An den Ruhrorter Kunstmarkt am Sonntag denkt ihr dran, ja?

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Nächsten Sonntag wieder: Ruhrorter Kunstmarkt
Nächsten Sonntag wieder: Ruhrorter Kunstmarkt. Wir sind wieder dabei. Sie auch?
„Da ist es schön, da geh‘n wir hin.“

Besuchen Sie den Stand der Situationspresse / Buchhandlung Weltbühne mit sichtbaren, lesbaren, hörbaren Eigenproduktionen aus unserem Haus und von befreundeten Künstlern und Autoren mit ihren Arbeiten aus dem „Fliegenden Koffer“.
Erfahrungsgemäß werden Veranstaltungen bei gutem Wetter von vielen besucht. Darum hoffen wir auf viel Besuch, damit wir günstiges Wetter haben (warm, trocken, nicht schwül, windstill).
„Jaja, kommense ruhig und guckten sich das mal hier an“, scheint die Aussage dieses Bildes zu sein.
© Merkfoto
Das Weite suchen (12-20)
Das ist nicht der Kessel des Monats, sondern der Hochofen des Tages.
Aber am Hochofen habe ich ja nicht gearbeitet, …
Was mich an dieser Landschaft so fasziniert: Hier sollte nichts Schönes geschaffen werden. Niemand hat überlegt, wie hier von Menschenhand etwas Schönes geschaffen werden könnte. Und das ist das Schöne.
Das werden viele nicht verstehen, namentlich die, für die die Industrie ein Moloch ist (und die sich nicht klar darüber sind, was sie der Industrialisierung verdanken).
Als ehemaliger Mannesmann-Arbeiter darf ich das sagen (und drauf pochen).
Wie es bei Tucholsky heißt:
„Ich war Stahlarbeiter, ich darf alles.“
(Sowas Ähnliches hat er gesagt).
Aber auch der Auenlandschaften wegen war ich ja hier …

… wo die Bebauung sich an den Horizonz zurückzieht.
Es geht hier nicht um die „unberührte Natur“, sondern um das Unglück des von der Natur unberührten Menschen.
(Auch das Umformen von Erz zu Stahl gelingt durch das Erkennen und Anwenden von Naturgesetzen. Es gibt nichts Unnatürliches (nichts Übernatürliches), aber es gibt die Entfremdung von der Natur).
Das Weite suchen (1-11)
An den katholischen Hochfesten, die in den Frühling fallen, wenn es lange hell bleibt, und die zudem gesetzliche Feiertage sind (wie auch der Fronleichnamstag am letzten Donnerstag), suche ich das Weite. Die Weite mißt sich nicht an der Strecke, sondern am Radius. Und weniger die Suche nach dem Unbekannten treibt mich an als die Suche nach dem Bekannten.
Daß man „nicht zurück“, sondern „nach vorn schauen soll“ gehört zu den dummen Sprüchen. Nein, man soll in alle Richtungen schauen! Das Wieder-Finden ist eine besonders ergiebige Erkenntnisquelle: Sich mit dem Vergessen nicht abfinden!
Ich habe mich diesmal wieder in den südlichen Stadtteilen aufgehalten (von wo ich ja komme, wie Sie wissen), unterwegs mit dem Fotoapparat, der ein Gerät ist, mit dem man die Zeit anhalten kann (alter Menschheitstraum).
Man muß sie suchen, aber man findet sie dort noch: die Auen-Landschaften, wo dem Gras erlaubt wird, erwachsen zu werden, und wo der Blick in die Weite, die man gesucht hat, nicht versperrt wird…
… und wo sich die Bebauung an den Horizont zurückzieht.
A! Das hätte ich ja nicht gedacht, daß mir eigens eine Begrüßung an die Wand gemalt wird! (Als „Wand“ lasse ich einen Verteilerkasten gern gelten).
Je weiter nach Süden, desto kleiner die Häuskes (hier: Mündelheimer Straße). Irgendwann schreibe ich einen Roman, der unter solchen Dächern beginnt.
Den Roman schreibe ich vielleicht nie. Aber den Satz schreibe ich noch oft.
„Butterblumen“ sagte man. Man hat uns erzählt: Aus dem Gras (das die Kühe fressen) wird Milch. Aus den Butterblumen wird Butter.
Man muß von nix ne Ahnung haben, um alles zu erklären.
(Lassen Sie sich nicht täuschen).
Recte: Gelber Hahnenfuß.
Ich weiß noch (so um 1960 war‘s), wie an der Mündelheimer Straße eine katholische Kirche gebaut wurde, und die Leute sich darüber aufgeregt haben: Weil das ja gar nicht wie eine Kirche aussah, sondern irgendsowat Modernes!
Ja, über sowas regten die Leute sich furchtbar auf: über alles.
Hier war ich Briefträger. In dem Haus an der Ecke war ein Lebensmittelgeschäft, und dem Ladeninhaber brachte ich jede Woche die Deutsche Volkszeitung (DVZ). Das erklärte sich von selbst. Die Mannesmann-Werkssiedlung hatte ich gerade hinter mir, wo ich einige UZ für die linken Arbeiter zugestellt hatte. Hier lieferte ich dann die Wochenzeitung für den linken Mittelständler.
Der linke Lebensmittel-Laden ist spurlos verschwunden. Aber die Deutsche Volkszeitung gibt es ja noch. Die heißt jetzt Freitag – ist aber heute ganz anders, nicht mehr so eine alte Tante.
Welche Zeitung möchte eigentlich noch eine alte Tante sein?
Wenn man hier steht, dann weiß man: Hier ist Endstation (der Straßenbahnlinie 8). Und wenn man sich umdreht …
… steht man vor Mannesmann Tor 2.
Als ich bei Mannesmann war, durchquerte ich das Tor kurz vor 6 Uhr (zur Frühschicht) bzw. kurz vor 2 Uhr (zur Spätschicht). Da war ich einer von 12.000.
Die Lehrlinge von Mannesmann haben in Gemeinschaftsarbeit dieses Mahnmal geschaffen, das gegenüber von Tor 1 steht und an die Zwangsarbeiter erinnert, die aus den Ländern verschleppt wurden, die von der faschistischen Wehrmacht überfallen worden waren.
Ein paar Schritte weiter erinnert dieser Findling an die Unterkunft, in der die italienischen Zwangsarbeiter zusammengepfercht waren.
WIRD FORTGESETZT.
Achtet auf den Duis-Punkt!




Auf die Veranstaltung gestern abend wurde bereits hingewiesen.
Ort und Termin der Duispunkt-Veranstaltungsreihe ist nicht zufällig. Denn immer montags abends treffen sich in Bahnhofsnähe die Pegida-Hohlköpfe, um sich an ihrer eigenen Primitivität zu berauschen. Aus den obligaten Gegen-Demonstrationen hat sich Duispunkt entwickelt.
Mehr Informationen über Duispunkt demnächst in diesem Weblog.
Wild gegen die Dummheit, den Haß, die Gewalt
Landschaft im zweiten Futur (14-18)
Die katholischen Hochfeste, die in den Frühling fallen, wenn es lange hell bleibt, und die zudem gesetzliche Feiertage sind („Christi Himmelfahrt“, Pfingstmontag, „Fronleichnam“) nutze ich für ausgedehnte Wanderungen durch Wälder, Felder und Siedlungen – ich sagte es bereits, daß ich es bereits sagte, und sage es noch einmal.
Den Himmelfahrtstag habe ich nicht für eine Fahrt zum Himmel genutzt, sondern an den Teil der Stadt, der an Düsseldorf angrenzt.
Hier wird einem geholfen, auf eine der Ur-Fragen der Philosophie die Antwort zu finden: Wo bin ich hier?
An einem Ort, wo die richtungsweisenden Schilder in der Sonne glitzern! Bei gleichzeitiger Bekanntgabe der Lottozahlen.
Pop Art.
Hier hörte ich zwei Feldlerchen. Die singen im Flug. Es wird gesagt, daß die Schönheit ihres Gesangs nur noch von dem der Nachtigall übertroffen wird. Sie fliegen oft gegen den Wind und „stehen“ in der Luft und singen dabei. Ich konnte sie bei Gegenlicht nicht fotografieren. Aber hier war das.
Sie könnten doch mal einen Aufsatz schreiben über: Der Raps und die Elektrizität. Von mir aus auch: Feld und Energie. Oder: Earth and Power.
Wenn Sie so freundlich wären.
Alle Bilder anklicken zum Vergrößern.
Genau!
Landschaft im zweiten Futur (6-13)
Hat man das Gut Kesselsberg passiert, kommt man an eine Weggabelung. Ich bin immer linksrum gegangen und dachte jedesmal: irgendwann gehe ich rechtsrum. Das wurde also eine lange Wanderung, weil ich mir die Landkarte dieser Gegend wohlweislich erst danach angeschaut habe.
Immer gut, wenn der Autofahrer weiß, wie er nach Duisburg und nach Düsseldorf kommt. Wie man nach Dinslaken kommt, muß er nicht wissen. Da fährt nie jemand hin.
Solange es solche Wege gibt und solche Zäune, und solche Pöhle und solche Kabel, … (vervollständigen Sie den Satz bitte selber).
Ja, gewiß: Ich möchte gern als Landschafts-Fotograf bei Ihnen Ruhm ernten. Aber ich will Sie auch daran erinnern, daß es ein Profit-Interesse an Landschafts-Zerstörung gibt.
Hier könnte man doch zum Beispiel 40 Karriere-Apartments draus machen mit Wirl-Zone und Wellness-Pool. Will jeder, braucht keiner.
WIRD FORTGESETZT.
Landschaft im zweiten Futur (1-5)
Die katholischen Hochfeste, die in den Frühling fallen, wenn es lange hell bleibt, und die zudem gesetzliche Feiertage sind („Christi Himmelfahrt“, Pfingstsonntag, „Fronleichnam“) nutze ich für ausgedehnte Wanderungen durch Wälder, Felder und Siedlungen – ich sagte es bereits, daß ich es bereits sagte.
Den Himmelfahrtstag habe ich nicht für eine Fahrt zum Himmel genutzt, sondern an den Teil der Stadt, der an Düsseldorf angrenzt.
Wenn die Anger (dieser Bach da) Stolz empfinden könnte, dann wäre sie stolz darauf, nicht in einen Nebenfluß oder in einen anderen Bach zu münden, sondern in den Rhein höchstpersönlich.
Haben Sie diese Landschaft wiedererkannt? Von der war hier schon mal die Rede. Ich bin hier, um Erinnerungen zu sichern, die das einzige sind, was hiervon übrigbleibt, solange man Idioten, die sich „Stadtplaner“ nennen, nicht in sehr enge Schranken weist.
In einer Stadt, deren Einwohnerzahl in den letzten 40 Jahren um mehr als 100.000 zurückgegangen ist, weiterhin Fläche zu verbrauchen, ist eine imponierende Leistung in der Kunst des Nichtskönnens.
„Zweites Futur“ oder „Futur zwei“ oder „Vollendete Zukunft“ ist das, was in der Zukunft vorbei sein wird. Oder so.
Man komme mir nur nicht mit „Überkapazitäten der Landwirtschaft“. Auf solchen Flächen könnte erneuerbare Energie angebaut werden. Aber dazu holzt man lieber den Amazonas-Urwald ab! Eine kapitalistische Lösung des Energie-Problems ist keine!
Was sehen wir hier? Gut Kesselsberg (steht bestimmt inzwischen unter Denkmalschutz, was wenig bedeutet). Eine Kulturlandschaft. Der Mensch kann sehr wohl in eine Landschaft eingreifen, ohne sie zu vernichten: Landschaftskultur.
Kann mir das mal jemand botanisch erklären?
Es handelt sich keineswegs um Vogelnester.
WIRD FORTGESETZT.
Alles war, nix is mehr (9)
Ein Stück die Straße runter: Einen (H)Ort besonders fröhlicher Wissenschaft hätte man vorgefunden, wenn man beizeiten durch diese Einfahrt gegangen wäre. Dort war ein umgefallenes Haus. Ein heftiger Windstoß hatte das Haus umgeweht, so daß Seitenwände zu Decke und Fußboden wurden. Von dort sah man, daß eine Frau mittleren Alters im Parterre unentwegt Fenster putzte. Von morgens bis abends. Jeden Tag. Sie unterbrach diese Tätigkeit nur, wenn sie die Fenster zur Straße hin putzte. Ich konnte es mir nicht verkneifen, einmal laut auszurufen: „Hier müßte mal Fenster geputzt werden!“
Das Forschungsinstitut (Sprache, Soziales) betreibt die Wissenschaft inzwischen in einem festen Gebäude, und in dem mittleren Fernster wird jetzt durch Aushang mitgeteilt, daß die Wohnung zu vermieten ist und daß der Mieter zur unaufhörlichen Fensterreinigung sich verpflichten muß.
Gegenüber: Hinter den großen Fenstern befindet sich (oder befand sich zumindest Ende der 60er Jahre) eine dieser evangelischen Einrichtungen, in denen die KDV-Beratung stattfand. Wie evangelisch es in den Etagen da drüber zugeht, weiß ich nicht.
Ach! Das gute alte Pampus gibt es noch! „Essen, trinken, Kunst genießen“. Dem Aushang entnahm ich, daß Mary Heckmann (die Mary) immer noch die Wirtin ist. Zum letzten Mal war ich da drin, da gab es das Eschhaus noch nicht. Zum vorletztem Mal war ich da drin, da gab es die Bröselmaschine noch.
Daneben gibt es nicht mehr das Hotel Garni – ein Stundenhotel, aber auch mal Schimanski-Location.
Und gegenüber, wo sich jetzt ein Laden für aufeinandergestapelte Kartons befindet, befand sich „Luigis Icecream Corner“. Das war ein beliebter Ort für Verabredungen an Nachmittagen.
Einer sagte mir: „Da kann man sich erfreuen am Anblick der Teenies mit ihren niedlichen Popos.“ Und ich dachte: Ach, andere tun das auch?
Früher sagte man: „Vom anderen Ufer“. Dabei ist es doch nur die andere Straßenseite.
Und inmitten all dieser Schwulenkneipen, Altfreak-Kneipe, Stundenhotel, SM-Club und SM-Shop: Das Bischöfliche Sankt-Hildegardis-Mädchens-Gymnasium. (Barbara was here).
Also, nach einem Bischöflichen Gymnasium sieht das nicht gerade aus. An allem nagt die Zeit. Auf das Mädchens-Gymnasium dürfen neuerdings auch Jungens, und damit ist es auch nur noch die Hälfte wert.
Dort in dem gelben Haus, hinter dem Fenster rechts von der Haustür, war eine winzige Firma. Dort machte Jenny ihre Lehre als Glasmalerin, bevor sie sich ganz der Musik widmete. Bei uns in der Wohnung lagen viele ihrer wirklich gekonnten Glasmalereien herum.
Jenny, oh, Jenny!
Da, bei Eller-Montan, arbeitete Barbara. Nachmittags, wenn sie Feierabend hatte, stand ich da, wo das Schild ist, und wartete auf sie, und dann war es ein richtig schöner Tag. Bei Eller-Montan arbeitete sie nur in den Semesterferien. Sonst studierte sie Jura in Bonn, und ich wohnte bei ihr auf der Kaiserstraße. Warum hat sie mich verlassen?
Ich will sie alle wiederhaben, denen ich auf den Hintern hauen durfte, also auch die Anne, die Erika, auch die Stefanie, und auch die Christina, und von den jetzt nicht namentlich Genannten auch ein paar – natürlich alle so jung und schön, wie sie waren, als sie mich verließen.
Und dann heirate ich sie alle. Geht das?
Geht nicht?
Bei der Erschaffung der Welt muß irgendwas schief gelaufen sein.
Alles war, nix is mehr (8) oder Auf der Suche nach der fröhlichen Wissenschaft
Die Firma gibt‘s also noch. Die heißt auch noch so. Und die sieht ja auch noch fast genauso aus wie „zu meiner Zeit“. Aber ob die Firma noch mit Fug als „Hort der fröhlichen Wissenschaft“ aufgefaßt werden kann, steht dahin.
Imposante Schmiede-Eisen-Architektur! Links, wo ich einst eintrat, ist jetzt geschlossen. Dafür kann man jetzt durch die Mitte gehen. So ändern sich die Zeiten.
Das Ganze von der anderen Seite betrachtet (von Norden – der Norden heißt hier: Wittekindstraße). Blick über den Schullow. Die „Löbenicht-Eiche“ (hinten links) überragt inzwischen die Gebäude. Kaum einer wird wissen, daß die Eiche so heißt. Darum braucht man sie auch nicht zu fällen. Sie kann ja nichts dafür. Als ich hier als Sextaner meine Laufbahn begann, war die Eiche gerade gepflanzt worden und diente in ihrer jugendlichen Mickrigkeit als Symbol für die Dürre der heimatvertriebenverbandlichen Phrasen. Das möchte ich nämlich am heutigen Tag den Nachrufen auf die Genossin Margot Honecker entgegenstellen: Wir sollten im Kalten Krieg zu linientreuen Anhängern des westdeutschen Revanchismus erzogen werden, was nicht so recht hinhaute.
Dort hinter dieser Skulptur, die wohl irgendwas symbolosiert oder von jemandem gestiftet wurde oder beides ist der Vordereingang, der aber nie benutzt wurde, sondern nur der Vornehmheit diente.
Ich träume aber oft, durch diese Tür ins Freie zu treten. Das ist dann eine Situation des Entkommens.
Der Park war der Pausenhof für die Oberstufe (zu betreten durch die bescheidene Tür des „Neubaus“).
Der Park ist heute eingezäunt. Das Foto entstand zwischen zwei Zaunlatten.
Der „Neubau“ (Anbau) diente der Exklusivität der Oberstufe. Dort hinter jenen Fenstern im ersten Obergeschoß strebte ich als Oberprimaner dem Finale entgegen.
Die Firma litt permanent an Raum-Mangel, woran sich nichts geändert haben dürfte, weil heutzutage alle Eltern davon überzeugt zu sein scheinen, daß ihre zehnjährigen Kinder (mindestens: hochbegabt) unbedingt aufs Gymnasium gehen müßten und somit das Mittelmaß dort die Gänge verstopft. Und dann auch noch: Verkürzter Bildungsgang.
Aus lauter Verzweiflung wurde dem Neubau ein Anbau (dem Anbau ein Neubau) hinzugebaut.
Ich dachte damals: Hier lernt man zu wenig. Ich erwartete mehr Leistung von dem Bildungsunternehmen. Aber als Hort der fröhlichen Wissenschaft konnte das Unternehmen durchaus gelten (nicht im Nietzscheschen, sondern im Godardschen Sinne).
Zwei wertvolle Bldungsinhalte konnte ich mir auf der Oberschule aneignen:
1. Die Fähigkeit, mich in mißlichen Situationen irgendwie durchzuwurschteln und rauszuwinden,
2. Quatschmachen (auf einem gewissen intellektuellen Mindestniveau) und den Wert dieser Fähigkeit erkennen.
Ich könnte noch als Drittes erwähnen: Die Erkenntnis, daß man die wichtigsten Kenntnisse und Befähigungen als Autodikakt sich selbst beibringen muß.
Alles war, nix is mehr (7)
Auf dem Dellplatz begann früher der Ostermarsch. Können Sie sich das vorstellen: Dieser Platz voll mit Menschen? Einige tausend Leute haben hier Platz.
Als der Ostermarsch-Auftakt dann (vor Jahren!) zur Königstraße verlegt wurde, haben sich bestimmt hier noch darüber nicht informierte Leute getroffen und gesagt: „Alles war, nix is mehr.“
Nächstes Jahr am Ostersamstag gehe ich hier hin, sammle die Letzten um mich und sage: „Kommt, wir fangen nochmal von vorn an!“ Dann gehen wir den Neo-Ostermarschierern entgegen und rufen „Ho – Ho – Ho-Tschiminh!“
Wie sinnig! Da, wo jetzt die Stadtsparkasse nicht mehr drin ist, ist jetzt so‘n Kreditheini drin.
Was von dieser Ecke am Dellplatz blieb, ist ihre Schönheit.
Was verschwand, ist die Buchhandlung Agora – vorher: Oststraße, klein und links, dann: Dellplatz, groß und nicht mehr ganz so links, dann: Pleite.
Ich habe sie alle überlebt.
Ach! Das Geschäft Droll gibt es noch. Droll Gaststättenbedarf. Hier kann man Kochtöpfe besonderer Größe kaufen oder Schilder, wo draufsteht „Für Garderobe wird nicht gehaftet“ etc. Im Schaufenster hängen auch tatsächlich noch ein paar Suppenkellen, ansonsten aber ist der Laden vollgestopft mit Second-Hand-Kram jeder Art.
Wir haben da früher immer stangenweise Plastikbecher gekauft für unsere Kaffee-Aktionen – Kaffee bei politischen Veranstaltungen 1 Becher 1 Mark.
Das kann sich heute kein Mensch mehr vorstellen: Kaffee aus PLASTIK-Bechern! Das ist ja so, als würde jemand sich irgendwo eine Zigarette anstecken!
Aber damals ging das.
(Ein Glück, daß ich nicht mehr rauche! Da brauche ich in keine Katakombe zu fliehen).
Also das ist das Café Graefen. Benannt darach, daß es von dem Künstler Eckard Graefen (siehe METZGER 19) gestaltet wurde.
Jetzt heißt das nur noch „Das Café“. Wieso wurde „Graefen“ gestrichen?
Ich war da übrigens nie drin.
Gucken Sie mal das Balköngsken über der Eingangstür. Zum Ausrufen einer Republik wohl nicht ideal.
Ebenfalls im Dellplatz-Orbit, doch hier ganz unauffällig: hinter den Fenstern im Parterre residierte einst der Herr Guido Oehler. Aber über den habe ich ja schon ein anderes Mal berichtet. Ich muß ja nicht alles zweimal erzählen.
Alles war, nix is mehr (6)
Wer hier reinfährt, fällt auf die SPD rein.
Nein, ich wollte sagen:
Wer hier reinfährt, fährt bei der SPD rein.
Handelt es sich hier vielleicht um so ein berühmtes „schwarzes Loch“? Wo immer nur was reingeht, aber nie was rauskommt?
In diesem schönen Haus Mercatorstraße 100 wohnte der Pfarrer Essen.
Der Name wird kaum einem von Ihnen geläufig sein. Darum wird hier bei späterer Gelegenheit bestimmt nochmal davon die Rede sein müssen.
Ich bin froh, diese Generation noch erlebt zu haben.
Ja, was ist das denn? Auf der Mercatorstraße (hier: südlicher Abschnitt) stehen noch Bäume?! Die muß der Oberbürgermeister Sören Link (SPD) wohl übersehen haben. Was sollen die Investoren dazu sagen?
Gucken Sie mal rechts:
Man befindet sich hier ziemlich genau in der Mitte des Territoriums der Stadt Duisburg. Und hier, mitten in der Stadt (und nicht etwa dort, wo man in die Stadt hineintritt) stellen die ein Schild auf: „Herzlich willkommen in Duisburg“.
Die Forma Eller Montan gibt es wohl nicht mehr. Aber das Eller-Montan-Haus (rechts im Bild) steht treu & fest.
Hingegen: Die Deutsche Bahn AG gibt es noch. Aber ihr Gebäude in der Mitte des Bildes (alter Güterbahnhof) verfällt so vor sich hin.
Finden Sie, daß das hier jetzt besser aussieht als vorher?
Zu dem Ende der Mercatorstraße (da, wo jetzt der gläserne Hut nicht mehr ist – but: the investor was here) gehe ich schon gar nicht mehr hin. Ich will das nicht mehr sehen!
Als Heimatdichter, als einer, der sich immer zu seiner Liebe zur Heimat bekannt hat, bekenne ich heute:
Daß ich – bis auf eine zehnmonatige Unterbrechung – mein ganzen Leben in dieser Stadt verbracht habe, bereue ich nicht.
Wenn ich aber vor 30 Jahren diese Stadt verlassen hätte und nun wieder käme und all diese Verwüstungen sehen würde, die hier mutwillig angerichtet wurden, dann würde ich es auch nicht bereuen, hier weggegangen zu sein.
FORTSETZUNG FOLGT.
Alles war, nix is mehr (5)
„Ich will doch auch den Frühling genießen“, sagte ich. Und was tu ich in so einem Fall? Ich gehe am Samstag/Sonntag durch die Stadt spazieren. (Das ist, wie ich schon sagte und zu wiederholen nicht müde werde, nicht die einzige Genuß-Variante. Aber auch heute ist von DIESER die Rede).
Beim Lehmbruck-Museum ins Fenster geschaut. Das sind doch lauter sorgfältig ins Regal gestellte Aktenordner, nicht? Schau ich da ins Büro? Oder ist das eine auf Büro-Ordnung bezugnehmende Skulptur?
Man hat ja schon erlebt, daß eine Putzfrau den Joseph-Beuys-Fleck wegwischte (wodurch es leichter fiel, zu erklären, was „Fluxus“ bedeutet). Hat hier vielleicht ein Kurator das Büro auf den Sockel gestellt?
Das Schöne an der Kunst ist ja, daß man es nie so genau weiß (soll heißen: daß man immer auch auf die andere Möglichkeit zurückgreifen kann).
Neue Marktstraße. Im ersten Stock wohnte Willi Kissmer. Den habe ich dort nur einmal besucht, obwohl ich nur zwei Straßen weiter wohnte (Goildstraße). Unten in dem Laden war eine Bäckerei. Der Willi Kissmer sagte, der Bäcker wäre ein „konservativer Anarchist“. Wer weiß!
Die Rolläden öffnen sich schon lange nicht mehr (weil keiner sie öffnet).
Und wie immer, wenn man was fotografieren will, hat jemand ein Auto davor gestellt.
Den Goldenen Anker gibt es auch schon nicht mehr (stattdessen jetzt: „Pianobar“). Dabei war der Goldene Anker eine Goldgrube: ein landesweit gerühmtes Striptease-Lokal – auch mal Schimanski-Location. Wenn man früher, was ich oft war, nachts auf Duisburger Straßen unterwegs war, wurde man oft von Leuten in Autos mit auswärtigen Kennzeichen gefragt, wo es hier zum Goldenen Anker geht. In den Sankt-Pauli-Nachrichten war über das Lokal mal ein großer Bericht. Es konnte passieren, daß man, wenn man sagte, daß man aus Duisburg kommt, erfuhr, daß man aus einer ganuz verruchten Stadt kommt (Goldener Anker).
Und jetzt?
Und jetzt alle:
„Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise!“
(Musik: Norbert Schultze, Text: Fritz Grasshoff).
Die Reise geht Richtung Basel oder Richtung Rotterdam. Oder: Rhein-Herne-Kanal.
Von Florida Table Dance verspreche ich mir gar nichts.
FORTSETZUNG FOLGT.
Alles war, nix is mehr (4)
Mal so gesehen:
„Ich will doch auch den Frühling genießen“, sagte ich. Und was tu ich in so einem Fall? Ich gehe am Samstag/Sonntag durch die Stadt spazieren. (Das ist nicht die einzige Genuß-Variante. Aber heute ist von DIESER die Rede).
Die Volksbank (früher: Vereinsbank – was ist der Unterschied?) ist umgezogen. Links daneben: das Gebäude, aus dem die Stadtbibliothek ausgezogen ist. Was geschieht mit Gebäuden, aus denen Banken und Bibliotheken ausgezogen sind? Richtig!
Schnell noch hin und ein Erinnerungsfoto machen, bevor die Birne kommt. Ich kann mir zu gut vorstellen, wie das demnächst aussehen wird – in Zeiten, in denen der Beruf des Architekten nur noch von Knallköppen ergriffen wird (siehe: Mercatorhalle einst und heute. Oder: Karstadt einst und heute. Et cetera pepé).
Hier auch!
Von der Steinschen Gasse der Blick in die Altstadt hinein wird als Schandfleck bezeichnet. Na und? Die Schandflecken sind mir allesamt lieber als alles, was bei den Versuchen, sie zu beseitigen, von ihnen übrigbleibt.
(Komisch: „Schandflecke“ wäre richtig gewesen. Aber dagegen sträubt sich die Rechtschreibprüfung. Gegen „Schandflecken“ wird kein Einwand erhoben).
Der Stadtwerketurm wird als Fabrikschornstein seit 2012 nicht mehr benötigt. Die Demontage ist geplant, aber der Turm steht unter Denkmalschutz. Man erwägt, die Rohre zu demontieren und nur das Gerüst als „Landmarke“ stehen zu lassen.
Der 200 Meter hohe Turm ist von fast jeder Stelle in der Stadt aus zu sehen. Ich hatte – in den 70er Jahren war‘s – die kühne Künstler-Idee, den Turm aus allen möglichen Perspektiven zu fotografieren – ein Turm mit variierenden Vordergründen. Dazu komme ich jetzt wohl nicht mehr.
Oder ich fang doch noch damit an.
Vordergrund: Das Lehmbruck-Museum. In der Mitte: „Liegende Figur zweiteilig“ von Henry Moore. Die haben wir uns im Kunstunterricht angeguckt (Untertertia).
Früher waren oben auf dem Turm zwei rote Lampen, die nachts rhythmisch aufleuchteten.
Ich war mal mit dem Bott nachts in Hochfeld unterwegs. Der Bott sagte: „Guck mal. Da oben sitzen zwei und schmoken Chillums.“
Direkt an den Stadtwerken liegt das Puff-Viertel (sinniger Name: Vulkanstraße). Da sollte man nicht so offensichtlich mit einem Fotoapparat hantieren, das könnten manche Leute in den falschen Hals kriegen.
Aber gucken Sie noch mal eben schnell die Technik am Fuße des Turmes! Ist das nicht bombastisch?
An der Fassade da drunter das Puff-Emblem.
FORTSETZUNG FOLGT.
Vergesst mir die Hessenstraße nicht!
Was soll das heißen? Recycling als atheistisches Gewerbe?
Auch eine schöne Reklame.
Ich weiß zwar nicht wofür. Aber darauf kommt es ja auch gar nicht an. Sondern: Schön soll sie sein.
Wenn man sowas sieht, könnte man glatt meinen, man wäre auf dem Land. Dabei befinden wir uns hier mitten in der Großstadt.
Die frauenfeindliche Inschrift auf der grünen Tür durch Pixelierung unkenntlich gemacht.
Sagte ich schon, daß die Hessenstraße in Duisburg-Neudorf eine zwar bebaute, aber adressenlose Straße ist? Hier befinden sich nur Hintertüren.
Während die grüne Tür (zweite von links) nach oben gerutscht zu sein scheint, ist das Garagentor ein bißchen tief geraten. Den schmalen Streifen dazwischen würde ich auch nicht unbedingt als Bürgersteig bezeichnen.
Mit Fenstern ist man in dieser Gegend recht sparsam.
Und da hat man sich gedacht: Noch schöner ist das Leben, wenn man die Fenster im Parterre vergittert.
Auf dem kleinen Schildchen auf dem braunen Garagentor steht: „Garagenzufahrt freihalten“.
Als ob Leute, die Garagenzufahrten versperren, lesen könnten!
(Wenn das die Garage von dem Strähler wäre, der hätte bestimmt anläßlich der Rechtschreib-Reform da ein neues Schild hingehängt: „… frei halten“).
Als ob ich‘s nicht immer schon gesagt hätte: Schaumbaden war noch nie so schön!
Das Foto zum Zwanzigsten
Walter Kaufmann
Auf diese Lesung muß ich nicht mehr hinweisen, sie hat schon stattgefunden. Der Zeitungsausschnitt von gestern informiert über den Autor Walter Kaufmann.
Er ist nicht einer der bekanntesten deutschen Schriftsteller, wohl aber einer der interessantesten. Daß er, aus Deutschland vertrieben und nach Deutschland zurückgekehrt seine Heimat in der DDR fand, will ich hervorheben.
Daß in der Buchhandlung Weltbühne das Werk dieses Autors besonders beachtet wird, versteht sich von selbst. Auf das im Zeitungsartikel genannte neue Buch „Meine Sehnsucht ist noch unterwegs“ verweise ich (Verlag Neues Leben, 15 Euro).
Hier wird man auch noch einige vergriffene Titel finden.
Besonderer Hinweis heute:
Schade, dass du Jude bist. Kaleidoskop eines Lebens – Autobiografische Erzählungen. Prospero Verlag. 17.95 Euro.

















