Die Bühne braucht eine Welt

Eine ganze Seite in der (wöchentlichen!) Studentenzeitung ak[due]ll:

akduell-2012-07-s6-weltbuehneAnmerkungen:
1. Wenn (in der Mitte der ersten Spalte) von „Lieferanten“ die Rede ist, die sich über zu viel Kleinabnehmer beschweren, dann sind damit speziell die Marktführer unter den Barsortimenten gemeint.
2. Im nächsten Absatz wird der Weltbühne-Slogan „Gegen alles, was langweilig, spießig und prüde ist“ aufgegriffen. Ich sprach davon, daß es in der „linken Bewegung“ (zurecht in Gänsefüßchen) Auflösungstendenzen gibt, die die Schwierigkeiten für eine (ohne Gänsefüßchen) linke Buchhandlung nicht gerade verringern, und ich ließ der Stoßseufzer erklingen: „Die Linken, die können manchmal sehr langweilig, spießig und prüde sein…“ Ich wollte nicht die Kundschaft in die Pfanne hauen, sondern die Linken.
3. Mit den Postkarten, die Marvin Chlada „auf Anhieb sympathisch“ waren, sind speziell solche gemeint, die – na sagen wir mal – ganz bestimmt nicht prüde sind.
4. Die eigentümliche Schreibweise „ak[due]ll“ kommt daher, daß nach der Zwangsvereinigung der Universitäten Duisburg und Essen die Abkürzung „due“ verwendet wird.

Alles in allem:
Das ist doch ein sehr informativer und sorgfältiger Bericht, den die Studentenzeitungsredakteurin Natalie Kajzer da verfaßt hat!
Auch der Fernsehbericht von Monika Krahl vor drei Jahren im WDR war sehr ordentlich. ICH SOLLTE MICH VIELLEICHT MEHR MIT JUNGEN JOURNALISTINNEN UMGEBEN.

P.S.: Aber auch Thomas Becker (WAZ) und Ulrich Sander (UZ) schrieben nicht nur positiv, sondern auch gut. Siehe dort.

Sie konnte sich nicht unmißverständlich ausdrücken

Das Bundesverfassungsgericht hat eine  Pressemitteilung verschickt:

Pressemitteilung Nr. 79/2012 vom 27. November 2012
Beschluss vom 25. Oktober 2012
1 BvR 2720/11

Erfolglose Verfassungsbeschwerde gegen ein angebliches Falschzitat

Das Bundesverfassungsgericht hat die Verfassungsbeschwerde einer Buchautorin und ehemaligen Tagesschau-Sprecherin nicht zur Entscheidung angenommen. Sie war gegen einen im Hamburger Abendblatt vom 7. September 2007 erschienenen Artikel vorgegangen. Der Artikel hatte sich mit Äußerungen der Beschwerdeführerin bei der Pressekonferenz zur Vorstellung ihres Buches beschäftigt. Mit der Begründung, es handle sich um ein Falschzitat, hatte sie die Axel Springer AG auf Unterlassung und Richtigstellung sowie auf Geldentschädigung in Anspruch genommen. In einem heute veröffentlichten Beschluss hat die 1. Kammer des Ersten Senats entschieden, dass das klageabweisende Urteil des Bundesgerichtshofs die Beschwerdeführerin nicht in ihren Grundrechten verletzt.

Der Entscheidung liegen im Wesentlichen folgende Erwägungen zugrunde:

1. Im Rahmen einer Pressekonferenz am 6. September 2007 präsentierte die Beschwerdeführerin das von ihr verfasste Buch „Das Prinzip Arche Noah – Warum wir die Familie retten müssen“. Bei dieser Gelegenheit äußerte sie sich gegenüber den anwesenden Journalisten unter anderem wie folgt:
„Wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er Bewegung abgeschafft wurde. Mit den 68ern wurde damals praktisch alles das – alles was wir an Werten hatten – es war ’ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle – aber es ist eben auch das, was gut war – das sind die Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt – das wurde abgeschafft. Es durfte nichts mehr stehen bleiben.“

2. Ein Artikel im Hamburger Abendblatt vom 7. September 2007 setzte sich anlässlich der Buchvorstellung mit dem Frauenbild der Beschwerdeführerin auseinander. Der im Ausgangsverfahren angegriffene Absatz des Zeitungsartikels lautet: „In diesem Zusammenhang machte die Autorin einen Schlenker zum Dritten Reich. Da sei vieles sehr schlecht gewesen, zum Beispiel Adolf Hitler, aber einiges eben auch sehr gut. Zum Beispiel die Wertschätzung der Mutter. Die hätten die 68er abgeschafft, und deshalb habe man nun den gesellschaftlichen Salat. Kurz danach war diese Buchvorstellung Gott sei Dank zu Ende.“

3. Der Bundesgerichtshof hat die Klage der Beschwerdeführerin – anders als zuvor das Landgericht und das Oberlandesgericht – letztinstanzlich abgewiesen. Mit ihrer Verfassungsbeschwerde rügt die Beschwerdeführerin im Wesentlichen die Verletzung ihres allgemeinen Persönlichkeitsrechts.

4. Die Verfassungsbeschwerde hat keine Aussicht auf Erfolg, weil die angegriffene Entscheidung die Grundrechte der Beschwerdeführerin nicht verletzt. Dass der Bundesgerichtshof den streitgegenständlichen Absatz im Artikel des Hamburger Abendblatts nicht für ein Falschzitat hält, ist verfassungsrechtlich nicht zu beanstanden. Die Passage ist in ihrem Gesamtzusammenhang zu betrachten und stellt sich dabei als Meinungsäußerung dar. Der Artikel im Hamburger Abendblatt ist schon überschrieben mit „Eine Ansichtssache“ und insgesamt in einem süffisanten Ton geschrieben. Der Leser erkennt, dass es sich um eine verkürzende und verschärfende Zusammenfassung der Buchvorstellung handelt. Vor diesem Hintergrund ist das Recht der Beschwerdeführerin am eigenen Wort gewahrt; ihr allgemeines Persönlichkeitsrecht hat hinter die Meinungsfreiheit des Zeitungsherausgebers zurückzutreten. Die Beschwerdeführerin, der es nicht gelungen war, sich unmissverständlich auszudrücken, muss die streitgegenständliche Passage als zum „Meinungskampf“ gehörig hinnehmen.

Die_Bandbreite_VTEva Herman, nicht mehr bei der Tagesschau, sondern bei „Kopp-Nachrichten“, die, wie man sieht, auch „Bekloppt-Nachrichten“ heißen könnten.

Würde der Freitag das drucken? oder Tünnes un Schäl gingen übber de Rheinbrück‘

Das war ja nun wirklich ein Fehltritt! Ein kalkulierter? Ich behaupte: Ja. (Glauben Sie es. Oder glauben Sie es nicht).
Das Notat von gestern („Der Witz am Sonntag“) erregte Unwillen, der sogleich bestätigt wurde. Aber nicht in der zur Verfügung gestellten Rubrik („Leave a reply“), sondern im Online-Auftritt der Wochenzeitung Freitag.
Dort äußert sich „Mopperkopp“:

„Tierischer Sexismus
Herrenwitz Das Internet ist eine Fundgrube für alles Mögliche, auch schrägen Humor. Gibt es einen Unterschied zwischen Witzen, gedruckt in Zeitschriften oder offen im Internet?“
Gewiß. Der Unterschied besteht darin, daß die einen in Zeitschriften gedruckt werden, die anderen im Internet offen sind. Aber „Mopperkopp“ ist sich nicht sicher:
„Ich bin mir nicht sicher. Manche Witze, besonders Witze aus dem so beliebten Genderbereich, lesen sich in kleinen gedruckten Zeitschriften anders, als wenn sie für jeden öffentlich im Internet stehen. Ist das so, oder bilde ich es mir nur ein?“
Das wäre nur dann keine Einbildung, wenn man unterstellen würde, daß eine Zeitschrift im Vergleich zum Internet geradezu ein Medium der Geheimhaltung ist. Weiter:
„Zur Verdeutlichung führe ich ein konkretes Beispiel an, entnommen aus dem Blog Amore e rabbia von Helmut Loeven, dem Betreiber der winzigen Buchhandlung Weltbühne und Herausgeber von DER METZGER, Das satirische Magazin.“
Verdienstvollerweise, wenn auch wahrscheinlich nicht mit dem unethischen Motiv des Empfehlens, sondern mit einem anderen, hat „Mopperkopp“ drei Links zu mir hin gelegt. Wieso beschleicht mich das Gefühl, daß der Verfasser meint, es würde gegen die Buchhandlung Weltbühne sprechen, daß sie „winzig“ ist? Woher will der die räumlichen Ausmaße meines Geschäfts kennen? Weiter:
„Da momentan Satire auch im Freitag ein Thema ist, […] man außerdem wohl über ein Satire-Ressort nachdenkt, […]stellte sich mir bei der Lektüre des erwähnten Beispiels, abgesehen vom Niveau (Nivea würde hier auch passen), gleich die Frage:
Ist das Sati(e)re oder Humor und würde der Freitag das drucken?
Ein Mann kommt in das Schlafzimmer seiner Frau. Er trägt ein Schaf auf dem Arm. Er sagt: „Das ist…“
Et cetrera – siehe dort.

Maike Hank (die wenigstens unter einem Namen firmiert) kommentiert den Kommentar:
„Es steht ja schon in der Überschrift, dass es sich um Sexismus handelt.“
Das ist ja mal eine Beweisführung, die immer gelingt. Häng ein Schild dran! Kleb einen Bonbon ans Hemd! Sie kann darum gelingen, weil mit einem Begriff hantiert wird, der alles und nichts bedeutet. Wenn dir was nicht paßt, du aber nicht ausdrücken kannst wieso, dann etikettiere es. Weiter:
„Ich vertrete die These, dass man im sehr kleinen Kreis, wo sich alle kennen und absolut klar ist, wie was aufgefasst und gemeint ist, durchaus mal einen ’schlechten‘ Witz machen kann – dann sollte er aber wenigstens gut sein.“
Das nenne ich Dialektik.
„Verstehe aber, dass auch diese Haltung nicht unproblematisch ist, da man Sexismus etc. auch auf diese Weise reproduziert und sich daran gewöhnt.
(Die Leserschaft einer linken Zeitung ist ganz gewiss nicht solch ein Kreis. Auch nicht die dazugehörige Online-Community.)“
Was man sich doch für Ausreden einfallen läßt, den METZGER nicht zu lesen! Wer die Eingrenzungen intus hat und im SEHR kleinen Kreis sagen darf, was man nicht sagen darf, kann sich auch von etwas distanzieren, was er (resp. sie) nicht kennt, und braucht nicht zu wissen, was diese eine Zeitschrift, die sich gern „links“ nennen läßt, mit anderen „linken“ Zeitschriften gemeinsam hat und was sie von denen unterscheidet. Sie unterscheidet sich, so viel sei verraten, durch meine Abneigung gegen Jargon, Umgangsformen und Konventionen, durch die das linke Milieu sich konstituiert, und durch meinen Unwillen, der dadurch erregt wird, daß in und nach einer Revolution die Revolutionäre den Revolutionswächtern den Platz freimachen müssen (gilt auch für Revolutionen, die gar nicht stattfinden).

Ich bin mir sicher, daß die Kommentatoren beim Studium dessen, worüber sie den Kopf schütteln, nicht so weit vorgedrungen sind, um die Notate zur „allgemeinen Witzkunde“ zu entdecken („Wat is eigentlich dat Komische an einem Witz?“). Nein, das verlinke ich nicht. Sollen sie es selber suchen. (Tun sie nicht).

Wer, wie Maike Hank, den in den 70er Jahren entwickelten Progressiven Alltag (nebst sehr kleinem Kreis) eingeübt hat, kennt sich doch auch mit Ausflüchten aus. Etwa: „Man wollte doch nur mal aufzeigen, wie schrecklich das alles ist.“
Ohne Ausflucht erkläre ich: Dieser Witz mag kein schöner Witz sein. Er kann auch nicht schöner sein als der Zustand, über den er Aufschluß gibt. Aufschluß gibt er über das sexuelle Elend, das uns umgibt. Dieses kommt auch dadurch zum Vorschein, daß – trotz aller Vorsichtsmaßnahmen – sexuelle Kontakte kein sicheres Anzeichen für Sympathie sein müssen („Idiot!“ „Sau!“).
Er stellt (wie ich finde, recht authentisch) die Zerrüttung des Geschlechterverhältnisses dar, an der auch das Milieu, in dem der „Genderbereich beliebt“ ist, mitwirkt.

Foto: Hafenstaedter

..

„There will be an answer…“

Die Rote Fahne, die Zeitung der MLPD, hat eine Story gebracht: „1962 – Geburtsjahr der modernen Pop-Musik. 50 Jahre Rolling Stones und Beatles“.
Das ist natürlich nett von der Zeitung, deren Leser ja immer wissen wollen, was sie gut finden dürfen und was sie schlecht finden müssen.
Und nett ist es ja auch, daß die MLPD noch revisionistischer ist als die Revisionisten, die sie zu bekämpfen meint. Für Walter Ulbricht waren die Beatles ja einfach nur Dreck, der aus dem Westen kam. Willi Dickhut hätte dazu bestimmt auch was zu sagen gehabt. Aber der hat seiner Anhängerschaft eingetrichtert, sich bloß nicht von den „Massen“ zu isolieren.
Und so werden ein paar Versatzstücke aus Wikipedia aneinandergereiht und in ein Teils-teils-Bewertungsschema aufgegliedert. Einerseits: R&B als „populäre Musik der armen Afroamerikaner“, R&R als „einfach, echt empfunden“. Andererseits: Der Kommerz, Individualismus, „Flucht“, und die Drogen, die Drogen, die Drogen!
Der Bewußtseinswandel, den die Rock-Musik einerseits wiederspiegelte, andererseits vorantrieb, wird nicht erfaßt. Stattdessen ein paar verunglückte Einschätzungen:
Marginale Cover-Versionen aus der Anfangszeit der Beatles werden als exemplarisch bewertet. „Norwegian Wood“ wird als „Kritik an der subtilen Macho-Denkweise vieler Männer“ mißverstanden. „Oft werden Alltagsprobleme aufgegriffen. ‚It‘s been a hard day‘s night‘, ‚Lady Madonna‘…“ (für das zweite Beispiel mag das zutreffen) „…und auch die Lebensfreude und Lebenswelt der einfachen Leute wie in ‚Penny Lane‘ oder ‚She‘s leaving home‘. Solche Lieder sind Volkslieder im besten Sinne.“
„She‘s leaving home“ soll die Lebensfreude der einfachen Leute aufgreifen? Und das soll ein Volkslied sein? Der lange und komplizierte Text, die Ballade ohne Refrain, begleitet von einem Streichquartett – das eignet sich nicht zum Mitsingen. Dazu ist es zu artifiziell. Für „Penny Lane“ gilt das ebenfalls.
Dem Leser wird dann allerdings klar, daß es sich hier nicht bloß und ein laienhaftes Referat, sondern um eine „marxistisch-leninistische“ Unterweisung handelt:
„Die Bands wurden allerdings mit ihrer Aufmüpfigkeit zugleich auch Träger des modernen Antikommunismus. Die Beatles sagten in ‚Revolution‘: ‚Wenn du herumrennst mit Bildern vom Vorsitzenden Mao, dann wirst du es mit niemand nirgends und auf keine Weise schaffen.‘ Und das just zu der Zeit, als Mao im damals sozialistischen China Millionenmassen erfolgreich gegen eine bürokratische Entartung von Spitzenfunktionären mobilisierte, was eine drohende Restauration des Kapitalismus verhinderte. Das hatte in den 1970er Jahren rebellierende Jugendliche auf der ganzen Welt begeistert.“
Was auch immer die chinesische „Kulturrevolution“ bewirkt hat und bewirken sollte, gegen was und für was die „Millionenmassen mobilisiert“ wurden und was auch immer dadurch verhindert oder doch nicht verhindert wurde, was die weltweit begeisterten Jugendlichen an Mao tatsächlich fanden oder zu finden hofften und inwieweit die „Kulturrevolution“ in der Rückschau nach vierzig Jahren präziser zu beurteilen wäre: Der Song von John Lennon bezog sich keineswegs auf die Ereignisse in Peking und Umgebung, sondern auf die westlichen Metropolen. John Lennon war es nicht darum zu tun, die welthistorische Bedeutung des Steuermannes zu bewerten, sondern die Leute, die dessen Bild durch die Straßen trugen.

John-Lennon-Denkmal in Havanna, Kuba

Der Song von John Lennon („we all want to change the world“, „we all want to change your head“) wurde (und wird anscheinend immer noch) fälschlich als Absage an die Linke verstanden. Das Gegenteil ist richtig („we‘re doing what we can“). John Lennon drückte in diesem Song seine Skepsis aus gegen gewaltbereite, vom Haß getriebene, eifernde Fanatiker. Er mißtraute denen, die ein reflexhaftes, unreflektiertes, verflachtes Bild von einer „Revolution“ im Kopf haben – und das mit Recht!
Wenn für die MLPD die Zeit nicht vor 40 Jahren stehengeblieben wäre, könnte sie erkennen, wie es mit den lautesten von denen, die damals als Träger von Mao-Schildern sich ganz besonders verbalradikal hervortaten, weitergegangen ist. Aus ihnen wurde die ökologisch einwandfreie „Neue Mitte“, und sie träumen ihre schwarzgrünen Träume. Ihre Meinung zu diesem und jenem mögen sie dann und wann geändert („angepaßt“) haben. Aber dabei sind sie sich selbst immer treu geblieben, die wirklichen „Träger des modernen Antikommunismus“.

70 Jahre sind genug

„Selbst altgediente Feministinnen, Kritikerinnen, ja Feinde von Schwarzer starten jede Erläuterung zu ihrer Person mit der Einleitung, daß sie ja ihre Verdienste habe. Fragt man nach: ‚Und welche, jetzt mal genau?‘, – wird es umso dünner, je engagierter, informierter und intellektueller die Gesprächspartnerin ist.“ (Katharina Rutschky)

Deutschlands Vorzeige-Feministin Alice Schwarzer ist nach Ansicht der Grünen in Nordrhein-Westfalen kein Sprachrohr der Frauenbewegung mehr. „Alice Schwarzer erfüllt die Funktion, kritische Stimme zu sein, immer weniger“, sagte die Grünen-Landesvorsitzende Daniela Schneckenburger. (Sie) habe eine zu starke Nähe zur CDU entwickelt und es seit langem versäumt, zu frauenpolitischen Themen auf Bundes- wie Landesebene kritisch Stellung zu nehmen, meinte Schneckenburger. […] Inzwischen habe sie sich von der Lebensrealität der Frauen entfernt und „es sich im Vorhof der Macht sehr bequem gemacht“, so die Grünen-Chefin. (n-tv)

„Die größte Egomanin im Lande kann einfach nicht ‚ich‘ sagen. Sie spricht immer in der ersten Person Plural. Selbstverliebt wie keine andere ist sie von der fixen Idee besessen, ihre Ansichten, so verschroben und so vage sie auch sein mögen, für uns alle, für alle Frauen zur verbindlichen Richtlinie zu machen. In ihrem simpel gestrickten Weltbild gibt es nur die aus allen gesellschaftlichen Widersprüchen herausabstrahierte Gesamt-Frau. Und die verkörpert sie. Das ist der rote Faden, der sich durch alle dahergeschnatterten Äußerungen der Alice Schwarzer zieht: Ich bin alle Frauen.“ (Lina Ganowski in DER METZGER 54)

„Alice Schwarzer, die Feministin – notabene –, hat […] einen so jämmerlich schwachen Glauben an die Eigenständigkeit und Stärke anderer Frauen, dass sie diese immer wieder runterputzen oder als von Männern ferngesteuert darstellen muß.“ (Bascha Mika)

„Es ist dieses Aufmerksamkeitsheischen um jeden Preis, das Alice Schwarzer so nervig macht.“ (Britta Heidemann in der WAZ)

„Alice Schwarzer kann gut mit den Konservativen. Die Linken sind ihr Feindbild. Die wird viel gelobt – meistens von Männern. Und sie wird viel kritisiert – meistens von Frauen.“ (Lina Ganowski)

„Alice Schwarzer hat vor allem ein Problem auf der Welt: Frauen. In nahezu allen Konflikten und Krächen, die sie ausgefochten hat, standen Frauen auf der Gegenseite.“ (Bascha Mika)

„Schwarzers Begabung war nie die Analyse, eher die action im Einklang mit einem gesunden Volksempfinden.“ (Katharina Rutschky)

„(Alice Schwarzer) ist ein reines Mediengeschöpf, ein konstruiertes Gesicht für eine verblödete Öffentlichkeit. Ein Programm, ein Gewissen, eine biographische Integrität hat sie nicht. Sie ist einfach eine selbstreferentielle PR-Kampagne, ein unendlich wiederverwendbares Bild von Stimmungen und Strömungen, die das Projekt ‚Zivile Menschenkontrolle‘ der herrschenden Klasse auffährt. Nie war AS ein intellektuelles oder organisierendes Zentrum von Irgendwas. Sie scheinpolarisiert durch ihre Person genau so substanzlos wie es Merkel und Steinbrück im Wahlkampf tun.“ (Cardillac)

„Alice Schwarzer ist die derzeit lauteste Propagandistin von Justizwillkür im Dienst des gesunden Volksempfindens.“ (law blog)

„In der Eindimensionalität ihrer Ideologie kann sie sich nur reflexhaft äußern. Über das Klischee kommt sie nicht hinaus, weil sie selbst ein Klischee ist.“ (Lina Ganowski in DER METZGER 75)

Alice Schwarzer verkörpert, was mir aus tiefster Seele verhaßt ist: Arriviertheit, Dünkel, Langeweile, Wichtigtuerei, Spießigkeit, Prüderie, Kasernenhof und Bildzeitung.

Ist ein rechtsradikaler Anwalt ein rechtsradikaler Anwalt?

Darf man einen rechtsradikalen Rechtsanwalt rechtsradikal nennen? Das Bundesverfassungsgericht sagt: Ja.

Pressemitteilung des Bundesverfassungsgerichts:

Bundesverfassungsgericht – Pressestelle –
Pressemitteilung Nr. 77/2012 vom 13. November 2012
Beschluss vom 17. September 2012
1 BvR 2979/10

Die Bezeichnung anderer als „rechtsradikal“ ist ein Werturteil und fällt unter die Meinungsfreiheit

Eine Person in einem Internetforum in Auseinandersetzung mit deren Beiträgen als „rechtsradikal“ zu betiteln, ist ein Werturteil und grundsätzlich von der Meinungsfreiheit gedeckt. Dies entschied das Bundesverfassungsgericht in einem heute veröffentlichten Beschluss vom 17. September 2012 und hob daher die angegriffenen Unterlassungsurteile auf. Es obliegt nun den Zivilgerichten, das Grundrecht auf Meinungsfreiheit des Beschwerdeführers mit dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht der kritisierten Person abzuwägen.

Der Entscheidung liegen im Wesentlichen folgende Erwägungen zugrunde:

1. Der im zivilrechtlichen Ausgangsverfahren auf Unterlassung klagende Rechtsanwalt beschäftigte sich auf seiner Kanzleihomepage und in Zeitschriftenveröffentlichungen mit politischen Themen. Er schrieb unter anderem über die „khasarischen, also nicht-semitischen Juden“, die das Wirtschaftsgeschehen in der Welt bestimmten, und über den „transitorischen Charakter“ des Grundgesetzes, das lediglich ein „ordnungsrechtliches Instrumentarium der Siegermächte“ sei.

Der Beschwerdeführer, ebenfalls Rechtsanwalt, setzte sich in einem Internet-Diskussionsforum mit diesen Veröffentlichungen auseinander:
Der Verfasser liefere „einen seiner typischen rechtsextremen Weiterlesen

Made in Germany

„DDR-Häftlinge stellten Ikea-Möbel her“ stand in der Zeitung. Die schwedische Firma hatte Aufträge an die DDR vergeben, Möbelteile herzustellen. Dafür wurden Gefängnisinsassen eingesetzt („politische Häftlinge und Strafgefange-ne“). Eine „von Ikea selbst in Auftrag gegebene Untersuchung“ habe Hinweise darauf ergeben. Zudem habe die Studie ergeben, daß „Vertreter im Ikea-Konzern von der Möglichkeit des Einsatzes politischer Gefangener in der DDR wußten“. (WAZ, 17.11.2012).
Diese „Enthüllung“ ist nicht neu. Von dieser Ungeheuerlichkeit hat man schon vor Jahren gelesen. Aber in regelmäßigen Abständen müssen die ollen Kamellen wieder serviert werden.
In diesem Zusammenhang sollte vielleicht mal erwähnt werden, daß zur selben Zeit auch in der Bundesrepublik Strafgefangene für Arbeiten eingesetzt wurden, auch für solche, die von Unternehmen in Auftrag gegeben worden waren, und daß auch in der Bundesrepublik Menschen aus politischen Gründen verurteilt und eingesperrt wurden, etwa, weil sie mit der Remilitarisierung nicht einverstanden waren. Der Heinz Mühlhaus hat mir erzählt, daß er im Gefängnis Fußbälle zusammengenäht hat. Eine Untersuchung des Deutschen Fußballbundes liegt dazu nicht vor.

Anne im Spiegel

Eine Spiegel-Titelgeschichte im Jahr 1971 erregte Aufsehen und hatte langwährende Nachwirkungen. Noch heute werde ich gelegentlich darauf angesprochen, und ich muß zugeben, daß ich an ihrem Zustandekommen nicht ganz unschuldig war.
In dem Buch „Bürgersinn mit Weltgefühl – Politische Moral und solidarischer Protest in den sechziger und siebziger Jahren“ (hg. von Habbo Knoch, Wallstein Verlag, Göttingen 2007) ist ein Beitrag enthalten mit dem Titel „Inszenierung und Authentizität“ von Sven Reichardt. Es geht da um die vom „Spiegel-Reporter Peter Brügge“ verfaßte Spiegel-Titelgeschichte vom 9. August 1971 über den Underground („Flucht aus der Gesellschaft“). Reichardt zitiert mich mehrmals, in den Anmerkungen steht: „Gespräch mit Helmut Loeven in der Duisburger ,Weltbühne‘, 4.11.2006“. In meinem Tagebuch habe ich vermerkt: „Im Laden: Ein Wissenschaftler aus Konstanz, der mich zu der Spiegel-Titelgeschichte von 1971 interviewt“, und ich erinnere mich, daß der sich keine Notizen machte und kein Tonband mitlaufen ließ, sondern sich alles so gemerkt hat – und dann in seinem Aufsatz (ganz anders als damals „Peter Brügge“) auch richtig zitierte.
Es steht dort: „Laut Auskunft von Helmut Loeven handelt es sich bei Peter Brügge um ein Pseudonym von Ernst Hess. Loeven (Jahrgang 1949) ist ehemaliges Mitglied der Duisburger Musikband ,Bröselmaschine‘, war aktiv in der ,Agentur für Alles‘ und ist seit 1968 Herausgeber der Duisburger Underground-Zeitschrift Metzger. Er stellte seinerzeit den Kontakt zum Spiegel-Redakteur her“ – und das war eine meiner schlimmsten Fehlleistungen.


Denn Hess/„Brügge“ hatte die Absicht oder den Auftrag, den kaum auf einen Nenner zu bringenden Underground als „Jugendbewegung 71“ zu banalisieren und als „Flucht aus der Gesellschaft“ umzuinterpretieren und so darzustellen, wie Kleinfritzchen ihn in sein Bild von der Welt hineinflicken kann: daß die Abkehr vom Welt-Bild der Großfritzchens ein illusionärer Wahn sei. So machte er sich auf die Socken, um seine Story mit Namen, Ortsangaben und frei erfundenen Zitaten zu verzieren. Der Kreativzone, in der ich damals zuhause war (informelle Sammelbezeichnung: „Knubbel Afa“) dichtete er einen Webstuhl und eine Töpferwerkstatt an, und die Nähmaschine der schönen Ulrike machte er zur „Hippie-Schneiderei“, und das ganze war dann eine (natürlich – hahaha – unpraktikable) Illusions-Ökonomie.
Der Spiegel-Reporter führte einige Interviews, aber nicht mit den Exponenten, die etwas hätten sagen können. Die meisten seiner Gesprächspartner waren „Randfiguren“. Sie hatten mit der ganzen Sache wenig zu tun. Auch mich zitierte er im Spiegel, ohne allerdings je ein Wort mit mir gewechselt zu haben.
Der „18jährigen Knubbel-Schönheit Anna Block“ (recte: 17 Jahre) legte er die Aussage in den Mund, an Politik nicht interessiert zu sein. Aus Enttäuschung über die Linken habe sie sich entschlossen, „eine Unpolitische zu werden“. Anne (so ihr richtiger Name) erinnert sich nicht, daß sie das gesagt hätte oder irgendetwas gesagt haben könnte, was so hätte interpretiert werden können. In den Jahren seit ihrer Spiegel-Erwähnung hat sie mir unentwegt beteuert: „Das habe ich nicht gesagt!“

Gar nicht unpolitisch: Anne B. (hier ausnahmsweise mal im Mini)

Der Reporter hatte einen Fotografen dabei. Es ging das Gerücht, daß der Anne und ein paar andere Mädchen dazu überredete, sich nackt fotografieren zu lassen. Der brauchte sie gar nicht groß zu überreden, die waren sofort dazu bereit. Das hätte man ja als „demonstrative Verweigerung der bürgerlichen Moral“ oder als „Überwindung falscher Scham“ titulieren können, oder einfach als „schön unanständig“ (Motto: Warum eigentlich nicht?). Ich fand eher, das war Ausbeutung. Die Einwilligung der Mädels war mir unbehaglich.
Demonstrative Verweigerung der bürgerlichen Moral oder Ausbeutung? Oder doch bloß Eifersucht?Daß jemals die Darbietung weiblicher Schönheit vor der Kamera bei mir Mißmut erzeugt haben konnte, lag wohl in dieser speziellen Situation. Anne war meine Freundin gewesen. Wir waren getrennt und hatten uns noch nicht wiedervereinigt. In dieser quälenden Phase meines Lebens war mir eine Gunst entzogen, für deren Erlangung der Fotoreporter nur mit dem Finger zu schnipsen brauchte.
Später, als wir wieder zusammen waren, hat Anne mir bestätigt, was ich hatte läuten hören: „Der Fotograf hat Bilder von mir gemacht. Von meinem nackten Hintern!“
Diese Fotos wurden aber nicht gedruckt. Der Fotograf hielt es noch nicht einmal für nötig, seinem Modell Abzüge der Bilder, die er von ihr gemacht hatte, zuzusenden. Sie werden jetzt wohl in einem Privatarchiv gehütet – als Beutestücke gewissermaßen.
Erstaunlicherweise besitze ich kein einziges Foto von Annes nacktem Hintern. Ich habe unverzeihlicherweise nie ein solches aufgenommen. Aber ich bezeuge: Das ist der schönste Hintern, der je fotografiert wurde!

Morgen ist es soweit, und übermorgen wissen wir es

Der ZDF-Sonderkorrespondent Claus Kleber in der Frankfurter Rundschau:
„Die amerikanischen Medien haben die Ideologisierung und Polarisierung, die die Gesellschaft seit Clintons Präsidentschaft entzweit, weiter verstärkt. […] Die kommerziellen Medien der USA haben erkannt, daß Polarisierung ein gutes Geschäftsmodell ist. Sender wie Fox News haben gelernt, daß sie treuere Zuschauer haben, die sich zu höheren Preisen vermarkten lassen, wenn sie ihnen das predigen, was sie ohnehin schon denken. Das alles treibt den Keil, der Amerika zur Zeit spaltet, immer tiefer in das Land hinein. Dabei wird alles aufs Spiel gesetzt, was Amerika an politischer Kultur über Generationen hinweg aufgebaut hat. […] Die Medien, die sich noch bemühen, objektiv zu berichten […] wie der Sender CNN oder National Public Radio oder New York Times und Washington Post, werden marginalisiert und verlieren Hörer und Leser. […]
Früher oder später übernimmt Deutschland jeden Blödsinn, den Amerika vormacht.“

An allem

Die Schauspielerin Katja Riemann hat über ihre Kindheit erzählt. Darüber erschien gestern eine Notiz in der WAZ.
Sie hat als Kind „krasse Ausgrenzung“ erfahren. „Damals war es ein Stigma, Scheidungskind zu sein. […] Ich war praktisch Ausländerin.“
Damals war in Deutschland die Welt noch in Ordnung. Da gab es noch eine Moral. Mit welchen Kindern nicht gespielt werden durfte, darüber wachten moralische Eltern.
Daß das heute nicht mehr so richtig klappt mit der Ausgrenzung. daran sind die „68er“ schuld.

„Ich sare das!“

Anläßlich es 50. Jahrestages der Spiegel-Affäre
Alle Zuständigen haben ihren Nachruf auf Rudolf Augstein verfaßt. Ich – unzuständig – habe ihnen den Vortritt gelassen, hätte aber auch noch etwas zu bemerken.
Den Spiegel habe ich etwa 15 Jahre lang gelesen, mehr oder weniger regelmäßig. Angefangen habe ich damit, als ich 16 war. Eine Zeitlang hatten wir den Spiegel abonniert, er kam montags morgens mit der Post. Ich habe das Heft im Bett gelesen. Aber man kann doch nicht den ganzen Montag im Bett verbringen, und so blieb das Heft dann halb gelesen liegen, bis das neue kam. Und dann dachte ich immer: Hach, das neue Heft ist schon da, ich muß doch noch das vorige lesen. Und bald darauf: Ich muß doch noch das vorletzte lesen. Und dann kam eine Zeit, in der bei uns das Geld noch knapper war als sonst und noch mehr gespart werden mußte als sonst. Und da wurde das Spiegel-Abonnement abbestellt. Auf diese Weise sollte nicht nur das Konto geschont, sondern auch die permanente Papierzufuhr, die die Wohnqualität zu beeinträchtigen begann, gebremst werden. Ich war mir allerdings nicht sicher, ob diese Entscheidung richtig war: Konnte ich es mir wirklich leisten, von der Hauptinformationsquelle der deutschen Öffentlichkeit abgeschnitten zu sein? Ich rechnete damit, wegen der in solchen Fällen üblichen Kündigungsfristen noch einige Monate lang die Hefte in Empfang nehmen zu müssen. Aber siehe da: Nach dem Kündigungsbrief kam kein Heft mehr. Das Abonnement war von einer Woche auf die nächste beendet. Und ich stellte fest: Mir fehlte nichts. Keine Umgewöhnung, keine Entzugserscheinungen. Ich konnte ohne Spiegel prima auskommen. Das letzte Heft hatte die Wahl von Ronald Reagan zum US-Präsidenten gemeldet. Und glauben Sie mir: Seit der Wahl von Reagan zum US-Präsidenten habe ich den Spiegel nur noch ganz selten in der Hand gehabt, und zwar im Wartezimmer des Zahnarztes. Aber da komme icg immer schnell dran. Kaum habe ich das Heft aufgeschlagen, ruft die Zahnarzthelferin: „Herr Loeven, kommen Sie bitte.“ Seither assoziiere ich den Spiegel mit dem Bohrgeräusch beim Zahnarzt.
Augstein ist durch sein Geschäft zu einem steinreichen Mann geworden. In Engelmanns „ABC des großen Geldes“ (1985) wird er als Milliardär eingestuft. Immer wenn ich das erzähle, staunen alle. Ich erzähle auch gern, daß ich mal ein Exemplar vom Time-Magazine durchgeblättert und dabei festgestellt habe, daß der Spiegel in seiner Gestaltung bis ins kleinste Detail eine Imitation des Time-Magazines ist (so wie auch Focus eine Imitation von Newsweek ist).
Als die Spiegel-Affäre die Nation erschütterte, war ich 13 Jahre alt. Diese Affäre hatte etwas mit der Bundeswehr zu tun. Was der Spiegel an der Bundeswehr kritikwürdig fand, war nicht ihre überflüssige Existenz, nicht ihre Funktion („Auftrag“), sondern, daß sie nur „bedingt abwehrbereit“ gewesen sei.

Löste die Spiegel-Affäre aus: Heft 41/1962

Selbst das ging zu weit. Was geschah ist bekannt: Augstein im Gefängnis (seine größte Leistung), Strauß abgemeldet (bis er mit Hilfe der SPD in der Großen Koalition wieder an den Kabinettstisch zurückkehren konnte), und aus dem „kritischen Nachrichtenmagazin“ wurde das „Sturmgeschütz der Demokratie“.

Spiegel-Ausgabe 45/1962

In der Tat, es ist nicht übertrieben: Die Spiegel-Affäre von 1962 war der Anfang vom Ende der Adenauer-Ära, oder, wie ich es letztens irgendwo gelesen habe, „der Anfang vom Ende der ersten Bonner Republik“. Aber dafür sollte man nicht dem Augstein einen Orden verleihen, sondern dem Strauß, oder dem Höcherl, und dem Adenauer.
Hermann Höcherl, CSU, damals Bundesinnenminister, war wohl der einzige in dem ganzen Clan, der die ganze Tragweite der Affäre einzuschätzen in der Lage war. Nicht zu beneiden war er, als er vor dem Bundestag Rede und Antwort stehen mußte und Worte sprach, die zu geflügelten Worten wurden: Man könne „nicht ständig mit dem Grundgesetz unterm Arm“ herumlaufen, und die Aktion gegen den Spiegel sei „etwas außerhalb der Legalität“ gewesen. Strauß war der nicht ganz irrigen Ansicht, daß man dem Parlament die Unwahrheit sagen kann, wenn sie einem nützt. Er übersah aber, daß man das dem Rheinländer Adenauer, nicht aber dem dicken Bayern Strauß verzeiht. Bei Adenauer sagte man: „Ja, ja, der alte Fuchs! Hat mal wieder geflunkert.“ Bei Strauß hieß es hingegen: „Der hat das Parlament belogen.“
Wirklich schön war, wie Adenauer sich vor dem Bundestag künstlich aufregte: „Wir haben einen Ab-Grund von Landesverrat in unserem Lande!“ – „Wer sagt das?“  – „Ich sare das!“
P.S.: Der Staatsanwalt, der die Durchsuchung der Spiegel-Redaktion und die Festnahme von Augstein und einigen anderen so bereitwillig leitete, war Siegfried Buback. Der hatte auch einen schönen Nachruf.

*

Dieser Artikel mit der Überschrift „Ich sare das!“ erschien als „Nachtrag zu den Nachrufen auf Rudolf Augstein“ 2003 in DER METZGER Nr. 66. Einige Angaben sind überholt, z.B. das Spiegel-Layout betreffend. Seitdem (mit Ausnahme der neueren Ausgaben) alle Spiegel-Hefte seit 1948 im Internet gelesen werden können, nutze ich das für das Quellenstudium.

Nicht die Tat macht dich zum Täter, sondern das Urteil

Der Deutsche Jens Söring (45) wurde 1990 im US-Bundesstaat Virginia wegen zweifachen Mordes zu lebenslangem Gefängnis verurteilt. Das Bemühen der Verteidigung, den Mann an die deutsche Justiz zu überstellen (wo er mit seiner baldige Entlassung rechnen könnte) ist jetzt, 22 Jahre nach dem Urteil, erneut gescheitert. Der Begnadigungsausschuß in Richmond lehnte den Antrag ab.
Laut Urteil soll Söring die Eltern seiner Lebendgefährtin getötet haben. Er hat die Tat gestanden. Später widerrief er sein Geständnis. Er habe seine Freundin, die die Tat begangen habe, durch sein Geständnis schützen wollen.
Bei der achten Anhörung vor dem Begnadigungsausschuß, so berichtet die WAZ, hätten „mehrere hochkarätige Ermittler ausgesagt, daß er unschuldig sei“. Und der Schlußsatz lautet: „Warum der Ausschuß diese Einlassungen unberücksichtigt ließ, ist nicht bekannt“.
Dabei ist die Antwort ganz einfach:
Weil es nach US-amerikanischem Recht bei der Überprüfung eines Urteils gar keine Rolle spielt, ob jemand schuldig ist oder nicht. So jedenfalls ist die Rechtspraxis.
Die US-Justiz ist konservativ – noch konservativer als die deutsche. Aus der Sicht konservativer Juristen ist ein Justizirrtum gar nicht möglich. Das Urteil eines Richters ist eine Tatsachenentscheidung. Eine Tatsachenentscheidung wird Tatsachenentscheidung genannt, weil Tatsachen dabei unerheblich sind. Die Entscheidung ist über Tatsachen erhaben. Eine Tatsachenentscheidung richtet sich nicht nach Tatsachen, sondern schafft welche. Wer verurteilt ist, ist schuldig. Wo kämen wir denn hin, wenn man das Urteil eines Richters, einer Autorität, einfach so anzweifeln dürfte! Das wäre ja die reinste Anarchie!
In den USA ist eine solche Praxis besonders ausgeprägt. Aber auch in der deutschen Rechtsgeschichte gibt es Beispiele dafür.
Das konservative Diktum lautet nicht „fiat justitia“, sondern „Ordnung muß sein“. Für die Konservativen hat bei der Rechtsprechung nicht Gerechtigkeit und Wahrheit höchsten Rang, sondern das Ansehen der Justiz. Dieses wird nicht durch einen Justizirrtum beschädigt, sondern durch das Eingeständnis eines solchen.
Würde man einem Romney-Wähler sagen, daß in den USA viele Unschuldige im Gefängnis sitzen, dann würde der antworten: „Na und?“

Oder sehe ich das falsch?

Offener Brief an den Chefredakteur der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung

Sehr geehrter Herr Reitz.
In der Ausgabe Ihrer Zeitung vom 30. August 2012 auf der letzten Seite (der Kinderseite) ist zu lesen: „Wie wird gewählt? Die Menschen in den USA wählen den Präsidenten nicht direkt. Sie stimmen für sogenannte Wahlmänner. Diese Vertreter wählen später den Präsidenten. Damit die Amerikaner den Präsidenten bekommen, den sie haben wollen, müssen sie sich bei der Wahl für Wahlmänner entscheiden, die später in ihrem Sinne stimmen werden.“
Wie können Sie es dulden, daß in Ihrer Zeitung ein solcher Blödsinn verzapft wird? Dazu noch auf der Kinderseite! Kinder mit falschen Informationen zu verwirren gehört sich nicht.
Bei der Wahl zum Präsidenten können die als Wähler registrierten Bürger der USA einem Kandidaten ihre Stimme geben. Die eigentliche Wahl des Präsidenten erfolgt danach durch Electors („Wahlmänner“. Es können auch Frauen sein). Jeder Bundesstaat hat so viele Electors wie Abgeordnete im Kongreß (Repräsentantenhaus und Senat). Hinzu kommen drei Electors für den Distrct of Columbia (Hauptstadt Washington), der zu keinem Bundesstaat gehört.
Die Electors werden nicht gewählt, sondern ernannt, und zwar vom Parlament ihres Bundesstaates. Electors dürfen nicht Abgeordnete und Regierungsmitglieder sein und in kein Amt gewählt sein (Sheriff, Ankläger, Richter etc.). Die Wähler haben keinen Einfluß darauf, wer als Elector den Präsidenten wählt.
Die Electors treten nach der Wahl in der Hauptstadt ihres Bundesstaates zusammen und geben ihre Stimme ab. Die einzelnen Abstimmungsergebnisse werden in die Hautstadt Washington übermittelt und dort zusammenaddiert.
Es ist Tradition, daß alle Electors ihre Stimme dem Kandidaten geben, der – ob mit deutlicher oder mit knapper Mehrheit – in ihrem Bundesstaat die meisten Stimmen von den Wählern bekommen hat, und so geschieht es in der Regel. Es geschieht aber auch immer wieder, daß einzelne Electors eine abweichende Stimme abgeben und einen anderen Kandidaten wählen – oder sogar jemanden, der gar nicht kandidiert hat. Dazu sind sie in fast allen Bundesstaaten berechtigt. Nur in wenigen Bundesstaaten sind sie gesetzlich verpflichtet, sich an das Votum des Wahlvolks zu halten.
So ist das und nicht anders. Aber wenn ich solche Nachrichten wie die zitierte lese, dann könnte ich vor Wut die Wand hochgehen, aber nicht bei mir, sondern in Ihrem Büro. Dazu müßten wir einen Termin vereinbaren.
Bis dahin sollten Sie Ihre Leser richtig informieren und zumindest die zuständigen Ressorts in Ihrem Hause anhalten, keine falschen Sachverhalte zusammenzuphantasieren.
Und da wir schon mal dabei sind:
Nein, Rainer Langhans hat nicht die Kommune I gegründet, Ronald Biggs war nicht der Anführer der Posträuber, Lenin hat nie gesagt „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ und in der Bibel gibt es keine heiligen drei Könige und keine zehn Gebote.

Alice Schwarzer rettet dem Dativ

Alice Schwarzer und die deutsche Sprache – eine auf Gegenseitigkeit beruhende Abneigung!
In der März-April-Ausgabe 2010 von Emma hat die Anführerin der deutschen Damenbewegung geschrieben: „Jedes der sieben Kinder hat eierförmig seinen Fotokopf ausgeschnitten und aufgeklebt – damit Muttern nicht vergisst, wie sie aussehen.“ Damit wem nicht vergißt?
Sie verwendet eine antiquierte Form des Dativ, wie es zu Zeiten von Goethen und Schillern üblich war. Sie will wohl ihrem Text eine Farbe geben. Hemdsärmeligkeit kann man das schlecht nennen, eher ist so eine Art Küchenschürzigkeit beabsichtigt. „Muttern“ – das klingt irgendwie nach „Berliner Schnauze“, jovial und anbiedernd. Allerdings, das sollte sie wissen, steht das Subjekt eines Satzes im Nominativ.
Es scheint ein März-April-Phänomen zu sein; Emma-Ausgabe März-April 1993: „Fortan hielt der Liebling den Mund und hörte zu – zumindest solange Muttern lebte.“ Solange wem lebte?
Geärgert hat sie sich in Emma März/April 2006, weil ein jugendliches Liebespaar nicht bei ihr angefragt hatte, ab welchem Alter sexuelle Aktivität statthaft sei und eine „Muttern“ noch Beihilfe leistete: „Die Geschichte ihrer tollen Nachbarin …, deren 15-jähriger Sohn ein Verhältnis mit einer 13-Jährigen hat, und dem Muttern immer fürsorglich Kondome besorgt.“
Dem wem Kondome besorgt?
Wenn sie sich ärgert, wird sie kathoolsch. Hier liest man ja nicht zum ersten Mal davon, daß Fürsorglichkeit in Gestalt von Kondomen einer Moral widerspricht, die ein Übel – sei es die Ausbreitung von Aids, sei es die unerwünschte Schwangerschaft einer 13jährigen – lieber in Kauf nimmt als dessen „unmoralische“ Verhütung. Die unerwünschte Schwangerschaft einer 13jährigen soll eher hingenommen werden als deren Verhütung mit „unmoralischen“ Mitteln, weil nicht sein darf was nicht sein darf.


Die „Journalistin aus Leidenschaft“ glaubt leider, daß Leidenschaft die Fertigkeiten des Berufs verzichtbar macht. Zu solchen Fertigkeiten gehört die Grammatik, also auch die Fähigkeit, die Casus des Substantivs voneinander zu unterscheiden. Die leidenschaftliche Journalistin, die es fertigbringt, mit allem, was sie sagt, falsch zu liegen, drückt das Falsche auch noch falsch aus.
Um es frei nach Goethen zu sagen: Es irrt der Alice Schwarzern, solang ihr schreibt.

Hat der Wald auch etwas mit Bäumen zu tun?

Es kann der größte Quatsch sein: Wenn er 150 mal erzählt wurde, wird er bestimmt auch noch zum 151. Mal zu Protokoll gegeben.
Zum Beispiel in der Leserbriefspalte der Frankfurter Rundschau:
Ines Schumann aus Göttingen schreibt: „Noch einmal fürs Protokoll: Vergewaltigung hat nichts mit Sex zu tun.“
Ein Sexualdelikt soll nichts mit Sexualität („Sex“) zu tun haben?
Demnächst behauptet noch jemand: Ein Banküberfall hat nichts mit Geld zu tun.

*

Kann mich mal jemand aufklären:
Ist nur verdientes Geld Geld? Ist geklautes Geld kein Geld? Ist gefundenes Geld Geld?

*

Die Göttinger Protokollfüllerin ist bestimmt schlau und erwidert: Ja, Vergewaltigung hat sicherlich mit Se-xu-a-li-tät etwas zu tun. Aber nicht mit Sex.
Aha.
Dann hat also Sex nichts mit Sexualität zu tun?

*

Wenn A mit B und B mit C zusammenhängt, dann hängt auch A mit C zusammen.
Davon bin ich sowieso nicht abzubringen: Alles hängt mit allem zusammen. Alles Seiende bildet einen einzigen komplexen, unauflöslichen Zusammenhang. Das nennt man kohärentes Denken.
Der Beweis dafür ist das Kreuzworträtsel. Würde keine Wupper in den Rhein fließen und wäre der Rabe kein schwarzer Vogel, dann würde der Gustav nicht mehr Gustav heißen, sondern bloß noch Gstv.

Der größte Chefkoch aller Zeiten! oder Et gibt nix, wat et nich gibt

Schon die alten Griechen wußten: Einen Fels kann man zerkleinern. Die geschicktesten unter ihnen nutzten diese Naturgegebenheit für die Bildhauerei. Wenn man einen Apollo oder eine Aphrodite in Stein darstellen will, muß man von dem Stein mithilfe von Hammer & Meißel alles das entfernen, was nicht Apollo bzw. Aphrodite ist, und übrig bleibt: Apollo bzw. Aphrodite und ein Haufen Steine. Den Apollo bzw. die Aphrodite stellt man auf einen Sockel. Aber was macht man mit dem Haufen Steine? Die Steine könnte man, zumindest hypothetisch, in kleinere Steine zerlegen, und die kleineren Steine in noch kleinere. Das hat zwar keinen Sinn, und darum tut man es nicht, aber man kann es sich vorstellen. Man kann sich vorstellen, aus den ganz kleinen Steinchen Sandkörner herzustellen und aus groben Sandkörnern feine Sandkörner, und aus den feinen noch feinere. Man kann aus Sandkörnern Staubkörner machen, und das kann man fortsetzen ad infinitum. Doch nein, sagte Demokrit. Irgendwann ist Schluß. Irgendwann hat man vor lauter Zerkleinerei ein Materieteil vor sich, das so klein ist, daß es nicht mehr zerkleinert werden kann. Dieses nicht mehr zerkleinerbare Materieteil nennt man Atom. Aus Atomen ist alles zusammengesetzt.
Die Idee des Demokrit war grundlegend für die Wissenschaft von der Materie. Sie war im wahrsten Sinne des Wortes elementar. Die Weltanschauung, in die die Überlegung von den elementaren Bestandteilen der Materie einfloß, nennt man Materialismus.
Die Hypothese von den Atomen hat sich durch die Jahrtausende gehalten. Seit etwa hundert Jahren gibt es naturwissenschaftliche Erkenntnisse darüber, daß die kleinsten Bestandteile der Materie in sich strukturiert, d.h. aus Protonen, Neutronen und Elektronen zusammengesetzt sind. Dem Bohrschen Atommodell zufolge besteht das Atom aus einem Kern, bestehend aus einer – je nach Element – verschieden großen Zahl von Protonen und Neutronen, und einer Hülle, bestehend aus Elektronen, die den Kern umkreisen.
Eine Zeichnung dieses Atommodells hat jeder schon einmal gesehen. Aber diese Darstellung ist sehr schematisch. Sie gibt nicht die wahren Größenverhältnisse wieder. Wenn wir uns vorstellen, der Atomkern hätte die Größe einer Erbse, dann wäre die Umlaufbahn des Elektrons vielleicht zehn Meter von diesem Kern entfernt. Und dazwischen?
Tja. Das ist die Frage, von der ich bisher nicht ahnte, welch große Rolle sie für alle Angelegenheiten des Daseins spielt. Fast hätte ich gesagt: Dazwischen ist nichts. Wie leichtsinnig!
Auf den Boden der Materie zurückgeholt hat mich ein Artikel in der Roten Fahne. Das ist, wie Sie wissen, das Wochenblatt des Freizeitvereins MLPD, was soviel wie MüllPD bedeutet, aber selbst gern „Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands“ genannt werden will. Diese Vereinigung fühlt sich nicht einfach bloß dem Vermächtnis der Klassiker des wissenschaftlichen Sozialismus, in aufsteigender Linie Marxengelslenin, Stalin, Mao verpflichtet, sondern vor allem dem Vermächtnis des Lehrmeisters der Klassiker. Und das ist? Sagen Sie bloß, Sie wissen es nicht! Willi Dickhut.
Der Roten Fahne verdanke ich die Einsicht, daß das Bohrsche Atommodell ein raffinierter Propagandatrick der Kapitalisten ist, die der Arbeiterklasse einreden wollen, daß die Materie größtenteils aus leerem Raum besteht. Aber wo kämen wir da hin! Der fundamentale Satz der Lebenserkenntnis, der da lautet „Et gibt nix, wat et nich gibt“ wird in der Roten Fahne auf geradezu dialektische Weise zu der These erhoben: Nichts gibt es nicht. Überall ist etwas. Also auch zwischen Atomkern und den Elektronen befindet sich Materie. Die Arbeiterklasse soll sich bloß nicht mit so’n bißchen Atomkernen und Elektronen abspeisen lassen!

Mithilfe des Bohrschen Atommodells versuchen die Kapitalisten, die Kampfkraft der Arbeiterklasse zu schwächen.

Die Rote Fahne veröffentlichte einen Briefwechsel mit dem Physiker und Nobelpreisträger Wolfgang Ketterle. Der schrieb, sinngemäß: Es ist ja sehr schön, daß Sie in Ihrer Zeitung auch naturwissenschaftliche Themen behandeln, aber so wie Sie das darstellen, ist das falsch. Doch die Rote Fahne konnte auftrumpfen: „In den 40er Jahren wurde die Existenz dieser Materieebene von W. Dickhut umfassend aus dem damaligen Stand der Physik abgeleitet und als kontinuierliche Materie gekennzeichnet.“
Donnerwetter! Er hat also nicht nur, was wir ja schon wußten, dem Karl Marx das Kapital erklärt und auf Lenins Frage „Was tun?“ die Antwort gegeben. Mehr noch: Er hat Einstein und Newton vom Kopf auf die Füße gestellt! Wir können also neue Hoffnung schöpfen, daß auch noch die letzte Frage „Wo kommen die Löcher im Käse her?“ abschließend beantwortet wird.

aus DER METZGER 72 (2005)

Angeblich

Frau Alice Schwarzer mimt mal wieder die Frauenrechtlerin:
„Ich bemerke, daß alle Menschen sehr empört sind, wenn über Türken bzw. Muslime biologistische Vorurteile verbreitet werden. Aber daß Frauen angeblich von Natur aus emotionaler und weniger rational sind oder schlechter einparken können etc. – das hat bisher niemanden gestört.“
Das hat bisher angeblich niemanden gestört.


Ich will mal sagen, was mich stört:
Daß viele Frauen (ich sage nicht: alle Frauen. Ich sage auch nicht: einige Frauen. Ich sage: viele Frauen) von ihrem Frau-Sein ein Privileg für sich herleiten, weniger rational sein zu müssen und schlechter einparken zu dürfen.
Das sind die Frauen, die für Alice Schwarzer schwärmen.

Atomwaffen: Hat es auch Methode, es ist doch Wahnsinn

Gestern meldete die WAZ auf der ersten Seite:
„US-Atomwaffen bleiben in Deutschland.
Die noch in Deutschland gelagerten US-Atomwaffen werden ungeachtet der Bemühungen von Außenminister Guido Westerwelle (FDP) offenbar vorerst nicht abgezogen. Berlin habe sich einverstanden erklärt, daß die Waffen im Land bleiben und sogar mit Milliarden-Aufwand modernisiert würden, berichtete die Berliner Zeitung unter Berufung auf Militärexperten.“
Im Kommentar auf Seite 2 heißt es: „Dabei weiß seit dem Ende des Kalten Krieges eigentlich niemand mehr, gegen wen diese Waffen eingesetzt werden sollen.“
Soll man diesen Satz so verstehen, daß Atomwaffen in einer bestimmten zeitgeschichtlichen Phase noch einen Sinn hatten, den sie nunmehr nicht mehr haben? Beziehungsweise: Daß die Atomwaffenstrategie der USA ihre Rationalität verloren hat (und demnach mal eine hatte)?
Man stelle sich vor, die Regierung würde beschließen, daß die Blindgänger des Zweiten Weltkrieges nicht mehr entschärft werden – und nicht nur das, sondern daß sie auch mit neuen Zündern versehen werden. Das wäre in der Tat irrsinnig. Etwas Ähnliches aber wird mit den Atombomben, den Blindgängern des Kalten Krieges, geplant. Sie sollen uns nicht nur erhalten bleiben, sie werden auch noch modernisiert.
Dem von den USA einseitig vorangetriebenen Wettrüsten haftete immer etwas Wahnhaftes an. Die Potentiale versetzten die Atommächte in die Lage, nicht nur den Gegner vollständig zu vernichten, sondern die Menschheit. Die Potentiale reichten aus, um gleich sechs bis sieben Menschheiten zu vernichten. Da liegt es nähe, vom „Rüstungswahnsinn“ zu sprechen. Wahnhaft ist auch die Vorstellung, durch „Abschreckung“ (also: durch immer mehr Rüstung) Krieg verhindern zu können. (Nicht durch Abschreckung, sondern nur durch Abrüstung ist der Frieden zu sichern).
Mit dem von den USA einseitig vorangetriebenen Wettrüsten war jedoch keineswegs beabsichtigt, ein „Rüstungsgleichgewicht“ zu erhalten. Die Rüstungsstrategie gründete sich auf die Voraussetzung, daß ein termonuklearer Krieg möglich, vorstellbar und vertretbar ist und daß er im klassischen Sinn gewonnen und verloren werden kann. Diese Doktrin gilt nicht nur für die Periode der Systemkonkurrenz. So irrational die Politik mit der Atombombe auch erscheint: ihr wohnt eine perfide Herrschafts-Rationalität inne.
Die USA wollen an der Option, ihre weltpolitischen Ziele mit Massenvernichtungsmitteln durchzusetzen, nicht aufgeben. Die Gefahr eines Atomkrieges besteht weiterhin.
Bitte lesen Sie den Kommentar der DFG-VK Duisburg „Das Zeitalter der Atombombe ist noch nicht beendet“.