin Clemens. Die VHS verlangt ein Eintrittsgeld von 5 Euro.


Einladungstext: Der 2. Weltkrieg ist ohne genaueres Studium der historischen Figur Stalin gar nicht zu verstehen. Mit diesem Namen verbinden sich nicht nur unerhörte Grausamkeiten in und außerhalb der Sowjetunion, sondern auch der Sieg der Roten Armee über dfie faschistischen Barbaren bis hin zur Teilung Deutschlands 1945 ff. Wir wollen in dieser Sitzung folgenden Fragen nachgehen: Welche Politik hat der Nationalitätenkommissar Stalin nach der Oktoberrevolution betrieben? Worum ging es bei dem Streit zwischen Lenin und Stalin anläßlich der Gründung der Sowjetunion 1922? Wie kam Stalin an die Macht? Zur Sitzung erscheint ein Materialheft.


Zur Information weise ich nochmal hin auf das Buch
Domenico Losurdo: Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende. Mit einem Essay von Luciano Canfora. Papyrossa Verlag 2012. 452 S. Pb. 22,90 Euro, zu bestellen (anständigerweise nirgendwo anders als) in der Buchhandlung Weltbühne (auch im Versand). Weltbühne muß bleiben!

Neu in der Weltbühne: Komische Deutsche

Thomas Gsella: Komische Deutsche. Carl’s Books 2012. 224 S., 81 schw.-w. Abb. Gb. 14,99 €

„Komische Deutsche“ stellt Deutsche vor, die sich selbst nicht komisch finden, und das aus gutem Grund: Sie gehen einer Tätigkeit nach, die sie für äußerst ernsthaft halten, und ihre Witze sind miserabel. Trotzdem bringen sie uns zum Lachen. Sie machen komische Sachen, sprechen seltsame Sätze, setzen sich wunderliche Ziele und führen ein erstaunliches, ja bizarres Leben. Es sind lustige Vögel wie Sarrazin, komische Käuze wie Guttenberg und Wulff oder die Verrückte Koch-Mehrin, die überführt wurden und unverdrossen schamlos weiterbrummen wie der gleichfalls endlose Michael Schumacher; es sind irr schillernde Knaller auf grauen Posten wie Angela Merkel und Heidi Klum, und es sind unzählige andere Deutsche, die sich da tummeln in ihren Vereinen und Geheimbünden, die Eheleute, die Sparer und die Christen, die Rekruten und Revolutionäre, die mit dem blöden Namen, die mit der lustigen Brille und all die, die es verdienen. Und natürlich die Unschuldigen. Die ganz besonders.

Von Zeit zu Zeit werden Sie an dieser Stelle über Standardtitel in der Buchhandlung Weltbühne informiert – nicht immer das Neueste, aber immer empfehlenswert.
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Neu in der Weltbühne: Losurdo über Stalin

Es gab Zeiten, da blickten berühmte Staatsmänner wie Churchill oder Intellektuelle wie Hannah Arendt, Lion Feuchtwanger oder Heinrich Mann voller Achtung und Bewunderung auf Stalin und auf das von ihm geführte Land. Doch mit dem Kalten Krieg und nicht zuletzt mit der Geheimrede Chruschtschows wurde Stalin zu einem „Monster“, das vielleicht nur mit Hitler zu vergleichen sei. Domenico Losurdo setzt sich mit den Konflikten und Interessen auseinander, die diesem Umsturz der Sichtweise zugrunde liegen. Er nimmt diesen radikalen Gegensatz der Stalinbilder zum Anlaß, sie allesamt zu problematisieren, statt eines davon zu verabsolutieren. Hierfür betrachtet er die sowjetische Geschichte auf der Grundlage einer umfassenden Komparatistik der Tragödien des 20. Jahrhunderts, entdämonisiert Stalin und kontextualisiert eine Reihe der gegen ihn erhobenen Anklagen, ohne sie einfach zu negieren. Ein weiteres Buch des Autors, das gewiß für Aufsehen und kontroverse Diskussionen sorgen wird.

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Nach der Revolution gibt es Kaffee und Kuchen

16 Bilder aus dem Film von 1975.
„Nach der Revolution gibt es Kaffee und Kuchen“ war mein erster fertiggestellter Film, produziert von der „Hut Filmproduktion“, uraufgeführt im Eschhaus. Er dauert 10 Minuten.

 

Anlaß war, daß Friedhelm Ripperger, den alle nur unter seinem Spitznamen Obelix kennen, gerade wieder in die Freiheit entlassen worden war. Da er über ein Jahr wegen Dope eingesessen hatte, sahen wir ihn als politischen Gefangenen. Darum wurde er von der Roten Hilfe betreut (die Duisburger Rote Hilfe galt als sehr eigenwillig und „freakig“ und wurde von einigen anderen Rote-Hilfe-Gruppen beargwöhnt).
Der Film darf als ein Manifest der hedonistischen Linken aufgefaßt werden. Der Utopie einer „Gleichheit in Kargheit“ wird widersprochen.

Das gehört noch zum Vorspann: Der Regisseur trinkt Kaffee.

Magda Gorny und Wolfgang Strähler.

Friedhelm Ripperger, genannt Obelix.

Das letzte Bild ist ein Foto aus der Portugiesischen Revolution („Nelkenrevolution“), die das faschistische Regime beseitigte. Grund zum Feiern.

Das schöne rote Nachspannband ist Teil des Films! Das ist der Moment der Ruhe nach der Geschichte. Ich kann die Leute nicht leiden, die im Kino, sobald der Nachspann beginnt, aufspringen und aus dem Kino rennen, als wären sie auf der Flucht.
Über den Film ist im Internet ein Kommentar von Mario Weißenfels zu lesen. Die Folkband Ship of Ara verwendete den Film für einen Videoclip .


„Nach der Revolution gibt es Kaffee und Kuchen“ ist auf der DVD „Der 11. Mai und andere Kurzfilme von Helmut Loeven“ enthalten (für 12,50 € in der Buchhandlung Weltbühne – auch im Versand – erhältlich).

Empfehlung aus der Weltbühne: Alles Pop?

Ich empfehle:
Marvin Chlada / Gerd Dembowski / Deniz Ünlü: Alles Pop? Kapitalismus und Subversion. Alibri Verlag 2003. 356 S. (NB1222) 19 Euro

Wie funktioniert Pop in der Warengesellschaft? Mit ihrer zentralen These, daß Pop ähnlich wie der kapitalistische Markt Subversion integriert, stellen die Autoren die Auffassung in Frage, daß innerhalb des Massenkonsums so etwas wie Widerstandspotential aufrechterhalten werden kann. Anhand von Interviews mit bekannten Musik- und Literaturgrößen wie Jim Avignon, Schorsch Kamerun (Goldene Zitronen), Tomas D oder F.M. Einheit (ehem. Einstürzende Neubauten), die über ihre Stellung (oder Nische) im Pop-Markt, über den eigenen Anspruch und entgegenstehende Zwänge Auskunft geben, können die theoretischen Aussagen an der Pop-Realität gewissermaßen abgeglichen werden.
Mit Beiträgen von Marvin Chlada, Gerd Dembowski, Deniz Ünlü, Simon Güntner und Romuald Leonhardt, Wiglaf Droste, Thomas D, Ira Cohen, Ralf Bentz, Klaus Walter und Marcus S. Kleiner.
„Gut, daß wir darüber geredet haben, noch besser, daß es trotz allem noch Künstler zu geben scheint, die überhaupt über Politik nachdenken.“ (Susann Sax in Scheinschlag, September 2003)
„Eine politische Linie verfolgen die Herausgeber nicht wirklich. Schlaglichtartig lassen sie unterschiedliche Autorinnen zu unterschiedlichsten Kulturfeldem Gedanken entwickeln. Das hat den Vorteil, daß die Aufsätze auch für sich allein zur Kenntnis genommen werden können, daß vielfaltige Betrachtungsweisen geboten werden. Allerdings bekommt das ganze damit auch eine ziemliche Beliebigkeit. Aber wenn einem die Sonne ohnehin das Hirn wegbrennt, ist das vielleicht auch nicht schlimm. Alles Pop?“ (Analyse und Kritik, August 2003)

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Neu in der Weltbühne: Im Gegenteil

Ich empfehle:
Katharina Rutschky: Im Gegenteil. Politisch unkorrekte Ansichten über Frauen. Mit einem Vorwort von Ina Hartwig. Verlag Klaus Wagenbach 2011 (Wagenbachs andere Taschenbücherei). 144 S. Pb. 10,90 Euro


Katharina Rutschkys mutiges, freies und tabuloses Gegen-den-Strich-Denken fehlt in den aktuellen Debatten um Frauen und ihre immer noch auszukämpfende Gleichberechtigung. Zu ihrem Tod 2010 erschienen unzählige bestürzte Nachrufe. Dem häufig geäußerten Wunsch nach einem Band mit Texten aus dem Nachlaß kommen wir jetzt nach. Die Aufsätze aus über drei Jahrzehnten zeigen Katharina Rutschkys bemerkenswert nimmermüden Kampf gegen männliche Vorurteile genauso wie gegen weibliches Ressentiment und Selbstmitleid. Ganz besonders scharf kritisiert sie ihre Lieblingsgegnerin Alice Schwarzer. Nicht nur Themen wie Quote, Mutterschaft und Körperbilder/Mode oder den alltäglichen Wahnsinn von Partnerschaftsproblematiken verhandelt sie in ihrem unnachahmlich ironischen Ton, sondern sie schreibt auch berührende Portraits von beeindruckenden Frauen. Dabei hat sie sich nie mit der Sorge abgegeben, politisch korrekt zu sein.

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Empfehlung aus der Weltbühne: „Rechte Diskurspiraterien“

Ich empfehle:
Regina Wamper / Helmut Kellershohn / Martin Dietzsch (Hg.): Rechte Diskurspiraterien. Strategien der Aneignung linker Codes, Symbole und Aktionsformen. Unrast Verlag 2010 (Edition DISS). 288 S. 19.80 Euro


Rechte Adaptionen linker Symbole und Ästhetik und was dagegen getan werden kann. In den letzten Jahren ist ein verstärktes Bemühen auf Seiten der extremen Rechten zu beobachten, Themen, politische Strategien, Aktionsformen und ästhetische Ausdrucksmittel linker Bewegungen zu adaptieren und für ihren Kampf um die kulturelle Hegemonie zu nutzen. Dabei handelt es sich keineswegs mehr nur um ein Steckenpferd der intellektuellen Neuen Rechten, vielmehr wird dies auch von NPD und militanten Neonazis praktiziert. Im Resultat hat sich die extreme Rechte eine Bandbreite kultureller und ästhetischer Ausdrucksformen angeeignet, indem sie sich am verhaßten ‚Vorbild’ der Linken abgearbeitet hat. Man könnte auch sagen: Um überzeugender zu wirken, hat sie kulturelle Praktiken und Politikformen der Linken ‚entwendet’ – allerdings nicht, ohne sie mit den eigenen Traditionen zu vermitteln. Solche Phänomene sind keineswegs neu. Auch der Nationalsozialismus bediente sich der Codes und Ästhetiken politischer Gegner und suchte Deutungskämpfe gerade verstärkt in die Themenfelder zu tragen, die als traditionell links besetzt galten. Auch in den 1970er Jahren waren solche Strategien vorhanden. Es stellt sich die Frage, warum und in welcher Form diese Diskurspiraterien heute wieder verstärkt auftreten.
Aus dem Inhalt:
Helmut Kellershohn, Martin Dietzsch: Aktuelle Strategien der extremen Rechten in Deutschland – Sabine Kebir: Gramscismus von rechts? – Volker Weiss: Sozialismusbegriff bei Moeller van den Bruck und Oswald Spengler – Volkmar Woelk: Strasserismus und Nationalbolschewismus – Renate Bitzan: Feminismus von rechts? – Richard Gebhardt: Völkischer Antikapitalismus – Fabian Virchow: Antikriegs-Rhetorik von rechts – Helmut Kellershohn: Das Institut für Staatspolitik und die Konservativ-subversive Aktion – Lenard Suerman: Autonome Nationalisten – Regina Wamper, Britta Michelkens: Gegenstrategien – Jens Zimmermann: – Kritik des Rechtsextremismusbegriffs.

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Neu in der Weltbühne: „Das hat doch nichts mit uns zu tun!“

Ich empfehle:
Regina Wamper / Ekaterina Jadtschenko / Marc Jacobsen (Hg.): „Das hat doch nichts mit uns zu tun!“ Die Anschläge in Norwegen in deutschsprachigen Medien. Edition DISS im Unrast Verlag 2011. 184 S. Pb. 18 Euro


Verlagstext: Am 22. Juli 2011 explodierte in Oslo eine Autobombe, die acht Menschen tötete. Wenig später tötete der selbe Täter auf der Insel Utøya 69 junge Sozialdemokratinnen. Nach seiner Festnahme äußerte er antimuslimische und antimarxistische Ansichten. Die Autorinnen analysieren deutsche Medien unter dem Gesichtspunkt, wie dort dieses Ereignis eingeordnet wurde, ob und welche Diskursverschiebungen stattgefunden haben. Verschränkungen mit antimuslimischen Diskursen und deren der Extremismusbekämpfung werden besonders beachtet. Analysen zu der Reaktion extrem rechter Medien beleuchten Distanzierungen und Solidarisierungen.
Beiträge von Jonas Bals, Martin Dietzsch, Sebastian Friedrich, Astrid Hanisch, Margarete Jäger, Helmut Kellershohn, Sebastian Reinfeldt, Bernhard Schmid, Hannah Schultes.

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