Jetzt ist es raus!

Das neue Buch aus der Situationspresse.
Eine Ankündigung (21. Dezember) wird wahr:
Das Buch „Die schöne Verwirrung des Lebens – Gedichte & Cut-Ups“ von Marvin Chlada ist vor zwei Tagen aus der Druckerei gekommen und ab jetzt erhältlich.

Mit diesen Worten wird das Buch vorgestellt:

Die Legende von Jack Daniel, Sleaze Rock Poetry, Cut-Ups, Collagen, Epitaphe auf Johnny Thunders, Allen Ginsberg und Charles Bukowski sowie eine kurze Antwort auf die rätselhafte Frage, was DIE ÄRZTE mit der süßen Gwendoline tatsächlich getrieben haben.
Das alles und noch viel mehr findet sich in:

chlada-verwirrung-coverVerstreutes und Vergessenes aus 25 Jahren Wortarbeit in einem Band, erschienen in einem der dienstältesten Verlage der deutschen Alternativ- und Undergroundpresse. Dazu ein Strauß frischer Notizen zur Läuterung und Orientierung: Was nutzt der beste Film in Worten, wenn man im falschen Kino hockt?
Marvin Chlada, Sozialwissenschaftler, Autor und Musiker, Pendler zwischen Schwaben, Kalabrien und Ruhrgebiet, wo er u. a. im Umfeld des „Fliegenden Koffers“ agiert, einem „Kartell Duisburger Schriftsteller und Künstler, die irgendwie mit dem Satiremagazin DER METZGER was zu tun haben.“ Zahlreiche Publikationen zur Popkritik, Medien- und Gesellschaftstheorie. Aktuell arbeitet er an einer Monographie zu Leben und Werk von Charles Fourier. Weitere Infos:
http://www.chlada.de

80 Seiten, einige Abbildungen. Paperback. 12,50 Euro. ISBN 978-3-935673-34-1
Verlag: Situationspresse. Gedruckt bei Maro.
Erhältlich in allen Buchhandlungen oder via Amazon oder direkt (auch im Versand) bei:
Buchhandlung Weltbühne. Gneisenaustraße 226, 47057 Duisburg. Tel 0203-375121
situationspresse@gmx.de

Macht das Ohr auf: Die schnelle Lösung

Im Fliegenden Koffer findet man: Im November 2010 erschien die Doppel-CD mit dem Titel „Die schnelle Lösung“. Das ist das erste Hörspiel der Autoren Helmut Loeven, Heinrich Hafenstaedter und Anna Driba. Und es ist nicht das letzte.

cover-fluecht1Aufgenommen wurde das improvisierte Hörspiel im April und Mai 2010. Der Untertitel lautet „Die neuen Flüchtlingsgespräche (1)“, und das verrät zweierlei:
Erstens: Es gibt einen gewissen Bezug zu den Flüchtlingsgesprächen von Bertolt Brecht. Der ließ zwei Emigranten im Wartesaal des Hauptbahnhofs von Helsinki sich unterhalten über das Dasein in der Fremde. Die Umstände, unter denen die neuen Flüchtlingsgespräche stattfinden, sind weniger bedrohlich, aber kaum weniger befremdlich. Denn auch das Land, in das man hineingeboren wurde, kann einem fremd vorkommen. „In diesem Lande leben wir wie Fremdlinge im eigenen Haus“ heißt es bei Hölderlin, und bei Neil Young: „We‘re finally on our own“. Der Wartesaal von Helsinki wurde durch die Buchhandlung Weltbühne ersetzt.
Zweitens: Die Ziffer „1“ in Klammern läßt darauf schließen, das mindestens ein zweites, vielleicht auch drittes und viertes Hörspiel dieser Serie zu erwarten ist. Und in der Tat: Den zweiten Teil gibt es inzwischen auch schon. Aber viele von Ihnen kennen den ersten Teil noch nicht, und vor den zweiten Schritt hat die Logik den ersten gesetzt.. Die Reklame für den zweiten Teil erübrigt sich schon deshalb, weil jeder, der den ersten Teil erlebt hat, den zweiten unbedingt kennenlernen will.
„Die schnelle Lösung“ (Spieldauer: 140 Minuten) ist für 12,50 € erhältlich, und man sollte es nicht versäumen, die ganze Serie zu subskribieren, um die Fortsetzungen sofort nach Fertigstellung mit Rechnung geliefert zu kriegen. Subskritionen an die Buchhandlung Weltbühne, Einzelbezug auch über jede Buchhandlung oder via Amazon möglich (ISBN 978-3-935673-29-7).
Einige der Themen, die im ersten Teil gestreift werden (in alphabetischer Reihenfolge):
Adorno; Alpen; Amerika; Arbeit; Arno Schmidt; Aufbau Verlag; Bandbreite; Barsortiment Könemann; Bekloppte; Bischof Mixa; Die blöde Gans der FDP; Bob Dylan; Botanischer Garten; Bott; Brecht; Buchhandlung Weltbühne; Chantal Könkels; Christina Kremers; DDR; DKP; Doris; Dr. Dressen; Elefantenpress; Entenfang; Erotische Wäsche; Eschhaus; Fraktionen des Kapitals; Frank Baier; Gremliza; Guy Debord; Hannah Arendt; Hans Fallada; Hickel; Hochfeld; Hotline-Verband; Hundertmeister; Anna Conrads; Iran; Irina Neszeri; Israel; IZ; Johannes R. Becher; Jürgen Elsässer; Jutta Ditfurth; Klaus Dapper; Konkret; Landtagswahl in NRW; Mafia-Mails; Mahler; Mao Tse-tung im Deutschen Wohnzimmer; Marc Mulia; Marita Bursch; Marlene Dietrich; Meier und Müller; Der Metzger; MLPD; Mönchengladbach; Naturschauspiele; Neudorf; Niederrheinischer Plural; Oberbaum Verlag; Oberlercher; Open-Air-Lektüre; Ostermarsch; Pahl-Rugenstein; Die Partei; Partei Die Linke; Pelikan; Peter Bursch; Peter Dietz; Pfandflaschen; Plasberg; Pro NRW; Projektgruppe Pudding und gestern; Rammi; Reptiloiden; Röhl; Ruhrwanderung; Ruth Berlau; Sabine Kebir; St.-Johann-Straße; Schöne Frauen; Schriftsteller; Sexuelles; Solbad Raffelberg; Sporttreiben; Spur der Steine; Streichholzschachteln; Thomas Kuhl; UAP; Ulrike Meinhof; Unverletzlichkeit der Wohnung; Verliebtheit; VLB; Die Volksmassen; Vulkanverschwörung; VVN; Waldwanderungen; Wer wird Millionär; Westlicher Sittenverfall; Wolfgang Abendroth; Worringer Reitweg; Zunehmend. (Und das müßte jetzt eigentlich alles getaggt werden).
KAUFT DIESE DOPPEL-CD, DAMIT ES EUCH BESSER GEHT (und mir auch).

Äpfel, Pflaumen, Birnen (Zweiter Teil)

Sie hat mich in das Zimmer geführt, das einstmals das Wohnzimmer ihrer Eltern war. Die ganzen alten Möbel stehen noch hier, nur jeglicher Zierrat ist entfernt. In der Vitrine des Wohnzimmerschranks liegen Stapel von Zeitungen. Ich sitze auf einem durchgesessenen Sofa, sie sitzt mir gegenüber auf einem Sessel mit durchgewetzten Armlehnen.
Sie hat zwei Gläser auf den Tisch gestellt und gießt aus einer Flasche ohne Etikett ein.
„Das ist unser klassischer Birnenwein. Der ganze Keller ist davon voll, und jedes Jahr kommen neue Flaschen hinzu.“
„Du machst immer noch Wein aus Birnen?“
„Ich hab‘s mir von meinem Vater zeigen lassen. Nur das Schnapsbrennen hab ich nicht kapiert. Der Schnaps geht irgendwann zur Neige. Aber alles andere, die Gelees, den Kompott mache ich immer noch selbst. Das habe ich an den Wochenenden gemacht. Jetzt hab ich mehr Zeit dafür, seitdem ich arbeitslos bin.“
„Ach!“
„Ja. Komm, laß uns anstoßen! Auf die neue Zeit! Und auf die gute alte!“
Kling!
Kling!

Unsere Volksschule

Unsere Volksschule

„Hmm!“
„Schmeckt dir, was? Ja, die haben mich wegrationalisiert. Ich war bei Bayer, erst in Uedringen, dann in Wuppertal. Ich hab ja Betriebswirtschaft studiert mit Doktor.“
„Frau Doktor Ulmer!“
„Hör auf! Ich bin froh, daß ich nicht mehr jeden Morgen nach Wuppertal brausen muß und nicht mehr jeden Nachmittag im Stau stehen muß.“
Jetzt reden wir über unsere Lebensläufe. Wir beide sind fast auf den Tag genau aus unseren KPD/MLen rausgeflogen. „Ausgeschlossen! Um mich loszuwerden, mußten die mich rausschmeißen.“ (Gilt für sie und für mich). „Schade um die vergeudeten anderthalb Jahre! Hätten wir mehr draus machen können.“
„Die Bücher da draußen“, sagt sie, „habe ich für dich da hingestellt.“
„Ach was!“
„Dochdochdoch! Ich wußte, daß du irgendwann mal kommst, daß du dich irgendwann mal traust.“
„Und was bedeutet das? Räumst du auf mit deiner revolutionären Vergangenheit?“
„Beleidige mich nicht! Für was hältst du mich? Neinnein. Das sind die Bücher, die ich doppelt habe.“
„Bücher doppelt?“
„Sowas passiert. Einmal hab ich zum Geburtstag drei mal das gleiche Buch geschenkt gekriegt. Neenee, ich bin nicht vom Glauben abgefallen, falls du das meinst. Besser gesagt: Ich bin nicht übergelaufen. Aber ich bin in keinem Verein mehr drin. In keinem. Nie wieder! Nach der ML war ich beim Sozialistischen Büro. Aber das hat sich ja auch in Wohlgefallen aufgelöst. Immerhin war ich zehn Jahre lang im Betriebsrat, bis die von der IG Chemie mich nicht mehr sehen wollten.“
Sie erzählt, daß sie kaum ein Konzert verpaßt, ob Rockkonzerte oder Jazz oder Chanson. Sie erzählt von ihrer Plattensammlung (fast tausend LPs), von ihren Büchern, ihren Lektüren und ihren Zeitungen: „Die Taz hab ich abbestellt, das Käseblatt. Stattdessen lese ich die Süddeutsche. Die Junge Welt kaufe ich nur einmal im Monat, obwohl ich in der Genossenschaft bin – eine Genossenschaft ist ja kein Verein. Die UZ vergesse ich immer abzubestellen. Aber man braucht ja auch was, um den Rhabarber darin einzuwickeln.“
Sie erzählt von ihren Jobs. „Ich habe immer in diesem Haus gewohnt, nie woanders. Ich habe immer gependelt, zur Uni nach Bochum, dann zu meinen Jobs zuerst in Köln, zuletzt in Wuppertal. Jetzt habe ich mein Auto verkauft, weil ich niiie mehr pendeln will. Hier in Buchholz kann man ganz gut einkaufen, ich brauche kaum raus aus dem Viertel. Es gibt ja auch noch die Straßenbahn.“
„Du kriegst jetzt ALG 1?“
„Ja.“
„Und wenn du ALG 2 bekommen willst, nehmen die dir dann nicht das Haus weg und verfrachten dich nach Marxloh oder Bruckhausen?“
„Mich kriegt hier keiner weg. Dann sollen die doch ihr ALG Hartz einszwodreivier behalten und mich am Arsch lecken. Ich hab gut verdient, sehr gut verdient und gespart. Und viel brauch ich nicht. Das Haus gehört mir, ich bezahle keine Miete. Und einiges hole ich mir aus dem Garten. Gemüse, sogar Kartoffeln, und Obst natürlich. Ich hab noch nie Marmelade gekauft. Und ‘n Hühnerstall hab ich auch noch.“
Sie erzählt: „Ich hab nie mit einem Mann zusammengelebt. Ich war immer Single.“ Sie erzählt: „Einige Zeit habe ich – wie soll ich sagen – die Männer verschlissen. Aber sei mir nicht böse. Unglücklich gemacht hab ich sie nicht. Schon deshalb nicht, weil ich nie mit einem zusammengezogen bin. Früher hatte ich öfter was mit Frauen, mit Mädchen besser gesagt. Das hat mir mehr Spaß gemacht.“
„Ein bißchen bi schadet nie.“
„Ein bißchen bi, hihihi! Fünf Jahre war ich mit einer Frau zusammen, hier unter diesem Dach, mit allem drum und dran – wenn du weißt, was ich meine. Bis die sich ein anderes Modell gesucht hat“, sagt sie mit etwas Wehmut und etwas Zorn. „Wir sind gerade mal einen Monat auseinander. Prost!“
Sie erzählt, daß sie früher ein- oder zweimal in der Woche im Finkenkrug war.
„Im Finkenkrug? Das ist keine hundert Meter von meiner Wohnung entfernt.“
„Du wohnst in Neudorf?“
„Ja, auf der Finkenstraße. Das war immer mein Traum. Neudorf!“
„Das Intellektuellenviertel.“
„Ist auch nicht mehr das, was es mal war.“
„Aber Neudorf paßt zu dir.“
Sie hat, nun schon zum dritten Mal, von dem Birnenwein nachgeschenkt.
„Du mußt doch nicht noch gleich fahren, oder?“
„Neinnein. Ich bin auch ein Straßenbahnbenutzer. Aber transportiert die DVG auch Besoffene?“
„Soweit muß es ja nicht kommen. Hör mal, ich erzähl dir alles von mir, jetzt red du mal, du Rechtsabweichler oder Linksabweichler! Ich weiß gar nicht mehr, was für‘n Abweichler wir dich damals genannt haben. Bist du noch bei der Fahne? Bist du in einem Verein? Los! Rechenschaftsbericht! Erzähle!“
„Jaaa. Ich bin in einem Verein. Ich bin in der DKP.“
„Waas? Duu? In der Dekapée? Hahaha! Nee, is‘n Scherz, oder?“
„Kein Scherz.“
„In‘ner Dekapée! Ausgerechnet du! Du bist wohl auch nicht aus Schaden klug geworden. Aber beruhig dich. Ich hab euch immer gewählt. Die UZ werde ich jetzt doch nicht abbestellen, versprochen. Vielleicht lese ich die sogar mal dir zuliebe, du – Abweichler du!“
Sie hat wieder nachgegossen und hebt ihr Glas: „Auf die Genossen! Auf die Standhaften und ihre Gesichter!“
Kling!
Kling!
„Aber deine Party, deine Par! Tei! ist doch nicht dein ganzes Leben.“
„Also: Ich habe mir einiges vorgenommen: Einmal im Leben…“
„…Einmal im Leben ein Haus bauen, einen Baum pflanzen, einen Sohn zeugen und einen Mann erschießen?“
„…Und in ein fremdes Land einmarschieren? Nichts davon! Einmal im Leben ein Buch schreiben. Einmal im Leben eine Schallplatte machen. Einmal im Leben einen Beitrag in Konkret unterbringen. Einmal im Leben in einer Rock-and-Roll-Band sein. Einmal im Leben einen Film machen. Einmal im Leben als Kabarettist vor Publikum auftreten. Das hab ich alles gemacht. Ich mußte es einmal machen und durfte es öfter machen. Ich habe ein paar Bücher geschrieben, ein paar Schallplatten gemacht – CDs, ein paar Filme gemacht – DVDs, bin unzählige Male als Kabarettist aufgetreten.“
„Hör mal, du hast doch auch mal so ein Blättchen herausgegeben mit so einem komischen Namen: Fritz oder Karl oder Otto.“
„Nein: ‚Der Metzger‘ heißt das.“
„Ach ja! ‚Der Metzger‘! So hieß das.“
„Das mache ich immer noch.“
„Immer noch? Immer noch ‚Der Metzger‘?“ Sie beugt sich zu mir vor und tippt mir auf die Nase. „Ich habe dich unterschätzt!“ Sie plumpst wieder in ihren Sessel. „Und du schreibst?“
„Früher schrieb ich lange Aufsätze. Heute schreibe ich eher Glossen und Geschichten.“
„Zum Beispiel über sowas wie die Begegnung mit einer alten Freundin?“
„Jjjjjjja, das könnte ich mir vorstellen, so eine Geschichte zu schreiben.“
Sie will einiges mehr wissen über meine Arbeit, und auch über meine Ökonomie.
„Wir haben beide diese Stadt nicht verlassen“, sage ich, „da wundert es mich, daß wir uns nie begegnet sind. Warst du eigentlich nie im Eschhaus?“
„Doch, ein paar mal.“
„Und wir sind uns nie begegnet?“
„Da war so‘n kleiner Buchladen drin. Hattest du damit was zu tun?“
„Das kann man wohl sagen. Das war mein Laden.“
„Ach! Da hab ich mir ab und zu mal einen Arm voll Bücher gekauft.“
„Dann verdanke ich also dir meinen Reichtum.“
„Da war immer so‘n großer Dicker in den Laden.“
„Das war der Eppler.“
„Eppler. Aha.“
„Und jetzt habe ich immer noch einen Buchladen. In Neudorf auf der Gneisenaustraße.“
„Ach, davon habe ich gehört. Das ist dein Laden? Ich muß wohl mal vorbeikommen.“
„Es wird die höchste Zeit.“
„Na hör mal! Du hast dir auch nicht wenig Zeit gelassen, du Abweichler!“

FORTSETZUNG FOLGT.

Einladung zur Subskription: Marvin Chlada: Die schöne Verwirrung des Lebens

Das Buch von Marvin Chlada „Die schöne Verwirrung des Lebens. Gedichte & Cut-Ups“ ist in Druck gegangen. Das Buch mit Texten und Bildern auf 80 Seiten erscheint in der Situationspresse und kostet 12,50 Euro.

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In der Einleitung („Wörterflucht“) steht:
„Es gibt Leute, die Dichtung generell für eine ausgesprochen kitschige Angelegenheit halten & es darum ablehnen, sich mit ihr zu beschäftigen. Ich nicht. Ich steh auf Kitsch. Das ganze Leben ist Kitsch. Wohl deshalb sind Gedichte, die das Leben schrieb, besonders kitschig. Whitmans LEAVES OF GRASS, Ginsbergs HOWL, Pasolinis WHO IS ME oder DAS LANGE GEDICHT von Salzinger triefen geradezu vor Kitsch. Das macht sie großartig. Wenn es stimmt, dass die besten Songs mitunter die kitschigsten sind, warum sollte dies bei Gedichten dann anders sein? Viele reimen sich. Einige haben Melodie. Andere folgen bestimmten Rhythmen. Nicht wenige handeln von Verlust & Schmerz. Oder erzählen vom Glück & von der Liebe. Gedichte & Songs müssen all das nicht tun, sie dürfen.“

Zitat:
„Das gewöhnliche Leben, das bisher durch das Problem der Unterhaltsbeschaffung bedingt war, kann rationell beherrscht werden – diese Möglichkeit steht im Mittelpunkt aller Konflikte unserer Zeit – & das Spiel muss in das gesamte Leben eindringen, indem es mit seinem bornierten Raum & seiner bornierten Zeit radikal bricht. Die Vollkommenheit kann nicht sein Ziel sein, wenigstens nicht in dem Maße, wie sie eine statische, dem Leben entgegengesetzte Konstruktion bedeutet. Man kann sich aber vornehmen, die schöne Verwirrung des Lebens bis zur Vollkommenheit zu treiben.“  (S. I. – Numéro 1, Juni 1958)

Das Buch wird ab Januar überall im Buchhandel oder auch via Amazon erhältlich sein (ISBN 978-3-935673-34-1).
Vorbestellungen bitte an die Buchhandlung Weltbühne
situationspresse@gmx.de

Schöne Postkarten!

In der Verlegenheit, zu den bevorstehenden Festtagen und zum Jahreswechsel Grußkarten an liebe oder unliebe Zeitgenossen verschicken zu müssen, allerdings vom Willen beseelt, die gängigen Kitschkarten zu vermeiden?
Jetzt ist auch die Saison, in der Neujahrskarten angeboten werden, mit deren Verkaufserlös ein wohltätiger oder mildtätiger Zweck gefördert wird.
Das tu ich jetzt auch. Dieses Angebot geht allerdings über die Wohltätigkeit und Mildtätigkeit hinaus. Gefördert wird in diesem Fall ein subversiver Zweck.
Mit dem Verkauf der Postkarten der SITUATIONSPRESSE kann/soll/darf der akute Überlebenskampf der Buchhandlung Weltbühne unterstützt werden.
Drei Serien werden angeboten. Sucht Euch eine aus (oder nehmt alle drei).
Die angegebenen Preise einschließlich Versandkosten.
Bestellungen richtet bitte an:
bestellungen@buchhandlung-weltbuehne.de
Dann wird mit Rechnung geliefert.
Oder: per Brief an Buchhandlung Weltbühne, Gneisenaustraße 226, 47057 Duisburg.
In diesem Fall sollte der Bestellwert als V-Scheck oder in Briefmarken (kleine Werte!!) beigelegt werden, wobei ich nichts dagegen habe, wenn der Bestellwert aufgerundet wird (jawohl, so stehen die Dinge).
(Man kann natürlich auch vorbeikommen und sich eine eigene Auswahl aus dem Kartensortiment zusammenstellen).

Einige der angebotenen Motive sind zugegebenermaßen „unanständig“, wodurch sie sich für einen Wunsch für ein glückliches neues Jahr besonders gut eignen.

Serie 1: Postkaten nach Entwürfen von Magda Gorny.
7 Postkarten: 8 Euro

Serie 2: Stadt-Mauer-Ansichten, fotografiert von Heinrich Hafenstaedter.
6 Postkarten: 7 Euro

Serie 3: Bilder aus dem Weltbühne-Universum.
6 Postkarten: 7 Euro

WELTBÜHNE MUSS BLEIBEN!

Ein hübscher Katalog

Eigens zur Libertären Medienmesse (im August in Bochum) erschien dieser Sonderkatalog:

Es sind noch einige Exemplare übriggeblieben.
Wer will den Katalog haben? Der respective die soll sich melden und kriegt ein Stück.
Man kann natürlich fragen: Wieso? Das Angebot des Fliegenden Koffers ist doch auf der Homepage der Buchhandlung Weltbühne übersichtlich aufgelistet und wird dort ständig aktualisiert.
Ja.
Aber es gibt ja auch Leute, die Kataloge dieser Art sammeln, weil sie sie – zurecht – als literarische (um nicht zu sagen: künstlerische) Zeugnisse einschätzen. Die Tradition der Kataloge aus meinem Hause reicht auch weit zurück in eine Zeit, als es Internet-Informationen über subversive Kunst noch gar nicht gab. Außerdem sind da mehr Bilder drin.
Um Rückporto (mindestens 1,50 €) wird gebeten. Wer mehr springen läßt, hat wohl den Appell zum Erhalt der Buchhandlung Weltbühne gelesen und findet dort die Kontonummer, wohin er das „Rückporto“ überweisen kann.

Im „Fliegenden Koffer“ sind Arbeiten von Künstlern und Autoren aus meinem persönlichen Umfeld angeboten. Wir stecken unter einer Decke und empfehlen uns gegenseitig, weil wir viel voneinander halten.
Wieso „Fliegender Koffer“?
Zu Lesungen, Vorträgen und Vorstellungen des „Philosophischen Kabaretts“ pflege ich einen Koffer voll mit meinen verkäuflichen Arbeiten (Bücher, CDs, DVDs, Metzger et al) mitzunehmen und kündige an, daß dieser Koffer fliegen kann, aber nur dann, wenn er restlos leergekauft ist. Dann nämlich erhebt er sich wie von Geisterhand ca. 2 Meter hoch in die Lüfte.
Bisher war ich leider noch nie gezwungen, den Beweis für dieses metaphysische Versprechen anzutreten.

Wir waren auf der Libertären Medienmesse

Die 2. Libertäre Medienmesse fand an dem Wochenende von 24.-26. August 2012 in Bochum im Kulturzentrum Bahnhof Langendreer statt (s.u.).


Wir waren da. Die SITUATIONSPRESSE mit dem FLIEGENDEN KOFFER hatte einen Messestand.
Unser Stand war nicht sehr groß. Wenn man zu zweit mit der S-Bahn anreist, kann man eben nur so viel ausstellen wie man im Handgepäck transportieren kann. Aber das war schon ganz ansehnlich.

Messestand, von der Basis aus gesehen

Wir hatten auch nicht den idealen Standplatz: in „Saal 2“, und auf der Empore, also etwas abgelegen. Dieser Nachteil hatte aber auch einen Vorteil: daß man sich etwas abseits vom Geschiebe besser mit interessierten Leuten unterhalten konnte und die interessierten Leute mehr Ruhe hatten, sich unsere Exponate anzuschauen. Unsere direkten Nachbarn (sehr nette Menschen) waren der Verbrecher Verlag und Kinder des Sisyfos Freundeskreis Erasmus Schöfer (der war auch da).
Vorbereitung und Durchführung der großen Veranstaltung lagen in den Händen von nur wenigen Männern und Frauen, aber die haben das sehr gut gemacht. Alles hat geklappt, alles war gut vorbereitet, es gab keine Nervosität, keine Hektik und keine Pannen. Das Publikum war auch sehr angenehm. Die ungewöhnlichen und mitunter gewagten Angebote auf unserem Stand stießen auf viel Interesse und wenig Skepsis. Überhaupt lag Freundlichkeit in der Luft. Die Spinner, Umkehrprediger, Selbstdarsteller und Besserwisser, die eine solche Veranstaltung zwangsläufig auch anlockt, sind zumindest nicht bis zur Empore im zweiten Saal vorgedrungen.
So eine von A bis Z erfreuliche Veranstaltung erlebt man gern von Anfang bis Ende. Aber wir konnten leider nur an den ersten beiden Tagen dabeisein.
Eine dritte Libertäre Medienmesse in einem Jahr wäre zu wünschen. Sollte eine solche stattfinden, würde hier rechtzeitig auf sie aufmerksam gemacht, und wir wären, falls wieder willkommen, gern wieder mit von der Party.

P.S.: Dieser Auftritt war eine angenehme Kompensation für den Ausschluß unseres traditionellen Büchertisches vom Ostermarsch durch das Duisburger Friedensforum.

2. Libertäre Medienmesse

Die zweite Libertäre Medienmesse ist geplant und vorbereitet und wird stattfinden.
Und zwar vom Freitag, 24. August bis Sonntag, 26 August 2012 in Bochum im Bahnhof Langendreer.


Die Öffnungszeiten:
Freitag, 24. 8. 2012: 18.00 – 21.00 Uhr
Samstag, 25. 8. 2012: 10.00 – 20.00 Uhr
Sonntag, 26. 8. 2012: 10.00 – 16.00 Uhr
Die Situationspresse (als Verlag) und der Fliegende Koffer (als Künstler- und Autorenclique) sind mit einem Messestand vertreten (mindestens am Freitag und Samstag).
Weitere Informationen gibt es hier.

Magda Gorny: Kunstpostkarten

In der Postkartenserie der Situationspresse sind weitere Motive nach Arbeiten von Magda Gorny erschienen – jetzt erstmals als Farbreproduktionen. Die Vorlagen stammen aus den Jahren 1967 bis 1998.


Sonne am Morgen. Aquarell 1991

 


Ohne Titel. Aquarell, Tusche 1987

Ohne Titel. Aquarell, Tusche o.J.

Ohne Titel. Aquarell, Tusche o.J.

Ohne Titel. Mischtechnik 1967

Scarabäus. Aquarell o.J.

Fast ein Mandala. Aquarell 1993

Diese Postkarten sind – auch im Versand – einzeln oder als Serie – in der Buchhandlung Weltbühne erhältlich. Dort werden auch weitere Arbeiten von Magda Gorny (Kunstdrucke, Plakate und weitere Postkarten) angeboten, die hier nicht abgebildet sind.

Schmitz Europa

Das Frau-Rat-Goethe-Gymnasium war ein Mädchengymnasium. Die Mädchen vom Frau-Rat-Goethe-Gymnasium galten was. Wer ein Mädchen von Frau-Rat-Goethe zur Freundin hatte, konnte damit angeben. Meine damalige Freundin, die Anne, war auch von Frau-Rat-Goethe! Auch die bekannte Faschismusforscherin Ulrike Hörster-Philipps war damals auf dem Frau-Rat-Goethe. Die kommt übrigens auch aus Neudorf, wie ich. Das habe ich aber erst später erfahren, als ich sie mal kennenlernte.
In der Aula des Frau-Rat-Goethe-Gymnasiums fand eine Veranstaltung des Republikanischen Clubs statt. Auf dem Podium saß u.a. der Pfarrer Querl, der seinem Namen Ehre machte. Man nannte ihn auch „Apo-Pfarrer“. Auf dem Podium saß auch die schöne Barbara Unseld. Damals war sie noch eine ganz linke. Mit der bin ich mal über die Königstraße gegangen und wir haben am hellichten Tag überall Plakate hingeklebt mit dem Slogan „Sieg im Volkskrieg“. Die hat mich auch im Auto zur Vietnam-Demonstration mitgenommen. Später heiratete sie den Günter Zieling und wurde Oberbürgermeisterin von Duisburg.
Wer sonst noch auf dem Podium saß, weiß ich nicht mehr. Ich weiß auch nicht mehr, was das Thema der Veranstaltung war. Jedenfalls wurde auch über die NPD geredet. Das war natürlich nicht gerade schmeichelhaft, was da über die Partei der häßlichsten der häßlichen Deutschen geredet wurde.
Ein junger Mann aus dem Publikum meldete sich zu Wort, ein kleiner, schmaler junger Mann mit Scheitel und Hornbrille und Konfirmationsanzug. Er sprach: „Ich bin für die NPD!“
Unruhe. Man setzte sich auseinander: Soll man den Burschen einfach rausschmeißen oder soll man ihn reden lassen? „Rausschmeißen!“ – „Nein, reden lassen!“ – „Rausschmeißen!“ – „Reden lassen!“ Schließlich durfte er reden. Aber „Ich bin für die NPD!“ war schon fast alles gewesen, was er vorzubringen wußte.
Jetzt meldete sich eine überaus dicke Dame von etwa 50 Jahren zu Wort. Sie rief: „Wenn man heutzutage jemanden anruft, dann meldet sich ‚Hier Schmitz Europa‘. Ja, sind wir denn keine Deutschen mehr?“
Haben Sie sowas schon mal gehört? „Hier Schmitz Europa“? Klingt aber gut. Vielleicht rufe ich mal beim Rat der Stadt an und verlange, die Oberbürgermeisterin zu sprechen.
„Hier Schmitz Europa. Wir haben ein Problem: Die Kartoffeln sind alle, aber es ist noch Sauce da.“
Obwohl der Anruf nicht die Bitte enthält, sie solle eine Lösung des Problems finden, sondern nur das Problem geschildert wird, ist die Oberbürgermeisterin irritiert.
Zwei Stunden später rufe ich die Oberbürgermeisterin nochmal an: „Hier Schmitz Europa. Frau Zieling, wir haben jetzt das umgekehrte Problem. Jetzt haben wir genug Kartoffeln, aber die Sauce ist alle.“

aus: Helmut Loeven: Der Gartenoffizier. 124 komische Geschichten. Situationspresse Duisburg 2008. 268 S. Pb. ISBN 978-3-935673-24-2
P.S.: Die Bärbel Zieling ist inzwischen, wie ich gehört habe, gar nicht mehr Oberbürgermeisterin. Auch ihr Nachfolger (Winterberg oder so ähnlich) ist inzwischen abgetreten. Den jetzigen Amtsinhaber braucht man nicht zu kennen.

Besuch bei Brecht

So ganz ohne Sehenswürdigkeiten sollte meine kurze Berlin-Reise nicht bleiben. Die eigentliche Sehenswürdigkeit, meine Gastgeberin nämlich, fuhr also mit mir in der U-Bahn in den Osten.
Als wir in Steglitz in den Untergrund hinabgestiegen waren, war es noch hell gewesen. Aber im November sind die Nachmittage kurz und die Abende beginnen früh.
Als wir an der Chausseestraße wieder hinaufstiegen, war der Himmel über Ostberlin schon dunkel. Den Hugenottenfriedhof würden wir also nicht besuchen können und nicht bei Bertolt Brecht, Helene Weigel, Hanns Eisler, Wolfgang Langhoff, John Heartfield, Elisabeth Hauptmann, Heinrich Mann, Anna Seghers, Johannes R. Becher, Arnold Zweig, Herbert Marcuse verweilen, sondern gleich zum Brecht-Haus gehen, zu dem Haus, in dem Brecht die letzen Jahre seines Lebens wohnte und arbeitete.
Das Haus liegt nicht gerade ruhig. Die Chausseestraße ist sehr belebt. Die Straßenbahn zockelt geräuschvoll an dem Haus vorbei. Man kann die Straße mit der Wanheimer Straße in Hochfeld vergleichen, sie ist ebenso geschäftig und laut.
Das Brecht-Haus steht rechts neben dem Hugenottenfriedhof. Durch eine Toreinfahrt kommt man auf den großen gepflasterten Hof. Es war stockfinster, man sah kaum etwas. Aber unter dem Fenster zu stehen, aus dem Brecht einst hinausschaute, ließ mich die Luft anhalten.
In der spärlich beleuchteten Toreinfahrt hängen Bilder von Brecht, und eine Tafel verkündet die Besichtigungstermine. Um 18 Uhr findet eine Führung statt. Bis dahin ist es noch knapp eine halbe Stunde.
Meine Begleiterin ist ein bißchen ungeduldig: „Ich habe Hunger.“
„Wir können ja nach der Besichtigung in das Restaurant gehen.“
Das Restaurant im Brecht-Haus befindet sich im Keller. Es öffnet um 18 Uhr und bietet „Wiener Küche nach Art Helene Weigels“. Aber meine Begleiterin will so lange nicht warten: „Soll ich etwa so lange warten? Ich habe jetzt Hunger. Ich muß jetzt was essen! Wie behandelst du mich?“
Ach, Anne! Du Schönste der Schönen! Du Sonne meiner Jugend! Ich tu alles was du willst!
„Ich habe jetzt Hunger. Wir sind eben an einem Bistro vorbeigekommen.“
Also guuut! Zum Bistro (die Zeit wird aber knapp).
Im Bistro bemerkt Anne: „Das ist hier alles viel zu teuer. Hier bleiben wir nicht. Gegenüber vom Brecht-Haus ist in italienisches Restaurant. Da gehen wir jetzt hin.“
Also guuut! Zum italienischen Restaurant. Wenn sie das sagt, dann tun wir das.

Anne B. „Bella Donna!“

Der Wirt des italienischen Restaurants begrüßte uns voller Freude und in vielen Sprachen: „Buona Sera, guten Abend, good evening, bon soir!“ Wenn man von einer schönen Frau begleitet wird, muß man sich in einem italienischen Restaurant auf eine sehr lange und sehr ausführliche Begrüßung gefaßt machen: „Bella Donna!“
Als dann die Spaghetti (ich) bzw. die Lasagne (sie) auf dem Tisch standen, war die Minute gekommen, in der die Führung durch das Brecht-Haus beginnen sollte.
Schnell essen ist nicht meine Art. Ich lasse mir lieber Zeit dazu, auch dann, wenn ich dadurch etwas anderes versäume. Brecht hätte wahrscheinlich gesagt, daß in dem Moment, in dem das Essen auf dem Tisch steht, es nichts Wichtigeres gibt als das Essen, das auf dem Tisch steht.
Die Besichtigung versäumten wir also mit Gleichmut.
Meine Begleiterin ermahnte mich: „Achte mal darauf, daß du dich nicht zu sehr isolierst. Verkriech dich nicht. Du mußt mal öfter raus aus deinen vier Wänden.“
„Ich hab schon damit angefangen. Ich bin ein paar Tage zu dir nach Berlin gekommen.“
Wir gingen nochmal über die Straße zum Brecht-Haus und stellten fest: Es war noch immer alles stockfinster. In keinem Fenster war Licht. Hier fand jetzt bestimmt keine Führung statt. Wir hatten also nichts versäumt. Der einzige Teil des Hauses, der zugänglich war, war das Restaurant im Keller, das gerade aufgemacht hatte. Aber da sind wir nicht reingegangen. Wir waren ja stattdessen in dem italienischen Restaurant gegenüber gewesen.
Eine historische Stätte konnten wir dann allerdings doch noch aufsuchen. Wir gingen noch das kurze Stück zum Ende der Chausseestraße. Dort, in dem letzten Haus, wohnte einst der berühmte Tierstimmenimitator Wolf Biermann.

aus: Helmut Loeven: Der Gartenoffizier. 124 komische Geschichten. Situationspresse Duisburg 2008. 268 S. Pb. ISBN 978-3-935673-24-2