„About the Flowers and the Trees“

Der erste Samstag im Oktober hat mit dem letzten Samstag im März zu tun. Selbe Gegend. Selbe Absicht. Selbe Hoffnung.

FlowersTrees01Good old everlasting Sternbuschweg (o., u.).

FlowersTrees02FlowersTrees03Gneisenaustraße.

FlowersTrees04FlowersTrees05FlowersTrees06FlowersTrees07FlowersTrees08Helles Grün vor hellem Blau – verändert.

FlowersTrees09So sieht das manchmal aus, wenn ich das Haus verlasse.

FlowersTrees10FlowersTrees11Schweizer Straße, Weg zum Botanischen Garten, Seitenblick.

FlowersTrees12Botanischer Garten (o., u.).

FlowersTrees13FlowersTrees14There! She! Goes!
(Prospekte verteilen).

FlowersTrees15Zauberstäbe!

Wieder, immer wieder!

Wieder sah ich ein Baugerüst stehen.

BaugeruestUnd wie immer, wenn ich ein Baugerüst stehen sehe, mußte ich an SIE denken!

Manchmal, wirklich nur manchmal, vermisse ich sie doch noch ein ganz kleines bißchen.
Ja!

Wie das kommt, daß ein Baugerüst, ausgerechnet ein Baugerüst mich an SIE erinnert
und mich sehnsuchtsvoll an ihren so ganz besonders betörenden Körperteil denken läßt, das …

… das erzähle ich Ihnen vielleicht ein anderes Mal.

Oder fragen Sie sie doch selbst!

Alle überflüssigen Vorsätze…

…werden irgendwann gebrochen.
BBkonkretEs geschehen noch Z. und W.!
Nach über 40 Jahren endlich mal wieder ein schönes Sex-Foto in Konkret! (Heft 8/2014).
BBnackigDaß diese (Art von) Darstellung in der jetzigen finsteren Zeit wieder mit „Revolte“ (oder sagen wir nüchterner: mit Auflehnung) assoziiert wird, läßt hoffen (siehe DER METZGER Nr. 40).

Was ist das denn für eine blöde Reklame!

LustAmDenkenDieses fotografische Unvermögen! Oben alles dunkel in dunkel. Kontrast: Glückssache. Unscharf. Farbe: bräunliche Lichtsauce.
Natürlich ist das alles so „beabsichtigt“. Damit das alles so „spontan“ erscheint in seiner „Unfertigkeit“. Inkompetenz ist auch dann, wenn sie mit Absicht vorgetragen wird, immer noch Inkompetenz. Und „spontan“ ist in den meisten Fällen nur eine Beschönigungsformel für „unüberlegt“.
Aber diese höchstpräzise plazierten Kleckse! Genial! Bin beeindruckt.
„Meine“ Lebensphilosophie. Von wem? Wer ist das? Die da, die die Kühnheit, mit der sie ins Leben glitscht, durch eine verkehrt rum aufgesetzte Schirmmütze symbolisiert – so wie das alle tun, die „irgendwie“ anders zu sein scheinen wollen. Jedenfalls „irgendwie“.
Wieso „Philosophie“ – gar noch „Lebens“-Philosophie? Dem einfachen Gedanken wird mit solcher Umschreibung Monstrosität angeklebt. Er wird als Zumutung beschrieben. Wem die Lust am Denken abhanden gekommen ist, macht hinter jeden Tag ein Plus. Gegen das, was als „positives Denken“ euphemisiert wird, kämpfen selbst die Götter vergebens.
„Ich denke nicht, also bin ich nix, sondern trinke stattdessen irgendso’n Zeug.“ Sie hat sich sagen lassen, daß es ihr schmeckt.
Gegen die Unlust am Denken helfen keine Pillen und keine Essigsaure Tonerde. Oh, wäre deren Manifestation doch gebührenpflichtig!
Wenn von der Philosophie der Gedanke weggenommen ist, bleibt sowas übrig: Man soll sich immer auf das „Bauchgefühl“ verlassen. Oder: Man soll „nach vorne schauen“ (wahrscheinlich deshalb die verkehrtrume Mütze). Die ganze Banalität des mißlungenen Daseins hat einen Grund: „Ist nur so’n Bauchgefühl.“
Das Produkt, für das hier geworben wird, ist der austauschbare Vorwand. Reklame gemacht wird weniger für das Produkt selbst, sondern für die Blödheit, mit der man sich als idealer Konsument qualifiziert (ist nur so’n Kopfgedanke).
Ein nur sehr sparsam umhülltes Hinterteil mag zwar a priori zu einer erfreulichen Betrachtung einladen. (Übrigens: mit nicht viel Liebe fotografiert). Aber wenn sich der Eindruck aufdrängt, daß hier nur die Natur klug war und die schönste aller Formen über die Banalität des Bewußtseins hinwegtäuschen soll, bin ich nicht interessiert. Was sollte ich von einer erwarten, deren Verstand dem Hintern nicht gerecht wird!
Wann werden endlich diese Rollbretter durch die Straßenverkehrszulassungsordnung untersagt?

Ostermarsch 2014 in Duisburg. Die Reportage.

OM2014-01Ostersamstag, früher Morgen. Es tut sich was auf dem Asphalt.
OM2014-02Große Ostermärsche werfen ihre Schatten voraus.
OM2014-03Die Leute, die früher immer riefen „…raus aus Afghanistan“ (um à la longue in die Regierung zu kommen), rufen das jetzt nicht mehr, obwohl (bzw. weil) es dafür jetzt Gründe gäbe.
OM2014-04
OM2014-05
Felix, alter Kämpe! Ich wollte, wir hätten mehr von der Sorte.
OM2014-06Die DFG-VK in Duisburg hat die Nähe zur Partei nie gescheut.
OM2014-07Es war eine gute Idee, die Band Orkestar Varbista einzuladen. Wirkliche Könner auf ihren Instrumenten, die populäre und revolutionäre Melodien verjazzten.
OM2014-08In der Samstag-Morgen-Sonne in Frühling haben auch die schönsten Männer weiße Haare.
Drauf geachtet, rechts im Bild? Konstantin Wecker kommt dieses Jahr wieder zum UZ-Pressefest.
OM2014-09Diese Partei ist auch da und wahrscheinlich wieder dafür & dagegen. Für mich sind das Analphabeten. (Die kaufen keine Bücher). Die meinen, sie hätten genug Papier.
OM2014-10Eberhard, der geduldige Aufklärer.
Asian Beauty.
OM2014-11Rote Fahnen, graue Haare.
OM2014-12Sevim Dagdelen (MdB Die Linke) hielt eine Rede. Sie attestierte der SPD, nicht reif für eine rotrotgrüne Koalition zu sein (sehr richtig!) und kritisierte auch ihre eigene Fraktion wegen aufweichender Haltung in der Frage von Auslandseinsätzen.
OM2014-13Nicht mehr das Tauben-Blau, sondern Rot ist die Farbe dieses Ostermarsches. Gefällt mir.
OM2014-14Buch gekauft. Gut.
OM2014-15Seltsam! Auch in diesem Jahr keine Beschwerde und (hörbare) Aufregung über unsere Make-Love-Not-War-Plakatbotschaft mit Erikas Merkspruch zum Merken. Emanzen erschrecken klappt anscheinend nicht mehr so richtig. Oder werden jetzt hinter verschlossenen Türen und vorgehaltenen Händen Boykott-Beschlüsse gefaßt? Bedarf es solcher Beschlüsse eigentlich?
Gut dazu passend: „Worum es geht“.
OM2014-16Hört zu, wenn Bernd Funke spricht.
OM2014-17-Die Partei zeigt endlich auch mal wieder Farbe.
OM2014-18Und hinterher wieder alles schön einpacken.

Fotos: DFG-VK

Was ist ein 68er?

Wat is en 68er? Ich bin kein 68er. Wenn Sie mich so nennen wollen, tun Sie’s. Wenn Sie das anerkennend meinen: gut. Wenn Sie das abwertend meinen: auch gut. Ich bezeichne mich nicht so. Ich kenne 68er. Mir sind viele über den Weg gelaufen, aber ich habe immer das Gefühl, denen über den Weg gelaufen zu sein.
Was ist ein richtiger 68er? Das ist einer, der mir im Februar 1968 gesagt hat: „Mensch, geh mir doch weg mit deinem Vietnam! Dat will doch keiner hören. Du bist ein unverbesserlicher Idealist! Bleib mir vom Leib mit Politik. Politik ist was für Proleten.“ – um mir dann im April 1968 zu attestieren, daß ich vom Widerstand des vietnamesischen Volkes gegen den US-Imperialismus nichts begriffen hätte, ich sei ein unverbesserlicher Pazifist, dem für die Strategie des antiautoritären Lagers gegen die Repression durch das Establishment vollends der Durchblick fehlt. Im Januar 1969 zeigte der richtige 68er mir einen Vogel, als er mich beim Lesen einer maoistischen Zeitung antraf, und im März 1969 erklärte er mir, daß ich, als typischer Kleinbürger, eine antiautoritaristische Macke hätte, aus mir würde nie ein anständiger Marxist-Leninist, weil mir für die proletarische Strategie vollends der Durchblick fehlt.
1971 erklärte mir der richtige 68er, daß ein unverbesserlicher 68er bin, der nur Politik im Kopf hat, anstatt im inneren Raum nach dem inneren Licht zu suchen. Für die psychedelische Katharsis fehlte mir einfach der Durchblick. 1973 erklärte mir der richtige 68er, daß ich ein unverbesserlicher Hippie und ständig bekifft bin. 1976 riet er mir, Dieter Duhm und das Neue Lote Folum zu lesen, ich sei nämlich 30 Jahre zurück. In den letzten Jahren habe ich vom richtigen 68er immer öfter gehört, daß Widerstand und Opposition Kinderkram ist, mit dem man nichts bewirkt.
Der richtige 68er hat mir attestiert, daß ich Reformist, Anarchist, Revisionist, unpolitisch, politisch, Dogmatiker, Abweichler, Sexist, Mitläufer, Außenseiter, Individualist, Stalinist und Pornograf bin, und zwar alles „unverbesserlich“. Der richtige 68er war immer schon „weiter“. Aber dahin wollte ich nie.

Wie kommt denn dieser Text hierher? Geschrieben habe ich ihn am 25. Februar 2001.
Das ist nämlich so: Mit Windows xp ist Schluß. Jetzt kommt Windows 7. Also muß ich unzählige Uralt-Text-Dateien, die noch in Uralt-Formaten gespeichert sind (TXT, sdw) hervorkramen und in einem neuen Format speichern, damit sie in Windows 7 überhaupt noch sichtbar gemacht werden können. Da tauchen im Keller die längst vergessenen Fragmente und Entwürfe auf, so auch dieses Dokument einer allgemeinen Verärgerung, das immerhin zwar zu Ende geschrieben, aber dann doch liegengelassen wurde – wohl für nicht gut genug gehalten. Naja, zum Besten, was ich geschrieben habe, gehört das ja auch nicht.
Ich zitiere es als Dokument meines beharrlichen Bemühens, dem Klischee von „68“ entgegenzuwirken. Das ist mir besser gelungen in dem Aufsatz „Es gibt keine 68er-Bewegung“, abgedruckt im Katalog der Ausstellung zur Jugendkultur des Kultur- und stadthistorischen Museums. Denn die Ziffer „68“ ist ein feindseliges Gerücht, weil damit eine Epoche zur Saison verkleinert wird. Wer sich selbst als „68er“ bezeichnet, ist keiner.
Die Verdikte Reformist, Anarchist, Revisionist, … Stalinist“ et cetera pepé (er)trage ich gelassen, vermisse es aber sehr, daß ich immer noch nicht als Trotzkist entlarvt worden bin. Besonders gefällt mir „Pornograf“.

Ich kann Ihnen übrigens versichern, daß es sich bei dem zitierten „echten 68er“ tatsächlich immer um ein- und dieselbe Person handelt – der einmal einem über mich erzählte, ich würde ja ständig meine Meinung ändern.

Barbara-1„Was haben Sie 1968 gemacht?“
Barbara-2
Wir haben uns die Freiheit genommen.
Barbara-HFP(Bild aus „Nummer 4“, Hut-Film).

Wechselstrom oder Die Liebe in den Zeiten des Telefons (4)

Als ein neues Semester begann, änderte sich ihre Stimmung. Meine quirlige, temperamentvolle Freundin war plötzlich sehr zurückweisend, die personifizierte Übellaunigkeit.
Sie rief mich an: „Du wirst jetzt mal einen Monat lang nichts von mir hören, ja? Ich muß mich auf mein Studium konzentrieren. Ich kann ja nicht ständig für dich da sein. Also laß mich in Ruhe.“
Na, das war ja gottvoll! Für sie hatte ich zu jeder Tageszeit den Stift aus der Hand fallen lassen und war für sie zu jeder Nachtzeit aus dem Bett gesprungen. Um ihr einen Weg von hundert Metern zu ersparen würde ich ihr die Tasche durch die ganze Stadt nachtragen. Und jetzt tat sie so, als würde ich ihr ihre Zeit stehlen. Ich hatte ganz beiläufig und ohne Hintergedanken einen Satz gesagt, den sie noch eine Woche zuvor unterschrieben hätte: daß das Studium doch nicht das Wichtigste im Leben ist. Jetzt verstand sie das so, als ob ich ihre Befähigung zum Studium angezweifelt hätte. Sie schrie mich an. „Das hätte ich von dir nicht erwartet. Du denkst auch, eine Frau könnte nicht Elektrotechnik studieren!“
Ich hatte gar nichts derartiges gesagt. Zwar war es mir etwas seltsam vorgekommen mit ihrer Elektrotechnik. Sie hatte mir unumwunden gesagt, daß sie in Mathe eine Fünf und in den naturwissenschaftlich Fächern schwache Noten hatte, und daß sie ein technisches Fach nur deshalb studierte, um ihrem ehemaligen Mathelehrer zu beweisen, daß sie doch was drauf hat. Als ich sie mal fragte, wie Wechselstrom eigentlich funktioniert, führte sie mir vor, daß sie sich ein fundiertes technisch-naturwissenschaftliches Wissen angeeignet hatte.
Anrufen durfte ich sie jetzt auch nicht mehr. Das wertete sie als Störmanöver gegen ihr Studium.
„Und weißt du was? Ob es dir gefällt oder nicht: Ich nehme eine Stelle als Hilfskraft an. Unbezahlt!“
„Unbezahlt?“
„Jawohl! Unbezahlt!“
Meine Güte, jetzt wurde ich albern:
„Und was machst du, wenn sie dir eine Bezahlung anbieten? Ablehnen aus Prinzip?“
„Ach, halt doch die Klappe!“
„Du willst arbeiten ohne Geld? Womöglich noch dem Professor die Tasche hinterhertragen?“
„Würde ich tun. Ich würde dem auch die Schuhe putzen. Ich würde auch mit ihm schlafen, wenn es meinem Studium nutzt. Für mein Studium würde ich alles hergeben, auch meinen Stolz.“
Bezwinge sich wer kann. Zum Glück konnte ich. Ich sagte: „Darüber solltest du lieber nochmal nachdenken“ und legte den Hörer auf.
Ich war zornig, auch auf mich selbst. Ich war in einem Zustand, den ich nicht mag: Ich war eifersüchtig. Um in dem Moment darüber nachzudenken, ob ihre Schroffheit weniger dem Fortgang ihres Studiums dienen sollte, sondern vielmehr der Versuch war, sich von mir abzuschirmen und die Turbulenzen einer undefinierten Beziehung abzuwerfen, war ich zu aufgeregt. Vielleicht hätte ich mit einem solchen Gedanken meine Rolle in dem ganzen Drama überschätzt. Vielleicht überschätzte ich mich gerade dadurch, daß ich auf diesen Gedanken gar nicht kam.
Eine halbe Stunde später rief sie mich wieder an.
„Bitte entschuldige, was ich gesagt habe. Das war dumm von mir.“ Sie klang jetzt sehr kleinlaut. „Das war wirklich dumm, was ich da gesagt hab. Ich hab das gar nicht gemeint. Du hast ja recht.“
Das reichte allerdings noch nicht, um mich zu beruhigen. Das mußte ich doch noch loswerden:
1. ob die noch alle auf der Latte hätte?
2. ob sie noch ganz gescheit wäre?
3. ob sie noch alle Tassen im Schrank hätte?
4. ob ihr eigentlich klar sei, was sie dahergeredet hatte?
„Paß mal auf, Mädchen! Wem du die Tasche putzt und die Schuhe hinterherträgst, ist deine Sache. Mit wem du schläfst, ist erst recht deine Sache. Aber was du mir sagst, dafür bist du mir verantwortlich. Du gibst nicht nur deinen Stolz preis, sondern auch meinen. Meinen Stolz auf dich gibst du preis! Du verdienst eine Tracht Prügel!“
„Huch!“
„So daß du zweieinhalb Tage nicht mehr sitzen kannst auf deinem – verführerischen – – verwirrenden – – – auf deinem betörenden Hinterteil!“
„Ohhh!“
„Das willst du ja nur! Gib‘s zu!“
Sie war beindruckt. „Schlägst du denn wenigstens etwas milder zu bei einer Anfängerin?“
„Bei dir? Milder?? Ha!!!“
„Ohhh! Weißt du, was mich glücklich macht? Du willst mich deshalb versohlen, weil du mich gern hast.“
„Weshalb denn sonst??“
„Du liebst mich.“
„Ja! Ich liebe dich, du Schaf!“
„Ich liebe dich doch auch, du Blödmann!“
„Du – Biest!“
„Du – Knallkopp!“
„Du – Frauenzimmer!“
„Esel!“
„Trulla!“
„Ich hab von dir geträumt. Wir haben uns geküßt. Der Kuß war sehr leidenschaftlich. Und dann hatte ich was Großes von dir in meinem Mund – Ich werde mich jetzt nicht mehr dagegen wehren.“

Ich habe ihr sogar meinen Regenmantel geliehen!

Ich habe ihr sogar meinen Regenmantel geliehen!

Wie sich herausstellte, ging das aber nicht einfach vonstatten. Denn sie hatte wieder eine von ihren Ideen.
„Ich will ein paar Kilo abnehmen. Ich will mein Idealgewicht von 60 Kilo erreichen.“
„Aha. Und wieviel Kilo müssen runter?“
„Sechs Kilo.“
„Aha. Und wozu das ganze?“
„Ich fühle mich dann wohler. Und dann sehe ich besser aus.“
„Du siehst phantastisch aus.“
„Du hast doch gesehen: mein dicker Hintern auf dem Foto.“
„Ach was, das Foto täuscht. Dein Hintern ist ideal! Dein Hintern ist aphroditisch! Dein Hintern ist der Traum meiner sehnsuchtsvollen Nächte!“
„Mein Hintern wird dir noch mehr gefallen, wenn ich 60 Kilo wiege. Ich mach das doch für dich, Junge! Damit du noch mehr von meinem Hintern entzückt sein kannst!“
Und dann verkündete sie mir:
„Wenn ich das geschafft habe und 60 Kilo erreicht habe, will ich eine Belohnung von dir bekommen. Dann soll es geschehen. Dann sollst du es es mit mir machen.“
Von nun an überwachte ich streng ihre Mahlzeiten. Ich ordnete an, daß der Kaffee ohne Milch und Zucker getrunken werden muß. Ich studierte Kalorientabellen. Ich ließ mir die Meßdaten ihrer Figurfortschritte durchgeben: ein Kilo geschafft, zwei Kilo geschafft, zweieinhalb Kilo geschafft, und ich fürchtete zugleich, die Selbstkasteiung der Kalorienkur könnte ihre Stimmung beeinträchtigen. Aber wenigstens in dieser Hinsicht konnte sie mich „beruhigen“:
„Ich hab‘ mir heute eine Tafel Schokolade genehmigt.“
„Was? Eine Tafel Schokolade? Du quälst mich!“

FORTSETZUNG FOLGT

Wechselstrom oder Die Liebe in den Zeiten des Telefons (3)

Es hatte einen Skandal gegeben. Peter Dietz vom Eschhaus hatte für eine Veranstaltung der Grünen ein Plakat entworfen, das in der „Szene“ als „sexistisch“ identifiziert wurde, natürlich erst, nachdem das Plakat in Umlauf gebracht worden war, sonst wär‘s ja nur ein kleiner Skandal gewesen, und man empört sich eben lieber über große Skandale. (Das Plakat zeigte ein Rock‘n‘Roll-Tanzpaar). Jedenfalls beschloß ich, daß dieser „sexistische“ Künstler das Cover für die nächste METZGER-Ausgabe (Nr. 37) gestalten sollte. Bei dieser Gelegenheit erzählte er mir:
„Du hast ja in der Szene ein sehr negatives Image.“
„Tatsächlich? Ich dachte eher, man würde mich tunlichst ignorieren.“
„Weit gefehlt. Man munkelt. Man sucht nach Gründen und findet welche. ‚Kennst du schon die neueste Schote vom Loeven und seinen zwei Frauen?‘ Und jetzt auch noch ein Buch mit Sex-Geschichten!“
Na, dachte ich, jetzt fängt‘s an, Spaß zu machen. Übrigens war Christina nur ein einziges mal im Eschhaus.

M037Christina bekam Besuch aus ihrer mittelrheinischen Heimat. Das war Össi, so ‘ne Art Jugendfreund.
„Der Össi würde gern mit mir was anfangen. Aber ich will das nicht. Der will mich heiraten. Aber der setzt nichts bei mir in Gang, verstehst du? Sexuell regt sich da nichts bei mir.“
Sie hatte mir ein Klassenfoto gezeigt. Da stand sie neben ihrem damaligen Freund. „Und sieh mal: Der Typ, der da hinter uns steht, das ist der Össi. Der stand immer in der Nähe und hat immer aufgepaßt und immer gewartet, daß ich mit meinem jeweiligen Freund Schluß mache, damit er dann drankommt.“
Und jetzt war dieser Össi eine Woche lang zu Besuch bei ihr. Der Einfachheit halber übernachtete er auch bei ihr, und zwar zusammen mit ihr in ihrem Bett, „ohne daß etwas passiert“. Ich wußte ja, daß sie im Bett nichts anhat. Sie schläft nackt. Ich fragte vorsichtig, ob sie, solange sie ihr Nachtlager mit dem teilt, dann doch einen Pyjama trägt oder sowas. „Nein. Du weißt doch: Ich schlafe immer nackt.“
Jetzt werde ich aber mal moralisch: zusammen in einem Bett, und dann auch noch nackt, „ohne daß etwas passiert“. Dafür habe ich wenig Verständnis.
Und nun sollte ich Össi kennenlernen, in Christinas Dachwohnung auf der St.-Johann-Straße. Er war ein etwas dicklicher, linkischer Typ, der nicht so recht wußte, ob er mir die Hand geben und ob er mich mit „Sie“ anreden mußte. Er war mir schon deshalb unsympathisch, weil er bei der Bundeswehr den Grundwehrdienst abgeleistet hatte. Der war zu doof gewesen, sich davor zu drücken. Und wie kann man nur Össi heißen? Als er mich sah, dachte er bestimmt: „Also schon wieder einer! Na ja, dann warte ich den eben auch noch ab.“ Während dieser festklebende Reservist schweigend dabei saß, redete Christina über unser Buchprojekt, und sie breitete wieder mit allen Details ihre sexuellen Phantasien vor mir aus, über die er nicht mitzureden hatte. Dafür durfte er, nachdem ich gegangen war, seine Göttin nackt sehen und neben ihr liegend sich Mühe geben, Berührungen zu vermeiden.
Als ich ging, wußte ich nicht, über wen von den beiden ich mich mehr ärgern sollte. Über sie, daß die das mit dem macht? Oder über ihn, daß der das mit sich machen läßt? So ging ich zu Fuß von Hochfeld nach Neudorf, denn wenn man schlecht gelaunt ist, muß man zu Fuß gehen.
Als der Reservist endlich wieder weg war, spazierte ich mit Christina die Lotharstraße entlang.
„Also mit dem Össi wird das nichts“, sagte sie. „Das hab ich ihm auch diesmal wieder gesagt, daß das nichts mit uns gibt und daß sexuell nie was zwischen uns laufen wird. Der würde ja gerne, und wartet, bis ich für ihn frei bin. Aber ich will den nicht. Zum Beispiel: Der würde mir nie den Hintern versohlen.“
„Weiß der denn überhaupt, daß du auf Spanking stehst?“

Das hätte der Herr Össi NIE getan! Und Christina hätte man auch wohl kaum je mit High Heels gesehen.

Das hätte der Herr Össi NIE getan! Und Christina hätte man auch wohl kaum je mit High Heels gesehen.

„Natürlich weiß der das!“ rief sie entgeistert. „Das habe ich ihm selbstverständlich gesagt, daß ich darauf stehe und daß ich mich danach sehne und daß ich das brauche und daß ich das von einem Mann erwarte. Aber das kann der nicht. Der ist eben ein Schlappschwanz wie die meisten Männer. Für den bin ich doch eine Göttin. Der himmelt mich an. Aber das reicht mir nun mal nicht.“

An einem Abend rief sie mich an. Ich erkannte ihre Stimme kaum. Sie war verheult, ihre Stimme vor Verzweiflung verzerrt.
„Helmut, kann ich zu dir kommen? Ich weiß sonst nicht, was ich machen soll. Es ist Weiterlesen

Wechselstrom oder Die Liebe in den Zeiten des Telefons (2)

Unseretwegen hatte sie darauf verzichtet, nach ihrem ersten Semester sich in ihr mittelrheinisches Herkunftsgebiet zu begeben, sondern sie blieb in der Stadt, die sie nicht zuletzt mittels unserer Mitwirkung als ihre Heimat angenommen hatte. Ihr erster Besuch bei uns war übrigens an Rosenmontag. Jeglicher karnevalistischen Anwandlung war sie ebenso abgeneigt wie wir, und so war dieser Tag, den wir in kontemplativer Zurückgezogenheit zu begehen pflegten, die ideale Gelegenheit gewesen, uns fern von der Außenwelt unserer Verschworenheit zu versichern.

Christina saß am liebsten bei uns in der Küche

Christina saß am liebsten bei uns in der Küche

Nun wurde ich allerdings von ihr zum Duell herausgefordert. Diese Sportkanone, die im Judo schon manchen Kerl aufs Kreuz gelegt hatte, wollte mir ihre Kraft demonstrieren und forderte mich zum Armdrücken heraus. Was für einen Quatsch man mitmacht, wenn man bezirzt wird! Wir brachen den Zweikampf ab, als es nach zehn Minuten noch keinem gelungen war, den Arm des anderen auch nur um einen Millimeter wegzuschieben. Ich bot ihr remis an.
Als sie sich verabschiedete, bat sie mich noch um einen Gefallen. Ich würde mich doch bestimmt mit erotischer Literatur auskennen und hätte doch bestimmt „solche Bücher“. Hatte ich.
„Ich hab jetzt ein paar Tage frei. Da will ich was Schönes lesen. Ein gutes Buch, aber eins, daß es bei mir kribbelt, verstehst du?“ Verstand ich.
„Kannst du mir was leihen?“ Konnte ich.
Ich zog ein paar Bücher aus dem Regal, zum Beispiel Maud Sacquard de Belleroches „Memoiren einer Frau von vierzig Jahren“ (beide Bände), Jakobsens „Memoiren eines Apfelessers“ und noch ein paar Sachen.
Zwei Tage später am frühen Nachmittag kreuzte sie unerwartet bei mir auf, stürmte herein, warf ihre Tasche auf einen Küchenstuhl und setze sich.
„Also, Helmut, du hast mir da vielleicht ein paar Bücher gegeben! Die haben mich ja ganz schön in Erregung versetzt. Ganz toll! Ich hab den ganzen Tag gelesen, ich konnte das gar nicht mehr aus der Hand legen. Das war ein Genuß! Wie hast du das bloß aufgetrieben? Weißt du, was ich am besten fand? Da war so eine ganz lange Geschichte, da erzählt einer, wie er als Student ein ganz junges Mädchen kennenlernt und was der mit dem Mädchen erlebt.“
„Ach, diese Geschichte. Ja, die kenne ich.“
„Kennst du? Das ist wirklich hervorragend geschrieben, das ist richtige Literatur. Aber zugleich auch – hmm. Das hat gewirkt. Du weißt, was ich meine. Die Geschichte habe ich immer wieder gelesen. Ich hab mir vorgestellt, ich wäre das Mädchen in der Geschichte, und der Mann würde das alles mit mir machen.“
„Das hast du dir vorgestellt? Daß du das Mädchen bist?“
„Jaja!“
„Und daß der Mann das alles mit dir macht?“
„Ja.“
„Das ist bemerkenswert.“
„Wieso?“
„Jetzt verrate ich dir ein schockierendes Geheimnis.“
„Sag!“
„Also, der Name des Verfassers ist ein Pseudonym.“
„Ist anzunehmen.“
„Diese Geschichte habe ich geschrieben.“
„Waaas? Die hast duuu geschrieben? Wirklich? Das ist ja – Ehrlich?“
„Ja.“
„Du? Das ist ja phantastisch! Mensch! Wenn ich das gewußt hätte! Ich gratuliere dir! Und das ist alles so passiert?“
„Die reine Wahrheit! Nichts erfunden!“
„Die Glückliche!“
Christina war nunmehr davon überzeugt: „Du bist ein phantastischer Liebhaber.“
„Aber Christina! Sowas sagt man doch nicht einfach so ungeprüft. Bevor man sowas sagt, muß man das doch erst mal in der Wirklichkeit erproben.“
Sie schüttelte den Kopf. „Nicht nötig! Wer sowas schreiben kann, der ist ein phantastischer Liebhaber.“
(Es gibt Momente, da möchte man in einen Tisch beißen).
Sie sagte mir zum Abschied noch, die Lektüre erotischer Texte habe sie zu dem Entschluß gebracht, selbst solche Texte zu schreiben. Wir könnten uns ja dann unsere Geschichten am Telefon gegenseitig vorlesen. So geschah es dann auch. Sie rief mich an einem der nächsten Abende an. Sie rief frohgemut, sie habe jetzt ihre ersten zwei erotischen Geschichten geschrieben, und sie las sie mir vor. Bei der ersten handelte es sich um eine verschwärmte Huldigung an einen ihrer aus der Ferne bewunderten Kommilitonen, einen genüßlichen Lobpreis seiner vorteilhaften Erscheinung und eine Handlung, bei der heiße Wünsche Vater des Gedankens waren. In der zweiten Geschichte berichtete sie, wie ein Teenager (also sie) den Liebhaber ihrer Mutter so lange triezt, bis ihm der Kragen platzt („Weißt du, was du verdienst?“). Den „Liebhaber“ hatte sie mit meinen Wesenszügen ausgestattet und ihm auch meinen Namen gegeben. Dann aber wartete sie mit dem Entwurf eines Artikels auf, den sie für den METZGER schreiben wollte, in dem sie sich kritisch mit dem Feminismus auseinanderzusetzten gedachte. Christina wetterte leidenschaftlich gegen Zickigkeit und Prüderie der Emanzen und wies sie als Versuch, Frauen in ihrer Selbstbestimmung zu beschneiden, zurück. Daß durch einen Artikel im METZGER nicht sogleich das gesamte europäische Geistesleben von Grund auf umgekrempelt wird, darauf mußte ich sie vorsichtig aufmerksam machen.

UniCampusChristina rief mich an. Sie sei in der Uni gewesen und nun nach Hause gefahren. Aber ihre Tasche sei noch in der Mensa. Die solle ich ihr doch bitte nach Hause bringen.
Weil ihr die hundert Meter vom Fahrradständer zur Mensa zu weit waren, durfte ich ihr die Tasche von Neudorf nach Hochfeld nachtragen. Das habe ich auch getan. Für ein Dankeschön.
Ich hielt es daraufhin für erforderlich, eine Fotografie von ihr anzufertigen. Sie stellte sich in Cat-Balou-Pose vor die Kamera, die ich auf dem Stativ in 50 Zentimeter Höhe aufgestellt hatte.
Mit dieser Fotografie sollte zum Ausdruck kommen, wie vollkommen ich von ihr beherrscht wurde.
Diese energisch in die Hüften gestemmten Arme! Dieser über die Schulter geworfene herausforderne Iswas?-Blick!
Und dieser Arsch!

ChristinaLHOOQChristina sah das Foto und rief: „Bo! Was habe ich da für einen dicken Arsch! Du hast mich aber auch so fotografiert, daß mein Hintern so richtig plastisch hervorgehoben wird! So richtig zum Draufhauen! Nicht schlecht eigentlich.“
„Ich wollte nicht nur zeigen, daß du mich beherrschst, sondern auch: wie.“
„Und was bedeutet ‚LHOOQ‘?“
„Das mußt du französisch aussprechen. Dann klingt es: ‚Elle a chaud au cul‘. Das heißt auf deutsch: Sie hat Weiterlesen

Wechselstrom oder Die Liebe in den Zeiten des Telefons (1)

Ich wollte schon lange mal erzählen, wie ich mal den Ostermarsch zum Stillstand gebracht habe. Aber das ist nicht leicht erzählt. Es hat etwas mit Kanada zu tun und im weitesten Sinne auch mit Wechselstrom. Ich muß also etwas ausholen. Und weil es auch mit Christina zu tun hat, könnte ich – was, zugegeben, das eigentliche Motiv für die Niederschrift dieses Berichtes ist – auch Liebeskummer schreibend bewältigen (wovon dann allerdings noch reichlich übrigbleiben wird). Mit neuem Liebeskummer bin ich in den letzten zweidrei Jahren nicht knapp beliefert worden, und wer schon mal geliebt hat (solche Leute gibt es), der weiß, daß das ein haltbares Gut ist, und der ahnt, daß da noch beträchtlich Bekümmernis früherer Lebensphasen wirkt und wütet. Wer viel geliebt hat und gern geliebt hat und auf den Pfaden der Liebe auch dann weiterwandelte, wenn sie durch unübersichtliches Gebiet führten, der trägt was mit sich herum, das können Sie mir glauben. Vielleicht wollen Sie ja auch endlich mal erfahren, warum ich die St.-Johann-Straße in Hochfeld nicht ohne einen melancholischen Seufzer entlanggehen kann. Also lesen Sie jetzt bitte diese Geschichte, sonst hat es ja keinen Zweck.

StJohannStrChristina kam aus der Provinz, um hier zu studieren. Sie geriet in mein Blickfeld, weil sie eine Freundin meiner Frau war. Der Freundin der Frau Aufmerksamkeit in mehr als dem schicklichen Maße zukommen zu lassen, ist eine Sache, die ich nicht unbedingt jedem empfehle, sondern nur solchen, die „Je ne regrette rien“ zu einem Lebensmotto zu erheben fähig sind (es kommt natürlich auch darauf an, mit welcher Frau man zusammenlebt).
Aus der Provinz kommend, war die 20jährige blonde Schönheit vom Lebensalltag mitten im bevölkerungsreichsten Ballungsgebiet Mitteleuropas überwältigt (nicht nur im positiven Sinne). Dieses motherless-child-Gefühl schwand, als sie uns kennenlernte. Wir (meine Frau und ich) machten damals täglich unseren Uni-Büchertisch, von dem heute noch manche Legende sagt und singt. Christina fand uns und die Dinge, mit denen wir uns beschäftigten, „unheimlich interessant“. Sie fühlte sich geehrt, von uns wahrgenommen und anerkannt zu werden, von Leuten also, die „schon unheimlich lange“ und mit Ernsthaftigkeit eine – wie könnte man sagen – selbstbestimmte, den uneinsehbaren Zwängen bürgerlicher Konventionen trotzende Existenz praktizierten (ich war damals Anfang dreißig). Es wäre mir schwergefallen, sie nicht wahrzunehmen, so wie die aussah, und so gescheit wie die war. Sie bewunderte uns. Ich muß sagen: Ich habe nur selten einen so wißbegierigen und begeisterungsfähigen Menschen erlebt, und auch nur selten einen so mitteilsamen. Sie redete und redete und redete sich alles vom Herzen, was sie gesehen und erlebt hatte und was ihr durch den Kopf ging. Und sie wollte alles erklärt haben. Dieses blasierte Desinteresse der jeunesse dorée war überhaupt nicht ihre Art.
„Erzähl mir doch mal etwas über den Ostermarsch“, wollte sie wissen, oder: „Was ist das: VVN?“
„Das ist die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes.“
„Was? Das gibt es? Was ich durch dich alles erfahre! Durch dich gehen mir die Augen auf!“
Daß das alles mit Subversion zu tun hatte, mit lustvollem Sich-einfach-über-die-Regeln-Hinwegsetzen, machte die Sache für sie richtig spannend. Sie konnte sich für Politik begeistern, weil sie nicht nur eine notwendige Beschäftigung ist, sondern auch Spaß macht. Aber ein anderes Thema beschäftigte sie mehr, und das war der Sex. Ich würde mal schätzen: Über 80 Prozent ihrer Reden und ihrer Gespräche mit mir handelten vom Sexuellen, und es war auffällig und nicht uncharmant, daß sie die Wörter „sexuell“ und „Sexualität“ mit scharfem „S“ aussprach. „Sexuell“ mit scharfem S klingt sexy.
Es wird wohl so gewesen sein, daß ihre plötzliche Begeisterung für das linksradikale Milieu von der Annahme herrührte, daß die linken Umstürzler die bürgerliche Sexualmoral hinwegfegen und der reinen Lust den Weg ebnen. Ich dachte: „Mädchen, wenn du dich da mal nicht irrst.“ Ich sagte: „Du kannst nicht vom Einzelfall auf das Gesamte schließen.“

christina2Wie fast alle sinnlichen Frauen war sie für die Liebreize des eigenen Geschlechts sehr empfänglich. Aber sie entschied: „Ich finde das ungerecht! In Illustrierten, im Kino und in der Werbung sieht man immer schöne Frauen. Das ist ja auch gut so. Das soll ja ruhig so sein. Aber warum sieht man nicht genauso oft schöne Männer? Ich will nackte Männer sehen!“
Ich antwortete: „Das hat alles ja mit Rollenbildern und gesellschaftlichen Machtstrukturen und dem ganzen Tralala zu tun. Aber könnte es nicht sein, daß – darüber hinaus und davon abgesehen – weibliche Schönheit deshalb in der Darstellung vorherrscht, weil Frauen nun mal das schöne Geschlecht sind?“
„Nein!“ rief sie entschieden. „Männer sind auch schön!“ Und dabei leuchteten ihre Augen.
Ich durfte mir unentwegt ihre Elogen anhören über ihre männlichen Kommilitonen, denen sie eine „göttliche“ Gestalt attestierte. „Göttlich“ war einer ihrer Lieblingsausdrücke, und die Gerhard-Mercator-Universität zu Duisburg muß wohl – für mich zuvor ungeahnt – eine einzige Parade von Adonissen gewesen sein. Ein anderer Lieblingsausdruck war „spannen“. Sie „bespannte“ die einherflanierenden Kommilitonen ungehemmt, das heißt: sie tastete mit Blicken ihre Körperlinien ab und versuchte auch, mit Blicken Signale des Einverständnisses auszusenden.
Ich mußte sie aufklären: „Es freut mich ja, wenn deine Blicke den meinen folgen, wenn ich die Aphroditen und Myrrhinen und Kallipygen betrachte. Aber meine Blicke folgen den deinen nicht überall hin. Denn ich bin sowas von unschwul, sowas von hetero, das ist schon fast wieder pervers.“
Sie wollte von mir wissen, wie ein Mann das empfindet, „wenn er Weiterlesen

Die besten Geschenkideen haben wir

Reden wir nicht lange drumrum: Die besten Geschenkideen haben wir.
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hl-cd-heinecover-fluecht1Kommen Sie doch mal gucken und achten Sie auf unsere Eigenproduktionen.
Oder gucken Sie ins Netz. Wir empfangen ODER wir beliefern Sie gern.
Wir haben auch so schöne Neujahrs-Postkarten selbst gemacht.
Ist es in diesem I-Mehl-Zeitalter nicht ein fast schon vergessenes Gefühl, eine richtige Postkarte aus dem Hausbriefkasten zu nehmen?
Zum Beispiel:
Postkarten (und auch Kunstdrucke) nach Aquarellen von Magda Gorny
pk54-gorny-sonne
Postkarten aus dem Weltbühne-Universum:
pk64-kater
Heimat-Postkarten von Hafenstaedter (Duisburg zer- und gefällt):
pk73-hafen-blumensprayer-2
Für das schaurig-schöne Wohlgefühl der Moraltanten jedes Alters und Geschlechts haben wir auch was Schönes:
pk66-stefanie
Die ganze Postkartenherrlichkeit finden Sie hier.

Der vor anderthalb Jahren schier aussichtslos scheinende Überlebenskampf der Buchhandlung Weltbühne scheint heute gar nicht mehr so aussichtslos. DENN: Wir haben uns angestrengt. UND: Einige haben sich darauf besonnen, daß sie dem Unverdruß auf der Gneisenaustraße etwas Aufmerksamkeit und Liebe schulden. Wenn das so weitergeht, überleben wir. (Aber nur, wenn das so weitergeht).

M102CoverHaben Sie schon mal daran gedacht, ein METZGER-Abonnment zu verschenken? Das kostet 30 Euro (für die nächsten 10 Hefte) oder 50 Euro (für alle zukünftigen Hefte).
Schenken Sie Ihrem Freund ein ewiges METZGER-Abonnement. Wenn er Sie verläßt, wird er Sie trotzdem nie ganz los.
Beziehungsweise:
Schenken Sie Ihrer Freundin ein ewiges METZGER-Abonnement. Wenn sie Sie verläßt, wird sie Sie trotzdem nie ganz los. (So ging es mir ja auch mit meinen Freundinnen).

Wir müssen die Feste feiern, wie sie uns gefallen.

(Bitte den Link auf diese Seite als Rundmail verschicken).

1. Dezember Geburtstag: 45 Jahre DER METZGER

Am 1. Dezember 1968 (Sonntag) wurde die erste Ausgabe von DER METZGER hergestellt (und somit ist das auch der Geburtstag der Situationspresse).
Ich weiß nicht mehr, wann ich mich entschlossen hatte, diese Zeitschrift zu gründen. Es war vielleicht gerade mal eine Woche vorher gewesen. (Früher, als wir noch Latein in der Schule hatten, nannte man sowas: Ad-hoc-Entscheidung). Ich zweifelte allerdings nicht daran, daß ich mit 64 Jahren immer noch mit der Herausgabe dieser Zeitschrift beschäftigt sein werde. (Früher nannte man sowas: Lebenswerk).
Die erste Ausgabe umfaßte 12 Seiten und enthielt eine Kurzgeschichte, einige Gedichte (auch welche von mir, oh je oh je!) und ein paar Buchhinweise. Die 12 Wachsmatrizen hatte ich am Samstagabend in einem Schwung auf meiner Reiseschreibmaschine getippt und die Überschriften und die eine Strichzeichnung mit einem Spezialstift in die Wachsmatrizen geritzt.
M01CoverIch begab mich am Sonntagnachmittag zu Fuß nach Hochfeld zu Siegfried Baumeister (hab ich den schon mal hier erwähnt?). Der hatte eine Vorkriegs-Hektografiermaschine mit Kurbelbetrieb. Da war ein Mädchen zu Besuch, eine dunkelhaarige Schönheit, die mir schon öfters bei Demonstrationen und Apo-Aktivitäten aufgefallen war und die ich unbedingt mal kennenlernen wollte. Und die half mir fleißig, die Blätter zu sortieren und zusammenzuheften, damit die Hefte am Montag Vormittag auwm Schullow verkauft werden konnten (Preis: 40 Fennich).
Das war der Anfang einer intensiven, lang(wierig)en, mehrmals von vorn beginnenden, höhepunktreichen und unbeschreiblich lustvollen Liebesbeziehung. Es lohnt sich also, Zeitschriften zu gründen.
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Alle half

Anne half

Mehr über die abenteuerliche Geschichte dieser verdienstvollen Zeitschrift kann man nachlesen in dem Gespräch anläßlich der hundertsten Ausgabe 2012 auf Gasolin-Connection.

Lustig listig trallerallalla, bald ist…

NikolausLinkshaenderHat jemand gewußt, daß der Nikolaus Linkshänder ist?
Und SIE freut sich.
(Sie hat aber gar nicht bei der Patriarchin nachgefragt, ob sie sich überhaupt freuen darf*).
fmUnd die finden das auch lustig.

* Frau Alice Schwarzer verlangt, daß Darstellungen von Frauen, die bei Erleiden von Schmerz Freude erkennen lassen, als ganz besonders harte Pornographie zu verbieten sind. Was eine Frau schön findet, darf sie umhimmelswillen nicht selbst bestimmen!

Die geheimnisvolle Aldi-Kassiererin

Wer verrät mir das Geheimnis der geheimnisvollen Aldi-Kassiererin? Die ist mir aufgefallen, weil sie immer besonders freundlich zu mir ist.
An einem Samstagnachmittag schob ich meinen noch leeren Einkaufswagen in den Laden hinein. Sie stand im Eingangsbereich und schaute mich fröhlich und zugleich erstaunt an: „Sie kommen aber heute schon früh. Sonst kommen Sie doch immer erst später.“
Das ist doch ungewöhnlich, daß sie registriert, zu welcher Tageszeit ich für gewöhnlich einkaufe, zumal die sich darauf doch gar nicht einzurichten braucht. Seither registriere ich sie nicht mehr bloß als eine nette, hübsche junge Frau, als eine sympathische Aldi-Kassiererin, sondern als eine, die mich anscheinend kennt. Bloß woher? Muß ich die kennen? Wohnt die in der Nachbarschaft? Wohnt die vielleicht bloß ein Haus weiter? War die schon mal bei mir in der Buchhandlung? Nein, das wäre mir unvergeßlich.
Sie ist schlank, etwas kleiner als ich, hat streng zurückgestecktes Haar und einen buschigen Pferdeschwanz. Ich finde sie hübsch. Aber, verdammt nochmal, wer ist das?
AldiSternbuschwegOder bilde ich mir bloß was ein? Gewiß, es gibt junge Frauen, die was für ältere Herren übrig haben (ich weiß das). Aber ich bin doch nicht der einzige juvenile Sechziger, der hier durch den Laden zu rauschen pflegt. Ist das die Tochter von jemandem, den ich kenne? (Hoffentlich liest die das jetzt nicht. Dann denkt die vielleicht: Meingott, weiß der Trottel denn wirklich nicht, wer ich bin).
Nein, ich bilde mir das nicht bloß ein. Ich stellte mich an der Kasse an, wo sie kassierte. Sie sah mich und strahlte mich an, winkte mir zu. Vor mir standen sechs oder sieben Leute. Denen hat sie nicht von Ferne zugewunken. Ich hab ihr auf den Busen geschaut und so erfahren, wie sie heißt (da hing ein Schildchen). Der Name sagt mir nichts. Ihren Vornamen erfuhr ich, als ihre Kolleginnen mit ihr sprachen.
Sie ging festen Schrittes durch den Laden, an mir vorbei, und grüßte mich freundlich: „Hallo!“ Sie ist an zwanzig anderen vorbeigeschritten, aber nur mich hat sie gegrüßt.
Sie ist mir aufgefallen, weil sie dem Filialleiter etwas zurief. Es klang wie ein Tadel – wegen irgendeiner nicht vorhandenen Ware, und der Filialleiter rechtfertigte sich ein wenig kleinlaut vor ihr. Ist das die Tochter von Herrn Aldi? Eine gute Partie. Jedenfalls ist sie couragiert. Das liebe ich bei Frauen.
Mir fällt ein: Als in der WAZ ein größerer Artikel über mich stand und ich bald darauf vom WDR-Fernsehen interviewt wurde, wurde ich noch monatelang von wildfremden Menschen darauf angesprochen (meistens bei Aldi): „Ich hab Sie in der Zeitung gesehen.“ „Ich hab Sie im Fernsehen gesehen.“ Vielleicht darum? Bin ich ein Neudorf-Patron, der die Aldi-Filiale am Sternbuschweg beehrt?
Ich stellte mich immer an der Kasse an, wo sie kassierte. Aber einmal hauchte die Stimme aus dem Lautsprecher: „Liiebe Kunden, Kasse zwaaii schliießt. Bitte niicht mehr auflegen.“ Die wollen uns auseinanderbringen.
Doch meistens war ich schnell genug bei ihr. Sie gab mir das Wechselgeld und den Kassenbon, schaute mich an, sagte sehr betont: „Und einen schönen Tag noch!“ und kniff mir ein Äugsken. Mädchen, sag mir endlich, wer du bist!
Sie räumte flink Waren ins Regal. Ich blieb stehen und schaute ihr dabei zu, die ganze Zeit. Sie merkte das und schmunzelte vor sich hin. Einen schönen Popo hat sie auch. (Hoffentlich liest die das jetzt).
Jetzt habe ich gehört, wie eine Kassiererin zu einer anderen sagte: „Die Nadine ist auch nicht mehr hier. Die ist jetzt in der Filiale in Meiderich.“
Irgendjemand muß der vorgelogen haben, ich wäre nach Meiderich umgezogen.

Die Anekdote am Samstag oder Die schöne Jane

Sonntag der Bundestagswahl 1976. In Ruhrort ist wieder Flohmarkt. Danach will ich noch wählen gehen.
Auf dem Flohmarkt trifft man viele Bekannte. Eben hat sich die schöne Jane vor meinen Stand gestellt und begrüßt mich freundlich. Neben ihr steht eine sehr adrette Dame, die ihren Blick über meinen Tisch schweifen läßt und das alles nicht auf Anhieb zu verstehen scheint.
„Jane,“ frage ich, „hast du heute schon gewählt?“
„Ja, hab ich.“
„Hast du auch richtig gewählt?“
„NPD!“
Natürlich hat die schöne Jane nicht NPD gewählt. Ich weiß, daß sie immer ganz links wählt. Die will mich nur ein bißchen foppen.
„Paß bloß auf!“ sage ich. „Ich leg dich gleich übers Knie!“
Jane lacht vergnügt und schaut mich mit strahlenden Augen an.
Die adrette Dame entfernt sich und denkt: „Aus diesen langhaarigen Typen werde ich überhaupt nicht schlau.“

Spätsommer? Frühherbst?

FrühherbstBlätterWie die grauen Haarsträhnen im dunklen Haar. Ein paar gelbe unter den grünen Blättern.
Spätsommer oder Frühherbst?
Der Sommer ist dieses Jahr erst spät gekommen, und er scheint sich schneller zu verabschieden als in den letzten Jahren. Ich war gar nicht viel unterwegs.
Der Abschied vom Sommer fällt mir nie leicht. In der Abenddämmerung durch die Straßen zu gehen, wenn das Scheinwerferlicht der Autos sich auf dem nassen Asphalt spiegelt – das macht melancholisch.
Dabei erinnere ich mich doch stets daran, daß einige der besten Ideen im Herbst ersonnen und verwirklicht wurden, daß einige der fruchtbarsten Anstrengungen und Begegnungen im Herbst stattfanden, und daß der Herbst einige der besonders feinen Abenteuer bescherte.
So ist es doch, nicht wahr, November-Girl?
(Falls Du das liest).
(Und falls Du Dich überhaupt an mich erinnern willst).