Der Ostermarsch ist eine gute Sache

Er ist gut für dich, erkundige dich nach ihm!

plakat14purDer schönste Teil von Deutschland ist das Ruhrgebiet.
Das Schönste am Ruhrgebiet ist der Ostermarsch Ruhr.
Hier der Ablauf von Ostersamstag bis Ostermontag von Duisburg nach Dortmund (Bild anklicken zum Vergrößern):

OM-Programm2014Es fängt also am Samstag um 10.30 Uhr an. Aber man kann auch schon früher kommen und Kaffee bestellen, weil wir mit unserem ANTIMILITARISCHISCHEN BUCH-BASAR auch schon früher da sind und Kaffee anbieten.
(Der Antimilitaristische Buch-Basar ist ein Angebot der DFG-VK Duisburg in Kooperation mit der Buchhandlung Weltbühne).

Das Schönste am Ostermarsch Ruhr ist unser Büchertisch.

Aus der Geschichte der Musik: Der Gartenoffizier oder An der Theke ist der schönste Klatz

Schon in frühen Kindertagen stellte sich heraus, daß ich sehr musikalisch bin. Gerade des Sprechens fähig, schmetterte ich mit lauter Stimme, was ich im Radio gehört hatte: „Man müßte nochmal zwanzig sein“, „Der schönste Klatz ist immer an der Theke“ und „Das machen nur die Beine von Dolores, daß die Senores nicht schlafen gehen“. Unter einer Dolores konnte ich mir ebenso wenig vorstellen wie unter Senores,.
Meine Musikalität fiel auf. Ich mußte immer meine Tanten unterhalten mit „La Poloma ohé“ und „O Sohle mio“ und erntete Beifall dafür.
Das Radio war ein Zauberkasten. Die Radio-Fritzen setzten wohl jeden Tag eine Melodienfolge von Ralph Benatzky ins Programm. Hätten sie sich klar gemacht, daß der Komponist des „Weißen Rößl“ von den Nazis verfolgt worden war, hätten sie es vielleicht nicht getan. Aber so hörten wir immer wieder „Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin in einem Schuhgeschäft mit 80 Franc Salair in der Woche, doch sie gibt mir für viele Millionen Glück“ beziehungsweise „Es muß was Wunderbares sein, von dir geliebt zu wärdän, denn meine Liebe die ist dein, solang ich leb’ auf Ärdän. Ich kann nichts Schöneres mir dänkän, als dir mein Herz zu schänkän“ beziehungsweise „Ich lade Sie ein Fräulein zu einem Glas Wein Fräulein, zu einem Glas Sekt Fräulein, zu einem Glas Punsch“.
Ich stelle mir das gerade vor, was der Tenor mit dem Fräulein anstellt: Erst ein Glas Wein. Dann ein Glas Sekt. Dann ein Glas Punsch. Die muß alles durcheinander trinken, was man doch gar nicht soll.
„Dann kommt das Desseeeert.“ – „Und was kommt nachheeeeer?“ – „Dann lad ich Sie ein Fräulein zu einem Glas Wein Fräulein, zu einem Glas Sekt Fräulein, zu einem Glas Punsch“ – das ganze nochmal von vorn, ist der Mann denn bescheuert?
Ein Schlager, den man in den 50er Jahren oft hörte, zeigte die ganze Dramatik des Geschlechtslebens im Angestellenmilieu in Zeiten des Wirtschaftswunders:
„In einer kleinen Konditorei da saßen wir zwei bei Kuchen und Tee. Du sprachst kein Wort kein einziges Wort, und ich wußte sofort, daß wir uns verstehn. Und das elektrische Klavier das klimpert leise eine Weise von Liebe Leid und Weh. In einer kleinen Konditorei da saßen wir zwei bei Kuchen und Tee.“
Das muß man sich mal vorstellen: Die einzige Verständigungsbasis ist die Stummheit. Denn sie sprach kein Wort kein einziges Wort, und er wußte sofort, daß sie sich verstehen. Sobald sie ein Wort sagt, verstehen sie sich nicht mehr. Aber an diesen Sonntagnachmittag im weißen Hemd (er) und mit Hütchen auf dem Kopf (sie) werden sie sich ihr Leben lang erinnern – es war der Höhepunkt. Zum Kuchen trinken die Tee! Die halten auf sich und sind zu Opfern bereit. Gewöhnliche Proleten wie wir trinken ordinären Kaffee.
Zum Glück verstand ich damals nicht, was die sangen. Welcher Schaden hätte in der Kinderseele entstehen können, wenn sich dort die Vorstellung eingeschlichen hätte, die Liebe fände keinen besseren Platz als den in einer kleinen Konditorei, in der ein elektrisches Klavier eine Weise von Liebe Leid und Weh leise klimpert. Dem aufkommenden Rock and Roll begegnete Peter Alexander mit dem Vers: „Damit haben Sie kein Glück in der Bundesrepublik. Wir tanzen lieber Tango.“
Nein, ich blieb von dem verschont, was sie meinten. Mißverständnisse schützten meine Seele. Man spielte oft im Radio aus dem „Weißen Rössel“: „Im Salzkammergut da kann man gut lustig sein“. Vom Salzkammergut wußte ich nichts, und so verstand ich: „Im Salz kann man gut, da kann man gut lustig sein.“ Ich stellte mir Leute vor, die im Keller in mit Salz gefüllten Fässern sitzen, mit dem Kopf aus dem Salz rausragen und sich angeregt unterhalten. Was für eine Musik, die erst im falschen Verständnis ihre Sprengkraft entfaltet!
Man spielte im Radio auch oft den Schlager von Robert Stolz: „Leb wohl, mein kleiner Gardeoffizier, leb wohl, leb wohl und vergiß mich nicht und vergiß mich nicht!“ Unter einem Gardeoffizier konnte ich mir nichts vorstellen, und so verstand ich „Gartenoffizier“. Ich glaubte, es seien Gartenzwerge oder so etwas ähnliches gemeint. So war mir durch dieses Musikstück mehr klargeworden als es dem Urheber lieb sein konnte.

Wechselstrom oder Die Liebe in den Zeiten des Telefons (4)

Als ein neues Semester begann, änderte sich ihre Stimmung. Meine quirlige, temperamentvolle Freundin war plötzlich sehr zurückweisend, die personifizierte Übellaunigkeit.
Sie rief mich an: „Du wirst jetzt mal einen Monat lang nichts von mir hören, ja? Ich muß mich auf mein Studium konzentrieren. Ich kann ja nicht ständig für dich da sein. Also laß mich in Ruhe.“
Na, das war ja gottvoll! Für sie hatte ich zu jeder Tageszeit den Stift aus der Hand fallen lassen und war für sie zu jeder Nachtzeit aus dem Bett gesprungen. Um ihr einen Weg von hundert Metern zu ersparen würde ich ihr die Tasche durch die ganze Stadt nachtragen. Und jetzt tat sie so, als würde ich ihr ihre Zeit stehlen. Ich hatte ganz beiläufig und ohne Hintergedanken einen Satz gesagt, den sie noch eine Woche zuvor unterschrieben hätte: daß das Studium doch nicht das Wichtigste im Leben ist. Jetzt verstand sie das so, als ob ich ihre Befähigung zum Studium angezweifelt hätte. Sie schrie mich an. „Das hätte ich von dir nicht erwartet. Du denkst auch, eine Frau könnte nicht Elektrotechnik studieren!“
Ich hatte gar nichts derartiges gesagt. Zwar war es mir etwas seltsam vorgekommen mit ihrer Elektrotechnik. Sie hatte mir unumwunden gesagt, daß sie in Mathe eine Fünf und in den naturwissenschaftlich Fächern schwache Noten hatte, und daß sie ein technisches Fach nur deshalb studierte, um ihrem ehemaligen Mathelehrer zu beweisen, daß sie doch was drauf hat. Als ich sie mal fragte, wie Wechselstrom eigentlich funktioniert, führte sie mir vor, daß sie sich ein fundiertes technisch-naturwissenschaftliches Wissen angeeignet hatte.
Anrufen durfte ich sie jetzt auch nicht mehr. Das wertete sie als Störmanöver gegen ihr Studium.
„Und weißt du was? Ob es dir gefällt oder nicht: Ich nehme eine Stelle als Hilfskraft an. Unbezahlt!“
„Unbezahlt?“
„Jawohl! Unbezahlt!“
Meine Güte, jetzt wurde ich albern:
„Und was machst du, wenn sie dir eine Bezahlung anbieten? Ablehnen aus Prinzip?“
„Ach, halt doch die Klappe!“
„Du willst arbeiten ohne Geld? Womöglich noch dem Professor die Tasche hinterhertragen?“
„Würde ich tun. Ich würde dem auch die Schuhe putzen. Ich würde auch mit ihm schlafen, wenn es meinem Studium nutzt. Für mein Studium würde ich alles hergeben, auch meinen Stolz.“
Bezwinge sich wer kann. Zum Glück konnte ich. Ich sagte: „Darüber solltest du lieber nochmal nachdenken“ und legte den Hörer auf.
Ich war zornig, auch auf mich selbst. Ich war in einem Zustand, den ich nicht mag: Ich war eifersüchtig. Um in dem Moment darüber nachzudenken, ob ihre Schroffheit weniger dem Fortgang ihres Studiums dienen sollte, sondern vielmehr der Versuch war, sich von mir abzuschirmen und die Turbulenzen einer undefinierten Beziehung abzuwerfen, war ich zu aufgeregt. Vielleicht hätte ich mit einem solchen Gedanken meine Rolle in dem ganzen Drama überschätzt. Vielleicht überschätzte ich mich gerade dadurch, daß ich auf diesen Gedanken gar nicht kam.
Eine halbe Stunde später rief sie mich wieder an.
„Bitte entschuldige, was ich gesagt habe. Das war dumm von mir.“ Sie klang jetzt sehr kleinlaut. „Das war wirklich dumm, was ich da gesagt hab. Ich hab das gar nicht gemeint. Du hast ja recht.“
Das reichte allerdings noch nicht, um mich zu beruhigen. Das mußte ich doch noch loswerden:
1. ob die noch alle auf der Latte hätte?
2. ob sie noch ganz gescheit wäre?
3. ob sie noch alle Tassen im Schrank hätte?
4. ob ihr eigentlich klar sei, was sie dahergeredet hatte?
„Paß mal auf, Mädchen! Wem du die Tasche putzt und die Schuhe hinterherträgst, ist deine Sache. Mit wem du schläfst, ist erst recht deine Sache. Aber was du mir sagst, dafür bist du mir verantwortlich. Du gibst nicht nur deinen Stolz preis, sondern auch meinen. Meinen Stolz auf dich gibst du preis! Du verdienst eine Tracht Prügel!“
„Huch!“
„So daß du zweieinhalb Tage nicht mehr sitzen kannst auf deinem – verführerischen – – verwirrenden – – – auf deinem betörenden Hinterteil!“
„Ohhh!“
„Das willst du ja nur! Gib‘s zu!“
Sie war beindruckt. „Schlägst du denn wenigstens etwas milder zu bei einer Anfängerin?“
„Bei dir? Milder?? Ha!!!“
„Ohhh! Weißt du, was mich glücklich macht? Du willst mich deshalb versohlen, weil du mich gern hast.“
„Weshalb denn sonst??“
„Du liebst mich.“
„Ja! Ich liebe dich, du Schaf!“
„Ich liebe dich doch auch, du Blödmann!“
„Du – Biest!“
„Du – Knallkopp!“
„Du – Frauenzimmer!“
„Esel!“
„Trulla!“
„Ich hab von dir geträumt. Wir haben uns geküßt. Der Kuß war sehr leidenschaftlich. Und dann hatte ich was Großes von dir in meinem Mund – Ich werde mich jetzt nicht mehr dagegen wehren.“

Ich habe ihr sogar meinen Regenmantel geliehen!

Ich habe ihr sogar meinen Regenmantel geliehen!

Wie sich herausstellte, ging das aber nicht einfach vonstatten. Denn sie hatte wieder eine von ihren Ideen.
„Ich will ein paar Kilo abnehmen. Ich will mein Idealgewicht von 60 Kilo erreichen.“
„Aha. Und wieviel Kilo müssen runter?“
„Sechs Kilo.“
„Aha. Und wozu das ganze?“
„Ich fühle mich dann wohler. Und dann sehe ich besser aus.“
„Du siehst phantastisch aus.“
„Du hast doch gesehen: mein dicker Hintern auf dem Foto.“
„Ach was, das Foto täuscht. Dein Hintern ist ideal! Dein Hintern ist aphroditisch! Dein Hintern ist der Traum meiner sehnsuchtsvollen Nächte!“
„Mein Hintern wird dir noch mehr gefallen, wenn ich 60 Kilo wiege. Ich mach das doch für dich, Junge! Damit du noch mehr von meinem Hintern entzückt sein kannst!“
Und dann verkündete sie mir:
„Wenn ich das geschafft habe und 60 Kilo erreicht habe, will ich eine Belohnung von dir bekommen. Dann soll es geschehen. Dann sollst du es es mit mir machen.“
Von nun an überwachte ich streng ihre Mahlzeiten. Ich ordnete an, daß der Kaffee ohne Milch und Zucker getrunken werden muß. Ich studierte Kalorientabellen. Ich ließ mir die Meßdaten ihrer Figurfortschritte durchgeben: ein Kilo geschafft, zwei Kilo geschafft, zweieinhalb Kilo geschafft, und ich fürchtete zugleich, die Selbstkasteiung der Kalorienkur könnte ihre Stimmung beeinträchtigen. Aber wenigstens in dieser Hinsicht konnte sie mich „beruhigen“:
„Ich hab‘ mir heute eine Tafel Schokolade genehmigt.“
„Was? Eine Tafel Schokolade? Du quälst mich!“

FORTSETZUNG FOLGT

Die Füße der Gans oder Koch doch selber Kaffee

Konkret berichtet über die wechselvolle Beziehung der Alice Schwarzer zu Günter Amendt. Ihr Klang von 1980: „Ich rief ihn an. Er kam nach Köln. Wir sprachen bis in den späten Abend. In diesem Gespräch wird deutlich, daß Amendt und mich noch viel mehr verband, als wir vermutet hatten.“ 1988, nachdem sie in einer TV-Diskussion mit Amendt über Pornographie schlecht ausgesehen hatte: „Der Journalist Günter Amendt präsentiert sich, nur weil er vor Jahren zwei Bücher über Jugendsex geschrieben hat, im Fernsehen auch gerne als ‚Sexualwissenschaftler‘.“ In Gänsefüßchen! 2013, zwei Jahre nach Amendts Tod: „Ich bin mit Emma mal wieder verdammt allein. Und kein Günter Amendt ist in Sicht.“

Günter Amendt...

Günter Amendt…

...Tongtong...

…Tongtong…

Die Gemeinsamkeits-Feier 1980 fand keineswegs in allerbester Stimmung statt. Eine 20jährige Emma-Redaktionsfrau, die damals nicht mehr und noch nicht wieder meine Freundin (und noch nicht METZGER-Autorin) war, erhielt von Alice Schwarzer den Befehl: „Koch mal Kaffee!“ Sie darauf: „Ich bin doch nicht zum Kaffeekochen eingestellt! Koch doch selber Kaffee!“ Frau Schwarzer war darüber sehr verärgert, während Günter Amendt sich ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte.

...and the Girl

…and the Girl

..

Allgemeine Karikaturenkunde

Auch heute will ich Sie wieder dem Geheimnis der guten Karikatur ein Stück näher bringen.
verrückteZwei Verrückte! Wie wahr!
Der eine (links, trägt zu Hause eine Baskenmütze) hat die Tasse an den Haken gehängt und schüttet den Kaffee in den Hut.
Der andere schüttet den Kaffee gleich aus dem Fenster hinaus.
Das ist doch wirklich komisch.
Wenn ich das Bild sehe, könnt’ ich mich jedesmal kaputtlachen.

Vor der Wahl ist nach der Wahl (2008)

In ein paar Wochen wird der Bundestag gewählt. Diesem Ereignis gingen frühere Wahlen voraus, und die Parteien, die um Aufmerksamkeit werben, geben uns nicht erst in diesen Tagen zu denken. Um die bevorstehende Wahl in die Zeitgeschichte einzuordnen, werden an dieser Stelle einige Kommentare zu Parteien und früheren Wahlen in loser Folge dokumentiert, heute ein Kommentar aus dem Jahre 2008:

Hier können Familien Kaffee kochen
Da gibt es einen, der wurde mit allen Karnevalsorden behängt, die die SPD zu vergeben hat, mit seinem Gesicht auf Wahlplakaten abgebildet, auf Parteitagen bebeifallt und bejubelt, zum Ministerpräsidenten und zum Bundesminister gemacht – und dann sowas!
Wolfgang Clement hatte, bevor in Hessen der Landtag gewählt wurde, erklärt, er würde dort seine Partei, die SPD, nicht wählen. Dies als Aufforderung an die Hessischen Wählerinnen und Wähler, auch das nicht zu tun was er an ihrer Stelle nicht täte, aufzufassen, ist keine Fehlinterpretation. Da geht einer hin, der mal stellvertretender Parteivorsitzender war, und sagt den Leuten: Wählt nicht SPD. Das wäre innerhalb dieser Partei eigentlich kein Grund, darauf zu reagieren. Die sind so. Aber die SPD ist eine Partei. Sie existiert also nicht um ihrer selbst willen, sondern als ein Produkt, das öffentlich präsentiert wird. Immerhin, das weiß sie noch, jedenfalls noch ein paar von ihren verbliebenen Mitgliedern. Und so geschah etwas zum Entsetzen der Parteioberen: Es wurde ein Parteiordnungsverfahren eröffnet mit dem Ziel, diesen komischen Vogel aus der Partei auszuschließen.
Das wäre ein ganz folgerichtiger Vorgang, wenn die SPD nicht die SPD wäre. Wäre die SPD ein Kaufhaus, dann bekäme ein Mitarbeiter, der den Leuten sagt „Kauft nichts bei uns“, eine Gehaltserhöhung, vorausgesetzt, daß er Direktor ist oder sowas. In der SPD hat man nämlich alles richtig zu finden, was von oben kommt.
Da sollte man doch die Gelegenheit nutzen, den loszuwerden, der den Niedergang dieser Partei eifrig vorangetrieben hatte, der sich bei jeder Gelegenheit als inkompetenter Quatschredner ins Spiel bringt, der sich vor allen Leuten immer wieder als arroganter Pinsel, als unerzogener Rüpel aufführt. Da sollte man doch die Gelegenheit nutzen, das ramponierte Image ein bißchen aufzubessern, indem man den Eindruck erweckt, die SPD hätte wenigstens noch so viel Schneid, so einen hochkantig rauszuwerfen. Aber bei der SPD klappt sowas nicht, weil die SPD die SPD ist.
Um die SPD zu verstehen, reichen die Kategorien der Politologie nicht aus. Man muß die Psychologie und die Chaosforschung hinzuziehen. Er hat es nach oben geschafft, also gilt er, der sich an die Industrielobby verkauft hat, als unabhängig, also gilt er, aus dessen Mund nur dummes Zeug kommt, als Querdenker.
Es wäre ja auch komisch, wenn der Clement aus der SPD fliegen würde. Das wäre ein Novum. Seit langem ist es in der SPD üblich, solche Mitglieder als Störenfriede zu erkennen, die sich auf das Programm und auf die Parteitagsbeschlüsse berufen. Unter Schmidt wurde das auf die Spitze getrieben. Wer da etwa auf Parteitagsbeschlüsse hinwies, den traf der Bannfluch des allerhabenen, unfehlbaren Bundeskanzlers. (Eigentlich müßte der Bundeswahlleiter mal untersuchen, ob die SPD eigentlich noch als Partei bezeichnet werden kann). Soll der Clement doch in der SPD bleiben. Das schadet ihr zwar, aber das Gegenteil schadet ihr nicht weniger. „Wählt nicht SPD“ – das ist in Worte gefaßt das, was die SPD ohnehin tut, es ist das Motto ihres Handelns.
Der Beck mußte abtreten, weil er „keine gute Figur machte“. Ach! War dieser ungelenke Provinzialist nicht gerade noch als jovialer, bodenständiger Volks-Typ ins Rennen geschickt worden? Die SPD traut sich nicht, wahrzunehmen, daß nicht ein ungeeigneter Vorsitzender, sondern sie selbst für ihr ungünstiges Image ursächlich ist. Die SPD verschleißt einen Vorsitzenden nach dem anderen, was zwar gar nicht gut ankommt. Aber bei jedem Führungswechsel glaubt sie, ihr sei ein Befreiungsschlag gelungen. Mittlerweile geht das in einem Tempo vonstatten, daß abgetretene Vorsitzende zwecks Zweitverwertung antreten müssen. Der neuen Lichtgestalt, dem Steinmeier, diesem Weltmann, wird es nicht anders ergehen als dem Beck. Ich wette, daß noch vor der nächsten Bundestagswahl in der SPD gegrübelt wird, wie sie ihren Spitzenkandidaten, diesen volksfernen Notar-Typen schnell wieder loswird.
Als der Beck abgesägt wurde und die neue Spitze mit Müntefering und Steinmeier als Strahlemänner vor die Kameras treten sollten, da war das der Tag der langen Gesicher.
Die SPD ist ein Apparat, der dermaßen kaputt ist, daß man mit einer Reparatur nur noch größeren Schaden anrichtet.
Der größte Dachschaden der SPD Weiterlesen

Da kommt einer die Straße entlang

Der ist vielleicht 16 Jahre alt, und der hat einen viel zu kleinen Kopp. Das kommt von der Optik. Der Kopp ist von durchschnittlicher Größe, sieht aber klein aus auf dem Zweieinhalbzentnerkörper. Er geht mit Trott-Schritten. Trott trott trott, als hätte er Rückenwind oder ginge einen abschüssigen Weg hinunter und müßte sich abbremsen. Die Unförmigkeit des Körpers wird durch die Unförmigkeit seiner Kleidung optisch unterstrichen. Man sagt, daß zu große Kleidung Dickleibigkeit kaschiert. Das funktioniert aber nicht bei dieser geschmackvollen Mode von heute. Ein Über-Angepaßter.
Und er frißt. Er reißt das Maul weit auf, damit viel hineingeht. Einen Berliner Ballen schafft der pro zehn Meter Weg. Aus einer großen Papiertüte hat er gerade den letzten Berliner Ballen entnommen, aber er hat noch eine zweite Tüte dabei, der er den nächsten Berliner Ballen entnimmt, obwohl der vorige noch nicht runtergeschuckt ist. In dem Tempo hat er die Tüte schon leer, bevor er die Ecke Kammerstraße erreicht, wo er sich in der nächsten Bäckerei mit einigen Tüten voller Berliner Ballen ausstatten könnte.
Dieser Jugendliche macht nicht den Eindruck, daß ihm der Verzehr von Berliner Ballen in großer Zahl Genuß bereitet. Wie soll das auch gehen? Wäre Genuß der Antrieb, würde einer reichen. Würde man sich auf mehr als eins – sagen wir mal: zwei Stücke Süßgebäck verlegen, würde der genußorientierte Mensch verschiedene Sorten wählen, also zu dem Berliner Ballen einen Amerikaner oder eine Schnecke. Variatio delectat, wie der Lateiner sagt. Wer das bedenkt, würde auch nicht aus purem Kohldampf zum Süßgebäck greifen. Wer dessen eingedenk ist, daß das Essen keine bloße Angewohnheit, noch nicht einmal eine reine Notwendigkeit ist, sondern darüber hinaus eine Beschäftigung, die Freude macht, nimmt zu einer Mahlzeit Platz und läßt sich nicht ablenken. Er konzentriert sich. Und überhaupt: Kuchen ohne Kaffee? Wohin soll das führen? Zum Süßen gehört der heiße, schwarze, ungesüßte, leicht bittere Kaffee, als Kontrast!
Ich mißtraue Menschen, die nicht genießen können.

Metaphysik des Frühstücks

Mir passiert das immer wieder, daß ich vergesse, Kaffee zu kochen.
Morgens,noch „schlaftrunken“ (blödes Wort), stoße ich in der Küche überall an und muß mir erstmal darüber klar werden, was ich hier überhaupt will. Ach ja! Frühstück machen. Und dann hab ich mir ein paar Frühstücksbrote gemacht und stelle fest: ich hab Kaffeekochen vergessen.
Besonders ärgerlich ist das, wenn ich abends mein warmes Essen zubereite und dann, wenn alles fertig ist, feststelle, daß ich schon wieder vergessen habe, Kaffee zu kochen. Also muß ich noch schnell Kaffee kochen, bevor das Essen kalt wird. Denn der Kaffee muß sich eigentlich vor dem Essen in der Warmhaltekanne befinden! Ich kann doch nicht erst nach dem Essen anfangen, Kaffee zu kochen! Nach dem Essen will ich gar nichts tun, was Konzentration und koordiniertes Handeln erfordert.
Ich kann die Leute nicht verstehen, die erst ein paar Stunden nach dem Mittagessen Kaffee trinken. Das ist doch keine Art! Ich will meinen Kaffee schon mit dem Dessert trinken. Denn das Dessert ist etwas Süßes, und zum Süßen gehört Kaffee! Kaffee schwarz ohne Milch und Zucker. Was wäre das für eine Hauptmahlzeit, der nicht sofort der Kaffee folgt!
Aber heute ist mir was ganz Ungewöhnliches passiert: ein Ereignis, dem Kant und Einstein, würden sie noch leben, größte Aufmerksamkeit widmen würden!
Ich wollte gerade anfangen zu frühstücken und dachte: Verdammt! Jetzt hab ich doch schon wieder vergessen, Kaffee zu kochen! Ich schau hin, und was seh ich? Da steht die Kanne, der Filter oben drauf, und der Kaffee ist durchgelaufen!
Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte hat der Kaffee sich selbst gekocht!

Die Farbe des Geldes (3)

geldschein4Über das Geld haben wir oft nachgedacht, meistens darüber, wie man an Geld kommt.
Obelix hatte eine Idee.
Nein, ich spreche nicht von der Comic-Figur, sondern ich meine den Ripperger.
Der Ripperger hatte die Idee, auf der Königstraße einen Maggi-Ausschank zu eröffnen.
Viele Leute, die in der Innenstadt arbeiten, meinte er, essen mittags in der Kantine. Da kann es passieren, daß der Suppe die Würze fehlt. Da könnten die Leute doch mit dem Teller zu ihm kommen und sich für fünf Pfennig einen Spritzer Maggi in die Suppe tun lassen.
Um mehr Profit zu machen, überlegte er, könnte man den Maggi-Ausschank mit einem Umrühr-Service verbinden. Wenn jemand im Café Ernst (oder Kolkmann oder Dobbelstein oder Heinemann) eine Tasse Kaffee bestellt hat, sich Milch und Zucker reintut und dann merkt, daß die Kellnerin vergessen hat, einen Kaffeelöffel dazuzulegen, dann kann er mit der Tasse kommen und sich den Kaffee umrühren lassen.
Ich habe dem Ripperger von seinem Vorhaben nicht abgeraten. Denn ich dachte: Der macht das ja sowieso nicht.

Ostermarsch 2013 (3): Hoch die Tasse(n)!

Der Antimilitaristische Buchbasar der Duisburger DFG-VK hat bei der Auftaktkundgebung des Ostermarsches am Samstag stattgefunden.
Außer Büchern (und anderen Medien) wurde wie immer auch Kaffee angeboten (und angenommen), und zwar in Tassen, aber nicht in irgendwelchen, sondern in unseren. Zum Tassen-Arsenal der DFG-VK gehören zum einen ein Sammelsurium gestifteter Tassen, zum anderen aber ein paar Dutzend besonders schöner Tassen mit dem auffälligen grünen Rand, die eigentlich erst dann eingesetzt werden, wenn alle anderen schon verbraucht sind. Aber es gibt Ostermarschierer, die Wert darauf legen: „Ich möchte gerne eine von DIESEN Tassen.“
TasseDDREs handelt sich nämlich um Exemplare der DDR-Einheits-Kantinentassen.
Ich habe mal ein Fernsehspiel (West) gesehen, in dem eine Szene in einer DDR-Kantine spielte. Da hatten die auch DIESE Tassen. Tüchtige Requisiteure!
Wie ich an mehrere Stapel dieser Tassen gekommen bin, weiß ich gar nicht mehr. Es geschah in den Wirren der „Wende“. Von der Treuhand hab ich sie jedenfalls nicht. Bei mir stapeln sie sich als gesicherte sozialistische Errungenschaft.
Vielleicht haben manche am Ostersamstag so eine Tasse mitgenommen, weil sie den ideellen Wert erkannten, und auf die Rückgabe des 1-Euro-Tassenpfands verzichtet. Es kann also sein, daß ich jetzt nicht mehr alle Tassen im Schrank habe.

Ostermarsch 2013 (2)

Liebe Leute, lest mal, was die WAZ (Duisburger Lokalteil) gestern über den Ostermarsch 2013 geschrieben hat:

http://www.derwesten.de/staedte/duisburg/duisburger-ostermarsch-fuer-den-frieden-id7771194.html

Korrigierend muß gemeldet werden, daß der Ostermarsch sich nach der Auftaktkundgebung nicht um 13 Uhr, sondern um 12 Uhr in Bewegung setzt.
Auf dem Foto erkenne ich auch den, für den der Ostermarsch infolge meiner Machenschaften vorletztes Jahr zu einem traumatischen Erlebnis wurde. Das ist nämlich der Heini, der überhaupt nicht einsehen wollte, daß er, genau wie alle anderen, am Kaffeestand der DFG-VK einen Euro Pfand für die Tasse bezahlen mußte. Noch stundenlang hat er sich dadrüber aufgeregt. Ich sagte ihm: „Ich sehe natürlich ein, daß du unbedingt eine Extrawurst haben mußt. Aber du kriegst keine.“
Am Samstag (30. März, ab halbelf am Kuhtor) wird der ANTIMILITARISTISCHE BUCHBASAR der DFG-VK Duisburg (in Connection mit der Buchhandlung Weltbühne) noch einmal stattfinden (sofern das Wetter es nicht verhindert und auch sonst nichts dazwischen kommt). (Die Buchhandlung bleibt an dem Tag dann zu). Traditionsgemäß gibt es da auch Kaffee: in Tassen! Und jeder (jeder! jeder!) muß über den Kaffee-Portionspreis von 1 Euro hinaus auch noch 1 Euro Pfand hinterlegen, der bei Rückbringung der Tasse erstattet wird. Ich wiederhole: Jeder. Auch wenn Fidel Castro persönlich vorbeikommen würde, um beim Ostermarsch eine Tasse Kaffee zu bestellen, müßte auch der für die Tasse einen Euro Pfand bezahlen, und DER würde das auch anstandslos tun.

Ostermarsch 2013 (1)

Der Ostermarsch Ruhr beginnt wie jedes Jahr am Ostersamstag in Duisburg.

Ostermarsch 2011

Ostermarsch 2011

Ostermarschierer bin ich seit 1967.
Damals, im Alter von 17 Jahren, in all meiner Unerfahrenheit, wußte ich gar nicht, ob man da einfach hingehen und einfach mitmachen kann, oder ob man erst fragen muß, ob man da mitmachen darf. Komisch, nicht? Aber Jahrzehnte später stellte sich heraus, daß das tatsächlich so ist.
Schon 1968, und dann in all den Jahren danach, habe ich an der Vorbereitung und Organisation des Ostermarsches mitgearbeitet (in einem der Jahre war ich sogar Pressesprecher des Ostermatsch-Komitees), bis ich mich Mitte der 90er Jahre wegen Arbeitsüberlastung aus dem Duisburger Friedensforum zurückziehen mußte.
Aber weiterhin blieb der ANTIMILITARISTISCHE BUCHBASAR, eine Gemeinschaftsanstrengung der DFG-VK Duisburg und der Buchhandlung Weltbühne, eine feste Größe und Hauptattraktion der Auftaktkundgebung – wenngleich beargwöhnt von den Gerüchtemachern, die mich für einen Zionisten, Anarchisten, Pornographen, Hedonisten, Trotzkisten/Stalinisten oder irgendwas davon oder das alles zusammen halten. (Merke: Die meisten Teilnehmer am Ostermarsch beteiligen sich am Boylott der Buchhandlung Weltbühne).

Ostermarsch 2007

Ostermarsch 2007

Der knaatschgelbe Sonnenschirm war jedes Jahr im Fernsehen zu sehen. Später wurde er durch einen weniger auffälligen, aber nicht minder bedeutsamen Sonnenschirm ersetzt.
2012 gab es keinen Antimilitaristischen Buchbasar. Aber an uns lag’s nicht.

Ostermarsch 2011

Ostermarsch 2011

Dieses Jahr (Ostersamstag, 30 März ab 10.30 Uhr, Kuhtor) soll es noch einmal unseren Büchertisch geben (mit Kaffee!), vorausgesetzt, es kommt nichts dazwischen und das Wetter ist nicht so wie in den letzten Tagen.
Weitere Informationen zum Ostermarsch in den nächsten Tagen.
Fotos: (c) DFG-VK

Äpfel, Pflaumen, Birnen (Erster Teil)

Man verliert Menschen aus den Augen, mit denen man mal viel zu tun hatte. Man hat lange nichts mehr von ihnen gehört. Und dann, nach langer Zeit, bekommt man eine traurige Nachricht. Manchmal aber ist diese Nachricht falsch. Das ist erleichternd, aber ein Rest von Verstörtheit bleibt.
Ich war in die Klassensprecherin verliebt. Sie war blond, sehr gescheit und sehr ordentlich. Ich wußte nicht, wie ich einem Mädchen sagen sollte, daß ich in sie verliebt war. Sie wußte also nichts davon. Meingott, wie alt war ich? Elf Jahre. Ich nenne ihren Namen nicht, sie könnte es lesen. Es wäre zu spät, würde sie es jetzt erfahren.
Sie wechselte zum Gymnasium, ein Jahr früher als ich. Weg war sie. Da blieb mir nichts anderes übrig, als mich in ihre Nachfolgerin zu verlieben. Das war Ingrid Ulmer. Sie hatte flammenrotes Haar, wirres, wildes Haar, das in alle Richtungen stand, und sie war sehr gescheit und sehr ordentlich. Sie hatte ein rundes Gesicht, und ein Vorderzahn stand ein bißchen schief. Sie hatte ein bißchen mehr Temperament als ihre Vorgängerin und lachte mehr. Ein paar Jungens in der Klasse sagten immer „jaa, jaa!“, wenn ich den Namen Ingrid aussprach. „Jaa, jaa! Du und die Ingrid!“ Die fanden, Ingrid und ich müßten ein Paar sein. Das würde sich so gehören, daß wir ein Paar sind.
Als wir dann auf „Höhere Schulen“ (wie man damals sagte) wechselten, auf verschiedene, denn es gab damals nur Jungens- und Mädchensgymnasien, waren wir getrennt. Ich zog auch noch in einen anderen Stadtteil, wir wußten nichts mehr voneinander. Aber dann begegneten wir uns wieder, ein paar Jahre später, und zwar auf einer Demonstration.
„He, du! Auch hier?“
Es war die Zeit gekommen, in der eine intelligente junge Frau, um ihre Intelligenz nicht zu verraten, demonstrieren mußte, und zwar für ein Ganzes gegen ein Ganzes. Da war ich dann manchmal wieder bei ihr zu Besuch. Da waren viele zu Besuch, die wenigsten kannte ich. Es wurde viel und schnell geredet. Manchmal waren außer mir nur ein oder zwei Besucher da. Da wurde weniger und langsamer geredet.

Buchholz01Sie hatte immer noch ihr Zimmer unter dem Dach des alten Hauses, wo wir auch schon mal Kindergeburtstag gefeiert hatten. Jetzt hatte das Zimmer eine weiß-rote Tapete mit großem Muster. An der Wand hing ein Plakat von Rudi Dutschke und ein Plakat von Che Guevara. Später hing da auch ein Plakat von Mao, neben einem Plakat von Juliette Gréco.
Bevor wir uns dann wieder aus den Augen verloren (ich nahm an, daß sie wohl in eine andere Stadt gezogen war, um zu studieren), sahen wir uns öfter auf der Straße, wenn etwas los war, bei Demonstrationen etwa oder sonstigen Happenings. Unsere Kommunikation war allerdings blockiert, denn wir hatten uns beide in die KPD/ML verirrt. Sie war eine fleißige und sehr ordentliche KPD/MLerin.
„He, du! Wann kommst du denn mal wieder mich besuchen?“ fragte sie. Das irritierte mich. Denn wir gehörten zu zwei verschiedenen Fraktionen der KPD/ML, waren also Feinde. Ihre Freundlichkeit konnte nichts Gutes verheißen, dachte ich (so ein Idiot war ich mal).
„Komm doch einfach mal vorbei. Es gibt Birnenkompott“, sagte sie mit etwas Spott in der Stimme.
Ich mußte mir wehmütig eingestehen, daß die bewundernswert war, wie sie immer da stand, alles überblickte, sich nie aus der Ruhe bringen ließ, manchmal überlegen lächelte. Ach, wäre sie doch bloß nicht in dem falschen Verein! Sondern bei uns! (Dann wäre sie in einem genauso falschen Verein gewesen).
Das alte Haus, in dem sie mit ihren Eltern wohnte, war typisch für dieses Viertel am südlichen Rand der Stadt. Da gab es nur alte Häuser und noch ein paar Bauernhöfe. Die Häuser hatten große Gärten mit Hühnerställen, Gemüsebeeten und Obstbäumen. Hinter Ingrids Haus war eine große Wiese mit hohem Gras und einige Apfel-, Birnen- und Pflaumenbäume, dazwischen Sträucher mit Himbeeren, Stachelbeeren, roten und schwarzen Johannisbeeren, ein Kirschbaum. Für die Äpfel mußte man in die Bäume klettern; die Birnen fielen herunter, und man mußte sie aufheben. Viele Birnen blieben im hohen Gras liegen, es war ein Überfluß an Früchten, aus denen alles gemacht wurde, was man sich nur vorstellen konnte: Apfelkuchen, Pflaumenkuchen, Birnenkompott, Marmeladen, Gelees, Pflaumenmus, sogar Liköre, Schnäpse und ein Birnenwein. Im Herbst und im Winter, wenn es schon nachmittags dunkel wurde, dann gab es was zu genießen: Pflaumenkuchen mit Sahne und schwarzem Kaffee, vorher ein Glas Birnenwein, danach ein Glas von dem Birnenschnaps, der einem für einen Moment die Stimme raubte. Der wurde im Keller schwarz gebrannt. Alle Nachbarn wußten das. Das Zollamt brauchte es nicht zu erfahren. Hinter dem Fenster wiegten sich die Zweige der kahlen Bäume in der Abenddämmerung, und wir waren selig von den Genüssen, die Gespräche wurden leiser und langsamer. manchmal wurde sogar geschwiegen.
„Die Ingrid Ulmer ist tot.“ Das sagte mir einer, und zwar unser Lehrer von damals, den ich zufällig getroffen hatte und der mir von denen berichtete, von denen er noch etwas wußte. „Die Ingrid Ulmer ist tot.“
Ich hörte es und sagte dann nichts. Man fragt dann immer: „Woran ist sie…“ Ich wollte es nicht erfahren. Ich erinnerte mich wieder daran, daß ich sie bewundert hatte, und daß ich in sie verliebt war, mit der Herzensglut eines zwölfjährigen Jungen. Ich erinnerte mich an den Schmerz einer Liebe, die sprachlos bleibt.
Ich erinnerte mich daran, daß ich in dem Zimmer unter dem Dach, von wo man die schwarzen Äste und Zweige der Bäume vor dem Abendhimmel sah, einen Frieden gespürt hatte, der so zerbrechlich und verletzlich war wie alle Kreatur.
Ich hätte gern gewußt, ob das alte Haus noch da steht, ob hinter dem Haus noch das Gras wächst und ob die Bäume noch in den Abendhimmel ragen.
In dem dörflichen Viertel am südlichen Rand der Stadt war ich lange nicht mehr gewesen. Ich fürchtete, hier könnten meine Erinnerungen beschädigt worden sein von Abrißbaggern und Baulanderschießern. Ich war wieder da und war beruhigt. Die Bauernhöfe gibt es zwar nicht mehr (wozu auch). Mehr Autos an den Straßenrändern, statt der Hühnerställe sind jetzt da Garagen, hinter den Häusern wächst kein Gemüse mehr. Aber sonst hat sich wenig verändert.
Vor einem der Häuser, mitten auf dem Gehweg, steht ein kleiner Tisch, darauf ein paar Stapel mit Büchern und ein Schild: „Bitte mitnehmen!“ Was sind das für Bücher? Lenin! Stalin! Dietz-Verlag!Aufbau-Verlag! Wer soll das hier mitnehmen?
„He, du! Die hab ich extra für dich da hingelegt, Helmut!“
Jetzt sehe ich, daß eine Frau hinter der wohl zwei Meter hohen Hecke steht. Flammenrotes Haar sehe ich zwischen den Zweigen, und ein rundes Gesicht, das mich angrinst.
„Ingrid! Ingrid! Ich dachte, du wärst…“ Ich breche den Satz rechtzeitig ab.
„Da bist du also doch noch! Komm rein!“ sagt sie. Sie dreht sich zu mir um: „Komm mit rein auf ein Glas Birnenwein. Du erinnerst dich.“
„Jaa. Äpfel, Pflaumen, Birnen.“
„Genau! Apfel! Pflaumen! Birnen!“

FORTSETZUNG FOLGT.

Nach der Revolution gibt es Kaffee und Kuchen

16 Bilder aus dem Film von 1975.
„Nach der Revolution gibt es Kaffee und Kuchen“ war mein erster fertiggestellter Film, produziert von der „Hut Filmproduktion“, uraufgeführt im Eschhaus. Er dauert 10 Minuten.

 

Anlaß war, daß Friedhelm Ripperger, den alle nur unter seinem Spitznamen Obelix kennen, gerade wieder in die Freiheit entlassen worden war. Da er über ein Jahr wegen Dope eingesessen hatte, sahen wir ihn als politischen Gefangenen. Darum wurde er von der Roten Hilfe betreut (die Duisburger Rote Hilfe galt als sehr eigenwillig und „freakig“ und wurde von einigen anderen Rote-Hilfe-Gruppen beargwöhnt).
Der Film darf als ein Manifest der hedonistischen Linken aufgefaßt werden. Der Utopie einer „Gleichheit in Kargheit“ wird widersprochen.

Das gehört noch zum Vorspann: Der Regisseur trinkt Kaffee.

Magda Gorny und Wolfgang Strähler.

Friedhelm Ripperger, genannt Obelix.

Das letzte Bild ist ein Foto aus der Portugiesischen Revolution („Nelkenrevolution“), die das faschistische Regime beseitigte. Grund zum Feiern.

Das schöne rote Nachspannband ist Teil des Films! Das ist der Moment der Ruhe nach der Geschichte. Ich kann die Leute nicht leiden, die im Kino, sobald der Nachspann beginnt, aufspringen und aus dem Kino rennen, als wären sie auf der Flucht.
Über den Film ist im Internet ein Kommentar von Mario Weißenfels zu lesen. Die Folkband Ship of Ara verwendete den Film für einen Videoclip .


„Nach der Revolution gibt es Kaffee und Kuchen“ ist auf der DVD „Der 11. Mai und andere Kurzfilme von Helmut Loeven“ enthalten (für 12,50 € in der Buchhandlung Weltbühne – auch im Versand – erhältlich).

Auf den Mond können sie fliegen…

In Erinnerung an den Menschheitspionier Neil Armstrong, der 2003 hundert Jahre als geworden wäre, wenn er 1903 geboren worden wäre.

Bekanntlich hat „der Mensch“ im Jahre 1969 den Mond betreten. Eigentlich waren es ja nur wenige Leute, die auf dem Mond beschwerlich herumgetappst sind, aber der erste von ihnen betrat den Mond mit einer in poetischen Worten formulierten Beteuerung, es stellvertretend für die ganze Menschheit zu tun. Kann es vielleicht sein, daß diese in poetischen Worten formulierte Beteuerung auch dazu diente, die Frage nach dem wissenschaftlichen Nutzen des Apollo-Programms gar nicht erst aufkommen zu lassen? Wenn Sie es wissen, brauchen Sie es mir nicht zu sagen. Ein Jahr vor der Mondlandung war der Film „2001 Odyssee im Weltraum“ von Stanley Kubrick in die Kinos gekommen. Das Jahr 2001 ist inzwischen vorbei, und wir haben wahrnehmen können: die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war. 2001 wäre niemand auf die Idee gekommen, zu sagen: „Wir empfangen rätselhafte Signale vom Jupiter, da fahren wir mal hin und gucken uns das mal an.“ Denn im wirklichen Jahr 2001 waren die Reisekostenetats schon arg zusammengestrichen. So wissen wir also, was die Abkürzung NASA bedeutet: Nothing achieved since Apollo.
In Nordkorea, so höre ich, haben die Leute bis heute nicht erfahren, daß „der Mensch“ den Mond betreten hat. Anderswo hat man es fast schon vergessen. Aber in den Jahren nach 1969 war der moderne Mensch in erstaunlicher Weise fähig, die Mondlandung auf das eigene Leben zu beziehen. Sie diente ihm keineswegs als Symbol für den Fortschritt, sondern als Symbol für die Unvollkommenheiten des Daseins. „Auf den Mond können sie fliegen, aber…“ war eine gebräuchliche Redewendung. Wenn irgendwo ein Loch im Asphalt war, das nach anderthalb Jahren immer noch nicht ausgebessert war, wurde gesagt: „Auf den Mond können sie fliegen, aber die Straße ausbessern können sie nicht!“ Oder man hörte: „Auf den Mond können sie fliegen, aber mal dafür sorgen, daß die Papierkörbe im Stadtpark geleert werden, das können sie nicht!“ Dabei blieb unberücksichtigt, daß diejenigen, die die Mondlandung zuwegebrachten, keineswegs für das Ausbessern von Schlaglöchern zuständig waren, beziehungsweise daß die, die sich als unfähig erwiesen hatten, die Papierkörbe im Stadtpark zu leeren, wohl auch das Apollo-Projekt zum Scheitern gebracht hätten. Man dachte damals eben, daß das Leeren von Papierkörben ein Menschheitsprojekt ist. Manch einer hatte sich von der Mondlandung versprochen, daß dadurch die Straßen besser werden, und sah sich anschließend enttäuscht. So können Illusionen zerplatzen!
Wie komme ich eigentlich darauf? Ich wollte doch etwas ganz anderes erzählen. Seit Urzeiten denken die Philosophen darüber nach, was zuerst da war: Der Dosenöffner oder die Konservendose. Wir wissen nicht zuverlässig, ob die Menschheit erst vor Regalen voller Konservendosen stand und sich fragte: „Wie kriegen wir die Dinger bloß auf?“, oder ob der Mensch mit dem Dosenöffner in der Hand dastand und rief: „Auf den Mond können sie fliegen, aber die Konservendose erfinden, das können sie nicht“. Egal! Ob der Mensch zuerst mit der Dose oder mit dem Öffner allein war: erst die Erfindung des Anderen machte das Eine zum Segen.
Die Erfindung der Schrift nutzte dem Menschen nicht viel. Kaum hatte er begonnen, etwas aufzuschreiben, war das Blatt auch schon zu Ende. Das war die Epoche der kurzen Mitteilungen, etwa: „Der Kaffee schmeckt köstl“ oder „Was du heute kannst bes“ oder „Verboten W“. Erst mit der Erfindung des Zeilenumbruchs begann die Epoche, in der die Gedanken zu Ende geführt werden konnten, und die Menschheit erfuhr endlich, daß der Kaffee köstlich schmeckt, daß es verboten ist, Walküren zu kneifen und daß das, was du heute besorgen kannst, getrost auf morgen verschoben werden darf. Es war ein simpler Trick, aber die Idee, bei Erreichen des rechten Randes auf der Seite einfach eine Zeile darunter am linken Rand weiterzuschreiben, mußte natürlich gegen massiven Widerstand durchgesetzt werden. Es hieß: „Wenn man immer wieder links anfängt, wo kommen wir da hin!“
Die Erfindung des Zeilenumbruchs sollte nicht geringer geachtet werden als die Erfindung der Schrift selbst. Damit sind aber nicht alle Schwierigkeiten beim Schreiben bewältigt.
Das Schreiben bleibt, auch mit Zeilenumbruch, ein linearer Akt. Man schreibt auf einer gedanklichen Geraden. Dabei macht es große Schwierigkeiten, daß das Tempo des Denkens und das Tempo des Schreibens verschieden sind. Gemessen am Schreiben geht das Denken viel zu schnell, und gemessen am Denken geht das Schreiben viel zu langsam. Vor allem aber haben Denken und Schreiben verschiedene Dimensionalität. Das Denken ist keineswegs linear. Aber ist ein Gedanke, der sich nicht niederschreiben läßt, überhaupt ein richtiger Gedanke?
Das sind die Umstände, die das Schreiben so schwierig machen. Mir zum Beispiel fällt das Schreiben schwer. Ich bin mir allerdings sicher, daß jemand, dem das Schreiben leichtfällt, niemals als Schriftsteller etwas taugt.
Einer hat die Schwierigkeiten mit der Verschiedendimensionalität von Schreiben und Denken auf eigenwillige Weise überwunden: Arno Schmidt mit „Zettels Traum“. Mit seiner nichtlinearen Schreibweise hat er allerdings die Last, die er sich als Schreiber ersparte, dem Leser aufgeladen.
Dieser Text ist eine große Glosse für mich, aber nur eine kleine für die Menschheit.

DER METZGER wird 100: Lopezzo und Schnack

Die Ausgabe Nr. 100 des satirischen Magazins DER METZGER (Mai 2012) enthält den Beitrag „‚Über sowas könnte ich mich kaputtlachen.‘ 33 1/3 Fragen an den METZGER-Herausgeber Helmut Loeven, ersonnen von A.S.H. Pelikan und Heinrich Hafenstaedter“. Aus dem stundenlangen Gespräch hier ein Auszug:

H.L. (links) und Pelikan. Foto: Hafenstaedter

H.L. (links) und Pelikan. Foto: Hafenstaedter

Pelikan: Wie ist denn der Inhalt dieser Zeitschrift? Wie würdest du den METZGER beschreiben.

Das ist ein Unterhaltungsmagazin. Ich möchte tatsächlich den Leuten etwas bieten, worüber sie sich freuen können, dann können sie am Wochenende, am Samstag Nachmittag bei einer Tasse Kaffee in einem bequemen Sessel sitzen und sich an der Lektüre erfreuen.
Man hat Bertolt Brecht mal gefragt: Was ist die Aufgabe des Theaters. Brecht sagte: Die Aufgabe des Theaters ist, das Publikum zu unterhalten.
Diese Zeitschrift ist – kann man wohl sagen – ein Zeugnis der hedonistischen Linken – erinnernd an das Motto von Majakowski: „Her mit dem richtigen Leben“!
Wer bei dieser Zeitschrift Einflüsse erkennt von der Kritischen Theorie, von Surrealismus, von Dada, oder von den Internationalen Situationisten, der wäre auf der richtigen Spur. Eine Linie gibt es bestimmt, bloß die ist nicht unbedingt gerade. Eine Linie kann ja auch kurvig sein. Das ist eher so wie in einem Dschungel, wo man immer wieder neue Pfade freilegt.
Der ideelle Gesamt-Metzgerleser, dessen Existenzform ist die Minderheit, oder sogar die Minderheit in der Minderheit.
DER METZGER ist zu Papier gebrachtes Kabarett. Dessen Ausdrucksformen sind ja auch vielfältig, was ja das Reizvolle am Kabarett ist.
Ein Charakteristikum dieser Zeitschrift ist die Universalität. Es geht ums Ganze. Es gibt kein Thema, kein Gebiet, was von vornherein ausgeschlossen ist. Es könnte auch ein Artikel über Geologie und Gesteinsformationen oder über Astrophysik drin erscheinen. Kein Thema ist von vornherein ausgeschlossen. Da ist Platz für Theorie und Poesie, für Wissenschaft und Nonsens. Weiterlesen