Sie hat mich in das Zimmer gefĂŒhrt, das einstmals das Wohnzimmer ihrer Eltern war. Die ganzen alten Möbel stehen noch hier, nur jeglicher Zierrat ist entfernt. In der Vitrine des Wohnzimmerschranks liegen Stapel von Zeitungen. Ich sitze auf einem durchgesessenen Sofa, sie sitzt mir gegenĂŒber auf einem Sessel mit durchgewetzten Armlehnen.
Sie hat zwei GlĂ€ser auf den Tisch gestellt und gieĂt aus einer Flasche ohne Etikett ein.
âDas ist unser klassischer Birnenwein. Der ganze Keller ist davon voll, und jedes Jahr kommen neue Flaschen hinzu.â
âDu machst immer noch Wein aus Birnen?â
âIch habâs mir von meinem Vater zeigen lassen. Nur das Schnapsbrennen hab ich nicht kapiert. Der Schnaps geht irgendwann zur Neige. Aber alles andere, die Gelees, den Kompott mache ich immer noch selbst. Das habe ich an den Wochenenden gemacht. Jetzt hab ich mehr Zeit dafĂŒr, seitdem ich arbeitslos bin.â
âAch!â
âJa. Komm, laĂ uns anstoĂen! Auf die neue Zeit! Und auf die gute alte!â
Kling!
Kling!

Unsere Volksschule
âHmm!â
âSchmeckt dir, was? Ja, die haben mich wegrationalisiert. Ich war bei Bayer, erst in Uedringen, dann in Wuppertal. Ich hab ja Betriebswirtschaft studiert mit Doktor.â
âFrau Doktor Ulmer!â
âHör auf! Ich bin froh, daĂ ich nicht mehr jeden Morgen nach Wuppertal brausen muĂ und nicht mehr jeden Nachmittag im Stau stehen muĂ.â
Jetzt reden wir ĂŒber unsere LebenslĂ€ufe. Wir beide sind fast auf den Tag genau aus unseren KPD/MLen rausgeflogen. âAusgeschlossen! Um mich loszuwerden, muĂten die mich rausschmeiĂen.â (Gilt fĂŒr sie und fĂŒr mich). âSchade um die vergeudeten anderthalb Jahre! HĂ€tten wir mehr draus machen können.â
âDie BĂŒcher da drauĂenâ, sagt sie, âhabe ich fĂŒr dich da hingestellt.â
âAch was!â
âDochdochdoch! Ich wuĂte, daĂ du irgendwann mal kommst, daĂ du dich irgendwann mal traust.â
âUnd was bedeutet das? RĂ€umst du auf mit deiner revolutionĂ€ren Vergangenheit?â
âBeleidige mich nicht! FĂŒr was hĂ€ltst du mich? Neinnein. Das sind die BĂŒcher, die ich doppelt habe.â
âBĂŒcher doppelt?â
âSowas passiert. Einmal hab ich zum Geburtstag drei mal das gleiche Buch geschenkt gekriegt. Neenee, ich bin nicht vom Glauben abgefallen, falls du das meinst. Besser gesagt: Ich bin nicht ĂŒbergelaufen. Aber ich bin in keinem Verein mehr drin. In keinem. Nie wieder! Nach der ML war ich beim Sozialistischen BĂŒro. Aber das hat sich ja auch in Wohlgefallen aufgelöst. Immerhin war ich zehn Jahre lang im Betriebsrat, bis die von der IG Chemie mich nicht mehr sehen wollten.â
Sie erzĂ€hlt, daĂ sie kaum ein Konzert verpaĂt, ob Rockkonzerte oder Jazz oder Chanson. Sie erzĂ€hlt von ihrer Plattensammlung (fast tausend LPs), von ihren BĂŒchern, ihren LektĂŒren und ihren Zeitungen: âDie Taz hab ich abbestellt, das KĂ€seblatt. Stattdessen lese ich die SĂŒddeutsche. Die Junge Welt kaufe ich nur einmal im Monat, obwohl ich in der Genossenschaft bin â eine Genossenschaft ist ja kein Verein. Die UZ vergesse ich immer abzubestellen. Aber man braucht ja auch was, um den Rhabarber darin einzuwickeln.â
Sie erzĂ€hlt von ihren Jobs. âIch habe immer in diesem Haus gewohnt, nie woanders. Ich habe immer gependelt, zur Uni nach Bochum, dann zu meinen Jobs zuerst in Köln, zuletzt in Wuppertal. Jetzt habe ich mein Auto verkauft, weil ich niiie mehr pendeln will. Hier in Buchholz kann man ganz gut einkaufen, ich brauche kaum raus aus dem Viertel. Es gibt ja auch noch die StraĂenbahn.â
âDu kriegst jetzt ALG 1?â
âJa.â
âUnd wenn du ALG 2 bekommen willst, nehmen die dir dann nicht das Haus weg und verfrachten dich nach Marxloh oder Bruckhausen?â
âMich kriegt hier keiner weg. Dann sollen die doch ihr ALG Hartz einszwodreivier behalten und mich am Arsch lecken. Ich hab gut verdient, sehr gut verdient und gespart. Und viel brauch ich nicht. Das Haus gehört mir, ich bezahle keine Miete. Und einiges hole ich mir aus dem Garten. GemĂŒse, sogar Kartoffeln, und Obst natĂŒrlich. Ich hab noch nie Marmelade gekauft. Und ân HĂŒhnerstall hab ich auch noch.â
Sie erzĂ€hlt: âIch hab nie mit einem Mann zusammengelebt. Ich war immer Single.â Sie erzĂ€hlt: âEinige Zeit habe ich â wie soll ich sagen â die MĂ€nner verschlissen. Aber sei mir nicht böse. UnglĂŒcklich gemacht hab ich sie nicht. Schon deshalb nicht, weil ich nie mit einem zusammengezogen bin. FrĂŒher hatte ich öfter was mit Frauen, mit MĂ€dchen besser gesagt. Das hat mir mehr SpaĂ gemacht.â
âEin biĂchen bi schadet nie.â
âEin biĂchen bi, hihihi! FĂŒnf Jahre war ich mit einer Frau zusammen, hier unter diesem Dach, mit allem drum und dran â wenn du weiĂt, was ich meine. Bis die sich ein anderes Modell gesucht hatâ, sagt sie mit etwas Wehmut und etwas Zorn. âWir sind gerade mal einen Monat auseinander. Prost!â
Sie erzĂ€hlt, daĂ sie frĂŒher ein- oder zweimal in der Woche im Finkenkrug war.
âIm Finkenkrug? Das ist keine hundert Meter von meiner Wohnung entfernt.â
âDu wohnst in Neudorf?â
âJa, auf der FinkenstraĂe. Das war immer mein Traum. Neudorf!â
âDas Intellektuellenviertel.â
âIst auch nicht mehr das, was es mal war.â
âAber Neudorf paĂt zu dir.â
Sie hat, nun schon zum dritten Mal, von dem Birnenwein nachgeschenkt.
âDu muĂt doch nicht noch gleich fahren, oder?â
âNeinnein. Ich bin auch ein StraĂenbahnbenutzer. Aber transportiert die DVG auch Besoffene?â
âSoweit muĂ es ja nicht kommen. Hör mal, ich erzĂ€hl dir alles von mir, jetzt red du mal, du Rechtsabweichler oder Linksabweichler! Ich weiĂ gar nicht mehr, was fĂŒrân Abweichler wir dich damals genannt haben. Bist du noch bei der Fahne? Bist du in einem Verein? Los! Rechenschaftsbericht! ErzĂ€hle!â
âJaaa. Ich bin in einem Verein. Ich bin in der DKP.â
âWaas? Duu? In der DekapĂ©e? Hahaha! Nee, isân Scherz, oder?â
âKein Scherz.â
âInâner DekapĂ©e! Ausgerechnet du! Du bist wohl auch nicht aus Schaden klug geworden. Aber beruhig dich. Ich hab euch immer gewĂ€hlt. Die UZ werde ich jetzt doch nicht abbestellen, versprochen. Vielleicht lese ich die sogar mal dir zuliebe, du â Abweichler du!â
Sie hat wieder nachgegossen und hebt ihr Glas: âAuf die Genossen! Auf die Standhaften und ihre Gesichter!â
Kling!
Kling!
âAber deine Party, deine Par! Tei! ist doch nicht dein ganzes Leben.â
âAlso: Ich habe mir einiges vorgenommen: Einmal im Leben…â
â…Einmal im Leben ein Haus bauen, einen Baum pflanzen, einen Sohn zeugen und einen Mann erschieĂen?â
â…Und in ein fremdes Land einmarschieren? Nichts davon! Einmal im Leben ein Buch schreiben. Einmal im Leben eine Schallplatte machen. Einmal im Leben einen Beitrag in Konkret unterbringen. Einmal im Leben in einer Rock-and-Roll-Band sein. Einmal im Leben einen Film machen. Einmal im Leben als Kabarettist vor Publikum auftreten. Das hab ich alles gemacht. Ich muĂte es einmal machen und durfte es öfter machen. Ich habe ein paar BĂŒcher geschrieben, ein paar Schallplatten gemacht â CDs, ein paar Filme gemacht â DVDs, bin unzĂ€hlige Male als Kabarettist aufgetreten.â
âHör mal, du hast doch auch mal so ein BlĂ€ttchen herausgegeben mit so einem komischen Namen: Fritz oder Karl oder Otto.â
âNein: âDer Metzgerâ heiĂt das.â
âAch ja! âDer Metzgerâ! So hieĂ das.â
âDas mache ich immer noch.â
âImmer noch? Immer noch âDer Metzgerâ?â Sie beugt sich zu mir vor und tippt mir auf die Nase. âIch habe dich unterschĂ€tzt!â Sie plumpst wieder in ihren Sessel. âUnd du schreibst?â
âFrĂŒher schrieb ich lange AufsĂ€tze. Heute schreibe ich eher Glossen und Geschichten.â
âZum Beispiel ĂŒber sowas wie die Begegnung mit einer alten Freundin?â
âJjjjjjja, das könnte ich mir vorstellen, so eine Geschichte zu schreiben.â
Sie will einiges mehr wissen ĂŒber meine Arbeit, und auch ĂŒber meine Ăkonomie.
âWir haben beide diese Stadt nicht verlassenâ, sage ich, âda wundert es mich, daĂ wir uns nie begegnet sind. Warst du eigentlich nie im Eschhaus?â
âDoch, ein paar mal.â
âUnd wir sind uns nie begegnet?â
âDa war soân kleiner Buchladen drin. Hattest du damit was zu tun?â
âDas kann man wohl sagen. Das war mein Laden.â
âAch! Da hab ich mir ab und zu mal einen Arm voll BĂŒcher gekauft.â
âDann verdanke ich also dir meinen Reichtum.â
âDa war immer soân groĂer Dicker in den Laden.â
âDas war der Eppler.â
âEppler. Aha.â
âUnd jetzt habe ich immer noch einen Buchladen. In Neudorf auf der GneisenaustraĂe.â
âAch, davon habe ich gehört. Das ist dein Laden? Ich muĂ wohl mal vorbeikommen.â
âEs wird die höchste Zeit.â
âNa hör mal! Du hast dir auch nicht wenig Zeit gelassen, du Abweichler!â
FORTSETZUNG FOLGT.